Part 44
Wie bei den meisten mazedonischen Städten bringt auch in Ochrida mehr die Landschaft mit der Fülle der gleichartigen Häuser die malerische Wirkung hervor, als irgend welche Bauprinzipien oder architektonisch hervorragende Gebäude. Bei Ochrida wird die farbige Wirkung des Bildes dadurch erhöht, daß zu den roten Ziegeldächern viele mit gelbgrauen Steinplatten gedeckt hinzukommen. Dabei wirkt natürlich sehr stark der blaue See mit, der immer wieder durch die Gassen emporleuchtet. Sehr eigenartig sind im mazedonischen Städtebild die vielen gleichmäßigen Fenster der Häuser, welche vielfach zu zweien oder dreien gruppiert die Häuserflächen charakteristisch modellieren.
Wie von unten die gewaltigen Mauermassen des Kastells über die kleinen Häuser der Stadt dominieren, so boten sie auch mit ihren Ruinen, Türmen, Mauerlöchern und Torbögen reizvolle Umrahmungen für die Blicke hinab auf den dunkelblauen See oder die reiche Landschaft. Wie weit die Reste dieser, wie der anderen dieser mazedonischen Burgen, auf die Trutzbauten der bulgarischen Zaren gegen die Byzantiner zurückgehen, und wie weit sie türkischen Ursprungs sind, dürfte schwer zu entscheiden sein. Das Haupttor der Burg soll aus dem Ende des 10. Jahrhunderts, also aus der Zeit des Zaren Samuel stammen.
Von bulgarischer Kunst in Mazedonien haben wir schon im 24. Kapitel bei der Besprechung des Klosters _Neresi_ gehört. _Ochrida_ als jahrhundertelanger Sitz des bulgarischen Patriarchats beherbergt manche Reste altbulgarischer kirchlicher Kunst. Besonders interessant sind die Kirchen Hagia Sofia und Sveti Climent. Erstere liegt nahe dem See, in dem Stadtteil unterhalb des Schlößchens an einem freien Platz. Es ist ein stattlicher Bau, der hauptsächlich aus einer dreischiffigen, gewölbten Pfeilerbasilika besteht, dem ein Querbau mit zwei Seitentürmen westlich vorgelagert ist. Das Innere war recht vernachlässigt. An der Nordwand des Hauptbaues waren weiße Säulen als Rest einer offenen Halle zu erkennen. Immerhin waren Schritte zu einer Restaurierung dieses Nationalheiligtums schon während des Krieges geschehen; so vor allem war ein Teil der Fresken, die in alter Zeit alle Wände der Kirche bedeckten, wieder freigelegt. Die Kirche hatte nämlich während der Türkenzeit als Moschee gedient. In dieser Zeit waren die Fresken übertüncht gewesen. Was man von ihnen vor allem in dem oberen Raum des Querbaues sehen konnte, machte einen sehr interessanten Eindruck.
Die Kirche scheint prachtvoll ausgestattet gewesen zu sein; darauf weisen in ihr aufgefundene Reste der Marmorumrahmung der Ikonostasis und andere mit Reliefs versehene Marmorplatten hin. Solche sind auch in den türkischen Mimbar eingebaut, dessen außerordentlich reich verzierte Bekrönung ein marmorner Baldachin mit zarten Säulchen und feiner auf den Orient hinweisenden Ornamentik bildet, offenbar die einstige Kanzel der Kirche (Abb. 273).
Einer späteren Periode gehören die anderen altbulgarischen Gotteshäuser in Ochrida an. Sie entsprechen als _Kreuzkuppelkirchen_ dem Typus, den wir in _Neresi_ kennen lernten, von dem uns _Varos_ bei Prilep ein Beispiel gab, und der auch sonst in Mazedonien wie in Altbulgarien häufig vertreten ist. So sah ich in _Tirnowo_ eine ganze Anzahl von Repräsentanten dieses Typus. In dem zweiten Reich der Bulgaren baute man keine großen Basiliken mehr wie die Sofienkirchen in Sofia und Ochrida. Man baute viel mehr, dafür aber viel kleinere Kirchen, die fast alle Kreuzkuppelkirchen waren und viel reicher ornamental geschmückt waren als die Monumentalbauten des ehrgeizigeren alten Reichs.
