Malmedy und die preußische Wallonie
Part 3
[11] Die Verfassung enthielt im Wesentlichen die früheren Bestimmungen, deren Text verloren gegangen war. Das Oberhaupt der Herrschaft Stavelot-Malmedy hatte, wie bereits bemerkt, souveräne Gewalt; wie es in der Verfassung hieß, war der Fürst Herr über Leben und Tod; er hatte vollste Gewalt über „Feuer, Wasser, Luft und Erde“. Die Landstände, zu welchen die beiden Priore von Stavelot und Malmedy, die ältesten der Ritterschaft, je zwei Schöffen der Gerichtshöfe, die Bürgermeister der beiden Städte und die Gemeindeabgeordneten gehörten, traten jedes Jahr zur Beratung zusammen. Zu der Ständeversammlung gehörten auch adelige Deutsche, die in dem Fürstentum begütert waren, u. a. der österreichische Graf v. Metternich (die fürstliche Familie v. Metternich hat erst in den vierziger Jahren ihre dortigen Güter veräußert). Dem Abte stand als Fürsten ein Staatsrat von 3, oft auch 5 Mitgliedern bei Seite. Die ~haute-cour~ von Stavelot protestirte allerdings dagegen, indem sie ihre älteren Rechte geltend machte, aber es wurde ihr u. a. geantwortet: „Das Alter habe in der Sache nichts zu sagen, da ja auch die Tiere, die vor dem Menschen erschaffen wurden, dafür doch nicht über ihm ständen.“ An Soldaten mußten Stavelot, Malmedy und Logne je 100 Mann stellen. Die Bürger mußten unentgeltlich und zwar bis zum 65. (!) Jahre dienen, aber von jedem Haushalt durfte nur ein Mann gefordert werden. Vom Militärdienst befreit waren die Geistlichen, die Richter, die Bürgermeister und die Adligen.
[12] Einer wohl wenig glaubwürdigen Nachricht zufolge soll Kardinal von Fürstenberg, der zur Zeit des Einfalls zur Teilnahme am Konklave in Rom weilte, auf der Rückreise über Paris das seinem Lande zugefügte Unheil gerächt haben, indem er nämlich den damaligen französischen Kriegsminister ohrfeigte.
[13] Das Fürstentum war damals begrenzt im Norden von dem Herzogtum Limburg, im Osten und Süden von Luxemburg, im Nordwesten von der Markgrafschaft Franchimont und Condroz. Es bestand aus den ~postelleries~ Stavelot und Malmedy und der Grafschaft Logne mit einer Bevölkerung von 28,000 Einwohnern. Die ~postellerie~ Malmedy bestand aus Malmedy, den Gebieten (~bans~) von Weismes und Francorchamps. Es ist leicht begreiflich, daß, wenn auch noch vereinzelt deutsche Elemente vorhanden waren, diese gegenüber dem überwuchernden Wallonentum nicht zur Geltung kommen konnten. Das sehen wir auch in andern Gegenden, wo das Deutsche mit einer andern Sprache, der Muttersprache der überwiegenden Mehrheit, ringt. Da Malmedy unweit von rein deutschem Sprachgebiet liegt, kamen auch oft Deutsche dorthin. Gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts schrieb Saumery in seinen „~Délices du pays de Liége~“ (~Liége~ 1743, III, S. 195): „Die Stadt Malmendi muß Stavelot vorgezogen werden nicht bloß wegen ihres Umfangs, sondern auch wegen der Schönheit ihrer Lage und des Reichtums ihres Handels. Abgesehen davon, daß sie ein Stapelplatz (~entrepôt~) Lothringens und der von der Mosel und dem Rhein bespülten Länder ist, genügen um sie zu bereichern eine Tuch- und Wollstoff-Fabrik und eine der schönsten Gerbereien Europas, zu welcher das Wasser des Flüßchens Warchenne verwendet wird, das fast alle Straßen der Stadt durchfließt. Stavelot unterhält ebenfalls dieselben Fabriken, aber die von Malmendi sind viel bedeutender, und der beständige Besuch der deutschen Kaufleute führt einen rascheren Absatz herbei und vermehrt den Eifer der Arbeiter.“
[14] Da in Stavelot-Malmedy als Tag seines Todes allgemein, jedoch irrtümlicher Weise, der 15. Dezember 1796 angegeben wird, so möge hier zuerst eine Abschrift der Urkunde aus dem Sterberegister der Pfarre Groß-Steinheim folgen:
1796
~1. Nov. obiit in Hanau Reverendissimus D. Coelestinus Abbas Monasteriorum Stavelot et Malmedi de Thys, princeps Imperii Romani, Comes de Logne, omnibus morientium Sacramentis munitus. Tertia Novembris huc transportatus, sepultus est in choro Ecclesiae huiatis, Annorum 66.~
Ferner besagt ein Auszug aus der Hanauer Chronik: 1. Nov. stirbt zu Hanau der Fürstabt Cölestin Thys aus Malmedy im Alter von 66 Jahren; die Leiche wird am 3. Nov. nach Groß-Steinheim überführt und im Chor der dortigen Kirche beigesetzt. Er war der letzte Fürstabt der reichsunmittelbaren Benediktinerabteien Stavelot-Malmedy, deren Gebiet zur Hälfte zu Belgien gehört, während der andere Teil mit dem Hauptort Malmedy 1815 an Preußen kam. (Erst 1809 wurde durch Napoleon ~d. d.~ Tuilerien 3. März, die katholische Pfarrei in Hanau gegründet; bis dahin versahen, von 1787 ab, die Pfarrer von Groß-Steinheim den Dienst.)
