Part 41
Man konnte auch aus der Deckung genug sehen und beobachten; und auch aus einem anderen Grund war Deckung erwünscht, nämlich als Schutz vor dem kalten Wind, der in der Gipfelregion blies. Meine von dem Anstieg erschöpften Kameraden zogen vor, in einer Felsmulde, welche die Sonne erwärmte, zu schlafen. Ich durfte mir aber keine Ruhe gönnen. Ich mußte die 1 oder 2 Stunden, die ich auf dem Gipfel des Peristeri verbringen durfte, richtig ausnutzen. Ein starkes Glücksgefühl erfüllte mich, daß es mir gelungen war, auch diesen Gipfel zu ersteigen und Beobachtungen zu machen. So hatte ich zu photographieren, Skizzen zu machen, Notizen aufzuzeichnen und aufzufassen, was nur möglich war. Zuerst wollte ich aber die Schönheit der Landschaft in mir aufnehmen und dann mich orientieren.
Die nächste Umgebung war nicht allzu reizvoll. Drei kahle Felsengipfel ordneten sich als Gipfelmassiv in einem Bogen an, grobes, plattiges Gestein, ohne großen Reiz in Farbe und Form. Und viele Einzelheiten des Mittelgrunds wurden durch die menschlichen Bauten gestört. Da waren zuerst hinter den Gipfelfelsen Gräben und Unterstände der Bulgaren. Und jenseits zogen sich über eine Mulde, welche zu dem anstoßenden südlich verlaufenden Gebirgskamm führte, auf dieser Seite eigene, drüben feindliche Gräben. Auf den Rückseiten der vorliegenden Berge sah man überall gerade Linien, Zickzackstreifen durch Gräben, Serpentinen von neugebauten Zufahrtsstraßen und all den Spuren des grausamen Kriegs gezogen.
Naturforscher und Künstler in mir aber wirkten zusammen, um all dies häßliche Menschenwerk in dem Bild auszulöschen, das innerlich in meiner Seele die Lichtstrahlen, die aus allen Weiten zu mir flogen, aufbauten. Und es blieb Schönes und Ergreifendes genug an der Landschaft, die sich, während ich in den Felsen herumkletterte, nach einander nach allen Himmelsrichtungen unter mir ausbreitete.
Zunächst blickte ich über die Mulde und den Sattel im Süden, der den Peristerigipfel mit einem breiten, bewaldeten Bergrücken verband; da unten lagen, wie die Augen des Gebirges, zwei kleine dunkelgrün schimmernde Seen; sie erinnerten in Gestalt und Größe an die Karseen, die wir auf dem Pepelak im Monat vorher entdeckt hatten. Von der Karte konnte ich ablesen, daß sie _Lakul Mik_ und _Lakul Mare_ hießen, was auf aromunische Benennung hinwies.
Was war das für eine seltsame Empfindung, kaum ½ Stunde von diesen interessanten Gewässern entfernt und als Naturforscher verhindert zu sein, sie zu untersuchen, weil sie zwischen feindlichen Stellungen lagen. Hier war die Lage so, daß es auch nachts nicht möglich gewesen wäre, dorthin zu dringen, ohne festgenommen zu werden.
So mußte ich den Blick sehnsuchtsvoll in die Ferne schweifen lassen, über die Gebirge Griechenlands und vor allem nach Westen und Südwesten in die Gegend des Prespasees. Von einem Ausblick auf einem vorragenden Felsen aus konnte ich den ganzen _Prespasee_ und _Mala Prespa_, den kleinen, durch eine schmale Landbrücke von ihm getrennten südlichen See überschauen. Versumpftes Schilfufer zog sich als breites Band um das Nordende des Prespasees. Auf seinen blinkenden Spiegel senkten sich im Westen steile Felswände herab, eine Halbinsel ragte aus ihnen hervor und ein zartes Inselbild schwamm wie ein Phantom im Blau des Sees. Nördlich von ihm zog der _Tomoros_ hin, anschließend die Berge, welche ihn vom _Ochridasee_ trennen und die Verbindung mit dem _Schardakh_ und den albanischen Bergen herstellen.
