Malmedy und die preußische Wallonie
Part 6
Ein aufmerksamer Beobachter wird zugeben müssen, daß bei der niederen Bevölkerung das Französische sichtlich abgenommen hat. Das Wallonische bleibt aber natürlich bestehen.
[25] Vgl. Grandgagnage-Scheler, ~Dictionnaire étymologique~, und W. Altenburgs Abhandlung über Lautgeschichtliches.
[26] Es geht den Bewohnern von Malmedy in der Hinsicht noch schlimmer, als denjenigen des französischen Sprachgebiets im Reichslande: die Sprache bleibt zwar französisch, aber sie verarmt und verkümmert. Man ist gezwungen, viel aus dem Deutschen zu übersetzen, und für manche Bezeichnungen muß man erst französische Ausdrücke suchen. Diese sind dann meistens für Franzosen unverständlich. So würde es keinem Franzosen einfallen, hinter der „~Régence~“ die Regierung in Aachen zu suchen. Landrat, Amtsgericht u. s. w. werden überhaupt nicht übersetzt, obschon man schon einigermaßen entsprechende Ausdrücke dafür finden könnte.
[27] Ein Malmedyer, der Lehrer des Französischen am Gymnasium in Mülhausen i. E. wurde, hat eine Sammlung französischer Gedichte veröffentlicht: ~Poésies lyriques par Joseph Lebiere. Malmédy, F. J. Lemoine.~ 1882. Eine neue Auflage erschien unter dem Titel: ~Poésies, par Joseph Lebierre. Nouvelle édition. Strasbourg, Imprimerie alsacienne, ancᵗ. G. Fischbach.~ 1896. Diese Sammlung ist in französischen Zeitungen sehr beifällig besprochen worden. Sein Bruder ~Florent Lebierre~ hat einige wallonische Lokalgedichte geschrieben.
[28] Der Kreisschulinspektor ~Dr.~ Esser in Malmedy hat sich besondere Verdienste um den Volksschulunterricht erworben. Die in den Schulen der preußischen Wallonie befolgte Methode wird sogar von dem Franzosen ~Henri Gaidoz~ sehr gelobt. Näheres findet man in der Einleitung zu: „100 deutsche Anschauungs- und Sprachübungen für die Unterstufe der preußischen Volksschule mit Kindern nichtdeutscher Nationalität.“ Dortmund, Crüwell 1879.
VII.
Die Sitten und Gebräuche.
Die Einwohner halten nicht bloß an ihrer Sprache, sondern auch an ihren +Sitten+ und +Gebräuchen+ beharrlich fest. Man findet dort auch einige hübsche +Sagen+, besonders von Zwergen, die im Wallonischen ~Sottais~ (von ~sous terre~) genannt werden, weil sie sich meistens unter der Erde aufhielten, oder ~Nuttons~ (von ~nuit~), weil sie nur während der Nacht zum Vorschein kamen. Die bemerkenswertesten dieser Sagen findet man in der Zeitschrift „~Wallonia~“[29] erzählt. Es würde mich zu weit führen, wenn ich hier darauf eingehen wollte.
