Part 42
Bemerkenswert, weil bezeichnend dafür, wie abhängig man beim zoologischen Beobachten vom Zufall ist, oder vielmehr von der Zeit und der Örtlichkeit, an die man gerade gerät, ist die Tatsache, daß ich damals im Juli 1918 am Prespasee kaum solitäre Bienen beobachtete, während ich bei meinem ersten Besuch, am 22. Aug. 1917, in den Niederungen nördlich vom See, deren eine Menge fing. So erbeutete ich damals allein neun echte +Halictus+-Arten, darunter +H. morbillosus+ Kriechb., eine typisch östliche Art, welche von Ungarn bis weit nach Kleinasien vorkommt. Vielfach waren es zweite Generationen, die gerade jetzt zur Stelle waren, so z. B. von +Andrena carbonaria+ Scop. Außer den solitären gab es damals auch zahlreiche Honigbienen, und zwar die gewöhnliche deutsche Biene und die griechische (+Apis mellifica+ var. +cecropia+ L.).
Wir anderen, vor allem Dr. _Nachtsheim_, waren unterdessen mit Untersuchungen auf dem See beschäftigt. Hier zeigte sich, wie im Doiransee, ein großer Reichtum an _Algen_ im Wasser. Auch Peridineen in großer Zahl traten auf. Das _tierische_ Plankton war reich vor allem an _Krebsen_. Unter ihnen waren +Daphniden+ und +Copepoden+ etwa gleich stark vertreten. Unter letzteren traten +Diaptomiden+ besonders hervor. +Diaptomus Steindachneri+ kam in verschieden großen Rassen vor. Ähnlich wie im Doiransee gab es hier auch eine schöne, durchsichtige Form von +Leptodora+. Sie war aber nicht sehr reichlich vorhanden, trat hauptsächlich in Fängen aus Tiefen von 5-12 m auf, weniger an der Oberfläche. Auch hier waren Muschellarven in Mengen im Plankton vertreten.
Daß in diesem See bei der geringen Tiefe, die er erreicht, keine solche Variation in den Fängen durchgeführt werden konnte, wie im Ochridasee, ist zu verstehen. So nahmen wir uns vor, nach diesen ersten Feststellungen zu anderen Jahreszeiten wiederzukehren. Das hätte interessante Resultate versprochen. Leider kam der Rückzug dazwischen und verhinderte die beabsichtigte Vertiefung unserer Seenforschungen auf allen vier Seen Nordmazedoniens.
SECHSUNDDREISSIGSTES KAPITEL
RITT ÜBER DEN TOMOROS.
War es auch nur ein flüchtiger Ritt, den ich durch das _Tomorosgebirge_ machen konnte, ich werde nie bereuen, die Anstrengungen auf mich genommen zu haben, um einen Blick in das ganz eigenartige Gebirge zu tun. Schon die Aussichten, welche mir beim Anstieg auf den _Prespasee_, beim Abstieg auf den _Ochridasee_ zuteil wurden, gehören zu den schönsten landschaftlichen Eindrücken, welche ich von diesen malerischen Seen Mazedoniens mitgenommen habe.
Vor Tagesanbruch stand mein Wagen vor meinem Quartier in _Podmocani_ an der Nordostecke des Prespasees bereit; ich hatte eine lange Fahrt um das ganze Nordende des Sees vor mir, ehe ich in _Volkoderi_ an seiner Nordostecke anlangte, wo mich früh 6 Uhr Reitpferde erwarten sollten, welche mir der Stab der oben auf dem Tomoros liegenden bulgarischen Division versprochen hatte.
Ich hatte einen großen Bogen um das Sumpfland durch die Parklandschaft zu machen, ehe ich an den Fuß der Berge gelangte. Im Morgendunst bot der silbrig glänzende See manchen reizvollen Blick. Während die Berge im Osten im Nebel verschwanden, stiegen die Gebirge und die Halbinsel Vakufče im Westen dunkelblau aus dem See empor. Ganz köstlich hoben sich die Silhouetten von langen Pappelreihen und mächtigen Ulmengruppen vom Silberspiegel des Sees ab, wenn wir um sie und sein Wasser nordwärts ausbiegen mußten.