Nördlich des Prespasees und seines grünen Schilfgürtels dehnte sich die weite, baumreiche Ebene mit der Stadt _Resna_ aus. Noch eigenartiger war aber der Blick nach Westen. Da sah ich steil die Felswände entlang wie aus dem Flugzeug hinab in die Straßen von _Monastir_. Es ist ein eigenartiger Eindruck, eine Großstadt von über 100000 Einwohnern, und noch dazu eine orientalische Stadt mit den Kuppeln von Moscheen und ihren Minarets, mit baumreichen Gärten, mit großen hellen Gebäuden und tausenden von Dächern von einem hohen Berg zu überblicken.
Um die Stadt herum zogen die feindlichen Stellungen; während ich herunterblickte, begann eine heftige Artilleriebeschießung.
Nach 1½ Stunden traten wir den Abstieg an. Doch ließ uns der bulgarische Hauptmann nicht ohne weiteres durch sein Lager durchmarschieren. Er hatte ein treffliches Mittagsmahl mit guten bulgarischen Gerichten zubereiten lassen. Gut gestärkt, nach anregenden Gesprächen, traten wir um 2½ Uhr nachmittags den Rückmarsch in die Tiefe an. Vorher hatte ich mich nicht nur von den freundlichen Offizieren und Mannschaften, sondern auch von einer Meute prachtvoller Hunde zu verabschieden. Zwölf gewaltige Tiere, drei junge, neun alte waren die Freunde der Truppe in der Bergeinsamkeit. Sie gehörten zu der prachtvollen, langhaarigen Schäferhunderasse, welche ich immer bei den Hirten im Gebirge antraf. Während aber sonst meist die Tiere verprügelt, schlecht behandelt und tückisch waren, konnte in diesem Fall festgestellt werden, welch treue, kluge Kameraden man aus dieser Rasse erziehen kann.
Der Marsch nach _Čapari_ hinunter führte auf einem Umweg auf die Schlucht zurück, durch welche wir morgens angestiegen waren. Dieser Umweg war außerordentlich lohnend. Ich ließ mich zu ihm durch einen prachtvollen Wald von hochstämmigen Kiefern verlocken, der die Wände eines tief eingeschnittenen Tales bedeckte, das sich gegen Monastir in die Ebene erstreckte. Es war eine obere Abzweigung des _Dragortals_ und offenbar der Aufstieg, den im Jahre 1839 _Grisebach_ von _Monastir_ über _Margarevo_ gemacht hat.
Die Halde, auf welcher der Wald sich weithin ausdehnte, war mit einem Geröll gewaltiger Granitblöcke bedeckt. Es war nicht einfach, den Abhang hinabzuklettern; in Sprüngen ging es von Fels zu Felsen, über glatten Rasen und über morsche Stämme gestürzter Kiefern. Der Wald bestand aus schönen, schlanken Vertretern einer Zirbelkiefer (+Pinus peuce+). Die tannenähnlich gewachsenen Bäume mit ihren langen, dunkeln Nadeln und braunen Stämmen hoben sich malerisch von den grauen Felsen des Granits ab. Große grüne Grasbüschel und die Blätter des jetzt verblühten +Asphodelus albus+ L. mit den Samenkapseln wuchsen zwischen den Steinen.
Am Boden der Schlucht bildeten die Kiefern einen dichten Wald, der sich zu einer Waldwiese öffnete, auf der viele rote Disteln und Doldenpflanzen blühten und Himbeeren reiften. Hier gab es noch einmal reiche zoologische Ausbeute. Viele schön gefärbte Hummeln brummten von Blüte zu Blüte. Außer den morgens erbeuteten +Erebien+ flogen hier zahllose Schmetterlinge, von denen ich +Actaea cordula+ Fabr. und den schönen Perlmutterfalter +Argynnis pales balcanicus+ Rbl. erwähnen möchte. Auch Heuschrecken, Bienen, Fliegen wurden in vielen Arten erbeutet.
