Part 39
Der Aufenthalt hier oben weckte in mir zwei Pläne, die im nächsten Jahr zur Ausführung gelangten. Ich beschloß beim Anblick des _Peristeri_, diesen eigenartigen Berg zu besteigen und seine Natur kennen zu lernen. Noch stärker zog es mich in die Tiefe, als ich von der Paßhöhe nach Westen und Südwesten blickte. Frei lag vor mir eine weite Ebene, in deren Mitte die Stadt _Resna_ mit ihren weißen Häusern aufblinkte. Die Ebene war eingefaßt von einer Kette hoher Berge, hinter denen die _albanischen Gebirge_ auftauchten.
Zwischen dem Berg, auf dem ich stand, und jenen fernen Ketten aber blinkte im Süden im zarten Duft der Spiegel des _Prespasees_ auf. Also so nahe zu meinen Füßen lag dieser schöne blaue See und ähnlich mußte jenseits jener Bergkette der _Ochridasee_ liegen, von dessen Schönheit viele Berichte mir geworden waren.
Ganz anders sah die Landschaft um _Gopes_ aus, als ich einige Monate später auf der Fahrt zum Ochridasee sie durchreiste. Da war auch hier viel verdorrt und verbrannt, Pflanzenwelt und Tierwelt vollkommen verändert.
Und noch mehr umgewandelt erschien sie mir, als ich am 18. Dezember 1917 eine Winterfahrt nach _Gopes_ unternahm. Als ich im Auto durch die Ebene von Prilep fuhr, da strahlten alle Gebirge, welche sie umgeben, in einem schimmernden Schneegewand. Nicht nur der hohe _Peristeri_ mit seinen Nachbarbergen, die ganzen Mittelgebirge lagen in tiefem Schnee. Da genoß ich auf der Fahrt in der Ebene ein wundervolles Schauspiel. Erstaunlich war schon die Menge von Elstern, Dohlen, Raben, Krähen, die sich bei der winterlichen Kälte in der Nähe der Dörfer angesammelt hatten. Auffälliger waren die großen Zahlen von _Kiebitzen_, die an den Gräben herumflogen und vor allem der _Falken_, die trotz der Kälte hier ausgehalten hatten.
Das Seltsamste waren aber die Massen von _Wildgänsen_, die sich in der Ebene von Prilep in diesen Tagen angesammelt hatten. Schon bei der Fahrt durch Serbien und Nordmazedonien hatte ich große Mengen dieser Vögel an den Flüssen gesehen. Vor allem im Wardar schwammen an jeder Windung, in jeder Bucht eine Anzahl Paare dieser stattlichen Vögel, meist gleichzeitig mit Stockenten und anderen Wildenten. Hier aber auf der Ebene von Prilep waren ihrer gewaltige Massen versammelt.
Woher mochten sie alle kommen? Alle paar Minuten flogen 100 bis 200 Stück vor meinem Wagen auf, ganze Wolken von ihnen zogen am Himmel dahin. Schließlich durfte ich die Zahl, die vor mir aufgetaucht und an mir vorbeigeflogen war, auf 20000 schätzen. Sie waren auf dem Zug aus dem Norden hier angelangt und hatten im Lande Station gemacht. Weitere Zuzüge kamen ständig an und offenbar war der Zug weiter nach Süden gerade in dieser reichen Ebene der Pelagonia zum Stocken gekommen. So war eine Stauung entstanden, welche zu den Massenansammlungen führte.
In _Lera_ erwartete mich ein Pferdewagen, der mich den Berg hinauf durch tauenden Schnee und Schmutz nach _Gopes_ brachte. Zum Schluß der Fahrt kam ich in Nebel; dessen Schwaden zogen zwischen den alten Buchen und Eichen dahin, öffneten gelegentlich den Ausblick auf schneebedeckte Halden und in die tiefen Schluchten und Täler; Krähen und Dohlen flogen krächzend von Baum zu Baum. Es war ein reizvoller Anblick, den der verschneite Ort mit den schwer beladenen Dächern darbot, so ganz anders als im Sommer und doch fast schöner in den malerischen Einzelbildern, welche Bäume und Häuser darboten.
