Part 8
In diesen Wochen, Mitte Juni, machte es mir immer wieder einen starken Eindruck, wie jeweils eine Insektenart in großer Individuenzahl einige Tage stark vorherrschte, um dann nach wenig Tagen fast ganz zu verschwinden. Libellen, Ameisenlöwen, Käfer, einige Fliegenarten und vor allem Tagschmetterlinge sind solche Eintagstiere. Ihr Leben, ohnehin kurz angesetzt, wird in der Tropenglut mazedonischer Sommertage rasch aufgezehrt. Indem in einem Jahre die meisten Individuen in denselben Tagen zur Eiablage schritten, gelangen ihre Nachkommen zur gleichen Zeit zum Ausschlüpfen, so daß dies periodische Erscheinen besonders auffällig wird.
Eine besondere Freude machte meinem Insektensammler _Rangnow_ der Fang einer ganzen Anzahl von _Sesien_, jenen eigenartigen Schmetterlingen mit glasartig durchsichtigen Flügeln, die wir auf den Doldenpflanzen fanden; hier gab es auch eine Form mit undurchsichtigen Flügeln (+Microsphecia myrmosaeformis+ H. S.). Libellen, zahlreiche solitäre Bienen, Blatt- und Schlupfwespen und Fliegenarten brachten reiche Ausbeute. Auch Käfer, besonders Vertreter der prachtvoll metallisch glänzenden Rosenkäfer (+Cetonia aeruginosa+ Drury), die brummend durch die Luft flogen, vermehrten die Ausbeute.
Einen besonders interessanten Beitrag zum Problem der Eintagsinsekten brachten hier die _Ameisenlöwen_. Mit ihnen werden wir uns in einem besonderen Kapitel beschäftigen. Hier sei nur hervorgehoben, daß wir diesmal vom Nikolatal vier Arten dieser eigenartigen Tiere mitbrachten. Wie Zwischenformen zwischen Libellen und Schmetterlingen erscheinen sie mit ihren genetzten aber doch buntgefärbten Flügeln, wenn sie langsamen Fluges über die Blumen gaukeln. In großen Mengen trat die Form mit den bandförmigen Hinterflügeln auf (+Nemoptera sinuata+ Oliv.), welche auf der _Plaguša Planina_ vor einigen Tagen aufgetreten war, in wenigen Exemplaren dagegen, zum Teil ganz frisch ausgeschlüpft, flatterten langsamen Fluges die auffallend großen _Planares_ mit ihren braungefleckten Flügeln umher, nicht häufig waren Vertreter einer dritten Form echter Ameisenlöwen, während ein _Ascalaphus_, ein schön schwarz-gelb geflecktes Tier, häufiger vorkam.
Sehr auffallende _Schildwanzen_ fanden sich auf den Doldenblüten; es waren lebhaft rot und schwarz gebänderte Tiere der Arten +Graphosoma semipunctatum+ F. und +italicum+ Müll. Vor allem fiel aber die größte Landwanze Europas +Mustha spinulosa+ auf, die in Scharen an den Baumstämmen herumlief. Es ist ein vorderasiatisches Tier, das im Balkan, vor allem in dessen Osten vorkommt.
Rot und schwarz gezeichnet waren auch _Langwanzen_ der Arten +Spilostethus saxatilis+ Scop., +pandurus+ Scop. und +equestris+ L., welche auch in großer Anzahl auf dem Schwalbenwurz sich aufhielten. Auf den _Salbei_arten der Felshalden fand sich +Calocoris cinctipes+ Costa, ein typisch mediterranes Tier. Auf verschiedenen Pflanzen jagden auf Blattläuse schwarz- und rotgewürfelte Krautwanzen +Doraeocoris+ Schach., eine Art von ähnlicher Verbreitung wie die vorige.
Ein Tier, dessen Stich sehr unangenehm war, fand sich wie bei Kaluckova und in der Plaguša Planina auch hier im Nikolatal, die große, bunte Raubwanze +Rhinocoris iracunda+ Poda; sie schwärmte an Büschen und blühenden Pflanzen im Sonnenschein umher und verführte gelegentlich zum Fang mit der Hand, was sich empfindlich bestrafte.
