Malmedy und die preußische Wallonie
Part 2
Einer der Nachfolger Theodorich’s war der Abt +Wibald+ (1130 bis 1158), der als der bedeutendste aller Aebte bezeichnet wird und der auch einer der größten Männer seines Jahrhunderts war. Wibald fand die Abteien in trostlosem Zustande, doch seiner Thatkraft gelang es, bessere Zeiten herbeizuführen, indem er die geistlichen und weltlichen Angelegenheiten regelte. Seine Wirksamkeit beschränkte sich nicht auf sein Fürstentum; es gab keine Frage in der Kirche und im Reiche, in der Wibald nicht zu Rate gezogen wurde, und es dauerte nicht lange, da machte Kaiser Lothar den Abt von Stavelot-Malmedy zu seinem geheimen Rate. Auf allen seinen Reisen und Kriegszügen begleitete nun Wibald den Kaiser; er nahm am Kriege gegen Italien 1133 Anteil und wurde sodann vom Kaiser nach Neapel geschickt, um den Befehl über die Flotte zu übernehmen. Bei dieser Gelegenheit besuchte Wibald die berühmte Abtei des hl. Benediktus auf dem Monte Cassino; den dortigen Mönchen machte er ernste Vorhaltungen über die zur Zeit im Kloster herrschenden Mißstände. Nach dem Kriege wurde Wibald trotz seines Sträubens zum Abte dieser Abtei gewählt, schlug aber die Wahl aus; vergebens baten die Mönche ihn, er möge sie nicht verlassen und die Leitung der Abtei übernehmen. Als der Kaiser dies hörte, ließ er Wibald gewaltsam in den Kapitelsaal bringen und wiederum wurde derselbe einstimmig gewählt und als Abt von Monte Cassino eingeführt. Die Verhältnisse zwangen ihn jedoch schon nach 44 Tagen die ehemalige Abtei des hl. Benediktus zu verlassen; er kehrte nach Stavelot zurück, nahm hier selbst wieder die Leitung der Regierungsgeschäfte in die Hände und ordnete insbesondere die Verhältnisse der Grafschaft Logne zum Fürstentume. Auch in der Folge erfreute sich Wibald einer stets wachsenden Gunst des Kaisers. Für die Hochachtung, die er bei demselben genoß, gibt eine auf rotem Pergament in Goldschrift geschriebene Urkunde, welche gegenwärtig im Provinzialarchiv zu Düsseldorf aufbewahrt wird, einen sprechenden Beweis. Durch diese Urkunde erhebt Kaiser Lothar Stavelot-Malmedy zu reichsunmittelbaren Abteien, er rühmt Wibald’s Verdienste um das Reich und schenkte ihm große Besitzungen in Aachen, namentlich eine Anzahl Häuser der damaligen Adelgundis-Kapelle gegenüber (Umgebung des jetzigen Präsidialgebäudes).[9] Später finden wir Wibald wieder als Erzkanzler des deutschen Reiches unter Friedrich Barbarossa, und er ist es wieder, auf den der Kaiser fast die ganze Last der Regierungsgeschäfte abwälzt, dem er die wichtigsten und vertraulichsten Sendungen an fremde Mächte überträgt. Auf der Rückreise von einer Mission nach Konstantinopel, wohin ihn die Geschäfte des Reiches geführt hatten, starb Wibald, angeblich von den Feinden des Reiches vergiftet, am 19. Juli 1156 in Paphlagonien, im Alter von 61 Jahren. Wibald, dessen Leben und Wirken durch Prof. Johannes Janssen eine liebevolle Darstellung gefunden hat, war ein Mann von hervorragender Bildung, Staatsmann, Dichter und Redner. Arsène de Noüe sagt, nachdem er sein Leben erzählt und seine Eigenschaften gerühmt: ~Gloire donc à Wibald! Gloire au pays de Stavelot qui a produit ce grand homme, l’honneur de l’état monastique, la lumière de l’Empire, le sublime pilote suscité par la main du Très-Haut pour diriger et soutenir le vaisseau de l’Eglise romaine au milieu des épouvantables tempêtes qui menaçaient de l’engloutir.~[10]