Es war eine eigenartige Aufgabe, welche ich diesmal mitten im Winter in Gopes zu erfüllen hatte. Ich brachte dem Etappeninspekteur der XI. Armee, Exzellenz _von Krane_, das Ehrendoktordiplom der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg im Breisgau, meiner damaligen Fakultät. Es war dies eine Ehrung des Generals, welcher durch sein Eintreten für unsere Kommission der Wissenschaft wertvolle Dienste geleistet hatte. Das wurde in einem eigenartigen Fest kurz vor Weihnachten in der entlegenen Gebirgslandschaft gefeiert. Der General hatte zu der Festlichkeit alle Doktores aller Fakultäten, die bei den in der Umgebung verteilten Truppen an der Front standen, eingeladen.
Es war ein feierlicher Augenblick, als ich im Kreis dieser stolzen Schar, angetan mit dem Amtstalar meiner Fakultät, das Ehrendiplom entrollte, verlas und mit einer Ansprache überreichte, in der ich die Verdienste des Heeres um die Erforschung des Landes, die enge Verknüpfung, welche der Krieg zwischen Armee und Gelehrten gebracht hatte, hervorhob und das Verdienst des Generals dabei betonte. Bei seinem Dank war der General so gerührt, daß ihm die Tränen in die Augen traten. Dabei wirkte auf ihn, wie auf uns alle, die ganz eigenartige Situation, unter der der feierliche Akt sich vollzog. In dem kleinen Zimmer des Aromunenhauses, dessen Beleuchtung für den Abend nach Möglichkeit gesteigert war, hatte sich um uns eine glänzende Gesellschaft geschart. Sie kamen aus den Stellungen und Unterständen, die sich an der Grenze Griechenlands im Hochgebirge hinzogen, waren oft manchen Kilometer weit auf Gebirgssteigen geklettert und geritten, um diese friedliche Feier mitzumachen.
Den nächsten Tag, den ich noch in Gopes verweilen mußte, verwandte ich zu einer Besteigung einer beschneiten Höhe, die sich über Gopes erhebt. Es war die Kuppe 1680, über jenem Paß nach _Resna_, an welchem ich im Juni so gute Insektenausbeute gemacht hatte. Es ging wieder durch den beschneiten Buchenwald, anfangs auf schlammigen Pfaden, die weiter oben gefroren und von Glatteis überzogen waren. Später bedeckte Weg und Waldboden tiefer Schnee, so daß kein Pfad mehr zu erkennen war.
Durch den Schnee führten zahlreiche Tierspuren, welche auf Füchse und eine Spur, welche auf einen Wolf deuteten. Letzteres war durchaus nicht unmöglich, denn man hatte mir abends die Photographie eines dicht bei _Gopes_ erlegten Wolfes gezeigt und auch Bären kamen im Gebiet vor.
Um in dem pfadlosen Schnee in der grenzenlosen Bergeinsamkeit eine Orientierung zu haben, bewegte ich mich gegen eine Kuppe, die ein trigonometrisches Signal trug. Noch schien starke Nachmittagssonne, ein dunkelblauer Himmel stach scharf von den weißen Schneeflächen ab, auf welchen tiefblaue Schatten lagen. Immer prachtvollere Blicke taten sich vor mir auf, hinunter auf die Ebene bei _Resna_ und nördlich des _Prespasees_ und vor allem nach Süden auf den edelumrissenen Block des _Peristeri_.