Auch sogenannte _Leuchtzikaden_ gab es im Nikolatal, jene Tiere mit fast schnabelförmig verlängertem Vorderkopf, bei denen man früher in diesem ein Leuchtorgan suchte, welches aber nie nachgewiesen wurde, da es gar nicht existiert. Trotzdem haben die Tiere den Namen Leuchtzirpen behalten. Sie sind deswegen nicht weniger interessant mit ihrer Wachsproduktion am Hinterende, welche bei manchen exotischen Arten ganz enorm ist. Im Nikolatal kamen zwei flink springende Arten mit grün geäderten Flügeln vor (+Dictyophora europaea+ L.), der europäische Laternenträger und +Chanithus longirostris+ Walck.
Unter diesen Fängen und Beobachtungen waren wir am Kamm angelangt, wo ein frischer Wind blies und wir mit Behagen uns unter einem Baum niederließen, um den Ausblick zu genießen, der vor allem nach Norden sich reizvoll vor uns öffnete. Wir blickten in die Felsenberge gegen _Demir Kapu_; dicht vor uns öffnete sich ein weites zirkusähnliches Tal, am jenseitigen Rand von einem weißen, rosa angehauchten Kalkgrat abgeschlossen. Die _Wardarschlucht_, nach Norden sich verengend, lag tief unter uns. Nach Süden konnten wir den Fluß in vielen Windungen durch das felsige Land verfolgen, das dürr und kahl aussah, bis auf die Talmulde bei _Gradeč_, von wo das angebaute und Gartenland grün herüberschimmerte.
Nach kurzer Rast stiegen wir diesmal vorsichtiger auf wohlüberlegten Pfaden rasch zur Talsohle ab. Dann wurde gegessen, die Zelte abgebaut, der Wagen beladen und bespannt, worauf die Heimreise nach Kaluckova angetreten wurde. Im Nikolatal war die Umgebung des Baches, im Tal des Wardars, dessen Ufer umflogen von vielen Hunderten von _Libellen_, welche in diesen Tagen wesentlich zum Charakter der Landschaft beitrugen.
Am Abend, beim Übergang über den Wardar bei Hudova, spiegelte der Fluß einen unvergeßlich schönen Sonnenuntergang wieder, in welchem die Felsenberge der Schlucht wie flüssiges Metall glühten, das sich über den Spiegel des Wassers zu ergießen schien, blaue und grüne Schatten in den Wogen erzeugend.
Am 31. Juli erfolgte ein weiterer Besuch des Nikolatales. Wie im Wardartal, so trat uns auch in den engen Tälchen die Macht der verdorrenden Sommersonne Mazedoniens augenfällig entgegen. Sie hatte uns schon auf dem Weg überfallen. Kaum hatten wir die Wardarbrücke bei Hudova passiert, so brach unser leichter, von den Fliegern geliehener Wagen zusammen. Ein Hinterrad zerkrachte hoch oben am Steilufer des Wardar und es fehlte nicht viel, daß Wagen, Pferde und Menschen in die brausende Flut hinuntergekollert wären. Jedenfalls mußten wir den Wagen zurückschicken; da ich aber den Plan nicht aufgeben wollte, so galt es auf der Landstraße zu marschieren, was bei den deutschen Soldaten in Mazedonien nicht sehr beliebt war. Mit frischem Marschgesang war die staubige Strecke bald überwunden.
Zu meinem Erstaunen fand ich aber den Bach des Nikolatales in seinem Unterlauf schon vollkommen ausgetrocknet. An den Hängen des Tales war es fast schon so verdorrt und verstaubt, wie draußen bei Hudova. Alle die blühenden Frühlings- und Frühsommerpflanzen waren verschwunden. Kaum einige verdorrte Stengel zeugten noch von der Lilienpracht; nichts mehr war von Orchideen, von Salbei oder Fingerhut zu sehen. Die Bäume waren verstaubt und von den an ihnen kletternden Weinreben hingen schwere Trauben herab. Hie und da ragte eine schon oben früchtetragende, am unteren Teil des Stieles noch kümmerlich blühende Königskerze, eine mit dicken Schöpfen beladene Distel, empor.
