Mazedonien

Part 33

Chapter 333,412 wordsPublic domain

Es war eine anständige Leistung nicht nur unserer mazedonischen Tragtiere, sondern vor allem unserer deutschen und rumänischen Reitpferde, uns diese steile Paßstraße hinaufzutragen. Im eigentlichen Europa hätte man sein Pferd am Zügel hinaufgeführt. Hier hatten sich unsere deutschen Pferde so an die Erfordernisse der mazedonischen Gebirge gewöhnt, daß sie freiwillig ein flottes Tempo anschlugen und mit sicherem Schritt alle Schwierigkeiten des Pfades, der oft wie eine steile Treppe den Berg hinaufführte, überwanden.

Oben auf dem ganz schmalen Paß empfing uns eine bulgarische, aus Albanern gebildete Wache, welche den Übergang beaufsichtigte. Wir wurden von der bunten, verlumpten Gesellschaft, die einer irregulären Bande angehörte, freundlich aufgenommen und rasteten da oben eine kurze Weile neben den Reisighütten und Lagerfeuern der wilden Kerle.

Dann ritten wir sehr steil einen Hang hinab, der durch ein ziemlich breites Tal an den Hängen des Ostri entlang, unterhalb des Dorfes _Paligrad_ nach Crvenavoda führt. Die Wand des Bergs, an dem wir entlang ritten, fiel steil in ein schon recht trockenes, felsiges Tal ab. Die Pflanzenwelt des Gebirges hatten wir schon verlassen; die Vegetation wurde allmählich wieder mazedonisch; zwischen trockenem, rotgelbem Boden erhoben sich niedrige Büsche. Es eröffneten sich vor uns schöne Ausblicke in die Hügel- und Bergketten der Brazda und Rudina Planina. Vor dem Dorf Crvenavoda (Rotwasser) kamen wir an zwei kreisrunden, flachen Becken vorbei, welche wie Pfannen im lehmigen Boden eingesenkt waren. In der Mitte jeder Pfanne strudelte ein Strom perlenden Wassers hervor. Es waren Mineralquellen, welche offenbar, nach den roten Niederschlägen zu schließen, Eisen und unzweifelhaft Schwefel enthielten. Die Luft ringsumher war von starkem Schwefelduft erfüllt.

Ohne uns lange aufzuhalten, setzten wir unseren Ritt steil bergab fort und stiegen nun bald in das Gebiet des altbekannten Markovatales ab. Nun wurde es allmählich wieder gehörig warm, der Himmel war wolkenlos und die mazedonische Sonne brannte unbarmherzig auf uns herab. Die warmen Hüllen, Decken und Mäntel, die oben in den Bergen so notwendig gewesen waren, hatten wir längst auf den Tragtieren verladen.

Vor uns dehnte sich die breite Mulde des unteren Markovatales aus, das wir jetzt von seiner Nordseite ganz im Unterlauf des Baches, nahe seiner Mündung in den Wardar durchqueren wollten. Wieder hatten wir die vom Wasser zerrissene und modellierte Landschaft eines mazedonischen Flußtales vor uns. Von allen Seiten sah man tiefe, steile Schluchten die Berge und Hügel hinab dem Bach zustreben, dem durch sie alle Gewässer des Gebietes zugeführt wurden. Mehr und mehr machte sich die Trockenheit des Gebietes auf den Hügelpfaden und auf den Halden, die wir hinabritten, geltend. Die Pflanzenwelt wurde immer geringer; die Kulturpflanzen der Äcker, die Hecken überwogen. Menschen und Pferde wurden durstig und begannen sich nach Wasser und Schatten zu sehnen.

So strebten wir an dem türkischen Ort _Kolicane_ vorbei einem in einem Ulmenhain gelegenen malerischen türkischen Friedhof zu, in welchem der Schatten der Bäume uns anlockte. Aber leider gab es dort in der ganzen Gegend kein Wasser.

