Lützow's wilde Jagd: Geschichtliche Erzählung

Part 10

Chapter 103,710 wordsPublic domain

»Ja -- aber nichts schönes. Da ist aus der Altmark ein Bursche bei den Husaren, ein Bauernsohn. Ich weiß nicht, wie ich ins Gespräch mit ihm gekommen ... genug, er hat mir erzählt, daß ein Jakob Walther als Knecht im Hause seines Vaters gewesen und von ihm davongejagt worden sei. Aus Rache habe er einen verruchten Baumfrevel verübt, wobei ein Lützower Reiter ihn festgenommen habe. Aus dem Keller, in welchen man ihn eingesperrt hatte, war er entwischt -- wohin? wer weiß es!«

Konrad fühlte, wie das Blut aus seinen Wangen wich, und er rang mit Mühe nach Fassung: Der verlotterte Bursche, der erbärmlich schuftige Verräter, der jetzt noch dazu die Uniform des Königs Jerôme trug, sollte der Sohn dieses grundbraven, herrlichen Alten sein -- es war kaum glaublich! Er wagte nicht zu sagen, daß er selbst jener Lützower war, den der junge Bauer erwähnt hatte, und suchte den wackern Förster zu beruhigen mit dem Hinweis, daß ja eine Täuschung vorliegen könne, daß die Namensgleichheit noch nichts beweise, aber mit gesenktem Haupte sprach der Alte:

»Der ganzen Beschreibung nach ist er's -- und er kann's wohl sein!«

Dann raffte er sich auf, schüttelte sich, als ob er eine Last von sich werfen wolle, streichelte den Kopf seines Hundes, der sich neben ihn gelagert hatte, und sagte:

»Ich hab' ja dich, Konrad, und manchen braven Jungen -- Gott erhalt' euch!«

Dann begann er von anderem zu reden, von der verunglückten Expedition gegen Leipzig und von dem Leben im Feldlager.

Wie die zwei so beisammen saßen, kam ein Husar den Feldweg her; sie achteten wenig auf ihn, bis er nahe war und nun grüßte. Da erkannte ihn Konrad Schmidt -- das war der Bauernbursche aus der Altmark, Friedel. Dieser stutzte einen Augenblick, dann kam er voll freudiger Erregung ganz heran:

»Sind Sie's, Herr Lieutenant? -- Ach Gott, wie oft ich schon nach Ihnen gefragt habe ... und mein Vater läßt auch grüßen!«

Konrad war aufgestanden und hatte ihn unterbrechen wollen, aber nun war das verräterische Wort heraus, und Walther, der sich gleichfalls erhoben hatte, stand bleich und tief atmend da.

»Der ist's wohl, der damals den Burschen -- den -- den Jakob faßte?« stammelte er.

»Jawohl, Herr Oberjäger ...«

»Walther!« rief Konrad, dann umschlang er mit beiden Armen den alten Mann, während Friedel verdutzt dabeistand und nicht recht wußte, wie er sich verhalten sollte. Der Förster schluchzte, und wie er jetzt sein Gesicht hob, rannen ihm die hellen Thränen in den Bart.

»Du hast's thun müssen? -- Und doch, es war brav von dir, ich hätt's auch gethan!«

»Ruhe, Ruhe, alter Freund!« tröstete Konrad, zu Friedel aber sprach er: »Der Oberjäger ist nicht wohl -- laß uns jetzt -- ich suche dich demnächst auf!«

Der Bursche salutierte und ging dann kopfschüttelnd weiter, die zwei andern aber hielten sich noch eine Weile schweigend umschlungen. Dann riß sich Walther los:

»Sieh -- das ist mir altem Bären nicht passiert, seit ich ein Junge war -- 's ist aber auch unendlich bitter. Aber nun ist's mir, als hätt' ich an seinem Grabe gestanden und mein letztes Restchen Liebe ihm nachgeweint. Wenn er mir vor Augen kommt in diesem Leben -- ich kenne ihn nicht! So -- aus ist's -- nun bin ich fertig!«