Die preußischen Wallonen lieben wie ihre belgischen Stammesgenossen die +Feste+. Fastnacht wird mit vielem Lärm gefeiert, und die „~Semaine~“ verfehlt nicht, eine Beschreibung von zwei Folioseiten zu bringen. Allerdings ist die Polizei ziemlich strenge, denn die Polizeistunde ist für die drei Fastnachtstage „ausnahmsweise“ auf 1 Uhr Nachts festgesetzt. Früher scheint es etwas ungezwungener hergegangen zu sein, denn jetzt wird noch jedes Jahr daran erinnert, daß die unter der Bezeichnung „~Egyptiennes~“ bekannten Masken verboten sind. Hermann Rehm sagt:
„In Malmedy trägt man allem karnevalistischen Mummenschanze große Sympathien entgegen, doch hat der Fasching, wie er in dieser Stadt gefeiert wird, neben vielem Geräuschvollen manches Schöne und Originelle. Der Zug des „~trouvl’ai~“ (Holzspaten), die sog. „~Massitours~“, die „~Haguette~“,[30] die charakteristischen Pierrottänze, das sind Dinge, welche man in einer anderen Stadt nicht zu sehen bekommt. Bei der Maskerade bleibt nichts der Willkür überlassen, Kleidung, Bewegung, Rufe und Gesänge, alles wird durch die herkömmlichen Formen geregelt. Die aus der altitalienischen Komödie herübergenommenen Masken haben sich beim Karneval einer besonderen Beliebtheit zu erfreuen. Zu Fastnacht werden ferner in den Gesellschaftszirkeln häufig Gelegenheitspossen, von Einheimischen in französischer oder wallonischer Sprache verfaßt, aufgeführt.“
In der Nacht vom 1. Mai pflanzen die jungen Leute Bäumchen vor den Häusern ihrer Freundinnen auf, ebenso am Tage der Verlobung. Dabei singen sie dann „~lu Nutte du Maie~“ (~la Nuit de Mai~), ein in der Wallonie volkstümliches Lied, sozusagen die Lokalhymne von Malmedy. Sie wurde von einem dortigen Dichter Florent Lebierre verfaßt, dessen Bruder Olivier sie in Musik gesetzt hat.
Jedes Jahr wird der Martinstag mit seinen alten symbolischen Bräuchen gefeiert. Schon einige Zeit vorher gehen die Knaben von Haus zu Haus, um unter Absingung wallonischer Lieder Holz und Stroh zu erbitten. Am Martinsabend wird auf einer Höhe ein großes Feuer angezündet, um welches die Jugend tanzend und springend sich bewegt. Hier gelangt auch das wallonische Volkslied, das ja allmählich durch das deutsche Lied verdrängt wird, zu Ehren. Singend kehrt man in die Stadt zurück, um den an jenem Abend üblichen Reisbrei zu verzehren.
So recht ländlich ist auch ein anderes Vergnügen, „~Cusnée~“ genannt: man begiebt sich in Gesellschaft aufs Feld, um in einem frei brennenden Feuer Kartoffeln zu braten, die mit Butter bestrichen genossen werden. Häufig wird auch Bier dazu getrunken oder ein Liebeslied gesungen. Oft versteigt man sich auch zu einem ländlichen Tanz, einem „~bal champêtre~“. Die Bedeutung des Wortes „~Cusnée~“ oder „~Küssnee~“ hat sich allmählich erweitert; man bezeichnet darunter auch jede Landpartie, sowie gesellige Zusammenkünfte in der Stadt selbst.
Eine wirkliche Unsitte sind die auf dem Lande vorkommenden „Leichenschmäuse“, Gastereien bei der Totenwache, gegen welche die Behörden und die Presse schon oft geeifert haben, ohne sie jedoch verdrängen zu können.
Herr Gymnasiallehrer Zander aus Aachen, der mehrere Jahre in Malmedy thätig war, beschreibt in einer Plauderei[31] einige andere interessante Gebräuche. Ich gebe den mir vom Verfasser freundlichst zur Verfügung gestellten Artikel, der auch eine Beschreibung der „~Cusnée~“ enthält, hier vollständig wieder:
