Mazedonien

Part 34

Chapter 343,488 wordsPublic domain

Von der Kirche wanderten wir noch durch das trockene Bett der Bregalniza zu dem Vorort _Novo Sielo_, der als Schwefelbad berühmt ist. Wir kamen an einer graziösen kleinen Moschee mit einem säulenreichen Vorraum und schlankem Minaret vorbei zu dem malerisch zwischen uralten Pappeln und Weiden gelegenen Dorf. Ein niedriges Haus enthielt ein viereckiges Badebecken aus Zement, in welchem ein 50° C messendes, gelbliches Wasser brodelte, welches auf Kilometer im Umkreis die Luft mit Schwefelgeruch erfüllte.

Unter einer alten Pappel lagerten wir uns und waren damit beschäftigt, Schmetterlinge, Käfer und Ameisen an den alten Stämmen zu beobachten, als ein glühend heißer Staubsturm uns in die Stadt zurücktrieb. Dieser machte uns auch die Rückfahrt nach Veles nicht sehr erfreulich und füllte auch diese Stadt, als wir ankamen, mit Staub und afrikanischer Glut, welche die Steppe bis zum Wardartal wirken machte.

ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL

KLIMA UND SEUCHEN IN MAZEDONIEN

Wie auf die Tier- und Pflanzenwelt, so hat das Klima eines Landes auch auf den Menschen einen starken Einfluß. Und vor allem macht sich die Wirkung eines ungewohnten Klimas sehr bemerkbar, wenn größere Bestandteile eines Volkes plötzlich in ein Klima versetzt werden, das stark von dem ihres Heimatlandes abweicht. So hatten denn deutsche Soldaten an den verschiedenen Fronten sehr unter Klimaeinflüssen zu leiden. Und gerade in Mazedonien galt das Klima bei unsern Truppen als besonders ungesund.

Das ist nun in dieser Verallgemeinerung unrichtig. Allerdings brachte es für unsere Soldaten manche Überraschungen. Ganz anders als in Italien oder Südfrankreich war der Gegensatz zwischen Sommer und Winter in Mazedonien außerordentlich groß. Während im Hochsommer Temperaturen bis 42° C im Schatten auftraten, in Kaluckova z. B. im Juli und August regelmäßig solche von 35-40° C gemessen wurden, sank das Thermometer im Dezember und Januar nicht selten auf -10° C, ja es wurden gelegentlich selbst im Flachland Temperaturen von -23 bis -28° C gemessen. Das sind ungeheuere Gegensätze.

Wie kommt es nun, daß dieses Land ein so ganz anderes Klima besitzt als Süditalien und Sizilien, mit dem es unter gleicher Breite liegt. Das ist durch den Einfluß der Nachbarländer bedingt. Das heitere Wetter, der andauernd blaue Himmel des _Sommers_ sind bewirkt durch den Einfluß des subtropischen Hochdruckgebietes, welches über das Mittelmeer bis zum Balkan sich ausdehnt. Dazu kommt aber die Einwirkung der stark erhitzten Landflächen Vorder- und Südasiens. Diese erzeugt vor allem die Regenarmut und Dürre. Sie hat auf den Hauptteil Mazedoniens einen stärkeren Einfluß als das ferner gelegene Meer.

Das macht sich auch im _Winter_ bemerkbar. In dieser Zeit ist das ganze Mittelmeergebiet dem subtropischen Einfluß entzogen. So herrscht wie in jenem auch in Mazedonien regnerisches Wetter und Wolkenbedeckung vor. Sehr oft macht sich aber dann die innerasiatische Kälte bemerkbar, dann fallen eiskalte Nordwinde in das Land ein, dann tritt Schneefall ein und sinkt die Temperatur oft sehr tief.

So entstehen jene Kontraste, welche die Tier- und Pflanzenwelt beeinflussen und unter denen unsere Soldaten so sehr zu leiden hatten, weil sie sich gegen sie zunächst nicht zu schützen wußten.

