Part 38
Durch massenhaftes Auftreten an wenigen Tagen Mitte Juni 1917 war in der Umgebung von Kaluckova eine Art mit den typischen langen Fühlern, mit dem Endknopf und einem braunen Fleck auf jedem Flügel gekennzeichnete Art bemerkenswert. Es war +Delyoproctophylla australis+ Fabr. Hunderte von Individuen flogen einige Tage lang auf den Hügeln von Kaluckova herum, um nach Verlauf dieser Tage ebenso spurlos zu verschwinden wie die anderen Arten. Eigenartig war bei dieser Form, daß ihr Körper, auf Papier gelegt, dort einen starken Fettflecken hinterließ.
Die Sammlung von Ameisenlöwen und ihren Larven, welche ich aus Mazedonien mitbrachte, ist wie viele andere Gruppen des Tierreichs bisher noch recht flüchtig durchgearbeitet. Ihre definitive Bearbeitung, welche ich selbst in die Hand genommen habe, soll in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erscheinen.
EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL
KRUSEVO ALS AROMUNENSTADT
Gopes und Krusevo, diese beiden Städte fasse ich zur Betrachtung in diesem und dem nächsten Kapitel zusammen, weil sie viel Gemeinsames haben. Sie sind beide Bergstädte und ihre Bewohner sind vorwiegend _Aromunen_ oder _Kutzowallachen_. Die eine an den Hängen der _Baba Planina_ in fast 1200 m Höhe gelegen, _Krusevo_, habe ich nur einmal besucht, in _Gopes_ war ich mehrmals zu verschiedenen Jahreszeiten.
Um nach _Krusevo_ zu gelangen, muß man von Prilep quer durch die flache Ebene direkt nach Westen 22 km weit wandern oder fahren, ehe man das Gebirge erreicht, auf welchem die Stadt liegt. Weiß sieht man ihre Häuser beim Anmarsch über die Ebene blinken. Als ich das erste Mal nach Mitte Juni 1917 über die Ebene von Prilep fuhr, erschien sie wie ein üppiger Garten. Weithin war sie von grünen Ährenfeldern bedeckt, auf denen Weizen und Roggen fast 2 m hoch standen; selbst die Gerste, die im Wardartal schon geerntet war, war hier noch nicht ganz gelb, bei einer Meereshöhe von etwas über 600 m. Im westlichen Teil der Ebene gab es ausgedehnte Pflanzungen von Hanf. In den Gräben stand reichlich Wasser, das zur Bewässerung der Felder diente und verschiedenen Bächen entstammte, die von Norden, Osten und Westen der Cerna zuströmten. Als niedere Hügelkette sah man im Süden die alte Barriere, durch welche die Cerna bei _Topolčani_ in die Ebene von Monastir, in die eigentliche _Pelagonia_ durchbricht. Man verstand wohl, daß früher ein See die Ebene, die man jetzt durchfuhr, erfüllt haben mochte.
Das Wasser, welches überall in den Gräben stand, mußte die Entwicklung der Malariamücken sehr begünstigen. Damit brachte ich unwillkürlich die Bauart der Häuser in Verbindung, welche in den Gütern und Dörfern der Ebene einen auffallenden Typus darstellten. Sie ragen turmartig hoch empor und der obere, etwas vorragende Stock ist der von Menschen bewohnte und mit Fenstern versehene. So sehen die Herrenhäuser in all den Orten der Ebene aus, die man durchfährt, in _Konjari, Urbjani_ und _Krivogastani_. Man denkt unwillkürlich an eine Flucht vor den niemals hoch fliegenden Malariamücken, wenn man diese Turmhäuser sieht und sich daran erinnert, daß auch in der Campagna von Rom im Sommer die Bauern aus Furcht vor dem Fieber auf dem Dach schlafen. Hier allerdings werden auch andere Beweggründe vorliegen, etwa Schutz vor nächtlichen Überfällen. Und das geht auch aus den Schilderungen früherer Reisenden hervor, sowie aus den Schießscharten des unteren Stockwerkes.
