Part 36
Bei der Fahrt sah man an den Drahtseilen schwebend, von Mast zu Mast wandernd, die kleinen Tragwagen dahingleiten, welche Munitions- oder Proviantkisten, Eisenstangen, Wellblech, Pfähle, große Bündel Heu oder Stroh trugen. Hier und da sah man auch einen waghalsigen Soldaten in einem solchen sitzen. Das bedeutete ein großes Wagnis. Nicht selten rissen die Drahtseile und die Lasten stürzten herab. Es war nicht leicht, in diesem Gelände den Betrieb ständig aufrecht zu erhalten. Dem kühnen Passagier, der am Drahtseil oft in einer Höhe von hunderten von Metern ein Tal überquerte, in dessen Tiefe ein Fluß brauste, konnte es widerfahren, daß mitten in dieser luftigen Reise der Betrieb stockte; dann konnte er verurteilt sein, die grandiose Aussicht, die sich ihm da oben bot, für mehrere Stunden zu genießen, ja es konnte ihm blühen, in der Höhe zu übernachten. Jedenfalls war es ratsam, sich für eine solche Unternehmung reichlich mit Proviant zu versorgen.
Die Seilbahnen wurden schließlich auf eine große Leistungsfähigkeit gebracht und beförderten im Tag mehrere hundert Tonnen (bis 300), so daß vor allem immer der genügende Vorrat an Granaten und anderer Munition für eine mehrtägige Schlacht an der Front bereit lag und kontinuierlich ergänzt werden konnte. Jetzt darf man ja ruhig erzählen, daß schließlich immer an der Front Munition für 4 „Verdunschußtage‟ bereit lag; auf der Strecke lag der Vorrat für weitere 2 Tage und am Ende der Feldbahn noch einmal so viel. Das waren ganz große Leistungen; man konnte sie erst ganz einschätzen, wenn man erfuhr, daß um 100 Tonnen 15 km weit in einem Tag zu transportieren 3000 Ochsenwagen mit 6000 Ochsen nötig waren.
An den End- und Anfangsbahnhöfen der Feld- und Seilbahnen, auf den Umschaltstellen der letzteren war immer ein großer Betrieb, der einen Eindruck von den gewaltigen Leistungen gab, welche das Heer an dieser schwierigen Front zu erfüllen hatte.
Vom Paß aus, der in der Höhe von 1060 m lag, ging es steil in das Tal hinunter, an dessen Ende die Stadt _Prilep_ liegt. Ein seltsamer Anblick bot sich bei der Abfahrt dem Auge dar. Das Tal war ziemlich eng, von zwei steilen Bergketten eingefaßt und erweiterte sich erst kurz vor Prilep, um da in die weite Ebene der _Pelagonia_ auszumünden. Die schroffen Berge, teils aus Kalk, teils aus Granit aufgebaut, erschienen fast vegetationslos. Weithin konnte man die weiße Straße in vielen Serpentinen durch das dunkle Gestein bergab verlaufen sehen, überall von Staubwolken begleitet, die der starke Verkehr aufwirbelte.
Durch eine bizarre Felsenlandschaft geht es in sausender Fahrt das Tal hinab, zur Stadt, die allmählich, breit in der Ebene sich ausdehnend, vor den Blicken auftaucht. An halb ruinierten mohammedanischen Grabdenkmälern, einer weißen Kaserne, einem öden türkischen Friedhof vorbei, rasselt das Auto über holperiges Pflaster in die Gassen der Stadt hinein.
Pappeln, Minarets, Kirchtürme ragen über den dunklen Dächern und grauen Mauern der Stadt auf, die infolge ihres Reichtums an Gärten wie eine Vegetationsinsel aus der dürren Öde des Felsentals sich abhebt. Doch bei der Einfahrt bemerkt man von den Gärten zunächst nichts; denn als echt türkische Stadt zeigte Prilep nach außen nichts von der Schönheit seiner Häuser und Gärten. Lehmmauern begrenzen meist die Straßen, welche die Besitztümer einschließen. Anders wird das Bild erst, wenn man in das Geschäftsviertel, den Bazar gelangt, wo das übliche Leben einer orientalischen Stadt vor den offenen Werkstätten und Läden sich abspielt.