„Der Herbst ist die schönste Zeit für die Volksspiele im Freien. Wenn man jetzt des Sonntags auf den Bergen herumklettert, sieht man überall auf den Dörfern und Weilern der Wallonie die Landleute und auch manche Stadtbewohner damit beschäftigt, +Kegel+ zu spielen oder +Schinken zu werfen+. Die Kegelbahn ist viel kürzer als in der Stadt, und die Kugeln sind, wie auch in Süddeutschland vielfach, mit Löchern versehen. In manchen Orten soll der Einsatz recht hoch sein. Das Schinkenwerfen ist nur ein Spiel für kräftige Leute. Zwei hölzerne Balken, 1½ Meter hoch, sind in den Erdboden hineingetrieben und bilden, durch einen Balken von 3 Meter Breite miteinander verbunden, ein Gerüst. An dem wagerechten Balken befinden sich mehrere Nägel, und an diesen werden zu Beginn jedes Spiels hölzerne Schinken mit Kordeln befestigt. Die Spieler stellen sich in einiger Entfernung von diesem Gerüst auf und werfen in einer durch das Loos bestimmten Reihenfolge danach mit schweren eisernen Stäben. Es handelt sich darum, den wagerechten Balken so zu treffen, daß die Kordel, womit ein Schinken befestigt ist, zerreißt. Wem dies gelingt, der erhält den Schinken oder was man sonst verabredet hat. Es kann dabei vorkommen, daß mehrere Schinken zusammen herabfallen. Sicherlich gewinnt nicht immer der Stärkste, sondern wer am geschicktesten den Balken zu treffen weiß, auch werden wohl, wie bei jedem Spiel, Kniffe dabei sein, und wie beim Vogelschießen ist es auch Glückssache. Eine interessante Abart des Schinkenwerfens ist das +Hammelwerfen+. Allsonntäglich kann man jetzt in unsern Wochenblättern lesen: „~Aujourd’hui, dimanche, on jettera un mouton. Qui l’abat, l’a. N. N.~“ (Heute, Sonntag, wird man einen Hammel werfen. Wer ihn herunterschlägt, hat ihn). So lautet die Anzeige eines Gastwirtes, der Gäste dadurch heranzuziehen hofft, daß er ihnen das Vergnügen des Hammelwerfens bietet. Nachmittags gegen 5 Uhr, nachdem man oft schon mehrere Stunden auf demselben Platze dem Schinkenwerfen obgelegen hat, wird der Hammel vorgeführt. Das Tier ist natürlich selten von erster Güte und hat nicht viel Geld gekostet. Es beginnt die Diskussion um die Höhe des Einsatzes. Dabei geht alles in der anständigsten Weise zu; denn der Wallone geht nicht leicht zu Streitigkeiten und Schlägereien über. Aber es wird mit unglaublicher Beredtsamkeit und Lebhaftigkeit gefeilscht, unter vielem Lachen und auf die Tische schlagen. Endlich ist man einig. Das Tier wird geschlachtet und mit einem Hinterbeine an einem senkrecht in die Erde getriebenen Pfahl, 2 Meter über dem Erdboden, festgenagelt, der nach hinten von mindestens zwei schrägen Holzbalken gestützt wird. Die Sehnen der Hammelbeine sind bekanntlich sehr stark, und das Bein ist noch mit einer Kordel an dem Nagel befestigt. Nun wird gerade so wie beim Schinkenwerfen nach dem Pfahl gezielt, und jeder sucht den hintern Teil des Hammels zu treffen. Hierbei benutzt man jedoch nicht die Eisenstäbe, sondern gerade so große hölzerne Balken. Die Reihenfolge der Spieler wird auch hier durch das Loos bestimmt. Der Hammel muß so herunterfallen, daß ein Stück des Hinterbeins an dem Nagel bleibt. Es würde hier nicht gelten, wenn etwa die Kordel entzwei ginge. Das Spiel dauert oft zwei Stunden. Endlich gelingt es einem, das Bein zu zerbrechen, und der Hammel gleitet auf die Erde. Der Sieger wird mit lautem Jubel begrüßt und zieht, mit seinem Hammel beladen, zur Wirtschaft. Dort muß sich der Hammelkönig revanchieren, und seinen Kameraden ~Tournées~ (Runden) werfen. Am Abend bringt er stolz seine Beute heim, aber sein Geldbeutel ist leer. Auch der Hammel macht nicht immer viel Freude, denn gerade die besten Stücke sind durch das Werfen oft ungenießbar gemacht.“