Im trockenen Teil des Baches waren die Steine mit einer kalkigen, aus dem verdunsteten Wasser ausgesickerten Masse überzogen. Die _Krebse_ und die _Barben_ befanden sich an feuchten Stellen oder unter dem Boden im Sommerschlaf. Hie und da lag auch von beiden Formen ein totes, vertrocknetes Exemplar, da wo es das zurückweichende oder verdunstende Wasser zurückgelassen hatte. Nur die Büsche und Bäume zeigten noch Grün, ebenso der weite Flächen bedeckende Adlerfarn, der jetzt mit seinem dunkelen Grün vielmehr auffiel, als zwischen der Üppigkeit des Juni. Das Insektenleben war viel geringer geworden, die Vögel still. An ihrer Stelle hatte das Konzert der Heuschrecken zugenommen. Von glühend von der Sonne bestrahlten Büschen erscholl der schrille Gesang von Zikaden (+Cicada plebeja+ Scop., +Tettigia orni+ L. u. A.).
Die Vögel waren viel stiller als im Frühling und Frühsommer und nur in den Morgen- und Abendstunden lebhafter. Amseln, Ammern, Finken und Nußhäher wurden beobachtet.
Von Schmetterlingen flogen noch reichlich Segelfalter in zweiter Generation, viele Bläulinge und Weißlinge. Sonst waren Insekten im allgemeinen spärlicher. In größeren Mengen waren sie noch am Bach versammelt. Im Schatten der Bäume und vor allem im dichten Gebüsch, wo noch Minze und Doldenpflanzen blühten, da hatten Schmetterlinge, viele Dipteren, besonders Syrphiden, Stratiomyiden, Anthomyiden Schatten und Kühle, aber auch die wenigen noch blühenden Pflanzen aufgesucht. Auch Bienen, solitäre Formen in zweiter Generation, Hummeln, von Wespen verschiedene Arten, darunter die großen Scoliaarten, waren noch da. Vor allem war aber hier der Tummelplatz vieler Libellen in einer ganzen Anzahl von Arten. Die Wasserrhynchoten, Wasserwanzen und Wasserläufer waren jetzt alle geflügelt und bei der Fortpflanzung.
Besonders auffällig waren jetzt die _Reptilien_ von denen +Lacerta muralis+ Laur. und +viridis+ Laur. viel beobachtet, +Coluber leopardinus+ Bon., die _Leopardnatter_ und +Tropidonotus tesselatus+ Laur., die _Würfelnatter_ in mehreren Exemplaren gefangen wurden. Auch Schildkröten, die zwei verschiedenen Arten von Landschildkröten, begegneten uns.
Von späteren Besuchen der Gegend sei einer im Herbst erwähnt, Anfang Oktober, zu einer Zeit, in welcher der ganze Boden von duftenden +Cyclamen+ (Alpenveilchen) (+C. neapolitanum+ Ten.) bedeckt war. Noch schöner und auffälliger waren die großen Flächen, welche dicht mit den leuchtend bläulichrosa gefärbten Sträußen der mazedonischen Herbstzeitlose (+Colchicum byzantinum+ Ker. Gawl.) überzogen waren. Viele Kräuter und Sträucher, selbst die großen Disteln, hatten unter dem Einfluß der ersten Herbstregen neue Triebe gebildet und bereiteten einen kurzen Ersatzfrühling nach der Dürre des Sommers vor. Zu dieser Zeit ist im Wardartal das Phänomen des Herbstzuges der nördlichen Vögel oft prachtvoll zu beobachten.
Der schöne Spätherbst mit reichlichen Regengüssen kann bis in den Dezember hinein dauern, ehe der mazedonische Winter mit Eis und Schnee einzieht. Zu dieser Zeit kam ich nur am Ausgang des Nikolatales vorbei. Die Hänge lagen voll Schnee, der Bach hatte eine leichte Eisdecke. Mit einem alten Kolkraben balgte sich eine Schar Dohlen, Elstern und Krähen um das Aas eines gefallenen Tieres und bildeten so eine malerische Silhouette auf dem weißen Hintergrund der Straße zum unvergeßlichen Nikolatal.