Von den Kirchen aus dieser Zeit ist in Ochrida besonders die dem heiligen _Climent_ geweihte zu erwähnen, Sie liegt oben am Berg und sie ist eine Kreuzkuppelkirche, deren Kuppel auf schweren Pfeilern ruht (Abb. 274). Gerade in der Gegend von Ochrida fanden die beiden Apostel des Christentums _Climent_ und _Naum_ eine große Verehrung. Sie hatten im Auftrag des Zaren _Boris_ unter den Bulgaren Mazedoniens das Christentum verbreitet, nachdem sie im Jahre 885 nach dem Tode Methodis aus Mähren, wo sie als Schüler Cyrills und Methodis sich entwickelt hatten, an dessen Hof gekommen waren. Leider konnte ich infolge des Vordringens der Feinde das Kloster Sv. _Naum_ bei Pogradeč nicht besuchen, dessen Kirche besonders durch seine Malereien berühmt war, und welche das Grab dieses Heiligen beherbergt. Doch auch in Sv. _Climent_ fanden sich sehr schöne Malereien vor allem am Ikonostas. Ein segnender Christus aus dem 13.-14. Jahrhundert fiel besonders auf (Abb. 275).
Im Kloster _Sveti Climent_ hat seinerzeit der Jenenser Professor _Gelzer_ für die Kirchengeschichte des Balkans wichtige Dokumente entdeckt. Wo mögen diese mittlerweile hingeraten sein?
Sehr schön und interessant sind in Sv. Climent auch die Holzschnitzereien und Metallarbeiten, welche überhaupt in den bulgarischen Kirchen eine große Rolle spielen und auch durch die Türkenzeit hindurch eine gute Tradition bewahrt haben.
Von den zahlreichen anderen Kirchen Ochridas möchte ich noch eine erwähnen, welche infolge ihrer malerischen Lage manchem Besucher wie mir in unvergeßlicher Erinnerung geblieben sein wird. Es ist die am westlichen Ende auf einem in den vorragenden Felsenvorsprung erbaute kleine Kirche Sveti Jon, dem heiligen Johannes geweiht. In der Armee wurde sie meist als die Fischerkapelle bezeichnet, wohl wegen ihrer Lage bei den Fischerhäusern am See.
Sv. Jon ist eine kleine Kreuzkuppelkirche aus Haustein mit roten Zwischenlagen von Ziegeln gebaut. Hohe Strandmauern sind auf den schroffen Felsen zu ihr emporgebaut, um die Plattform herzustellen, auf der sie steht. Treppen führen durch diese zu einem felsigen Strand hinab, an welchem ich manches köstliche Bad in dem klaren Wasser des Sees genossen habe. Mächtige alte Bäume ragen vor den Felsen auf und erhöhen die malerische Schönheit des Bildes, welches die Kirche darstellt, die sich wundervoll vom Himmel und dem dunkelblauen Wasser des Sees abhebt, wenn man im Kahn von der Stadt her sich ihr nähert.
Nicht weniger schön stellt sie sich dar, kommt man über die Felsen den Pfad von der Stadt her zu ihr herabgestiegen. Wie wunderbar hob sich ihr Umriß vom goldglühenden Abendhimmel ab, wenn drüben jenseits der nördlichen Seebucht die albanischen Berge in tiefen blauen und violetten Tönen verdämmerten. Aus der Tiefe rauschte die Brandung des an die Felsen anschlagenden Sees herauf. Weit erstreckte sich der Blick von den Treppen, die zur Kirche führten, oder von dem kleinen über den See hinausgebauten Balkon aus über die weite Fläche des Sees. Wie seltsam flimmerte der Wiederschein des Abendhimmels von den dunkelblauen Wellen, wie zart verschwammen seine Grenzen im fernen Süden; welch schönen Abschluß des Bildes gaben die harmonischen Umrisse des Tomoros und Malisat!