Im allgemeinen kann man die Jahreszeiten in Mazedonien folgendermaßen charakterisieren. Der Sommer ist sehr heiß und trocken; sonniges Wetter herrscht von Mai bis Oktober unter Luftströmungen, die in der Hauptsache von NW nach SO gerichtet sind. Gewitter kommen nicht selten vor, sind aber meist durch geringe Regenmengen ausgezeichnet. Ende September bis Anfang Oktober beginnt der _Herbst_, der durch kalte Regen, und zwar mit großen Regenmengen auffällt. In dieser Zeit strömen große Wassermassen die Berge herunter, die Hauptarbeit an den Schluchten wird geleistet, Überschwemmungen treten ein. Im Dezember tritt gewöhnlich der _Winter_ ein, der in der Hauptsache vom Januar bis März dauert. Starke Schneefälle und tiefe Temperaturen sind für ihn charakteristisch.

Der _Frühling_, der meist erst Anfang April beginnt, nicht selten aber früher schon Vorstöße macht, ist eine schöne Jahreszeit auch in Mazedonien. Der April kann noch recht kalt sein. Er ist die Zeit der prachtvollen Wolkenbildungen, die auch im Mai und Juni die Landschaft wunderbar verschönen. Auch im Lenz bringen starke Regengüsse nicht selten Überschwemmungen. So haben wir also zwei Regenperioden im Jahre; der Frühling ist aber keine eigentliche Regenzeit, diese ist vielmehr der Herbst.

Das ist das Klima, wie es sich hauptsächlich in den Ebenen und im Hügelland darstellt; in den Gebirgen herrscht dagegen ein Klima, welches vollkommen demjenigen Mitteleuropas gleicht, also für unsere Truppen sicher gesund war. Aber dennoch gab es in Mazedonien, unabhängig von Klima und Temperaturen, Regionen, die man gesundheitlich als gut und als schlecht bezeichnen konnte. Berüchtigt als ungesund waren die größeren Städte, wie Üsküb, Veles, Prilep u. a. und ebenso die Sumpfgebiete an der Front. Als Regionen mit besonders viel Krankheitsfällen wurden viel genannt der Doiransee, die Gegend bei Bogdanci und Negorci am Wardar, der Prespasee. Dazu kamen die Übernachtungsquartiere der Urlauber, was ich im nächsten Kapitel für _Drenovo_ erklären werde (S. 470).

Quartiere in Höhenregionen von 800-1200 m waren gesundheitlich günstiger als solche in der Ebene. Das hing insofern indirekt mit dem Klima zusammen, als in den kühleren Gebieten die Landeseinwohnerschaft von Seuchen weniger verfolgt war. Vor allem war aber für gewisse Krankheiten von größter Bedeutung, daß in der Höhe die sie übertragenden Insekten nicht vorkommen. Wir werden das unten bei den Malariamücken und den +Pappatacci+ zu besprechen haben.

Sicher spielten für die Gesundheitsverhältnisse bei unseren Truppen die Quartierverhältnisse eine große Rolle. Wir Deutsche sind gewöhnt, unser Klima in guten, dicht gebauten, im Winter heizbaren, im Sommer kühl zu erhaltenden Häusern zu ertragen. Das fanden wir in Mazedonien nicht vor. Die vielfach baufälligen primitiven Häuser waren im Winter sehr kalt; wie oft mußten unsere Soldaten in ganz primitiven Hütten, in Baracken und Unterständen hausen, in denen man nicht warm bekommen konnte.

Das war besonders in den ersten Jahren der Besatzung schlimm. Da gab es in den Häusern keine Heizöfen, Heizmaterial war kaum zu beschaffen. Der Nachschub für diese Dinge war ganz besonders schlecht. Nicht besser war es im Sommer, wo ein Schutz gegen die Hitze ebenso notwendig gewesen wäre. In den letzten Jahren des mazedonischen Feldzuges hatte man wenigstens in den Lazaretten im Winter für Heizung, im Sommer für berieselte Zelte und für kühle Steingebäude gesorgt. Ich habe in verschiedenen Kapiteln darauf hingewiesen.