„Ein anderes eigenartiges Volksvergnügen, das man nur hier sehen kann, sind die ~+Cusnées+~. Sobald die Kartoffeln anfangen zu reifen, also von Mitte August ab, werden diese Festlichkeiten abgehalten. Familien, Gesellschaften, junge Leute versammeln sich, um zu schmausen, und die Kartoffeln, wie sie aus der Erde herauskommen, in Asche gebraten, zu verzehren. Nach der Etymologie des Volkes kommt das Wort von ~cuit~ und ~né~, d. h. wie sie geboren werden, werden sie gekocht. In Stavelot heißt das Wort wirklich: ~Cuitnée~. Es heißt aber einfach: Das Kochen, Braten, und ist abzuleiten von ~cuhner~ = ~cuisiner~, ~faire la cuisine~. Eine rechte ~Cusnée~ muß im Freien stattfinden. Da zündet man ein großes Feuer von trockenen Reisern an, und hierauf legt man glühende Kohlen. Auf diesen werden die Kartoffeln in gewaschenem, aber ungeschältem Zustande gebacken, indem man über dieser Schicht ein zweites Feuer anzündet. In weniger als einer Viertelstunde sind sie genießbar. Sie sind von einer gerösteten Kruste umgeben, und ihr Geschmack würde sogar dem wählerischsten Gourmand Ausrufe des Entzückens entlocken. Man bricht sie (schneiden mit dem Messer würde ihnen ein gut Teil ihres Wertes nehmen) und versieht sie tüchtig mit Pfeffer, Salz und Butter. Da sie nicht gerade leicht verdaulich sind, trinkt man Schnaps dazu. Wer seinen Magen daran gewöhnt hat, kann bis zwanzig Stück essen. Der Schmaus wird durch Singen und Tanzen gewürzt. Wenn die Witterung kalt wird, werden die ~Cusnées~ in verschlossenen Räumen abgehalten. Die Kartoffeln sind dann im Backofen auf Asche gebacken. Besonders schön sind die von den hiesigen Gesangvereinen veranstalteten ~Cusnées~. Man hat dabei das seltene Vergnügen, dieselben Leute fortwährend in drei Sprachen -- wallonisch, französisch und deutsch -- sprechen und singen zu hören, und das letztere nicht in dem tötlich langweiligen Unisono des deutschen Kneipengesangs, sondern von geschulten Sängern, die schon bei manchem Wettsingen preisgekrönt worden sind.“
„Die Sitte des Hammelwerfens wird wohl in alte Zeiten zurückreichen. Man darf wohl annehmen, daß früher der Hammel lebendig aufgehängt wurde, und daß rohere Zeiten und Menschen sich an dem Blöken des gequälten Tieres erfreuten. Vielleicht hat die Sitte einen mythologischen Hintergrund, der ja beim Kegelspiel längst nachgewiesen ist. Die Kartoffelmahle können aber nicht älter sein als die Kartoffel; ältere Leute müßten über die Einführung dieser Freudenfeste Bescheid wissen. Sie legen Zeugnis ab von dem Jubel, mit dem die Kartoffel in den ärmeren Gegenden begrüßt wurde.“
Das „Burgbrennen“, d. h. Abbrennen eines Feuers auf einer Anhöhe am ersten Fastensonntag, ist im Kreise Malmedy, wie überhaupt in der Eifel und den Ardennen üblich. Der Ursprung dieser Feuer geht in das heidnisch-germanische Altertum zurück, denn am Burg- oder Schoofsonntag[32] (französisch ~dimanche des brandons~ und ~dimanche des bures~) wird, wie Simrock im Schlußwort zu den Sitten und Sagen des Eifler Volkes von Schmitz (Bd. II, S. 148) ausführt, der Winter in Gestalt einer alten Frau oder Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Am Burgsonntag pflegt man in der Eifel Buchweizenpfannkuchen („Pankech“) und Haferwaffeln zu essen. Auch in der Stadt Malmedy, wo man das Burgbrennen jetzt nicht mehr kennt, werden am ersten Fastensonntage Waffeln gebacken.