Auch die Einwohner von Ochrida besaßen Verständnis für die poetische Schönheit der Örtlichkeit. Abends wandelten junge Leute, Liebespaare hier heraus, genossen die Abendstimmung, saßen auf den Felsenklippen und sangen ihre schwermütigen Lieder.
Es war fast der einzige Ort in Mazedonien, wo ich die alten Lieder singen hörte. Hier konnte man auch an Frieden und geruhsame Zeiten denken, wenn die Dämmerung niedersank, der Spiegel des Sees dunkel wurde und nur die Berggipfel und die wandernden Wolken am Himmel noch die letzten roten Gluten der Sonne wiederstrahlten.
NEUNUNDDREISSIGSTES KAPITEL
DER OCHRIDASEE
Der schöne See mit seinen malerischen Ufern bot auch dem Naturforscher manche Probleme und so setzte ich denn alle meine Kräfte daran, von seiner Natur, seiner Tier- und Pflanzenwelt möglichst viel zu erkunden. So streifte ich seine Ufer ab, suchte durch Fischer möglichst viel von seiner Tierwelt zu erwerben und auf eigenen Fahrten sie zu erforschen. Im Jahre 1918 kam mir Dr. _Nachtsheim_ zuhilfe, der einen großen Teil seiner Zeit und Arbeitskraft speziell der Durchforschung der Wasserbiologie Mazedoniens widmete.
Meine Ziele wurden sehr gefördert durch die österreichische Flottille, die den Wachdienst auf dem See unter sich hatte. Ihre Motorboote, Kähne und Fischerboote wurden mir zur Verfügung gestellt, und ich kann die Tüchtigkeit und Schneid ihrer Offiziere und Mannschaften aufs höchste anerkennen. Nicht nur bei der Verteidigung dieser gefährdeten Front, beim Transport unserer Division und ihres Materials haben sie Treffliches vollbracht, auch mir haben sie sehr wesentliche Dienste geleistet.
Der Ochridasee liegt in Meereshöhe von 687 m, also fast 200 m tiefer als der 857 m hoch gelegene Prespasee. Seine Oberfläche erreicht 270 Quadratkilometer gegenüber den 288 des etwas größeren Prespasees. Wie der Prespasee liegt er zwischen hohen Bergen, die sich hier weiter nördlich erstrecken als bei jenem. Seine größte Tiefe, etwa in der Mitte seiner Längenausdehnung, erreicht 285 m, er ist also beträchtlich tiefer als der Prespasee, der nur 54 m als größte Tiefe besitzt.
Der Seeboden fällt an vielen Stellen steil zu größeren Tiefen ab, was an der dunklen Farbe des Wassers erkennbar ist. Nur am Nordende, vor der Stadt Ochrida und ganz im Süden lassen grüne Streifen des Wassers auf seichte Stellen schließen. Vor allem der sandige Nordstrand gegen Struga hin senkt sich langsam ab. Hier, wie in der Bucht südlich von Ochrida wird der See von schmalen Schilfstreifen eingefaßt, die nirgends die Mächtigkeit erreichen, wie am Prespa- und Doiransee.
Vielfach fallen die Felsenufer steil zum See ab, was den malerischen Reiz der Strandlandschaften bedingt. Das ist vor allem direkt nördlich der Stadt Ochrida der Fall sowie auf langen Strecken des Ost- und Westufers.