Auf Wibald folgte sein Bruder +Erlebald+, als Fürstabt von Stavelot-Malmedy. Er ließ die sterblichen Reste seines Bruders aus Griechenland nach Stavelot bringen und vor dem Hauptaltar der Abteikirche beisetzen. Derselbe ließ 1190 in Malmedy ein Haus für die Aussätzigen und eine der hl. Maria Magdalena gewidmete Kapelle bauen. Nach dem Verschwinden der Pest wurden in dem Spital andere Kranke aufgenommen. Die Kapelle wurde im 16. Jahrhundert neugebaut und am 6. September 1554 geweiht. Die Verwaltung des Spitals wurde dem Kloster von Malmedy übertragen. Im Jahre 1640 gründete Abt +Ferdinand+ Lateinschulen in Malmedy; das Kloster mußte die Lehrer stellen und durfte von den Schülern keine Vergütung fordern. Die Krankenkapelle (~chapelle des malades~), die noch jetzt an dem Wege nach dem ~Pouhon des Iles~ steht, diente als Pfarrkirche, als 1689 die Stadt Malmedy mit ihren Kirchen durch einen großen Brand zerstört worden. Bei der Epidemie von 1741, wo während 8 Monaten 800 Einwohner von der Pest hingerafft wurden, strömten zahlreiche Gläubige dorthin und ein Bauer aus Faimonville, N. Lejeune, schenkte derselben eine Marienstatue, die sich noch jetzt dort befindet. In einer 1167 ausgestellten Urkunde wird Stavelot zum ersten Mal als Stadt bezeichnet. Abt Erlebald starb hochbetagt 1193, nachdem er 34 Jahre dem Doppelkonvent vorgestanden. Sein Nachfolger +Gerard+ schloß einen „ewigen Frieden“ zwischen den beiden Klöstern. Aus der einzigen Urkunde über die Civilverwaltung, die aus seiner Zeit erhalten ist, geht hervor, daß die Grafen und Herzoge von Luxemburg Erbvogte von Stavelot waren. +Jean d’Enghien+, Bischof von Tournai, Fürst-Bischof von Lüttich, wurde auch Fürst-Abt von Stavelot in einer unruhigen Zeit. Nach Beendigung des verhängnisvollen „Kuhkrieges“ wurde er ein Opfer der Rachsucht seines abgesetzten Vorgängers +Heinrich von Geldern+, der zugleich Bischof von Lüttich war, aber zuletzt aller seiner kirchlichen Aemter und Würden entsetzt wurde. Dieser lockte ihn in eine Falle, ließ ihn halbnackt auf ein wildes Pferd binden, das ihn fortschleppte, bis er zu Boden fiel und tot blieb (1281). In der folgenden Zeit fehlte es nicht an kriegerischen Verwickelungen, und manche Aebte vergeudeten die Güter der beiden Klöster. Im 15. Jahrhundert sah es geradezu trostlos dort aus; von den ehemals so berühmten Schulen war kaum noch die Erinnerung übrig geblieben, und die hervorragenden Männer waren verschwunden. In der Kirche von Stavelot hieb man von dem Grabstein des Abtes +Jean de Geuzaine+ die vier Ecken ab, um anzudeuten, daß er die vier Ecken seines Landes veräußert hatte.