SIEBENTES KAPITEL
FAHRT INS GEBIET DER MALA RUPA.
Von meinem Standquartier _Kaluckova_ aus hatte ich oft meine Blicke sehnsüchtig nach den blauen Bergen schweifen lassen, die westlich über dem Wardar in weiter Ferne zart und duftig aufragten. Vor allem im Monat Mai boten ihre schneebedeckten Gipfel einen eigenartigen Kontrast zur farbigen Üppigkeit des Vordergrundes dar. Grün leuchtete die Wardarebene vor den Hügeln, die Kaluckova umgaben, die Bäume blühten, bunte Blumen bedeckten die Wiesen. Jenseits des Wardar erhoben sich bebuschte Hügel, die allmählich in höhere bewaldete Berge übergingen, welche von der Bevölkerung als _Marianska Planina_ bezeichnet wurden. Mehrere Ketten zogen hintereinander, immer höher aufsteigend und entwickelten vor allem in der Zeit des Sonnenuntergangs alle Abstufungen blauer und violetter Töne. Hinter ihnen erhoben sich in phantastischer Klarheit die höchsten, schön geformten Pyramiden der Schneeberge mit ihren weißen Flanken und dem strahlenden Blau der Schatten ihrer Schluchten.
Der Schnee war schon bis auf kleine Reste weggeschmolzen, als es endlich gelang, die Fahrt ins Gebirge zu unternehmen. Auf der Karte war der Gebirgsstock als _Dudica_ bezeichnet und von unseren Truppen wurde besonders die Berggruppe der _Mala Rupa_ oft genannt, auf der sich Stellungen befanden. Allerhand merkwürdiges wurde von diesen Bergen berichtet und so waren meine Erwartungen aufs höchste gespannt.
Bei den bescheidenen Hilfsmitteln, welche mir damals in den ersten Monaten meines mazedonischen Aufenthaltes zur Verfügung standen, konnte keine größere Expedition geplant werden. Ich mußte sehen, wie ich mit meinen beiden Begleitern, Prof. _Müller_ und Sammler _Rangnow_ irgendwie an die Berge herankam. Das Weitere würde sich dann schon finden.
Da bot die Freundschaft des Fliegerhauptmanns _Arndt_ eine besonders günstige Möglichkeit. Er stellte mir für einige Tage seinen Kraftwagen mit den Fahrern zur Verfügung und so konnte ich mir vornehmen, in einem halben Tag nach dem Dorf _Koinsko_ zu gelangen, welches am Fuße der _Mala Rupa_ liegt. Dort hielt sich in militärischer Dienststellung um jene Zeit Prof. _Leonhard Schultze-Jena_ auf, der bekannte Geograph, der mir bei meinen Plänen behilflich sein wollte.
Manches kam anders als ich gedacht hatte. Um ½ 4 Uhr nachmittags, am 17. Juli 1917, fuhren wir nach manchen Verzögerungen im Auto in flottem Tempo von Kaluckova ab. Wir bogen südwärts ins Wardartal ein; kaum hatten wir einige Kilometer zurückgelegt, als mit lautem Knall ein Reif platzte; die erste Panne! Nach kurzem Aufenthalt ging die Fahrt weiter. Die zweite Panne kam im Wardartal bei _Smokwiza_, die dritte und ernsthafteste im _Mühlbachtal_ bei _Negorci_.
