Malmedy und die preußische Wallonie
Part 4
Ueber die Zusammensetzung und die Heilkraft des Wassers findet man ausführliche Mitteilungen in dem Werkchen: „Die eisenhaltigen Sauerwässer von Malmedy. Eine monographische Skizze von ~Dr.~ B. M. Lersch, Bade-Inspektor in Aachen. 2. Auflage. Malmedy 1881, Verlag von H. Bragard-Pietkin.“ Ich will aus dieser Schrift nur folgende Bemerkungen wiedergeben. Herr ~Dr.~ Lersch schreibt: „Das Wasser von Malmedy hat jedenfalls gewisse Eigentümlichkeiten, die man auf dem großen Mineralquellengebiete nicht leicht wieder finden dürfte, nämlich bei einer großen Einfachheit der Zusammensetzung und bei einem erheblichen Gehalte von Kohlensäure, von kohlensaurem Kalk und kohlensaurem Eisenoxydul die Abwesenheit anderer Stoffe, welche die Wirkung jener leicht beeinflussen könnten ...“ „In bezug auf Reichtum an Eisenkarbonat kann sich das Wasser der Inselquelle fast mit allen gebräuchlichen Eisensäuerlingen messen. Viele derselben, z. B. Neuenahr und Bormio, läßt es hinter sich. Es steht in genannter Hinsicht mit dem Paulinenbrunnen von Langenschwalbach fast ganz gleich, mit dem ~Pouhon~ von Spa auf gleicher Stufe. Ein Wasser, welches so reich an Eisen, Kalk und Kohlensäure ist wie die Inselquelle von Malmedy, hat gewiß ein wohlbegründetes Anrecht, in den Heilschatz einzutreten. Wie zu Spa solche, die ein schwächeres Eisenwasser wünschen, es in Barisart oder in Geronstère finden, so ist auch Malmedy mit einer schwächeren Quelle als die Inselquelle versehen; es ist dies die Géromontquelle.“ Ueber den inneren Gebrauch des Wassers sei bemerkt, daß bei allen Kranken, welchen Eisen verschrieben wird, sowie bei sehr vielen Frauenkrankheiten seitens vieler Aerzte mit dem Malmedyer Mineralwasser die besten Erfolge erzielt worden sind.
[18] Die Quellen von Aachen, Burtscheid, Spa, Malmedy und Heilstein. Aachen 1829.
V.
Die Umgegend von Malmedy.
Außer der Stadt Malmedy gehören zur preußischen Wallonie die Bürgermeistereien Bévercé, Bellevaux, Weismes und von der Bürgermeisterei Bütgenbach die Gemeinden Faymonville und Sourbrodt. Der übrige Teil des Kreises ist deutsch, und dort verstehen die Bewohner meistens weder wallonisch noch französisch. Betrachten wir die Karte des Kreises, so finden wir in der Umgegend von Malmedy folgende Ortschaften mit französischen Namen (außer den eben erwähnten): ~Pont~ (Brücken), ~Ligneuville~ (Engelsdorf), ~Xhoffraix~, ~Robertville~, ~Arimont~, ~Géromont~, ~Falize~, ~Baumont~, ~Chôdes~, ~Mont~, ~Longfaye~, ~Bruyère~, ~Eremitage~, ~Ondenval~, ~Ovifat~, ~Hedomont~, ~Burnenville~, ~Bernister~, ~Meiz~, ~Boussire~, ~G’doumont~ u. a. Diese Dörfer und Weiler der Wallonie zählen 5975 Seelen, von denen etwa 200 nicht geborene Wallonen sein mögen. Es wird also im ganzen Kreise etwa 8800 Wallonen geben (nach anderer Angabe bis 10000).[19]
In landschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht gehört das Gebiet von Malmedy und Umgebung zur Eifel. Die Belgier und Franzosen zählen es allerdings zu den Ardennen. Das Gebiet der Eifel läßt sich überhaupt nicht genau abgrenzen. So wollen z. B. die Eupener keine Eifler sein, obwohl sie Sachkundige, wie Dronke, der Vorsitzende des Eifelvereins, zu denselben rechnen. Das ist die alte Geschichte, über welche sich schon Karl Simrock lustig gemacht hat: niemand wolle in der Eifel wohnen, die erst drei Stunden weiter hinten anfange.