So ritten wir denn lieber nach Kolicane zurück, einem am Bergabhang malerisch gelegenen Städtchen, an dessen Rand sich auch ein Ulmenhain mit Resten eines alten Friedhofes befand. Dort fanden wir, wie vorauszusehen, Wasser für die Pferde und schönen Schatten. Hier hielten wir Mittagsrast und kochten ab, umringt von den türkischen Einwohnern des Ortes, deren Knaben uns bereitwilligst Wasser heranschleppten.

Trotz aller Müdigkeit wurde auch hier noch beobachtet und gesammelt. Im Hain standen zahlreiche fast meterhohe Büsche von zwei gelbblühenden Korbblütlern, Alantarten, nämlich +Inula hirta+ L. und +I. salicina+ L. Unser Botaniker, Prof. _Bornmüller_, prophezeite, daß da auch der Bastart zwischen beiden wachsen müsse; und richtig, kaum 5 Minuten suchte er, so hatte er ihn in zahlreichen Exemplaren gefunden.

Nachmittags ritten wir über einen Höhenrücken in die weite Mündungsebene des Markovabaches, dann am Wardar entlang auf guter Landstraße auf Üsküb zu. Wieder ragte vor uns der Wodno mit seinen im Abendschein scharf hervorstechenden Rinnen und Kanten auf. Wir überblickten den Weg, den wir vor 10 Tagen bergwärts zurückgelegt hatten.

Auf der Straße mußten wir einen schlanken Trab anschlagen, denn ein nahendes Gewitter zog am Berg entlang. Der Wind wirbelte bereits ungeheure Staub- und Sandwolken auf. Kurz vor der Stadt Üsküb faßte uns noch das Gewitter und so ritten wir in strömendem Regen in guter Ordnung in die Stadt ein. Am Abmarschplatz löste sich die Karawane auf. Ich führte noch die Pferde und Mannschaften über die Wardarbrücke durch die ganze Stadt zum Zitadellenberg, wo Pferde und Leute im Heerespferdedepot vollzählig und wohlbehalten wieder abgeliefert wurden.

Dann rückte ich persönlich mit meinem braven Burschen in mein nahegelegenes Quartier bei den bulgarischen Freunden wieder ein, müde und hungrig nach den anstrengenden Tagen.

Nach einem erfrischenden heißen Bad saß ich abends behaglich bei meinen Freunden und erzählte befriedigt von den wundervollen Natureindrücken und den interessanten wissenschaftlichen Beobachtungen, welche dieses schöne Stück Mazedoniens mir beschert hatte.

SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL

STIP UND DAS OVČE POLJE

In Mazedonien gibt es auch echte _Steppe_, und zwar Grassteppe. Nie allerdings erreicht sie eine sehr große Ausdehnung und immer wieder schwanken ihre Grenzen, indem das Kulturland bald in ihr Gebiet vordringt, bald vor ihr zurückweicht. Glich im heißen Spätsommer 1917 schon ein großer Teil Südmazedoniens einer Steppe, so war das mit der Hochebene bei _Stip_ in noch viel höherem Grade der Fall. Ich habe sie nur flüchtig kennen gelernt, doch will ich ihrer Eigenart eine kurze Darstellung widmen.

Von Veles steigt eine prächtige Landstraße am linken Wardarufer in einigen eleganten Kurven auf die Hochebene hinauf, um auf ihr fast eben zu verlaufen. Sie führt in einem flachen Bogen direkt ostwärts nach der Stadt _Stip_ und von da über Radovista und Strumiza weiter. Sie wurde noch in türkischer Zeit von französischen Ingenieuren ganz vorzüglich gebaut.

Ist man den Talhang des Wardar hinauf gelangt, so dehnt sich weit nach Osten vor einem die Hochebene und verschwimmt in der Ferne in blauem Dunst. Sie ist in der Hauptsache flach und am 30. August war sie von graugelbem dürrem Gras bedeckt. In der Ferne erhoben sich einzelne steilumrissene Bergblöcke, Granitlakkolithe zu einer Höhe von etwa 450 m und damit etwa 250 m über der Hochfläche. Ein solcher Felsenberg oder vielmehr eine Gruppe von solchen bildet das Skelett der Stadt _Stip_.