Immerhin gingen die Aufenthalte nicht ungenützt vorbei. Wir fuhren zuerst durch die Hudovaebene auf dem linken Wardarufer, kamen dicht bei dem Lazarett Mravinca vorbei und überschritten auf der Kaiser Wilhelmsbrücke bei Miletkovo den Wardar. Dann ging es in gutem Tempo am rechten Wardarufer über Smokwiza bis Negorci, wo wir das Tal verließen und westwärts einbogen, dem Gebirge entgegen. Wie hatte sich in den letzten Wochen das Wardartal verändert! Vom Frühlingsgrün war nichts mehr zu entdecken. Alles war verbrannt und verdorrt von der Sonnenglut. Wo vor wenigen Wochen zwischen den Stecheichen- und Judendornsträuchern die bunte Pracht der Blüten prangte, da gab es jetzt nur feinen gelben oder grauen Staub. Kaum fand sich hie und da noch eine Spur von verdorrtem Gras. Am traurigsten sah es natürlich in der unmittelbaren Nachbarschaft der belebten Landstraße aus, auf der hier zur Front nachts und frühmorgens viele Kolonnen verkehrten, wo Truppen marschierten und der Nachschub vorgebracht wurde. Denn in diesem Teil des Wardartales bis südlich zur Front bei Gewgeli verkehrte die Bahn nicht, da die ganze Strecke unter dem Feuer der weittragenden Geschütze des Feindes stand. So fuhr nur ein Schienenautomobil nachts südwärts, um wichtige Transporte zu vermitteln. Längs der Straße war alles, Steine, Felsen, Büsche, Häuser, alles, alles von feinem Staub eingepudert und keine andere Farbe als fahles Grau war zu sehen, noch dazu verschleiert durch die Staubwolken, die jeder Mensch, jedes Fahrzeug, jedes Tier, das sich auf der Straße bewegte, aufwirbelte.
Daß die Straße vom Feinde eingesehen wurde und beschossen werden konnte, machte unsere Autopannen nicht allzu behaglich. Immerhin kamen wir gut durch und benutzten den unfreiwilligen Aufenthalt uns jeweils in der Gegend umzusehen. Von der Staubwüste längs der Straße stach die Umgebung der Dörfer freundlich ab, besonders da, wo durch Schöpfräder Wasser aus dem Wardar zugeleitet oder den vom Gebirge dem Fluß zustrebenden Bächen zur Bewässerung der Gärten und Felder entnommen wurde. Obstbäume beschatteten die Häuser; in den Gärten grünte das Gemüse, Tomaten prangten und wetteiferten mit den an den Fenstern hängenden Bündeln von Paprikaschoten in grellstem Rot, Maisfelder waren in voller Üppigkeit, während die anderen Getreide alle schon geerntet waren. Weite Melonenfelder mit den grünen, gelben, roten mächtigen Früchten brachten einen ganz eigenartigen Charakter in die Landschaft. Wie seltsam mußte sich das Leben der wenigen Landeseinwohner in dieser Gegend abspielen in den halbzerstörten Dörfern. Sie hatten unter dem Donner der Geschütze gepflügt und gesät, nun kam auch in diesem Jahre die Ernte, ohne daß der Krieg aufgehört hatte.
Wir fanden trotz des Staubes, besonders am Ufer kleiner Bäche, noch reichlich tierisches Leben. Über dem Wasser schwirrten große Schwärme von Libellen, Bienen und Hummeln kamen zum Trinken und besuchten die Blüten der am Wasser noch gedeihenden Pflanzen. Eidechsen lauerten auf den Steinen auf Beute.
Besonders reich war das Tierleben am Ort unseres letzten Unglücks, das wir mit unserem Auto hatten. Als wir dicht hinter den Stellungen durch das von unseren Soldaten so benannte _Mühlbachtal_ fuhren, brach das Auto vollkommen zusammen. Es stand in der grellen Sonne auf einer Stelle der Straße, die, wie die Granattrichter in der Umgebung verrieten, nicht selten beschossen wurde. Während die Fahrer sich quälten, das Fahrzeug wieder in Gang zu bringen, flüchteten wir, die nichts dabei nützen konnten, aus der immer noch glühenden Sonne in den Schatten des einzigen Baumes der Gegend. Es war eine Weide, die von einem kleinen Weidengebüsch umgeben, am Bach sich erhob, neben einer Brücke.