Der Teil der Eifel, welcher das Hohe Venn heißt und in den Kreisen Malmedy und Montjoie liegt, besteht aus weit ausgedehnten Hochmooren mit spärlichem Pflanzenwuchs. Häufige Stürme und furchtbares Schneewehen, sowie die zahlreichen, nur von dünner Moosdecke überzogenen Löcher können dem verirrten Wanderer und dem wenigen weidenden Vieh verhängnisvoll werden. Hier ist das Klima auf den öden, steinichten Höhen so unwirtlich, daß es an die rauhen Landschaften in den Gesängen Ossians erinnert. In Montjoie und Malmedy ist der Reinertrag für den Hektar 3,90-5,10 Mk., während er z. B. im Kreise Jülich 59,40 Mk. beträgt. Der Großgrundbesitz im Kreise Malmedy ist ohne Bedeutung. Die Ackerflächen nehmen nur 26,6 Prozent, die Weiden 37,5 Prozent und die Wiesen 8 Prozent der Gesamtfläche ein.
Ich will im Nachfolgenden einige Spaziergänge und Ausflüge in der Umgegend von Malmedy beschreiben, obschon das vorliegende Werkchen kein eigentlicher Führer sein soll. Mit Hülfe einer Karte wird man sich sehr leicht zurechtfinden.
~A.~ Das Thal mit der Inselquelle.
Westlich von der Stadt entfaltet sich ein weites reizendes Wiesenthal, welches rechts von steilen, mit Eichenlaub bekleideten Anhöhen, links mit flach abgedachten, teils mit Nadelholz, teils mit Ackerland bedeckten Bergen umgeben ist. Eine schöne Chaussee durchschneidet dies nach der Warche benannte Thal in grader Richtung, von welcher unmittelbar vor der Stadt ein nach der Inselquelle führender Weg rechts abgeht. Der ~Pouhon des Iles~, auf deutsch die Inselquelle, ist die wichtigste der Malmedyer Quellen. Man findet sie 5 Minuten westlich von der Stadt. Vor mehr als 60 Jahren ist sie mit einer Steinfassung umgeben worden, wodurch sie aber nur teilweise vor dem Eindringen des wilden Wassers und vor Verunreinigung geschützt war. Erst im Jahre 1870, nachdem die Untersuchung des Wassers ihre Ebenbürtigkeit mit den Quellen von Spa festgestellt hatte, erhielt die Quelle eine würdige Fassung. Auf den Rat des Aachener Bade-Inspektors ~Dr.~ B. M. Lersch wurde ein 15 Meter tiefes Bohrloch angelegt, und aus dieser Tiefe erhebt sich jetzt das Wasser stoßweise in zwei eisernen Röhren. Ueber der Quelle ist ein neues, einfaches Brunnenhaus errichtet.
Ganz in der Nähe fließt auch ein reines Wässerchen, die Quirinusquelle, die früher für alaunhaltig und heilsam galt. Hinter dem Brunnenhause gelangt man in den Wald, der die Anhöhe bedeckt. Verfolgt man den steilaufwärts sich erhebenden Fußpfad, so gelangt man nach wenigen Minuten in einen schattigen, mitten auf dem Bergrücken verlaufenden Waldweg, von dem aus man eine herrliche Aussicht über das ganze Thal genießt. In einer halben Stunde erreicht man wieder die Chaussee, auf welcher man zur Stadt zurückkehrt. Es ist dies die Straße, welche von Stavelot nach Malmedy führt, an welcher sich auch das Zollamt befindet. Sie wird viel von belgischen Touristen, besonders Radlern und Radlerinnen, benutzt.
Eine andere sehr beliebte Promenade in diesem Thale führt nach dem Felsen, der sich hinter dem Dorfe ~Falize~ erhebt, von dessen Gipfel aus man den Lauf der Warche durch das Thal weithin verfolgen kann. Das Besteigen des Grauwackekolosses ist allerdings nicht ganz mühelos.
~B.~ Das Thal von ~Mon-bijou~ mit der Géromontquelle.