Als nun im Osten die Sonne heraufstieg, vergoldete sie die kahlen Flanken des _Tomoros_, der immer höher vor uns sich erhob. Immer weiter streckte sich das Vorgebirge in den See hinaus, in der Ferne erkannte man bloß die Umrisse der Insel mit dem Kloster Sv. Peter. Schluchten wurden an den Abhängen des Berges vor uns sichtbar und zeigten uns einen schwierigen Weg zu den Wäldern in der Höhe an. Indem wir jetzt die Hügel hinanfuhren, tauchten auch im Süden schön geformte Berge auf, welche die Nordwestecke des Sees als Bucht vor uns abschlossen.
Wundervolle Blicke auf den blauenden See wechselten in reicher Fülle ab, als ich und mein Kamerad, Leutnant _Müller_, der Weggenosse bei der Peristeribesteigung, nun zu Pferde die Vorberge hinanritten. Wir hatten zunächst kahles, menschenleeres Gelände zu durchreiten; ehe wir bei _Pescani_ den Ochridasee erreichten, trafen wir auf keine menschliche Siedelung mehr.
Nach 1½stündigem Ritt gelangten wir durch niederes Eichengebüsch in ein schön bewaldetes Tal. Sehr bemerkenswert war schon hier der Mangel an Wasser. Alle Schluchten lagen trocken, keinen Quell trafen wir an. Der Wald, obwohl er stattliche Bäume enthielt, blieb licht und enthielt reichlich Unterholz. Er war hauptsächlich aus Buchen zusammengesetzt. Schöne grüne Waldwiesen waren reichlich in ihn eingefügt.
Auf ihnen tummelte sich eine formenreiche Insektenwelt. An den heißen Hängen des Tomoros fiel die Farbenpracht vieler Insekten besonders auf. Groß war der Reichtum an _Bläulingen_; unter ihnen gab es nicht nur leuchtend blaue Arten, sondern auch die rotgolden blinkenden Formen und jene mit den eigenartigen Fortsätzen an den Flügeln. Ich nenne von ihnen +Thekla spini+ Schiff., +Th. ilicis+ Esp., +Chrysophanus virga aurea+ L., +Lycaena argus+ L., +L. astrarche+ Bgstr., +L. admetus+ Esp. Diese Reihe von Namen soll einen Begriff von dem Formenreichtum geben, der unter diesen farbenprächtigen Faltern hier vertreten war.
Von Käfern waren besonders auffallend die grüngolden schimmernden _Rosenkäfer_ (+Cetonia aurata+ var. +tumiicta+ Reit. und var. +viridiventris+ Reit.). In dem gemischten Bestand von Buchen, Eichen, Ahorn und Linden fanden sich manche von den Bäumen abhängige Käfer, wie der schöne gefleckte _Alpenbock_ (+Rosalia alpina+ L.).
Um beobachten und sammeln zu können, banden wir unsere Pferde zeitweise an Sträucher oder Bäume an, in deren Umgebung sie reiche Weide fanden. So kamen wir langsam unter manchen interessanten Beobachtungen in die Höhenzone, in der der Wald allmählich abnahm. Buschwerk löste ihn ab, zwischen welchem sich hier und da ein höherer Baum erhob.
Nun gelangten wir allmählich in eine ganz eigenartige Landschaft, in welcher wir jetzt für anderthalb Tage blieben. Das Gebirge des Tomoros ist zum großen Teil aus Kalk aufgebaut. Und zwar trägt es einen ausgesprochenen _Karst_charakter. Dem entspricht die Trockenheit und Wasserarmut. Vor allem aber ist die Oberfläche des Gebirges von einer ganz seltsamen Struktur.
Kahl dehnen sich weite Flächen vor den Augen aus, grell von der Sonne bestrahlt. Aber die Eintönigkeit der Oberfläche ist von einer Unmenge von Schattenflecken unterbrochen, welche eine eigenartige Modellierung verraten. Löcher und Trichter sind oft seichter, oft tiefer in den Boden eingesenkt und verraten die eigenartigen Kräfte, welche hier an der Bodengestaltung tätig sind. Es ist eine echte _Karstlandschaft_ mit ihren _Dolinen_, den Einsturztrichtern, die, mit Vegetation erfüllt, dunkel von der dürren, weißblinkenden Kalksteinfläche sich abheben.