Als ich Anfang September 1917 mit Hauptmann _Pfeiffer_ von Prilep über die Ebene fuhr, war sie dürr und staubig. Die Felder waren abgeerntet. Heuschrecken waren die vorherrschenden Tiere und auf den Telegraphendrähten saßen viele Falken, auf sie lauernd. Lerchen und Elstern waren neben ihnen die auffallendsten Vögel.
Wir ließen unsern Wagen unten am Berg stehen und stiegen in 1½ Stunden die Landstraße hinauf, welche in vielen Windungen einer tiefen Schlucht entlang angelegt ist, die 600 m nach _Krusevo_ hinanführt. Zu ihren Seiten war die Pflanzenwelt sehr dürftig, wenige Bläulinge flogen, auch Wespen gab es, aber vor allem Heuschrecken und unter ihnen waren die _Gespensterheuschrecken_ besonders häufig. Links von der Schlucht sah man am Hang die weißen Gebäude des Klosters _Sveti Spas_.
Nach einer Straßenbiegung liegt plötzlich die weit ausgebreitete, ziemlich große Stadt an den Berghängen vor unsern Blicken. Es war ein überraschender, höchst reizvoller Anblick, der sich uns darbot. Flimmernd lag die weiße Stadt an der Bergwand und in die Schluchten eingeschmiegt; hinter ihr breitete sich als dunkle Fläche ein großer Buchenwald aus, welcher den Gipfeln eine in Mazedonien ganz ungewohnte Einheitlichkeit und Ruhe gab. Die meisten Häuser waren weiß oder doch sehr hell getüncht, die Dächer mit großen Schieferplatten gedeckt, welche über das Bild ein gedämpftes Grau breiteten, eine ganz andere Farbenwirkung als bei den Türkenstädten mit ihren grellroten Ziegeldächern. Die Form des Daches ist meist eine vierseitige Pyramide, kein zweiseitiges Giebeldach, wie bei den bulgarischen Häusern. Die Häuser sind offenbar im Zusammenhang mit dem Raummangel an den Steillehnen der Hänge hoch gebaut, haben keine äußeren Galerien und Vorhallen. Zuerst wurde ich an italienische Gebirgsstädte erinnert; aber gegenüber diesen stach die große Einförmigkeit in der Bauweise der Häuser erheblich ab, es gab weniger Individualität als in jenem Land.
Immerhin waren die Straßenbilder, als wir durch die steilen Gassen kletterten, sehr malerisch und eigenartig. Während im Gesamtanblick bei dem starken Sonnenschein die grelle Helle der Häusermassen mit den vielen gleichmäßigen Fenstern zunächst einen verwirrenden, fremdartig abweisenden Eindruck hinterlassen hatte, bauten sich jetzt an den Einzelschluchten zwischen den Gruppen von Bäumen individuellere Bilder auf, welchen die ungewohnte Waldfläche des Hintergrundes etwas für die an die Grellheit mazedonischer Städtebilder gewöhnten Augen harmonisches und sympathisches gab.
Die Hauptmasse der Häuser war groß und städtisch, eines davon war zu einem Soldatenerholungsheim ausgebaut, welches ein Rittmeister _Fries_ leitete. Es war ein guter Gedanke gewesen, hier in der frischen Bergluft, nahe dem Waldesschatten eine Art von Kurort für den mazedonischen Kriegsschauplatz einzurichten, in welchem Soldaten sich von akuten Erkrankungen und Erschöpfungszuständen erholen konnten, ohne den Strapazen der Heimreise ausgesetzt zu sein.
Hier wohnten die Rekonvaleszenten sauber und angenehm, hatten von ihren Fenstern einen schönen und freundlichen Ausblick und alles war darauf abgesehen, ihnen durch Abwechslung und Unterhaltung die Erholung zu fördern.