Aber in den Quartieren konnte durchaus nicht überall für erträgliche Verhältnisse gesorgt werden. Jeder suchte sich zu helfen so gut es ging, und so wetteiferten unsere Soldaten mit den Bulgaren im Raubbau am Holz. Wie viele verlassene Dörfer wurden nur wegen des Holzmangels zerstört, wie viel hunderttausend Bäume, die sich Mazedonien noch erhalten hatte, fielen der Holznot zum Opfer. Auch in ganz Mitteleuropa hat ja die Kohlennot die Ausbreitung von Krankheiten ganz enorm befördert. Wie mußte das erst in einem Lande wie Mazedonien der Fall sein, wo so viel Einflüsse die Widerstandsfähigkeit der Körper herabsetzten.

Was aber für die Ausbreitung von _Seuchen_ besonders gefährlich war, war die Zusammendrängung vieler Menschen in gewissen Gebieten des Landes. Nicht nur die Menge der einquartierten Soldaten, auch die Zivilpersonen, welche von den Fronten sich geflüchtet hatten, die vielen Menschen, deren Gewerbe und Handel sie an die Soldaten ketteten, sammelten sich in den größeren Städten und Lagern an. Wo die Menschen dicht beieinander sitzen ist die Übertragung und Ausbreitung von Seuchen besonders begünstigt. Das wurde in Mazedonien, ähnlich wie in Polen, in Rußland, in der Türkei besonders schlimm durch die Vernachlässigung der Wohnungen, den Schmutz in den Häusern, in den Dörfern und Städten, durch die Primitivität in hygienischen Verhältnissen, den Mangel an reinlichen Aborten, an Wasserleitungen, an Kanalisierung usw.

Dazu kam auf dem Balkan als besonders erschwerendes Moment die Masse des _Ungeziefers_ in den Wohnstätten der Menschen und an ihrem eigenen Körper. Jeder Balkankrieger wird mit Grausen an die Flöhe und Wanzen denken, die dort in jedem Bauern- und Bürgerquartier in Massen über ihn herfielen. Ganz besonders schlimm war die _Wanzenplage_. Ein wirklich wanzenfreies Quartier gab es in Mazedonien überhaupt nicht. Dem General ging es da nicht besser als dem Landsturmmann und dem Burschen.

Ein Erlebnis wird mir unvergeßlich bleiben und ich möchte es als besonders charakteristisch schildern. Eines Abends saß ich beim Oberbefehlshaber der 11. Armee, General von _Steuben_, mit den Herren seines engeren Kreises in seinem Salon bei behaglichem Gespräch. Es war ein einfaches Zimmer, die Wände mit Teppichen behängt. Plötzlich trat eine Stockung im Gespräch ein, aller Blicke waren krampfhaft auf mich gerichtet. Auch ich schwieg und überlegte mir, ob ich wohl eine taktlose oder törichte Äußerung getan hätte oder was sonst passiert wäre. Da bat mich der General, mich einmal umzusehen und als ich das tat, sah ich an der Wand hinter mir eine Karawane von 20-30 Wanzen in langer Reihe auf mich losmarschieren.

„Das passiert alle Abende‟, sagte der General, „drum sitzen wir alle mit Abstand von der Wand, was ich Ihnen auch empfehlen möchte‟. Und dann begannen die allgemeinen Klagen über die Wanzenplage, die man überall hören mußte. Überall gab es dieses Ungeziefer und selbst in jedes neugebaute Quartier, in jede Baracke wurden sie verschleppt. Ich werde nie den Jammer der jungen Flieger in ihren ganz verwanzten Baracken vergessen, die früh morgens nach schlafloser Nacht zum Flug nach Saloniki oder sonstwie zur Front aufsteigen mußten, unerfrischt vom Schlaf, mutlos und an der Hoffnung der Wiederkehr verzweifelnd, da sie körperlich und geistig nicht über ihre vollen Kräfte verfügten.