Eine bescheidene kleine Zauneidechse, die wir nicht weit von dem Bach an den Felsen der Schlucht fingen, erwies sich als ein besonders interessanter Fund. Es war der südlichste Fundort von +Lacerta agilis+ L., der mitteleuropäischen Form der Zauneidechse. Es war nicht die östliche Form +L. agilis exiqua+, sondern die typisch mitteleuropäische, wie sie bisher mit Sicherheit auf dem Balkan nur in der Herzegowina beobachtet worden war.
Über all diesen Naturforscherinteressen wurde aber auch die Schönheit der Landschaft nicht vergessen. Die warme Nachmittagssonne vergoldete die Felsenhalden und die Stämme der Kiefern. Schon begannen die Schatten über die Hänge und Talwände sich auszubreiten. In vollem Sonnenglanz lagen noch die Hänge der Berge nördlich von Monastir und der Kette bei Gopes. Klar umrissen ragten die Kronen der Kiefern in den glühenden Himmel hinein.
Mit Bedauern blickte ich auch hier in die sinn- und zwecklose Verwüstung, welche die bulgarischen Truppen in dem wundervollen Bestand der Kiefern angerichtet hatten. Wie wird sich in den nächsten Jahrzehnten schon der Raubbau rächen, der im Krieg an den geringen Waldbeständen Mazedoniens ohne jede Voraussicht geübt wurde.
Schon lag von neuem abendlicher Schatten in der Schlucht, als wir müde und befriedigt dem Eingang des Dorfs Capari zu marschierten. Froh dachte ich nachts daran, daß ich das Wasser, das mich in den Schlaf rauschte, oben am Rande des Schnees hatte entspringen sehen.
* * * * *
Ich halte es für richtig, hier einen knappen Überblick über unsere gesamten Beobachtungen in den _mazedonischen Alpen_ zu geben. Es waren Hochgebirge von mittlerer Höhe, welche ich im _Schardakh_, in der _Mala Rupa_, in der _Golesniza Planina_, in der _Belasiza Planina_, im _Peristeri_ und im _Tomoros_ kennen lernte. Daneben habe ich noch eine ganze Anzahl stattlicher _Mittelgebirge_ besucht. Ich nenne von ihnen die _Plaguša Planina_, die Berge bei _Demir Kapu_ und am _Doiransee_, das _Babunagebirge_, den _Karadakh_ bei _Üsküb_, die _Wodno_kette, das Gebirge bei _Gopes_ und _Krusevo_.
Mazedonien in seiner Gesamtheit betrachtet ist ein gebirgiges Land, erfüllt von _Kettengebirgen_, welche den malerischen Charakter des Gebietes bedingen. Während die Mittelgebirge 1000-1400 m Höhe erreichen, sind in den Alpen Mazedoniens die höchsten Gipfel etwa 2400-2700 m hoch. An Wildheit der Formen und Größe der Dimensionen kann sich diese Gebirgswelt mit unseren Alpen nicht messen. Touristische Schwierigkeiten für die Erreichung der Gipfel kommen nicht in Frage. Kletterpartien kommen kaum in Betracht. Viele der von mir bestiegenen Gipfel waren auf Saumpfaden zu erreichen.
In Anbetracht der relativ geringen Höhen und der südlichen Breite der Lage zeigen die Gebirge einen auffallenden Reichtum in ihrer alpinen Flora und Fauna. Wir lernten sie als die Zufluchtsorte der Wälder kennen. Die Baumgrenze liegt entsprechend der südlichen Lage erheblich höher als in unseren Gebirgen. Im _Schardakh_ lag sie über 1800 m, in der _Mala Rupa_ sogar in etwa 1900 m, am _Peristeri_ etwa ebenso hoch, in der _Golesniza Planina_ mit ihrer _Latschenregion_ sogar bei 2000 m.