Als ich auf der Kuppe angelangt war, begann der Tag sich zu neigen, gelber begann das Sonnenlicht die Schneeflächen zu färben. Aus der Tiefe stiegen Nebelschwaden auf, welche in die Täler eindrangen und diese allmählich erfüllten. Immer weiter breiteten sie sich aus und bedeckten schließlich wie ein weites Meer die Ebene, während gleichsam Buchten und Häfen sich in die Täler und zwischen die Berge erstreckten. Es war die Zeit, in der an der Front der „Abendsegen‟ ertönte, die regelmäßige Beschießung, die auch hier in den Gebirgsstellungen nicht unterblieb. Als die letzten Schüsse verhallt waren, breitete sich tiefste Stille um mich aus, nur hier und da knisterte es im frierenden Schnee. Im Westen, unter der sinkenden Sonne, schimmerte durch den Nebel der blinkende Spiegel des _Prespasees_ durch, vor allem das Sumpfgebiet im Norden blitzte auf. Die Insel im See ist deutlich sichtbar.
Westwärts werden der _Tomoros_ und _Malisat_, die Berge am _Ochridasee_, albanische schneebedeckte Gebirge, mit leuchtenden weißen Flächen und starken blauen Schatten sichtbar. Der Schein der Sonne wird röter und röter; in ihm leuchtet die Pyramide des _Peristeri_ in Glut, die von tiefblauen Schatten sich abhebt. Die fernen Ketten schimmern wie Alpenglühen.
Wie düstere Inseln ragen die näheren Berge aus dem silberig erglänzenden Wolkenmeer heraus; dunkelviolette Schatten lassen sie als schwere Massen von der duftigen, flockigen Oberfläche des Nebelmeeres sich abheben. In dieser regt und bewegt es sich, sie erscheint stürmisch bewegt, zu gewaltigen Wellenungetümen aufgetürmt. Und wie Gischt an der Brandung bäumen sich die Wolkenränder an den Felsen auf.
Nun wird um mich das Licht fahler; nur die Spitze des _Peristeri_ und weit drüben bei den Feinden der Kaimaktschalam erstrahlen noch in rosigem Licht. Die Schatten werden immer blauer und durchsichtiger. Schließlich verschwindet alle Röte von den Bergen. Ein zartes Gelb legt sich auf ihre Schneefelder, während die Schluchten in tiefe Tinten von Indigo getaucht werden. In der Ferne erscheinen aber die Kettengebirge zauberhafter noch als zuvor. Das Nebelmeer dehnt sich weit dahin wie eine unendliche schneebedeckte Ebene, aus der wie Inseln, wie ferne antarktische Gebirge die Ketten hervorragen, deren Gipfel die Wolken noch überragen. Kalt und einsam, menschenleer und verlassen, wie aus Kristall gebaut, schweben sie am Horizont. In einer hier eingefügten Farbenskizze habe ich versucht, den großen Eindruck festzuhalten.
Während ich hinabzusteigen beginne, dehnen sich die Nebelmassen immer mehr zu langen Wülsten aus; sie dringen mir auf meinem Weg entgegen. Aus der Tiefe drängen sie herauf. Sie bilden stürmende, wühlende Massen und erscheinen mit ihren grünlichen Schatten heller, leuchtender als die dunkler und dunkler werdenden Berginseln.
Ich steige ihnen entgegen, in sie hinein, durch sie hindurch; tiefe Dämmerung umgibt mich; da tauchen die Häuser von Gopes vor mir auf, durch irgendeinen Reflex rosig angehaucht. Zwischen Nebelschwaden klettern sie aus dem Abgrund hervor, die Kirche mit ihren Türmchen, die Dächer und blau beschatteten Wände. Wolken wälzen sich durch die engen Gassen aus dem Tal herauf. Hier und da blinkt ein mattes Licht in den Fenstern eines alten Hauses auf.
An diesen Winterabend mußte ich denken, als ich an einem heißen Julitag 1918 die letzte Reise nach Gopes machte, schwer mit vielerlei Gepäck belastet, um das dortige Hauptquartier als Ausgangspunkt zu einer Besteigung des _Peristeri_, des _Tomoros_ und zu Untersuchungen auf dem _Prespa-_ und _Ochridasee_ zu verwenden. Es waren glühend heiße Tage, an denen ich die Reise von Üsküb über Veles nach Prilep, von dort mit der Kleinbahn über Bucin und Lopatiče nach Sviniste machte, um von diesem Ort nach Gopes hinaufzureiten.
