Part 10
Die Nacht fand uns mit den Soldaten in der Hütte versammelt. Es war nicht leicht mit den 11 Schlafgenossen in dem engen Raum, auf harten Brettern, den Rucksack unter dem Kopf Schlaf zu finden, der noch dazu durch das Schnarchen mancher Kameraden erheblich gestört wurde.
Immerhin erfrischt erhoben wir uns mit der Sonne, um die wenigen Stunden, die uns in der Berghöhe vergönnt blieben, nach Kräften auszunützen. Als wir auf die Wiesen hinaustraten, waren alle Pflanzen vom Tau stark benetzt. Wir eilten noch einmal zur Apolloschlucht, um die Sammlungen dort zu ergänzen. Wir fanden dort noch nicht gesammelte Insekten, darunter schwarze Käfer aus der Verwandtschaft von +Leptura+.
Unsere Arbeit wurde etwas dadurch gestört, daß über uns ein Geschwader feindlicher Flieger erschien. Das war mir, der ich damals noch Freiburger Universitätsprofessor war, nichts Ungewohntes. Immerhin hatte ich es noch nicht allzuoft in freier Natur, fern jeder Deckung erlebt. Sechs französische Flieger erschienen über uns und wurden heftig beschossen, so daß die Sprengstücke um uns niederprasselten. Bald erschien ein einzelnes deutsches Kampfflugzeug, worauf die Feinde sich verzogen.
Wir konnten unsere Arbeit ungestört fortsetzen, bis die vorgeschrittene Zeit uns zwang, den Abstieg anzutreten. Wir durchwanderten etwa dieselbe Gegend wie am vorigen Morgen. Als wir wieder in die Tiefe kamen, machte mir die Gegend einen reizloseren, verstaubteren und verdorrteren Eindruck als sie im Halbdunkel des Frühmorgen am Tag vorher mir erschienen war. Es war schon Gluthitze der Mittagszeit eingetreten als wir unser Auto erreichten. In flotter Fahrt ging es zurück nach Koinsko, wo wir mit den Offizieren ein für uns verspätetes Mittagsmahl einnahmen. Nach herzlichem Abschied von Prof. _Schultze_-Jena traten wir die Fahrt rückwärts ins Wardartal auf demselben Weg an, den wir zur Hinfahrt benützt hatten.
Während wir wieder durch das Tiefland fuhren, ertönte hier überall aus den Büschen das berauschte Liebeslied der Zikaden lauter als je. Welch schöne, starke Eindrücke hatte der kurze Aufenthalt im Gebirge mir gebracht. Die Kontraste zwischen Ebene und Bergeshöhe, mir aus der Heimat, vor allem den bayerischen Alpen, so wohl vertraut, waren mir hier noch ausgesprochener entgegengetreten. Hier im Gebirge entsprach die Natur vollkommen in Pflanzen- und Tierwelt derjenigen im Flachland des gemäßigten Mitteleuropa. Auf der Breite des südlichsten Italien genügte Gebirgshöhe von 1000-2000 Metern, um die Natur der Heimat herbeizuzaubern. Ja, das Klima erinnerte sogar an Vorgebirge der Heimat. So hatten wir die Tannen auf der Mala Rupa jetzt im Juli im Schmuck der hellgrünen Triebspitzen angetroffen, ein Stadium, das im Schwarzwald schon seit einigen Wochen vorbei sein mußte.
Neben den Bäumen, also Weißtanne, Buche, Birke und den Blüten der Mattenregion hatte vor allem die Vogelwelt beigetragen, den heimatlichen Eindruck zu verstärken. Buchfink, Kleiber, Sumpfmeise schienen sich kaum von den heimischen Formen zu unterscheiden. Amsel und Drossel sangen die altbekannten Lieder, Pirol und Häher belebten die Baumkronen des schattigen Buchenwaldes, in dem wir die Erdbeeren gepflückt hatten. Von dem Vorkommen von Hirsch und Reh hatten wir gesicherte Nachricht bekommen, vom Hirsch sogar eine Haut erworben. Von Schlangen hatten wir _Äskulapschlange_ und _glatte Natter_ beobachtet, von Eidechsen allerdings die südlichen Arten +Lacerta viridis+ und +muralis+, von Fröschen die uns so vertraute +Rana ridibunda+ und dazu +R. agilis+. Die zahlreichen Adler und Geier, die Falken und Bussarde, Kolkraben und Felsenhühner, die wir auftrieben, paßten besser in das Land, in dem wir nun lebten.