[15] Ueber den Untergang des Fürstentums schreibt Heinrich Freimuth in seinen „Ardennenwanderungen“: „Malmedy hatte auch seine Erklärung der Republik, ein Liliput-Revolutiönchen mit allem Pathos einer Weltkatastrophe nach berüchtigtem Pariser Muster, eine wahre Harlekinade auf untergeschnalltem Kothurn. Das Spiel der als „unverletzlich“ erklärten „Nationalversammlung“ von Malmedy mit dem revolutionären Feuer lief dann aber in einen regelrechten Brand aus, von welchem der altehrwürdige, zwölfhundert Jahre alte Thronsessel der Fürstäbte verzehrt wurde. Im Regierungsarchiv zu Düsseldorf ruhen die Reste des berühmten Toten, der das Fürstentum Stavelot-Malmedy heißt, in Form der einzig aus Brand und Krieg geretteten Archive des letztern, nach langer schicksalsreicher Irrfahrt. Die Mönche hatten sie als traurige Fuhrleute 1794 nach dem westfälischen Olpe geflüchtet, wo ein Jahr darauf mit der Hälfte der Wohnungen auch ein Teil dieser geschichtlichen Schätze verbrannte. Der Rest kam teilweise nach Münster und teilweise nach Hanau, wohin der letzte aus der langen Reihe der Fürstäbte, Abt Cölestin Thys, geflüchtet war. Später waren sie in Aachen Gegenstand langwieriger Verhandlungen zwischen Preußen und Holland, sowie nachher zwischen Preußen und Belgien.“ -- Die Bewohner von Stavelot und Malmedy lebten glücklich in ihrer Abgeschiedenheit, so lange sie nicht durch Stürme von auswärts gestört wurden. Ueber die geistlichen Herrscher urteilt Arséne de Noüe wie folgt: „Es sei fern von uns zu erklären, daß alle Fürsten von Stavelot Muster der Tugend waren; die Geschichte würde uns Lügen strafen; aber wenn wir von den dem Lande aufgezwungenen Titular-Aebten absehen, bemerken wir höchstens drei unwürdige Aebte auf der Liste. Sie waren von der verdorbenen Atmosphäre dieser Zeit umgeben. Uebrigens trägt von den regelrecht gewählten Aebten keiner das Brandmal der Infamie auf der Stirn; ihr einziges Laster bestand in der Freigebigkeit.“
[16] Ueber die sprachlichen Verhältnisse berichtet Arséne de Noüe sehr wenig; die Spuren deutscher Sprache scheint er zu verschweigen, dagegen erwähnt er ausdrücklich, daß in dem Fürstentum dieselbe Sprache gesprochen wurde wie in Lüttich. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts finden wir auch schon Schwestern (Sepulcrines) aus Verviers in Malmedy, woselbst sie besonders den wohlhabenderen Töchtern Unterricht erteilten. In diesem Pensionat war jedenfalls die französische Sprache vorherrschend. Die Schule wurde nach der französischen Revolution wieder aufgerichtet. Auch die Kapuziner, die sich 1617 in Malmedy niederließen, kamen aus Lüttich. Der Gebrauch der französischen Schriftsprache verallgemeinerte sich besonders seit der Revolution, und von 1815 an war das Deutsche Amtssprache. Das älteste wallonische Dokument, das aus dem ehemaligen Fürstentum erhalten ist, ist die Verfassung von 1459, in welcher einzelne Ausdrücke an den Einfluß des Deutschen erinnern.