Mich interessierte natürlich zunächst besonders der Buchenwald, der die Gipfel der südlichen nicht sehr steilen Berge in merkwürdig geradlinigen, abgeschnittenen Beständen bedeckte. Es war ein eigenartiger Eindruck, einmal wieder einen richtigen schattigen Wald zu betreten, dessen hohe graue Stämme und hellgrüne Blätter das fremdartige Bild der weißen Stadt umfaßten (Abb. 245). Der Boden des Waldes war von einer glatten Fläche brauner Blätter bedeckt; auf ihm wuchs nicht viel von Gräsern und Kräutern, was wohl zum Teil mit der Jahreszeit zusammenhing.
Trat man jenseits aus dem Wald heraus, so fand man statt der erwarteten grünen Wiese ein kahles Geröllfeld, über welches der Wind pfiff. Vielleicht waren solche regelmäßigen Winde die Ursache des plötzlichen Aufhörens, des geradlinigen Abschlusses der Wälder.
Ein Gang durch die Stadt zeigte die städtische Wohnweise der hier wohnenden Menschen; es waren alles Stadtleute, die hier lebten, Handwerker, Kaufleute, Gewerbetreibende, Viehzüchter, keine Ackerbauer. Dem entsprach auch der mangelnde Anbau in der Umgebung der Stadt, der ja wohl auch durch die Höhenlage bedingt ist.
Nicht zum wenigsten war aber der Charakter der Stadt durch seine Einwohner bestimmt. Es war schon eigenartig, eine mazedonische Stadt ohne ein einziges Minaret vor sich zu sehen. Zwei Kirchen mit niederen Türmen, welche sich nicht übermäßig in der Größe von den anderen Gebäuden der Stadt unterschieden, bewiesen ihren rein christlichen Charakter.
Ist es nicht seltsam, daß eine solch stattliche Ansiedelung im Jahre 1858 der Geographie noch unbekannt war? Das gibt der Konsul _von Hahn_ in seinem Buch an, welches er über seine Studienreise im Interesse der Anlage der Orientbahn geschrieben hat. Wie die übrigen aromunischen Städte ist auch _Krusevo_ vor nicht allzulanger Zeit gegründet worden, von Angehörigen dieses Stammes, welche durch Räubereien oder Bedrückung aus anderen Teilen des türkischen Balkan verdrängt wurden.
_Aromunen_ nennen sich die Angehörigen dieses Volkes selbst in ihrer romanischen, dem Rumänischen ähnlichen Sprache, die vom Lateinischen aus der Zeit, in welcher der Balkan einen Teil des römischen Reiches darstellte, abzuleiten ist. _Kutzowallachen_ (lahme Wallachen) werden sie spöttisch von Türken und Slaven genannt, ebenso wie der hauptsächlich von den Serben gebrauchte Name _Zinzaren_ ein Spitzname ist, der auf ihre Aussprache gemünzt ist. _Gustav Weigand_, wohl der beste Kenner der romanisch sprechenden Völker des Balkan, ist der Meinung, daß diese jetzt so weit zerstreuten Volksbestandteile einst ein einheitliches Volk gebildet haben mit einheitlichem Wohnsitz. Aber auch er hält sie für der Rasse nach so wenig einheitlich, wie es einst die römischen Kolonisten waren, aus denen sie entstanden sein müssen. In allen den Jahrhunderten der Slavenwanderungen, der byzantinischen und türkischen Herrschaft, mögen manche Vermischungen vorgekommen sein. Aber die Sprache hält. Die auf dem Balkan zerstreuten _Aromunen_, denen als romanisch sprechende Balkanvölker die _Rumänen_ (bezeichnet als _Daco-Rumänen_), die _Mogleniten_ und _Istrier_ zur Seite stehen, erreichen nur die Zahl von höchstens 160000. Dazu sind sie ganz außerordentlich zersplittert und zerstreut angesiedelt.
