Malmedy und die preußische Wallonie

Part 5

Chapter 53,380 wordsPublic domain

In Malmedy wünscht man schon seit Langem eine Bahnverbindung mit dem belgischen Grenzstädtchen +Stavelot+. Die preußische Regierung ist dem Plane gewogen, aber auf belgischer Seite verhielt man sich bisher ablehnend; erst seit Kurzem hat sich die Stimmung geändert, so daß die Aussicht jetzt günstiger ist. Stavelot (deutsch Stablo) liegt auf dem rechten Ufer der Amel an einem Berghang und ist mit Malmedy durch das reizende Warchethal verbunden. Es hat ebenfalls bedeutende Gerbereien. Da nur wenige hervortretendere Bauten aus den letzten Jahrhunderten übrig geblieben sind, merkt man nicht, daß es eine der ältesten europäischen Residenzen ist. Ein Thurmrest und einige alte Schloßtrümmer sind die einzigen Spuren der alten Geschichte dieses Städtchens. Kunstkenner versäumen nicht, sich in der übrigens stillosen Pfarrkirche die aus der alten Abtei stammende ~Châsse de St. Remacle~ (Schrein des hl. Remaklus) mit Figuren in getriebener Arbeit zeigen zu lassen. Heinrich Freimuth schreibt u. a. über Stavelot: „Ehrfurcht vor den kleinen Hauptstädtchen, und doppelt Ehrfurcht, wenn sie in Folge eines tragischen Schicksals ihr altes Krönlein verloren haben! Spielten sich in den meisten dieser ehemaligen Residenzchen auch keine größeren politischen Aktionen ab, so suchte sich dafür um so häufiger die Romantik diese wenig bewegten, räumlich oft auf ein Idyll nur zugeschnittenen Städtchen aus, um dort ihre zum Teil originellen und oft eindrucksvollen Bilder zu weben, und selbst das bischen Politik, das dort getrieben wurde, gewinnt unter der phantastischen Laune dieser Romantik zuweilen Interesse und Leben. Es liegt auf dem rechten Ufer der ~Amblève~, nicht gar weit von Malmedy, auf belgischem Gebiet, eine solche kleine Ex-Residenz, ein stets wohl aufgeputztes Städtchen in idyllisch-romantischer Landschaft von saftigstem Grün, die durch Anmut ersetzt, was ihr an Großartigkeit fehlt. Dieses Städtchen, gleichzeitig eine der ältesten europäischen Residenzen, ist das uralte, mit seiner Geschichte bis in die Mitte des 7. Jahrhunderts zurückreichende Stavelot. Niemand würde in diesem vorwiegend modern romantischen Orte, in welchem nur wenige hervortretende Bauten aus den letzten Jahrhunderten übrig geblieben sind, den Schauplatz einer altersgrauen, ebenso romantischen als dramatischen Geschichte vermuten. Ein über die Dächer an der ~rue du Châtelet~ hinausragender Turmrest und auf der andern Seite des Flüßchens einige alte Schloßtrümmer sind die einzigen verbliebenen Spuren dieser alten Geschichte. In den weitläufigen, imposanten Abteigebäuden, wo wir einen Reichtum an geschichtlichen Erinnerungen schöpfen, die über den Rahmen einer bloßen Reiseplauderei weit hinausgehen würden, weckt das dort in einem Flügel untergebrachte „Hospiz Ferdinand Nicolai“ das Andenken an ein originelles Menschenkind. Dieser Nicolai, Comthur u. s. w. war ein großer Philantrop, aber auch kein kleiner Narr. Er schenkte nach allen Seiten, sodaß jedes Kind in Belgien seinen Namen kannte. Das Hospiz von Stavelot soll ihm über eine Million Franken gekostet haben. Er sorgte aber auch dafür, daß seine geschätzte Person vermittelst Porträts, Büsten und Statuen bestens bekannt wurde.“ Den Namen des freigebigen Sonderlings führt eine Avenue, durch die man auf die Landstraße nach Malmedy gelangt.