Mit aller Energie wurde an vielen Orten, besonders in den Städten, gegen das Ungeziefer gearbeitet; es gelang aber nur an einzelnen Stellen, in Quartieren, Offiziersheimen und Kasernen oder Lazaretten einen vorübergehenden Erfolg mit Schwefeldämpfen zu erzielen. In den undicht gebauten Häusern der Mazedonier waren alle solche Versuche vergeblich. Die Mittel fehlten, ebenso die Arbeitskräfte, um solche Arbeiten durchzuführen. Hindernd trat da auch die Bürokratie der Militärverwaltung und vor allem unseres Sanitätswesens entgegen. Was habe ich gekämpft, um einmal die Erlaubnis vom Armeearzt zu erhalten, in den freistehenden Baracken meiner Fliegerfreunde einen Versuch mit der damals neu erprobten Cyankalimethode zu machen. Da keine Vorschriften und Paragraphen darüber existierten, durfte so etwas nicht gemacht werden.

Etwas mehr Erfolg hatte in Mazedonien der Kampf gegen die _Kleiderläuse_, weil hier die Natur mithalf. In manchen Gegenden, so in Serbien und Albanien, waren Läuse sehr verbreitet, Kopfläuse, Kleiderläuse wie Filzläuse. Die Kleiderläuse hielten sich vor allem leicht in den Wollgewändern der Menschen. Während Wanzen und Flöhe offenbar nur gelegentlich Bakterien und andere Krankheitserreger beim Blutsaugen von einem Menschen auf den anderen übertragen, scheinen die Kleiderläuse gesetzmäßig mit der Übertragung der +Spirochaete recurrentis+, dem Erreger des _Rückfallfiebers_ und mit dem noch unbekannten Erreger des gefährlichen _Flecktyphus_ verknüpft zu sein. So war das Vorkommen der Kleiderläuse eine Vorbedingung für das epidemische Auftreten der genannten gefährlichen Seuchen.

Wie an allen anderen Fronten waren diese Krankheiten auch in Mazedonien anfangs in sehr beängstigenden Prozentzahlen beim Heer aufgetreten; auch hier wurde bald die Entlausung eingeführt und streng auf sie gehalten. Und da der Urlaubsschein vom Entlausungsschein und jede Grenzüberschreitung von vollzogener Entlausung abhing, so gelang es in ziemlich kurzer Zeit diese Plage erheblich einzudämmen. Zumal war der heiße mazedonische Sommer der Entwicklung der Läuse sehr ungünstig, so daß nur im Winter eine Zunahme der Verlausung und damit im Zusammenhang ein Aufflackern von Rückfallfieber und Flecktyphus in den Jahren 1917 und 1918 sich noch zeigte. Herde von Flecktyphus gibt es auf dem Balkan seit jeher und so ging von diesen immer wieder einmal eine Epidemie aus. Da für die Bekämpfung aber alles sehr gut organisiert war, so gelangte eine solche nicht mehr zu größerer Ausdehnung. Auch von unseren Soldaten haben diese Seuchen manches Leben vernichtet, aber so furchtbare Epidemien, wie sie in Polen, unter den Serben und Rumänen wüteten, haben unser mazedonisches Heer nicht betroffen.

Um so schlimmer war aber auf dem Balkan das Wechselfieber, die _Malaria_. Die hat uns manchen Soldaten gekostet und noch mehr für viele Jahre ihres Lebens in Arbeitsfähigkeit und Lebensfreude beeinträchtigt.

Bekanntlich stellt die _Malaria_ in doppelter Weise ein _zoologisches_ Problem dar. Der Parasit, der in den roten Blutkörperchen des Menschen lebt, diese zerstört und ihn dadurch blutarm und durch seine Giftwirkung fieberkrank macht, ist ein einzelliges Tier aus der Gruppe der Protozoen. Und damit dieser Parasit durch die Haut des Menschen in dessen Blutgefäße und so in die Blutkörperchen gelangen kann, bedarf er eines Transportmittels und einer Hilfe beim Einspritzen ins Blut des Menschen. Beides leistet ihm wiederum ein Tier; und zwar ist es ein blutsaugendes Tier aus der Gruppe der _Stechmücken_.

