Mazedonien

Part 40

Chapter 403,362 wordsPublic domain

Oft in ungeheueren Mengen trat +Tryxalis nasuta+ Fab. auf, die _Schnabelheuschrecke_, mit ihrem schief aufgerichteten Kopf, den breiten, oft parallel nach vorn gerichteten Fühlern, den dünnen Vorderbeinen und sehr langen Hinterbeinen. Solange sie flügellose Larven waren, konnte man sie für junge Stabheuschrecken der Gattung +Bacillus+ halten. Diese in Istrien, Dalmatien und Italien so häufige Form habe ich in Mazedonien nicht gefunden. Sind die Flügel herangewachsen mit ihrem dunkelbraunen, weißgefleckten Längsstreifen, dann ist eine Verwechslung mit einer Stabheuschrecke nicht mehr möglich.

Von den anderen _Feldheuschrecken_ wäre +Caloptenus italicus+ L. hervorzuheben; dies graubraune, schwarzgestreifte Tier mit den roten Hinterschienen und roten Hinterflügeln war überall häufig. Auch die _Wanderheuschrecken_ waren nicht selten. Sie waren in erwachsenem Zustande auffallend große Tiere, sie erreichten 8-10 cm Länge und machten nicht nur mit ihren eigenen Tönen einen gewaltigen Lärm, sondern auch wenn man sie fing und sie sich durch die Büsche zu Boden fallen ließen, so gab es ein mächtiges Gerumpel. Die verschiedenen Individuen dieses +Acridium aegyptium+ L. waren sehr verschieden gefärbt, bald gelblich, bald braun, bald auffallend rot.

Eine verwandte, halb so große Form, grün, schwarz gefleckt, mit rötlichen Hinterbeinen, +Pachytilus nigrofasciatus+ de Geer tritt im Gegensatz zu den verwandten Arten nicht als Wanderheuschrecke auf.

Ich habe oft die +Oedipoda+-Arten, die _Schnarrheuschrecken_, erwähnt, welche beim Auffliegen ihre roten und blauen Unterflügel aufblinken ließen, während sie durch betäubendes Schnarren ihre Verfolger erschreckten. Setzten sie sich auf den Boden nieder, so waren sie wegen ihrer Ähnlichkeit mit dem Untergrund, welche mit diesem variierte, wie von ihrer Umgebung verschluckt, wenn sie sich still am Boden hielten. Erschreckt fuhr man zurück, wenn sie an ganz unerwarteter Stelle wieder aufschnarrten. Neben +Oedipoda coerulescens+ L. kam +O. miniata+ Pall. nicht selten vor, jene mit blauen, diese mit grellroten, am Ende schwarzgebänderten Hinterflügeln.

Durch kohlschwarze Färbung des ganzen Körpers, von dem sich die roten Hinterflügel scharf abhoben, wenn das Tier sich vom Boden im Flug erhob, ist +Psophus stridulus+ L. ausgezeichnet. Das Tier war in der Steppe bei Gradzko und Krivolak, aber auch bei Stip eine Charakterform, kam aber auch in den Bergen vor.

Formen von mediterranem Typus sind +Paracinema tricolor+ Thunb. und die Arten von +Glyphanus+, so +G. obtusus+ Fieb. und +G. heldreichi+ Br.

Eine eigenartige kleine Heuschrecke (+Tettix subulatus+ L.), im erwachsenen Zustande kaum etwas über einen Zentimeter lang, ein graubraunes, lebhaft springendes Tierchen, hielt man kaum für etwas anderes als eine Larve, wenn es vor einem aufsprang. Daß man es leicht für eine Larve hielt, lag auch an dem frühen Auftreten der Form, welche ich am Katlanovosee schon Ende März und Anfang April in erwachsenen Individuen fand; die Art überwintert als Larve.