Zufrieden, in der kurzen Zeit so viel Interessantes erlebt und beobachtet zu haben, kehrte ich in mein Standquartier Kaluckova zurück mit dem festen Vorsatz, die mazedonischen Gebirge öfter zu besuchen und zu durchforschen. Daß dieser Vorsatz Erfüllung fand, werden weitere Kapitel dieses Buches zeigen.
ACHTES KAPITEL
REGENWÜRMER UND ACKERERDE IN MAZEDONIEN
Regenwürmer sind Tiere, welche keine großen Wanderungen ausführen können; auch ihre Eier und Entwicklungsstadien sind nicht zu weiter Verbreitung geeignet. So werden sie auch niemals weithin durch andere Tiere verschleppt, was bei manchen Tierarten eine wichtige Form passiver Wanderungen darstellt. Erst im Zeitalter des Welthandels wurden sie mit Pflanzen auf dem Weg über Baumpflanzungen, Ackerbetrieb, Gärtnereien in einer unnatürlichen Weise verbreitet, indem sie mit den heimatlichen Pflanzen in fremde Gegenden verpflanzt, sich dort weiterentwickelten und einbürgerten. Auf diese Weise wurden wohl schon seit den Zeiten des römischen Weltreiches Regenwürmer weithin verschleppt. _Michaelsen_, wohl der beste Kenner dieser Tiergruppe und ihrer Verbreitung, ist sogar der Meinung, daß die Verschleppung schon in prähistorischer Zeit begann.
In weniger kultivierten Ländern müssen aber Regenwürmer einen sehr seßhaften Bestandteil der Fauna darstellen. Aus ihrem Vorkommen kann man vielfach wichtige tiergeographische Schlüsse ziehen. So hatte ich mir denn bei der Ausreise nach Mazedonien gleich vorgenommen, dort aufmerksam auf die vorkommenden Regenwurmarten zu achten.
Sogleich bei Beginn meiner Forschungen suchte ich nach Regenwürmern, zunächst in der Nachbarschaft von _Kaluckova_, dann im _Wardartal_, später auf allen Reisen in den Gebirgen, den fruchtbaren Tälern und Ebenen, kurz überall, wohin ich kam. Bald merkte ich, daß jedenfalls im Sommer Regenwürmer in Mazedonien etwas außerordentlich seltenes sein mußten.
Es dauerte längere Zeit, bis ich die ersten Vertreter dieser bei uns in Deutschland so häufigen Tiere fand. Das lag zunächst sicher an den besonderen Verhältnissen des südlichen Wardartales, in dem ich damals mein Standquartier hatte. Dort in den felsigen Hügeln war es wohl von vornherein vergebliche Mühe nach Regenwürmern zu suchen. Dazu war der Boden, soweit er nicht aus Felsen und grobem Gerölle bestand, im Sommer zu hart und ausgetrocknet, als daß diese Feuchtigkeit liebenden Tiere hier hätten existieren können. Manche Grabungen, die ich zu verschiedenen Zwecken, z. B. bei der Untersuchung von Ameisenbauten in den Hügeln durchführen ließ, zeigten mir, wie hart und trocken der Boden bis tief hinab war. Nur an wenigen Stellen konnte man 1-1½ m in die Tiefe graben, ohne auf gewachsenen Felsen zu stoßen. Meist lag dieser schon unter einer Erdkrume von wenig Zentimetern Dicke. Auch in den Gärten und in den Maulbeerpflanzungen nahe bei Kaluckova wurden mehrfach tiefe Löcher gegraben, ohne daß ich jemals auf einen Regenwurm stieß. Nur in unmittelbarer Nachbarschaft von Wasser gelang es hie und da solche aufzufinden, so an den Nebenflüssen des _Wardar_, in den Schluchten der _Plaguša Planina_ und vor allem hoch oben in den Bergen.