_Karst_ traf ich hier während meinen mazedonischen Wanderungen zum ersten Male in größerer Ausdehnung an. Diese Gebirgsform ist im Inneren der Balkanhalbinsel nicht allzu häufig, während sie im Westen eine große Rolle spielt. In Istrien, Dalmatien, Bosnien und der Herzegowina ist sie vorherrschend. Speziell in Südkrain, dessen Gebirge sie den Namen verdankt, ist diese Formation verbreitet. Ihre Dolinen, Höhlen, im Boden versinkenden und plötzlich als mächtige Flüsse hervortretenden Bäche haben sie berühmt gemacht. In kleinerem Maßstab hatte ich früher Karstlandschaft in der _Golesniza Planina_ angetroffen und im 26. Kapitel beschrieben.
Eine solche _Karstlandschaft_ füllt nun den zentralen Teil des Tomorosgebirges aus. Ringsum dehnt sich steiniges Gebiet, hier und da durch die dunkeln Laubmassen von Gehölzen und Gebüschen unterbrochen. Es waren zum Teil Bilder von großer malerischer Schönheit, welche ich durchritt, um die Gipfelregion zu erreichen.
Hell flimmerte die Sonne auf den weißen Kalktrümmern der Oberfläche, zwischen denen saftig grüne Rasenflächen und dichte Polster einer mehr und mehr alpin erscheinenden Pflanzenwelt sich ausbreiteten.
So war der Charakter der Landschaft, in welcher sich die Stellungen der bulgarischen Division hinzogen, in deren Stab ich mit meinen Begleitern gastliche Aufnahme fand. Ein kleines Tälchen, in der Höhe von etwa 1900 m gelegen, überragt von den Gipfelspitzen des Gebirgs, beherbergt die Hütten, die auch hier praktisch im Windschutz angelegt, mit Heizungseinrichtungen für den Winter versehen, uns aufnahmen.
Obwohl es 22. Juli war, herrschte in der Höhe eine erfrischende Kühle, die bulgarischen Offiziere, welche uns sehr freundlich begrüßten, zeigten auch hier starkes Interesse für meine Forschungen. Ja, einer von ihnen sammelte sogar Insekten. Mit ihm machte ich noch am Nachmittag Streifzüge in der außerordentlich interessanten und reizvollen Umgebung.
Es gab viel auf- und abzuklettern; denn Hügel, Felsen, Schluchten und Tälchen wechselten beständig miteinander ab. Die Quartiere lagen noch etwas unterhalb der Waldgrenze, so daß Hügel und Schluchten noch stattliche Buchen trugen. Eine reiche Pflanzenwelt wuchs zwischen dem Geröll, Doldenpflanzen, Disteln, Glockenblumen, Königskerzen waren in mannigfachen Arten vertreten. Leider hatte ich diesmal keinen Botaniker bei mir, so daß ich keine genauen Angaben über die sicher sehr interessante Pflanzenwelt der Gipfelregion des Tomoros machen kann.
Südwärts von den Stellungen der Bulgaren erhoben sich noch höhere Gipfel, die teils noch zum _Tomoros_, teils zum anschließenden Gebiet des _Malisat_ gehörten. Dort drüben lagen französische Truppen. So war es nicht möglich, viel weiter südlich vorzudringen. Zwar reizten die schönen klaren Formen der Berge, verklärt vom abendlichen Licht, die Sehnsucht des Naturforschers. Aber die Zeit war mir knapp zugemessen; ich mußte am nächsten Abend in Ochrida ankommen.