Auf der belgischen Seite, wie auch in dem Kreise Malmedy ist in den letzten Jahren Gold gefunden worden, und einige Zeit war fortwährend in den belgischen, westdeutschen und luxemburgischen Zeitungen die Rede davon, wie wenn dort ein zweites Kalifornien entstände. Das Gold kommt besonders bei der Ortschaft Recht in Ablagerungen von Schutt, bestehend in Quarzgeröllen, Sand und Lehm vor. Das Waschverfahren, das jetzt bereits dort betrieben wird, ist sehr einfach, aber es sind nur einzelne kleine, kaum sichtbare Flitterchen, Blättchen und Körnchen vorhanden; einzelne wenige erreichen die Dicke eines Stecknadelkopfes. Man glaubt, im Altertum habe dort Bergbau stattgefunden, weil man in der Gegend zahlreiche kleine Hügel findet, die die Geologen als „Goldhaufen“ betrachten.[23] Die „Goldminen“ bildeten einige Zeit eine ständige Rubrik in den Malmedyer Zeitungen, aber es ist fraglich, ob die Ausbeutung besonders stark sein wird.

Die Grenze der Wallonie wird im Süden durch den Amelbach gebildet. +Ligneuville+[24] oder +Engelsdorf+, das schöne Baumanlagen besitzt, die in der Eifel nicht allzu häufig sind, wird von belgischen, holländischen und englischen Touristen als Sommerfrische benutzt. Von dort führen schöne Wege nach Pont, Malmedy, Stavelot, Vielsalm u. s. w. Letzteres ist ein altes Städtchen, das anmutig auf dem rechten Hochufer der Salm liegt und hübsche Landhäuser und Gärten aufzuweisen hat.

[19] Von diesen Dörfern und Weilern der preußischen Wallonie sind manche zweinamig. So kommen nach ~Dr.~ Esser, der im „Kreisblatt für den Kreis Malmedy“ 1882-1884 eine Reihe eingehender Untersuchungen über die Ortsnamen des Kreises Malmedy veröffentlicht hat, neben einander vor die Namen: ~Faymonville~ und Außelborn, ~Ligneuville~ und Engelsdorf, ~Pont~ und Brücken, ~Champagne~ und Gringertz, ~Ondenval~ und Niedersteinbach, ~Thirimont~ und Deidenberg, ~Gueuzaine~ und zur Heiden, ~Bruyères~ und außer Heiden, ~Robertville~ und zur Bivel, ~Outrewarche~ und zur Spinnen, ~Belair~ und Wolfskuhl, ~Ovifat~ und Mischvenn, ~Bellevaux~ und Schönthal, ~Noirthier~ und auf dem schwarzen Hügel, ~Eaurouge~ und Rotwasser. ~Dr.~ Esser bemerkt dazu: „Da zu der Zeit, als der hl. Remaklus an den Ufern der Warchenne sein Kloster gründete, die hiesige Gegend deutsch war, so sind auch die deutschen Namen wie Außelborn, Engelsdorf u. s. w. die älteren und ursprünglicheren, die romanischen Namen wie ~Faymonville~, ~Ondenval~ u. s. w. sind dann offenbar vom Kloster ausgegangen, das überhaupt die deutsche Sprache bis an die nordöstlichen Grenzen des Fürstentums zurückdrängte.“ Vgl. ~de Nouë~. ~Miscellanées sur l’ancien pays de Stavelot et Malmédy~, S. 82.

[20] Montjoie liegt in einem von Bergen eingeschlossenen Thale. In dem Städtchen, welches nach dem Aussterben der Dynastie gleichen Namens an das Herzogtum Jülich und dann an die Kurpfalz fiel, haben die Franzosen im 17. Jahrhundert arg gehaust. Das hoch gelegene, jetzt verwetterte Schloß ist noch ein beredtes Zeugnis ihrer Zerstörungswut. Montjoie erfreut sich erst seit 1885 der Bahnverbindung mit Aachen und wird von Fremden, besonders auch von Engländern, viel besucht.

[21] Vgl. darüber: ~Dr.~ H. Pauly, Beiträge zur Geschichte der Stadt Montjoie. 1852 ff.