Eines Tages, im August 1917, entdeckte ich Regenwürmer in großer Zahl unter dem Wasserfaß des Lazaretts, also dicht bei meinem Quartier. In der durchnäßten Erde hatten sich hier die Tiere massenhaft angesammelt. Der Fund war aber nicht allzu interessant, da die Art sich als die kosmopolitische Form +Helodrilus (Allobophora) caliginosus+ Sav. herausstellte, welche in ganz Europa sehr gemein ist, aber auch in Asien, Afrika, Nord- und Südamerika, Australien, also in der ganzen Welt verbreitet ist. Es handelt sich offenbar um eine europäische Form, die allmählich durch den Menschen in die anderen Erdteile verschleppt wurde. Die gleiche Art fand ich dann noch öfter, aber immer an feuchten Stellen, so bei _Dedeli_ und in den Rasenpolstern der Schluchten bei _Kaluckova_. Merkwürdiger als diese Funde war das Vorkommen in dem Wasser eines Quellbaches an der _Kobeliza_ im Schardakh in der Höhe von etwa 2000 m. Dieses Vorkommen könnte darauf hindeuten, daß die Art doch seit jeher in Mazedonien einheimisch ist. Eine Verschleppung in die Bergeinsamkeit ist kaum anzunehmen.
Andere, wahrscheinlich verschleppte Formen, welche ich in Mazedonien fand, waren die amphibische +Eiseniella tetraedra+ (+typica+) Sav., welche in der Schlucht bei _Plauš_ in der _Plaguša Planina_, in der _Topolkaschlucht_ unter Steinen, bei _Rabrovo_ und schließlich im _Nikolatal_ in einem faulenden Baum am Bachufer vorkam; +Eisenia rosea+ (Sav.), am Wodno, in der Gipfelregion bei 1000 m Höhe, im Schlamm am Rand eines Gewässers, ist sogar eine der nachweislich verschleppten Arten; +Octalasium lacteum+ (Örley) von der _Plaguša Planina_ ist offenbar auch eine nicht ursprünglich einheimische Form, welche auch sonst in Mitteleuropa vorkommt, in Ungarn, Südrußland und Rumänien schon beobachtet worden ist, aber auch schon in Spanien, auf den Azoren, in Algier, Nord- und Südamerika gefunden wurde.
Eine Form, deren natürliches Verbreitungsgebiet offenbar Mazedonien umfaßt, ist wohl +Lumbricus rubellus+ Hoffmstr., die weit in Europa verbreitet ist. Sie ist neu für Mazedonien, während +Eisenia rosea+ var. +macedonica+ (Rosa), welche am _Pepelaksee_ in der _Golesniza Planina_ in 2000 m Meereshöhe gefunden wurde, wahrscheinlich eine typisch mazedonische Form ist. Zum ersten Male in Mazedonien fand ich an verschiedenen Stellen +Helodrilus (Dendrobaena) byblicus+ (Rosa), der bisher nur in Syrien und Palästina und in Kreta beobachtet worden war. Ich fand ihn in einem Schluchtbach hinter _Kaluckova_ in einem Moospolster, im Bach des _Nikolatales_ und merkwürdigerweise auch in einem Quellbach auf der _Kobeliza_ in 2000 m Meereshöhe. Schließlich entdeckte ich noch +Helodrilus caliginosus trapezoides+ (Ant. Deg.), in einem austrocknenden Tümpel bei _Strumiza_ und bei _Dedeli_; diese Form war bisher aus dem Mittelmeergebiet und Nordamerika bekannt.
Dazu enthielt meine Sammlung noch drei neue Arten. +Criodrilus macedonicus+ Ude, welche dem +Criodrilus lacuum+ nahe steht, wurde in Wiesenbächen südlich von Valandova gefunden. Dazu kommen +Helodrilus (Allobophora) dofleini+ Ude aus der Gegend von Üsküb, aus der Gipfelregion des Wodno und von einem Hügel beim Spital und +Helodrilus (Eophila) bellicosus+ Ude von einem Nebenfluß des Wardar bei Miletkovo.
