Lützow's wilde Jagd: Geschichtliche Erzählung
Part 11
Wieder senkte die Nacht ihren Mantel über das Kampfgefilde, eine dunkle, unfreundliche Regennacht, die mitunter selbst die Biwakfeuer verlöschte. Die Leute waren müde und mancher sank in tiefen Schlaf, aus dem er nur mühsam aufgeweckt werden konnte. Aber es war keine Spur von Mutlosigkeit in den Herzen. Zander lag neben Walther, zwischen beiden der Hund, den ein Streifschuß nicht bedeutend verletzt hatte, der aber doch ab und zu im Schlafe stöhnte, und Zander erzählte, wie er Konrad gleich bei einem Arzte untergebracht habe und wie dessen Wunde durchaus nicht bedenklich sei. Er berichtete aber auch weiter, daß der Major von Lützow und der General von Tettenborn wohl von Boitzenburg her eingeritten seien, daß der erstere ihn an sein Pferd herangewinkt und den Bericht wegen Schmidt sehr teilnahmsvoll entgegengenommen habe.
Während sie noch plauderten, kam an Walther der Befehl, mit 20 Mann aufzubrechen und eine rechts von der Landstraße in ziemlicher Entfernung postierte Abteilung abzulösen.
Unverzüglich brach der Wackere auf, verabschiedete sich mit warmem Händedruck von Zander, dem er auch den Hund zurücklassen wollte, aber dieser hatte sich schon erhoben und schritt hinter seinem Herrn drein in die Nacht.
Und immer noch rann der Regen, und man hörte sein Rieseln durch die fast unheimliche Stille. Da meldeten die Vorposten das Heranrücken des Feindes, und der Kommandant der ganzen Abteilung, Premierlieutenant von Heyde, ging sogleich mit einer Kompagnie des 1. Bataillons vor, um den an dem Graben gelagerten Tirailleuren zu Hilfe zu kommen. Daß er einer beträchtlichen Übermacht gegenüber stand, konnte ihm nicht zweifelhaft sein, doch suchte er die Franzosen wenigstens so lange aufzuhalten, bis der mittlerweile eingetroffene Befehl zum Rückzug über die sogenannte Palmschleuse oder bei Lanz von den andern Abteilungen ausgeführt wäre. So entbrannte hier aufs neue ein nächtlicher Kampf, der mit um so größerer Erbitterung geführt wurde, als infolge der Nässe die meisten Gewehre versagten und nur mit der blanken Waffe und dem Kolben gearbeitet wurde.
Indes stand weit vorgeschoben seitwärts der Straße Walther mit seinem kleinen Pikett. Durch das nächtliche Dunkel war nichts zu erkennen, aber das Ohr vernahm doch den Marschschritt, das Klirren von Waffen und endlich auch Schüsse. Dem Förster war es klar, daß ein neuer Angriff der Franzosen stattfand, daß es aber nicht möglich sein werde, länger demselben standzuhalten. Er hatte seine Posten vorsichtig ausgestellt, und schweigend harrte das kleine Häuflein dessen, was nun kommen werde. Das dumpfe Knattern der Schüsse in der Nacht hatte etwas Unheimliches, das schien selbst der Hund zu empfinden, der leise winselte. Da kam ein Reiter heran -- es war eine Ordonnanz, die den Befehl brachte, sich bei der Palmschleuse über die Stecknitz zurückzuziehen, und die sogleich weiter jagte, um die Ordre auch andern Abteilungen zu überbringen.
Eben wollte das Pikett abmarschieren, als noch ein zweiter Reiter kam; es war Bastian. Er trug noch immer die Binde um die Stirne, aber man schien seiner Verwundung wenig genug zu achten und gebrauchte ihn als Ordonnanz.
»Befehl des Herrn Lieutenants von Heyde, die Stellung hier auf das Äußerste zu behaupten, bis zur Gegenordre!« sagte er, und Walther sah ihn einigermaßen verdutzt an, auch die andern Soldaten standen erregt in Marschordnung.
»Herr Bastian -- ist das kein Irrtum?« rief Walther, und jener erwiderte: »So war mein Auftrag!«
»Nun denn, Kameraden -- so bleibt nichts übrig, als ehrlich auszuhalten!«
In diesem Augenblicke machte das Pferd Bastians eine kurze heftige Bewegung, und der Reiter rutschte dabei aus dem Sattel.