Die Chaussee, welche sich südöstlich von Malmedy zum Dorfe Géromont, von da über Weismes und dann nach Aachen hinzieht, führt zunächst durch das Thal ~Mon-bijou~. Dieses verdankt seinen Namen einem Privat-Parke, dessen Eingang man in etwa 10 Minuten von Malmedy aus erreicht. Das einige hundert Schritt weiter gelegene Wirtshaus „Zur schönen Aussicht“ wird von den Einwohnern des Städtchens zum Ruhepunkt oder auch wegen der daselbst stattfindenden Tanzbelustigungen besucht. Der Name des Hauses ist deshalb gewählt, weil man eine herrliche Aussicht von da aus über Feld und Wiese, über den Park und die Landhäuser des Thales genießt. Nahe beim Wirtshaus befindet sich links vom Wege in einer Wiese am Abhange des Felsens, etwa 390 Meter über dem Meere, die Quelle Géromont. Im vorigen Jahrhundert entfloß sie unter einer offenen Steinnische als eine schwache Quelle dem Felsboden. Erst wenige Jahre vor der Untersuchung, welcher Monheim sie gegen das Jahr 1823 unterzog, wurde sie gehörig gefaßt, verlor aber bald wieder durch das Eindringen von Süßwasser viel von ihrer Stärke, und es erforderte gegen das Jahr 1827 lange und kostspielige Arbeiten, um sie wieder in Stand zu setzen. Ein damals errichtetes Brunnenhaus mit der sinnigen Aufschrift: „~In otio sine cura bibe et spem fove salutis~“ (Sorglos trink in Muße und habe Hoffnung auf Rettung) hat seinen Zweck nur kurze Zeit hindurch erfüllt und ist schon vor vielen Jahren abgebrochen worden. Ein steinerner Behälter, welcher die Quelle umgiebt und überdeckt, ist leider noch der einzige Schutz, der ihr und den sie Aufsuchenden gewährt ist. Vielleicht wird auch hier ein praktisches Brunnenhaus errichtet werden.
Ehe man zu dem erwähnten Wirtshaus gelangt, kann man die Straße den Berg hinauf verfolgen, wo ein Spaziergang durch den Wald sehr erquickend ist.
~C.~ Das Thal von Bévercé mit den Felsenquellen.
Die Landstraße, welche in nördlicher Richtung von Malmedy nach Eupen führt, durchzieht das hübsche, von der Warche durchflossene, mit Landhäusern und Mühlen besetzte Thal. In einer halben Stunde erreicht man von der Stadt aus unter vielfacher Abwechslung der Landschaft das Dorf Bévercé, welches dem Thal seinen Namen gegeben hat. Monheim spendete den Naturschönheiten desselben das größte Lob. „Dieses Thal,“ sagt er, „das in bezaubernder Schönheit bald mehr, bald weniger sich verengt, macht durch seine höchst romantische Lage und die so einladenden Querthäler auf den Zuschauer einen Eindruck, der sich nur fühlen, nicht beschreiben läßt; auch stimmen alle Fremden, denen der Genuß dieses so herrlichen Anblicks zu teil ward, darin überein, daß die einfachen Naturschönheiten des Bévercéer Thales allein schon Spa mit allen seinen künstlichen Anlagen aufwiegen.“
In der Nähe des Thales entspringt die Felsenquelle. Die Schilderung, welche uns Monheim von der Lage der Quelle gibt, stimmt heute jedoch insofern nicht mehr, als seitens des „Verschönerungsvereins“ der Zugang zur Quelle dadurch bedeutend erleichtert worden ist, daß jetzt ein bequemer Weg bis dahin führt.