Von allen Seiten strömen kurze Bäche aus den Bergen dem See zu; ganz kurz ist der Hauptzufluß, der _Drin_, welcher als richtiger _Karstfluß_ in der Nähe des Klosters Sv. Naum als starker Bach entspringt, um sich nach ganz kurzem Lauf in den See zu ergießen. Das entspricht dem im 33. Kapitel geschilderten Charakter des Tomorosgebirges als Karstgebiet. Es ist wohl die Ursache zu der in der Bevölkerung verbreiteten Sage von einer unterirdischen Verbindung des Ochridasees mit dem Prespasee, durch welche man die Niveauschwankungen des letzteren erklären will. Zu einer solchen Annahme liegen aber keine wirklichen Grundlagen vor.
Bei _Struga_ entströmt der _Drin_, als relativ mächtiger Fluß, dem See, fließt eine lange Strecke nach Norden, um sich dann nach Westen und teilweise nach Süden zu wenden und südlich des Skutarisees im Dringolf ins Adriatische Meer zu münden.
Die Ufer des Sees lernte ich auf verschiedenen Exkursionen kennen. Ein Ritt in Begleitung von zwei mir mitgegebenen Blücherhusaren führte mich nach _Struga_ an das Nordende des Sees zum Ausfluß des Drin. An einem Kloster und einigen Dörfern vorbei ging der Ritt in flottem Trab zum kiesigen und sandigen Flachstrand des Sees; nördlich von ihm dehnte sich eine fruchtbare Ebene aus, im Anfang begrenzt von einem seltsamen purpurroten Felsenberg, vor welchem Ruinen eines Dorfes lagen.
An dem Binsenufer flogen vor unsern Pferden, die flott durch das seichte Wasser galoppierten, Kormorane, Bleßhühner und Enten auf. In den Büschen waren, trotz der Herbstzeit, noch zahlreiche Grasmücken in Bewegung. Vor mir lag bald das große Dorf _Struga_, vollkommen eingehüllt in Weiden und Pappeln. Unterhalb des Ortes am Drin liegen ausgedehnte Sümpfe. Diese sind von Weiden, Röhricht und mancherlei Sumpfpflanzen dicht bewachsen; auch Schilf mit seinen braunen Kolben bedeckt große Flächen. Struga war ein in der Armee berüchtigtes Fiebernest.
Im Schatten von Weiden liegen im hier recht breiten _Drin_ die so wohlbekannten breiten Boote mit ihren unförmlichen Seitenwülsten; unterhalb des Dorfes ist die ganze Breite des Flusses durch Zäune und Gatter aus Schilf und Reisig abgesperrt. Zwischen ihnen sind Reusen aufgestellt, um die Fische, welche zwischen Fluß und See wechseln, abzufangen. Schon vor vielen Jahren wurden diese Weidengeflechte und die bei ihnen aufgestellten Hütten mit ihren Dächern aus Röhricht von Besuchern erwähnt. So hat sie z. B. der Aromunenforscher _Weigand_ im Jahre 1889 gesehen. Dieser erwähnt, daß damals schon die Fischerei in Struga um 100000 M. auf 2 Jahre verpachtet war.
Das muß sie wohl getragen haben; denn während meines Aufenthaltes in Ochrida sah ich oft die Ausbeute enormer Fänge. Nicht selten werden an einem Tag Hunderte von Zentnern von Aalen in Struga erbeutet. Es ist ein imposanter Eindruck, wenn man Haufen von vielen Hundert der armsdicken, mehr als einen Meter langen Fische sich durcheinander winden sieht, wenn ihre weißen Bäuche aufblinken, während sie ihre blauschwarzen Rücken nach unten kehren.
Vielerlei kleine und größere Fische sah ich im Wasser umherhuschen, als ich mit meinen Husaren ins Sumpfgelände hineinritt, um mit einem von ihnen, der ein gelernter Fischer war, _Krebse_ zu fangen. Während unsere Pferde an einer trockenen Stelle grasten, zog der Mann sich aus, sprang ins Wasser und holte unter den Pflanzenpolstern an der Uferwand einen ganzen Sack von Flußkrebsen heraus. Während sie anfangs frei herumschwammen und, auf dem Schlamm sitzend, erspäht werden konnten, zogen sie sich bald in ihre Löcher zurück. Auf diese mußte das ganze Ufer und alle Rohrinseln abgesucht werden, was mein Husar sehr geschickt und sachverständig ausführte.