[22] So berichtet der „~Guide pratique aux eaux de Spa~“. ~14ᵉ édition.~ Spa, Bruch-Maréchal. S. 151.

[23] Der Landesgeologe H. Grebe in Trier berichtete 1896 darüber: „Schon im vorigen Frühjahr bei Rückkehr von einer geologischen Studienreise aus Belgien wurde mir in Burtonville, nahe der preußischen Grenze, Kunde von den Goldfunden bei Recht im Kreise Malmedy; ich habe sie nicht beachtet, weil ich oftmals in meiner bergmännischen und geologischen Praxis von solchen sprechen hörte, auch von Goldborn, Goldkaul u. s. w., und das Mineral, das mir gezeigt wurde, war Schwefelkies, wie er auch in den ältern Gebirgsschichten der Malmedyer Gegend häufig vorkommt. Bei den geologischen Aufnahme-Arbeiten dort im vorigen Sommer hörte ich wiederholt, daß man bei Recht Versuche mache, Gold zu waschen. Ich habe auch eine Probe davon erhalten und dann persönlich dem Goldwaschen beigewohnt und zwar an der Rechter Mühle, dicht an der belgischen Grenze. Das Gold kommt daselbst in Ablagerungen von Schutt, bestehend aus Quarzgeröllen, Sand und Lehm vor. Diese Materialien sind durch Verwitterung des conglomeratischen Muttergesteins (grobe Conglomerate und Arkosen der ältern Eifeler Sedimentschichten) entstanden, in der Nähe der Schuttablagerungen auftretend. Das Waschverfahren ist ein ganz einfaches: man schaufelt das Material in eine geneigt liegende hölzerne Rinne, an deren unterm Ende ein Blechsieb angebracht ist und über die man aus dem nahen Bache Wasser unter stetigem Umrühren laufen läßt. Dabei gelangen die schlammigen Massen durch das Sieb in eine tiefere, ebenfalls schwach geneigt liegende Rinne. Die auf dem Sieb zurückgebliebenen Gesteinsbrocken werden zur Seite aufgehäuft; alsdann läßt man einen Wasserstrahl über die den Schlamm enthaltende zweite Rinne laufen, auf deren Boden sich das specifisch schwere Gold ablagert. Aber es waren davon nur einzelne kleine, kaum sichtbare Flitterchen, Blättchen und Körnchen vorhanden, einzelne wenige erreichten freilich die Dicke eines Stecknadelkopfes, die mittels Messers hervorgeholt wurden. Ein Korn Gold, angeblich bei andern Versuchen gefunden, das mir gezeigt wurde, hatte fast die Größe einer Erbse. Jedenfalls ist dieses Goldvorkommen in wissenschaftlicher Hinsicht ein recht interessantes. Wie bereits bemerkt, gehört das Muttergestein zu den ältern Gebirgsschichten der Eifel (unterstes Unterdevon, Gedinnien der Franzosen) und erstreckt sich mit den darauf lagernden phyllitischen Schichten von Viel-Salm über die belgisch-preußische Grenze, die Rechter Mühle, die großen Steinbrüche von Recht nach Montenau hin. Im Altertum, wohl zur Römerzeit, muß in dieser Gegend ein bedeutender Bergbau stattgefunden haben, denn man findet nicht nur in der Umgebung der Rechter Mühle, sondern auch etwa 8 ~km.~ nordöstlich von da, besonders zwischen Born und der Station Montenau eine fast unzählige Menge von kleinen Hügeln, die Halden von Goldseifen sein werden. Der erste Finder des Rechter Goldes, Bergverwalter Jung aus Bliesenbach, hat dasselbe auch bei Montenau nachgewiesen und hat in dem ganzen Gelände, in dem die kleinen Hügel vorkommen, Mutungen auf Gold bei der Bergbehörde eingelegt. In der Nähe der vielen Hügel in der Umgebung der Rechter Mühle sah ich viele schachtförmige Vertiefungen (alte Pingen) mit hohem Baumwuchs bestanden, die sicherlich von früherm Bergbau herstammen. Herr Jung hat die Gegend schon in den 70er Jahren durchsucht und vermutet, daß die vielen Hügel Halden von Seifen seien. v. Dechen, mit dem Jung damals in Briefwechsel trat, war anderer Ansicht, indem er ihm unter dem 27. Januar 1876 schrieb: „Die kleinen Hügel von Montenau habe ich hier und westlich von Recht an der belgischen Grenze gesehen. Es sind wohl keine Halden. Mit Halden von Goldwäschen, die ich bei Goldberg, Löwenberg, Bunzlau in Schlesien gesehen, haben dieselben keine Aehnlichkeit. Ebensowenig weist der Bestand derselben auf irgend ein sonst bekanntes Goldvorkommen hin. Ich habe sie für alte Grabhügel gehalten, obgleich bei einigen, die aufgeworfen worden sind, nichts gefunden worden ist.“ Derselben Ansicht, daß sie alte Grabhügel seien, war früher auch der Altertumsforscher ~Dr.~ Esser in Malmedy, er hält sie aber jetzt für Halden von Erzseifen, wie er mir unlängst mitteilte. Dafür spricht ihre geringe Ausdehnung -- sie sind kaum 1 ~m~ hoch -- und namentlich der Umstand, daß sie nur in Thalgründen unmittelbar an Bächen (Amelsbach, Emmelsbach, Rechter Bach u. s. w.) vorkommen. Es mögen im Altertum hier viele Arbeiter beschäftigt und eine größere Gewinnung von Metall im Gange gewesen sein. Nun, die Römer verfügten sicherlich über ganz billige Arbeitskräfte und es stand damals das Gold in weit höherm Werte als heute. Ob gegenwärtig noch eine Rentabilität zu erzielen ist, werden die weiteren Versuchsarbeiten ergeben.“