Die Gegend war recht eigenartig. Das ziemlich breite Tal zog an einer Hügelkette entlang, auf welcher die Stellungen unserer Truppen und der Bulgaren eingebaut waren. Unten am Rand der Hügel, dicht am Bach waren teils in den Berg eingefügt, teils an ihm angelehnt die Quartiere der Truppen, die Ställe der Pferde, die Magazine für Proviant und Munition. Im Bach, an erweiterten Stellen, badeten deutsche Soldaten, etwas weiter oben waren Pferde in der Schwemme.
Der Abend sank herab und das Auto war noch nicht wieder heil; ja es war klar, daß es so schnell nicht zu flicken war. Wir mußten nach einer Stelle suchen, von der wir telefonisch um Hilfe rufen, und wo wir die Nacht verbringen konnten. Eine solche war bald gefunden. Nicht weit von der Brücke sahen wir Bauten, welche auf eine deutsche Abteilung schließen ließen, während sonst alles ringsumher sehr bulgarisch aussah.
An den Hängen der Hügelreihe waren tatsächlich die rückwärtigen Stellungen unserer Front eingebaut. Zwischen den Bauten sah man überall Stollen und Unterstände, ein Zeichen, daß man hier vor Beschießung nicht vollkommen sicher war. Alle größeren Bauten waren sehr geschickt dem Gelände eingeschmiegt. So sah man ganz oben am Berg, an dessen Rückwand ein villenähnliches Holzhaus, wie wir später erfuhren, die Wohnung des bulgarischen Artilleriekommandeurs.
Wir suchten die deutsche Stellung auf; es war eine Abteilung schwerer Artillerie, deren Offiziere uns sehr freundlich aufnahmen, bewirteten und beherbergten. Unter anregenden Gesprächen verlief der Abend, nachdem telefonisch mir die Nachsendung eines zweiten Autos zugesichert worden war. Es traf noch nachts ein; aber wir mußten den Morgen abwarten, um die Fahrt auf der sehr kühn angelegten, nicht auf Kraftwagenverkehr berechneten Bergstraße riskieren zu können.
Frühmorgens ging es los. Es war die Straße nach _Huma_, die wir zunächst verfolgten. Sie führte zuerst noch durch das Bachtal, dessen felsiger Südhang weithin noch von den Quartieren bulgarischer Truppen eingenommen war. Es ist eine eigenartige Erinnerung, die ich an diese Fahrt dicht hinter der Front mitgenommen habe. Wie war die ganze Landschaft verändert durch die Bauten des Heeres. Seit 16 Monaten war in jener Zeit die Front in dieser Gegend nicht verschoben worden. So blieb es auch noch ein ganzes Jahr. Wie wurde in dieser Zeit die ganze Erde der Hügel von unseren Truppen durchwühlt; ich wurde unwillkürlich zu einem Vergleich mit den unterirdischen Nestern der Ameisen gedrängt, welche in Massen die gleichen Hänge besiedelten. Überall hatten die Soldaten Felder bestellt, Gärten mit Blumen und Gemüsen bepflanzt, Bewässerungsgräben gezogen. Welche Massen von Brettern und Balken waren in das holzarme Land gebracht worden, um all die Bauten aufzuführen. Es war, als sei ein Volk von lauter Männern im Lande eingewandert, das hier für alle Zeiten zu bleiben glaubte.
Der Weg, eine schmale Straße, auf der das Ausweichen nicht leicht war, führte den klaren Bach entlang, dessen Wasser über Felsen brauste, bald größere, bald kleinere Tümpel bildend, die in ihrem hellen Grün seltsam vom gelbroten Felsen abstachen. Durch tiefe Schluchten mit steilen Felswänden strömten Seitenbäche dem Humabach zu. Das waren wieder die typischen Balkanschluchten, mit ihren malerischen Wirkungen von Licht und Schatten, mit der jetzt im Hochsommer noch üppigen Pflanzenwelt in ihren schattigen Gründen.