In _Prilep_ lag das Oberkommando der XI. Armee. Ihr Befehlshaber war gerade in jenen Tagen Exzellenz _von Steuben_ geworden, eine liebenswürdige, feingebildete Persönlichkeit, in dessen Gesellschaft ich manche behagliche Stunde verbrachte und von dem ich manche Hilfe erfuhr. Das war vor allem bei späteren Besuchen in Prilep der Fall; hier nahm ich im September 1917 an einem Front-Hochschulkursus teil und im Juni 1918 besuchte ich Prilep nochmals. So hatte ich Gelegenheit, auch die nähere Umgebung der Stadt kennen zu lernen.
_Prilep_ ist von anderen mazedonischen Städten nicht erheblich verschieden; sie hat weniger individuellen Charakter als andere. Weder Kirchen noch Moscheen haben besondere Art und Geschichte. So ist sie eine gleichgültige Stadt, wenn auch das Leben ebenso bunt ist, wie in anderen Städten.
Eigenartig und interessant ist aber die Umgebung von Prilep. Das Tal, an dessen Ende die Stadt liegt, ist von zwei Bergketten eingefaßt, die einander parallel verlaufen und die in mancher Beziehung sich voneinander unterscheiden. Sie streichen in der Hauptsache von Norden nach Süden. Die westliche Kette besteht in ihrem südlichen Teil aus _Granit_, der an den Bergen in geradezu bizarren Formen zutage tritt. Weiter im Norden, gegen den Paß zu, sind die Berge aus Kalk aufgebaut, aus welchem auch die ganze östliche Kette besteht. Mächtige Marmormassen kommen im Kalkgebiet vor.
Ganz besonders charakteristisch für die Gegend von Prilep ist die Granitlandschaft, die am _Varosberg_ und nördlich von ihm am _Zlatovrh_, an welchem das Kloster _Treskaveč_ liegt, vorherrscht. Das dunkle, oft rote Gestein mit den gewaltigen Steilwänden, den Hängen voll riesiger Blöcke, der mageren Pflanzenwelt bringt eine Landschaft hervor, welche ganz einzigartig ist. Die Berge sehen aus wie steil aufgetürmte Steinhaufen; tiefe Schatten lassen die Spalten scharf von den glatten Flächen des Granits sich abheben.
Besonders gut konnte man die seltsamen Granitformen am _Varosberg_ studieren, welcher als Abschluß der westlichen Kette mit seinen eigenartigen Umrissen in die Ebene südlich Prilep hineinragt. Weithin über die Ebene und von fernen Bergen erkannte man die beiden pyramidenförmigen Gipfel des Varosberges als Wahrzeichen Prileps. Zwei mächtige Granitmassive stiegen steil einige hundert Meter über der Talsohle auf. Die Konturen sind stark zerrissen, feine Zacken und breite Buckel überragen allenthalben den Umriß und geben seinen schönen Linien etwas eigenartig unruhiges. So sind auch die Abhänge, welche nur in der Gipfelregion einzelne größere Flächen zeigen; sonst sind sie von kleinen und großen Gesteinsbrocken bedeckt, die übereinander geschichtet eine oft unübersehbare Wirrnis bilden, ein starkes Hindernis für die Ersteigung des Berges, da es sich um mächtige Blöcke mit Durchmessern von 10-50 Metern und mit glatten schlüpfrigen Wänden handelt. Viele von ihnen haben die sogenannte _Wollsackform_ mit abgeschliffenen, gerundeten Kanten. Eigenartig malerisch sehen sie vor allem dann aus, wenn sie mit dunkelbraunen Moospolstern und grauen Flechten bedeckt sind. Dann heben sie sich farbig vom kurzen Rasen ab, der zwischen ihnen die Hänge bedeckt, welche die Möglichkeit zum Besteigen der steilen Berge geben.