[24] Die Ortschaft wird seit 888 in Urkunden genannt: ~Nova villa~, ~la neuve ville~, auf wallonisch: ~li nouve veie~, dann: ~Lignonville~, im 11. Jahrhundert: ~Langeneuville~.

VI.

Die Bewohner von Malmedy und die Sprachen-Verhältnisse in der Wallonie.

Die +Namen+ der Bewohner von Malmedy sind meistens französisch, aber infolge des Zuzuges aus Altdeutschland nimmt die Zahl der Deutschen fortwährend zu. Die +Mischehen+, d. h. die Heiraten zwischen Einheimischen und Altdeutschen sind übrigens gar nicht so selten, wie z. B. von französischer Seite behauptet wird. ~Auguste Descamps~, auf den ich noch zu sprechen komme, behauptet, die Malmedyer heirateten nur Walloninnen aus Stavelot u. s. w. Das ist natürlich übertrieben. Es mag ja Leute geben, die von Altdeutschen nichts wissen wollen, aber Mischehen kommen sogar in solchen Gegenden häufig vor, wo die nationalen Gegensätze viel stärker sind, als hier. Auf dem Bürgermeisteramt von Malmedy habe ich sogar erfahren, daß etwa ein Viertel der dortigen Heiraten zwischen Einheimischen und Auswärtigen (Deutschen) geschlossen werden.

Die +Straßen+ tragen zum Teil nur französische, zum Teil deutsche und französische Namen, die manchmal recht sonderbar sind, z. B. ~Rue chemin-rue~, ~Rue Derrière la Vaulx~ u. s. w. Neuerdings ist angeordnet worden, daß die Straßen deutsche Namen erhalten müssen, der Gemeinderat hat dieses jedoch nur insoweit genehmigt, als die Namen leicht übersetzbar sind. Von den +Geschäftsschildern+ sind viele deutsch. In den meisten Läden werden beide Sprachen gesprochen: die einheimischen Geschäftsleute müssen der Beamten und anderen Eingewanderten wegen deutsch sprechen lernen, und die altdeutschen Geschäftsleute lernen meistens so viel Französisch, daß sie sich auch mit solchen Kunden behelfen können, die das Deutsche nicht beherrschen. Es ist deshalb ganz irrig, wenn Heinrich Freimuth schreibt: „Wer ~Brasserie~ und ~Poudre à tirer~ nicht versteht, der geht dort kein Bier und hier kein Schießpulver suchen.“ Sogar Aerzte, die aus Stavelot herüberkommen, bemerken in ihren Anzeigen, daß sie auch deutsch sprechen.

