Malmedy und die preußische Wallonie

Part 1

Chapter 13,001 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1897 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.

Verschiedene Schreibweisen, insbesondere bei Personen- und Ortsnamen, wurden nicht vereinheitlicht, sofern die Varianten mehrmals im Text auftreten. Auch die Verwendung der Umlaute Ä und Ü, bzw. deren Umschreibung Ae und Ue, ist nicht einheitlich; dies wurde ebenso belassen.

Die Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen Kapitels verschoben.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~

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Malmedy und die preußische Wallonie.

Skizzen und Studien

von

A. Kellen.

Essen (Ruhr) 1897.

Verlag von Fredebeul & Koenen.

Alle Rechte vorbehalten.

Druck von Fredebeul & Koenen in Essen.

Inhalts-Verzeichnis.

Seite

I. Einleitung 1

II. Aus Malmedy’s Vergangenheit 4

III. Die Stadt Malmedy 17

IV. Die Malmedyer Mineralquellen 22

V. Die Umgegend von Malmedy 24

~A.~ Das Thal mit der Inselquelle 25

~B.~ Das Thal von Mon-Bijou mit der Géromontquelle 26

~C.~ Das Thal von Bévercé mit den Felsenquellen 27

~D.~ Weitere Ausflüge 28

VI. Die Bewohner von Malmedy und die Sprachenverhältnisse in der Wallonie 34

VII. Die Sitten und Gebräuche 39

VIII. Die Verdeutschungsmaßregeln und die Zukunft der Wallonie 44

IX. Schlußwort 47

Vorwort.

Die vorliegende Schrift soll zum ersten Mal den Versuch machen, die Aufmerksamkeit weiterer Kreise in Deutschland auf Malmedy, den Hauptort der preußischen Wallonie, zu lenken. Dieser vorgeschobene Posten in des deutschen Reiches Westmark, der einst eine hervorragende Stätte der Kultur war, aber durch die Ungunst der Verhältnisse das Schicksal der vom großen Verkehr abseits liegenden Eifel teilte, verdient wohl, daß seine Geschichte und seine Eigentümlichkeiten bekannt werden. Die Stadt selbst, die in einer an Naturschönheiten reichen Gegend liegt, entwickelt sich jetzt, dank der Thatkraft ihrer Bürger, zu einem Badeort, dessen Mineralquellen denjenigen der unweit an der Grenze gelegenen belgischen Stadt Spa erfolgreiche Konkurrenz machen können.

Durch einen mehrmaligen Aufenthalt in Malmedy habe ich die dortigen Verhältnisse aus eigener Anschauung kennen gelernt; auch haben Einheimische wie Altdeutsche mir in bereitwilligster Weise Material für dieses Werkchen, von dem voriges Jahr ein Teil in der Unterhaltungsbeilage zur „Täglichen Rundschau“ erschienen ist, zur Verfügung gestellt.

Möge es dieser Schrift gelingen, in Deutschland einiges Interesse für das bis jetzt so wenig beachtete Malmedy und die preußische Wallonie zu wecken!

=Essen/Ruhr=, Frühjahr 1897.

=Der Verfasser.=

I.

Einleitung.