„Eines Waldes Dickicht“, schrieb 1829 ~Dr.~ Monheim weiter, „Gesträuch und Felsen, unwegsame, unsichere Pfade nehmen den von Staunen ergriffenen Wanderer auf, und jeder Schritt über Steine und Baumwurzeln muß nun schon sorgsam erwogen werden. Hart daneben inzwischen tobt von Felsen zu Felsen herabstürzend der hoch vom Gebirge fallende Bach. Endlich gelangt man, nicht ohne Schwierigkeiten, zu den Ufern eines rauschenden Waldbaches, der durch verschiedene Krümmungen zu einer einsamen, mit Strauchwerk bewachsenen, tiefen Felsenschlucht führt. Hier nun, durch das sich immer mehr verengende Thal behutsam fürderschreitend, wird plötzlich der Blick durch eine seltsam gruppierte Felsenmasse gefesselt, von welcher der Waldbach viele Fuß hoch mit Brausen herabstürzt und aus deren flacherem Abhange dicht nebeneinander drei Mineralquellen entspringen, denen man der Vertiefungen wegen, die sie sich im Felsen ausgewühlt haben und weil eine derselben die Form eines kleinen Bottichs (~cuve~) hat, den Namen „~Pouhons des cuves~“ beigelegt hat. Hier nun entkeimen den schöpferischen Felsenritzen Milliarden von Gasbläschen unter stillem Geräusche, während nebenan, aus gemeinschaftlichem Felsen, auch gewöhnliches Wasser mit tobendem Ungestüm sich hervordrängt. Diese höchst imposante Szenerie in des Waldes dunkelstem Grunde, beim Anblick von drohenden Felsen und Trümmern der Vorzeit, ergreift mächtig den stillen Forscher der Natur um so mehr, wenn plötzlich von heftigem Gewitterregen hier überfallen und dadurch vom Rückwege abgeschnitten, er bis nach Ablauf der Gewässer in der nahe gelegenen Felsenhöhle sein Heil suchen muß, und er von hier aus das furchtbar schöne Schauspiel genießt, wie plötzlich aus dem Flußbette das Wasser in reißenden Strömen sich erhebt, dann unter schrecklichem Brausen unaufhaltsam aufwärts steigt und nun alle Mineralquellen mit einem Male gänzlich überzieht und gleichsam vergräbt.“
Bevor die Warche das Thal von Bévercé erreicht, durchläuft sie eine enge und tiefe Gebirgsschlucht, in welcher sich ⁷⁄₄ Stunden von der Stadt entfernt die interessante +Ruine Reinhardstein+ befindet. Um sie zu erreichen, schlägt man den Weg ein, welcher östlich von der Stadt nach Chôdes und weiter über einem ausgedehnten Plateau nach Ovifat führt. Die höchst pittoreske Lage der Ruine lohnt den Wanderer für seine Mühen. Man kann auch von Weismes aus über Bruyères nach Robertville gehen und von dort die Ruinen zu erreichen suchen. Ueber die Geschichte der Burg teilt Hermann Rehm Folgendes mit:
Graf Reichard von Weismes, Erbmeier dieser Grafschaft, hatte einen Sohn Reinhard, welcher die Burg zu Weismes, deren Spuren heute noch nicht ganz entschwunden sind, verließ und sich im Warchethal in einer tiefen Schlucht eine eigene Feste erbaute, welche er Reinhardstein nannte. Er starb im Jahre 1354, und Graf Winquin oder Winguin, sein Sohn, wurde 1358 von dem Abte zu Stavelot mit Reinhardstein belehnt. Auch Winguins Bruder Johann war um das Jahr 1388 Lehnsträger der Burg. Nach des letzterem Tode kam diese als Erbe auf seine Tochter Maria, welche später Johann von Zevel oder Zievel heiratete. Diesem übertrug im Jahre 1430 der damalige prunkliebende Abt von Stavelot-Malmedy, Johannes von Goeussain, die Herrschaft Reinhardstein zum Lehen. Durch Erbfolge ging die Burg in den Besitz der Familie von Metternich über, die sie jedoch in den Wirren der französischen Revolution einbüßte. Es trat nun ein häufiger Wechsel im Besitze der Burg ein, welcher zur Folge hatte, daß dieselbe zum größten Teil abgebrochen wurde. Heute sind die Herren ~Dr.~ Nouprez und Fabrikant Lefèvre in Malmedy Eigentümer der Ruine.
~D.~ Weitere Ausflüge.