Neben den einjährigen Pflanzen und allerhand Kräutern und kleinen Büschen, welche diesen Rasen bilden, außer den in den Spalten der Felsen wachsenden Pflanzen, spielen Sträucher und Bäume im Granitgebiet bei Prilep eine geringe Rolle. _Wachholder_ ist hier der häufigste Strauch und die Form, die hier vorkommt (+Juniperus excelsa+ L.), wächst manchmal zu stattlichen Bäumen heran und bietet damit einen überraschenden Anblick.
Auch die _Tierwelt_ war an diesen Hängen nicht übermäßig reich. Immerhin flogen zahlreiche Schmetterlinge, unter denen ein Bläuling (+Lycaena admetus+ Esp.) besonders auffiel. Da, wo Tiere geweidet hatten, gab es viele Mistkäfer, vor allem Pillendreher, von denen hier +Scarabaeus sacer+ L. und +S. pius+ Illig eifrig beim Pillendrehen waren. Auch ein stattliches Exemplar des glänzend schwarzen Baumschröters (+Sinodendron cylindricum+ L.) fand sich hier und wies darauf hin, daß die weitere Umgebung nicht ganz baumlos sein konnte. Eine große Raubfliege +Schizopogon scaliger+ Lw. machte sich in größeren Mengen bemerkbar.
Auch Heuschrecken gab es an den heißen Hängen in großer Zahl. Nicht weiter erstaunlich war es, hier Felsenvögel zu beobachten, unter denen waren bemerkenswert der muntere _Felsenkleiber_ (+Sitta neumayeri+ Michah.) und das _Steinhuhn_ (+Alectornis graeca graeca+ Meissn.), das mit knatterndem Flug mehrmals vor mir aufstieg; dabei stieß ich im Juni 1917 auf ein Gelege von 10 Eiern, welches in einer Mulde zwischen Steinen lag.
Bei weiterem Aufsteigen wurde immer deutlicher, daß die eigenartigen Umrisse des Berges nicht nur das Werk von Naturkräften waren, sondern daß auch Menschenhand dabei mitgewirkt hatte. Auf beiden Gipfeln waren Mauerreste erkennbar, welche von einer sehr ausgedehnten Burg herrühren mußten. Wie aus dem Felsen gewachsen, erhoben sich Türme, Durchgänge waren von Rundbogen überwölbt, Häuser waren noch deutlich als einstmals mehrstöckige Gebäude zu erkennen; hohe, steile Mauern zeigten noch Reste von Zinnen und waren von mächtigen Walltürmen eingefaßt.
Es waren die Reste der Burg _Markograd_, von der noch manche sagenhaften Erinnerungen bei den slavischen Mazedoniern berichten. Nach der Bauart handelt es sich wohl um einen Bau aus dem späten Mittelalter. Den beiden Gipfeln entsprechend handelt es sich um zwei Burganlagen, welche durch einen großen Mauerring umfaßt waren. Bemerkenswert ist der Mangel an Schießscharten und überhaupt die Seltenheit nach außen gerichteter Fensteröffnungen. An den Türmen wiesen Balkenlöcher darauf hin, daß einstmals bedachte Holzgallerien diese außen umgaben. Am Abhang sind die Reste einer Außenbefestigung zu erkennen, welche offenbar die ganze große Anlage vor Angriff schützte. An einer Seite, in der Richtung gegen die Stadt Prilep, glaubt man die Reste einer Zufahrt zu bemerken; sie führt zu einem Eingang mit auffallend engem Torbogen.
