Part 35
Solche Kinder, welche ihre Jugend in einem ständigen Kampfe mit dem Malariatod verbrachten, waren dauernd Infektionsquellen für die +Anopheles+, welche in einem so belasteten Ort während des ganzen Sommers mit Malariakeimen beladen, auf gesunde Ankömmlinge lauerten, um sie beim Stechen zu infizieren. Kam Einquartierung in einen solchen Ort, so war mit Sicherheit anzunehmen, daß dort in kürzester Frist ein hoher Prozentsatz der Leute mit Malaria infiziert wurden.
+Anopheles superpictus+ scheint mir gegenüber den auch bei uns verbreiteten Arten +A. maculipennis+ und +bifurcatus+ eine südliche Form zu sein. Darauf weist zunächst einmal hin, daß ich sie im südlichen Teile Mazedoniens viel häufiger fand als im nördlichen. Während ich in Üsküb unter zahlreichen +A. maculipennis+ nur ganz selten einen vereinzelten +A. superpictus+ fand, waren es in Kaluckova zehnmal mehr von dieser letzteren kleinen Form. An allen südlichen Fundorten, so in Veles und Dedeli war sie die häufigere. Das mag ja zum Teil aus ihrer Vorliebe für Schluchten zu erklären sein.
Aber andererseits ist bemerkenswert, daß +A. superpictus+ später im Frühling aus dem Winterquartier kommt und später seine Eier legt als +A. maculipennis+. Das Winterquartier ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, um die Häufigkeit einer Art in einer Gegend festzustellen. Auch in Mazedonien überwintern nur die Weibchen in Kellern, Häusern, Ställen, Schuppen, aber auch in Erdspalten und Höhlen im Freien. +A. superpictus+ hat eine besondere Tendenz in solchen natürlichen Verstecken zu überwintern.
Die Weibchen von +A. maculipennis+ haben oft schon kurz nach dem Verlassen des Winterquartiers legereife Eier besessen, das Legen beginnt bei dieser Art schon im April. Bei +superpictus+ habe ich es vor Ende April bis Anfang Mai nicht beobachtet.
Bei +Anopheles+ gibt es scheinbar als Norm im Sommer drei Generationen; bei günstiger Witterung und guten Ernährungsverhältnissen kann es wohl auch zu mehr Sommergenerationen kommen. Normal dürfte wohl folgende Reihenfolge sein: Die überwinternden Weibchen legen im Frühling Eier, aus diesen entsteht im Mai die Frühlingsgeneration, die im Mai und Anfang Juni fliegt, sich begattet und zur neuen Eiablage gelangt. Aus diesen Eiern entsteht die Sommergeneration, die meist Anfang August sich zeigt. Sie legt im Herbst ihre Eier, aus diesen entstehen wieder erwachsene Männchen und Weibchen. Erstere sterben schnell ab, die begatteten Weibchen gelangen meist nicht mehr zur Eiablage, sondern überwintern im Winterquartier, um die nächste Generation erst im Frühling hervorzubringen. Die hier eingefügte Tabelle zeigt, daß die Generationen von +A. superpictus+ immer ein wenig denen von +A. maculipennis+ nachfolgen.
=============================================================== | +Anopheles | +Anopheles | maculipennis+ | superpictus+ ------------+--------------------------+------------------------ I. Gen. | April-Mai | Mai II. Gen. | Anfang August | August-September III. Gen. | September-Oktober | Oktober | Überwinterung | Überwinterung
Mit den Generationen der Malariamücken hingen auch die Höhepunkte der Malariaepidemien in Mazedonien zusammen. Kurze Zeit nach der Entwicklung zahlreicher Mücken stieg die Zahl der Erkrankungen an Malaria stark an.
Die schlimmsten, unangenehmsten Quälgeister in Mazedonien waren winzig kleine Mücken, welche in gewissen Zeiten den Schlaf fast unmöglich machten. Es waren dies die _Pappataccifliegen_, kleine 2½ mm lange Tierchen, welche einem einen brennend schmerzhaften Stich beibrachten, der auf die verschiedenen Menschen ganz verschieden ein- und nachwirkte. Wer mit ihnen ernsthaft zu tun hatte, wird sie in seinem Leben nicht mehr vergessen.
Zunächst ist man gar nicht geneigt, so kleinen Wesen, die kaum größer sind als Blattläuse, Beachtung zu schenken. Sie zwingen sich aber bald Beachtung auf. Sie sind im ganzen Orient verbreitet, kommen auch im übrigen Südeuropa, in Italien, in Malta und Nordafrika vor und sind überall sehr gefürchtet. Überall treten sie lokal auf, sind auf besondere Orte beschränkt und fehlen oft dicht daneben.