Sehr charakterisch für alle mazedonischen Gebirge war die Gliederung in Vegetationszonen, wie sie stets in den südlichen Gebirgen so auffällig sind. Je nach dem Charakter des Flachlandes war der Fuß des Gebirges entweder von typischer Kulturvegetation umfaßt oder von der in den ersten Kapiteln dieses Buches beschriebenen Steppenflora. Verließ man in den südlichen Gebirgen, also in der _Belasiza Planina_ oder in der _Mala Rupa_ und am _Peristeri_ die Hügellandschaft, kam man über 200-300 m Höhe hinauf, so ließ man die _Stacheleiche_ und den _Judendorn_ bald hinter sich, mit ihnen die sie begleitenden Kräuter. Auf diese Zone folgte die der _weichblättrigen Eichen_, der _Wachholderbüsche_, unter welche sich Eschen, Hainbuchen und andere Bäume mischten. Diese Region ging direkt über in die des _Eichenbuschwaldes_, die in den verschiedenen Gebirgen bis in die Höhe von 700-900 m reichte. Zwischen diesen Eichenwaldungen waren Wiesen ausgestreut mit einer sehr reichen Flora blühender Kräuter.
Von 750 bis etwa 1500 m erstreckte sich die _Buchenwaldregion_. Sie war allen Gebirgen charakteristisch. Es war die Zone des _Hochwaldes_, in welcher auch, besonders aber an der oberen Grenze, sich _Nadelwald_ anschloß. Dieser bestand meist aus _Weißtannen_, so auf der _Mala Rupa_ und auf der _Kobeliza_, am _Peristeri_ war sie durch die +Pinus peuce+ vertreten, nur im Gebiet der _Golesniza Planina_ fanden wir in 1900-2200 m die _Bergföhre_, die Latsche. Auch in dieser zweiten Gebirgszone spielten die reizvollen Waldwiesen mit ihrem Blüten- und Insektenreichtum eine große Rolle. Auf diesen Wiesen und an den Rändern des Waldes fanden sich die mazedonischen _Sennereien_. Im Waldesschatten wuchsen als Schattenblumen Anemonen und Sauerklee. Überhaupt hatte diese ganze Zone einen ausgesprochen _mitteleuropäischen_ Charakter in Pflanzen und Tierwelt. Hier flogen im Wald der Liljefordspecht, Mittelspecht, Amsel und Misteldrossel, Kleiber, Nonnenmeise, Waldbaumläufer, Rotkehlchen; hier brütet der Buchfink. Hier ist die Zone, in welche sich im Sommer viele der mitteleuropäischen Vögel verziehen.
In der _Latschenregion_ der _Begova_ wurden Tannenmeise, Heckenbraunelle, Hausrotschwanz und Hänfling angetroffen.
Typische alpine _Flora_ beginnt in der Regel erst in den mazedonischen Alpen von 1400-1500 m ab. Natürlich ziehen sich auch hier mit den Bächen Alpentiere und -pflanzen weit abwärts. An Nordhängen fand man nicht selten schon alpine Vertreter in 1100-1200 m Höhe in größeren Beständen, so die für die erste alpine Zone der mazedonischen Gebirge sehr charakteristischen Pflanzen, den Germer, +Veratrum album+, und das zarte Heidekraut +Bruckenthalia spiculifolia+ Salisb. Mit dieser zusammen fand ich auf fast allen Alpenbergen Mazedoniens in der gleichen Region die balzende Heuschrecke +Stenobothrus miniatus+ Charp.
In dieser Zone flogen die _Parnassier_, früh im Sommer die _Mnemosynen_, später die _Apollos_; da gab es die charakteristischen alpinen _Erebien_, die _Bläulinge_, die _Perlmutterfalter_ und _Spanner_, welche für diese Zone charakteristisch waren.