_Weigand_ hält für ihre ursprüngliche Heimat das westliche Nord-Thessalien, um das _Gramosgebirge_ herum, von da sind sie hauptsächlich nach Nordosten ausgewandert, und man findet Bestandteile von ihnen in Griechenland, in Albanien, in Bulgarien, in Serbien, kurz über die ganze Balkanhalbinsel zerstreut. Sie erscheinen hauptsächlich in zwei Stämme geteilt, die sich gegenseitig als _Karaguni_, die Schwarzröcke, und die _Farserioten_, die fast immer weiße Kleidung tragen, bezeichnen. Während die ersteren seßhafte Stadtbewohner sind, leben letztere als Nomaden, schlagen ihre Hütten im Gebirge auf, wo es ihnen paßt und wo sie Weiden pachten; sie sind Hirten, welche keinen eigenen Grundbesitz haben. Trotzdem beide Stämme in enger Berührung sind, die Farserioten nicht selten zum seßhaften Leben übergehen, heiraten sie in der Regel nicht untereinander.
Daß die _Aromunen_ bis in die neueste Zeit auf dem Balkan so viel wanderten, war meist nicht freiwillig. Religiöse Verfolgungen, Bedrückung, Plünderung durch die Türken und vor allem durch die Albaner veranlaßten sie aus der alten Heimat auszuwandern und sich an Orten niederzulassen, wo Volksgenossen es gut gefunden hatten. So stammen z. B. die Aromunen in Krusevo vorwiegend aus Platsa, Mekoro, Linotopi und Nikolitsa in Albanien. Aber die Neigung zum Wandern scheint auch ohnehin im Volk zu stecken. Nicht nur haben sie eine große Neigung besondere Sommerdörfer im Gebirge und Winterquartiere in tieferen Regionen zu bewohnen, sondern die Farserioten als Hirten sind, wie wir oben sahen, typische Nomaden. Auch findet man aromunische Kaufleute und Handwerker im ganzen Orient, in Österreich, in Rußland.
So kommt es, daß sie mehr als irgend ein anderes Balkanvolk zersplittert sind und nur in kleinen Gruppen zusammen wohnen. Sie sind zwischen den großen zusammenhängenden Nationalitäten des Balkan: den Albanern, den Serben, den Bulgaren und Griechen wohl kaum erhaltungsfähig und werden wohl allmählich in jenen aufgehen. Im Süden sind sie vielfach schon gräzisiert, in Albanien albanisiert; gerade die Albaner haben z. B. sogar in den aromunischen Siedelungen in Mazedonien Fortschritte gemacht, so von mir bekannten Orten in Lera und Kazani am Peristeri, in der Gegend von Resna und dem Prespasee sowie bei Ochrida.
Dabei spielen kirchliche Streitigkeiten keine geringe Rolle, indem die einen dem griechischen Patriarchen sich unterwerfen, andere der nationalen Kirche anhängen und damit jahrhunderte alte Gegensätze auf dem Balkan weiterführen. Auch die Agitation und Schulengründung von Rumänien aus konnte schon vor dem Kriege nicht übermäßig viel erzielen. Wie das jetzt nach den fürchterlichen Kriegsjahren sein wird, ist noch nicht zu übersehen.
Eines haben allerdings die Schulen erreicht. Man findet unter ihnen sehr wenig Analphabeten, ganz im Gegensatz zum Königreich Rumänien, wo 1904 noch unter 5406209 Bewohnern sich noch 4719363 Analphabeten zählen ließen.
In einer Stadt dieses Volkes fand ich mich also in _Krusevo_; sicher unterschied sich hier die Mehrzahl der Bewohner von den Mazedoniertypen, denen ich bisher begegnet war. Die Einwohner der Stadt bestanden nach Zählungen, die allerdings vor der Kriegszeit zurücklagen, aus 7000 Aromunen, 4000 Bulgaren und 800 Albanern, insgesamt waren es 12000 Menschen. Die Leute waren größer als die meisten Türken und Bulgaren, die ich gesehen hatte, nicht ganz so groß als Albaner. Auffallend viel Blonde fanden sich unter ihnen; die Gestalten waren vielfach elegant, schlank, die Bewegungen harmonischer als bei den mazedonischen Bauern. Nun war es allerdings hier Stadtbevölkerung. Unter den Hirten im Gebirge hatte ich nicht selten dunkle, vierschrötige Erscheinungen getroffen, die wohl zu den Farserioten gehörten. Hier in Krusevo, in Gopes und in Ochrida habe ich in Mazedonien die reizvollsten Erscheinungen von jungen Frauen gesehen, während die schönsten Männer Albaner waren.