Die Straße fing an in Riesenwindungen die Berge hinanzuklimmen, um scharfe Kurven fauchte das Auto bergauf. Von der Straße, die allmählich von dem Wardartal mit weniger als 100 m Meereshöhe auf über 800 m hinanstieg, eröffneten sich reizvolle Blicke auf ein welliges Bergland und tief eingeschnittene Täler, die alle noch von einer schön grünen Vegetation überzogen waren. Von der Paßhöhe sausten wir auf einer nicht minder halsbrecherischen Straße neben tiefen Abgründen durch oft ganz knappe Kurven wieder bergab. Der Blick nach Südwesten, das war die Hauptrichtung unserer Fahrt, nachdem wir die Hauptstraße nach _Huma_ verlassen und die Nebenstraße nach _Koinsko_ eingeschlagen hatten, wurde immer reizvoller.
Nun tauchten die hellen Felszacken der Mala Rupagruppe auf; die bläulich-weißen Felsmassen hoben sich prachtvoll von den dunklen Flächen der Wälder ab, die wir da oben ahnen durften. Eine gedrängte Gruppe von hohen Gipfeln, die 2000 bis 2400 m erreichen, baute sich immer mächtiger vor uns auf. Es waren große, scharfe Bergformen von schönen Umrissen, die im Charakter an Voralpen, zum Teil in den Felsenbildungen an Jura erinnerten. Der feine blaue Duft, der die Berge einhüllte, gab einen wirkungsvollen Gegensatz zu dem grünen Vordergrund, durch den unser Wagen sich bewegte.
Je näher wir kamen, umso höher schienen die Berge zu werden, umso deutlicher wurden die hellen Felsen, die sie aufbauten. Man erkannte pyramidenförmige Bergspitzen, die sich immer klarer von ihren Nachbarn abhoben, sah schimmernde Felsenbänder von großer wagerechter Ausdehnung, Felsenabstürze und Klüfte. All das war schön gegliedert durch dunklere Flächen, die sich später in den oberen Zonen als grasbedeckte Matten, in der Mitte als hochstämmige Laubwälder herausstellten.
Wir blieben dauernd in einer beträchtlichen Höhenlage zwischen 600 und 800 m, _Koinsko_, unser Ziel liegt etwa 600 m hoch. So sahen wir auf unserem Weg die Charakterpflanzen der Ebene mehr und mehr verschwinden. Judendorn (+Paliurus+) und Stacheleiche wurden immer spärlicher, an ihre Stelle traten Wachholder, Hainbuchen und weichblätterige Eichen. Hier zeigten sich Spuren eines reichen Insektenlebens. Große Bockkäfer (+Cerambyx scopolii+ Füssl.) flogen durch die Luft, die von dem Getöse der Zikaden und Heuschrecken erfüllt war.
Wir näherten uns _Koinsko_, das reizvoll in einem Talkessel liegt, dessen baumreiche Fluren von einem starken Bach durchflossen sind. Einen wunderbaren Rahmen um das Tal bilden die hohen Berge, die es auf drei Seiten umschließen. Nun mehrten sich Getreidefelder und Gärten mit Obstbäumen. Die Ernte war hier, in 600 m Meereshöhe noch in vollem Gange, die Haferfelder standen noch halbgrün. Das Städtchen war in Grün gebettet, von dem sich die dunklen Dächer malerisch abhoben.
Es war nicht leicht mit dem großen Personenwagen in die engen Straßen des Ortes einzufahren. Der Eindruck des Städtchens war höchst reizvoll. Die Häuser sind aus Steinen gebaut mit viel Holzwerk, die Dächer mit Schindeln gedeckt, Veranden und andere Vorbauten aus Balken und Brettern, vom Alter gebeugt, gaben eigenartige farbige Bilder. So wanden wir uns durch enge Gassen und Durchschlüpfe, die überall von Reben umrankt und überdacht waren. Reben gab es überall. Sie zogen sich laubenähnlich an Querbalken rankend über Höfe und Gassen und überzogen die Wände der Häuser. Während wir durch die Höfe wanderten, hingen schwere Trauben, allerdings noch nicht reif, überall über unseren Köpfen herunter. So hat der Ort einen ganz eigenartigen Reiz, erinnert etwa an oberitalienische Dörfer.