Es war ein langer, ermüdender Weg, der am nächsten Morgen uns im Fußmarsch in westlicher Richtung das Gebirge hinab zu dem schönsten See Mazedoniens führte. Auch abwärts führte der Weg zunächst durch typisches Karstgebiet. Hier trafen wir eine Anzahl typischer Dolinen an, tiefe trichterförmige Einsenkungen in den Boden, welche im Grund von üppiger Vegetation erfüllt waren. Kahle Kalkbuckel in unendlicher Folge, mit einer gewissen Regelmäßigkeit angeordnet, erzeugten Landschaftsbilder von einer so phantastischen Eigenart, daß man sich auf einen fremden Weltkörper versetzt glauben konnte.
Vertrauter wurde das Landschaftsbild in der Region hochstämmigen Buchenwalds, dessen Waldwiesen wiederum reich an Insekten waren. Auf alten Eichen kam hier der _Eichenbock_ (+Cerambyx cerdo+ L.) vor; dort fand sich auch der mächtige +Proceros gigas+ L. Von Schmetterlingen gab es hier und weiter oben eine Anzahl Gebirgsformen und typisch südliche Arten. Ich erwähne den _Scheckenfalter_ (+Melanargia larissa+), eine gelb und weiße Form ähnlich der +taurica+. Zwei schöne _Augenfalter_ flogen hier (+Satyrus hermione+ L. und +S. briseis minor+ Oberth.), ein südliches Tier. Wie am Peristeri kam +Actaea cordula+ Fabr. vor und als charakteristische Hochgebirgsform +Epinephele lycaon+ Rott, ein Verwandter unseres _Sandauges_.
Auch hier flatterten ähnliche _Bläulinge_, wie ich sie beim Aufstieg angetroffen hatte, und zwischen ihnen dickköpfige Hesperiden, so +Hesperia cinare+ Rbr. und +Carcharodes altheae+ Hb. Als wir den Wald verließen, strahlte tief unter uns zum ersten Male der blaue Spiegel des Ochridasees auf. Steinige, schwach bebuschte Buckel bildeten den Vordergrund, hinter welchem still und klar der See sich breitete, den im Westen die Ketten der albanischen Berge abschlossen. Wie eine italienische Landschaft lag das Uferland vor uns; große weiße Wolken schwebten am westlichen Himmel.
Das Städtchen _Pescani_ am Ostufer des Ochridasees war unser Ziel; dort sollte uns ein Motorboot aus Ochrida erwarten. So mußten wir aus der Gipfelregion des Tomoros ein gut Stück nordwärts wandern, um nicht in das Gebiet der feindlichen Front zu geraten. In diesem einsamen, menschenleeren Gebiet wäre ein Abirren gefährlich gewesen. Doch bald erkannte ich bekannte Gegenden und konnte die Führung übernehmen.
Ein steiler Weg führte uns über einen gut angebauten Hügel mit meist abgeernteten Feldern, schönen Gruppen von Ulmen und Obstbäumen zu dem malerischen Ort Pescani hinunter. Am Strand hatten wir eine Zeitlang auf unsere Lasttiere zu warten, welche unsere Ausrüstung zu tragen hatten.
Wir hatten uns dabei nicht zu langweilen; denn die Landschaft, die vor uns lag, konnte sich mit den schönsten der Welt messen. Schon beim Abstieg hatte das Südende des Sees, die Gegend von _Pogradec_ und _Sv. Naum_ als prachtvolles Bild vor uns gelegen. Welch wundervollen Umriß boten einander überschneidend die stolzen Pyramiden des Tomoros und Malisat, von denen wir etwas Abstand gewonnen hatten. Vorgebirge in Hügeln endend, ragten eines vor dem anderen in den dunkelblauen See hinaus, jedes in sanften violetten Tönen das andere überbietend. Ein leichter Wind warf blinkende Streifen über den See, in dessen Flut die weißen Wolkenballen gespiegelt auftauchten. Und je mehr wir uns dem Strand näherten, um so reizvollere Rahmen bildeten die Baumgruppen, die Häuser von Pescani, die Schiffe im Hafen um die sonnendurchglühte Landschaft.
In einstündiger Fahrt brachte das Boot uns nach Ochrida. Allmählich hob sich die weißblinkende Stadt aus dem blauen Wasser vor uns empor mit den Ruinen der alten Festung als Bekrönung des Stadtbergs über sich. Die schön geformten albanischen Berge längs des Drintals gaben dem farbigen Bild eine harmonische Abgrenzung.