Im Winter sind die geflügelten Tiere vollkommen verschwunden; eine Überwinterung der Weibchen, wie bei den Stechmücken, kommt bei ihnen offenbar nicht vor. Sie treten Anfang bis Mitte Mai auf und erreichen ein Maximum der Häufigkeit in Mazedonien im Juni, dem ein zweites Maximum im September folgt. Im Oktober bis November verschwinden sie vollkommen, was nicht mit einem Überwintern zusammenhängen kann. Nach vollendeter Eiablage sterben nämlich die Weibchen.
Die +Pappatacci+ haben ein eigenartiges Aussehen; sie haben dünne nicht allzu lange Beine, lange, zart behaarte Fühler, vorstehende Augen und einen ziemlich langen Stechrüssel am Kopf. Der Leib ist beim Männchen schmäler als beim Weibchen und trägt am Hinterende einen eigenartigen Klammerapparat. Die Flügel sind lang und schmal, fein geädert und behaart und werden in der Ruhe in einer eigenartigen Stellung gehalten, welche als _Engelsflügelhaltung_ bezeichnet wird (vgl. die oben- und umstehenden Abbildungen 213, 214 und 215).
An der Wand sitzen sie mit stark nach unten abgebeugtem Kopf, aufrechten Fühlern und abstehenden Beinen. Rührt sich etwas in ihrer Umgebung, so nehmen sie eine Bereitschaftsstellung ein, aus der sie durch einen seitlichen Sprung sich einige Meter an der Wand entfernen, um meist bald sich wieder zu setzen. Sie sind auf Tastreize, Bewegungen und Lichtreize außerordentlich empfindlich. Licht zieht sie an. Sie haben eine ausgesprochene Tendenz sich auf rauhe Unterlagen zu setzen.
Hat man abends sein Moskitonetz auf +Pappatacci+ sorgfältig geprüft und vollkommen frei von ihnen gefunden, so findet man dennoch morgens oft deren 50-60 unter dem Netz. Sie sind offenbar durch den Geruch des Menschen angezogen worden und mit großer Geschicklichkeit durch die Maschen des Netzes gekrochen. Weibchen wie Männchen werden gleicherweise durch den Menschen angezogen, obwohl nur die Weibchen Blut saugen. Es werden also auch die Männchen durch den Menschengeruch angelockt, obwohl sie sich nicht an ihm ernähren. So sehen wir bei ihnen den Geruchssinn in ähnlicher Weise in den Dienst der Fortpflanzung gestellt, wie bei manchen Schwärmern unter den Schmetterlingen, wo die Geschlechter auf den Geruch gewisser Blüten sich an diesen versammeln, ohne daß sie an diesen saugen, was ihnen gar nicht möglich ist, da sie einen verkümmerten Saugrüssel haben und im Imagozustand überhaupt keine Nahrung zu sich nehmen.
Morgens fand ich die Weibchen stets voll Blut gesaugt auf der Innenseite meines Moskitonetzes ruhig sitzend und fing sie regelmäßig alle zu wissenschaftlichen Zwecken weg. Dabei fand ich viele Pärchen in Begattung vereinigt; dann war das Weibchen stets voll Blut gesaugt; das Männchen hing entgegen manchen Angaben stets nach unten.
In der Regel stachen die +Pappatacci+ nur nachts, doch konnte ich in manchen Fällen ebenso wie bei den Anopheles auch ein Stechen bei Tag beobachten. Nachts war ihr Stechen vielfach qualvoll, manche Menschen reagierten auf sie sehr stark und waren am ganzen Körper nach den Stichen von Quaddeln bedeckt; die Stiche hatten oft ein Ekzem zur Folge. Die Ärzte, Schwestern, Kranken konnten in den kritischen Monaten in Kaluckova überhaupt kaum mehr schlafen und kamen auf diese Weise körperlich und seelisch sehr herunter. Kaluckova, Hudova, Veles und andere Orte waren von diesen Tieren stark geplagt, während sie in Üsküb weniger hervortraten, in Prilep fast ganz und in hochgelegenen Orten wie Gopes vollkommen fehlten. Vor allem im südlichen Wardargebiet litten unsere Truppen ganz außerordentlich unter diesen Quälgeistern.
