Part 43
Der _Buchenwald_, wie wir ihn in der Mala Rupa, am Liseč in der Golesniza Planina und in anderen Gebirgen fanden, war das Wohngebiet von Amsel, Misteldrossel, Singdrossel, Rotkehlchen, Nonnenmeise, Kleiber, Waldbaumläufer, Liljefordspecht, Mittelspecht und Waldlaubsänger.
Die _Latschen_region, wie wir sie in der Golesniza entdeckten, war der Zufluchtsort von Heckenbraunelle, der Tannenmeise und des Hausrotschwanzes. Darüber in der _alpinen_ Grasflur der Mattenregion des gleichen Gebirges gab es den Wasserpieper, die Ohrenlerche, die Feldlerche und das Braunkehlchen. Darüber schließlich grenzte die Gipfelregion der Solunska mit ihren Felsengraten, mit ihren Schneefeldern und Spalten, in der nun die Hochalpenvögel anzutreffen waren: Die Alpenbraunelle, Alpendohle, Steindrossel und Mauerläufer.
Dazu kommen als besonders interessante Zonen, in denen die Wasser-, Strand- und Rohrvögel hausten, die Schilfwälder der Seen, des Doiran-, Prespa- und Ochridasees, die wir aber am kleinen _Katlanovosee_ am besten studieren konnten. Da war besonders interessant +Emberiza pyrrhuloides reiseri+ Hart. (Abb. 267 a S. 547) und die anderen Rohrammern, die Rohrweihen, die Rohrdommeln, die ganze große Gruppe der Reiher, der Enten und Gänse, der Teichhühner, Strandläufer und was da alles zusammen kam, vom Cormoran bis zum Pelikan.
Nicht weniger bemerkenswert war das Steppengebiet mit dem Wiedehopf, den Trappen, den Wachteln, den vielen Falken.
Hervorheben möchte ich schließlich noch einmal in diesem Zusammenhang, daß das _südliche Wardartal_ bis in die Gegend von _Hudova_ sowie die mit ihm zusammenhängende Region des _Doiransees_ sich als reich an südlichen Vogel-, Reptilien- und Insektenformen herausgestellt hat. Es ist offenbar eine der Pforten, durch welche südliche Formen nordwärts vordringen. Ähnliche Verhältnisse dürften bei genauerer Erforschung auch südlich des Prespasees und des Peristeri zu finden sein.
Gerade die Tatsachen über die Verbreitung der Vögel geben einen interessanten Einblick in die Art und Weise, wie Tiere überhaupt in Mazedonien sich verbreitet haben können. Ich zitiere hier direkt die Ergebnisse, welche Dr. _Stresemann_ aus der Bearbeitung unserer mazedonischen Ausbeute gezogen hat. „Als Ausgangspunkt der gegen Mitteleuropa vorgedrungenen ostmediterranen Vögel wollen wir die kleinasiatische Küste bei Smyrna betrachten; sie war noch gegen Ausgang der Pliozänzeit durch eine Landbrücke, die „Ägäis‟, mit Griechenland breit verbunden. Uns interessiert hier die Wanderstraße, welche von Griechenland weiter zur Mündung des Wardar und von da den Wardar hinauf bis Üsküb führt, um dann ins Tal der „Bulgarischen‟ Morawa einzuschwenken und ihr ins nordserbische Flachland zu folgen. Der Strom der Wanderer wird auf diesem Wege allmählich dünner. Es drangen vor:
=Nur bis Smyrna=:
+Emberiza cineracea+ +Halcyon smyrnensis smyrnensis+ +Garrulus glandarius Krynicki+
=Bis zu den Kykladen= (Kythnos usw.):