Oben fand ich alle erwartete Unterstützung und bestieg noch einmal den Berg, der mir im Winter einen so unvergeßlichen Eindruck hinterlassen hatte. Auch an diesem Tag bot er Interessantes. Allerdings die Waldverwüstung hatte noch weitere Fortschritte gemacht. Aber der Insektenreichtum war noch ähnlich groß wie im vorigen Jahr. Doch waren jetzt andere Arten beim Flug; so unter den Schmetterlingen interessante Blutströpfchen, +Zygaeniden+-Arten. Aber die +Mnemosynen+, welche im Jahre vorher so zahlreich hier flogen, waren jetzt entsprechend der um einen Monat vorgeschrittenen Jahreszeit verschwunden.
DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL
SOMMER IN MAZEDONIEN
Für den Naturforscher war der Sommer wohl die eindrucksreichste Jahreszeit in Mazedonien. Von ihm war in manchen Kapiteln dieses Buches die Rede; ich erwähnte oft seinen Einfluß auf Tier- und Pflanzenwelt, auf den Charakter der Landschaft. Hier möchte ich zusammenfassend ein einheitliches Bild vom Sommer Mazedoniens geben, da ich ihn für das Verständnis dieses eigenartigen Stückes von Europa für besonders wichtig halte.
Bis in den Juni hinein erstreckt sich der Frühling mit seinem Reichtum an Blüten, mit seinem fröhlichen Vogelleben, mit der stürmischen Entwicklung der Insektenwelt. Überwältigend ist in dieser Zeit die Energieproduktion des Lebens im ganzen Land. Nur im Hochgebirge fängt der Frühling später an und hält länger aus. Wenn im Flachland und in den Tälern schon die Sommerdürre herrscht, kann man ins Gebirge in den Frühling hineinsteigen.
Ende Juni, Anfang Juli beginnt unten das große Sterben. Die einjährigen Pflanzen, deren Blütenpracht den Frühling so reizvoll machte, haben ihre Samen gereift und können nun verdorren. Die Sonne beginnt, von Wolken unverhüllt, in ihrem Tageslauf unerbittlich auf das Land herabzustrahlen. Durch den Juli, August und September dehnen sich fast hundert wolkenlose Tage. Es ist die Zeit der hohen Tagestemperaturen. Mitte Juli steigt der exakt gemessene Thermometer regelmäßig am Nachmittag über 35° C, nicht selten auf 40° und darüber; und das dauert den August hindurch und vielfach ein gut Stück in den September hinein. Dabei sind die Morgentemperaturen schon um und über 30° und auch nachts sinkt das Thermometer selten tiefer. Und noch höher, oft ganz erheblich höher, waren die Strahlungstemperaturen, welche von den sonnendurchglühten Wänden der Häuser, den Felsen, den Lehmhalden ausgingen. Das war die Zeit, in der die deutschen Soldaten unter dem Land Mazedonien litten, in der sie ihm fluchten. Es wurde zum schattenlosen, staubigen Land, das sie mit der Wüste verglichen.
Tatsächlich nahm das Tiefland immer mehr den Charakter der verbrannten Steppe an. Die Blüten waren verschwunden, selbst die Büsche und Bäume hatten ihre Samen und Früchte angesetzt. Die Wiesen und Rasen verwelkten. Staub begann überall im Winde aufzuwirbeln und dämpfte das Grün, das in der Landschaft noch lebte.
Wenige Pflanzen blühten noch, wenige vor allem in voller Pracht, viele zeigten welke Blüten und Fruchtstände neben spärlichen Blüten, so der _Rittersporn_, die _Glockenblumen_, die _Königskerzen_ und vor allem die _Disteln_, die sich jetzt vordrängten. Aber auch diese begannen gelb und braun zu werden. Viele der Pflanzen hatten dornige, stachelige Samen.