Bald aber erstand in +Heinrich von Merode+, der Stiftsherr von Aachen war und als Abt nach Stavelot berufen wurde, ein Reformator in weltlicher und kirchlicher Beziehung (1438-1460). Von ihm rührt die Verfassung des damals etwa 30,000 Einwohner zählenden Fürstentums her, die ganz erhalten ist. Sowohl ~Arséne~ als ~Paul de Noüe~ besprechen dieselbe eingehend; eine Wiedergabe der Bestimmungen würde uns aber zu weit führen.[11]
Unter den Nachfolgern Heinrich v. Merodes wurde das Land noch öfter von räuberischen Einfällen, von Pest und Hungersnot heimgesucht. Eine der sympathischsten Erscheinungen unter sämmtlichen Fürsten ist zweifellos der an Stelle des 1499 verstorbenen heiligmäßigen +Caspar Poncin+ gewählte +Wilhelm von Manderscheid+, jüngster Sohn des Grafen Wilhelm I. von Manderscheid und seiner Gemahlin Adelheid von Mörs. Fürstabt Wilhelm ist einer der wenigen Fürsten, die in Malmedy ihren Wohnsitz nahmen; zu seiner Zeit zählte Malmedy 330 Wohnhäuser, Stavelot dagegen nur 190. Während seiner 47jährigen Regierung hat Wilhelm sehr vieles zum Wohle seines Landes und zur Verschönerung der beiden Städte gethan. Im Jahre 1525 ließ er in beiden Städten den Grundstein zu den beiden Palästen legen, die die Residenz der Fürstäbte sein sollten. Der Palast in Malmedy bestand bis zur Feuersbrunst am 11. Juni 1782. Wilhelm von Manderscheid hatte die Gepflogenheit, zu Weihnachten die erste Messe in Stavelot, die zweite in Malmedy und die dritte in Prüm, dessen Abt er auch war, zu lesen, und zwar, indem er die Wege von einer Abtei zur andern zu Pferde zurücklegte. Er starb, 70 Jahre alt, im Jahre 1547.
Drei bayrische Prinzen, +Ernst+, +Ferdinand+ und +Wilhelm+ regierten als Aebte von 1580 bis 1657. Im Jahre 1587 mußten die Bewohner von Malmedy es schwer büßen, daß sie den Spaniern Geschützpulver geliefert hatten. In der Stadt wurde nämlich Pulver erzeugt, und so wurde diese Industrie ihr zum Verhängnis. Das Pulver wurde von den geschäftseifrigen Pulvermüllern an die unrechte Kriegspartei verkauft und dann der Stadt von der Gegenpartei ~in natura~ zurückgezahlt -- aus Büchsen und Geschützen. Der Prinz von Oranien ließ durch den berüchtigten Schenk von Nideggen die Kirche und 70 Häuser der Stadt in Brand stecken, das Kloster plündern, die Pulvermühlen zerstören u. s. w. Um die räuberischen Einfälle abzuwehren, mußten die beiden Schwesterstädte sich mit Mauern und Festungswerken ähnlich wie Spa und Verviers umgeben. Fünfzig Jahre später wurden die Befestigungen jedoch mit Ausnahme einiger Thore abgerissen. Am meisten hausten in Malmedy, wie auch an vielen anderen Orten, die Truppen Ludwig’s XIV., die 1650 unter Turenne monatelang dort ihr grausames Spiel trieben, so daß viele Bewohner nach Deutschland auswanderten. In der folgenden Friedenszeit lebte die Stadt wieder auf, und der Handel wurde für sie eine Quelle des Wohlstandes.