Mit einer heftigen Gebärde fuhr er sich über die nassen Augen, nahm dann seine Büchse, warf sie nach Jägerart über die Schulter und sprach:

»Komm, laß uns ein wenig gehen -- damit ich mir die dumme Weichmütigkeit verlaufe -- hinüber dort nach dem Walde! 's ist zwar kein rechter Wald wie daheim bei mir, aber es sind doch Bäume! Nach meinem Walde sehn' ich mich manchmal, Konrad, und einmal möcht' ich ihn auch noch wiedersehen. Am liebsten wär' ich darin begraben, wenn mich nicht eine Franzosenkugel mitnimmt! Komm!«

Sie gingen langsam durch den sinkenden Nachmittag und lustig sprang der Hund hinterdrein. Die Kühle des Waldes, das leise Rauschen in demselben that dem alten Förster wohl. Ein Rehbock brach an ihnen vorbei, er lachte hinter ihm drein: »Bist heute sicher, Braunrock -- wir sind noch versehen!« -- Er rief auch den Hund, dem die Jagdlust aus den braunen Augen leuchtete, und der nur widerstrebend ruhig hinter den beiden herschritt.

Ein wunderbarer Friede kam in die Seele des alten Mannes; er träumte sich hinein, als ginge er durch sein Revier und hätte seinen eigenen Jungen bei sich, und erst als es anfing, dämmerig zu werden, suchten sie den Rückweg. Sie hatten schon beinahe die Grenze des Waldes erreicht, als ein Schuß krachte und eine Kugel hart an beiden Gesichtern vorüber fuhr, so daß sie das Pfeifen derselben hören konnten. Im nächsten Augenblicke rauschte es seitwärts in dem von Abendgrauen umhüllten Buschwerk, und auch der Förster hatte sein Gewehr an die Wange gerissen. Aber schon war der Hund vorgesprungen in wilden, zornigen Sätzen, laut bellend, und nach wenigen Augenblicken folgte ein Aufschrei. Die beiden Männer eilten heran und sahen, wie Flott auf einem mit dem Gesicht zur Erde gestürzten Manne stand und ihm die Zähne in den Nacken schlug. Der Mann aber trug die Uniform der freiwilligen Jäger.

Walther rief den Hund zurück, und nun hob sich ein bleiches, verzerrtes Gesicht aus dem Farnkraut -- das Bastians. Konrad Schmidt war tieferschüttert, der Förster empört und erregt.

»_Sie_ sind's?« fragte er grollend und voll zorniger Verachtung. »So weit sind Sie gesunken? Zum Meuchelmord an einem Kameraden? Mit dem Gewehrkolben wie einen tollen Hund müßt' ich Sie niederschlagen -- --«

»Ruhig, Freund!« sagte Konrad, der sich mit größter Mühe bezwang. »Bastian hat jagen wollen und aus Versehen geschossen. Dessen ist er nicht fähig, was du aussprichst!«

»Jagen, wo nichts zu jagen ist? -- Ich alter Waidmann hätt' wohl auch das Wild gespürt, und Flott wäre der elendeste Köter und wert erschossen zu werden, wenn er's nicht gewittert hätte -- nein, die Giftkröte hat das Verderben nach dir spritzen wollen. Sieh ihn an, den Jammerkerl -- dem ist's eine Wohlthat, wenn seine Schande nicht erst an die große Glocke und vor's Kriegsgericht kommt.«

»Das soll's auch nicht, Walther! -- Bastian, sprich: Es war so, wie ich sage: Du hast geschossen in übereilter Jägerhitze ...«

Der Mensch stand bleich da, und sein Verbrechen stand in seinen Zügen; er stotterte hervor:

»Gewiß -- ja, so ist's!«

»Dann ist die Geschichte abgethan! -- Walther, du versprichst mir, davon zu schweigen!«

»Herrgott in deinem Reich! Was bist du für ein guter Junge, Konrad. Gut, ich will's für mich behalten bis auf weiteres, aber ein Auge will ich haben auf ihn, und dir rat' ich's auch. -- Geh, Schuft, und sieh dich nicht mehr um -- es könnt' mich doch gelüsten, dir eine Kugel nachzuschicken. Dein Gewehr laß hier -- denn einem Meuchelmörder trau' ich nicht -- morgen soll's einer von den Unsrigen dir wiederbringen.«

Wie ein gepeitschter Hund schlich Bastian davon durch die Büsche, und heftig spuckte der Förster aus.