Diese 12 Arten sind kein sehr beträchtliches Ergebnis in einem Land wie Mazedonien, wenn man bedenkt, daß in dem Band des Tierreiches, den _Michaelsen_ 1900 veröffentlicht, für die ganze Erde mehrere Hundert (870) Arten beschrieben sind. Immerhin sind fast alle genannten Arten neu für Mazedonien. Aus diesem Land sind überhaupt nur ganz wenig +Oligochäten+ bekannt. Auch die +Limicolen+, die wasserbewohnenden Formen, sind selten. Ich fand vielfach eine Form in den Schluchtbächen, in Bergseen, Gräben und Kanälen. Es war wohl sicher immer der kosmopolitische +Tubifex tubifex+ L.
Unter den Regenwürmern ist sicher eine ganze Anzahl typisch verschleppter Formen; dabei ist aber zu bedenken, daß Mazedonien zu jenem Gebiet endemischer Formen gehört, das sich von Portugal, Spanien und Südfrankreich, die Alpen bis Kleinasien, Persien und ostwärts bis Japan erstreckt.
Daß bisher aus Mazedonien so selten Vertreter dieser Gruppe beschrieben wurden, und daß ich so wenig Regenwürmer gerade in diesem Lande auffinden konnte, obwohl ich auf ihr Vorkommen besonders achtete, konnte kein Zufall sein. Das hing sicher mit dem heißen und trockenen Sommer und mit der Bodenbeschaffenheit zusammen.
_Darwin_ hat ein sehr interessantes Buch über die Regenwürmer verfaßt, welches den Titel führt: _Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer_. In diesem Buch schildert er die Lebensweise der Regenwürmer und die früher nicht geahnte Wirkung, welche diese Tiere auf die Gestaltung der Erdoberfläche haben. Er zeigte, wie sie den Erdboden bearbeiten, indem sie beim Bau ihrer unterirdischen Gänge Erde durch ihren Darm hindurchgehen lassen und immer wieder Massen aus tiefen Schichten in die Höhe tragen und in ihren Kothaufen an der Oberfläche ablagern. So durchwühlen sie den Boden, verlagern seine Bestandteile und lockern seine Zusammensetzung. Auch in anderer Beziehung wirken sie mechanisch auf seine Bestandteile ein, indem in ihrem Kaumagen Steinchen aneinandergerieben, geglättet und verkleinert werden.
Sogar auf die chemische Zusammensetzung des Bodens haben die Regenwürmer einen starken Einfluß, einmal indem sie Blätter und sonstige Pflanzenteile, welche ihnen zur Nahrung dienen, in ihrem Darm chemisch verändern, dann aber auch indem sie alle möglichen anorganischen und organischen Bestandteile des Bodens verarbeiten. So sind ihre eigenartigen Kothäufchen ein guter Dünger für die oberflächlichen Schichten des Erdbodens, denen so immerfort neue Stoffe zugetragen werden.
Sie bewirken, wo sie in großer Menge vorkommen, eine beständige Umarbeitung des Bodens bis in eine beträchtliche Tiefe. Sie sind die Hauptursache der Bildung der schwarzen Erde, welche besonders feinkörnig und fruchtbar ist, wo sie von vielen Regenwürmern ständig durchwühlt wird.
Tatsächlich sind es in England und in Deutschland, wo fast gleichzeitig mit _Darwin Hensen_ ähnliche Untersuchungen durchgeführt hat, erstaunliche Mengen von Würmern, welche in Gartenerde, in Ackerboden, in den Wäldern ihre unterirdische Arbeit leisten. _Hensen_ wies nach, daß in einem Hektar Gartenland sich 133000 Regenwürmer fanden, deren Gesamtmasse fast 10 Zentner wiegt. Etwa die Hälfte davon finden sich nach _Darwin_ in Ackerland, auf Heiden und im Wald. Die Erdmasse, welche diese Tiere in einem Jahr an die Oberfläche befördern, erreicht nach den Untersuchungen dieser Forscher und ihrer Mitarbeiter im Jahr auf den Morgen 8-20 Tonnen, so daß in 10 Jahren eine Schicht von 1-5 cm Dicke über die alte Oberfläche geschichtet werden kann.