Am Ende des 17. Jahrhunderts hatte das Fürstentum ein Drittel seines früheren Gebietes verloren. Besonders die Herzoge von Luxemburg hatten anscheinend ihre Stellung als Vögte mißbraucht, um sich eine Anzahl Ortschaften anzueignen. Ueberdies befand sich das Land infolge von Kriegen, Feuersbrünsten, räuberischen Einfällen u. s. w. in einem trostlosen Zustande: es zählte nur mehr 1693 Häuser (vorher 3780). Im Jahre 1686 finden wir als Nachfolger des hl. Remaclus den +Kardinal Wilhelm Egon von Fürstenberg+ auf dem Abbatialsitze von Stavelot, unter dessen Regierung die Franzosen sich auf das wehrlose Ländchen warfen. Am 4. October 1689 steckten französische Truppen Stavelot und Malmedy in Brand, und in den beiden Städten konnten von 1020 Häusern nur etwa 100 gerettet werden. Dadurch hatte das Land so große Verluste erlitten, daß es eine allgemeine Anleihe von 134,000 Thaler in Lüttich, Verviers und anderen Orten aufnehmen mußte und außerdem für die Klöster eine solche von 100,000 Thaler. Die reichsten und mächtigsten Familien waren überdies ausgewandert.[12] Schnell erhob sich ein neues Städtchen aus dem Trümmerhaufen, und auf ein Gesuch wurde dem Lande ein Teil der Steuern nachgelassen und auf 3 Jahre Befreiung von der Militärpflicht bewilligt. Diese Vergünstigung wurde 1715 noch auf vier weitere Jahre ausgedehnt.[13]
Das Fürstentum vermochte inmitten der Kriegswirren der Zeit seine Neutralität nicht geltend zu machen; immer wieder zogen Heerschaaren durch dasselbe, raubend, plündernd und mordend. In den Jahren 1741 bis 1753 stand das Fürstentum unter der Regierung von +Joseph de Nollet+, der wieder in Malmedy residirte und dem es sogar gelang, dieser Stadt den Vorrang über Stavelot vom päpstlichen Stuhle zuerkennen zu lassen. Ihm folgten noch die beiden Fürstäbte +Delmotte+ und +Hübin+; unter ihrem Nachfolger schlug für das Land des hl. Remaclus die Stunde der Auflösung als selbständiges Staatengebilde; der im Jahre 1787 am 4. Januar gewählte 77. Fürstabt +Cölestin Thys+ sollte der letzte sein. Malmedy feierte diese Wahl als ein freudiges Ereignis, weil Thys Prior dort war. Er wurde in Köln geweiht und leistete den Eid in Stavelot. Er war gebildet, aber schwach und wenig in Verwaltungssachen erfahren. Uebrigens hätte er auch ohnehin den französischen Revolutionären nicht widerstehen können. Die Unzufriedenheit, „~le mal français~“, ergriff auch die Bewohner des Fürstentums, die eine förmliche National-Versammlung bildeten, welche dem Fürstabt ihre Forderungen vortrug. Es war eine Art Miniatur-Revolution, die zugleich den Todeskampf des Fürstentums bedeutete. ~Arséne de Noüe~ nennt sie eine „~pitoyable parodie de la révolution française, augmentée de la contrefaçon de la révolte liégeoise~.“ In Lüttich, der bedeutendsten Nachbarstadt, hatte es nämlich so gewaltig gegährt, daß man die Wirkung selbst in Stavelot und Malmedy verspürte. Auswärtige Emissäre durchzogen das Land, um die Bewohner aufzuwiegeln. Im Kapuzinerkloster trat die Nationalversammlung zusammen, deren Mitglieder ihre Person als heilig und unverletzlich erklärten. Inzwischen trafen auf Veranlassung des Abtes, der sich nicht mehr sicher fühlte, 450 Mann aus Köln in Malmedy ein unter dem Befehl des Oberstlieutenants Frhr. v. Wolzogen. Die Bürgerschaft forderte aber den Rückzug der Truppen und weigerte sich, für den Unterhalt derselben aufzukommen. Sie wurde bald darauf von 2000 „Patrioten“ aus Franchimont unterstützt; und als die deutschen Truppen nun auf die Bitte des Abtes sich zurückzogen, war auch seine Autorität vollends geschwunden und der eigentliche Aufruhr brach los. Die Mönche ließen ihre Archive und Kostbarkeiten auf Wagen nach Deutschland transportieren. Das Volk wollte zwar seinen Fürsten nicht vertreiben, aber es verlangte zahlreiche Rechte und Freiheiten, Aenderungen in der Verwaltung u. s. w. Im Februar 1792 zog ein österreichisches Regiment durch Malmedy, und in den folgenden Monaten kamen französische Truppen und Emigranten dort an. Im November flüchteten der Abt sowie eine Anzahl Mönche aus Malmedy. Französische Dragoner plünderten die Abtei und errichteten einen Freiheitsbaum. Die Franzosen mußten aber am 3. März 1793 wieder abziehen. Der Abt kehrte bald darauf inkognito zurück und ließ eine Untersuchung über die Anhänger der Revolution eröffnen. Die Bewohner weigerten sich aber, ihr Land von den Oesterreichern besetzen zu lassen. Nach einer kurzen ruhigen Periode empörten sich die Bewohner der Grafschaft Logne, welche zu Stavelot-Malmedy gehörte, und der Abt rief deshalb die Württemberger zu Hilfe. Am 21. Juli verließ er sein Land für immer. Er starb am 1. November 1796 in Hanau bei Frankfurt a. M. und wurde in Groß-Steinheim begraben.[14]
So liegt nun der letzte unglückliche Fürst eines Landes, welches über 1100 Jahre hindurch gleichsam allen Stürmen und Umwälzungen der Zeiten getrotzt hatte, aber der französischen Anarchie zum Opfer fallen mußte, fern von seiner Abtei begraben, und nicht einmal ein Grabstein bezeichnet seine Ruhestätte! Die Mönche wurden entweder deportirt oder in der weiten Welt zersprengt, die Archive entweder vernichtet oder nach allen Seiten zerstreut.