Auch andere Tiergruppen nahmen während des Sommers an Individuenzahl und an Einfluß auf das Landschaftsbild zu. Das galt vor allem für die _Zikaden_ und die _Ameisenlöwen_. Erstere begannen in den Mittagsstunden durch ihren Gesang die Heuschrecken und Grillen vollkommen aus dem Feld zu schlagen. Von der großen Wirkung des Konzerts der Zikaden habe ich schon im Kapitel über den Doiransee erzählt. Die Zikaden als echte Sonnentiere paßten so recht in die Steppenlandschaft des mazedonischen Sommers. In der stärksten Sonne saßen die großen Arten an den Stämmen der Eschen, an den höchsten Büschen und erhoben ihren betäubenden Gesang, wenn sonst alles in der Natur ruhte. Die größte Zikade Mazedoniens ist +Cicada plebeja+ Scop., ein silbergraues Tier; als wichtiges Instrument im Zikadenorchester ist +Tettigia orni+ L. zu verzeichnen, denen sich +Cicadatra atra+ Ol. und +Tibicina haematodes+ Scop. anschließen.

So schwebten auch die Scharen der _Landlibellen_, der _Ameisenlöwen_ in der heißen Sommerluft. Auffallend war es, wie eine Art nach der anderen in großen Individuenzahlen auftrat; jedesmal die Landschaft so sehr belebend, daß man jeweils glaubte, jetzt in der +Myrmeleon+-, jetzt in der +Nemoptera+- oder +Palpares+-Landschaft zu verweilen.

Das war die Zeit, in welcher die Steppe im Flachland von Mazedonien regierte. Jetzt drängte sich alles hervor, was der Steppe entsprach, was mit ihr zu tun hatte. In der Mittagssonne hörte man den _Ziesel_ im dürren Gras rascheln und hastig sein Bündel Heu in seinen Bau schleppen. Von einem Stein schaute einen der _Wiedehopf_ neugierig an, spreizte seinen Schwanz und die bunten Federn seines Schopfes, die ihn einem Indianerhäuptling gleichen machten. Wenn die Nacht herabgesunken war und der Boden noch glühte, huschte über ihn die gespensterhafte _Gliederspinne_ +Galeodes graecus+ mit ihren langen Beinen dahin und stürzte sich wie ein Vampyr über ihre Beute.

Nun war die böse Zeit für die _Herden_. Der verdorrte Boden mit seinen harten Büschen gab nur mehr den Ziegen dürftige Nahrung. Die Schafherden hatte man, wo es ging, in die Berge gebracht. Aber die Pferde und Rinder litten in dieser Zeit bitter an Hunger und Durst. Es war ein trauriger Anblick, die abgemagerten Ochsen und Pferde in Herden über dem trockenen Boden die spärliche Nahrung suchen zu sehen. Es mochte einen erbarmen, wenn die hageren Tiere, denen die Rippen weit herausstanden, mit den Vorderbeinen in die Krone eines kümmerlichen Maulbeerbaumes kletterten, um da die wenigen übrig gebliebenen Blätter abzuknabbern. Sie, die Ärmsten, konnte man nicht entbehren; sie brauchte man jetzt im Kriege überall für Transporte, zum Nachschub, als Trag- und Reittiere und zum Schlachten.

Wie mancher Ochse, wie manches Pferd erlag den Strapazen und dem Hunger, stürzte an der Straße nieder, starb und konnte nicht fortgeschafft werden. Da sammelte sich bald um das Aas eine Schar gieriger Tiere an. Lange stank es nicht in die Gegend hinein; denn durch den Geruch angelockt, kamen die Dohlen, die Krähen, die Kolkraben, zu denen sich hier im Lande stets die Elstern gesellten. Kaum hatten sie begonnen sich gütlich zu tun, so scheuchte ein gewaltiger Schatten sie auf. Ein riesiger Geier senkte sich auf das Aas herab; bald kamen seine Genossen dazu und ehe sie gesättigt waren, wurde das kleinere Gesindel zum Mahle nicht zugelassen. Kaum wiederum hatten die Geier das Aas mit vollen Kröpfen verlassen, so stürzte sich die schwarze Bande der Kleinen zu Hunderten auf den Rest und bald ragte das Skelett rein genagt in den dörrenden Sonnenschein.