Ich machte auf den Wunsch des Ortskommandanten einen Besuch bei dem Bürgermeister, der mich sehr freundlich aufnahm und mir nachmittags als Geschenk ein photographiertes Panorama der Stadt, Stickereien und Blumen schickte. Bei diesem Gang hatte ich Gelegenheit auch in Häuser hereinzuschauen, die wie die Straßen der Stadt für mazedonische Verhältnisse sehr sauber waren. In Zimmern mit sauber geputzten Fußböden fand man zum Teil ganz gute Möbel, Teppiche, gepolsterte Bänke an den Wänden, gelegentlich auch Betten, welche als besondere Kulturerwerbung der reichen Krusevaner gerühmt wurden. Auch Ungeziefer soll bei ihnen selten sein.
Auch hier in der Stadt schienen die alten Sitten durch den Krieg wieder aufgewacht; denn man sah viele Frauen mit Spindel und Rocken Wolle und Hanf spinnend in den Höfen, was sonst bei den Hirten stets üblich ist. Viele Leute trugen hier städtische Kleider; wenn auch Viehzüchter in der Stadt wohnten. Eine einheitliche Nationaltracht haben überhaupt die Aromunen nicht, sie gleicht jeweils derjenigen ihrer Nachbarn.
Spuren eigener alter Kultur findet man überhaupt wenig bei ihnen und vor allem nicht in einer Stadt von so jungem Bestand. So sind auch ihre Kirchen ziemlich neue Bauten. Das hindert nicht, daß die eine von ihnen sehr schöne Holzschnitzereien enthält. Die Handwerker der Aromunen sind überhaupt sehr tüchtig, besonders ihre Silberarbeiter und Goldschmiede.
Eine Aromunen_stadt_ unterscheidet sich wesentlich von einem der schmutzigen Dörfer mazedonischer Bulgaren. Das gilt nicht in gleichem Maße von den Dörfern und vor allem nicht von den Hütten der Hirten, in denen allerdings immer eine besondere zum Wohnen und eine besondere zur Käsebereitung dient.
Was aber die Städte und Dörfer der _Aromunen_ auszeichnet, ist ihre Lage, welche fast stets derjenigen von Krusevo ähnelt. Sie liegen immer in größeren Bergeshöhen. Darin spricht sich sicher schon wie in den Winter- und Sommerdörfern eine Neigung zu frischer Höhenluft, zu gutem Wasser, das Bedürfnis nach hochgelegenen Weideplätzen aus. Aber die Lage der Ansiedelungen in langen Seitentälern, abseits von den Hauptverkehrsstraßen zeigt, daß die Bewohner gleichzeitig damit Schutz vor Räubern und marodierenden Soldaten suchen. Sie sind ein wenig aus der großen Welt herausgetreten, sie wohnen nicht an der Straße, sie reizen nicht das Auge des Begierigen.
Sie stellen allerdings in ihren Städten nur wirtschaftliche Vereinigungen dar, nicht solche zu Schutz und Vereinigung gegen Feinde, wenn sie eine solche auch ohne weiteres durch ihre Einwohnerzahlen sind. Doch ist es sehr bezeichnend, daß Aromunenstädte nie Mauern und Befestigungen aufweisen.
ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL
GOPES
_Gopes_ ist auch eine Aromunenstadt oder richtiger ein großes Dorf mit städtischen Häusern, hochgelegen, wie die meisten Ansiedlungen dieses Volkes. Viermal bin ich in das Gebirge gereist, in welchem dieser Ort 1200 m hoch liegt. Jedesmal erfolgte die Reise mit anderen Hilfsmitteln und zu anderer Jahreszeit und brachte so verschiedene Eindrücke, daß es sich lohnt, die verschiedenen Reisen nach Gopes kurz zu schildern.