Tüchtige Fußwanderer, die das Hohe Venn kennen lernen wollen, mögen, wenn sie von Norden (Aachen) kommen, von Eupen nach Malmedy zu Fuß gehen. Man folgt dem Hillbach hinauf bis zur ~Baraque St. Michel~ (auf belgischem Gebiete) über den Gipfel des ~Bodranche~, den höchsten Punkt des Gebirges (694 Meter über dem Meere), das sehr eigenartige Schönheiten aufweist. Beide Berge sind mit Aussichtstürmen versehen und werden in der schönen Jahreszeit häufig besucht. Zu den Füßen rund um den Turm herum breitet sich eine weite, nur mit Haidekraut bewachsene Hochebene aus. Hie und da gewahrt das Auge einen Wachholderstrauch, einen verkrüppelten Baum oder eine durch Nebel und Frost im Wachstum verkommene Waldanlage. Auch Tiere stören diese Einsamkeit nicht. In der ungünstigen Jahreszeit trifft man nur selten einen Wanderer auf diesen unwirtlichen Höhen. Von dort folgt man der Straße durch Xhoffraix und Bévercé nach Malmedy. Es sind zwar nur meistens einförmige Landschaftsbilder, die man auf dem Hohen Venn sieht, aber die mit Haide bedeckten langgestreckten Höhenzüge entbehren in der schönen Jahreszeit doch nicht eines anziehenden Reizes. Bei der Höhe von Bodranche erhebt sich eine Kapelle, die ein Menschenfreund 1827 errichten ließ mit der Anordnung, daß Abends eine Glocke geläutet würde, damit die einsamen Wanderer vor dem Verirren bewahrt blieben. Solche Glockenhäuschen sollen schon vor Jahrhunderten in dem Hohen Venn bestanden haben, das damals viel unwirtlicher war, als heutzutage. Das erwähnte Schutzhaus war vor einem halben Jahrhundert noch gleichsam das St. Bernhard-Hospiz dieser Einöden. Damals, als die heutige Staatsstraße noch nicht bestand, wurde bei abendlichen Nebeln und Schneewehen auch ein Laternenlicht an dem Kapellenturm ausgesteckt. Die vielen alten Kreuze am Wege oder seitwärts erinnern an die Gefahren, denen der bei Nachtzeit verirrte Wanderer oft genug unterlag, wenn er, die trügerische Schneedecke betretend, in einen der tiefen Wassertümpel geriet. In jener Gegend ist der Baumwuchs zurückgetreten, um der niedrigen, gleichwohl interessanten Torfflora Platz zu machen.
Wenigstens dem Namen nach erinnert +Montjoie+ noch an die wallonische Gegend. Es ist eine an der Roer (Rur), einem Nebenflüßchen der Maas, reizend gelegene Kreisstadt (2000 Einwohner), deren Textilindustrie sich wieder aufzuschwingen beginnt.[20] Die Entstehung des Namens Montjoie scheint noch nicht endgiltig aufgeklärt zu sein[21]; jedenfalls haben manche Geographen sich durch diese Form verleiten lassen, die Gegend von Montjoie dem wallonischen Gebiete zuzurechnen. Stadt und Umgegend sind aber deutsch. In der niederfränkischen Volksmundart lautet der Name Monschau und die Bewohner heißen Monschäuer.
Vor einigen Jahren ging in den französischen und belgischen Zeitungen viel die Rede von dem „+großen Lager von Malmedy+“, das absichtlich dicht an der Grenze errichtet werde. Es stellte sich aber bald heraus, daß lediglich ein großer Truppenübungsplatz bei Elsenborn im Kreise Malmedy hergestellt wurde und daß der Platz deshalb gewählt war, weil dort das Land verhältnismäßig billig ist, während es in fruchtbareren Gegenden aus finanziellen Gründen nicht möglich wäre, einen etwa 5 Kilometer langen Schießplatz anzulegen. Die Errichtung dieses Lagers war natürlich Wasser auf die Mühle derjenigen, welche behaupten, bei einem nächsten deutsch-französischen Kriege würden deutsche Heere durch Belgien nach Frankreich dringen. Auffällig ist es übrigens, daß man in Malmedy selbst meistens gar kein Militär sieht, während man im Reichslande in jedem kleinen Neste eine Garnison antrifft.
Der Truppenübungsplatz befindet sich bei dem etwa in der Mitte zwischen Montjoie und Malmedy gelegenen Dörfchen Elsenborn. Er liegt also nahe an der belgischen, luxemburgischen und auch der französischen Grenze. Dieser letztere Umstand ist es, der bei einem Teile der Franzosen die Besorgnis wachzurufen scheint, dies Lager könnte zu einem künftigen Offensivstoße gegen Frankreich bestimmt sein. Der Übungsplatz Elsenborn ist aber nicht mehr offensiver Art gegen Frankreich oder Belgien, als die Übungsplätze Senne, Münster oder wie sie weiter heißen. Es ist wohl selbstverständlich, daß die Militärverwaltung solche Plätze, die tausende von Morgen Landes erfordern, nicht in stark bewohnter Gegend anlegt, sondern dort, wo möglichst gar keine Bewohner sich finden und das Terrain möglichst niedrigen Preis hat. Jedes Armeekorps bedarf eines solchen Platzes, und als für das VIII. Armeekorps eine entsprechende Fläche gesucht wurde, bot sich in seinem Bezirke lediglich diese einzige, weil sich nur dort das benötigte ebene Oedland finden ließ. Für die Militärverwaltung wäre es viel bequemer gewesen, wenn sie z. B. zwischen Köln und Düsseldorf den Platz hätte anlegen können, aber dann hätten ganze Ortschaften ausgerottet, blühende Gefilde verödet werden müssen, und abgesehen von einem solchen Vandalismus und der Schädigung des Volkswohlstandes wären die Kosten unerschwinglich gewesen. Lediglich der Notwendigkeit gehorchend, hat man sich zu der Wahl des Terrains bei Elsenborn entschlossen.