»Was ist Ihnen?« fragte der Förster besorgt, aber einer der Leute, welcher hinzugesprungen war, sagte beinahe verächtlich: »Er ist betrunken!«
So war es auch, und dem Eindruck konnte sich auch Walther jetzt nicht verschließen; zugleich war es ihm klar, daß von den beiden Ordonnanzen Bastian zuerst abgeschickt worden war, aber infolge seines Zustands sich verspätet hatte, so daß der zuerst erhaltene Befehl zum Rückzuge zweifellos der richtige war. Er sprach das auch dem Elenden gegenüber aus, dem man wieder in den Sattel half und der in seinem unwürdigen Zustande sich gar nicht bemühte, zu leugnen. Er ritt, so eilig er konnte, von dannen, die kleine Abteilung aber marschierte jetzt im Geschwindschritt, um, während die braven Genossen von der 2. Kompagnie sich noch mit dem Feinde schlugen, die Palmschleuse zu erreichen, was ihnen auch glücklich gelang. Von allen Seiten kamen die auf dem Rückzug befindlichen Lützower, um den Übergang über die Stecknitz zu gewinnen, und nachdem auch die letzte Kompagnie über die Brücke sich zurückgezogen hatte, wurde dieselbe in Brand gesteckt.
Nun rückten die Franzosen in Lauenburg ein, eben als der Augustmorgen erwachte. Konrad Schmidt hatte davon keine Ahnung. Er lag im Obergeschoß eines Hauses, das einem Arzte gehörte, einem alten braven Junggesellen, der sich seiner warm und herzlich angenommen hatte, und schlief, da der Blutverlust ihn doch geschwächt und sich zudem ein leichtes Fieber am Abend eingestellt hatte.
Da kam sein freundlicher Wirt in das Gemach. Er sah einige Augenblicke besorgt den Schlafenden an und wollte sich eben wieder entfernen, als von der Straße herauf Trommelwirbel und Marschschritt klang. Konrad wachte auf, sah einen Augenblick starr und verdutzt umher, und indem er sich aufrichtete, fragte er den Arzt: »Was bedeutet das?«
»Die Franzosen rücken in Lauenburg ein,« sagte dieser. Da sprang Schmidt mit einem raschen Satze aus dem Bette und griff nach seinen Kleidern.
»Bleiben Sie ruhig liegen, es ist das Beste -- Ihre Uniform verstecken wir -- ein Entkommen ist auch unmöglich,« -- mahnte eindringlich der brave Mann und suchte ihn auf das Lager zurückzudrängen, aber Konrad stieß ihn in seiner Erregung zurück:
»Wie, ich sollte nicht wenigstens versuchen, zu meinen braven Kameraden zu kommen? Soll ich mir nachsagen lassen, daß ich ein Feigling bin und mich wegen des kleinen Hautritzes da versteckt habe, wie ein altes Weib? -- Nein -- nein!«
Und hastiger noch warf er sich in die Kleider, indes er einen Blick durch das Fenster that. Unten zog eben eine Kolonne französischer Infanterie vorbei. Die Leute sahen abgemüdet aus und kümmerten sich nicht um die Neugierigen, die überall an Fenstern und Thüren sich zeigten. Da beschloß er mit kaltblütiger Kühnheit, sich ihnen anzuschließen. Er drückte den Tschako auf den Kopf, nahm den blanken Säbel unter den Arm, reichte seinem entsetzten Wirte, der noch einmal nach dem Verbande gefühlt hatte, mit einem herzlichen Dankesworte die Hand, und eilte die Treppe hinab. Der erschrockene Arzt sprang an das Fenster und blickte hinaus. Er sah Schmidt zur Thüre heraustreten und wie er kaltblütig jetzt neben den Franzosen hermarschierte, als ob er dazu gehöre. Ihm schlug das Herz vor Angst und Erregung, und unwillkürlich hatte er seine Hände gefaltet wie zu einem stillen Gebet.
Konrad pochte freilich das Herz nicht minder, und ihm erschien es beinahe wunderbar, daß die französischen Soldaten sich um ihn nicht kümmerten. Er mochte so hundert Schritte hart neben ihnen einhermarschiert sein, als eine enge, stille Seitengasse abbog. Mit schnellem Entschlusse trat er beim Vorüberkommen in dieselbe ein, die Leute, die auch hier sich angesammelt hatten, machten ihm Platz, ohne wohl im Augenblicke auch sich darüber klar zu sein, daß dies kein Franzose, sondern ein Lützower sei, hinter ihm schloß sich wieder ihre Reihe, und unaufgehalten ging er nun weiter. Das ganze Städtchen war mit Ausnahme der Straße, durch welche die Truppen marschierten, wie ausgestorben, und so kam er bis an das Thor, das gegen Boitzenburg hinführte.