Einen französischen „Führer“ durch Malmedy gibt es bis jetzt nicht. Ein ziemlich gutes Büchlein ist „Malmedy und das Thal der Warche“ von Hermann Rehm. Der landschaftliche Teil ist ausführlich darin behandelt, aber der geschichtliche und ethnographische Teil weist manche Lücke auf. Manche von den interessantesten Fragen werden nicht einmal darin berührt. Übrigens wird Malmedy auch in den Eifelführern behandelt, von denen der beste vom Eifelverein herausgegeben ist. Den Bemühungen dieses Vereins ist es zu danken, daß mit jedem Jahre mehr Touristen ihre Schritte nach dieser Gegend lenken.

Das +Wallonische+, welches in Malmedy und Umgegend gesprochen wird, unterscheidet sich von demjenigen in Belgien einerseits durch eine etwas veränderte Betonung und andererseits durch die Aufnahme germanischer Sprachelemente. Schön klingt es keineswegs, und es ist für einen Kenner des Französischen zum großen Teil unverständlich. In dem Gedichte „Die Wallonen“ spottet Alexander Kaufmann über das Wallonische, indem er St. Jürgen vor der Himmelsthüre sagen läßt:

„Als auf Erden ich einst Linddrachen erlegt und Gewürme, Lernt’ ich auch Sprachen dabei -- nur eine, Gewalt’ger, verzeiht mir, Wollte mir nicht in den Kopf, so verzweifelt konfus ist der Mischmasch. Drunten in Hainault redet man sie, auch schwätzt in Namur man, Wenn ich nicht irre, das Zeug und in Limburg, wo man den Käse, Wißt Ihr, den trefflichen, macht, und die Leute benennen’s Wallonisch. Dreißig Jahr studirt’ ich daran, doch immer vergebens, Ob ich das Englische gleich in vierzehn Tagen erlernt.“

So schwer dürfte das Wallonische wohl doch nicht zu erlernen sein, aber wenn es auch für einen Philologen interessant sein mag, so dürfte kaum jemand es aus litterarischem Interesse lernen wollen. Es zählt zu den nordfranzösischen Patois und entstand im 5. und 6. Jahrhundert. Die mittelalterlichen Schriftsteller nannten das Wallonische (abgeleitet von ~wael~, ~gallus~, ~gaulois~) ~romana lingua~ (~la langue romance~ oder ~le gaulois~). Das älteste bekannte Schriftstück in wallonischer Sprache ist aus dem Jahre 1450. Der Bischof Notker von Lüttich dürfte wohl einer der Ersten gewesen sein, der neben der deutschen auch die wallonische und französische Sprache redete. Das Wallonische überhaupt ist mit den nordfranzösischen Dialekten verwandt. Es zerfällt hier wie in den belgischen Ardennen in mannichfache, mehr oder weniger abweichende Untermundarten. Die sehr urwüchsigen ältesten wallonischen Sprachdenkmäler enthalten noch einen Rest von dunkeln, anderweit unbekannten Ausdrücken, wie auch das Neuwallonische noch manches Altertümliche in der Flexion u. s. w. aufweist.[25] Die Malmedyer Mundart insbesondere bearbeitete der bereits erwähnte Rechtsgelehrte Villers in seinem „~Dictionnaire wallon~“, von dem bis jetzt jedoch nur Auszüge veröffentlicht sind.

Die Sprache des Volkes ist also das Wallonische. Die Bewohner lernen aber ebenso rasch das Französische, wie z. B. der Holländer das Deutsche. In der wohlhabenderen Gesellschaft wird denn auch noch vielfach französisch gesprochen, wenn auch nicht immer in reiner Form. Die Einheimischen lernen auch deutsch, aber das Französische geben sie deswegen nicht auf.