~Dr.~ Quirin Esser, der die Sitten und Gebräuche der Wallonie beschrieben hat,[33] sagt, die Bewohner des Dorfes betrachteten es als eine Pflicht, solche Feuer abzubrennen. Sie seien der Meinung, wenn sie es unterließen, würden sie im Laufe des Jahres von einem Unglücke (Brand, Todesfall in der Familie, Verlust im Viehbestande usw.) heimgesucht werden. Zu dem Feuer werden besonders Wachholdersträuche benutzt, die beim Brennen laut knistern. Die Sträucher werden auf einem Wagen auf die Anhöhe gebracht, während die Kinder im Dorfe Stroh und Reisig zusammenbetteln. All dieses Brennmaterial wird um eine hohe Stange oder eine Strohpuppe (~haguette~) aufgehäuft und gegen Abend in Brand gesteckt, während die Bewohner des Dorfes sich ringsum versammeln. Unter Schreien und Jauchzen sieht man dem Feuer zu, während die Jungen und Mädchen um die Feuerstätte tanzen. Stehen an dem Abend viele Sterne am Himmel, so glaubt man, es werde ein reiches Erntejahr werden. Manche behaupten auch, der Wind behalte den größten Teil des Jahres über dieselbe Richtung, wie an jenem Abend, während andere behaupten, die Richtung werde eine entgegengesetzte sein.
Der Johannistag wurde früher in Malmedy von den Kindern gefeiert. In einzelnen Familien wurden sie mit Milch und Kuchen bewirtet; sie bekränzten sich mit Blumen und zogen dann, mit einer Harmonika an der Spitze, durch die Straßen der Stadt und tanzten auf den öffentlichen Plätzen.
Zum Schlusse sei noch ein anderer Gebrauch erwähnt, der anderwärts wohl selten vorkommen dürfte. Schon Wibald erklärt in einem seiner Briefe, niemand dürfte sich in einer auswärtigen Familie verheiraten, ohne die Erlaubnis des ~major~ (~mayeur~), des Verwalters und Vorsitzenden des Schöffengerichts. Dieser Gebrauch ist auf dem Lande lange geblieben. Ein junger Mann, der ein Mädchen aus einem anderen Dorfe heiratete, mußte der Jugend seines Heimatdorfes ein „~droit de sortie~“ bezahlen. In der letzten Zeit des Fürstentums wurde demselben außerdem ein Katzenständchen gebracht. Dieser Gebrauch scheint übrigens in dem Lande ziemlich alt gewesen zu sein, denn es giebt nicht weniger als 15 Verordnungen gegen die ~charivaris~, die bei solchen Anlässen verübten Spektakelscenen.
[29] 13. April 1893.
[30] ~Haguette~ war eine Strohpuppe, welche auf dem Marktplatz zu Malmedy am Abend des Aschermittwochs zum Beschluß des Carnevals feierlich und mit großem „Knalleffekt“ verbrannt wurde. ~Haguette~ ist auch ein Maskierter oder eine besondere Charaktermaske.
[31] Unterhaltungsblatt des Politischen Tageblatts (Aachen) 1893. Nr. 84.
[32] Das niederdeutsche Schoof oder Schöf bedeutet Strohbund oder Strohwisch. Die Jugend sammelt Stroh für das Feuer.
[33] ~Mélusine, Revue de mythologie, littérature populaire, traditions et usages. Dirigée par Henri Gaidoz.~ Paris 1889 Nr. 14, 1890 Nr. 3, 1896 Nr. 4.
VIII.
Die Verdeutschungs-Maßregeln und die Zukunft der Wallonie.
In Malmedy erzählte man mir von einem französischen Schriftsteller, der vor zwei Jahren dort anwesend war, um sich über die Verhältnisse zu erkundigen. Er hat jedenfalls nur mit Einheimischen verkehrt und ist in manchen Sachen schlecht unterrichtet worden. Vorurteilsfrei vermag er die Lage nicht aufzufassen, und ich entspreche nur den Wünschen vieler Bewohner von Malmedy, wenn ich etwas näher auf den Bericht eingehe, den er in dem Organ der geographischen Gesellschaft von Lille veröffentlicht hat.[34] Auguste Descamps hat Wahres mit Falschem vermischt. Er hat manche interessante Eigentümlichkeiten verzeichnet, aber den Charakter der Bewohner hat er durchaus falsch erfaßt, da er sie als unversöhnliche Protestler ansieht. Die Witze, mit denen er seine Abhandlung beginnt, sind kaum der Beachtung wert. „Wo sind“, fragt er, „die Pickelhauben, wo die Notare, Lehrer und Richter mit narbendurchschnittenen Gesichtern, wo die Soldaten mit Brillen, wo die Spießbürger, die im Schlafrock, mit Pantoffeln und Nachtmütze ausgehen und unaufhörlich mit einer langen bis zu den Knieen herabreichenden Pfeife bewaffnet sind, ohne die sie wie Elefanten aussehen würden, welche ihren Rüssel verloren haben?“ Wer diese Bemerkungen als geistreich ansehen will, muß eben über jede nationale Eigentümlichkeit lachen. In Malmedy herrscht allerdings die kurze belgische Pfeife vor, aber die deutschen Spießbürger haben doch nicht die Gewohnheit, im Schlafrock und in Pantoffeln auszugehen.