Das sind gewaltige Leistungen und es ist nicht verwunderlich, wenn _Darwin_ nachweisen konnte, daß durch diese Arbeit der Regenwürmer Steine und andere Gegenstände langsam im Boden versinken, indem die Regenwürmer den Boden unter ihnen wegfressen, ihn aber nur an ihren Rändern an der Oberfläche ablagern können. So führte _Darwin_ das Einsinken antiker Straßenpflaster, von Mosaikfußböden und Häuserteilen auf die Tätigkeit der Regenwürmer zurück.
Daß eine solche intensive Arbeit der Regenwürmer in Ländern unserer Breiten tatsächlich eine große Bedeutung hat, ist in Europa und Amerika vielfach beobachtet worden. _Darwin_ selbst betonte, daß bei der weiten Verbreitung der Regenwürmer, welche auf der ganzen Erde, von den polaren Gegenden bis zum Äquator, in den höchsten Gebirgen und auf den einsamsten ozeanischen Inseln vorkommen, sie wohl eine ähnliche Einwirkung auf den Erdboden in allen feuchten, selbst mäßig feuchten Gegenden haben müßten.
Er selbst sammelte Erfahrungen anderer aus den Tropen, von der Riviera und aus anderen Gegenden. Ich konnte früher mich in Italien, Südfrankreich, in Istrien und in den Tropen an vielen Stellen von dem reichlichen Vorkommen von Regenwürmern und von ihrer Arbeit überzeugen.
_Darwin_ selbst muß aber vermutet haben, daß in trockenen Ländern die Verhältnisse ganz anders liegen müssen; denn in seinem Buch äußert er sein Erstaunen darüber, daß ihm aus einem so trockenen Land wie _Neu-Südwales_ in Australien von massenhaftem Vorkommen von Regenwürmern berichtet wurde.
Er bringt aber keine positiven Angaben über das Vorkommen von Regenwürmern in ganz trockenen Gebieten und auch seither sind darüber keine Beobachtungen gemacht worden, die mir bekannt geworden wären. Sicherlich gibt es in den Wüsten keine Regenwürmer, aber wo Oasen entstehen können, da muß es auch Regenwürmer geben.
Daß es im Sommer schwer war, in Mazedonien Regenwürmer zu beobachten, wird man nach den Schilderungen von sommerlicher Hitze und Dürre, die ich in anderen Kapiteln gegeben habe, verstehen. Der Boden der oberflächlichen Schichten erhitzt sich in Mazedonien während des Tages im Sommer zu Temperaturen, welche nicht nur Regenwürmern, sondern auch anderen Tieren den Aufenthalt in ihm unmöglich machen. Temperaturen von 60-70° C sind in den Monaten Juli bis September im Boden nicht selten zu messen. In der verstaubten und vertrockneten Oberfläche des Landes waren in den Sommermonaten keine Regenwürmer zu erwarten. Diese Tiere sind ja außerordentlich empfindlich gegen trockene Hitze. Ich habe nicht selten in Deutschland Regenwürmer, welche auf eine verstaubte Landstraße geraten waren, elend umkommen gesehen. Immerhin habe ich auch in den Sommermonaten in Mazedonien nach ihnen gesucht, aber niemals im Tiefland fern vom Wasser Spuren von ihnen gefunden. Ich habe viele dichte Gebüsche, deren Boden ziemlich schattig war, manche Wälder, Parkanlagen und Friedhöfe untersucht, aber nie jene Mengen von Kothäufchen der Würmer gefunden, welche man in unserem Lande jederzeit an solchen Orten finden würde.