Am 1. Oktober 1794 proklamirte der Bürger ~Brixhe~ aus Spa auf dem öffentlichen Platz in Malmedy die Vereinigung mit der Republik, und durch das Gesetz vom 9. Vendemiaire Jahr IV (1. Oktober 1795) erklärte die französische Nationalversammlung die Gebiete von Lüttich, Stavelot, Logne und Malmedy mit Frankreich vereinigt. So ging das kleine Fürstentum in den Fluten der Revolution unter, nachdem es 1146 Jahre bestanden hatte.[15]
Die Bewohner von Malmedy waren über ihre Vereinigung mit der französischen Republik keineswegs erbaut. Die Annexion wurde aber durch die Verträge von Campo-Formio und Lunéville bestätigt. Malmedy wurde zum Ourthe-Departement geschlagen, dessen Hauptstadt Lüttich war. Die Stadt wurde Sitz eines Unterpräfekten. Durch den Wiener Vertrag vom 9. Juni 1815 wurde Stavelot mit den Niederlanden vereinigt, während Malmedy mit Umgebung, soweit sie zur Diözese Köln gehörten, an Preußen kam. Malmedy ist noch gegenwärtig eine Kreisstadt im Regierungsbezirk Aachen.[16]
Aus Malmedy sind eine Anzahl hervorragender oder bekannter Männer hervorgegangen. Außer den vielen Aebten, Bischöfen und Theologen, die in dem Benediktinerkloster lebten und wirkten oder aus demselben hervorgegangen sind, verdienen wohl einige erwähnt zu werden.
+Johann Ignaz Roderique+ (auch Rodric, Rodrigue und Rodrique geschrieben) wurde im Jahre 1697 in Malmedy geboren. Seine humanistische Bildung erhielt er in Aachen und trat, zwanzig Jahre alt, in den Jesuitenorden, aus welchem er jedoch, wie seine Gegner behaupten, schlechter Führung wegen ausgestoßen wurde. Er begab sich zu dem berühmten Georg von Ekkard nach Würzburg, wo er der Hochschule bald als Professor angehörte. Später siedelte er nach Köln über, heiratete dort eine begüterte Wittwe, die Eigentümerin der „Kölnischen Zeitung“. Arséne de Noüe sagt von ihm: „Unter seiner geschickten Leitung wurde das Blatt sehr bekannt, besonders während des Krieges wegen der Erbfolge Kaiser Karls VI. Roderique hatte es verstanden, in den beiden Lagern Korrespondenten zu finden, und was er nicht zu drucken wagte, ließ er den Interessenten im Manuskript zukommen.“ Er führte eine lebhafte Polemik mit dem Gelehrten Martenius wegen der Gleichberechtigung Malmedy’s mit Stavelot. Der Provinzialrat dieser Stadt ließ ihn sogar gerichtlich verfolgen, weil er behauptet hatte, Urkunden von Stavelot seien gefälscht. Er starb 1756, nachdem er mehrere lateinische Werke veröffentlicht und in seiner Vaterstadt eine Kapelle hatte errichten lassen.