_Stip_, auch _Istib_ genannt, eine malerische Stadt, an der _Bregalniza_ gelegen, ist die Hauptstadt des Gebietes, welches _Ovče Polje_, das _Schafsfeld_, genannt wird. Die Bregalniza kommt von Nordosten und strömt noch etwa 6 Kilometer über Stip in dieser Richtung weiter; dann biegt sie nach Einmündung der Lakaviza in rechtem Winkel nach Nordwesten ab, um nach 12 Kilometern eine ebenso energische, rechtwinkelige Umbiegung in ihrer früheren Richtung zu machen, um ihrer Mündung in den Wardar, kaum 6 Kilometer oberhalb Gradsko, zuzustreben. Im Oberlauf durchströmt die Bregalniza ein weites Sumpfgebiet bei Koschana, welches durch seine Reisfelder berühmt ist.

Es war Steppe mit ihrer ganzen Öde und ihrem ganzen Reiz, die ich hier durchfuhr. Im Anfang kamen wir noch durch abgeerntete Getreidefelder, Weinberge, Melonenfelder und weite Grasflächen, zwischen denen wesentlich von Türken bewohnte, ärmliche, halbzerstörte Dörfer lagen. Hier hatten die Balkankriege gehaust. An der Straße lag ein großes bulgarisches Militärmagazin, in dem ein gut Teil der Ernte des Gebietes zusammengeschleppt war. Wichtig war dies Stück Steppe offenbar den verbündeten Heeren für die Beschaffung von Heu. Wie Kirchen oder Paläste groß und hoch erhoben sich Haufen von Stroh und Heu in der Ebene, die oft 100 m lang und 20-30 m breit sein mochten. Lange Züge von heu- und strohbeladenen Wagen, bespannt mit Ochsen oder Büffeln, begegneten uns auf der Straße auf ihrer Fahrt nach dem Wardartal.

Auf der Fahrt fielen mir Anzeichen des Aufschwunges, des Unternehmungsgeistes im Land auf. Einige türkische Landbesitzer hatten, was hier in der weiten Ebene sicher rationell war, Dampfpflüge und andere landwirtschaftliche Maschinen genossenschaftlich angeschafft und einen Großbetrieb eröffnet, der offenbar schon seine Früchte getragen hatte.

Hier war alles auf große Maßstäbe angelegt. Das galt auch von der sehr charakteristischen Tierwelt, die hier zu beobachten war. Sie war hauptsächlich durch Heuschrecken vertreten, welche zu vielen Tausenden im Gras hüpften und fraßen und deren Zirpen die Luft mit einem mächtigen Gebrause erfüllte. Es waren viele Arten von allen möglichen Färbungen und Größen. Die einen gelb, die anderen grün; hellbraune, rotbraune, dunkelbraune bis schwarze gab es, andere waren grau, wieder andere zeigten Flecken verschiedener Farben. Manche schwirrten mit geräuschvollem Flug in die Höhe und entfalteten dabei rote, blaue, gelbe, schwarzgefleckte Hinterflügel. Andere krochen still und geräuschlos am Boden zwischen den Gräsern dahin.

Unter ihnen spielte eine kleine, gelbe Form von Gespensterheuschrecken (+Ameles decolor+ Charp.) eine große Rolle; sie fingen Bläulinge und andere kleine Schmetterlinge. Die großen Arten der Heuschrecken hielten sich vorwiegend an die Pflanzen. Da gab es bis zu 10 cm lange, den Wanderheuschrecken ähnliche Formen. Ganz seltsam in der Gestalt waren die +Saga+-Arten, welche bald grün, bald gelbbraun gefärbt waren.

Daß Käfer, Tausendfüßler, Skorpione nicht fehlten, braucht kaum hervorgehoben zu werden. Dazu kamen eigenartige Spinnen, von denen, der Insektenmenge entsprechend, einzelne Arten in sehr viel Individuen auftraten.