III.
Die Stadt Malmedy.
Malmedy liegt sehr hübsch in einem Thale, das schon der hl. Bernhard „das lieblichste der Ardennenthäler“ nannte, und hätte schon längst ein Kurort werden können, da es vortreffliche Mineralquellen besitzt. Für die Touristen, die vom Niederrhein kamen, war die Reise dorthin aber zu beschwerlich, und man wagte es wohl auch nicht, mit dem ziemlich nahegelegenen berühmten Spa in Wettbewerb zu treten. Vom Bahnhof her glaubt man bereits in einen Kurort zu kommen, wenn man die freundlichen Villen und Gartenhäuser bemerkt. Im Innern ist die Stadt allerdings gar nicht großstädtisch; sie trägt vielmehr den Charakter eines ruhigen Landstädtchens, und da jede geräuschvolle oder die Bewohner durch Rauch belästigende Industrie fehlt, wird sie von Touristen und Sommerfrischlern gern besucht. Wenn einmal eine größere Anzahl von Kurgästen die Mineralquellen von Malmedy aufsuchen, wird sich die Stadt wohl rascher entwickeln als bisher.
Malmedy liegt unter 50°28′ nördl. Breite, 23°34′54″ östlicher Länge. Es ist eine Kreisstadt im Regierungsbezirk Aachen und zählte am 1. Dezember 1895 4600 Einwohner (Zunahme: 182 seit 1890), davon sind ungefähr 3000 Wallonen. Außer einer Kreisbehörde besitzt es ein Hauptzollamt, ein Amtsgericht, ein Katasteramt, eine Sparkasse, ein Progymnasium, eine höhere Töchterschule, mehrere Spitäler u. s. w. Die Stadt liegt nur 2 geographische Meilen von Spa und 4 Meilen von Eupen entfernt. Ein Bach, die Warchenne, durchläuft in mehreren jetzt zum größten Teile überdeckten Rinnsalen die Stadt, um sogleich nachher sein krystallhelles Wasser in die breitere Warche zu ergießen, welche eine Stunde unterhalb in die Amel mündet. Diese fließt an Stavelot vorbei und bildet später einen Zufluß zur Maas.
Malmedy liegt höher als Spa. Während letzteres am Pouhon etwa um 250 Meter das Meeresniveau überragt, liegt der Fuß der Kirche von Malmedy 332 Meter oder 1023 Fuß hoch. Der hervorragendste Punkt des Hohen Venns liegt noch 1118 Fuß höher; es ist dies der Bodranche (auch Baudrange geschrieben), von wo aus man bei hellem Wetter das Siebengebirge erblicken kann.
Die klimatischen Verhältnisse Malmedys sind nicht wesentlich von denen Spa’s verschieden. Daß ziemlich jähe Temperaturwechsel an beiden Orten stattfinden, ist nicht abzuleugnen. Beiden Städten ist wegen ihres Wasserreichtums auch eine gewisse Feuchtigkeit der Atmosphäre gemeinsam, welche aber für die heißen Sommertage erwünscht ist. Gegen die rauhen Nord- und Nordwestwinde ist Malmedy durch hohe Bergzüge geschützt. Die hohe Lage und die umgebende Waldung gewährt den Bewohnern den Vorteil frischer reiner Gebirgsluft, deren anregende tonisirende Eigenschaften Jeder, der dort verweilt, bald empfinden wird. Wenn auch die Einwohner nicht zu dem stärksten Menschenschlage gehören, so erfreuen sie sich doch im Ganzen einer blühenden, widerstandsfähigen Gesundheit. Die Bewohner sind übrigens gefällig und von einem in der Eifel ziemlich seltenen Wohlstande.
Ein öffentlicher Platz führt den etwas hochklingenden Namen „~Place de Rome~“ (Römerplatz), angeblich weil die Römer früher eine Niederlassung dort hatten. An Sehenswürdigkeiten besitzt Malmedy vorerst die +Abteikirche+ im Spätrenaissancestil, die seit 1819 als Pfarrkirche dient. Der interessante Bau mit zwei Türmen, der 1775 errichtet wurde, erhebt sich am Chateletplatz und dicht daneben befindet sich das alte Abteigebäude. Das Innere der Kirche mit ihren polychromierten Wänden ist sehenswert. In derselben werden in einem kostbaren Schrein die Gebeine des hl. Quirinus aufbewahrt. Die Kirche besitzt ein schönes Glockenspiel, das alle Viertelstunde lustige, weltliche Weisen ertönen läßt. So gut katholisch die Bewohner auch sind, so wenig nehmen sie doch an diesen Melodien Anstoß, die sie zwar an das Schwinden der Zeit erinnern, aber meistens so fröhlich klingen, daß man schier ein Tänzchen dazu wagen möchte. „Heil Dir im Siegerkranz“, „Ueb’ immer Treu und Redlichkeit“, „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“, „Adam hatte sieben Söhne“ und andere schöne Melodien wechseln auf der Walze, will sagen in dem Glockenspiel mit einander ab.