+Ceryle rudis rudis+
=Bis Griechenland=:
+Emberiza caesia+ +Sylvia melanocephala+ +Sylvia ruppeli+ +Coccystes glandarius+
=Bis zur Wardarmündung=:
+Cisticola cisticola cisticola+ +Hirundo daurica rufula+ +Hippolais olivetorum+
=Bis zum Fuß der Plaguša-Planina=:
+Lanius nubicus+ +Agrobates galactodes syriacus+
=Bis Veles=:
+Sitta neumayeri+ +Sylvia cantillans albistriata+ +Sylvia hortensis carassirostris+ +Monticola solitarius solitarius+
=Bis Üsküb=:
+Hippolais pallida elaeica+ +Oenanthe hispanica melanoleuca+ +Phylloscopus bonelli orientalis+
=Bis Vranje=:
+Cettia cetti+
=Bis Nisch=:
+Emberiza melanocephala+ +Calandrella brachydactyla moreatica+ +Lanius senator+
=Bis Palanka=:
+Budytes flavus feldeggi+ +Falco naumanni naumanni.+
Ebenso allmählich sehen wir den faunistischen Übergang in umgekehrter Richtung sich vollziehen, wenn wir von den mitteleuropäischen Formen ausgehen und deren südliche Verbreitungsgrenzen feststellen. Hierbei fällt auf, daß Arten, welche bei uns auch oder ausschließlich in den Niederungen brüten, mit zunehmender Annäherung an die mediterrane Klimaprovinz das Flachland mehr und mehr räumen, um sich dafür im kühleren Gebirge anzusiedeln. Im mittleren Mazedonien sind diese Verhältnisse schon scharf betont. Dort brüten nicht im Tiefland und der submontanen Region, sondern
a) ausschließlich in den Wäldern der montanen, ja oft sogar in denen der subalpinen Region:
+Serinus canaria serinus, Fringilla coelebs, Emberiza citrinella, Emberiza cia, Anthus trivialis, Certhia familiaris, Certhia brachydactyla, Ficedula albicollis, Phylloscopus collybita, Turdus philomelos, urdus viscivorus, Turdus merula, Erithacus rubecula+;
b) nur in der alpinen Region:
+Alauda arvensis, Saxicola rubetra, Prunella modularis, Phoenicurus ochruos gibraltariensis.
Die Nordgrenze Serbiens bildet annähernd die südliche Verbreitungsgrenze für:
+Budytes flavus flavus+ +Phylloscopus trochilus trochilus+ +Hippolais icterina+ +Sylvia hippolais hippolais+.
Bis zur Südgrenze geschlossener Fichtenwaldungen (Kopaonik-Planina, vielleicht sogar Schardakh) reicht das Brutgebiet vieler echter Nadelwaldbegleiter:
+Spinus spinus+ +Parus cristatus+ +Parus atricapillus assimilis+ +Tetrao urogallus+ +Nucifraga caryocatactes+ +Picoides tridactylus+ +Cryptoglaux funerea+ +Pyrrhula pyrrhula+.
Es sind ferner nach unserer Kenntnis verbreitet:
=Bis zum Fuße des Schardakh=:
+Picus canus canus+ +Dryobates major pinetorum+.
=Bis zur Golesniza bzw. Babuna Planina=:
+Emberiza citrinella+ +Certhia familiaris+ +Prunella modularis+ +Ficedula albicollis+ +Jynx torquilla+ +Turdus philomelos+ +Phylloscopus collybita+ +Phylloscopus sibilatrix+ +Phoenicurus phoenicurus phoenicurus+ +Columba oenas oenas+.
=Bis zur Linie Belasiča Planina -- Mala Rupa -- Baba Planina=:
+Parus communis+ +Saxicola rubetra+ +Alauda arvensis+.
=Bis zur Wardarmündung=:
+Passer montanus+.
=Bis Nordgriechenland=:
+Sturnus vulgaris+.