Einige Jahre hindurch hatte ich die Verhältnisse in Elsaß-Lothringen studiert und besonders dem Vordringen des Deutschtums in den französischen Sprachgegenden mein Augenmerk zugewandt. Es wurde nun der Wunsch in mir rege, auch eine andere Gegend kennen zu lernen, die, abgesehen von ihrer geringeren Ausdehnung, ähnliche Verhältnisse aufweist, nämlich die preußische Wallonie. Diese Bezeichnung mag manchem Leser wenig oder gar nicht bekannt sein. Thatsächlich ist aber ein bedeutender Teil des Kreises Malmedy wallonisch und die Stadt gleichen Namens ist der Hauptort der sogenannten preußischen Wallonie. Die Bewohner dieser seit 1815 zu Preußen gehörigen Gegend sprechen wallonisch und französisch, ein Teil beherrscht auch das Deutsche. Wenn Malmedy in den Zeitungen nicht oft genannt wird, so ist das sehr begreiflich: deutschfeindliche Umtriebe kommen dort nicht vor, und man hat auch zuviel mit den Polen im Osten und den Dänen im Norden zu thun, als daß man sich mit einer verhältnißmäßig geringen Zahl Wallonen im Westen des preußischen Staates beschäftigen sollte. Dann sind auch im Südwesten des Deutschen Reiches die Elsässer und Lothringer, mit denen sich die öffentliche Meinung noch oft genug zu befassen hat. Aber merkwürdig sind die Verhältnisse doch auch in Malmedy und der Umgegend; die wenigen Notizen, die es mir gelungen war, vor meiner Reise in jene Gegend darüber zu sammeln, gaben mir keinen Aufschluß über die Fragen, die mich besonders interessirten, und so führte ich den längst gefaßten Entschluß aus, an Ort und Stelle mich über die Verhältnisse zu erkundigen.

Von Straßburg fuhr ich nach Luxemburg und von dort brachte ein gemüthlicher Bummelzug mich nach dem nördlichen Theile des Großherzogtums, dem Oesling. Die Gegend ist dort gebirgiger und rauher, als im Gutlande. Die letzte einigermaßen bedeutende Ortschaft auf großherzoglichem Boden ist Ulflingen, von den Luxemburgern Elwen genannt, während die französische Bezeichnung ~Trois-Vierges~ lautet (von drei Nornen bezw. Jungfrauen, die in früherer Zeit dort verehrt wurden). Von dort hat man bald die Grenze überschritten, und man würde im Zuge den Uebergang gar nicht gemerkt haben, wenn nicht ein Grenzaufseher nach Branntwein gefragt hätte. An der luxemburgisch-deutschen Grenze war nämlich damals noch für Branntwein eine Kontrole, weil Luxemburg, das bekanntlich zum deutschen Zollverein gehört, sich früher weigerte, die Branntweinsteuer auf gleiche Höhe zu bringen, wie in Deutschland. Dieses ist jetzt geschehen, so daß der Grenzkordon wegfallen konnte. Auch über die Grenze hinaus wird noch die Luxemburger Mundart gesprochen; die Gegend gehörte übrigens früher zum Luxemburger Lande. Die Zugverbindung war dort nicht gerade eine sehr glänzende, und so mußte ich mich schon entschließen, in St. Vith zu übernachten, weil der Nachmittags- bezw. Abendzug nicht weiter fuhr. Jetzt sind die Zugverbindungen besser.

+St. Vith+ ist ein hübsches Städtchen, und so abgelegen es auch ist, so findet man doch ein gutes Unterkommen dort. Es liegt auf einer Anhöhe und zählt ungefähr 2000 Einwohner, die mit Rücksicht auf jene Gegend als ziemlich behäbig gelten können. Außer der Viehzucht wird besonders die Gerberei eifrig betrieben. In dem Städtchen findet man eine alte Pfarrkirche, ein Kloster mit Haushaltungsschule und Touristenheim, sowie einen alten Thurm („Büchelthurm“) als letzten Ueberrest der früheren Umwallung. Die Mundart, die dort gesprochen wird, ist schon die Eifeler Mundart, die der Luxemburgischen ähnelt[1]. Die Stadt selbst nennt das Volk „Sankt Veit“ oder z’m Vekt. Wer sich über die Bevölkerung dieser Gegend unterrichten will, muß schon mit den Leuten selbst verkehren. Greift man zu einem Führer, so findet man meistens gar keine Angabe darüber. Heinrich Pflips[2], ein Eifeler Lehrer, der die Gegend beschrieben hat, beschränkt sich auf eine landschaftliche Schilderung mit dürftigen geschichtlichen Notizen. Einige hübsche Seiten widmet Heinrich Freimuth in seinen anregend geschriebenen „Ardenner Wanderungen“[3] der Geschichte des Städtchens St. Vith.