Hier begannen nun allmählich die _Matten_ zu herrschen, die typischen alpinen _Felsenpflanzen_ vorzuwiegen. Wie bei den Tieren, so ist bei den Pflanzen der Felsen ein charakteristischer Wohnort der alpinen Formen. Alpine Felsentiere und -pflanzen folgen den Felsen in die Tiefe; Felsentiere und -pflanzen der Tiefe steigen mit den Felsen zu den Alpengipfeln empor.
So herrschten denn in den mazedonischen Alpen von Pflanzen neben den Enzianen, den Alpenrosen bald immer mehr die Steinbrech-, Nelken- und andere Pflanzenarten vor, welche Polster und Rosetten bildend, wie Moos sich an die Felsen heften.
Auf den Matten der Regionen über 2200 m war eine wundervolle alpine Flora von großem Formenreichtum vorhanden und mit ihr eine charakteristische Alpentierwelt. Und das, obwohl hier unter der Breite des 40-42° N, sich kein ewiger Schnee, keine Gletscherbildung von größerer Ausdehnung gehalten hat. So war denn hier nicht wie in den Hochalpen eine sehr reiche, formenreiche _Nivalfauna_ wie sie neuerdings vor allem in den schweizer Alpen durch _Zschokke_ und seine Schüler eine eingehende Untersuchung erfahren hat, entwickelt. Wir haben in den mazedonischen Alpen in der _Golesniza_ und am _Peristeri_ nur geringe Massen von _Dauerschnee_ angetroffen. Aber wir fanden die Spuren einstiger _Vergletscherung_ auch in den mazedonischen Alpen und damit auch Relikten der einstigen _Eiszeit_, wie sie zu erwarten waren.
In den höchsten Felsenregionen und Grasflächen über 2000 m fanden wir die Brutstätten der _Ohrenlerche_, der _Feldlerche_ und des _Braunkehlchens_; in den zerklüfteten Felsgebieten der Begovagipfelregion mit ihren Schneefeldern und Schneelöchern gab es Scharen von _Alpendohlen_, auch _Alpenbraunellen_ ließen sich hier nachweisen. Den Felsen nachgefolgt waren ebenso hier hinauf der Alpenmauerläufer und der Felsenkleiber.
Auch unter den Insekten und niederen Tieren ließen sich typisch alpine Formen und _Eiszeitrelikte_ nachweisen. Ich habe in früheren Kapiteln auf den Schmetterling _Anarta_, auf die _Alpenplanarie_, auf die _nordischen Hummelformen_ hingewiesen. Die weitere Verarbeitung des Materials verspricht noch manchen interessanten Aufschluß. Unsere Untersuchungen der Biologie der _mazedonischen Alpen_ sind erste Vorstöße gewesen, denen die Forschungen der Botaniker und der vielen, besonders österreichischen Entomologen vorausgingen. Noch viel Interessantes ist von zukünftigen, vertiefteren Untersuchungen zu erwarten.
FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL
AM PRESPASEE.
Im September 1917 hatte ich vergebens versucht, auf den Prespasee zu gelangen. Ich hatte die Parklandschaft am Nordende des Sees durchwandert und war bis an sein sumpfiges Ufer gelangt. Aber persönliche Unfreundlichkeiten der deutschen Offiziere hatten mich vergebens zurückkehren lassen, und auch im Jahre 1918 drohten ähnliche Widerwärtigkeiten den Plan zu stören. Auf Quartier und Verpflegung sollte es schließlich nicht ankommen. Die Motorboote und die zugehörigen Marinemannschaften hatten den Befehl, sich mir zur Verfügung zu stellen und das war das Wesentliche.
Die Boote erwiesen sich als sehr gut und leistungsfähig, die Mannschaften waren gefällig, voll Interesse für unsere Zwecke; und so kam ich mit ihnen sehr gut zurecht. Ich konnte meine Absichten am Prespasee vollkommen erreichen, zumal mein Mitarbeiter Dr. _Nachtsheim_ mir die Hauptarbeit bei der Seenuntersuchung abgenommen hatte.