So war die Silberspinne (+Argiope lobata+ Pallas) und ihre schwarzgelb gefärbte nahe Verwandte (+A. brunichii+ Scop.) hier sehr häufig. Hier war schon das Nahen des Herbstes zu bemerken; denn die Weibchen waren eifrig beim Verfertigen von Eikokons, die schneeweiße Gewölbe darstellten, die mit Zipfeln am Gras und an Steinen angeklebt wurden. Auch andere Spinnen waren bei dieser Tätigkeit, so die eigenartige +Lathrodectus tredecimguttatus+ (Rossi), welche ihre kugeligen, fein gebauten Kokons meist unter Steinen unterbringt; hier hatten eine ganze Anzahl Weibchen sich einen gebleichten Pferdeschädel als geeigneten Schlupfwinkel ausgesucht, dessen Hirnhöhle 20-30 der zarten Kugeln enthielt.

Aufregung brachte den beiden mich begleitenden Jägern, dem unverwüstlichen Hauptmann _Jungmann_ und seinem treuen Begleiter Leutnant _Slevogt_ ein großer Flug _Zwergtrappen_, der einige hundert Meter von uns einfiel. Das ist ein Charaktervogel dieses steppenähnlichen Gebietes. Ich fand die Zwergtrappe (+Otis tetrax orientalis+ Hartl.) in Mazedonien stets, wenn ich auf weite Ebenen kam, so in den Gerstenfeldern bei Krivolac, im Ackerland oberhalb Üsküb.

Es war ein reizvoller Anblick, die großen Vögel auffliegen zu sehen, wobei jedesmal die helle Unterseite und die weißen Armschwingen aufblitzten. Wenn sie sich niederließen und gravitätisch durch das Gras wateten, erkannte man beim Männchen den schwarzen Hals mit der Krause, die zwei dunkeln Querbinden auf dem Schwanz. Es war jedesmal eine aufregende Jagd, an die vorsichtigen, schnellen Vögel heranzukommen, die geduckt am Boden liefen, um plötzlich auffliegend einen halben Kilometer weiter sich niederzusetzen, um den Jäger von neuem zu foppen und zu ermüden. Wir konnten ihre Verfolgung unseren trefflichen Jägern überlassen und uns den kleineren Tieren widmen, die uns genug Arbeit gaben.

Da gab es, auch typisch für die Steppenlandschaft, eine ganze Anzahl von _Lerchenarten_. Am Boden liefen zahlreich die _Kalanderlerchen_ (+Melanocorypha calandra calandra+ L.), die auffallend großen, aufrechten Tiere mit der lauten Stimme. _Haubenlerchen_ belebten den Steppenboden (+Galerida cristata meridionalis+ Brehm). Für alle diese Lerchen war hier in der Steppe Ende August der Tisch reich gedeckt. Nicht nur trugen die meisten Pflanzen Samen, kaum irgendwo sah man noch eine Blüte, auch der Insektenreichtum kam ihnen zugute.

Viele von ihnen gleichen auch dem Steppenboden in Farbe und Zeichnung so ausgezeichnet, daß sie durch Ducken dem scharfen Blick der sie verfolgenden Raubvögel entgehen. Das gilt vor allem von der _Kurzzehenlerche_, die auch auf der Hochebene sich fand (+Calandrella brachydactyla moreatica+ Mühlb.), eine charakteristische südliche Form. Eine vierte Lerchenart schließlich war besonders häufig, die südöstliche, in Asien weitverbreitete Form der _Feldlerche_ (+Alauda arvensis cantarella+ Bp.).

Daß der _Wiedehopf_ (+Upupa epops epops+ L.) hier nicht fehlte, braucht kaum erwähnt zu werden. Wie possierlich sah er aus, als er auf dem Pferdeschädel saß, seinen Schopf sträubte und sich nach allen Seiten umschaute. Ähnlich reizvoll war die besonders in der Nähe der Stadt Stip häufige türkische Turteltaube (+Streptopelia decaocto decaocto+ Friv.), die überall, wo Türken leben oder einmal lebten, sich festgesetzt hat und mit ihrem Ruf, ihrer schönen Färbung und ihren zierlichen Bewegungen die Landschaft anmutig belebt.