Es war schwer, sich eine bestimmte Vorstellung von Alter und Entstehung der Burg zu machen. Der Tradition nach war es die Burg des serbischen Helden _Marko Kraljevič_, von dem phantastische Sagen im Umlauf sind, in denen er als Riese und fast als Gespenst auftritt. _Aimé Boué_ scheint vor 100 Jahren die Bauten etwas besser erhalten gesehen zu haben. Er schreibt von einer Kapelle und einer Quelle in einem Turm an der Ostseite, die ich nicht auffand. Bei letzterer mag es sich doch wohl um eine Zisterne gehandelt haben.
Beim Herumklettern auf den Felsen und in den Ruinen gab es viel zum Schauen und zu beobachten. Wie malerisch bauten sich Türme und Wälle auf den Felsblöcken auf. Man überlegte sich, ob wohl der eine zweistöckige Bau das Frauenhaus, ein anderer größerer das Männerhaus gewesen sei.
An den Felsen in der Gipfelregion zeigten tiefe glatte Rinnen, Furchen, blanke Rundungen, untergreifende Rillen, daß gewaltige Naturkräfte an der Ausgestaltung dieser Formen gearbeitet haben mußten. Man konnte sich kaum vorstellen, daß all das schon beim Übergang aus dem feuerflüssigen Zustand des Granits entstanden war. Unwillkürlich mußte man an Wasserkräfte denken und in der Phantasie trat beim Blick auf die weite Ebene im Süden des Berges das Bild eines großen Sees auf, der einst sich bis _Monastir_ ausgedehnt haben mag. Die geologische Beschaffenheit des Bodens der Ebene, der Verlauf der Cerna läßt tatsächlich eine solche Annahme zu. Als der See verschwand, mochte auch der Berg hier sich gehoben und in seine Höhen die Spuren der Wirkungen eines kräftigen Flusses mitgenommen haben.
Jetzt schweift der Blick weit über die dunstige Ebene, welche in der Ferne von einem Kranz von Bergen eingefaßt ist. Direkt nach Westen sieht man in der _Babaplanina_ an klaren Tagen die weiße Häusermasse von _Krusevo_ aufschimmern. In weitem Bogen fassen die Berge nach Süden; schneebedeckt erhebt sich aus dieser Kette die schöne Pyramide des _Peristeri_. Kahle Berge ziehen am Ostrand der Ebene als _Selecka Planina_ südwärts zum Cernabogen. Von diesem erstreckte sich zur Zeit meines Besuches die Front über _Monastir_ westwärts zum _Peristeri_, von da zum _Prespa-_ und _Ochridasee_; man ahnte die Lücken in den Gebirgen, in denen die Seen lagen und sah jenseits von ihnen Bergketten, die schon zu _Albanien_ gehörten.
Wie von einem Turm konnte man zwischen den Felsen, durch ein Mauerloch oder eines der alten Fenster nach Osten zu steil auf die Stadt _Prilep_ hinunterblicken. In der Vogelperspektive lag das Häusergewirre mit seinen Gärten und Pappelgruppen, mit seinen Kirchen und Minarets weit auf dem Talboden ausgebreitet. Von hier aus sah die Stadt ganz anders malerisch und reizvoll aus, als innerhalb ihrer Gassen.
Jenseits im Osten stiegen wieder Bergketten mit klar umrissenen Konturen empor, die _Kalkberge_ der Ostkette des Tales von Prilep, während nach Norden die wilden Formen der _Granitberge_ den weiteren Ausblick verhinderten.
Es war nicht einfach, vom Gipfel und der Burg nach Westen über die glatten Granitplatten zu Dorf und Kloster _Varos_ herabzuklettern. Einer meiner Begleiter glitt an gefährlicher Stelle aus, rutschte über eine Felsenfläche weit hinab und entging nur durch einen Glückszufall einem bösen Schicksal.