Immer bunter wurde das Bild, je mehr Einzelheiten im Stadtbild sichtbar wurden; Kirchen, Kuppeln, Türme tauchten auf; die weißen Mauern der Häuser, die roten und grauen Dächer, die gelblichen Felsen stimmten eigenartig zusammen mit der Fülle von Pappeln, Obstbäumen, Erlen und Weiden, die hier selbst im Hochsommer die Seenähe in frischem Grün erhalten hatte.
Seltsam stach von dieser Fülle von Farben das indigoblaue Wasser des Sees ab, das gegen das Land hin heller und heller wurde und schließlich mit einem leuchtend grünen Streifen an das von weißen Steinen besäte Ufer grenzte. Von schönen Eindrücken erfüllt, warm von Sonne und Schönheit, stiegen wir im Hafen von Ochrida ans Land.
SIEBENUNDDREISSIGSTES KAPITEL
DIE WIRBELTIERE MAZEDONIENS
Die einzige größere Tiergruppe, bei welcher schon ein allgemeiner Überblick über unsere wesentlichen Forschungsresultate gegeben werden kann, sind die Wirbeltiere. Unter ihnen treten die Säugetiere und Fische an Zahl der Sammlungsexemplare und auch an Bedeutung der wissenschaftlichen neuen an ihnen geförderten Ergebnisse zurück. Dagegen haben die Sammlungen der Amphibien, Reptilien und Vögel mancherlei interessante Funde und Tatsachen ergeben, die in diesem Buch schon gebracht werden können. So lohnt es sich, sie hier in diesem Kapitel knapp zur zusammenfassenden Darstellung zu bringen.
Aus ihr wird hervorgehen, daß wie stets ein solcher erster Vorstoß in ein unbekanntes Land und eine im wesentlichen unbekannte Fauna nur vorläufige Ergebnisse und viele neue Fragestellungen bringt. Vor allem die Säugetierfauna bedarf noch sehr genauer Durchforschung, die viel zum Verständnis der Verbreitung der Säugetierwelt Europas beitragen dürfte. Zu einer rationellen Durchforschung der Säugetiere Mazedoniens bedürfte es des Zusammenwirkens von Sportsleuten mit Wissenschaftlern, um vor allem die Zugehörigkeit der Rehe, Hirsche, Gemsen, der Bären, Wölfe, Schakale, der Wildschweine und all der Kleinsäugetiere zu erweisen.
Nicht allzu reich waren die Erfahrungen, welche ich mit meinen Helfern über die mazedonischen _Säugetiere_ sammeln konnte. Bei der vielseitigen Tätigkeit, die sich auf wenig Mitarbeiter verteilte, kamen die Säugetiere, deren Jagd und Beobachtung so zeitraubend ist, schlecht weg. Immerhin gewann ich einen gewissen Einblick in die Säugetierwelt Mazedoniens. Auch Prof. _Müller_ beschäftigte sich so viel wie möglich mit diesen Tieren; seine Aufzeichnungen habe ich hier mit benützt.
_Fledermäuse_ flogen nicht selten in der Luft; ihre Schlafstellen in den vielen Ruinen, in alten Bäumen, so in den hohlen Platanen des Nikolatales und an anderen Orten, habe ich öfter abgesucht. Leider fing ich im Bergwerk bei Rabrovo im Mai 1918 nur mehr einige Exemplare von zwei Arten. Im Winter war nach Aussage der Soldaten der verlassene Schacht von hunderten dieser Tiere erfüllt gewesen, die aber, als ich in der Gegend ankam, ihn schon verlassen hatten.
Unter den _Nagetieren_ war die Hausmaus häufig; ich habe auch die Waldmaus gesehen. Die Ratten waren teils Hausratten, teils wohl sicher +Mus rattus alexandrinus+. Prof. _Müller_ hält die von ihm gesammelten Tiere für von beiden abweichend. Eine weißgelbe Ratte mit dunkeln Augen kam in Veles vor.