Inmitten einer weiten Sumpffläche lag nahe dem Nordende des Prespasees eine kleine Hütte, in welcher die Seeleute hausten. Wir selbst übernachteten im Dorf _Podmočani_ im Freien neben einem Heuhaufen, da man uns dort kein Quartier anwies. In der schönen warmen Nacht war dies nicht unangenehm und in gewissem Sinn vorteilhaft; denn die Hütte der Marinemannschaften dicht am See wimmelte von _Anopheles_, so daß wir dort, wenn auch nicht unter allen Umständen Malaria bekommen, doch sicher eine durch die Stechmücken gestörte Nacht gehabt hätten.
Das Nordende des Prespasees ist sehr versumpft. Man kann vielfach infolge des unsicheren Strandgeländes gar nicht bis an das freie Wasser heran. Ähnlich wie am Doiransee umgibt ein breiter Schilfgürtel das Ufer. Das Niveau des Sees ist häufigen Schwankungen unterworfen, was wohl hauptsächlich dem Umstand zuzuschreiben ist, daß er keinen Abfluß hat; denn die im Volk verbreitete Annahme, daß er einen unterirdischen Abfluß zum tiefer gelegenen Ochridasee habe, ist wohl kaum ernsthaft zu diskutieren. Wie beträchtlich die Wasserstandsschwankungen sind, beweist die Tatsache, daß der Ort _Perovo_, der auf der Karte etwa 1 km nördlich des Nordufers eingezeichnet ist, zur Zeit meines Aufenthalts auf einer Insel lag. Er konnte nur im Boot über einen Kanal von etwa 200 m Breite erreicht werden.
Der Prespasee liegt in einer Meereshöhe von 857 m. Er umfaßt ein Areal von 288 qkm, ist also etwas kleiner als der Ochridasee, welcher der größte der mazedonischen Seen ist. Er ist ein relativ seichter See, denn seine größte Tiefe erreicht nur 54,2 m.
War er mir schon vom Peristeri und von der Höhe über Gopes aus sehr reizvoll erschienen, so bestätigte sich dieser Eindruck, als ich an seinem Nordufer stand. An beiden Längsufern war der See von stattlichen Gebirgen eingefaßt. Im Osten traten die Ausläufer des Peristeri an ihn heran. Ihre schönen Formen bildeten einen sehr malerischen Hintergrund zu der blauen Fläche des Sees. Auch das Westufer war von hohen Bergen eingefaßt, _Tomoros_ und _Malisat_ gehörten zu ihnen. Fern im Süden sah man auch stattliche Berge über dem See aufragen. Vor allem am Westufer traten die Berge steil an den See heran. Hier waren es zum Teil mächtige Steilabstürze zum See, unter denen wir bei Motorbootfahrten herankamen. Auch die beiden bergigen Inseln traten bei diesen Fahrten deutlich hervor. Ich bedauerte sehr, daß ich diese Inseln und den im Süden an den großen anschließenden kleinen Prespasee mit seiner Insel infolge der feindlichen Besetzung nicht besuchen konnte. Gerade die eine Insel im Prespasee machte nicht nur einen sehr malerischen Eindruck, sondern sie enthält in der dem _heiligen Achil_ gewidmeten Basilika ein Bauwerk altbulgarischer Kunst, das sehr interessant sein muß.
Das Sumpfgelände am Nordende des Prespasees macht einen sehr eigenartigen Eindruck. Vielfach sind es sumpfige Wiesen welche an den See grenzen, zum Teil ist das Ufer in zahlreiche kleine Inseln und Sandbänke geteilt. Schöne Baumgruppen treten an vielen Stellen an den See heran; ja Wälder von Ulmen, Erlen, Weiden und Eichen sind oft als Sumpfwälder für den Menschen kaum erreichbar und infolgedessen sichere und günstige Brutstätten für zahlreiche Reiher, Adler, Geier und andere Vögel.