Neben einer südöstlichen Einwanderung (von Kleinasien her) und einer nördlichen (von Mitteleuropa her) hat auf der Balkanhalbinsel nach aller Wahrscheinlichkeit auch eine solche von Nordosten, d. h. von den Tiefländern am Nordrand des Pontus her bestanden. Die Mehrzahl der Arten, die wir hierzu rechnen, hat die doppelte Schranke, welche ihnen Balkan-Gebirge und Thrakische Masse auf ihrem nach dem Adriatischen und Ägäischen Meer gerichteten Vordringen entgegenstellten, nicht zu überwinden vermocht. Zu den wenigen, die bis nach Mazedonien gelangten, gehören vielleicht +Melanocorypha calandra+, +Lanius minor+, +Falco vespertinus+, +Asio flammeus+, +Otis tetrax+.‟
Auch über den Vogelzug konnte manche Beobachtung gemacht werden. Es ist wohl keine Frage, daß eine wichtige Zugstraße durch Mazedonien führt. Manche Vögel, die hier vorkommen, müssen aus den verschiedenen Gebieten des Nordens stammen. Bei manchen ist wohl mit Sicherheit anzunehmen, daß sie nordrussischer Herkunft sind. So erscheinen mit großer Regelmäßigkeit als Wintergäste in Mazedonien der Bergfink, die Singdrossel sowie +Falco columbarius aesalon+ und +Anser albifrons+.
Bemerkenswert ist die Tatsache, daß im Frühjahr die Vögel kaum früher ankommen als in Mitteleuropa. Die Mehrzahl der Zugvögel kommt bei Monastir, Veles und Üsküb kaum 14 Tage früher als bei Wien oder München an, oft ist der Unterschied noch geringer.
Beim Herbstzug zeigt sich dagegen ein gewisser Unterschied, indem in Mazedonien die Vögel länger zögern. Manche Art, wie z. B. +Sylvia hippolais+, +Sylvia atricapilla+, +Sylvia curruca+, +Saxicola rubetra+ findet man noch im Lande, nachdem sie aus Mitteleuropa schon wochenlang vollkommen verschwunden sind. Regelmäßig überwintern, von den spezifisch südosteuropäischen Arten und +Phylloscopus collybita+ abgesehen, in Mazedonien ungefähr dieselben Arten wie am Niederrhein. Das ist ein Unterschied gegenüber Griechenland mit seinem maritim beeinflußten Klima, wo z. B. die Mönchsgrasmücke und +Phylloscopus trochilus+ den Winter in großen Scharen zubringen. Manche Arten scheinen auch auf Frühjahrs- und Herbstzug länger Station in Mazedonien zu machen. Ich erwähnte in einem früheren Kapitel die ungeheuere Menge von Wildgänsen und Enten, die einige Wochen vor Weihnachten im Wardartal und an den Seen verweilten, ehe sie definitiv verschwanden.
Von den Beobachtungen, welche Professor _Müller_ über die _Reptilien_ und _Amphibien_ in Mazedonien gemacht hat, habe ich in den früheren Kapiteln schon manches angeführt. Ganz interessant waren seine Feststellungen, daß manche Arten, die früher für Varietäten gehalten wurden, hier so konstant gemeinsam miteinander vorkommen, ohne daß man je eine Kreuzung antrifft, daß seine Befunde wohl sicher als Beweise dafür dienen können, daß es sich um gute Arten handelt. Das gilt z. B. für die große Smaragdeidechse (+Lacerta major+ Blgr.), welche sehr häufig mit +Lacerta viridis+ Laur., gemeinsam lebt. Auch für die gestreifte mazedonische Eidechse gilt dies, die mit der eigentlichen Mauereidechse in großer Anzahl auf demselben Gelände vorkommt, sobald man über 500 m in die Höhe steigt. Prof. _Müller_ hat das besonders am Babunapaß schön beobachtet, wo beide Arten auf den Steinen des Izvorsticabaches durcheinander wimmelten, ohne daß man auch nur eine einzige Zwischenform finden konnte. Es handelt sich in dieser Eidechse um eine Lokalform einer hauptsächlich auf den Cykladen lebenden Eidechsenart. Jene Art hat den Namen +Lacerta milensis+ de Bedr.; der mazedonischen Form wird Prof. _Müller_ einen neuen Namen geben.