»Pfui -- und so ein verlumpter Gesell darf noch den Rock des Vaterlandes tragen? Mir wendet sich die Seele um vor Gift und Galle, und das ganze bischen Frieden, das mir der Wald ins Herz gebracht hat, ist wieder heraus. O wenn's doch bald mit dem Waffenstillstand aus wär' -- daß man auf andere Gedanken käme! -- Konrad, du bist ein ... nein, du bist zu gut für all' das Lumpenpack auf der Welt, und gerade du mußt mit allen zusammentreffen, wie's scheint!«

Der Alte war in fürchterlicher Laune, und Konrad bemühte sich vergebens, dieselbe zu verbessern. Freilich war auch ihm das Herz schwer. Da kannte er nun zwei brave, tüchtige deutsche Väter, und von beiden die bis ins Mark verlotterten Söhne. Woher nur kam es, daß der Apfel so weit vom Stamme fiel?

Zuletzt waren beide schweigsam geworden und schritten in Gedanken nebeneinander hin, bis sie an die Kantonierungen kamen. Da wurden sie mit dem Rufe empfangen: »Morgen marschieren wir aus!« und überall zeigte sich ein so munteres, frisches Treiben, überall Zurüstungen, als ob es morgen schon zum Kampfe gehen sollte, daß es auch den beiden Freunden wieder freier ums Herz und wohler ward.

Es war in der That der Befehl gekommen, daß das Freikorps sofort nach Schwerin zu marschieren und dort und in der Umgebung Kantonnements zu beziehen habe. Dort sollte es weitere Befehle des Generals von Vegesack erwarten, der eine Division des Armeekorps des Generals von Wallmoden befehligte.

Am nächsten Morgen klangen die Hörner, die Trommeln rasselten, Marschlieder erschollen, und frohgemut rückten die Schwarzen aus ihren bisherigen Kantonierungen und zogen über Kyritz, Pritzwalk und Neustadt gegen Schwerin, wo sie am 9. August eintrafen. Kurz vorher aber war ein Reiter bei den freiwilligen Jägern eingeritten, dessen Ankunft allgemeine Freude und Begeisterung hervorrief -- Theodor Körner. An einem Mittag war er da gewesen, frisch und kräftig, und alle hatten sich um ihn gedrängt. Er aber rief immer wieder: »Kameraden -- aus ist's mit dem Waffenstillstand! Krieg wird's wieder, und Österreich geht mit uns! Noch in diesen Tagen werdet ihr die Feuerzeichen von den Bergen leuchten sehen! Hurra!«

»Hurra, hurra!« brauste es, wohin er kam, und er konnte nicht genug der Hände drücken. Lützow war hocherfreut, da er seinen Adjutanten wieder hatte, und noch begeisterter, gleichwie eine Ovation für den Dichter, erklangen jetzt seine herrlichen Lieder sowohl des Tags über beim Marschieren, als am Abende um die Wachtfeuer.

Körner aber hatte besonders herzlich Schmidt begrüßt, und in Neustadt hatte der Kreis der Besten wieder einmal beisammen gesessen und der junge Dichter hatte berichtet, wie er in geschickter Verkleidung aus Leipzig und aus dem gastlichen Hause Wendlers entkommen und glücklich nach Karlsbad gekommen war. Die Heilquellen Böhmens hatten das Ihrige gethan, aber die Sehnsucht nach seiner lieben »wilden Jagd« hatte ihn dabei beinahe verzehrt. Nun brachte er heile Knochen wieder und frisches Blut, das er, wie vordem, bereit war für das Vaterland zu opfern.