_Eichhörnchen_ sind auch in den ausgedehnteren Wäldern offenbar selten. Ein schwarzbraun gefärbtes Exemplar im Sommerkleid wurde von Prof. _Müller_ im Buchenwald oberhalb des Han Abdipasa im Babunagebirge bei 1300 m Höhe erlegt. Vom _Ziesel_ (+Citillus citillus+ L.) war im Kapitel 26 die Rede; auch in der Golesniza Planina, unserem dort beschriebenen Fundort, handelt es sich offenbar um die typische Form. Aber das Vorkommen in etwa 2000 m Höhe ist sicher bemerkenswert.
_Hasen_ gab es reichlich in den Ebenen und Hügeln Mazedoniens. Unsere Offiziere und Soldaten haben ihrer viele erlegt; allein die Flieger im Wardartal bei Dedeli haben in einem Winter ihrer über 100 zur Strecke gebracht. In ganz Mazedonien kam ein großer, stattlicher Hase vor. Über seine Zugehörigkeit kann ich noch keine näheren Angaben machen. Der +Lepus europaeus mediterraneus+ kann es nicht sein, da dieser offenbar, von Sardinien beschrieben, eine kleine Inselform ist. Die Balkanhasen müssen erst noch genauer untersucht werden.
Igel, Maulwurf und Spitzmäuse wurden von uns beobachtet und auch erbeutet. Sie scheinen sich von den unseren nicht wesentlich zu unterscheiden, wenigstens die Formen, die uns zu Gesicht kamen.
Von kleinen Raubtieren wurden Marder, Fuchs, Dachs, Wiesel, Hermelin, der Tigeriltis und die Fischotter festgestellt. Bälge bei Händlern in Kalkandelen beweisen ziemlich sicher das Vorkommen von _Luchs_ und _Wildkatze_ im Schardakh. _Wölfe_ gibt es überall in Mazedonien im Gebirge; sie wurden von unseren Soldaten am Peristeri, bei Gopes und in anderen Gebirgen erlegt. Von dem von mir mitgebrachten Wolf aus der Golesniza Planina ist im 26. Kapitel berichtet. Auch der _Bär_ wurde während meines Aufenthalts am Peristeri einmal von Truppen dort erlegt. _Schakale_ scheinen besonders im Süden nicht selten zu sein; von ihnen sah man auch schlecht erhaltene Felle gelegentlich bei Händlern.
Gar nicht so sehr selten scheint das _Wildschwein_ in den Bergen zu sein. Von vergeblichen Jagden und aufgefundenen Spuren ist ja in verschiedenen Kapiteln einiges erwähnt worden. _Reh_ und _Hirsch_ scheinen aber sehr selten und verscheucht zu sein. Sie leben wohl nur noch in den Wäldern der hohen Gebirge. Mehrfach wurden im Babunagebirge, in der Marianska Planina, und in anderen Bergen Rehe zur Strecke gebracht. Von _Hirschen_ erfuhr ich seltener; doch erwarben wir in Koinsko einmal eine schöne Decke, und ein stattliches Achtergeweih, das in der Treskaschlucht im Freien gefunden wurde, hatte ich zu sehen Gelegenheit. Es ist hier abgebildet (Abb. 267).
Mit den Wäldern sind natürlich alle diese jagdbaren Tiere immer mehr vertrieben und in die unwegsamsten Gebirgsgegenden verscheucht worden. Das gilt selbst für die _Gemsen_, welche weit außerhalb der bewohnten Gegenden leben, aber im albanischen Grenzgebiet von den Gebirgsvölkern eifrig gejagt werden. Ihr Vorkommen im Schardakh und den umliegenden Bergen konnte ich durch Erwerbung eines Gehörns und durch Besichtigung einer schönen Winterdecke beim Bürgermeister des Dorfs Veseca an der Kobeliza feststellen. Auch im Korab kommen Gemsen wohl sicher vor.
Damit sind nicht allzu eingehende Kenntnisse über die Säugetiere Mazedoniens gewonnen. An ihnen ist noch viel zu tun. Im großen und ganzen zeigt sich die Säugetierfauna aus typisch europäischen Formen zusammengesetzt, doch werden unter den Kleinsäugetieren sich wohl auch zahlreiche südliche und östliche Formen nachweisen lassen.