Auf geschichtlichem und juristischem Gebiete war der 1748 in Malmedy geborene +Augustin Villers+ litterarisch thätig, der Vorsitzender des Obergerichtshofs zu Malmedy, Staatsrat und Geheimrat des Fürsten Cölestin Thys wurde. Er schrieb u. a. die Gesetze des Landes nieder, sowie Kommentare dazu, ferner eine Geschichte der Aebte und ein wallonisch-französisches Wörterbuch. Diese Werke wurden nicht gedruckt, sind aber im Manuskript erhalten. Er starb in Folge eines Sturzes vom Pferde im Alter von 46 Jahren.
Der Prior +François Laurenty+ von Malmedy schrieb die Geschichte der Aebte von dem hl. Remaclus bis zu Wilhelm von Bayern, deren Handschrift im Regierungs-Archiv in Düsseldorf aufbewahrt wird. Laurenty starb 1650, 66 Jahre alt. Aus dem Ende des 18. Jahrhunderts verdient der Verleger +Gerlache+ erwähnt zu werden, der in Malmedy eine Druckerei gründete. Derselbe gab eine neue Ausgabe der ~Droits coutumiers de Stavelot~ heraus und einen ~Almanach du Pays de Stavelot~.
Auf militärischem Gebiete zeichnete sich der 1771 in Malmedy geborene +P. Jos. Bartholemy+ aus, der in österreichische Dienste trat und an den italienischen Feldzügen teilnahm. Abgesehen von anderen Auszeichnungen wurde er zum Freiherrn erhoben und starb als Oberst 1832 in Pest.
Als Gynäkologe wurde +Joseph Doutrelepont+ (auch Doutrepont genannt) berühmt, der 1776 in Malmedy geboren war. Er studirte in Würzburg, Halle und Wien und wurde in ersterer Stadt Professor der Gynäkologie. Einen Ruf nach Göttingen (1837) lehnte er ab und wurde daraufhin von dem König von Bayern mit dem Civilverdienstorden ausgezeichnet. Seine Abhandlungen erschienen in Fachzeitschriften. Er starb 1845 in Würzburg.
Auf dem Gebiete der Botanik erwarb sich Fräulein +Maria Anna Libert+, die Tochter des Bürgermeisters von Malmedy (1782-1865), einen Namen. Ferner sind mehrere Maler zu nennen: +Counet+, +Louis+ und +Engelbert Renarstein+, die die Portraits der letzten Fürstäbte gemalt haben, +Alexander Thomas+ u. s. w.
Malmedy hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Die Chronik seiner Mißgeschicke ist sehr umfangreich, aber die Geschichte des Fürstentums weist auch manche erfreuliche Seite auf. Vielleicht entschließt sich einmal ein deutscher Geschichtsforscher die Geschichte des ehemals so berühmten geistlichen Fürstentums Stavelot-Malmedy zu schreiben und dabei auch die kulturhistorischen, ethnographischen und sprachlichen Verhältnisse eingehend zu berücksichtigen. Man würde dadurch den Bewohnern Malmedys, dieser einzigen wallonischen Stadt im deutschen Reiche, die dem Deutschtum gewonnen werden sollen, eine Aufmerksamkeit beweisen, die diese wohl zu würdigen wissen würden.
[4] ~Liége~ 1848.
[5] ~Anvers~ 1891.
[6] Die Wallonen nennen die Stadt ~Mâmdî~. Malmedy wird auch häufig ~Malmédy~ geschrieben. Der verdienstvolle Forscher ~Dr.~ Quirin Esser läßt die oben erwähnte Etymologie nicht gelten. In seinen „Beiträgen zur gallo-keltischen Namenkunde“ (I. Malmedy 1884) begründet er die Annahme, daß Malmedy schon zur Römerzeit bestand und Malmandra geheißen habe (dieses soll der frühere Name der Warchenne gewesen sein).