Aus dem Bild des in einer Nische des Granitfelsens eingeschmiegten Klosters kann man entnehmen, welche tolle Kletterei wir hinter uns hatten, als wir vom Gipfel an der Hinterseite des Klosters ankamen. Hätte es nicht einen so eigenartigen Hintergrund in den Granitmassen des Berges, welche fast wie erstarrte Lavaströme aussehen, so würde es sich kaum von vielen der Balkanklöster unterscheiden. Immerhin ist die Anordnung der im rechten Winkel zueinander stehenden Gebäude, von denen das eine zwischen zwei im oberen Stockwerk vorragenden Flügeln eine graziöse Säulengallerie einfaßt, das andere zwei Säulenhallen in Holzbau übereinander zeigt, recht eigenartig. Die Kirche mit allerlei alten Architekturbestandteilen füllt die Ecke zwischen beiden Gebäuden aus. Hohe Grundmauern tragen die Fundamente der Bauten, so daß man vom Dorf aus eine hohe Treppe zu ersteigen hat.
Im letzteren steht eine interessante Kirche, von einem Friedhof mit den üblichen Kistengräbern umgeben. Die Nord- und Ostseite ist mit einer langweiligen weißen Bogengallerie verbaut. Von der Süd- und Westseite zeigt aber das Kirchlein den malerischen altmazedonischen Typus bulgarischen Ursprungs. Sie scheint allerhand Schicksale durchgemacht zu haben, so daß die ursprüngliche Anlage kaum mehr zu erkennen ist. Jedenfalls ist sie von einem graziösen zehnsäuligen Kuppelturm überragt; an der Westseite sieht man noch die Anlage von Konchen, die verschiedene Art und Behandlung der Bausteine weist auf viele Reparaturen hin.
In vieler Beziehung interessanter ist das hochgelegene Kloster _Treskawetz_, welches auch in der Granitkette, und zwar auf einer Höhe von 1226 m gelegen ist. Als im September 1917 in Prilep ein Hochschulkursus stattfand, den das Oberkommando für die Studenten der XI. Armee veranstaltete, und bei welchem wir Professoren unsere Vorlesungen in einer Moschee abhielten, gehörte zu den besonderen Veranstaltungen uns zu Ehren auch eine Bewirtung durch die Stadt _Prilep_ in diesem altheiligen Kloster.
An einem Nachmittag ritten wir die 2 Stunden durch die grandiose Granitlandschaft auf den Berg hinauf. Das Kloster, eigenartig in seltsame Felsen eingebaut, war eine weitläufige Anlage, von hohen Mauern umgeben. Zwischen den Türmen und Schornsteinen ragten Granitklötze empor, welche in ihren bizarren Gestalten fast wie Menschenarbeit aussahen.
Das Kloster erfüllte seine Aufgabe als Festquartier sehr gut, denn es war in mächtigen dreigeschossigen Galleriebauten mit einer großen Anzahl sauberer Zimmer ausgestattet, welche viele hundert Pilger aufnehmen konnten. Schon am Eingang zum Kloster waren wir von dem Bürgermeister von Prilep, angesehenen Bürgern dieser Stadt, bulgarischen Beamten und Offizieren feierlich empfangen worden.
In einer rebenumrankten Veranda fand ein Festessen statt, bei welchem wir mit den Bulgaren vereinigt saßen und bei welchem politische Reden gehalten wurden. Der Bürgermeister, ein blasser, schlanker Mann, der als bulgarischer Verschwörer lange Jahre in türkischen Gefängnissen gelegen hatte, hielt eine feurige deutschfreundliche Rede, auf welche der Kenner der griechischen Literatur und der antiken Geschichte Mazedoniens _v. Willamowitz_, der Berliner Professor in formvollendeter, feiner Rede antwortete.