Die häufigsten und auffälligsten Vögel auf der Hochebene von Stip waren aber die _Falken_. Sie waren in dieser letzten Augustwoche zu Tausenden hier versammelt. Und es war nicht etwa die Vorbereitung zum Herbstzug ins Winterquartier, die sie hier zusammengeführt hatte, es war die reiche Weide, die sie auf die Steppe gelockt hatte.

Schon während der Fahrt im Auto die Landstraße entlang, war die Menge der _Falken_ äußerst auffallend gewesen, die auf den Telegraphendrähten, je 6 bis 10 zwischen zwei Stangen saßen. Ungestört durch Lärm und Staubwolke bespähten sie von ihrem erhöhten Sitze aus den Steppenboden und tauchten alle paar Minuten auf ihn herab. Es waren vor allem zwei Arten, die sich hier versammelt hatten, der _Turmfalke_ (+Falco tinunculus tinunculus+ L.) und der _Rötelfalke_ (+F. naumanni naumanni+ Fleisch.). Beide sind Insektenfresser und nähren sich mit Vorliebe von _Heuschrecken_. Jetzt im Herbst gab es für sie unerschöpflich viel zu fressen. Sie sammelten sich, wo es viele Heuschrecken gab; und diese waren ja jetzt alle ausgewachsen, große stattliche Tiere, eine fette Nahrung.

Alle Falken, welche in _Kaluckova_ zu Blutuntersuchungen auf ihre den Malariaparasiten verwandten Blutschmarotzer geschossen worden waren, hatten den Magen voll Heuschrecken. Und gar hier auf der Steppe, da brauchten sie nicht zu hungern. Sie konnten dick und feist in den grimmen Winter hineingehen.

In dieser Spätsommer- und Herbstzeit konnte ich bei diesen Falken und anderen Vögeln wiederholt eine interessante Beobachtung machen. In der Zeit der Dürre kam es durch Unvorsichtigkeit oder Absicht nicht selten zu Bränden auf der Steppe und in den Buschwäldern der dürren Hügel. Dann fraß die Flamme knisternd von Busch zu Busch, eilte schnell über die begrasten Zwischenräume und weilte länger bei den Buschgruppen. So zog sie über einen Abhang, eine Fläche, eine Hügelreihe hin.

Und vor der Flammenzone, vor dem Rauchschwaden, sah man dichte Flüge von Vögeln, vor allem aus unsern zwei Falkenarten zusammengesetzt, sich versammeln. Sie flohen nicht etwa vor dem Feuer, sie hielten sich eher in seinem Bereich, oder es war vielmehr ein Gürtel in etwa 10 m Abstand und immer vor diesem, in dem sie sich zusammendrängten. Da saßen sie auf den höheren Büschen, flatterten und schwebten in geringer Höhe in der Luft und tauchten immer wieder zum Boden nieder.

Mehrfach eilte ich auf einen solchen Rand eines Brandes los, um mich zu überzeugen, was denn die Falken dort hinzog. Und was ich vermutete, bestätigte sich. Vor dem Brand rissen die Insekten aus, vor allem die flinken _Heuschrecken_, aber auch die anderen, welche sich auf dem Boden bewegten. Ein breites Band von Käfern, Wanzen, Tausendfüßlern wanderte vor dem Feuer her. Was leicht beschwingt war, die Schmetterlinge, die Bienen, die Fliegen hatten sich lange vorher davongemacht. Aber die laufenden und hüpfenden Insekten und mit ihnen Mäuse, Eidechsen, Frösche, Schildkröten und alles derartige Getier lief vor dem Feuer davon und damit in den gierigen Rachen von allerhand Räubern, die sich die Gelegenheit zu Nutze machten. Allerdings habe ich nur bei den beiden Falkenarten direkt beobachtet, daß sie zum Teil von weither auf die Rauchsäulen losflogen, offenbar weil die Erfahrung sie gelehrt hatte, daß in dieser Jahreszeit im Zusammenhang mit solchen reiche Beute auf sie wartete.