Vormittags fuhr ich nach Malmedy weiter. Die Gegend um St. Vith ist ziemlich ärmlich, man sieht meist nur Haide und Ginster. Die nächste Station ist +Montenau+, eine hübsch gelegene Ortschaft mit Wäldern in der Nähe. In +Weismes+ verläßt man den nach Montjoie-Aachen weiterfahrenden Zug, um auf einer kleinen Zweigbahn abseits nach Malmedy zu gelangen. Ich mußte in Weismes fast eine Stunde warten, und so benutzte ich die Gelegenheit, das Dorf zu besichtigen, das schon ganz im wallonischen Sprachgebiet liegt. Der Name selbst ist wallonisch und wird „Uäm“ ausgesprochen; die deutschen Bahnbeamten sprechen ihn allerdings aus, so wie er geschrieben wird: Weismes, und das kann einen Philologen schon sehr nervös machen. Das Dorf hat gar nichts Merkwürdiges; man sagte mir nur, es sei wegen seines Kirchweihfestes bekannt. Mehr interessirte mich die Schule, wo ich deutsch singen hörte. Die Bewohner grüßten mich aber meistens wallonisch oder französisch. In den wenigen Geschäften, die der Ort außer einer Strohhutfabrik aufzuweisen hat, wird auch deutsch gesprochen.

In Malmedy findet man in mehreren alten Gasthöfen, wo man deutsch, französisch oder, wenn’s beliebt, auch wallonisch sprechen kann, eine gute Unterkunft. Ein modernes Hotel wird jetzt dort errichtet. Es gefiel mir bei meinem ersten Aufenthalt so gut in dem behaglichen Städtchen, daß ich im Herbst, wo ich eine Ferienreise durch die Eifel machte, noch einmal dorthin zurückkehrte.

Bevor ich die Stadt und ihre Umgebung beschreibe, auf die Sitten und Gebräuche der Einwohner, die Sprachenverhältnisse usw. eingehe, will ich eine kurze Geschichte der Stadt Malmedy entwerfen.

[1] ~Dr.~ Hecking: Die Eifel in ihrer Mundart. Prüm, P. Plaum. 1890.

[2] Das romantische Ourthal. Ein Wanderbuch. I. Das obere Ourthal. Aachen, Jgn. Schweitzer. 1891.

[3] Mit fünf Bildern nach Skizzen von Prof. W. Altenburg, einem Tourenverzeichnis und einer Karte. Köln, J. P. Bachem.

II.

Aus Malmedys Vergangenheit.

Malmedy, der Hauptort der preußischen Wallonie, hat bis jetzt keinen deutschen Geschichtsschreiber gefunden. Die Vergangenheit dieser Stadt bietet aber schon deshalb ein besonderes Interesse, weil noch jetzt dort das Wallonische und Französische vorherrschend sind, obschon Stadt und Umgebung bereits seit Anfang dieses Jahrhunderts zu Preußen gehören. Die jetzigen Verhältnisse in Malmedy sind wirklich sehr merkwürdig. Die Bewohner der Stadt und einer Anzahl benachbarter Ortschaften sprechen unter sich wallonisch; viele beherrschen auch die französische Schriftsprache sehr gut. Daneben ist, besonders in den letzten Jahrzehnten, das Deutsche aufgekommen, nachdem diese Sprache in der Volksschule eingeführt wurde. Wir wollen im Nachfolgenden einen kurzen Rückblick auf die Vergangenheit Malmedy’s werfen; es wird uns dann auch manches erklärlich, was uns sonst ein Rätsel bleiben würde.

Malmedy war von jeher mit dem bei Belgien verbliebenen Stavelot (Deutsch: Stablo) ethnographisch und geschichtlich verbunden. Deshalb sind die Beziehungen zwischen beiden Städten trotz der politischen Trennung immer sehr lebhaft geblieben. Die Geschichte Malmedy’s schildern heißt auch die Stavelot’s erzählen, denn beider Geschichte war bis zum Beginn unseres Jahrhunderts eng verbunden. Nur die besonderen Ereignisse in Stavelot, die keine Rückwirkung auf die Abtei ausübten, lasse ich unberücksichtigt.