In angeregten Gesprächen durchwanderte man dann zusammen die Räume des Klosters und besichtigte vor allem die ehrwürdige Kirche, deren Ursprung die Bulgaren auf das 9. Jahrhundert zurückführen wollen. Es war sehr interessant, mit den gebildeten Männern durch die für sie traditionsreichen Räume zu wandern und den Erzählungen zu lauschen, welche von dem alten Zusammenhang ihres Volkes mit Mazedonien berichteten.
Es war bemerkenswert, wie sie mit einer wahren Zärtlichkeit sich in die alten Erinnerungen versenkten, als wir alte heilige Bücher anschauten und uns ein Gewölbe gezeigt wurde, das erst vor nicht langer Zeit aufgedeckt wurde, und in welchem ein russischer Gelehrter wichtige alte Urkunden aufgefunden habe. Alte halbzerstörte Fresken an der Wand lösten die Erinnerung an den großen Zaren _Simeon_ aus, der einst ein großes Bulgarenreich über fast der ganzen Balkanhalbinsel beherrscht und das Kloster Treskaveč unterstützt hatte.
Wehmütig wurden ihre Erzählungen, als sie auf den Zaren _Samuel_ zu sprechen kamen, der während seiner 40jährigen Regierung (976-1014) eine Unmenge von Wechselfällen in den unaufhörlichen Kriegen mit Byzanz erlebte, in Ochrida glänzend residierte, dem aber schließlich in dem Konstantinopeler Kaiser _Basileus Bulgaroktonos_ ein furchtbarer, blutdürstiger Gegner erstand. Der machte schließlich durch die Schlacht an der Belasiza Planina bei _Strumiza_ all dem, was Samuel in seinem Leben erreicht hatte, ein Ende. Ja, er bringt ihm indirekt den Tod, indem er ihm 15000 bei Strumiza gefangene Bulgaren geblendet, unter der Führung je eines von hundert, der nur einäugig gemacht wurde, nach Ochrida zurückschickte. Bei deren Anblick ist er so erschüttert, daß ein Schlaganfall den greisen Mann trifft und tötet.
Es ist eine tragische Geschichte, welche durch die 700 Jahre bis zur Unterjochung durch die Türken auf den Balkanvölkern lastet und heute noch nicht zum Abschluß gebracht ist. Immer wieder wird die Ruhe auf der Halbinsel durch Völkerwanderungen erschüttert, die stets zunächst auf die _Slaven_ stoßen. Deren unversöhnliche Gegensätze zu den Griechen treiben sie von einem Krieg in den andern durch all die Jahrhunderte hindurch. Immer wieder kommen sie wieder in die Höhe, gründen neue und größere Reiche, die bald wieder zusammenstürzen. Einmal über das andere Mal stehen _bulgarische_ Heere vor _Konstantinopel_, ohne daß es ihnen jemals gelingt, die Weltstadt einzunehmen. Immer wieder werden sie in den Abgrund gestürzt und unterjocht, um nach neuer Freiheit und neuem Glanz zu streben. Zu allem Unglück kommt noch die Feindschaft zu dem Brudervolk der _Serben_, die im Laufe der Jahrhunderte immer bitterer geworden ist und beide Völker verhinderte zu Größe und Selbständigkeit zu gelangen. Dann kamen die Jahrhunderte türkischer Knechtschaft, die jedes Streben nach Unabhängigkeit unterdrückte, bis mit der Zerrüttung des Türkenreiches sich neue Hoffnung regte.
Nun waren sie endlich so weit, auf bessere Zeiten blicken zu dürfen und nun liegen sich die Balkanvölker wieder als bitterste Feinde in den Haaren. Seufzend gestehen sie das zu, aber mit glänzenden Augen sprechen die Bulgaren die Hoffnung aus, mit Hilfe der Deutschen endlich das Ziel zu erreichen, die ersten auf dem Balkan zu werden.