Man könnte ja darüber streiten, ob Preußen Recht hatte, eine wallonische Gegend zu annektieren, aber es ist doch lächerlich, zu behaupten, es sei arm und habe sich nach dem reichen Malmedy gesehnt; wer so was schreibt, ist jedenfalls nicht über die preußische Wallonie hinausgekommen. Vom nationalen Standpunkt aus wäre es wohl empfehlenswerter gewesen, auf diese Gegend zu verzichten und an Stelle derselben Arlon und Umgebung mit den deutsch sprechenden Gemeinden zu beanspruchen.
Descamps will an dem Aussehen der Häuser und der Gärten „~la positive Belgique~“ erkennen. Nun sieht zwar Malmedy nicht wie eine altdeutsche Stadt aus, aber es verliert doch allmählich sein wallonisches Gepräge. Wenn der Franzose ferner bemerkt, Samstags werde in der ganzen Stadt geputzt (das wird in Lille wohl auch der Fall sein) und die Frauen schütteten den Fremden ganze Eimer voll Wasser über die Beine, so erinnert das an den Engländer, der irgendwo einen Mann mit roten Haaren sah und dann in sein Notizbuch schrieb: „In dieser Gegend haben die Leute rote Haare.“
Es mag sein, daß die Einheimischen von Gestalt etwas kleiner sind, als die Deutschen, aber es ist doch nicht richtig, daß deswegen mehr junge Leute bei der Aushebung zurückgestellt werden, als in anderer Gegend. Descamps läßt sich leicht eine Meinung beibringen, sobald sie ihm in den Kram paßt. Es ist leicht begreiflich, daß manchen jungen Leuten aus Malmedy die Kenntnis des Französischen beim Fortkommen in der Welt von Nutzen ist, allein ich habe nirgends davon gehört, daß ihnen in „königlichen und kaiserlichen Bureaus“ besonders vorteilhafte Stellen („~de grasses sinécures~“) zugewiesen worden seien. Descamps sagt, seit 1876 werde der untere und mittlere Unterricht ausschließlich in deutscher Sprache erteilt, obwohl im übrigen Deutschland zahlreiche Stunden dem Französischen gewidmet seien. Letzteres ist aber nur in den mittleren und höheren Lehranstalten der Fall, denn in den deutschen Volksschulen wird selbstverständlich kein Französisch gelehrt. Ebenso ist es falsch, daß alle Kinder, sogar die altdeutscher Familien, gezwungen werden, den Religionsunterricht in französischer Sprache zu nehmen. Auch ist es nicht richtig, daß nur französisch geredet wird. Kurz und gut, die Broschüre enthält eine solche Menge Irrtümer, daß man allein zu deren Richtigstellung eine ganze Abhandlung schreiben müßte. Ueberhaupt ist der französische Schriftsteller durchaus im Irrtum befangen, wenn er die Malmedyer als widerspenstige Köpfe betrachtet. Sie machen vielmehr den Eindruck guter deutscher Unterthanen. Auch Hermann Rehm hebt hervor, daß die Gesinnung der Bewohner von Malmedy echt deutsch ist. Er fügt allerdings hinzu, daß sie Manches an sich tragen, was an französisches Wesen gemahnt. „Namentlich Höflichkeit und Gefälligkeit“, schreibt er, „zwei Tugenden, die wir bei unsern westlichen Nachbarn in so hoher Ausbildung antreffen, findet man auch in Malmedy in allen Gesellschaftsschichten vor, wodurch der Verkehr mit den Bewohnern dieser Stadt sich zu einem angenehmen und genußreichen gestaltet.“ Von anderer Seite werden die Wallonen als ein reich begabter, lebhaft empfindender Volksschlag geschildert, deren Regsamkeit ihnen allerwärts, welchen Berufen sie sich auch zuwenden mögen, zu günstigem Fortkommen verhilft.