Unterdessen umschwammen ihn Wasserkäfer, Schwimmwanzen und allerhand Getier, zum Glück fehlten aber hier die Blutegel. Libellen vieler Arten umschwirrten uns während unserer Fischerei. Der Krebs stellte sich als eine auch bei uns verbreitete Art des _Flußkrebses_ heraus (+Astacus fluviatilis+ L.). In der Umgebung herrschte ein reiches Vogelleben. Allerhand Arten von Rohrsängern und anderen rohrbewohnenden Kleinvögeln huschten durch das Schilf.
In der nächsten Umgebung flogen auf oder ließen sich nieder _Fischreiher_ und _Purpurreiher_. Besonders schön zu beobachten war ein ganzer Flug von weißblinkenden _Edelreihern_. _Uferläufer_ und andere Stelzvögel, _Enten, Teichhühner_ und viel anderes Wassergeflügel war in Mengen vorhanden. Ich bedauerte sehr, damals keinen Präparator bei mir zu haben; denn ich scheute mich, die Tiere zu schießen, ohne Belegstücke für wissenschaftliche Zwecke mitnehmen zu können.
Eine ähnlich reiche Vogelwelt fand sich auch südlich von Ochrida am Strand des Sees, den ich mit meinen Begleitern nach Wassertieren absuchte. Dabei erwies sich als besonders ergiebig das Ufer und seitlich liegende Tümpel bei Goriza und gegen Sv. Stefan. Dort wurden viele Muscheln aus den Gattungen +Unio+ und +Anodonta+ gefangen. Auffallend war im See das Massenvorkommen der Muschel +Dreissensia+, welche bekanntlich vor einigen Jahrzehnten eine Wanderung durch ganz Westeuropa vom Osten her gemacht hat und jetzt auch bei uns in Deutschland im Süßwasser heimisch geworden ist. Bemerkenswert war später beim Fang des Planktons, in welch ungeheuren Massen Muschellarven, wahrscheinlich meist solche von +Dreissensia+, das Wasser des Sees in allen Schichten belebten.
Auch Schnecken aus den Gattungen +Lymnaeus+ und +Paludina+ waren in großen Mengen zu finden; dabei allerlei Wasserinsekten, Käfer, Schwimmwanzen und Larven vieler Arten. An den Felsen und Steinen, besonders unterhalb der Kirche Sv. Jon, fanden sich massige Krusten eines Süßwasserschwammes.
Um die Fische des Sees zu bekommen, mußte ich mich mit den am See ansässigen Fischern in Verbindung setzen; denn ich selbst hatte keine Fischereigeräte zur Verfügung. Dazu sollte mir eine Empfehlung eines bulgarischen Politikers dienen, welche dieser mir an den Erzbischof mitgegeben hatte. In dessen Haus wurde ich sehr liebenswürdig empfangen und die Erfüllung meiner Wünsche mir versprochen. Das war aber offenbar in jenen Tagen nicht ganz leicht. Die Stadt war infolge der kriegerischen Ereignisse von Militär überflutet, welches alles Eßbare und damit auch die Fische für sich beanspruchte.