Stundenlang hatte die Beobachtung und Jagd mich und meine Begleiter auf der Hochebene aufgehalten, so daß es schon Nachmittag war, als wir abwärts zur Bregalniza, in die Stadt _Stip_ fuhren, um dort eine Mittagspause zu machen. Die Stadt liegt ziemlich ausgedehnt auf einer Anzahl von Hügeln, über denen dunkle Granitfelsen sich erheben. So gewährt sie einen malerischen Anblick. Zudem ragen auf dem einen der Granitfelsen Ruinen einer alten Türkenburg in die Höhe.

Es ist wie Veles eine richtige Türkenstadt mit Moscheekuppeln und Minarets; die Häuser klettern wie dort die steilen Hügel hinauf, sind aus Steinen gebaut und mit roten Hohlziegeln gedeckt. So entsteht das gleiche bunte, malerische Bild wie in Veles, nur daß hier der dunkle Felsen einen andersartigen, weniger harmonischen Hintergrund bildet als das graue Gestein von Veles. Wir fahren durch enge Gassen über einen Marktplatz; Läden und Werkstätten verraten lebhafte Tätigkeit in der Hauptstadt einer wohlhabenden Provinz. Wir gelangen an eine stattliche, breite Brücke, welche über die Bregalniza führt, deren Bett, breit durch die Häuser der Stadt führend, ausgemauert ist. Aber welch eigentümlicher Anblick; das breite Flußbett, dessen steile Mauern, von denen Treppen hinabführen, verraten, daß der Fluß im Winter und Frühling viel Wasser führen muß, lag jetzt ganz trocken, so daß ich trocknen Fußes, durch Sand watend, hindurch gehen konnte.

Im Schatten einiger Bäume jenseits der Brücke ließen wir unseren Wagen unter Aufsicht des Fahrers stehen und stiegen selbst einen steilen Weg bergan zu einer Moschee mit leuchtend grüner kupfergedeckter Kuppel, deren säulengetragene Vorhalle uns als Rastplatz lockte. Und es lohnte wohl dort eine Nachmittagsstunde zu verbringen. Ringsum lagen zwar Ruinen und selbst das Minaret war zur Hälfte zerstört. Hier hatte sich im Balkankrieg der Türkenhaß Luft gemacht.

Die Moschee war aber immerhin noch erhalten; sie war aus Steinen massiv erbaut, außen mit Platten bedeckt. Solche, abwechselnd schwarz und weiß, umgeben die Bogen der Vorhalle und die drei Türen, welche ins Innere führten. Der hochgewölbte Raum war mit Ziegeln gepflastert. Verwüstung herrschte auch hier und Trümmer lagen umher. So war es anziehender in der Vorhalle sich niederzulassen, die von schlanken Marmorsäulen mit schön ausgearbeiteten Kapitellen getragen war. Die Säulen machten den Eindruck, als stammten sie von einem antiken Bau. Ihre Basen waren mit Kupfer beschlagen. Hier wie an der Kuppel hatte sich zum Glück noch kein beschlagnahmender Beamter betätigt.

Von der Ecke der Vorhalle hatten wir einen sehr schönen interessanten Überblick über die Stadt, deren weiße Häuser teils in der Fläche zwischen den Hügeln sich ausdehnten, teils an den Felsen emporkletterten. Zwischen den dunkelroten Dächern erhoben sich zahlreiche weiße Minarets und mit ihnen an Schlankheit wetteifernd dunkle Pappeln; aus Gärten ragten viele Obstbäume hervor, die zum Teil voll Äpfel hingen. Zwischen den Felshügeln eröffnete sich ein weiter Blick über die dunstige Ebene und auf ferne Berge. Kapellen leuchteten weiß von den Hügeln und eine große stattliche Kirche ragte aus den gleichmäßigen Straßen der unteren Stadt empor.