Alle blutsaugenden Insekten ernähren sich in der Hauptsache vom Blut der Wirbeltiere. Dabei saugen sie mit einem Stechrüssel das Blut in ihren Darm als Nahrung; damit das Blut genügend durch die feine Wunde nachfließt, spucken die meisten Blutsauger beim Saugen ihren Speichel hinein, der in manchen Fällen die Blutgerinnung hindert, stets aber eine Entzündung hervorruft. Diese hat ihre Bedeutung für den Sauger und den Gesaugten. Bei letzterem bringt sie das Zusammenströmen von reichlich Blut zur Wunde zustande. So kommt es zur Schwellung und zu dem bekannten unangenehmen Jucken beim Insektenstich. Für den Blutsauger bedingt das einen reichen Blutzufluß zu dem saugenden Rüssel und sichert ihm eine richtige Portion zum Sattwerden nach einem oder einigen Stichen.

So ist das Stechen der Wanzen und Flöhe zwar sehr unangenehm, aber in der Regel nicht gefährlich, keine Seuche übertragend. Das ist auch bei der großen Mehrzahl der _Stechmücken_ der Fall. Auch solche spielten in Mazedonien an vielen Orten eine höchst unangenehme Rolle. So waren _Veles_, Teile von _Üsküb_, der _Prespasee_, der _Doiransee_ und andere Abschnitte der mazedonischen Front berüchtigte Stechmückennester, wo die Menschen ganz bös von diesen Plagegeistern gequält wurden. Das war ganz besonders schlimm, wenn sie zu den Wanzen und Flöhen und allerhand anderem Gesindel noch dazu kamen. Zum Glück hatten wir es in Mazedonien nicht so schlecht, wie unsere Feinde. Die Franzosen in der Wardarebene bei _Saloniki_ und besonders die Engländer an der _Strumafront_ müssen in reinen Stechmückenhöllen gesessen haben. Wir hörten das aus ihren Berichten und konnten es daran merken, daß in der Frontgegend oft mächtige Rauchsäulen aufstiegen, wenn sie sich durch Abbrennen des Schilfs in den Sümpfen zu retten suchten. Sie zogen sogar manchmal wegen der Schnakenplage ihre Front etwas auf höher liegendes Gelände zurück und konnten sicher sein, daß wir ihnen in diese Hölle in der Schnakenzeit nicht nachfolgten.

Die Schnaken, die am meisten plagten, zum Teil auch am Tage bei heißer Sonne stachen, gehörten zu den Gattungen +Culex+, +Culicada+, +Aedes+ u. a., von denen man jetzt seit etwa 20 Jahren weiß, daß sie sich an der Übertragung des menschlichen Malariaparasiten _niemals_ beteiligen. Seither weiß man nämlich, daß es nur die Stechmücken der Gattung +Anopheles+ sind, welche in allen Teilen der Erde die menschliche Malaria übertragen. So wie also der Mensch der einzige Organismus ist, welcher die echte Malaria bekommt, so ist es auch nur die gleiche Parasitenform, die in ihm gedeiht und nur durch Arten der Gattung Anopheles vermittelt werden kann, also nur in solchen lebensfähig bleibt. So sehen wir denn in dieser gesetzmäßigen Verkettung dreier Organismen von verschiedener Art, von denen das eine nicht leben kann, ohne daß beide anderen vorhanden sind, ein interessantes zoologisches Problem vor uns.

Da ich nun selbst Protozoenforscher bin und mich mit dem Malariaproblem und seinen biologischen Grundlagen früher viel beschäftigt hatte, so war es naheliegend, daß ich meine Kenntnisse in diesem Gebiet sogleich in den Dienst der Heeresleitung und meiner leidenden Kameraden stellte und untersuchte, was über die Zoologie der Malaria in Mazedonien festzustellen war und was man etwa durch neue Beobachtungen zu ihrer Bekämpfung beitragen könne.