Zu der nachfolgenden kurzen Geschichte von Malmedy habe ich hauptsächlich die Werke der beiden ~de Noüe~ benutzt, besonders: „~Etudes historiques sur l’ancien pays de Stavelot et Malmédy, par Arsène de Noüe, docteur en droit~“[4] und „~La Législation de l’ancienne principauté de Stavelot-Malmédy, par Paul de Noüe, docteur en droit, référendaire de régence, membre correspondant de l’Académie d’archéologie de Belgique~“[5].

Die Abteien Stavelot und Malmedy wurden im 7. Jahrhundert im Ardennerwalde gegründet. In der Gegend hatte der deutsche Stamm der Eburonen gewohnt, der von den Römern unterjocht wurde. Der Teil der Ardennen gehörte zur ~Germania inferior~, die von den Franken besetzt wurde. Die austrasischen Könige betonen in mehreren Urkunden, daß der Ardennerwald ihnen gehörte (~in terra nostra silva arduennense~). Siegebert ließ eine Anzahl Klöster gründen, worunter auch Malmedy und Stavelot. Er betraute mit der Errichtung derselben den heil. +Remaclus+, der am Hofe des Königs Dagobert gelebt hatte. Der Apostel der Ardennen, wie er später genannt wurde, verbreitete um die Mitte des 7. Jahrhunderts das Christenthum in Aquitanien. Er baute also mit Unterstützung des Königs Siegebert im Jahre 648 ein Kloster, in welchem Söhne des hl. Benediktus ihren Aufenthalt nahmen. Dasselbe gehörte zum Kölner Sprengel. Von dieser Stiftung ~Malmundarium~ oder ~Malmidarium~ (~a malo mundatum~) soll die Stiftung ihren Namen erhalten haben.[6] Als Remaclus Bischof von Tongern (nach andern von Mastricht) wurde und eine eigene Diözese besaß, gefiel es ihm nicht, sein Kloster einem fremden Sprengel einverleibt zu sehen, und er beschloß deshalb, sich einen zweiten Konvent zu gründen, nämlich in dem 1½ Stunden westlich von Malmedy gelegenen, zu seinem Bistum gehörigen Stavelot. Dort entstand bald (gegen 650) eine weitere prächtige Abtei, und von da an blieben die beiden hochangesehenen, mit vielen Vorrechten ausgestatteten Schwesterklöster Stavelot-Malmedy, deren spätere Fürstäbte souveräne Herrscher waren, vereinigt.

Bei der Teilung des Reiches Karls des Großen kam das Land, in welchem die beiden Klöster lagen, mit zu Lothringen, das so lange ein Zankapfel zwischen Frankreich und Deutschland sein sollte. Daß Stavelot und Malmedy bald zu dem einen, bald zu dem andern Lande gehörten, beweisen die Urkunden aus jener Zeit. Beide Abteien wurden im 10. Jahrhundert unabhängig, ebenso wie die von Trier, Prüm, Echternach u. s. w. Besonders Malmedy lag in einer schönen Gegend, denn der hl. Bernhard sagt: ~Malmundarium totius Arduennae vallis amoenissima~. Man wird wohl nicht irre gehen in der Annahme, daß schon damals die nationalen Gegensätze sich wenigstens in der Nähe von Malmedy bemerkbar machten. Während die Ober- und Niederfranken die Thäler der Mosel, Saar, Sauer, Ur, Ahr, Erft und Ruhr (Roer) besetzten, blieben die Thäler der Amel (Amblève) und Warche im Besitze der zurückgedrängten Kelto-Romanen, wo diese noch heute den romanischen Volksstamm der Wallonen bilden. Malmedy und Umgebung wird also schon damals ein Vorposten des späteren Wallonentums gewesen sein.