Auffallend still war es im Frühsommer in der gelbgrauen Landschaft geworden. Die Gesänge der _Vögel_ waren verstummt, nachdem für die meisten von ihnen die Paarungs- und Brutzeit vorbei war. Vor allem zur heißen Mittagszeit war nichts von ihnen zu bemerken; sie hatten sich in den Büschen versteckt. Viele waren in die Schluchten und Haine der Berghänge verzogen, ja manche Arten waren vollkommen verschwunden und waren in die Berge gewandert.
Selbst die sonnenliebenden _Eidechsen_ sah man jetzt nicht mehr so viel auf den glühend heißen Steinen umherhuschen. Auch bei ihnen waren die Weibchen beim Eierlegen und ihre Beute war kärglicher geworden. Die Insekten waren viel weniger geworden; bei vielen _Tagschmetterlingen_ war die erste Generation verschwunden und von der zweiten fraßen die Raupen an den Futterpflanzen. Auch für viele solitäre _Bienen_ galt ähnliches. Vor allem fehlte die Masse der _Blütenkäfer_, die mit den anderen Blüteninsekten, den Wanzen, den Blattwespen, den Fliegenarten so sehr zum Reichtum der Frühlingstierwelt beigetragen hatten.
Eigenartig war die Ruhe, die in der Natur in den heißen Mittagsstunden herrschte. Zwar lagen die _Mauereidechsen_ und die schönen großen _Smaragdeidechsen_ träg in der Sonne. Aber auch sie hatten wenig Neigung sich zu bewegen. Schon _Theokrit_ wußte, daß die Eidechsen um diese Zeit hier im Lande mittags schlafen. Nur die _Mistkäfer_ wälzten unbekümmert ihre Kotkugeln. Die _Vögel_ waren ganz still, selbst die _Ameisen_ wanderten kaum auf ihren Straßen und hielten Mittagsruhe.
Auffallend war die Flucht vieler Tiere in den Schatten. In _Hainen_ und vor allem in _kleinen Bergwäldern_, so in dem Buchenwald der Plaguša Planina, waren ganze Versammlungen von Vögeln in das grüne Düster unter den Bäumen geflüchtet. Selbst Tagschmetterlinge waren aus der grellen Sonne gewichen und saßen in Scharen auf den Buchenstämmen, so verschiedene +Satyrus+-Arten. Verständlicher war es, daß die tagfliegenden Eulen (+Arctiiden+) den Waldschatten aufgesucht hatten.
In den _Schluchten_ versammelten sich in der Wassernähe vor allem viele _Amphibien_, welche dem Wasser dorthin nachgezogen waren. Nicht nur _Frösche_, sondern auch _Kröten_ fand man dort in dieser Zeit in ungewohnten Mengen. Hier fanden sie wenigstens einen Hauch von Feuchtigkeit unter Steinen und in Felsspalten. Dorthin zogen sie sich zurück, als die steigende Dürre die Bäche mehr und mehr austrocknete. Dann hielten die Amphibien, _Molche_ und _Frösche_, ihre Sommerruhe in diesen Verstecken. Dort gesellten sich zu ihnen die _Krebse_ und _Taschenkrebse_, die auch eine Ruhezeit durchmachen mußten. Besonders auffällig war dies bei den Bachfischen, z. B. den _Barben_, die, im Schlamm vergraben, in einen Sommerschlaf versanken. Fische, Krebse und andere Wassertiere fand ich auch öfters tot in den ausgetrockneten Bachbetten liegen, wo die Verdunstung des Wassers sie liegen gelassen hatte. So fand ich z. B. am 30. Juli in verschiedenen trockenen Schluchten Süßwasserkrabben tot umherliegend. Eine Sommerruhe war ganz allgemein bei den _Landschnecken_. Diese hatten alle, besonders die +Helix+-Arten, in dieser Zeit sich in ihre Häuser zurückgezogen und diese mit einem dicken Kalkdeckel verschlossen. Vielfach hingen sie, mit Schleim angeklebt, an den verdorrten Stengeln der Pflanzen, mit denen gleichzeitig die Dürre sie überrascht hatte. Und das konnte auch schon im Mai passieren, wenn plötzlich trockene Hitze einsetzte.