Man erblickt dort einige einfache Häuser, Wohnungen für Offiziere und Verwaltungsbeamte, Baracken für die Mannschaften, Stallbaracken für die Pferde, die notdürftigsten Magazinräume, und daneben ein paar Wirtschaften, die nur im Sommer einige Monate flotten Ausschank haben, sonst still und verlassen dastehen, und auf dem Uebungsplatze selbst hier und da Bauten, welche Windmühlen, Denkmäler, Burgen ⁊c. markieren und lediglich dazu dienen, daß die Offiziere und Mannschaften sich bei den Übungen in bezug auf den Platz orientieren können. Von Mai ab bis zum Beginn der Manöver herrscht auf dem Platze regstes Leben, ein Regiment löst das andere ab, das eine bleibt 14 Tage, das andere vier Wochen, und die Mannschaft freut sich zumeist, wenn die strapaziösen Lagertage, die indessen einer gewissen soldatischen Romantik nicht entbehren, ihr Ende erreicht haben. Zu Beginn des Herbstes hört das Leben im Übungsplatze auf, und wer dann nach Elsenborn kommt, wird gut thun, sich auf dem kalten Hohen Venn recht warme Kleidung mitzubringen und sich auch genügend mit Proviant zu versehen, denn außer vereinzelten Waidmännern, die einem treuherzig einen Schluck Jägerkorn anbieten, wird man kaum Jemand zu sehen bekommen. Das ist die Wahrheit über das „Lager von Malmedy“.
In der Nähe des Dorfes +Sourbrodt+ (nicht weit von dem Truppenübungsplatz Elsenborn) wurden 1889 Arbeiterbaracken und Ziegeleien angelegt, um allmählich ein größeres Torfwerk herzustellen und landwirtschaftliche Kultur damit zu verbinden. Gründer dieser Unternehmungen ist der Oberst z. D. v. Giese in Aachen. Die bedeutenden Torflager, die man 1889 angefangen hat auszubeuten, verschaffen der Bevölkerung jener armen Gegend jedenfalls einigen Erwerb. Man sieht dort auch Wiesen und Baumgruppen, aber an Fruchtbäume darf man bei einer Höhe von durchschnittlich 600 Meter nicht denken. Die Preißelbeeren werden aber in großer Menge dort gezogen. Dem Touristen fallen die hohen Buchen-Schutzhecken auf, welche die Wohngebäude an der Schlagwetterseite umzäumen; auch die Bauart der Häuser verrät den echten Gebirgsstil.
Man kann von Malmedy aus noch andere entferntere Ausflüge machen, die jedoch hier nur kurz angedeutet werden sollen. Nach +Spa+ kann man mit der Bahn in 1½ Stunde gelangen. Der von den Kurgästen dieses berühmten Ortes so viel besuchte, von einer lieblichen Landschaft umgebene +Wasserfall von Coo+, welchen die Amel bildet, ist auf einem ebenso bequemen als schönen Wege in 2½ Stunden zu erreichen. Der Wasserfall wurde von einem der letzten Äbte von Stavelot künstlich angelegt, um das Fischen im Fluß zu erleichtern.[22] Es wurde aber nur ein Teil der Amel abgeleitet, der sich mehr als 20 Meter tief herniederstürzt auf einen Felsen, sodaß der Schaum fast bis zur Brücke spritzt, auf welcher die Touristen sich das Schauspiel ansehen. Der größte Teil der Amel läuft mehr als eine Stunde weit um den Berg herum und vereinigt sich mit dem andern Teile bei dem Dorfe Coo. Man findet dort eine Kapelle, eine Mühle und einige Wirtschaften, die aber trotz ihrer großartigen Aufschriften sehr dürftig sind, sodaß es sich den Touristen empfiehlt, für des Leibes Notdurft zu sorgen, bevor sie dort hingehen.