In den anstoßenden +Abteigebäulichkeiten+ befinden sich jetzt das Amtsgericht, das Hauptzollamt, das Progymnasium, die Wohnung des katholischen Oberpfarrers, der evangelische Betsaal, das Gefängnis u. s. w. Schon hieraus kann man schließen, daß die frühere Benediktinerabtei sehr geräumig ist. Außer der Pfarrkirche besitzt Malmedy noch die +Kapuzinerkirche+, die in einer engen Straße etwas abseits liegt, und ebenfalls sehenswert ist. Der Kapuzinerorden hatte 1623 eine Niederlassung dort gegründet und eine Kirche errichtet. Diese besitzt einen schönen Renaissance-Altar mit einem Gemälde, die Geburt Christi darstellend, ein Werk des Malers Counet, der im vorigen Jahrhundert in Malmedy lebte. Von Gotteshäusern sind noch zu nennen: die ~Chapelle de la Résurrection~ an der ~Rue Neuf~ (!), die ~Chapelle des Malades~, eine Wallfahrtskapelle in der Nähe des Pouhon-Brunnens, die ~Chapelle Ste. Hélène~ und die Klosterkirche.
Außer dem bereits genannten Chateletplatz besitzt die Stadt noch den +Gereonsplatz+, sowie den +Marktplatz+ mit einem Brunnenobelisken, der 1781 mit einem Kostenaufwande von 500 Florins errichtet wurde.
Die Warche, welche das Thal durchfließt, entspringt auf den bewaldeten Höhen bei Losheim, Büllingen, Rocherath und Udenbreth, wo sich auch die Quellen des Kyllflusses befinden. Sie vereinigt sich auf belgischem Boden mit der Amel und ergießt sich dann unter dem Namen Aywaille in die Ourthe. Die Warchenne, das bereits genannte Nebenflüßchen, dient zum Betriebe der Gerbereien in Malmedy. Das Warchethal ist ziemlich eng und felsig, erweitert sich von Bévercé an und wird unterhalb der Stadt wohl auch Warchebrückethal genannt. Eine Brücke verbindet Malmedy mit der Vorstadt Outrelepont (wörtlich: Ueber die Brücke hinaus), deren Häuser allerdings nicht so stattlich aussehen.
Je mehr Fremde nach Malmedy kommen, desto schneller verschönert sich die Stadt. Bis vor Kurzem ließen sich die Bewohner in einzelnen Straßen ein recht holperiges Pflaster gefallen; in der letzten Zeit ist dem aber anders geworden. Auch besitzt die Stadt jetzt eine Wasserleitung und eine Gasanstalt.
Das landschaftlich und architektonisch so anmutige Bild Malmedys wird nur selten von fremdem, buntem Leben verändert, und wem das Schicksal eine besondere Gunst erweisen will, den führt es dorthin zur Zeit eines Manövers. Dann findet man dort Paraden mit Musikkorps, Militär-Concerte, und wenn Sedan sich noch dazugesellt, so schläft man ruhiger bei der Feldbäckerei draußen auf den Höhen von Weismes, als in dem Gasthofe, der mit der Abend- und Nachtfeier des 2. September gesegnet ist. Die deutschen Militärtafeln an den Häusern gewähren, wie Heinrich Freimuth hervorhebt, zu solcher Zeit zwischen den französischen Straßennamen und Firmenschildern einen auffallenden Gegensatz und den Eindruck einer deutschen Besatzung wälschen Bodens.