Mein erster Besuch, eine Rekognoszierung, führte mich in gutem Auto des A.O.K. XI in einem Tag von _Prilep_ nach _Gopes_ und wieder zurück. Es war in den 18 Stunden, die er für mich dauerte, ein reicher Tag, der frühe Morgen hatte mich über die Ebene wieder nach _Krivogastani_ gebracht, dann am Gebirge entlang über _Bucin_ längs der Cerna nach _Murgas_. Kurz hinter diesem Ort geht es an einen Nebenbach, die Mramoriča (auch Smileva Reka genannt) und diese aufwärts zum Dorf _Smilevo_, von wo es in sehr steilen Kurven nach Gopes hinauf führte. Es war ein köstlicher Genuß, an dem schönen, klaren 20. Juni 1917 durch die grüne Landschaft am rauschenden Bach entlang zu fahren. Ein kühler Morgenwind beugte die Pappeln, Weiden und Obstbäume. Grüne Wiesen breiteten sich neben gutgepflegten Feldern aus. Der Weg und der Bach treten bald auf die eine, bald auf die andere Seite des Tales. Schließlich führte eine Flußbrücke zu dem kurvenreichen Bergweg, der mich schnell nach Gopes brachte.
Ein malerischer Blick öffnete sich vor mir durch den sommergrünen Buchenwald auf das Städtchen _Gopes_.
Es war der erste größere Buchenwald, den ich nach kurzem Aufenthalt in Mazedonien kennen lernte; die silberglänzenden, grauen Stämme, zum Teil alt und knorrig, das flirrende Laub, das sich vom wolkenlos blauen Himmel abhob, der Gesang der Vögel aus den Kronen der Buchen stimmten mich von vornherein empfänglich für all die Naturschönheit, die mich da oben erwartete. Jede Kurve gab einen neuen Ausblick auf die für mich ganz neuartige Stadt mit ihren großen Häusern, ihren steilen Gassen, den Gruppen von Obstbäumen, Erlen, Pappeln, welche keine solche Wirkung von Mauern und Steinen aufkommen ließen, wie sonst in mazedonischen Städten. Als anmutiges Landstädtchen erschien mir _Gopes_, umgeben von einer großzügigen Gebirgslandschaft. Schroff stürzten die Hänge hunderte von Metern in die Täler hinab; aber es waren nicht kahle Felsen, sondern grüne Wiesen, umrahmt von Hecken und Buschwerk, abwechselnd mit Gruppen schön gewachsener Bäume und kleinen und größeren Wäldern. Frische Gebirgsluft wehte durch die Gassen, deren Häuser in der Bauart reiche Abwechslung zeigten; manche waren mit Holzveranden und Vorbauten geziert; überhaupt Holzwerk und Hausteine an den unteren Stockwerken brachten eine bunte Mannigfaltigkeit ins Straßenbild, die noch gesteigert wurde durch die Verschiedenfarbigkeit der Dächer, die mit roten Ziegeln, häufiger aber mit grauen Schieferplatten gedeckt waren. Ein warmes, heiteres Bild, ohne die Grellheit der türkischen Städte, gehoben durch die Durchblicke auf die Wälder und die grandiosen Bergformen, welche nach allen Seiten sich über die Ortschaft erhoben.
Den Eindruck, den Gopes auf mich gemacht hatte, entsprach die Aufnahme, die ich dort fand; ebenso war die wissenschaftliche Ausbeute, welche der kurze Besuch mir dort brachte, sehr erfreulich. Ohne lang zu zögern, hatte ich eine Exkursion auf einen Berg über dem Ort unternommen, über den ein Paß zur Stadt _Resna_ führt. Beim Aufstieg weitete die Landschaft um mich sich mehr und mehr, tiefe Einblicke in die Täler öffneten sich und das ganze Bild war von dem stolzen Kegel des _Peristeri_ gekrönt. Noch lag reichlich Schnee auf seinen Hängen; in kühler Bläue überragte er die warme, farbige Landschaft.