Die beiden Klöster waren seit ihrer Gründung eng mit einander verbunden und bildeten eine freie fürstliche Abtei. Diese war abgabefrei, hatte aber die Verpflichtung, dem Kaiser Heeresdienste zu leisten. Zwei Punkte in der Geschichte der Abtei sind bemerkenswert, zunächst, daß Stavelot das einzige Kloster war, dessen Oberhaupt Rang und Rechte eines Fürsten hatte und gleichzeitig zum Kriegsdienst verpflichtet war, dann daß der Doppelkonvent, obgleich eines und desselben Ursprungs, zwei verschiedenen Diözesen zugehörig war. Die Einweihung der Kirche und Altäre von Stavelot geschah durch den Bischof von Lüttich, während der Erzbischof von Köln diese Handlungen im Abteibezirk von Malmedy vornahm. Bis zur französischen Revolution hatte jedes Kloster sein eigenes Kapitel, seine eigenen Novizen usw. Beide Kapitel waren gleich und von einander unabhängig. Das zu den Klöstern gehörige Gebiet war gemeinschaftlich, ebenso wie sie nur einen Abt hatten, zu dessen Wahl beide gleichberechtigt waren. Aber schon der hl. Remaclus zog Stavelot vor, wo er auch begraben wurde. Seither mußten auch die Mönche von Malmedy ihre Gelübde am Grabe des Heiligen ablegen. In Stavelot residierte gewöhnlich der Abt und dort hielten die Kapitel ihre Versammlungen ab. Diese Bevorzugung Stavelots wurde in Malmedy nur ungern gesehen und gab zu manchen Differenzen Anlaß, die später sogar zu der Teilung der Güter führte.

Im Uebrigen war das geistliche Fürstentum ein kleines selbständiges Staatswesen, das weltlich nur vom Kaiser und geistlich direkt von Rom abhing. Es vereinigte Jahrhunderte hindurch ein glückliches, draußen in der Welt fast unbekannt gebliebenes Völkchen. Die Benediktinermönche rodeten die Wälder aus und bebauten die Felder. Reich waren sie ursprünglich nicht; dieses bezeugt ausdrücklich Christian Druthmare (840), der mehrere Jahre bei ihnen gelebt hatte. Ihre Klosterschulen zeichneten sich durch berühmte Lehrer aus, wie Druthmare, Notger, Everhelm, Theodorich, Wibald, Zantfliet usw. Nicht lange hatte Remaclus seinen Bischofssitz inne; schon im Jahre 660 leistete er auf denselben Verzicht und kehrte nach seiner Abtei zu Stavelot zurück, wo er um das Jahr 669 starb; noch heute werden die Gebeine des heiligen Ordensmannes in der Pfarrkirche daselbst aufbewahrt. Mit dem Tode des Gründers endete aber sein Werk nicht; nicht weniger als 77 Fürstäbte zählt man als Nachfolger des hl. Remaclus, von denen neun heilig gesprochen wurden, während viele andere es in den Wissenschaften und in der Politik zu hohem Ansehen brachten. Die Großen Europas, insbesondere die deutschen Kaiser und Könige, wetteiferten darin, die Fürstäbte von Stavelot-Malmedy mit Ehren- und Gunstbezeugungen auszuzeichnen. Leider ist durch die Verwüstungen, denen die Abteien zu verschiedenen Zeiten unterworfen waren, wohl nicht zum Mindesten durch die französischen Vandalen, die schließlich den Untergang des Fürstentums herbeiführten, sehr viel Material aus den Archiven der Abteien vernichtet oder zerstreut worden.