Auguste Descamps hat in Malmedy einige sonderbare Redensarten der Wallonen aufgezeichnet. Diese nennen z. B. den Schlaftrunk (das letzte Gläschen vor dem Schlafengehen) ~bonnet de nuit~, ein kleines Brötchen ~pistolet~ u. s. w. Sie fragen nicht ~Comment allez-vous~, sondern ~comment va-t-il~?

In Malmedy erscheinen zwei +Zeitungen+ ausschließlich in französischer Sprache. Die älteste ist die seit 50 Jahren bestehende Wochenzeitung: „~La Semaine. Journal de la Ville et du Cercle de Malmédy~“, die von dem Buchhändler ~H. Scius-Stouse~ redigirt, gedruckt und verlegt wird. Neben ihr erscheint seit 16 Jahren das „~Organe de Malmédy. Feuille d’annonces et revue hebdomadaire du Cercle de Malmédy~“, im Verlage von ~F. J. Lemoine~. Es ist nicht immer ein klassisches Französisch, das in diesen Zeitungen geschrieben wird, aber es genügt den Malmedyern zur Verständigung.[26] Die „~Semaine~“ wurde von dem jetzigen Herausgeber gegründet, der also in diesem Jahre sagen kann, er habe ein halbes Jahrhundert hindurch seine Zeitung allein geleitet. Das Blatt war zur Verteidigung der religiösen und monarchischen Grundsätze in stürmischer Zeit gegründet worden, und es ist seiner Devise „~Nous maintiendrons~“ treu geblieben. Beide Zeitungen nehmen den größten Teil ihres Stoffes aus französischen und belgischen Blättern, sowie aus der „~Gazette de Lorraine~“, dem bekannten offiziösen Organ in Metz. Hier und da findet man eine eigene Bemerkung des Redakteurs beigefügt, so unter Frankreich: „~Charmante et pudique république!~“ Ein besonderes Interesse bieten die lokalgeschichtlichen Artikel der „~Semaine~“, die von dem Geschichtsforscher ~Arsène de Noüe~ herrühren. Die Anzeigen sind teils französisch, teils deutsch. Eine eigenartige Bezeichnung hat man in Malmedy für den Gemeinderat, den man nicht ~conseil municipal~, sondern ~conseil de ville~ (wörtliche Übersetzung von Stadtrat) nennt. So wie jetzt die Verhältnisse in Malmedy liegen, wäre es jedenfalls am empfehlenswertesten, eine Zeitung in deutscher und französischer Sprache erscheinen zu lassen, wie es deren noch jetzt im Elsaß giebt. Dadurch würde den Einheimischen Gelegenheit geboten werden, deutsch zu lernen, und es würde überhaupt eine Verständigung in Ortsangelegenheiten zwischen ihnen und den Einheimischen leichter erzielt werden können, als jetzt, wo nur französische Artikel erscheinen. Das amtliche Kreisblatt für Malmedy wird übrigens in St. Vith ausschließlich in deutscher Sprache ausgegeben. Aus der ehemaligen Schwesterstadt kommt „~L’Annonce~“, ein für Stavelot und Vielsalm bestimmtes Blättchen. Daneben werden noch andere belgische und westdeutsche Zeitungen gehalten.

Litterarisch wird die wallonische Mundart in Malmedy wenig verwertet. Die „~Semaine~“ bringt jede Woche einen „~Armonac do l’Saméne~“ und hie und da auch ein Gedicht in derselben. Außerdem giebt sie für die Abonnenten als Prämie jedes Jahr einen Kalender: „~Armonac wallon~“ mit Gedichten, geschichtlichen Notizen u. s. w. heraus.[27]

Die +Vereine+ in Malmedy scheinen ziemlich rege Beziehungen mit den Wallonen jenseits der Grenze zu unterhalten. Es giebt mehrere Musikvereine: das „~Echo de la Warche~“ (seit 1846), die „~Union Wallonne~“ (seit 1847), „~La Malmédienne~“, „~La Fraternité~“. Ferner giebt es einen Kriegerverein, der die vaterländischen Festtage feiert, wobei die einheimischen Vereine mitwirken. Es besteht auch eine „~Société Littéraire~“, eine „~Société de Tir~“ u. s. w. Schon die französischen Namen deuten an, daß in diesen Vereinen meistens wallonisch oder französisch gesprochen wird.