Sehr interessant waren folgende Eidechsenfunde von uns: +Lacerta agilis+ auf dem Peristeri, was den südlichsten bisher bekannten Fundort darstellt. Ebenso die Entdeckung von +Lacerta vivipara+ und der Schlange +Vipera macrops+ im Schardakh. Dort haben wir ja auch +Rana temporaria+ gefunden.
Im Babunagebiet fand sich +Ablepharus pannonicus+. Sonst sind die interessanten Funde meist in früheren Kapiteln besprochen worden.
Im allgemeinen besteht die Reptilien- und Amphibienfauna aus Formen, die auch in Mitteleuropa vorkommen. Südliche Elemente unter den charakteristischen Bewohnern Mazedoniens sind +Rana graeca+, +Molge vulgaris graeca+, +Clemmys caspia rivulata, estudo graeca und ibera+, +Gymnodactylus kotschyi+, +Ophisaurus apus+, +Lacerta major+, +Lacerta milensis+, +Typhlops vermicularis+, +Eryx jaculus+, +Zamenis dahli+, +Coluber leopardinus+, +Coluber quatuorlineatus+, +Tarbophis fallax+, +Coelopeltis monspessulana+, +Vipera ammodytes+ (Abb. 268).
Soweit wir feststellen konnten, gehen von diesen Formen im Wardartal nur folgende nordwärts über Demir Kapu hinaus: +Molge vulgaris graeca+, +Testudo graeca+ und +Testudo ibera+, +Lacerta major+ und +milensis+, +Coluber quatuorlineatus+ und +Vipera ammodytes+.
Von östlichen Formen sind hervorzuheben: +Lacerta taurica+, +Ablepharus pannonicus+ und +Zamenis caspius+. Auch der große Lachfrosch kann als östliche Form angesprochen werden.
Eine vollständige Liste der von uns beobachteten Amphibien und Reptilien ist im Anhang zu diesem Kapitel verzeichnet.
Auch den Süßwasserfischen konnten wir aus mancherlei Gründen kein allzu vertieftes Studium widmen. Immerhin wurden eine ganze Anzahl Fische erbeutet, die sich auf 5 Familien, 14 Gattungen verteilten und 20 Arten angehörten. Sie wurden bei Schilderung des Fanges in den einzelnen Kapiteln schon erwähnt und zum Teil in Lebensgewohnheiten geschildert. Eine Liste ist in den Anmerkungen zu diesem Kapitel angeführt. Aus ihr geht hervor, daß es sich wesentlich um Formen mitteleuropäischer und Mittelmeerflußgebiete handelt.
ACHTUNDDREIZIGSTES KAPITEL
Ochrida
Die Stadt _Ochrida_ und der blaue See, an dem sie liegt, galt in der Armee als der Glanzpunkt von Mazedonien. Jeder, der ihn dienstlich hatte sehen dürfen, wurde beneidet, und als im Sommer des Jahres 1918 den Offizieren Erholungsausflüge im Bereich des Kriegsschauplatzes gewährt wurden, war Ochrida das beliebteste Ziel. Das verdiente es auch, denn mit der reizvollen Lage der Stadt verband sich die Schönheit des Sees und ein angenehmes Klima. Dazu kam der Reichtum an historischen Erinnerungen, welcher die Stadt zu einem Nationalheiligtum der Bulgaren machte.
Der Weg nach Ochrida, welcher gewöhnlich eingeschlagen wurde, führte vom Endpunkt der Feldbahn in Lera, am Nordende des Prespasees vorbei über die Stadt _Resna_. Diese flach in der Ebene nördlich des Prespasees gelegene Stadt war von reichtragenden, gut bewässerten Feldern und Gärten umgeben. Sie wurde als Geburtsstadt _Enver Paschas_ bezeichnet. Doch war auch sie von vielen Bulgaren bewohnt und oft ein Zentrum nationaler Bewegungen gewesen. Von ihr aus führte eine ganz ordentliche Straße über das _Petrinagebirge_, welches in einer Paßhöhe von etwa 900 m überschritten wurde. Dort war ein stattlicher Buchenwald, der in der Höhe von Tannen abgelöst wurde. Auch dies Gebirge machte einen interessanten Eindruck und es wäre eine lockende Aufgabe gewesen, seinen Übergang ins Gebiet des Tomoros zu verfolgen. Doch hieß es diesmal eilen; denn von Ochrida hatten in Resna aufregende Nachrichten uns ereilt.