Es lag also nahe, anzunehmen, daß die Regenwürmer, wie manche andere Tiere Mazedoniens, von denen in einem anderen Kapitel die Rede ist, eine Sommerruhe halten. Schon _Darwin_ gibt an, daß die riesenhaften Exkrementhaufen indischer Würmer, die er beschreibt und abbildet, in jenem Tropenland nur während der Regenzeit ausgeworfen werden. So mußte ich denn vermuten, daß auch in Mazedonien die Regenwürmer während der großen Hitze in der Tiefe der Erde einem Sommerschlaf verfallen sind.
Daß sie etwa tief unten im Boden ihr normales Leben fortsetzen könnten, ist in einem Land wie Mazedonien an den meisten Orten ausgeschlossen. In Tiefen von mehr als 50 cm finden sie hier keine Nahrung. Eine richtige Humusschicht gibt es in diesem Lande nur in den Flußtälern, in den bewässerten Ebenen, in den Wäldern und auf den Matten der Gebirge. Sonst deckt überall nur eine ganz dünne lockere Erdschicht die felsige Unterlage, welche das Land überzieht. Und dieser dünne Überzug entbehrt vielfach vollkommen oder fast vollkommen der organischen Bestandteile, welche die „schwarze Erde‟ anderer Gebiete zu den Kornkammern der Welt gemacht hat.
Das Grundwasser liegt in den Gebieten, die ich genauer kennen lernte, meist so tief, daß es weit unter dem Boden sich findet, in welchem Regenwürmer leben und sich ernähren könnten.
Ich habe während meines Aufenthaltes in Mazedonien jede Gelegenheit benutzt, welche mich über das Vorkommen der gesuchten Tiere hätte unterrichten können. Wenn im Frühling oder Herbst Äcker gepflügt, wenn die Fundamentgrube für ein Haus ausgegraben, von unseren Soldaten Schützengräben oder Unterstände ausgehoben, Bäume oder Sträucher gepflanzt wurden, untersuchte ich die Löcher und die ausgehobene Erde und fand trotz aller Bemühungen fast niemals Würmer. Nur in direkter Berührung mit Wasser kamen sie vor.
Während diese Fragen mich beschäftigten, wurde in _Üsküb_ ein großes Experiment durchgeführt, welches meinen Zwecken vorzüglich entgegenkam und in mancher Beziehung so interessant ist, daß es sich lohnt, an dieser Stelle davon zu erzählen.
Während die Bulgaren glaubten, Mazedonien, das Land, das ihre Väter besaßen, durch unsere gemeinsamen kriegerischen Erfolge dauernd in Besitz behalten zu können, arbeiteten sie in Mazedonien in mancher Hinsicht für die Zukunft. So kamen sie auch auf die Idee, die Umgebung der Stadt _Üsküb_ wieder mit Bäumen zu schmücken, um dieser schön gelegenen Stadt eine sympathische Umgebung, den Bewohnern Erquickung in schattigen Anlagen zu verschaffen. Und so wurde sehr idealistisch für eine Bepflanzung, speziell des Zitadellenhügels, auf dem ich mein Standquartier damals hatte, agitiert. Die Sache fand Anklang, die Stadtverwaltung von Üsküb wandte große Mittel auf, um Tausende von Bäumen als Alleen an den Landstraßen, als Haine auf Hügeln, als Wälder an den Abhängen des Berges anzupflanzen. Und es übernahmen Vereine und Schulklassen die Verpflichtung, einzelne Lose zu bepflanzen und zu pflegen. Die Sache wurde mit großem Schwung und Idealismus unternommen; Schulklassen zogen mit bulgarischen Fähnchen aus, um kleine Bäumchen zu pflanzen, ganze Bataillone von rumänischen Kriegsgefangenen hoben tiefe Gruben aus, um viele Tausende von Bäumen einzusetzen.