Besonders schlimm war aber, daß auf die Stiche der +Pappatacci+ eine Krankheit auftrat, welche mehrere Tage hohes Fieber, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und ein lang anhaltendes Schwächegefühl mit sich brachte. Die Krankheit, als _Pappataccifieber_ bezeichnet, befiel fast jeden, der in das verseuchte Gebiet kam. Auch in der Türkei, in Kleinasien, Syrien und Palästina hatten unsere Soldaten schlimm unter diesen Bestien zu leiden. Zuerst hielt man die Krankheit für harmlos und glaubte nicht an Nachwirkungen. In den späteren Jahren des Feldzugs zeigten sich aber immer schlimmere Folgeerscheinungen, so daß sie sehr gefürchtet wurde.
So tat man denn alles, um sie zu bekämpfen. Es scheint, daß die Larven vor allem in Lehmmauern, Steinspalten, Bodenritzen leben. Ich suchte in angestrengter Weise nach ihren Brutstätten in Kaluckova, Rabrovo, in Veles, in Üsküb, kurz an allen Stätten, an denen man jede Nacht Massen der Imagines sammeln konnte. Die Schwierigkeit sie zu finden, lag vor allem an der Kleinheit der Eier, Larven und Puppen. Ich kam zur Überzeugung, daß die Hauptbrutstätten in den Lehmbauten und Hausruinen des Landes sein müßten.
Ebenso intensiv wurde natürlich nach dem durch die Pappataccimücken übertragenen Krankheitserreger gesucht. Man suchte ihn im Darm der Weibchen, im Blut der Kranken, suchte dort vor allem in den ersten Krankheitstagen. Schließlich kam man zur Überzeugung, es müsse ein invisibler Virus sein. Merkwürdig ist die Tatsache, daß die überwinterten Larven Tiere aus sich hervorgehen lassen, die bald die Krankheit verbreiten können. Das muß natürlich für alle Überlegungen über die Herkunft des Krankheitskeimes von Bedeutung sein. Man dachte an eine Vererbung durch das Ei, die ja bei anderen Parasiten festgestellt ist.
Ich habe mir nach meinen persönlichen Erfahrungen Gedanken über einen besonderen Zusammenhang gemacht, den ich hier zur Diskussion stellen möchte. Ich halte es für möglich, daß gewisse, normalerweise im Darm der Pappatacciweibchen lebende Parasiten, Bakterien oder andere Organismen, sich jedes Jahr neu an Menschenblut gewöhnen. So wären nur solche Tiere infektiös, welche mehr als einmal an Menschen gesaugt haben. In ihrem Darm wäre die Vorbereitung an das Leben im Menschenblut erfolgt. Ich versuchte, den Beweis für diese Annahme bei mir selbst zu führen, indem ich keiner Pappataccimücke gestattete, ein zweitesmal an mir zu saugen. Das führte ich durch, indem ich jeden Morgen alle Mücken unter meinem Moskitonetz wegfing und alle in meinem Zimmer vorhandenen tötete.
Obwohl ich sehr oft gestochen wurde, habe ich die Krankheit in den beiden Jahren meines Aufenthaltes in Mazedonien nicht bekommen, obwohl ich an den verseuchten Stellen lebte und meine ganze Umgebung wiederholt erkrankte. Doch gebe ich zu, daß es sich mit meiner Annahme um eine noch unbewiesene Hypothese handelt.
Von anderen Plagegeistern in Mazedonien möchte ich noch die _Bremsen_ erwähnen, welche Menschen, Pferde, Maultiere, Rinder und andere Tiere sehr quälten. Die Pferde waren oft von Dutzenden dieser Blutsauger bedeckt. Es waren eine ganze Anzahl Arten, welche in Frage kamen. Ich nenne hier +Tabanus graecus+ Fb., +T. ater+ Rossi, +T. tergestinus+ Ers., +T. umbrinus+ Mg., die zum Teil durch ihren Namen schon ihre südliche Zugehörigkeit zeigen. In den Anmerkungen zu diesem Kapitel gebe ich eine längere Liste der von mir beobachteten Bremsenarten. Ein unangenehmer Blutsauger war auch +Haematopota pluvialis+ L.
Für unsere Pferde und Rinder waren auch die _Lausfliegen_ (+Hippobosca equina+ L.) eine schwere Plage, zumal manchmal 50-100 dieser schwer abzulösenden Blutsauger sich unter dem Schwanz an After und Vulva der armen Tiere anhefteten. Gefährlich waren die _Zecken_, die Ixodiden, welche bei Pferden und Rindern das _Blutharnen_, eine schwere, oft tödliche Krankheit übertrugen. Auch _Dasselfliegen_ kamen häufig vor, und man sah bei den Rindern nicht selten die von ihnen erzeugten Beulen. Auch die Pferde litten unter solchen, wie daraus hervorgeht, daß zwei Pferdeverfolger +Oestrus (Rhinoestrus) purpureus+ Brauer und +Gastrophilus equi+ L. nicht selten waren.