Die Nachfolger des hl. Remaclus sind nicht alle dem Namen nach bekannt; ihre vollständige Aufzählung wäre auch ohne besonderes Interesse. Mehrere von ihnen gelangten zu hohen Würden, so der hl. +Agilolfus+, der Erzbischof von Köln wurde. In einer dichterischen Beschreibung des Todes dieses Heiligen wird auch die Schlacht bei Amel (~Amblève~) im Jahre 716 geschildert, die die Vorläuferin der großen Kämpfe Karl Martells werden sollte. Amel (Amblava) wird als ein Ort im Ardennergau, 2 Meilen von Malmedy entfernt bezeichnet. Der hl. Agilolfus soll dort den Martertod erlitten haben. Die Abtei mußte in der folgenden Zeit manche Widerwärtigkeiten erleben, die die Folgen der Kriegswirren waren. Im Jahre 877 wurden die beiden Klöster von den Normannen in Brand gesteckt und der Abt +Hildebald+ mußte mit den Mönchen in die Ardennen flüchten; bei seiner Rückkehr fand er nur mehr Trümmer vor. Als Heinrich der Vogler Lothringen erhielt (zwischen 921 und 924) wurde das Fürstentum Stavelot-Malmedy, das bis dahin die Schicksale Austrasiens und Lothringens getheilt hatte, dem deutschen Reiche einverleibt. ~Arséne de Noüe~ hebt in seiner Geschichte ausdrücklich hervor, daß nach dem Anschluß an das deutsche Reich die Abtei Stavelot-Malmedy aufblühte („~c’était l’aurore de la restauration qui se levait sur le pays~“). Der hl. +Odilon+ richtete die Klöster wieder auf, deren bürgerliche und religiöse Verwaltung in Verfall geraten war. Er berief dorthin den berühmten Notker (Notger, Notakar) aus St. Gallen, der später Bischof von Lüttich wurde und das Leben des hl. Remaclus schrieb. Er leitete die Schulen der Abtei, die damals in hohem Ansehen standen. Er predigte in lateinischer und jener romanischen Sprache, die später das Wallonische wurde (~Vulgari plebem, clerum sermone latino erudit~). Erst der Abt +Werinfrid+ ließ die Klosterkirche von Malmedy, welche von den Ungarn nach dem Einfall der Normannen zerstört worden war, wieder aufbauen. Unter seinem Nachfolger +Ravengère+ wurde sie vollendet und am 10. September 992 vom Erzbischof von Köln geweiht zu Ehren der Heiligen Petrus, Paulus, Johannes, Quirinus und Justus. Der neue Abt ließ in Malmedy, das inzwischen eine Stadt geworden war,[7] die St. Gereons-Pfarrkirche bauen und am 2. November 1007 von dem Erzbischof Heribert weihen. Die von dem hl. Agilolfus gegründete St. Laurentiuskirche, die als gemeinsame Kirche diente, wurde 1661 zur Verschönerung der Abteikirche, an die sie angelehnt war, abgerissen. Später wieder aufgebaut, wurde sie mit der Abteikirche ein Raub der Flammen bei dem großen Brande von 1689.

Der hl. +Poppo+, dessen Leben der Mönch und spätere Abt Everhelm aufgezeichnet hat, war einer der größten Aebte des Reichsfürstentums. Er regierte von 1020 bis 1048. Nach dem Tode des Abtes Bertrand hatte Heinrich III. ihn als dessen Nachfolger wählen lassen. Stadt und Kloster Stavelot, die mit dieser Wahl nicht zufrieden waren, lehnten sich gegen ihn auf, und Poppo mußte nach Malmedy flüchten; der Sturm legte sich übrigens bald. Obschon Poppo 32 Abteien unter seiner Leitung vereinigte, zog er doch Stavelot und Malmedy vor und residirte am liebsten daselbst. Da bildete er auch die Aebte heran, die er an die Spitze der Klöster stellte, die seiner Leitung unterstellt waren. Er verkehrte viel mit Fürsten und vereinbarte im Jahre 1032 zu Divillers eine Zusammenkunft zwischen Kaiser Konrad und dem König Heinrich von Frankreich, die durch eine lange Feindschaft getrennt gewesen waren. Er ließ in Stavelot eine prachtvolle Kirche in romanisch-byzantinischem Stile errichten, die unter der französischen Revolution zerstört wurde. Als frommer Ordensmann wußte er in den ihm unterstehenden Klöstern die gelockerte Disziplin wieder zu heben und die Ordnung wiederherzustellen; wie es heißt, wurde in Folge seines strengen Verfahrens in Trier der Versuch gemacht, ihn zu vergiften.

Sein Nachfolger wurde +Theodorich+, ein Mönch von Stavelot, unter welchem der Streit über den Vorrang der beiden Abteien -- denn auch Malmedy führte den Namen Abtei -- zu lebhaftem Ausdruck kam, so daß es beinahe zu einer Trennung gekommen wäre.[8]