Malmedy ist mit Naturschönheiten mannigfacher Art ausgestattet. Es besitzt in der Umgegend mehrere Mineralquellen, von denen die bedeutendsten die Géromont-, Insel- und Felsenquellen sind, deren Wasser demjenigen der Quellen von Spa und Langenschwalbach gleich oder sogar noch überlegen sein sollen. Die Quellen werden wie auch in Spa ~Pouhons~ (wallonisch = Sprudel) genannt: ~Pouhon des Iles~, ~Pouhon des Cuves~. Besonders letzteren findet man an einem idyllischen, allerdings noch ungepflegten Orte. Wegen der Vertiefungen, die das Wasser sich selbst in Felsen geschaffen hat und von denen eine die Form eines Bottichs (~cuve~) hat, nannte man die Quelle ~Pouhon des Cuves~. Die Géromontquelle war früher gefaßt, aber das Brunnenhaus ist in Verfall geraten. Dagegen ist der ~Pouhon des Iles~, so genannt nach den Inselchen, welche in der Nähe die Verzweigungen der Warche bilden, zur Benutzung eingerichtet. Diese Quelle liefert täglich 70000 Liter Wasser und besitzt eine ziemlich gleichmäßige Temperatur von +9 Grad C. Seit 1871 wird von hier Mineralwasser versandt. Ich werde später noch auf diese Quellen zurückkommen.
Man geht jetzt ernstlich mit dem Plane um, aus der Stadt einen +Kurort+ zu machen. Die Lage ist günstig sowohl für Deutsche und Belgier, als auch für Holländer, Franzosen u. s. w. Dadurch würde natürlich das Städtchen in der Badezeit ein internationales Gepräge erhalten. Es hat sich eine Aktiengesellschaft „Malmedy-Werke“ gebildet, welche nicht bloß die Stadt mit Gas und Wasser versorgt, sondern auch die Mineralquellen ausbeutet. Die Aussichten sind sehr günstig für dieses Unternehmen. Der Besuch zahlreicher Badegäste wird dazu beitragen, die wallonische Mundart zu verdrängen, und die deutsche Sprache wird dann jedenfalls eine raschere Verbreitung finden, als jetzt. Allerdings wird der geographischen Lage wegen auch das Französische daneben eine Rolle spielen.
Man könnte vielleicht einwenden, die Nähe von Spa verhindere die Entwickelung der Stadt zu einem bedeutenden Badeort. Ich bin aber nicht der Ansicht. In Spa ist das Leben so teuer, daß, wenn man nicht gerade Geld zum Wegwerfen hat, man möglichst bald der Stadt den Rücken dreht. Sobald in Malmedy den Touristen aller wünschenswerte Komfort geboten wird, werden viele Kurgäste sich mit einem kurzen Aufenthalt in Spa begnügen und sich zur wirklichen Erholung in Malmedy niederlassen. Da die Stadt thatsächlich zweisprachig ist, werden Touristen aus allen Ländern sich dort einfinden. Für Vergnügungen muß allerdings auch gesorgt werden, denn diese sind in einem modernen Badeort geradezu unentbehrlich.
Von der anmutigen Vennstadt aus kann man lohnende Spaziergänge in die nähere und weitere Umgegend unternehmen, so auf den Kalvarienberg, in das Thal von Bévercé, auf die Höhen von Floriheid, nach der Ruine Reinhardstein, dem Felsen von Falize u. s. w. Der jäh aufsteigende, bewaldete und teilweise felsige Kalvarienberg (Livremont) -- es führt ein Stationenweg hinauf -- mit seinen Terrassengärten überragt den Hauptteil der Stadt und bildet den Eckpfeiler, an welchem die Thäler der Warche, die die Stadt nur an ihrem untersten Ende berührt, und der Warchenne zusammentreffen. Man genießt einen überraschenden Blick auf die Stadt von der mit einem Pavillon gekrönten überhängenden Felsplatte, genannt ~roche tournante~. Auch von den Höhen von Floriheid genießt man eine schöne Aussicht auf die Stadt.
Die Malmedyer sind einigermaßen stolz auf ihre Eigenschaft als Städter, und sie werden es sich schon gern gefallen lassen, wenn aus ihrem Landstädtchen ein berühmter Badeort wird. Den Landhäusern in der Umgebung geben sie meist etwas stolze Namen, wie ~Monbijou~, ~Monrepos~, ~Monplaisir~, ~Monidée~, ~Bellevue~ u. s. w. Diese Villen sind übrigens hübsch gelegen; die Gärten sind stufenförmig an den Abhängen angelegt. Weiter hinaus findet man Gehöfte, sogenannte „Fermen“ (~fermes~, Pachthöfe), bis schließlich die Haide sich wieder auf den weiten Flächen ausdehnt.