Die Feinde hatten wieder einmal am schwächsten, westlichen Flügel unserer Stellungen, an der albanischen Grenze, eine Offensive eingeleitet. Diese hatte bei den schwachen österreichischen Truppen, welche diesen Flügel hielten, kaum Widerstand gefunden. Zwei französische Divisionen sollten im Vorrücken sein und hätten schon Pogradeč und damit das Südende des Sees in Händen. So sollte auch dieser See mir nur teilweise zugänglich sein. Da galt es zu eilen, um überhaupt noch Forschungen auf dem See durchführen zu können; denn die Feinde sollten heftig weiter vorstoßen. Einen sehr deprimierenden Eindruck hatte mir der österreichische Kommandant gemacht, den ich im Offiziersheim in Resna auf der Flucht angetroffen hatte. Er hatte offenbar nach seiner Niederlage vollkommen Nerven und Besinnung verloren und war abgesetzt und zurückbefohlen worden.
Sehr gespannt auf die Zustände, die ich in _Ochrida_ antreffen sollte, setzte ich meine Fahrt mit möglichster Beschleunigung fort. Die Straße hatte an den Abhängen des Gebirges einen großen Bogen nach Norden gemacht. Bei der Fahrt das Gebirge abwärts verfolgten wir das schöne Tal der _Opinča_ eine längere Strecke. Dieser starke, klare Bach fließt rauschend zwischen Steinblöcken dem Ochridasee zu; seine malerischen Ufer sind von stattlichen Pappeln und Weiden bestanden. Zahlreiche _Wasseramseln_ flogen über sein Wasser von Stein zu Stein, von unserem Wagen aufgeschreckt. Wir hatten auf unserer Fahrt ein gut Stück der römischen _Via Egnatia_ befahren.
Trotz allen Staubes und der herbstlichen Trockenheit machte die Umgebung von _Ochrida_ einen freundlichen Eindruck, als die Stadt sich vor uns erhob; ein großer Teil von ihr bedeckte die Hänge eines steil ansteigenden Hügels, die von den Mauermassen einer großen türkischen Festung gekrönt sind. Wie schön leuchtete uns die blaue Fläche des Sees zwischen den weißen Mauern entgegen, als er endlich vor uns auftauchte. Das war nun wirklich ein blauer See. Er war blauer als der Gardasee, so blau wie die Adria oder der indische Ozean. Er versprach mir Wunder von Schönheit, als ich etwas erregt in die belebten, von Truppen wimmelnden Straßen der Stadt einfuhr.
Es war für Mazedonien eine große Stadt, auch zur Zeit meines Besuchs muß sie über 10000 Einwohner beherbergt haben. Das Auto fuhr mich durch die holprigen Straßen bis an den Hafen herunter, wo sich ein prachtvoller Blick auf die weite Fläche des Sees und die blauen Berge eröffnete, die ihn umrahmen.
_Ochrida_ spielt in der Geschichte Mazedoniens eine nicht geringe Rolle. Fast 900 Jahre lang war es der Sitz des bulgarischen Patriarchen. Im 10. Jahrhundert war es die Hauptstadt des damals einen großen Teil der Balkanhalbinsel umfassenden bulgarischen Reiches. Auch der letzte bulgarische _Zar Samuel_ residierte hier; nach der Vernichtung des bulgarischen Reiches durch den byzantinischen Kaiser _Basileios II Bulgaroktonos_ verlor Ochrida jede politische Bedeutung. Aber es behielt für den Balkan ein großes kirchliches Ansehen, denn sein Erzbischof blieb das unabhängige Oberhaupt der bulgarischen Kirche und nannte sich als solches Patriarch „von ganz Bulgarien, Serbien, Albanien und dem westlichen Meere‟. Das hatte allerdings oft nur bildliche Geltung.