Die +Amtssprache+ ist jetzt in der preußischen Wallonie durchweg die deutsche. Bis in den siebziger Jahren herrschte allerdings das Französische vor, sowohl in der Gemeindeverwaltung, als auf dem Gerichte und im Progymnasium in Malmedy. In letzterem war sogar ein bekannter französischer Schriftsteller, ~de Molinari~, Mitarbeiter der „~Revue des Deux-Mondes~“, zwei Jahre Lehrer bei Beginn seiner Laufbahn.

Jetzt gilt das Deutsche überall als Amts- und Lehrsprache, obschon es aus praktischen Zwecken noch oft dem Wallonischen oder Französischen Platz machen muß. In den +Gemeinderatssitzungen+ in Malmedy und den wallonischen Gemeinden werden die zu verhandelnden Gegenstände in deutscher Sprache vorgetragen. Wünscht dann ein Mitglied eine Aufklärung in französischer Sprache, so wird ihm diese erteilt. Besonders unter den älteren Herren giebt es solche, die das Deutsche nicht zur Genüge verstehen und denen amtliche Verfügungen in französischer Sprache erklärt werden müssen. Andere Mitglieder aber sind der deutschen Sprache nicht so mächtig, daß sie ihre Ansichten in ihr gut vortragen könnten, und um dann Mißverständnisse zu vermeiden oder sich nicht lächerlich zu machen -- besonders da die Sitzungen öffentlich sind und die Presse gern Kritik übt -- sprechen sie wallonisch oder französisch. Alle Protokolle werden aber in deutscher Sprache abgefaßt.

Noch bis in die sechziger Jahre hinein waren die Malmedyer selten, welche einen halbwegs richtigen deutschen Brief schreiben konnten. Jetzt ist das ganz anders. Übrigens hätte eine an sich so wenig deutsche, hart an Belgien grenzende Stadt in bezug auf Schulen mehr Aufmerksamkeit verdient, als sie Malmedy thatsächlich zu teil geworden ist. Sie besitzt erst seit 1869 ein Progymnasium. Angesehene Familien lassen ihre Töchter in belgischen Klosterschulen erziehen.

Der ~Schulunterricht~ wird gegenwärtig in deutscher Sprache erteilt, und das trägt neben dem Militärdienst viel zu ihrer Verbreitung bei.[28] Den Volksschullehrern wie auch den ~Geistlichen~ erwächst durch die Mehrsprachigkeit des Bezirks eine keineswegs leichte Aufgabe. Die Lehrer und Lehrerinnen sind bis auf zwei oder drei Ausnahmen Altdeutsche, beherrschen aber meistens das Französische bezw. Wallonische. Die sämmtlichen Schulbücher sind deutsch und werden nicht, wie Descamps behauptet, aus Belgien, sondern aus dem Inlande bezogen. Der Religionsunterricht findet an den Schulen in deutscher Sprache statt; nur von den beiden jüngsten Jahrgängen erhalten die wallonischen Kinder den Religionsunterricht in französischer Sprache, während die Kinder deutscher Familien in deutscher Sprache unterrichtet werden. Der teilweise außerhalb der Schulen erteilte Vorbereitungsunterricht zur ersten hl. Kommunion findet ebenfalls in deutscher und in französischer Sprache statt. Diese Einrichtungen sind einfach deshalb getroffen, damit die Kinder auch verstehen, was sie lernen sollen. In den Kirchen in Malmedy wird gewöhnlich jeden Sonntag zweimal deutsch und zwei- bis dreimal französisch gepredigt.

Wir finden hier dieselbe Erscheinung wie in anderen Gegenden, wo eine nationale Veränderung vor sich geht. Die Geistlichkeit läßt sich, soweit ich in Erfahrung gebracht habe, keineswegs durch deutschfeindliche Gesinnung leiten; sie sucht sich nur den Pfarrkindern verständlich zu machen, mag dies in deutscher oder französischer Sprache sein.