Als Krankheitsüberträger mögen auch die _Stubenfliegen_ und _Schmeißfliegen_ eine Rolle gespielt haben, welche jeden Kot in ungeheuren Mengen bedeckten und von ihm auf alle Speisen flogen. Sie mögen bei der Übertragung der Ruhr und des Typhus mitgewirkt haben. Diese beiden Krankheiten spielten auch in Mazedonien ihre verderbliche Rolle; bemerkenswert ist dabei, daß es sich fast ausschließlich um Bakterienruhr handelte, während die in der Türkei häufige Amoebenruhr nur ganz selten vorkam.
NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL
PRILEP UND SEINE PÄSSE
(BABUNA- UND PLETWARPASS)
Seitdem _Monastir_ in die Hände der Feinde gefallen war, spielte _Prilep_ eine wichtige Rolle als Hauptstadt im Westteil der mazedonischen Front. Seit jeher war sie als Durchgangspunkt auf dem Wege nach Südmazedonien und Südalbanien bedeutend gewesen. So waren hauptsächlich zwei Pässe seit altersher als Zugangsstraßen nach dieser Stadt üblich. Beide waren jetzt für die Versorgung der Front ausgebaut worden, der _Babuna-_ und der _Pletwarpaß_, die vom Wardartal nach Südwesten nach Prilep führten. Beide hatten ein Gebirge auf diesem Weg zu überqueren, so daß für die Versorgung der Front die Strecke von 70-80 km große Schwierigkeiten bedeutete.
Zu meinem ersten Besuch in Prilep wählte ich im Juni 1917 den Weg über den _Babunapaß_, wobei Veles den Ausgangspunkt darstellte. Dort fand ich bei Hauptmann _Jungmann_ gastliche Aufnahme und das für die Fahrt so wichtige Beförderungsmittel. Über die Paßstraße ging ein regelmäßiger starker Verkehr von Lastfuhrwerken und Kraftwagen. Um diesen zu bewältigen, war im Laufe der Zeit die Straße immer besser ausgebaut worden; außerdem war eine Kleinbahn über den Babunapaß im Bau, die jedes Vierteljahr ein Stück weiter vorgeschoben wurde, während der Rest der Strecke für den Proviant- und Munitionstransport an die Front durch eine Schwebebahn überwunden wurde.
Die Straße von Veles nach dem Babunapaß ging zuerst geradeaus südlich an der _Topolka_ entlang, um dann über eine Höhe hinweg die _Babuna_ zu erreichen, welche bei _Izvor_ direkt aus Süden in einem breiten Tal dem Gebirge entströmt. Es ist eine eigenartige, abwechslungsreiche Landschaft, welche man durchfährt, während allmählich die Ketten des Gebirges immer höher vor einem aufsteigen. Diese Gegend hatte ich auf Kreuz- und Querfahrten mit Hauptmann _Jungmann_ ziemlich genau kennen gelernt, da er mich oft bei den Inspektionen seiner Lager mitgenommen hatte. An der ganzen Straße hatte er Lager von Kriegsgefangenen, hauptsächlich Rumänen, welche am Straßen- und Bahnbau arbeiteten. In der Umgebung dieser Lager habe ich mit ihm manche Exkursion gemacht, welche besonders viel interessante Insekten brachte.
Nicht weit von Veles war eine Stelle, wo bei Anlage einer Sandgrube für die Straßenarbeiten der Hauptmann Zähne und Kieferstücke eines _Mastodon_ ausgegraben hatte. Ich sah mir die Örtlichkeit sehr genau an; denn dort sollten später weitere Ausgrabungen vorgenommen werden. Es fand sich in der Grube eine eigenartige Schichtung von feinem Sand, Geröll und Lehm, dazwischen dünne schwarze Schichten. Spätere Grabungen förderten hier prachtvolle Fossilien zutage. Es fanden sich hier außer weiteren Resten des Mastodon eine große Menge versteinerter _Säugetierskelette_ von Antilopen, Pferden und dergleichen, vergleichbar der berühmten Fundstätte von _Pikermi_ in Attika. Die Ausbeutung hatte im Herbst 1918 kaum begonnen, als der Rückzug uns vertrieb und leider eine planmäßige Durcharbeitung unmöglich machte, die hoffentlich in nicht zu ferner Zukunft wieder aufgenommen werden kann.