_Nacktschnecken_ gab es in Mazedonien ja nur sehr wenig. Die Exemplare weniger Arten, die ich im Lande auffand, waren stets unter Steinen, in Erdlöchern, in der Nähe von Brunnen oder Quellen in feuchtem Boden entdeckt worden.
Alle diese Tiere, wie auch die vielen kleinen Geschöpfe der Tümpel, welche in Zysten oder anderen Dauerzuständen zu übersommern vermochten, erwarteten so, ihres Lebens wenigstens sicher, die ersten ergiebigen Herbstregen. Die waren nicht vor Ende September zu erwarten. Im Jahre 1917 erlebte ich den ersten Herbstregen am 10. September; aber er und seine Nachfolger in den nächsten Wochen waren noch nicht fähig die Erde zu nässen. Obwohl sie aus schwarzen Wolken kamen, erreichten ihre Tropfen die dürstende Erde nicht, sondern waren verdunstet, lange ehe sie den Boden erreichen konnten.
Trotzdem war die Sommerlandschaft Mazedoniens nicht ganz frei von Tieren. Im Gegenteil, im Juli schon mehrten sich die Vertreter einer neuen Sommertierwelt. Schon im Juni waren manche _Heuschrecken_-Arten in geflügeltem Zustande aufgetreten. Ich vergesse natürlich nicht, daß einzelne überwinterte Formen schon vorher da waren. Unendlich war vorher die Masse der kleinen und kleinsten Larvenstadien gewesen. Für die heranwachsenden Heuschrecken war die Pflanzennahrung, die ihnen die Sommerdürre zurückgelassen hatte, nicht zu hart. Sie begannen allmählich die Landschaft zu beherrschen.
Und mit ihnen und ihrer Zunahme begann die _Steppe_ zu herrschen mit ihrer eigenartigen Tierwelt. Noch hatten manche Heuschrecken nur halblange Flügel, andere waren erwachsen. Gerade die südlichen Formen kamen in der Entwicklung nachgehinkt. Unendliche Mengen von langfühlerigen _Laubheuschrecken_ (+Locustiden+) mit ihren schönen grünen, gelben und rötlichen Flügeldecken begannen im Gesang mit den _Grillen_ zu wetteifern. An Zahl bei weitem überwiegend waren aber die _Feldheuschrecken_, die +Acridiiden+, die häufig durch die Färbung ihrer Flügeldecken so vollkommen ihrer Umgebung ähnelten, daß man sie erst entdeckte, als sie vor dem Schritt des Wanderers aufflogen, um ebenso zu verschwinden, sobald sie an geeignetem Ort sich niederließen.
Es ist hier die Gelegenheit auf die formenmannigfaltige _Heuschreckenfauna_ von Mazedonien einen Blick zu werfen. Heuschrecken gehören zu Mazedonien, wie die Dornsträucher und Disteln, wie die Ameisenlöwen, wie die Turmfalken und Ziesel, wie Dohlen, Elstern, Würger und Geier. Und sie herrschten geradezu im Spätsommer in einer Steppengegend vor.
Unter ihnen spielten _Gespensterheuschrecken_ (+Mantodeen+) keine geringe Rolle der Zahl nach. Die häufigste Art war jetzt gegen den Herbst die kleinste Form von den drei Arten von +Mantodeen+, welche in dem von mir besuchten Teile von Mazedonien vorkamen. Es war +Ameles decolor+ Charp., welche in Hunderten von gelben und braunen Individuen auftrat; bei ihr gibt es nie grüne Exemplare, wie bei den anderen +Mantodeen+ des Landes. Nur das Männchen hat bei dieser Art die langen, gelbbraunen, papierdünnen Flügel, während das Weibchen stummelflügelig ist. Im Verlauf des Frühsommers hatte man sie allmählich von ganz kleinen Stadien heranwachsen sehen, jetzt im Spätsommer waren sie geschlechtsreif, allerdings zum Teil sehr spät. Ich fand noch zwischen dem 20. und 25. August Exemplare mit unentwickelten Geschlechtsorganen. Man sah sie vielfach Bläulinge und andere kleine Schmetterlinge fangen.