Viel tiefer konnten wir in die Vogelwelt Mazedoniens eindringen. Außer vielen Beobachtungen brachten wir eine Sammlung von 3200 gut präparierten, genau bezeichneten Vogelbälgen heim. Diese liegt, von Dr. _Erwin Stresemann_ bearbeitet, auch schon publiziert vor. Über das Vorkommen der Tiere ist in den Kapiteln dieses Buches manches mitgeteilt worden, wobei die Benennungen der Vögel sich stets auf die Arbeit Dr. _Stresemanns_ stützten.
Hier sei noch einiges Zusammenfassende über die Ornis Mazedoniens mitgeteilt. Nach der Durcharbeitung unserer Ausbeute stellt sich Mazedonien, wie für andere Tiergruppen, auch für die Vögel als Mischgebiet dar. Dabei erscheinen mitteleuropäische und mediterrane Formen fast im gleichen Verhältnis beteiligt. Allerdings im südlichen Wardartal stechen die südlichen Formen besonders hervor.
Dabei ist ein Vordringen südlicher Formen nordwärts und umgekehrt nördlicher Formen südwärts zu erkennen, wobei die Verbreitungsgrenzen Schwankungen zu unterliegen scheinen. Besonders bemerkenswert ist, daß nördliche Formen, wenn sie weiter südlich vordringen, dort höher in die Gebirge aufsteigen und dort ihnen zusagende Klimazonen aufsuchen.
Zu diesen Elementen gesellen sich östliche Formen, die teils auf den Nordosten, also auf die Steppen Südrußlands und den Nordrand des schwarzen Meers, teils auf den Südosten und damit auf das Kaukasusgebiet und Kleinasien hinweisen. Mehr noch als unter den Vögeln zeigen sich solche Beziehungen in der Pflanzenwelt und unter den Insekten.
Schon in den bisher angeführten Tatsachen zeigen sich Abhängigkeiten von klimatischen Einflüssen. Solche haben wir in vielen der früheren Kapitel dieses Buches in ihrem Einfluß auf die Tier- und Pflanzenwelt, selbst auf die Oberflächengestaltung des Landes kennen gelernt. So fanden wir auch in den verschiedenen Formationen mit einer bestimmten Pflanzenwelt immer charakteristische Vögel beieinander. Eine knappe Zusammenstellung in der Reihenfolge vom Tal ins Hochgebirge wird interessante Gesichtspunkte vor Augen führen.
Im Tal, z. B. bei Hudova, in den Maulbeerpflanzungen fanden wir Zaun- und Kappenammer, Rotkopfwürger, Maskenwürger (+Lanius nubicus+) (Abb. 201, S. 403) Blaurake, Bienenfresser. An den Felswänden der Schluchten, die vom Tal abzweigten, gab es die Aasgeier, Turm- und Rötelfalken, Felsentauben, Blaumerle und Steindrossel, Felsenkleiber, Steinsperling, Felsenschwalbe und Mehlschwalbe.
Stiegen wir auf die Hügel vor den Gebirgen, wo +Paliurus+ und +Quercus coccifera+ wuchsen, so saßen auf diesen der Rotrückenwürger, Feld- und Haussperling, schlüpften durch die Sträucher der Hänfling, der Heckensänger (+Agrobates+). Hier gab es alle Grasmücken.
Darüber in den Geröllfalten an den Berglehnen hausten der graue Steinschmätzer und der Mittelmeersteinschmätzer. Die Gehölze und Kulturlichtungen dieser _submontanen_ Region bewohnten der Buntspecht (+Dryobates major balcanicus+), der Grünspecht, die Blau- und Kohlmeise, Turteltaube, Eichelhäher, Elster, Nachtigall, Seidenrohrsänger, Kuckuck usw.
Die _montane_ Zone, wie sie etwa von der Plaguša Planina in dem Buschwald aus weichblätterigen Eichen dargestellt war, beherbergte den Pirol, die Trauermeise, den Wendehals.