Vorläufig war noch nicht bekannt, welche _Malariamücken_ in Mazedonien vorkommen. Man weiß jetzt längst, daß auf der ganzen Welt mehrere Dutzend Anophelesarten leben, welche alle die Menschenmalaria zu übertragen vermögen. In Europa sind bisher vier Arten nachgewiesen worden, von denen nur zwei in Deutschland vorkommen. Diese heißen +Anopheles maculipennis+ Meig. und +Anopheles bifurcatus+ L. ... Zu diesen kam noch eine für Mazedonien besonders interessante Art +Anopheles superpictus+ Grass u. Fel., während die vierte europäische Art bisher auf dem Balkan nur in Rumänien und im Donaugebiet gefunden wurde; es ist dies +Anopheles pseudopictus+ Grass u. Fel. Wahrscheinlich fehlt sie in Mazedonien. Jedenfalls konnte ich sie trotz eifrigen Nachforschens in den zwei Jahren 1917 und 1918 nicht finden.

+Anopheles maculipennis+ und +bifurcatus+ leben auch hier in der altbekannten Weise im Larvenzustand in stehenden Tümpeln. So konnte man sie in der auch sonst in der Welt üblichen Methode bekämpfen, indem man entweder die Brutstätten zuschüttete, Abläufe anlegte und ihr Entstehen und Bestehen in der Nähe menschlicher Siedelungen verhinderte. War eine Beseitigung der Wasseransammlungen nicht möglich -- und das war in Mazedonien oft der Fall, wo das Wasser zur Bewässerung von Feldern und Gärten vielfach angestaut werden mußte, so konnte man durch Aufgießen einer dünnen Schicht von Petroleum oder Saprol die Puppen und Larven der Stechmücken am Atmen verhindern und so ersticken. Denn die Entwicklungsstadien der Stechmücken sind Luftatmer und müssen in kurzen Abständen sich an der Wasseroberfläche immer wieder Luft zum Atmen holen. Sperrt man ihnen diese durch eine dünne Ölschicht ab, so müssen sie ersticken und sterben.

Diese Methoden waren in Mazedonien von den Armeehygienikern, unter denen besonders der erfahrene Professor _Fülleborn_ aus Hamburg sich hervorgetan hatte, in den ersten Jahren schon an vielen Stellen mit Erfolg angewandt worden. Es hatte sich aber herausgestellt, daß in vielen Gegenden die Maßregeln nicht eingeschlagen hatten. So hatten sie besonders an verschiedenen Lazaretten versagt, welche man am Ende von Schluchten aufgeschlagen hatte, um sie mit fließendem Wasser leicht versorgen zu können.

Gerade in meinem Standquartier _Kaluckova_ war dies der Fall gewesen und hier speziell hatte man die betrübende Beobachtung machen müssen, daß die Ruhrkranken, die an diesem Ort konzentriert wurden, fast regelmäßig noch dazu im Lazarett an Malaria erkrankten und damit viel schwerer behandelt und dem drohenden Tod entrissen werden konnten. Das mußte besondere Ursachen haben, und diese zu untersuchen, nahm ich mir vor.

Schon im Jahre 1917 gelang es mir festzustellen, daß gerade in der Gegend von Kaluckova die kleinste der europäischen _Anophelesarten_ (+Anopheles superpictus+) auffallend häufig vorkam. Außer durch ihre Kleinheit ist sie besonders von der auch häufigen Art +A. maculipennis+ durch die Anordnung der dunkeln Flecken auf den Flügeln leicht zu unterscheiden. Die vier Flecken liegen nämlich am Vorderrand der Flügel in einer Reihe hintereinander (vgl. die untenstehende Abb. 212). Auch sonst zeigt sie einige leicht nachweisbare Unterschiede von den anderen Arten.