Die historische Bedeutung der Stadt spricht sich in dem Bestand von altbulgarischen kirchlichen Gebäuden aus, an denen Ochrida und seine Umgebung reich ist. Schon gleich bei meiner Ankunft bekam ich den Eindruck des Überwiegens bulgarischer Bevölkerung. Die Namen der Listen des Quartieramtes waren zumeist bulgarisch. Auch mein Quartierwirt war Bulgare mit Namen Kazareff, doch stellten die Frauen des Hauses sich als _Aromunen_ heraus. Die Männer aus ihren Familien waren wegen der Bedrückungen vor Jahren nach Rumänien ausgewandert. Auch die Nachbarn waren Aromunen und in ihrem Haus sah ich die schönste Frau, die ich auf dem Balkan angetroffen habe; es war eine stolze, schlanke Erscheinung mit schönen Gesichtszügen, großen dunklen Augen, braunem Haar und so eigenartig geschmackvoll gekleidet, daß sie auffallen mußte. Ich hatte den Eindruck, daß griechisches oder römisches Blut in ihren Adern fließen müsse.
Außer Aromunen spielen Albaner in der Bevölkerung von Ochrida eine große Rolle; nächst den Bulgaren sind sie an Zahl vorherrschend. Jetzt nach der Besetzung durch die verbündeten Truppen wagten sie sich nicht mehr hervor, früher hatten sie die Christen in Ochrida sehr schlecht behandelt, gequält und geknechtet, wie noch aus Berichten aus den Jahren 1889 und 1904 hervorgeht.
Mein Quartier war besonders schön und günstig gelegen; es war ein großer Saal in einem stattlichen Haus am Hang des Vorgebirges, an welchem die Stadt am weitesten in den See hineinreichte. Aus den großen Fenstern hatte ich einen prachtvollen Blick über einen Teil der Stadt, auf den Hafen und weithin über den See hinaus. Die Einrichtung war die übliche, doch auffallend gut erhalten und reinlich, die Wirte ganz besonders freundlich.
Verpflegung fand ich in der österreichischen Offiziersmesse, Hilfe für wissenschaftliche Untersuchungen in dem kleinen Laboratorium des österreichischen Lazaretts. Von den Zuständen, die ich dort vorfand, muß ich einiges erzählen, da sie so außerordentlich charakteristisch sind und deutlich zeigen, warum Österreich im Krieg nicht durchhalten konnte.
Die Offiziersmesse der Österreicher lag dicht am Hafen; sie war nett und sauber eingerichtet; man merkte die Frauenhand, die in ihr waltete. Bei der ersten Mahlzeit lernte ich in der Leiterin eine Grazerin, Tochter eines mir wissenschaftlich bekannten Zoologen kennen, die mit großer Energie nicht nur diese Verpflegungsanstalt in Ordnung hielt, sondern auch mit einer anderen österreichischen Frau tapfer in dem Lazarett mitarbeitete. Abends hatte man Gelegenheit mit den österreichischen Offizieren zu sprechen, welche alle mutloser und zielloser waren als diese Frauen; weniger bereit auszuharren als diese. Offenbar war die Leitung an dieser Front energielos und unfähig gewesen. Malaria und andere Seuchen hatten die Truppen sehr geschwächt; bei vielen Abteilungen waren 60-80% der Mannschaften krank. Die sanitären Maßregeln wurden bei weitem nicht so streng und konsequent durchgeführt als bei den deutschen Truppen.
Zudem bestanden die Truppen aus Kroaten, Dalmatinern und Bosniern, die alle nicht wußten, wofür sie hier kämpfen sollten. Auch die Offiziere waren nur zum Teil gut und tüchtig; es waren schneidige, begabte, tüchtige Männer unter ihnen, aber durchweg spielte die Neigung zu gutem und behaglichem Leben eine allzugroße Rolle. Die Gespräche am Abendtisch zeigten, wie planlos und schwächlich diese Männer meist dachten. Merkwürdig stach von ihnen die Tatkraft und das energische Denken der beiden Frauen ab.