Und die Feuerzeichen stiegen auf von den Bergen, zuerst von jenen an der böhmischen Grenze, dann loderten sie empor überall in Deutschland, und alle patriotischen Herzen schlugen höher, und alle wußten, was das zu bedeuten habe: Krieg, Krieg bis zum Äußersten und Letzten für die heiligsten Güter des deutschen Volkes. Im Lager der Lützower war ein Freuen, ein Umarmen und Händedrücken, und der Major, der an den Fronten seiner Leute hingeritten war und dem überall die Begeisterung in stürmischen Zurufen entgegenbrauste, rief mit aufleuchtenden Blicken, immer wieder im Sattel sich hebend: »Kinder -- diesmal gilt's! Siegen oder sterben fürs Vaterland!«

»Siegen oder sterben!« riefen sie alle, und als erst einige die letzte Strophe von Körners Reiterlied angestimmt hatten, da brauste es von tausend Stimmen:

Und wenn uns Gott den Sieg gewährt, Was hilft euch euer Spott? Ja! Gottes Arm führt unser Schwert, Und unser Schild ist Gott! Schon stürmt es mächtig rings umher, Drum edler Hengst, frisch auf! Und wenn die Welt voll Teufel wär', Dein Weg geht mitten drauf.

Am 16. August um Mitternacht ging der Waffenstillstand zu Ende. Zu dieser Zeit standen zwei Bataillone Lützower Fußvolk bereits in Lauenburg, mit ihnen ein Häuflein Reiter, Lützower und Kosaken. Unter der Infanterie befand sich Walther, bei den Reitern Konrad Schmidt, Zander und Bastian. Die kleine Schar hatte Befehl, gegen die vordringenden Truppen des französischen Generals Davoust Lauenburg so lange zu halten, als es die Klugheit erlaube, dann das Flüßchen Stecknitz zu passieren und sich auf Gresse zurückzuziehen.

Lauenburg liegt an der Straße, die von Hamburg ins Mecklenburgische führt, und baut sich in freundlichen Terrassen auf in dem Winkel zwischen dem rechten Ufer der Elbe und zwischen der Stecknitz. Schon während des Waffenstillstandes waren westwärts von der Stadt zwei Redouten errichtet worden, die eine an der Elbe, und zwischen ihnen lief die Landstraße. Sie waren beide schwach und unvollendet. Über sie hinaus senkt sich das Terrain, das von Gräben und Hecken durchzogen ist, bis es allmählich wieder zu mäßigen, von Wald bekränzten Höhen emporsteigt. Aus dem Walde aber mußten die Franzosen kommen, wenn sie sich Lauenburgs bemächtigen wollten.

Auf der Straße gegen Hamburg waren 50 Mann Infanterie vorgeschoben. Die lagerten Artlenburg gegenüber und hatten einige bespannte Wagen bei sich, um sich im Notfalle rascher zurückziehen zu können. Noch weiter vorgeschoben auf der Straße war eine kleine Reiterabteilung, meist Kosaken, dazwischen einige Lützower unter Führung Schmidts.

Es war um Mittag des 17. August. Der Tag war wenig freundlich, und auf den Gemütern der Soldaten lag eine bange, erwartungsvolle Schwüle. Man wußte, daß die Franzosen sofort nach Ende des Waffenstillstands die Feindseligkeiten wieder aufnehmen und von Hamburg her anrücken würden. Man hatte bei Zeiten abgekocht und die Reiter standen bei ihren Pferden, schweigend und erwartungsvoll. Jetzt kamen zwei Kosaken, die als Posten aufgestellt waren, herangejagt. Durch Zeichen gaben sie schon von weitem zu verstehen, daß Truppen hinter ihnen herzogen. Im nächsten Augenblicke folgte ein Kommando, und die Reiter saßen in den Sätteln und zogen sich in ein kleines Gehölz an der Straße, während einer weiter jagte, um das Infanteriepiket zu verständigen.

Die Vorhut eines französischen Regiments erschien. Man sah sie deutlich, jeden einzelnen Mann, da auf der feuchten Straße kein Staub von ihren Tritten aufwirbelte.