Gerade vor uns begrenzte eine ziegelgedeckte Mauer einen schattigen Garten. Während wir, behaglich auf den Treppen der Moschee sitzend, unser mitgebrachtes Mittagsmahl verzehrten, öffnete sich das Pförtchen und eine Anzahl von Kindern trat hervor und begann vertraulich sich uns zu nähern. Es waren Mädchen und Knaben von 3-12 Jahren. Da einer von uns einige türkische Worte konnte, entspann sich eine Unterhaltung, die sich im wesentlichen darauf beschränkte, daß sie uns ihre Namen nannten; Fatme, Hassan, Achmed, Osman und die kleine Bülü vertrieben uns unter Plaudern und Scherzen die Zeit. Als wir uns aber nach dem Essen die Zigaretten anzündeten, fing ein heftiges Betteln an, dem der Hauptmann schließlich nachgab.

Alle diese Kinder, auch der fünfjährige Hassan, zündeten sich ihre Zigaretten regelrecht an und rauchten mit Behagen. Traurig saß zunächst die kleine dreijährige Bülü daneben und verzog die Augen zum Weinen. Als der Hauptmann ihr auch eine Zigarette von fern hinhielt, patschte sie bittend in die Hände und strahlte mit dem ganzen Gesicht, als sie sie wirklich bekam. Dann zündete sie sie an Achmeds Zigarette kunstgerecht an, zog den Rauch tief ein, schluckte ihn hinunter und blies ihn durch die Nase wieder heraus. All das geschah so gewandt, mit so graziösen, fast koketten Handbewegungen, ohne Husten und Verschlucken. Als wir uns freundschaftlich von unserer netten Tischgesellschaft verabschiedeten, zweifelten wir nicht daran, daß die gewandte Raucherin, die graziöse Bülü, trotz ihres Rotznäschens einmal der Stern eines Harems werden würde.

Ein Rundgang zeigte uns dann noch die wesentlichen Teile der Stadt. Trotz der Hitze war es nicht unangenehm in den engen Straßen zu bummeln, in welche die weit vorgebauten Häuser tiefen Schatten warfen. Es waren malerische Durchblicke, an den vorragenden Dächern und Balkonen mit Schnitzerei und Fachwerk vorbei, auf die steilen Felshänge der Granithügel, über denen ein wolkenloser Himmel blaute.

Es gab viele Obstläden, in denen es Äpfel, Birnen, Zwetschen und frische Nüsse und Haselnüsse zu kaufen gab. Auch Trauben und köstliche süße Melonen bildeten mit Tomaten und Paprikaschoten einen farbigen Vordergrund für das schöne Straßenbild. Merkwürdig gut und reich beschickt waren die Läden; in den Stoffhandlungen sah man noch viele englische und deutsche Stoffe und in der Apotheke bekamen wir eine Flasche Gießhübler, die wir zu dem vortrefflichen Kaffee tranken, den wir in einem kleinen Kaffeehaus an der Bregalniza in Messingkannen auf glühenden Holzkohlen in gut türkischer Weise zubereitet bekamen.

Dann besuchten wir noch die griechische Kirche, eine stattliche, dreikupplige Basilika mit seitlicher Säulenhalle. Sehr reizvoll war die Schnitzerei am Ikonostas im Innern, während die Malerei nicht sehr bedeutend war. Eigenartig war eine verschlossene Gittergalerie für Frauen oben im Kirchengewölbe, in der die Frauen abgesondert von den Männern dem Gottesdienst beiwohnten.

Schöne Blicke auf den Hügel mit der Moschee und ihrer herrlich grün patinierten Kuppel boten sich im Rahmen der stattlichen weißen Säulen des Umgangs der Kirche, um welche prachtvolle Bäume und allerhand blühende Pflanzen standen. An den Säulen saßen massenhaft schlafende Stechfliegen (+Stomoxys calcitrans+ L.) bereit, sich auf die Beter zu stürzen.