Nicht immer warteten die Aasvögel den Tod ihres Opfers ab; ich habe die Erinnerung an ein grausiges Erlebnis nördlich des Katlanovosees. Gegen Abend, auf staubiger Landstraße heimkehrend, bemerkte ich in einem Dornbusch eine große Schar von Krähen, Dohlen und Elstern, die sich da mit mächtigem Geschrei zu schaffen machten. Einen großen Kolkraben, der sich auf die Gruppe herabsenkte, schoß ich und als ich ihn holen wollte, sah ich im Busch ein seltsames Bild vor mir. Ein starkes Schaf war hier von der Herde zurückgelassen worden, nachdem es sich mit seiner Wolle in den Stacheln des Judendornes so verfangen hatte, daß es nicht mehr loskam. Das war gefundene Beute für die Aasvögel. In Scharen hatten sie sich auf das unglückliche Tier niedergelassen, hatten ihm lebend die Augen ausgehackt und hatten vom Kopf aus begonnen, ihm Fleischstücke abzureißen. So hatten sie angefangen das Tier bei lebendem Leib aufzufressen, als ich seinem Leben durch einen Schuß ein Ende machte.

Wo es Wasser gab, wurde es von Menschen und Tieren zum Baden aufgesucht. Auch die Haustiere machten da keine Ausnahme. Reizvolle Bilder boten die im Wasser liegenden Büffel, bei denen oft nur mehr die Nase und die Ohren aus dem Wasser schauten. Ganze Rinderherden stiegen an den seichten Seeufern, z. B. des Prespasees, ins Wasser, Pferde tummelten sich da. Schafe und Ziegen dagegen scheuen das Wasser.

Glücklich waren Menschen und Tiere zu preisen, welche in der heißen Zeit in die Berge durften. Ich habe oft in früheren Kapiteln die schönen, fetten Herden von Rindern und Schafen erwähnt, die ich im Sommer im Hochgebirge auf den Matten über 1500 man traf. Aber nicht nur diese Haustiere des Menschen waren der Hitze der Ebene entflohen, auch manche andere Tiere fand man im Sommer im Hochgebirge, die im Frühling in der Ebene gewesen waren. So waren manche der mitteleuropäischen Vögel, Finken, Amseln, Drosseln, zur Sommerfrische in die Berge gezogen.

Auch unter den Insekten sah ich später im Sommer Arten, die ich im Frühling in der Ebene beobachtet hatte, immer höher in den Bergen sich zeigen, je höher hier der Frühling hinaufstieg.

Eine Folge der hohen Sommertemperaturen zeigte sich deutlich bei den Pflanzen und Tieren. Wie bei den einjährigen Pflanzen oft die ganze Vegetationsperiode in wenig Tagen ablief, so daß Gewächse, die weite Gebiete mit ihren farbenprächtigen Blüten bedeckt hatten, wie mit einem Schlage verschwunden waren, so war auch bei Tierarten das plötzliche Auftreten und Verschwinden außerordentlich auffallend.

Oft fand ich an einem Berge, in einem Tale eine Käferart, einen Schmetterling, eine Zikade, in vielen Tausenden von Exemplaren. Jede Blüte, jeder Busch war von ihnen bedeckt. Kam ich nach wenig Tagen wieder dorthin, so war die Art oft spurlos verschwunden, manchmal noch durch wenige Exemplare vertreten. Für uns Bewohner gemäßigter Zonen war dieser rasche Ablauf des Lebens in dieser heißen Sonne sehr eindrucksvoll.