Die meisten Bewohner der Wallonie sind katholisch. Die 325 Protestanten des Kreises entfallen fast nur auf Beamte, Grenzaufseher, Gendarmen u. s. w. Seit 1845 umfaßt der ganze Kreis eine protestantische Seelsorgestation. Der protestantische Gottesdienst findet im alten Abteigebäude, im ehemaligen Refektorium der Benediktinermönche statt. Juden giebt es hier, sowie im angrenzenden Kreise Montjoie, gar nicht.
Der Charakter der Einwohner hat bei der abgeschlossenen Lage des Ortes noch die Tugenden bewahrt, welche ein Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts, der Engländer Lucas, an ihnen pries: Anstand, industrieller Fleiß, Mäßigkeit, Gefälligkeit und große Zuvorkommenheit gegen Fremde. Malmedy war von jeher eine gewerbfleißige Stadt, obschon sie wenig den Charakter einer Industriestadt trägt. Die Pulverfabriken, deren es im 17. Jahrhundert eine Anzahl dort gab, sind verschwunden. Auch die Tuchfabrikation ist Anfangs dieses Jahrhunderts zurückgegangen. Unter anderen Industrieen sind noch in Malmedy: eine Dominospielfabrik und zwei Blaufärbereien verbunden mit Kittelfabrikation. Das älteste und noch jetzt bedeutendste Gewerbe ist jedoch die Lohgerberei, die schon seit 1500 betrieben wird. Es heißt zwar, daß die Eigenschaften des Wassers der Warchenne die Lederbereitung sehr erleichtern, jedoch haben die Gerber ihre Erfolge wohl am meisten ihrem Wahlspruch: „~Du tan et du temps~“[17] zu verdanken. Eine Papierfabrik beschäftigt über 500 Arbeiter und genießt einen Weltruf durch die Erzeugung von photographischem Papier.
[17] Ein Wortspiel: Lohe und Zeit.
IV.
Die Malmedyer Mineralquellen.
Da Malmedy sich zu einem Kurort entwickelt und die Ausbeutung der Mineralwasserquellen bereits begonnen hat, dürfte es interessiren, etwas Näheres über die lange in Vergessenheit geratenen Heilquellen zu erfahren.
Schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden die Malmedyer Mineralwässer von einem ausländischen Chemiker, nämlich dem Engländer ~C. Lucas~ untersucht. Sein Werk „~An essay on waters~“ (London 1756), welches ins Deutsche übersetzt wurde, machte wohl zum ersten Mal eingehend auf diese Quellen aufmerksam. Später war es ~Dr.~ J. P. J. Monheim, Apotheker in Aachen, der sich mit der Untersuchung des Wassers näher befaßte und auf die Heilkraft desselben hinwies.[18] Von da an blieben die Eisenquellen von Malmedy bei Vielen in gutem Andenken. Einige Bemühungen dort ansässiger Aerzte, dieselben in die Reihe der anerkannten Heilwässer einzuführen, waren fruchtlos, weil die Einwohner sie nicht genügend unterstützten. Außerdem war an diesem Mißlingen die damalige Abgeschlossenheit der Lage schuld, welche freilich kein absolutes Hindernis gewesen wäre, aus Malmedy einen Kurort zu schaffen, wenn nicht die Nähe des luxuriösen und weithin glänzenden Spa die Aufmerksamkeit von dem bescheidenen deutschen Heilquellen-Orte abgelenkt hätte. Endlich bildete sich im Jahre 1868 zu Malmedy ein kleiner Verein zur Gründung eines Kurortes daselbst, zunächst mit der Absicht, die dortigen Quellen zur Anerkennung zu bringen und sie nicht bloß durch Versendung gemeinnützig zu machen, sondern auch die nötigen lokalen Einrichtungen zu einer Trink- und Badekur ins Leben zu rufen. Auch diese Bestrebungen hatten nicht den erwünschten Erfolg. Besonders verdient hat sich um die Quellen Malmedys Herr ~Dr.~ Coulon gemacht, der trotz der Mißerfolge der Gesellschaft stets bemüht war, die heilkräftigen Eigenschaften des Wassers in Ehren zu halten. Von der Gesellschaft wurden damals Bohrarbeiten an der Inselquelle unternommen, sowie die nötigen Vorkehrungen zum Auffangen und zum Schutze des Wassers getroffen, und die Quelle gab stündlich 1350 Liter Wasser. Es wurde damals auch ein freundliches Brunnenhaus errichtet, welches an heißen Sommertagen von manchen Einwohnern der Stadt fast täglich, namentlich des Abends, besucht wird.