Nun schweifen ihre Gedanken ab und tauchen in das Gebiet der Sagen und Märchen. Sie erzählen von der Zarin Maria, welche den Sultan heiratet und mohammedanisch wird, um ihr Volk zu retten. Sie kommen auf die Geschichte von der Schlange und dem Blitz und von den zwei Hirten. Darüber ist die Zeit vergangen und nach freundschaftlicher Verabschiedung trenne ich mich von den bulgarischen Herren und steige in der Abenddämmerung die steilen Hänge zum Tal, zur Stadt hinab.
Die Strahlen der sinkenden Sonne dringen tief in das Tal hinein und gönnen tiefen Einblick in die phantastische Landschaft, in der ich plötzlich nach den starken Eindrücken des Nachmittags ganz einsam wandere. Öde und baumlos liegt eine schroffe Granitpyramide vor mir; scharf und klar treten die einzelnen Felsblöcke, die Rinnen und Schluchten infolge der langen Schatten hervor. Immer schöner und malerischer werden die Bilder. Vor einem kahlen Felsenberg tut sich ein kleines Tälchen auf, in seiner Tiefe leuchtet üppiges Gras empor, Bäume und Büsche umgeben einen weiß blinkenden türkischen Brunnen. Er verrät uns die Ursache des starken Pflanzenwachstumes. Wie stets sind Schattenbäume um diesen erquickenden Brunnen gepflanzt, welche die Stätte zum geeigneten Ruheplatz im letzten Drittel des heißen Anstieges zum Kloster machen.
Von der Quelle aus schweift mein Blick zu den Bergketten des Kalkgebirges auf der jenseitigen Seite des Tales. Drüben sehe ich eine weiße Straße aufblinken und sich den Bergen drüben aufwärts der Talwand anschmiegen und in das Massiv vordringen. Staubwolken liegen über der Straße und verraten, daß auch hier abends ebenso starker Verkehr ist, wie auf der Babunastraße. Es ist die Straße, welche zum _Pletwarpaß_ führt, die zweite Verbindung von Prilep mit dem Wardartal.
Auch die _Pletwarstraße_ habe ich einmal auf der Fahrt von Prilep zur Haupteisenbahn Mazedoniens benützt. Es war im Sommer 1917; nach den Qualen durch Hitze und Staub, denen ich damals ausgesetzt war, spürte ich keine Verführung, die Fahrt öfter zu machen, zumal ich die interessanten Gebiete am Ende der Strecke öfter zu besuchen Gelegenheit hatte.
An sich war dieser Paß nicht weniger interessant als die Babunastraße, manche Strecken sogar besonders romantisch. Von Prilep kommend, bog man bald rechts von der Babunastraße ab und fuhr steil an der östlichen Talseite aufwärts. Im Juni 1917 war die Straße sehr zerfahren und der Verkehr sehr gesteigert. Es wurde fieberhaft an der Kleinbahn gebaut, welche damals bis _Trojazi_ reichte, in einigen Monaten aber bis _Prilep_ durchgeführt wurde und von da Anschluß erhielt einerseits gegen _Monastir_ und den _Cernabogen_, andererseits die _Cerna_ aufwärts über _Pribilci_ bis _Lera_ unterhalb _Gopes_, und damit die Verbindung mit den Fronten am _Prespa-_ und _Ochridasee_ und Albanien herstellte.
Bei der Fahrt war mein Auto stets in eine dichte Staubwolke gehüllt, denn es herrschte regster Verkehr. Er war eher stärker als am Babunapaß; denn hier wurden die Truppentransporte hauptsächlich weitergeleitet. So sah man in den offenen _Kleinbahnwagen_ deutsche, österreichische, ungarische, bulgarische Truppen auf dem Transport, wobei sie auf jeder Station den heimwärts reisenden Urlaubern begegneten. Landstraße und Schienenstrang der Kleinbahn waren zu beiden Seiten auch hier auf diesem Paß von den Leitungen der _Seilbahn_ begleitet, an denen unablässig leere und gefüllte Tragen, die sogenannten Hunde, nach oben und unten wanderten.