Wie war es wohl zu erklären, daß gerade diese Form bei Kaluckova die häufigste war? Die Untersuchungen der Schluchten klärten diese Frage auf. Es stellte sich dabei heraus, daß gerade +Anopheles superpictus+ in den _Schluchtbächen_ brütet. Und zwar findet man die Larven nicht, wie man das bisher für alle +Anopheles+-Arten annahm, nur im ruhenden Wasser stehender Tümpel, sondern auch im strömenden Schluchtbach. Da lagen sie vor allem in charakteristischer Lage mit dem Hinterende an den Steinrändern des Bachufers angelehnt. So wurden sie von der leisen Strömung nicht mitgerissen.

Auch in den Sammelgläsern und Glasschalen, in denen ich die Larven aufhob, zeigten sie eine ganz besondere Neigung sich mit dem Hinterende an die Glaswand anzulegen, was für eine mit ihrer Lebensweise zusammenhängende Besonderheit spricht.

Die Larven von +Anopheles superpictus+ konnte ich dann in vielen Gegenden Mazedoniens als bevorzugte Bewohner der Schluchtbäche feststellen, in denen gelegentlich auch diejenigen von +A. maculipennis+ vorkommen. So waren denn die Schluchten nicht mehr als harmlose Nachbarschaft von Lazaretten und Truppenquartieren anzusehen und unter anderen erwies sich die Verlegung bzw. Aufhebung des Lazaretts _Kaluckova_ vor dem nächsten Sommer als notwendig.

Immerhin war die Bekämpfung der Malariamücken auch in den Schluchten nicht unmöglich. Ich gab dafür ein Mittel an, welches die Natur mich gelehrt hatte und welches mir in diesem Lande selbst für die Einwohner ausnützbar und mit wirtschaftlichen Zwecken verknüpfbar erscheint. Nachdem ich nämlich beobachtet hatte, daß nach starken Regengüssen die Tümpel der Schluchtbäche von dem angeschwollenen Wasser glatt von Schnakenlarven ausgespült werden, welche dann auf den Geröll- und Sandbetten des im Sommer austrocknenden Unterlaufs absterben, empfahl ich dafür eine Nachahmung des natürlichen Vorganges durch einfache Handgriffe.

Bei geeigneter Auswahl der richtigen Stelle kann man in jeder Schlucht mit einer Arbeitskraft in einem Tage aus dem vorhandenen Geröll eine labile Sperre herstellen, welche eine Wassermasse staut, genügend für eine einmalige radikale Durchspülung der Schlucht. Gleichzeitig könnte in dieser Weise angestautes Wasser zur Bewässerung von Anbauland ausgenützt werden und nur periodisch alle paar Wochen zur Schnakenbekämpfung Dienste tun.

Auch andere Malariabeobachtungen konnten auf dem Balkan gemacht werden, die nicht ohne Interesse waren. So zeigte sich die Verschleppung der Malaria stets an das Vorhandensein der +Anopheles+ geknüpft, wobei die Menschen als Dauerträger der Parasiten eine große Rolle spielten. So wurde die Malaria besonders in der schlimmen Form der Tropica in vielen Gegenden des Balkan erst während des Krieges eingeschleppt, in denen sie früher gefehlt hatte. Es zeigte sich, daß das neue Auftreten von Tropikafällen fast immer mit dem Erscheinen von meist asiatischen, türkischen Truppen und an der feindlichen Front von farbigen Abteilungen in Zusammenhang stand; diese hatten als Malariaträger in ihrem Blut die Infektionsformen des für das Land neuen Parasiten mitgebracht.

Auch wurde zum ersten Male auf dem Balkan von unseren Militärärzten auf die Wichtigkeit der _Kindermalaria_ geachtet. An manchen Orten, so am Prespasee, in Struga am Ochridasee, war es sehr auffallend, wie die meisten Kinder bleich und hohläugig, vielfach abgemagert und mit vorstehendem Bauch herumliefen. Sie wurden untersucht und erwiesen sich als sogenannte Milzbäuche, d. h. als Malariaträger, bei denen durch den Einfluß des Parasiten die Milz stark geschwollen war.