An Opposition denkt niemand in der preußischen Wallonie. Die Beziehungen zwischen den Einheimischen und den Vertretern der Behörden sind durchaus gut. Als im Januar 1896 infolge des kaiserlichen Gnadenerlasses die Gefangenen in Freiheit gesetzt wurden, riefen sie „~Vive l’Empereur!~“ Man spricht dort seine deutsche Gesinnung in französischer Sprache aus. Die Ortsblätter bringen über vaterländische Feste Berichte, die sich manchmal bis zur Begeisterung erheben. Man sieht, daß die Zeitungen keine Rücksicht auf grollende Protestler zu nehmen brauchen, sondern nur dem Gefühl der Bevölkerung Ausdruck verleihen. Bei einigen Einheimischen fand ich allerdings eine gewisse Verstimmung, aber das waren Geschäftsleute, denen der Wettbewerb der Eingewanderten unerwünscht ist. Es ist ungefähr so, wie in einem Orte, wo die alteingesessenen Geschäftsleute mißmutig auf die von auswärts zuziehenden blicken.
Malmedy gehört zum Wahlkreise des wegen seines Eintretens für die Militärvorlage bekannten, durch persönliche Beziehungen zu Hofkreisen einflußreichen Zentrums-Abgeordneten Prinzen von Arenberg. Die Bevölkerung sprach sich 1893 entschieden für die Militärvorlage aus.
Der oberste Beamte in Malmedy ist der Landrat. Der jetzige Inhaber dieses Postens gestand mir offen, daß er Land und Leute noch nicht kenne, weil er erst kurze Zeit da sei. Wie es scheint, wird die Malmedyer „Landratur“ als eine Art Uebergangsposten für solche Beamte betrachtet. Das ist entschieden ein Fehler. In einer derartigen Gegend, wo es auf eine stetige Verwaltungspolitik ankommt, sollte man doch nicht Beamte nur auf einige Jahre unterbringen. Der jetzige Bürgermeister von Malmedy nimmt schon seit sechs Jahren diesen Posten ein. Er ist ein Altdeutscher, hat eine Malmedyerin geheiratet und kommt überhaupt mit den Wallonen gut aus, obschon er gut deutsch gesinnt ist.
Die +Auswanderung+ aus der Gegend war früher anscheinend ziemlich stark, wie überhaupt aus der Eifel und den Ardennen. Die Ortsblätter von Malmedy weisen mit Stolz darauf hin, daß sie von ehemaligen Bewohnern der Gegend in Belgien, Frankreich, Rußland und Amerika gehalten werden. Manche Malmedyer suchen jetzt ihr Fortkommen in Deutschland, wo ihnen die Kenntnis zweier Sprachen an manchen Stellen von großem Nutzen ist. Die +Einwanderung von Altdeutschen+ ist natürlich nur in der Stadt Malmedy ziemlich stark. Durch die politischen Verhältnisse werden die Einheimischen gezwungen, nicht bloß deutsch zu lernen, sondern auch sich den deutschen Verhältnissen anzubequemen.
Eine achtzigjährige Zugehörigkeit zu Preußen hat Malmedy seinen wallonischen Charakter nicht zu nehmen vermocht. Es handelt sich übrigens selbstverständlich hier nicht um eine Sprachinsel, sondern um einen Ausläufer des belgischen Wallonentums. Die Bewohner des Kreises Malmedy stehen mit ihren Stammesgenossen jenseits der Grenze im vielfachen Verkehr, und deshalb dringt das Deutschtum nicht so leicht bei ihnen ein, wie wenn sie isoliert wären.