»Wir halten sie auf, um der Infanterie Zeit zu schaffen,« sagte Konrad zu Zander. Gleich darauf rückte die kleine Schar dichter aneinander, alle Säbel waren gezückt, alle Herzen pochten. Die Franzosen kamen näher, und nun brach es über sie herein wie Gottes Wetter. Aber sie waren nicht unvorsichtig und unvorbereitet. Im Laufschritt rückten schon die nächsten nach, starrende Bajonette streckten sich den Reitern entgegen, Schüsse krachten und zornige Rufe erklangen. Aber die ersten Reihen der Vorhut wurden doch zersprengt und eine kleine Verwirrung unter die Nachrückenden gebracht, die auf der Straße sich nicht frei entfalten konnten, und ehe die Ordnung wieder hergestellt war, stoben die Reiter bereits windschnell davon, verfolgt von den nachsausenden Kugeln.

Da auch die Infanterieabteilung sich mittels ihrer Wagen eilig zurückgezogen hatte, besetzten die Franzosen den Wald und warfen auch die Tirailleurkette zurück, welche den trockenen Abzuggraben, der durch das Gelände lief, innegehabt hatte. Aber schon rückten die Schwarzen aufs neue vor. Sie schossen nicht, sondern im Sturmlauf kamen sie heran an den Graben mit zornigem, jauchzendem Hurra! und ob ihnen auch die Schüsse der Franzosen entgegenknatterten und mancher Brave getroffen zusammenbrach, sie griffen mit blanker Waffe, mit dem Kolben des Gewehres die Feinde an und jagten sie heraus aus dem Rinnsal. Sie flüchteten die Höhen hinan und nahmen dort Stellung, aber der Mut der Lützower wagte sich auch an diese Position.

»Wollen wir denn müßig zusehen, wie unsere brave Infanterie streitet?« rief Zander, und schon im nächsten Augenblicke kommandierte Schmidt: »Abgesessen! Vorwärts zur Attacke!«

Das kleine Häuflein Lützower Reiter kam sofort dem Befehl nach, nur die Kosaken blieben zu Rosse, und flüchtigen Fußes jagten sie über das Wiesengelände hin durch den Graben. Da sah Zander, wie hart neben ihm Bastian niedersank. Eine Kugel konnte den Burschen nicht getroffen haben, denn man war noch nicht so nahe an die Feinde heran, darum kehrte er sich um zu dem Gefallenen:

»Was ist dir?«

»Ich bin verwundet! Laßt mich liegen!« stöhnte dieser, Zander aber riß ihn empor.

»Wo ist die Wunde?« schrie er -- und da der andere in seiner Verlegenheit keine Antwort gab und sich nur dem Griffe Zanders zu entwinden suchte, rief dieser:

»Verlogener Bube! Feiger Schuft! Wer ists, der sich salvieren will? -- Vorwärts mit dir, oder ich trete dich mit den Füßen zusammen, Niedertracht! Vorwärts mit dir, und wenn du nicht deine Schuldigkeit thust, schieße ich selber dir die Kugel durch den Kopf!«

Er riß den schlotternden Gesellen mit sich fort in rasendem Laufe und erreichte rasch die Gefährten.

»Thu deine Schuldigkeit, wenn ich schweigen soll!« raunte er Bastian zu, dann knatterten die Schüsse und die Eisen klirrten im wütenden Handgemenge zusammen. Der Anprall der Lützower war so heftig, daß die Franzosen geworfen wurden, aber am Rande des Waldes entwickelten dieselben eine sehr bedeutende Streitmacht -- 5 Bataillone und 5 Eskadronen -- und auf der Straße fuhren Geschütze auf, die es unmöglich erscheinen ließen, die Höhen zu halten. So gingen die Lützower zurück, um neuerdings den Abzugsgraben zu besetzen. Aber auf der Höhe, der linken Redoute gegenüber, fuhren jetzt zwei Kanonen und zwei Haubitzen auf, und während aufs neue um den Graben gestritten wurde, griffen auch zwei eiserne Kanonen der Lützower in den Kampf ein.