Manche Beispiele von +Satyriden+ und den +Thekla+-Arten, auch den Bläulingen habe ich in früheren Kapiteln schon erwähnt; so auch die Zikaden und die Ameisenlöwen. Ähnliches beobachtete ich bei Käfern, so z. B. kam der schwarzgelbe Käfer +Mylabris variabilis+ Pall. Mitte Juli 1917 auf der Plaguša Planina in vielen Tausenden von Exemplaren auf jeder Doldenpflanze vor; nach 14 Tagen war die Art aus dem Gebiete verschwunden. Ähnliches galt für +Conitis bifarciata+ Swark. am Katlanovosee Mitte Juni 1918. So trat im Nikolatal im April 1918 +Lychus (Halosinus) collaris+ Fabr. in ebenso großen Mengen auf, wie +Lychus (Halosinus) syriacus+ L. im Mai bei Dedeli. Sehr auffallend war das Massenvorkommen des mächtigen Bockkäfers +Cerambyx+ (vgl. Abb. 29 auf S. 53), der in Mengen hoch durch die Luft flog und dabei mit seinen langen Fühlern einen phantastisch großen Eindruck machte. Er war auch dadurch interessant, daß bei ihm die Fühlerlänge der einzelnen Individuen sehr stark variierte.

Während das Massenauftreten der Arten sicher von dem Vorkommen der Futterpflanze und besonderen Verhältnissen abhängt, ist das kurze Leben der Individuen wohl auf den raschen Verbrauch der +Imagines+ in der Sommerhitze des Landes zurückzuführen.

Wie verschieden die Gesetzmäßigkeiten sein mögen, welche das Massenauftreten einer Art in einer bestimmten Gegend bedingen, das fiel mir sehr auf, als am 15. Juli 1917 plötzlich an einem schönen Morgen das ganze Tal bei Hudova von einem viele Tausende von Individuen umfassenden Libellenschwarm erfüllt war. Sie kamen in großen Schwärmen von Süden und flogen nach Norden, und zwar gegen den stark wehenden Nordwind, gegen den sie sehr gut ankamen. Um alle Bäume und Häuser von Kaluckova brandeten die Massen an; ich durchstreifte an diesem Tag die ganze Gegend; überall sah ich die Libellenschwärme, sowohl in Kalkova, in Hudova, Gradec, im ganzen Gebiet. Aus den verschiedensten Lagern des Tales wurde das seltsame Phänomen gemeldet. Am Tag herrschte nicht mehr als 24° C im Schatten, das Wetter war auffallend kühl. Den Tag über flogen immer neue Scharen heran. Abends nahmen sie ab und an den nächsten Tagen waren fast alle, bis auf einige Nachzügler, verschwunden.

Den Namen der Art, den ich Dr. _F. Ris_ verdanke, ist +Aeschna mixta+; alle an jenem Tag gefangene Individuen sind unausgefärbte Stücke, die erst nach 2-3 Tagen ihre volle Ausfärbung erreicht hätten. Die gleiche Beobachtung wurde auch sonst bei Massenflügen von Libellen gemacht, wie nach Mitteilung von Dr. _Ris_ nicht selten bei +Hemianax ephippiger+, einer mediterranen Form.

Diese Tatsache weist offenbar darauf hin, daß es sich um Tiere von gleichem Alter und annähernd gleicher Herkunft handeln muß. Ihre Versammlung an einem Ort scheint wohl durch Windrichtung und barometerische Bedingungen verursacht zu sein. Der englische Naturforscher _W. H. Hudson_ gibt in seinem so reizvollen Buch über La Plata eine Schilderung von den aus Millionen von Individuen bestehenden Schwärmen der Libelle +Aeschna bonariensis+ Raml., welche in Argentinien vor dem Südwestwind, dem Pampero, vorausfliegen. Also auch dort vor einem kalten Wind erscheinend. Daß die von mir beobachteten Tiere gegen Norden flogen, war wohl durch den Schutz bedingt, den ihnen die nördlich gelegenen Talwände, Bäume und Häuser vor dem Wind gewährten.