Daß die Front solange sich noch gehalten hatte, war den kleinen deutschen Abteilungen zu verdanken, welche mit Aufopferung trotz großer zahlenmäßiger Unterlegenheit die Feinde aufgehalten hatten, bis deutsche und bulgarische Hilfe herankam. Ein blutjunger Leutnant, der den Ruinenhügel bei Pogradeč gegen eine große feindliche Abteilung mit seinen Maschinengewehren so lange gehalten hatte, bis der Rückzug über den See gedeckt war, saß an dem zweiten Abend bei mir und erzählte in bescheidenster Weise von seinen Erlebnissen. Er war blaß und erregt, bis er den letzten seiner Mannschaft glücklich in Ochrida gelandet wußte.
Unterdessen kamen immer mehr deutsche Truppen an. Auch für ihre Offiziere sorgten die österreichischen Damen; der Stab der neugebildeten Ochridadivision unter ihrem General _Posseldt_, den wir schon aus dem Hain Mamre kennen, wurde in den ersten Tagen in der österreichischen Offiziersmesse mit den österreichischen Offizieren verpflegt. Und alles klappte vorzüglich.
Bald brachte die Division die Feinde am Seeufer im Westen, bei _Lin_ zum Stehen und damit war Ochrida gerettet. Für mich war also die Möglichkeit gegeben, meine Arbeiten fortzusetzen. Der Stab verließ bald die Offiziersmesse und siedelte sich in einem kleinen weißen Haus unterhalb meines Quartiers an. Es stand auf einer Terrasse, welche hoch über den See aufgebaut war, zu dem steile Treppen hinunter führten. Das Haus wurde Schloß genannt war, während das Land serbisch war, für den König von Serbien gebaut worden und jetzt im Besitz des Zaren von Bulgarien. Ich werde nie die höfische Komödie vergessen, welche sich um die Verwendung des Schlößchens als Stabsquartier telephonisch und telegraphisch abspielte, bis das Haus schließlich doch vom Stab geräumt werden mußte.
Während all dieser Ereignisse hatte ich Zeit genug gehabt, mich in der Stadt Ochrida umzusehen und ihre Umgebung zu durchstreifen. Die Stadt verdient eine knappe Beschreibung; denn sie ist in mancher Beziehung recht eigenartig.
Sie ist in der Hauptsache auf zwei Hügeln aufgebaut, welche beide von Ruinen türkischer burgartiger Befestigungen gekrönt sind. Ein großer Teil der Stadt erstreckt sich im Tal bis an den Seestrand und hinter den Hügeln weithin in die Talebene. Steile Gassen mit steinigem holperigem Pflaster führen den Hügel hinan; bis zur Zitadellenruine hinauf ist es eine gehörige Kletterei. Die Häuser in den Straßen sind die üblichen mazedonischen Bauwerke mit den vorragenden oberen Stockwerken, die Gassen meist eng und schattig. Am See wohnen Fischer und Schiffer; am Hafen zieht sich eine lange Reihe großer weißer Gebäude hin, welche damals meist als Büros und Lazarette verwandt waren.
Als muhamedanische Stadt würde man Ochrida nicht ohne weiteres erkennen; Moscheen und Minarets spielen im Stadtbild keine wesentliche Rolle. Vom See aus z. B. sieht man kein einziges Minaret, sie liegen alle im Teil der Stadt hinter dem Kastellhügel. Aber auch die interessanten, alten christlichen Kirchen ragen nicht stark hervor; sie sind relativ klein und bescheiden. Am meisten treten hervor eine neuere viertürmige Kirche ohne besonderen Charakter und ein sehr geschmackloses grelles Schulgebäude, welches ein wertvolles altes Tabernakel verdrängt hat.