Die weiten Wiesen bilden eine gute Weide für Pferde und Rinder und so waren sie damals von großen Herden von Rindern, Eseln, Maultieren, Pferden und Büffeln belebt, was nicht wenig zum Reiz des Landschaftsbildes beitrug. Gruppen von Pferden oder Stieren sah man oft im seichten Wasser des Strandes stehen und da saufen, Büffel in den tieferen Tümpeln sich suhlen und der Kühlung im Wasser erfreuen.
Dazwischen stolzierten Reiher; Uferläufer, Sichelschnäbel, Brachvögel, Enten und Gänse suchten sich zwischen Gras und Schilf ihre Nahrung. Kraniche und Störche fanden sich zahlreich ein, dazu Purpurreiher, Fischreiher, Löffelreiher und auch hier die schönen Edelreiher. Unendliche Mengen von Fröschen erhoben ihre Stimmen vor allem in den Abendstunden. Ringelnattern von verschiedenen Formen schwammen im Wasser oder huschten durch das Schilf.
Nicht selten hörte man die dröhnende Stimme der Rohrdommeln ertönen, Rallen, Schnepfen, Brachvögel und Bekassinen liefen am Strand entlang. Daß auch hier Rohrsänger und Rohrweihen häufig waren, wie am Katlanovosee, braucht kaum erwähnt zu werden. Auch Nachtreiher wurden beobachtet.
Daß es in dem sumpfigen Gelände nicht leicht war, an die Vögel heranzukommen und die erlegte Beute auch zu sichern, ist verständlich. So wurden dort mehr Tiere beobachtet als erbeutet. Leichter war es auf den Motorbootfahrten an die Tiere heranzukommen. Durch Schilf, Buschwerk und tote Bäume, die als Zeugen des Wachstums des Sees aus dem Wasser hervorragten, fanden die flotten Seeleute als Führer der Motorboote geschickt ihren Weg. Unsere Motorboote auf dem Prespasee waren besonders gut und rasch und da sich die feindlichen in diesen Tagen selten auf dem See zeigten, konnten wir es wagen, uns weit nach Süden in den schönen, bergumgebenen Teil des Sees zu begeben und dahin unsere Untersuchungen auszudehnen.
Daß wir dabei von den Feinden nicht unbemerkt blieben, erfuhr ich erst später auf der Rückreise in Prilep, wo unser Nachrichtenoffizier mir belauschte Gespräche des Feindes über die seltsamen Manipulationen auf dem Prespasee erzählte. Sie hatten sich allerlei Gedanken über Minenlegen u. dgl. gemacht, während wir harmlos loteten und die Planktonnetze ins Wasser senkten.
Vor allem war es schön in der Abendstimmung an die Felsenhänge oder gegen die Insel heranzufahren und bei aufglühendem Himmel über den milchblauen See zu steuern, auf dem tausend Reflexe von den vielfarbigen Wolken wiedergestrahlt wurden.
Reizvoll war die Rückfahrt durch die Schilfinseln. Dort sammelten sich hunderte von _Kormoranen_ [+Phalacrocorax carbo subcormoranus+ (Brehm)] und der Zwergscharbe (+P. pygmaeus+ Pall.) auf den toten Bäumen an, die ihnen als Schlafbäume dienten (Abb. 263). Aus dem Schilf trieb das Geräusch unseres Bootes die verschiedensten Entenarten, Wasserhühner, Taucher auf. Ja stolze _Pelikane_ sahen wir einige Male in der Ferne wie duftige Wölkchen über dem Wasser schweben. Auch Adler, Fischadler und Seeadler zogen in großen Kreisen ihren Schlafbäumen in den Sumpfwäldern zu, aus denen Fledermäuse sich erhoben und über dem See Insekten jagten.
Daß mein Sammler tagsüber am Ufer manches von Insekten und Spinnen erbeutete, ist selbstverständlich. Schmetterlinge und Käfer, Wanzen und Heuschrecken, Ameisenlöwen und vor allem zahlreiche Libellen wurden erbeutet.