Meine Beobachtung schließt sich jedenfalls meinen anderen Feststellungen über das massenhafte Auftreten einer Tierart an wenigen Tagen im sommerlichen Mazedonien an. Das plötzliche Verschwinden der Libellen ist allerdings wohl nicht durch deren raschen Tod, sondern durch Verteilung auf Bäche und Flußufer einer weiteren Umgebung nach dem Nachlassen des kalten Winds zu erklären.

VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL

DER PERISTERI. Die MAZEDONISCHEN ALPEN.

Wieder ragte ein hohes mazedonisches Gebirge vor mir auf, der _Peristeri_, auf dessen Gipfel jetzt noch Mitte Juli ein kleines Schneefeld sichtbar war. Von diesem, den weißen Flügeln der Taube, hat er seinen griechischen Namen. Mächtig erhob der Berg sich vor mir mit seinen drei Gipfeln, als ich am 17. Juli an einem sehr heißen Morgen von Gopes nach _Dolenci_ ins Tal der _Semniča_ abstieg, welche vom Peristeri kommt. An ihren Quellbächen liegen _Kazani_ und das Aromunendorf _Maloviste_, von dem sonst gewöhnlich der Aufstieg auf den Peristeri von den Deutschen unternommen wurde. Ich plante ihn aber von _Čapari_ aus, wo als Leutnant ein junger Königsberger Zoologe, Dr. _H. C. Müller_, in Quartier lag. Dieser hatte mir angeboten, mich und meine Mitarbeiter als Führer auf den Peristerigipfel zu begleiten.

Schon in _Dolenci_ holte uns Dr. Müller mit seinem Wagen ab, der uns den _Širokabach_ entlang nach dem malerischen Dörfchen _Čapari_ führte, wo wir freundschaftlich aufgenommen wurden. Der Bach durchbrauste das reich von Bäumen beschattete Dorf, in welches er vom Hang des Peristeri durch eine tief eingerissene Schlucht hineinstürzte. In alle Gassen des Dorfs blickte groß und würdevoll die gewaltige Gestalt des Peristeri hinein.

Es war ersichtlich, daß wir einen geeigneten Ausgangspunkt für den Aufstieg auf den Hauptgipfel des Peristeri gewählt hatten. Offenbar war die Schlucht ein viel von den bulgarischen Truppen begangener Weg, der, ohne durch Wald zu führen, sehr steil, aber geradewegs uns in die Gipfelregion brachte.

Am 18. Juli, 3½ Uhr morgens, begann der Anmarsch steil durch die Schlucht hinauf; es stieg sich gut in der Nacht, auch als wir die Schlucht verließen und uns ostwärts auf einen Sattel wandten, der von üppigem Mattengras bewachsen war, aus dem kahle Felsen hervorragten. Während bisher im Dunkeln nichts zu beobachten gewesen war, änderte sich das sogleich, als auf dem Sattel bei 1700 m Höhe um 5½ Uhr die Sonne über einen Felsgrat empor kam. Ein schöner Sonnenaufgang fand uns auf einem üppigen Wiesenboden, wo uns die ersten zwerghaften Exemplare der für den Peristeri charakteristischen Zirbelkiefer (+Pinus peuce+) begegneten. Vorher war der Boden von _Adlerfarn_ weithin bedeckt gewesen, zwischen dem Wolfsmilch, Thymian, hier und da Erdbeerpflanzen standen. Die großen Farnflächen waren manchmal durch Wiesen unterbrochen, in denen mitteleuropäische Grasarten und ein weißer Klee die Charakterpflanzen waren.

Hier oben war aber die Pflanzenwelt reicher; zwischen den vereinzelten Sträuchern der Zirbelkiefer wuchsen Gruppen eines niedrigen _Wachholders_ (+Juniperus nana+ Willd.). Von blühenden Pflanzen fielen Königskerzen, Schafsgarben, Nelken auf. Ich habe auf dem Peristeri keine Pflanzen gesammelt, da der deutsche Botaniker _Grisebach_ schon im Jahre 1839 hier Beobachtungen gemacht hatte und Professor _Bornmüller_, mein botanischer Mitarbeiter in Mazedonien, im Jahre 1917 schon dort gewesen war. Immerhin werde ich noch manche Pflanzen aus der alpinen Region erwähnen.