So bot jedes der Lager irgendeine Besonderheit für den Naturforscher. Bei einem waren ausgedehnte sumpfige _Reisfelder_, deren Wasser interessante Tiere beherbergte, bei _Izvor_ enthielt ein Teich Wasserschildkröten. Dort war im Frühsommer 1917 der Kopf der Feldbahn angelangt, fest wurde an dem Schienenstrang gearbeitet; das Lager war von hunderten von Arbeitern erfüllt, hier meist von den Bulgaren gepreßte Arnauten. Daneben dehnte sich ein malerisches Türkendorf aus.
Die Gegend vor dem Gebirge war reich angebaut; anfangs Juni waren die Getreidefelder gerade schnittreif. Die Dörfer, sich als türkische Siedlungen meist durch ihr Minaret verratend, lagen hoch in den Hügeln und Bergen und boten mit ihren schwarzroten Ziegeldächern, welche aus reichen Obstbaumbeständen hervorlugten, reizvolle Bilder.
Bei _Izvor_ verläßt die Straße das Tal und beginnt an der _Babuna_ entlang ins Gebirge aufzusteigen. In immer kühner werdenden Serpentinen führt sie allmählich die Hänge hinauf; zunächst überschreitet sie auf zahlreichen Brücken den windungsreichen Bach. Nach _Stepanci_, dem späteren Endpunkt der Kleinbahn, beginnt die stärkste Steigung, die schließlich steil zur Paßhöhe von 1060 m hinaufsteigt. Hier verläßt die Straße den Babunafluß und folgt zunächst einem seiner Zuflußbäche, der den Namen _Desna_ führt. Weiter oben fährt man an einer starken Mineralquelle mit erfrischendem Wasser vorbei, wo meist eine kurze Rast gemacht wurde. Je weiter man hinauf kommt, desto grüner werden die Berge, welche schließlich eine Höhe von etwa 1600 m erreichen. Die höheren von ihnen sind oben dicht bewaldet. Die Kuppen haben schöne, mannigfaltige Formen, sie zeigen steile Hänge, sind von tiefen Schluchten durchzogen, einige der ferneren Höhen sind kahle Felsengipfel.
Ein mit Silberlinden bewachsener Berg, besonders ein tiefer, von Vegetation erfüllter Einschnitt an seinem Hang verlockte mich zu einer Exkursion. Es war in einer Höhe von etwa 700 m. Ein frischer Bach strömte durch das rote Gestein, welches in mächtigen Platten ausgebildet war, auf denen man leicht die Schlucht aufwärts klettern konnte. Hier war dichtes Buschwerk; Kräuter und Wiesenpflanzen, welche vor 3 Wochen bei Kaluckova geblüht hatten, waren jetzt im Juni hier in schönstem Flor, so Salbei, viele Doldenpflanzen, Malven, Klee- und Wickenarten. Dem entsprach auch die reiche Insektenwelt, die auch aus annähernd denselben Formen sich zusammensetzte, welche vor einigen Wochen die Fluren bei Kaluckova und Hudova belebten. Von Schmetterlingen flogen auch hier die Frühlingsgeneration von Distelfalter, Ochsenaugen, Weißlingen, vor allem des Baumweißlings, dazu zwei Satyriden, die offenbar Bergformen waren, da ich sie in der Ebene nicht beobachtet hatte. Ähnlich verhält es sich mit den Käfern, unter den +Cetonien+ (Rosenkäfer) besonders häufig waren, den Bienen, den Fliegen. Von Libellen herrschten hier die schönen, metallisch blauen Wasserjungfern (+Calopteryx+) vor. Der Reichtum der Pflanzen- und Tierwelt war offenbar durch den Wasserreichtum, das spätere Auftreten der Formen durch die Höhenlage bedingt.
Bei der Weiterfahrt nahm die Paßstraße immer mehr den Charakter einer Hochgebirgsstraße an. Immer enger wurden die Windungen, immer verwegener die Kurven, steiler die Steigungen, welche das Auto keuchend und fauchend emporklomm. Prachtvolle Rückblicke eröffneten sich auf die Talwindungen mit ihren vielgestaltigen Abschlüssen. Jedes Bild wurde verschönert durch die dunklen Wolkenschatten, welche auf die Hänge fielen.