So war es denn wichtig, daß mir ein Polizist zugewiesen war, der die Fischer gut kannte und vor allem in ihrer Sprache sich gut mit ihnen verständigen konnte. Dabei sprach er ganz gut deutsch, mit sehr ausgesprochen österreichischem Akzent. Als ich ihn frug, wo er denn sein Deutsch gelernt habe, erzählte er mir, er sei Jahre lang in Karlsbald und Franzensbad gewesen. Auf meine weitere Frage, was er dort gemacht habe, antwortete er mit spitzbübischem Lächeln: „Ich war dort Honigtürke!‟ Wieso? „Ja, ich stand mit einem Fez oder Turban an der Promenade und verkaufte türkischen Honig. Die meisten Honigtürken in Deutschland und Österreich sind mazedonische Bulgaren. Aber dort ist vorteilhaft Türke zu sein, man setzt einen Fez auf, auch wenn man slavischer Christ ist und die Leute dort können doch türkische und bulgarische Sprache nicht unterscheiden. Wenn man Chef des Geschäfts ist, verdient man viel Geld, weniger als Straßenverkäufer!‟
Dieser Helfer sorgte dafür, daß die Fischer mir Fische aus dem Ochridasee heranbrachten.
Außer den _Aalen_ gab es auch reichlich _Karpfen_ im See; allerdings so stattliche Exemplare fanden sich hier nicht, wie ich sie seinerzeit im Wardar erbeutet hatte. Von Weißfischen wurden eine ganze Anzahl gebracht, so die mit unserem _Aitel_ verwandten +Squalius illyricus+ H. u. K., und +Sq. dobula+ H. Auch die gleiche Art von _Barben_, welche ich im Wardar und seinen Nebenflüssen gefunden hatte, kam hier reichlich vor (+Barbus plebejus+ Val.). Bei Struga hatte ich selbst einen unserer _Nase_ verwandten Fisch, in Italien Stric genannt (+Chondrostoma genei+ Bon.) erbeutet. Dort fingen wir auch den _Gründling_ (+Gobio vulgaris+ Cw.). In Ochrida selbst wurden die Arten +Chondrostoma phoxinus+ Heck. u. +Ch. soetta+ H. u. K. von den Fischern gebracht.
Eine heimische Erscheinung ist der _Schiet_ (+Aspius rapax+ Ag.), während die _laubenähnlichen_, silbrig blinkenden +Alburnus alborella+ H. u. K. und +A. scoranzoides+ H. u. K. echt südliche Formen sind. Dasselbe gilt von +Leuciscus adspersus+ Heck.
Der beliebteste Fisch auf dem Fischmarkt von Ochrida, gerühmt von allen Besuchern der Stadt und in normalen Zeiten weithin versandt, ist die _Ochridaseeforelle_. Es ist das ein prachtvoller Vertreter der Lachsfische mit allen Vorzügen dieser Gattung, der prachtvollen Färbung wie dem guten Geschmack des Fleisches. In stattlichen 50-70 cm langen Exemplaren sah man das Tier in jenen Tagen manchmal bei den Österreichern und bei den Blücherhusaren auf dem Kasinotisch. Die _Seeforelle_, von den Eingeborenen _Latzniza_ genannt, wird wissenschaftlich als +Salmo dentex+ Heck. bezeichnet; doch hat _Steindachner_ die Form aus dem Ochridasee als +Salmo ochridanus+ Steind. abgetrennt.
Daß mit diesen 11 Fischarten, von den 14 Arten aus dem Ochridasee, welche frühere Reisende auf dem Fischmarkt von Ochrida konstatiert haben wollen, drei fehlen und dazu vielleicht noch manche andere, die zu entdecken gewesen wäre, hat seine Ursache in einem seltsamen Mißgeschick. Die große Auswahl von Seefischen, welche durch die Sorge des Erzbischofs für meine wissenschaftliche Sammlung bestimmt war, fiel leider durch Dummheit des Fischers und durch die Energie des Kasinovorstandes des Offizierkasinos der deutschen Division diesem in die Hände und wurde dort verzehrt.
Vor allem von den Seeforellen Ersatz zu schaffen, war in jenen Tagen, also Mitte September, sehr schwer, da sie nur mit komplizierten Apparaten einer Fischerflottille in der Tiefe des Sees gefangen werden konnten, wo sie sich in dieser Jahreszeit aufhielten. Stürmisches Wetter hinderte in den Tagen, die ich damals noch in Ochrida weilte, das Ausfahren dieser Boote.