[7] Es wird allerdings erst in einer unter dem Abte Wibald ausgestellten Urkunde zum erstenmal ~oppidum~ genannt.
[8] Stavelot besaß das Grab des gemeinsamen Stifters, dort hatten auch die meisten Fürstäbte ihre Residenz. Stavelot wollte deshalb den Vorrang über Malmedy haben; Malmedy dagegen war vom hl. Remaclus zuerst gegründet worden, dort hatten Mönche gewohnt, ehe in Stavelot der Grundstein zum Kloster gelegt wurde und es wollte deshalb in Allem Gleichberechtigung. Stavelot siegte über Malmedy, da Papst und Kaiser sich zu Gunsten der ersteren Abtei aussprachen; es war offenbar seitens der Mönche von Stavelot eine Mißachtung der Absichten und Ermahnungen des hl. Remaclus, der vor seinem Tode die Eintracht empfohlen hatte. Ueber die Frage des Vorranges der einen oder anderen Abtei wurden mehrere Foliobände geschrieben, ohne daß der Streit endgültig erledigt worden wäre. Es handelte sich dabei nur um eine interne Frage ohne eigentlichen politischen Anstrich. Stavelot war immer der Hauptort des Fürstentums und Sitz des Obergerichtshofes, und man kannte auch nur den Namen „~Principauté de Stavelot~“. Die Streitfrage spitzte sich zeitweilig sogar so zu, daß Malmedy einen eigenen Abt hatte. Im Uebrigen aber wurde der gemeinsame Abt immer in Stavelot gewählt, aber in der letzten Zeit vor der Aufhebung des Fürstentums fiel die Wahl oft auf Mönche aus Malmedy. Hier residirten auch die letzten Aebte, und sogar die Ständeversammlungen fanden trotz des Protestes der Schwesterstadt dort statt. Es blieb Stavelot zuletzt also nur mehr das eine Vorrecht, daß die Mönche dort ihre Gelübde ablegen mußten. Ohne die Ereignisse der französischen Revolution wäre vermutlich auch dieses Vorrecht abgeschafft worden.
[9] Hagen, Geschichte Aachens, Bd. I, S. 117.
[10] Die oben erwähnte „goldene Bulle“ (1137) ist eines der wichtigsten Dokumente für die Geschichte Stavelots und Malmedys. In derselben spricht Kaiser Lothar der Abtei sein besonderes Wohlwollen aus und nimmt sie unter seinen Schutz. Er untersagt darin für alle Zeit die Lostrennung der Abtei vom deutschen Reiche; ferner verordnet er ausdrücklich, daß Malmedy nicht von Stavelot getrennt werden dürfe, wie es schon drei Mal versucht worden sei. Bei dem Tode des Abtes sollen die Mönche sich in Stavelot vereinigen und einen Nachfolger unter denjenigen dieses Klosters wählen oder falls ein geeigneter nicht vorhanden sei, eher einen solchen aus Malmedy als von auswärts wählen. Der Bischof von Lüttich soll die Weihe vornehmen, ohne eine Gebühr zu erheben. Der Vogt (~advocatus~, ~avoué~) der Abtei soll die Truppen befehligen. Aus der Urkunde ersieht man auch daß die Abtei inzwischen ihren Besitz bedeutend vergrößert hatte und in Aachen 31 Häuser und eine Kapelle besaß. Die Stadt Malmedy selbst erfreute sich schon früh einer gewissen Blüte. -- Von Wibald’s Briefen sind 441 erhalten; das Originalmanuskript befindet sich ebenfalls in Düsseldorf. In denselben werden die wichtigsten Ereignisse des 12. Jahrhunderts besprochen. Sie sind deshalb von großem geschichtlichem Werte, aber auch in litterarischer Hinsicht sind sie von Bedeutung. Wibald schrieb ein Latein, das so sehr an die Klassiker erinnert, daß man es ihm sogar zum Vorwurf machte, er beschäftige sich zu viel mit denselben.