Um so mehr nahm ich mit meinen Begleitern die Zeit wahr, um auf Tiere zu achten. Eine Menge von kleinen grauen Schmetterlingen aus der Gruppe der Spanner (Geometriden) flogen vor unseren Schritten aus den Büschen vor uns auf (+Anaites simpliciata+ Tr.). +Parnassier+ fanden wir hier nicht. Wahrscheinlich war es für die +Mnemosynen+ zu spät und für die +Apollos+ zu früh. Zwei für die Höhenzone charakteristische Heuschreckenarten waren aber häufig. Eine schwarze Form mit roten Unterflügeln glich sehr der Art, welche ich in der gleichen Höhenzone auf der Mala Rupa gefunden hatte. Sie führte einen ähnlichen Balzflug aus wie jene, aber stieg dabei nicht so ausgesprochen senkrecht in die Höhe wie sie (+Stenobothrus morio+ Fab.). Eine zweite kleine Heuschrecke, die in großen Mengen vorkam, zeichnete sich im männlichen Geschlecht durch eigentümlich verdickte Vorderschienen aus, welche offenbar im Geschlechtsleben eine Rolle spielen. Diese Form, die hier abgebildet ist, ist durch diesen geschlechtlichen Dimorphismus besonders gekennzeichnet, welcher sonst bei Heuschrecken selten vorkommt.

Aus den grünen Matten ragten Gruppen schroffer, heller Felsen empor, welche in den Spalten von rötlichem Detritus erfüllt waren. Ein schöner, gleichmäßiger, dunkelgrüner Rasen überzog die Hänge dazwischen. Es war selbst hier in einer Höhe von 1800-2000 m sehr heiß, die Sonne brannte auf uns herab, als wir an einem solchen Felsen rasteten. Da erschienen plötzlich feindliche Flieger über uns. Sie wurden von einer Flakbatterie bei _Rasotin_ beschossen, wobei ein Blindgänger nahe bei uns niederfiel. So wurde man grausam daran erinnert, daß wir Naturforscher nicht einmal in dieser weihevollen Einsamkeit der Natur ungestört unseren Forschungen nachgehen durften.

Wir ließen uns aber nicht bei unserer Tätigkeit behindern, welche uns reizvolle Funde in Aussicht stellte; denn über den Matten flogen interessante Gebirgsschmetterlinge dahin. Es waren dunkle _Erebien_ (+Erebia epiphron orientalis+ Elw., +E. euryale+ Esp., +E. tyndarus balcanica+ Reb.).

Nach fast 5 Stunden Steigens langten wir in einem karartigen Kessel der Gipfelregion an. Mächtige Granitblöcke bedeckten seine Hänge, wirr übereinander gestürzt und durcheinander geworfen. Eine tiefe Mulde zog sich zu einem etwas eingebogenen Gipfelkamm. Der ganze Hang war von ungeheuren Massen von Geröll bedeckt. Wir waren in etwa 2100 m Höhe angelangt. Die Mulde streckte sich nach Süden und kehrte uns ihren Nordhang entgegen. Auf diesem lag das einzige kleine Schneefeld, welches der Sommer oben bei etwa 2400 m zurückgelassen hatte. Zwischen den Steinen rann Schmelzwasser des Schnees herab, welches im Grunde schwarze, sumpfige Erde angesammelt hatte, zwischen der allerhand Pflanzen von ausgesprochen alpinem Typus wuchsen. Auch von diesen hat _Grisebach_ eine ausführliche Liste gegeben. Mir fiel damals besonders eine entzückende _rosenrote Nelke_ auf, die große blütenreiche Polster zwischen den Steinen bildete (+Dianthus myrtinervis+ Gris.). Ich habe von einem solchen Polster eine photographische Aufnahme gemacht, welche hier eingefügt ist (Abb. 258, S. 520). Die Abbildung gibt einen Eindruck von der charakteristischen Hochgebirgsumgebung, in welcher die Pflanze wächst. Die Augen auf sich zog auch ein stattlicher _Enzian_ (+Gentiana punctata+ L.) mit gelben, braungefleckten Blüten, der große Büsche bildete. Unten am Sumpf stand ein stattliches Fettkraut mit großen violetten Blüten (+Pinguicula grandiflora+ Lam.), ein alpiner Vertreter dieser insektenfressenden Pflanzengattung. Dazu kam ein mächtiges Läusekraut (+Pedicularis comosa+ L.) und ein leuchtend blaues Vergißmeinnicht.