Andere Forschungen gaben die Möglichkeit, eine Erklärung des Tiefenvorkommens der Seeforelle in diesem Teil des Jahres zu finden. Ich hatte mich mit Apparaten ausgerüstet, um auch in diesem See _Plankton_ zu fangen. Um das auch in größeren Tiefen ausführen zu können, hatte ich mir von der Telegraphenabteilung in Prilep Kabel und dünne, feste Stahldrähte in der Länge von mehreren 100 Metern verschafft, mit denen Lotungen und Fänge in größeren Tiefen durchgeführt werden konnten.
Fahrten auf dem See zum Zwecke solcher Forschungen wurden mehrere noch in diesem Herbst von mir unternommen; im Jahre 1918 übernahm Dr. _Nachtsheim_ diesen Teil der Untersuchungen. Ich will nur kurz über meine Fahrten berichten, um dann die wesentlichen Resultate unserer Forschungen darzustellen.
Im Hafen von Ochrida, wie in allen Orten am See, lagen jene eigenartigen, schweren Ruderboote, welche für diesen See ganz besonders charakteristisch sind. Es sind breite, plumpe Schiffe mit erheblichem Rauminhalt, welche an beiden Seiten in ausgehöhlten Baumstämmen eine Art von Auslegern besitzen. Sie machen die Boote ziemlich stabil, aber schwer beweglich. Auch sind sie bei hohem Seegang für das Boot durch ihre dünnen Wandungen nicht ungefährlich, da starke Wellen, Anstoß an harte Gegenstände, diese leicht durchschlagen und damit das Boot zum Sinken bringen. Das Rudern ist in ihnen sehr beschwerlich und kommt gegen starken Wind und Wellengang nicht an. Gesegelt wird in diesen Booten nicht, wie denn überhaupt das verschönende Motiv des Segelschiffs auf diesem malerischen See vollkommen fehlte.
Mit einem solchen Boot machte ich verschiedene kürzere Fahrten, bei denen vor allem das Plankton der Oberfläche in Landnähe, also über geringeren Tiefen studiert wurde. Das Oberflächenplankton war im Ochridasee meist bräunlich oder braun, Fänge in der Bucht von Struga waren durch Algen grünlich gefärbt. Sehr viel reicher als in den Oberflächenschichten war das Plankton aus Tiefenfängen von 30 m Tiefe ab.
Um solche auszuführen, mußte man weiter auf den See hinaus. Sollte das nicht allzuviel Zeit rauben, so brauchte man dazu die Hilfe eines Motorbootes. In jenen bewegten Tagen standen diese aber nicht zur Verfügung, und da ich im September 1917 noch solche Fänge durchsetzen wollte, mußte ich mich in einem der großen Eingeborenenboote mit einem kleinen Motorkahn hinausschleppen lassen; in letzterem wäre nicht Platz genug für meine Apparate und meine Hilfskräfte gewesen. Dies Motorboot hatte sofort eine Panne und mußte liegen bleiben, während wir uns durch Rudern langsam südwärts arbeiteten. Wir langten schließlich gegenüber Lin vor einem roten Vorgebirge an. Dort ergab eine Lotung eine Tiefe von über 100 m. Darauf wurde ein Fang mit dem Planktonnetz in etwa 80 m Tiefe ausgeführt. Dieser ergab eine ganz riesige Ausbeute; das Glas war mit einem Brei von vielen Tausenden von kleinen Tieren gefüllt, unter denen Krebse vorherrschten, deren Färbung den ganzen Tierbrei paprikarot erscheinen ließ.
Dies Resultat war nicht ohne große Not erreicht. Während wir arbeiteten, erhob sich ein starker Wind von Norden. Er fegte über die Oberfläche des Sees und erregte hohe Wellen. Es war ein prachtvoller Anblick, wie der See sich immer dunkler färbte und die mächtigen Wellen, mit weißen Schaumkämmen gekrönt, sich zu uns heranwälzten.