Alle diese Gräben und Gruben boten mir Gelegenheit, nach den gesuchten Würmern zu forschen. Aber, obwohl es feuchter Frühling und Frühsommer war, ich bekam bei dieser Gelegenheit keinen einzigen Regenwurm in die Hand. Auch sonst ging die Sache traurig aus. Die ganze große Unternehmung war offenbar ohne fachmännische Beratung unternommen. Man hatte Tannen aus dem Gebirge ins Wardartal gepflanzt und nicht auf Bodenart und Bewässerung weder bei diesen, noch bei den Obstbäumen, Pappeln usw. geachtet, die man wahllos an den Berghang gepflanzt hatte. In den ersten Wochen wurden dann und wann die Bäumchen von opferwilligen Schulkindern begossen. Aber als die große Sommerhitze kam, als Menschen und Pflanzen dursteten, da schmolz auch Wille und Idealismus bei diesen Orientalen, die die Üsküber trotz allem sind, dahin und ein Bäumchen nach dem andern verdorrte. Jetzt ist das Land wieder serbisch; die Zigeunerstadt hat wohl die letzten verdorrten Bäumchen im kalten Winter verheizt und die letzte Spur des aufflackernden Idealismus in Mazedonien ist wohl längst verwischt und verschwunden. So war denn all die große Arbeit nutzlos geschehen und keiner der Beteiligten mag je erfahren, daß einem Naturforscher dadurch ein großer Dienst erwiesen wurde.
Bei dieser Gelegenheit konnte ich an vielen Stellen die geringe Dicke des fruchtbaren Bodens messen, sie erreichte selten mehr als 5-10 cm. Darunter kamen sofort Steine und Detritus von Gestein, welches Würmer nicht ernähren konnte. Löcher und Höhlen gab es zwar genug im Erdboden; sie waren aber meist das Werk von _Ameisen_, welche in Mazedonien bei der Umarbeitung des Bodens sicher viel mehr leisten als die Regenwürmer.
Selbst starke Regengüsse in jenen Wochen zauberten keine Würmer aus dem sterilen Boden hervor. So ist denn wohl sicher anzunehmen, daß Mazedonien im Flachland und in den Hügelgebieten ein sehr _regenwurmarmes Land_ ist. Die Waldarmut des Landes ist sicher die Ursache dieser Erscheinung. Mit dem Wald schwand die Humusbedeckung der Hügel und Täler, wie wir in einem anderen Kapitel besprechen werden.
Nur wo genug Wasser vorhanden ist, um den Boden feucht zu erhalten, gedeihen in diesem Lande Regenwürmer. So fand ich sie nicht selten an Brunnen und Zisternen, auf gut bewässerten Feldern und Wiesen, an Wasserleitungen, an und in Bächen, an Ufern von Seen und Flüssen. Am Wardar bei Hudova z. B. war der Überschwemmungsstrand des Wardar weithin von den Spuren und Löchern einer Wurmart wie mit Zeichnungen bedeckt.
In den hohen Bergen und dort auch in den Wäldern fand ich stets Vertreter dieser im Land sonst so seltenen Tiere.
Daß sie trockene Zeiten im Boden verborgen in einem Zustand herabgesetzten Stoffwechsels verbringen müssen, auch an manchen Stellen, an denen man sie sonst vermißt und nicht einmal durch ihre Spuren nachweisen kann, bewiesen mir mehrere Fälle, in denen ich Würmer -- meist in den Bergen -- nach kurzen heftigen Regengüssen frei herumkriechen sah, wohl durch das Wasser aus ihrem Versteck vertrieben. Die kurze Zeit, welche seit dem Regenfall vergangen war, verriet in jedem Fall, daß die Verstecke der Würmer nicht tief im Boden gewesen sein konnten.
Auch habe ich nicht selten nach heftigem, oft tagelangem Sommerregen die Erde aufgegraben, um festzustellen, wie tief das Wasser in eine sehr feste, zusammengetrocknete Erde eindringen kann. Ich stieß in den meisten Fällen schon in der Tiefe von 2-3 cm auf vollkommen trockenen Boden.
In einem solchen Land muß der Einfluß der Regenwürmer auf Bodenbeschaffenheit, Pflanzenwuchs und Ackerbau sehr gering sein. Die Ackererde in weiten Gebieten von Mazedonien hat nichts von dem großen Einfluß der Regenwürmer auf ihre Beschaffenheit zu verspüren, den wir seit den Forschungen von _Hensen_ und _Darwin_ für unsere Gegenden sehr hoch einzuschätzen wissen.