Kühle Luft wehte mich an, als der Wagen die alte Paßkarawanserei, den _Han Abdipasa_, erreichte. Diese lag in einem tiefen Taleinschnitt, dessen Hintergrund die Paßhöhe abgrenzte. Über ihm waren alle Berge bewaldet; Eichenwälder dehnten sich aus und zwischen ihnen verriet der Silberglanz, der mit dem Wind über die Waldoberfläche in Wellen dahinzog, große Bestände von _Silberlinden_. Beim Han Abdipasa befand sich ein kleines Lazarett, in welchem mein Mitarbeiter, Professor _Müller_, im Sommer 1918 mehrere Wochen als Gast verbrachte. Viele seiner Aufzeichnungen zeugen von der reichen Vogelwelt in diesen Bergen und Wäldern.
Jenseits des Han stieg die Straße immer steiler in immer engeren Serpentinen zur Paßhöhe hinan. Hier war sie noch nicht vollkommen ausgebaut, so daß mein Auto ab und zu in kritische Situationen kam. Auf ihr staute sich manchmal der ungeheure Verkehr, der sich zwischen Front und Etappe vollzog. Es war nicht langweilig, auf dieser Straße zu fahren. Außer der schönen Landschaft brachte die Straße selbst genug Abwechslung. Jetzt marschierte eine bulgarische Infanteriekolonne frontwärts verstaubt und müde an uns vorbei, dort hielt an einer Kurve eine Batterie deutscher Feldartillerie mit ihren sorgfältig eingewickelten Geschützen. Dann fuhr eine Sanitätskolonne mit Kranken bergab vorbei. In langen Reihen tobten Lastautos vor uns her. Unendliche Züge von bulgarischen Ochsenwagen hatten Mühe durch das Gewühl sich durchzuschlängeln. Hilflos erschien dazwischen ein mazedonischer Bauernwagen, auf dem eine ganze Familie mit Hausrat untergebracht war. Pferde von reitenden Truppen scheuten vor den Autos und waren schwer an den Abgründen vorbei zu bringen.
Daß es nicht immer glatt abging, zeigten Skelette und Leichen von Pferden und Büffeln, die in der Tiefe lagen, zeigten die auf der Straße zusammengebrochenen Wagen, die an Kurven zertrümmert liegenden Kraftwagen. Da war oft das Ausweichen nicht leicht und gab zu mancher Verzögerung Anlaß. Aber der Eindruck des ungeheuren, fieberhaften Betriebes eines Heeresnachschubes war ganz außerordentlich. Wie trieb das alles nach vorn zur Front! Daneben spielte der Rücktransport der leeren Wagen, der Kranken und Verwundeten eine viel geringere Rolle.
Wie trefflich war der ganze Betrieb organisiert. Überall waren Stationen, Übernachtungs- und Verpflegungsplätze, Reparaturwerkstätten, Lazarette eingerichtet, welche halfen, den großen Betrieb aufrecht zu erhalten. Ohne diese Arbeit des deutschen Heeres wäre es nicht möglich gewesen, die mazedonische Front 3 Jahre lang zu halten.
Der Verlust von _Monastir_ und das Zurückweichen der mazedonischen Front vor dem Heer _Sarrails_ war die Schuld des mangelhaften Nachschubdienstes der Bulgaren. Wir haben zwar im Laufe der Zeit ihre kleinen von Ochsen und Büffeln gezogenen Karren sehr schätzen gelernt. Die zähen, anspruchslosen Zugtiere und deren Treiber können etwas gehöriges leisten, wenn es auf Zeit nicht ankommt. Aber, wenn es sich darum handelte, in kurzer Zeit viel Munition, Heeresgerät, Proviant an einem Ort beisammen zu haben, dann versagte dieses Transportmittel, so viel tausende von Ochsenkarren auch in Bewegung gesetzt wurden.
Da mußte deutsche Organisationstüchtigkeit eingreifen. Und was diese geleistet hat, davon bekam man an den Straßen nach Prilep einen Eindruck, der Bewunderung herausforderte. Zu dem starken Verkehr mit _Lastautos_, zu den _Feldbahnen_ kam als wesentliche Ergänzung ein System von _Seilbahnen_, welche als Schwebebahnen mit geschickter Ausnützung des Geländes über die Gebirge führten. Nach Prilep waren vier solche geleitet, zwei über den _Babuna-_ und zwei über den _Pletwarpaß_. Außerdem waren noch eine ganze Anzahl von solchen an den verschiedenen Gebirgsfronten in Betrieb.