In diesem steinernen Kessel, in der Hochgebirgseinöde, lag eine bulgarische Kompanie. Sie hatte im Schutz von Felsen in möglichster Winddeckung eine Anzahl Hütten und Baracken gebaut und führte da ein entbehrungsvolles Dasein. Wir waren in nächster Nähe der Front, welche über den Gipfel des _Peristeri_ hinzog. Im Sommer war der Aufenthalt hier oben nicht weiter schlimm und jedenfalls der Gesundheit zuträglich. Aber im Winter hatten die Soldaten kein leichtes Leben. Hier lag zuzeiten der Schnee 15 m hoch. Die Hütten waren dann vollkommen vergraben; so mußten sie Proviant und Munition aufgespeichert haben, da sie auf Wochen von der Welt abgesperrt sein konnten... Auch das Holz mußte aus der Baumregion heraufgeschleppt werden.

Wir waren von der Kompanie freundlich aufgenommen worden, vor allem von ihrem Hauptmann, der ein umgänglicher, sympathischer Mann war und bald sein starkes Interesse für naturwissenschaftliche Fragen und vor allem für Botanik verriet. Er bot uns seine Begleitung auf den Gipfel an, die uns sehr willkommen war.

Es war ein anstrengender Anstieg, ein schwieriges Klettern über die glatten, bunt durcheinander gewürfelten Granitblöcke, welche den ganzen Hang bedeckten. Wir hatten noch einige hundert Meter bis zum Gipfel emporzuklimmen; Pfad gab es keinen, kein Wiesenstück, keinen Streifen Erdkrume. Alles nur Steine, glatte, mächtige Felsen oder durcheinander geworfene kantige Blöcke. So gab es auch auf dem Anstieg immer weniger Vegetation und die äußerste Gipfelregion trug gar keine höheren Pflanzen; da wuchs nur hier und da etwas Moos oder eine Flechte als Kruste auf dem Gestein. Die einzigen Tiere, die hier oben zu beobachten waren, Ohrenlerchen (+Chionophilos alpestris balcanicus+ Rchn.) schwirrten durch die Felsspalten (vgl. Abb. 201, S. 403).

Der im Hochgebirge eingelebte Hauptmann brachte uns mit seinen langen Schritten bald außer Atem. Doch in kaum einer Stunde erreichten wir das Schneeband, durchwateten dieses und klommen über die letzten Felsenplatten zu dem kahlen Gipfel empor, dessen Höhe mir mein Aneroïdbarometer mit 2460 m angab, während die Karte 2535 m als Gipfelzahl verzeichnet.

Ich trat hinaus auf den kleinen Gipfelraum, atmete tief auf, reckte meine Arme in die Höhe, und begann mit einem frohen Jodler mein Entzücken, welches das Bild in mir erweckte, das vor mir lag, auszuposaunen. Da faßte mich still der bulgarische Hauptmann an der Schulter und zog mich hinunter in Deckung. „Wir sind nicht auf dem Rigi hier, gleich wirds schießen.‟ Und er deutete mit dem Finger auf die französischen Gräben, die sich kaum 200 m vor uns hinzogen, in denen ich aber niemand sich regen sah.