Die zweite Gespensterheuschrecke in Mazedonien, fast ebenso häufig wie der kleine +Ameles+, war die richtige Gottesanbeterin +Mantis religiosa+ L. Dieses große stattliche Tier kam in grünen und gelben Individuen vor. Hier sind beide Geschlechter langflügelig. Auch diese Art entwickelt sich während des Sommers und wird gegen den Herbst geschlechtsreif. Anfang Juli traten im südlichen Wardartal Massen von Larven auf, Ende Juli, Anfang August waren sie erwachsen, aber die Geschlechtsorgane noch nicht fertig entwickelt. Im September und Oktober findet die Fortpflanzung statt. Dann sieht man vielfach an Steinen angeklebt ihre Eierkokons, einige Zentimeter lange, gewölbte Gebilde aus einer zarten Substanz, in denen 80-100 der länglichen Eier parallel nebeneinander liegen.
Die dritte hierher gehörige Form ist +Empusa fasciata+ Brull. Das ist ein Tier, welches eine merkwürdige Tendenz hat, an allen möglichen Stellen des Körpers Zipfel und Lappen zu entwickeln. An den Beinen, am Hinterleib, ja selbst an seinem Eikokon kommen solche vor. Es ist ein stattliches Tier, welches als Larve den Hinterleib stets aufwärts zurückgebogen trägt. Das Männchen hat lange gefiederte Fühler. Ein merkwürdiger Augenfleck auf der Innenseite der Vorderbeine fiel mir bei manchen Exemplaren auf und zeigte sich variabel.
Von ihr fand ich bei Üsküb im Winter gar nicht selten unter Steinen relativ große, aber noch ungeflügelte Larven. Auch im Süden bei Kaluckova und Dedeli kommt die Art vor. Nirgends fand ich sie aber so häufig wie bei Üsküb. Im Frühjahr kriechen sie aus dem Winterquartier und bei eifriger Insektenjagd wachsen sie bald heran und bekommen Flügel. In der zweiten Hälfte des Mai sind sie geschlechtsreif und beginnen mit der Fortpflanzung. Ich habe sie öfter im Käfig gehalten, wo sie leicht mit allerhand Insekten zu füttern sind.
Im Juli sind schon kleine, kaum 1 cm lange, flügellose Larven da, welche den Hinterleib aufrecht zurückgeschlagen tragen und in ihrer Hagerkeit einen bizarren Eindruck machen. Diese kleinen Larven wachsen bis zum Eintritt des Winters bis zur halben Größe heran, um dann zu überwintern. Ende August kamen sie in Veles oft in großen Massen in die Zimmer hinein.
+Ameles decolor+ Charp. ist die einzige Mantide, welche nachts ans Licht flog, diese aber oft in großen Mengen.
Von +Lokustodeen+, den Heuschrecken mit den langen dünnen Fühlern, erwähne ich +Decticus albifrons+ F., einen nahen Verwandten unseres _Warzenbeißers_; er ist etwas größer als dieser und niemals grün gefärbt wie er.
Ganz abenteuerliche Erscheinungen sind die +Saga+-Arten, deren ich zwei in Mazedonien antraf, die grüne +Saga serrata+ Fabr. und die olivbraune, schwarzgefleckte +Saga natoliae+ Serv. Mit ihren langen, ungeschlachten Beinen, ihren kurzen, wie verkrüppelt aussehenden Flügeldecken und ihren plumpen Bewegungen scheinen sie gar nicht recht in das Geschlecht der Heuschrecken hineinzupassen. Von ihnen ist +Saga natoliae+ die südliche Form, die im Balkan und Kleinasien weit verbreitet ist; sie wird nördlich von +S. serrata+ abgelöst. Letztere pflanzt sich fast ausschließlich parthenogenetisch fort, man findet von ihr fast nur Weibchen, während erstere Männchen und Weibchen im normalen Prozentverhältnis hervorbringt.