Das Gefecht wogte den ganzen Nachmittag, und als die Dämmerung einsank, war es noch nicht entschieden. Aber die Schwarzen hatten den umstrittenen Abzugsgraben behauptet.

Am Abend saßen sie um die Wachtfeuer, still, aber nicht mutlos. Draußen am Graben standen die Vorposten, hier aber zählte man die Toten und Verwundeten; man hatte deren mehr als 40. Man hörte durch die Nacht das Wiehern von Pferden und sah den Schein der feindlichen Biwakfeuer. Schlaf kam auf wenige Augen, da man eines Überfalls gewärtig sein mußte. Die Lützower Reiter saßen beisammen, auch sie hatten ihre Verluste, aber das Gespräch war ruhig und mutig. Bastian lag in seinen Mantel gehüllt da -- er schlief oder schien zu schlafen.

»Er thut doch seine Schuldigkeit!« sagte Konrad zu Zander, »und ist im Kern besser als er scheint!«

Der Angeredete spuckte seitwärts in die Glut des Feuers, daß es aufzischte, und antwortete nicht; erst nach einer Weile sprach er:

»Wenn ich seinem Vater nicht zu Dank verpflichtet wäre und der Mann mir nicht leid thäte -- --«

Bastian regte sich im Schlafe, und Zander brach ab.

Die Nacht war still, dunkel und kühl; ab und zu rieselte gegen Morgen ein dünner, nebelartiger Regen nieder. Da knatterten Schüsse. Die Vorposten waren angegriffen und geworfen worden, und nun begann der Streit um den Graben aufs neue. Wiederum dröhnten die tiefen Stimmen der Geschütze, denn auch die dritte eiserne Kanone war in die linke Redoute gebracht worden, und der Feuerwerker Gärtner übernahm die umsichtige und wirksame Bedienung. Abermals drangen die Lützower vor, warfen den Feind aus dem Graben, und trotz des Geschützfeuers ging es stürmend die Höhen hinan. Zander hatte Bastian am Morgen wieder beiseite genommen und ihn im Namen seines Vaters beschworen, sich und dem Korps keine Schande zu machen; stumm, mit verbissenem Groll hatte dieser ihn angehört, dann war er, bleich wie ein Toter, von Zander mit fortgerissen worden. Im Vorwärtsstürmen traf Schmidt auf den Förster; der Alte rief ihm zu: »So gefällt mir's! Vorwärts mit Gott!« Dann trabte er weiter und mitten im Gewühle jagte auch der Hund einher, bellend, als habe er die Pflicht, die Säumigen anzufeuern.

Es war ein hartnäckiges Handgemenge auf der flachen Höhe, die ganze Mannschaft der Lützower stand im Kampfe, und wie auch die Franzosen sich wehren mochten, sie wurden endlich doch geworfen, nachdem sie ihre Geschütze noch auf eine weiter rückwärts liegende Höhe gerettet hatten. Aber auch dahin stürmte ein Teil der Lützower nach, voran der Hund, der die Gegner wütend niederriß, ob er selbst auch blutete, hinterdrein Walther mit dem wackern Oberjäger Stargardt, mit Schmidt und Zander und August Renz. Bastian war nicht unter ihnen. Zander hatte ihn im Gewühl verloren. Ein leichter Streifschuß an der Stirn, nicht mehr als ein Hautritz, ließ ihn niedersinken und dann zurückkriechen, bis er die Redoute erreichte. Mit verbundenem Kopfe blieb er hier liegen, während es oben auf der Höhe heiß und blutig herging. Schwer getroffen sank Stargardt nieder, und Walther und Schmidt übernahmen die Führung der kleinen mutigen Schar, in welcher jeder ein Held war. Aber sie standen gegen die gewaltige Übermacht, und ihr Bemühen, diese zurückzudrängen, war umsonst. Da fühlte Schmidt plötzlich, wie es vor seinen Augen dunkelte und wie die Kräfte ihn verließen.