Der Berg, den ich hinanstieg, war von einem stattlichen Buchenwald bedeckt; lauschige, schattige Pfade führten durch ihn hindurch. Bei diesem meinem ersten Besuch konnte ich noch die waldreiche Umgebung von Gopes in ihrer vollen Schönheit bewundern. Jeder spätere zeigte mir den Waldbestand ausgeraubt und kläglich gemindert. Bei meiner letzten Durchreise durch Gopes waren in der nächsten Umgebung des Ortes nur noch kümmerliche Baumgruppen übrig geblieben.
An den Schluchten standen aber im Juni 1917 noch prachtvolle Stämme weichblätteriger Eichen, Weiden, Pappeln, Haselnuß, an denen Efeu kletterte. Oben breiteten sich zwischen ihnen auf Lichtungen üppig grüne Waldwiesen aus; am Waldrand waren große Flächen von _Adlerfarn_ bedeckt. Den Rand der Wiesen faßten duftende Wildrosen, Brombeersträucher, Weißdorn ein. Und welche Blütenpracht bedeckte den Boden der Wiesen; hier in etwa 1500 m Höhe war noch voller Bergfrühling. Dem entsprach auch der Reichtum der Insektenwelt, besonders der Schmetterlinge, die hier meine Aufmerksamkeit fesselten.
Unter den letzteren waren es charakteristische Gebirgsformen, die hier sich zeigten; so unter den Scheckenfaltern, wie +Melitaea didyma+, von der bei Kaluckova die südliche Form geflogen war, gab es hier den nördlichen Vertreter; +Melitaea attalia mehadiensis+ Gelh. ist ein typischer Gebirgsschmetterling. Von der Gattung +Pararge+ fand ich einen Vertreter unseres Mauerfuchses (+P. maera+ L.), in einer interessanten Form (Übergänge zu +adrasta+ Hübn.), und die eigenartige +P. roxellena+ Kr. Scharen leuchtender Bläulinge umschwebten die Wiesenblumen, so +Cephyrus quercus+ L. und +Lycaena semiargus+ Rott., +L. amandus+ Schn. Dazwischen zog der altbekannte goldbraune Silberstrich (+Argynnis paphia+ L.) seine stolzen Kreise. Mit ihm flog ein zweiter Perlmutterfalter (+Argynnis daphne+ Schiff.).
Die schönste Überraschung war aber ein echter Alpenfalter, eine mit dem +Apollo+ verwandte Form, eine auffallend kleine +Mnemosyne+, die hier in zahlreichen Exemplaren flog. Es war eine anstrengende Jagd in der strahlenden Sonne, bei der mir ein junger Soldat, der mir als Begleiter mitgegeben war, eifrig half. Es gelang, eine ganze Anzahl dieses schönen weißen Schmetterlinges zu erbeuten.
Auf den blühenden Sträuchern taten sich wohl die metallisch glänzenden Rosenkäfer (+Cetonia aurata+ var. +tunicta+ Reit.). Am schattigen Boden lief der grünglänzende Puppenräuber (+Calosoma sycophanta+ L.) auf der Suche nach Raub herum.
Von Fliegen erinnere ich mich an eine lebhafte Hummelfliege (+Hemipenthes morio+ L.) und die auffallende Raubfliege +Laphria flava+ L. Von Bienen flogen +Andrena gwynana+ var. +aestiva+ K., +Anthophora Kessleri+ Mor. und die schöne +Xylocopa valga+ Gersh. (vgl. auch Abb. 187, S. 375) umher; eine Schmarotzerbiene (+Melecta lactuosa+ Scop.) und eine stattliche Hummel (+Bombus haematurus+ Kriechb.) schwirrten am Boden entlang.
Noch manches interessante Tier konnte ich in den wenigen Stunden, die mir an diesem Tag gewährt waren, beobachten. Um so dankbarer empfand ich dies, als ich im nächsten Jahr kaum einen Monat später bei einer neuen Exkursion nach _Gopes_ eine ganz veränderte Fauna, keine einzige der diesmal beobachteten Arten, mehr vorfand.