»Ich falle!« rief er, und der Förster, der das Wort hörte, wendete sich ihm zu. Er sah ihn wanken, und im Augenblicke hatte er auch schon den Arm um ihn geschlungen, um ihn zu stützen, und dabei fühlte seine Hand etwas Feuchtes. Das war Blut, das den linken Ärmel bedeckte, welcher ausgerissen war wie von einem Säbelschnitt. Da galt es kein Überlegen. Der Kampf war nicht zu halten; Walther befahl das Signal zum Rückzug zu geben, und während er selbst den Verwundeten schleppte, drängten sich die andern Genossen um die beiden, wie um sie besonders zu schützen, und so kamen sie wieder zurück bis an den Abzuggraben, den die Lützower besetzt hielten. Der letzte war der Hund, welcher verwundet, aber mit hochgetragenem Kopfe herankam. Das Geschützfeuer der Feinde verstummte; sie nahmen auch nicht mehr den vorliegenden flachen Höhenzug ein, und um die Mittagszeit war eine Unterbrechung des Kampfes eingetreten. Freilich an einen Rückzug der Franzosen war nicht zu denken, man konnte sie höchstens im Vormarsch gegen Berlin um einige Tage aufhalten.

In der Redoute lag noch immer Bastian mit verbundenem Kopfe, als man Konrad brachte und neben ihn niederlegte. Unter den Bemühungen Walthers und Zanders schlug dieser jetzt die Augen auf und schaute verwundert umher. »Was ist's denn mit mir?« fragte er.

»Du hast eins abbekommen, armer Junge!« sagte Zander.

»Ach Thorheit! Das ist ja nicht möglich!«

»Na, das ist doch Blut, und ein ganz tüchtiger Aderlaß!« erwiderte Zander.

»Aber mir ist schon wieder wohl -- und ich schäme mich wahrhaftig, daß ich schwach geworden. Bindet mir irgend einen Lappen um den Arm -- seht ihr, wie ich ihn heben kann, da ist nichts zerschmettert und zerbrochen ...«

Er machte eine Bewegung, aber sein Gesicht wurde doch wieder fahl und vom Ärmel tropfte das Blut, so daß Walther sagte:

»Jetzt hältst du Ruhe, Konrad! Und wenn's auch wohl nichts gefährliches ist, so hast du doch viel Blut verloren, brauchst einen richtigen Verband und ein paar Stunden volle Rast. Wir bringen dich nach Lauenburg hinein zu einem Chirurgus, und du ruhst dich bis morgen wenigstens aus. -- Rede nicht erst, so ist's am besten!«

Schmidt fühlte doch wohl seine Schwäche und fügte sich. Während ihm aber Walther einen Notverband anlegte, wobei es sich zeigte, daß es sich doch wohl nur um eine Fleischwunde von einem Säbelhieb handelte, wandte sich einer der andern Lützower Reiter zu Bastian:

»Was ist denn dir passiert, Kamerad? -- Eine kleine Trepanation des Schädels? -- Siehst mir nicht aus, als wenn du viel von dem «ganz besondern Saft» verloren hättest. Zeig' mal her!«

Er riß dem Überraschten die Binde ab, welche um seine Stirne lag, und rief lachend:

»Was, und wegen des kleinen Ritzes kriechst du hinter die Verschanzung? Ist kein altes Weib da, das den hier mit einem Sympathiespruche kuriert? -- Pfui Teufel ... und das nennt sich einen von Lützow's wilder, verwegener Jagd?«

Spott und Verachtung stand auf allen Gesichtern, und keiner kümmerte sich mehr um Bastian, der mit verbissenem Ingrimm, mit Scham und Zorn zugleich in einem Winkel lag, während Konrad in Begleitung Zanders sich gegen Lauenburg aufmachte, und Walther seinen braven Hund verband.

Die Kämpfe um den Graben nahmen nachmittags wieder ihren Anfang, aber es gelang den Franzosen nicht, die wackeren Lützower zum Weichen zu bringen, und selbst ein noch am Abend von ihnen unternommener heftiger Bajonettangriff hatte keinen Erfolg.