Da stand ein französischer Posten -- die Feinde waren also durchaus vorsichtig -- aber nur eine Sekunde schwankte Konrad, ob er umkehren solle. Er faßte nach dem Griff seines Säbels, den er unter dem Arme trug, und schritt ruhig weiter. Der Franzose sah ihn kommen und war zunächst, als er die preußische Uniform erkannte, ganz verblüfft, so daß Konrad völlig an ihn herankam.
Nun klang ihm erst das »~Qui vive!~« des Postens entgegen, aber im nächsten Augenblicke hatte er denselben, der wohl einen Angriff nicht erwartet haben mochte, niedergeschlagen und eilte nun, so schnell es seine Kräfte erlaubten, zum Thore hinaus. Ihm war's, als höre er hinter sich Geschrei, aber er sah sich nicht um, er blickte nur vorwärts, wo er auf der Straße einige Reiter merkte; das waren wohl die Kosaken und seine Kameraden, die mit vor Lauenburg gefochten hatten, und er rief sie an. Jetzt wendete sich einer um, und Konrad erkannte Bastian. Auch dieser schien ihn zu erkennen, und ohne ihm zu Hilfe zu eilen, drängte er sein Pferd vorwärts. Aber schon ritt ein anderer eilig heran. Es war Zander.
»Gelobt sei Gott -- Konrad!« rief er. -- »Dich hielten wir schon für verloren. -- Rasch zu mir aufs Pferd!«
Nach wenigen Augenblicken war Schmidt neben dem treuen Gefährten, dessen Roß sie beide trug. So kamen sie mit den andern an die Palmschleuse. Einige versprengte Infanteristen halfen sich, da die Brücke schon zerstört war, hinüber an langen Stangen, welche je zwei auf ihren Schultern über dem Bette des Flüßchens hielten und an denen die andern mit den Händen sich fortgriffen. Die Reiter aber gingen mit den Rossen durch das Gewässer.
Zwischen Boitzenburg und Gresse fand sich die ganze Abteilung wieder zusammen und hielt hier Rast. Hier erst kam manche brave, tapfere That ans Licht und weckte Beifall und Begeisterung, aber hier zeigte sich auch der strenge, ehrenfeste Geist, der in dem Korps waltete und der auch über die Feigheit Gericht hielt. Zwei Soldaten von der 3. Kompagnie des 1. Bataillons wurden von ihren Kameraden ausgestoßen aus ihren Reihen, weil sie ohne ihre Gewehre sich eingestellt hatten. Vergebens erklärten dieselben, daß ihre Waffen in dem sumpfigen Boden an der Stecknitz stecken geblieben seien, umsonst verwendete sich selbst ihr Offizier für sie, die Kompagnie litt nicht, daß sie länger den schwarzen Rock trügen, den sie nach der Meinung der Kameraden entehrt hatten.
In finsterem Schweigen gingen die beiden von dannen, unter den Truppen aber herrschte nach ihrem Abgange noch eine heftige Erregung. Vor allem aber stand die kleine Reiterabteilung, die Konrad geführt hatte, beisammen, und Stimmen wurden allmählich laut, die da riefen:
»Sind wir schlechter als die Infanterie? -- Ist unsere Ehre geringer? -- Fort mit Bastian!«
Konrad war die Angelegenheit peinlich -- er suchte zu beschwichtigen, aber er goß damit Öl ins Feuer.
Einer der Reiter sagte:
»Verzeihen Sie, Herr Lieutenant, das ist nicht mehr Ihre, sondern unsere Sache. Wenn Sie ihm all das vergeben, was er Ihnen angethan, so mag es dabei sein Bewenden haben, obwohl auch das dem Korps nicht zur Ehre ist. Hier liegt die Sache aber doch noch anders. Wir wissen alle, daß Bastian ein erbärmlicher Feigling ist, der mit einem kleinen Hautritz hinter die Front lief -- wir wissen aber noch mehr. Es wird überall davon gesprochen, daß er diese Nacht betrunken gewesen und eine Ordre unrichtig hinterbracht habe, so daß ein ganzes Pikett darüber Gefahr lief, vom Feinde abgeschnitten zu werden, wenn nicht der kommandierende Oberjäger nach besserem Ermessen gehandelt hätte!«
»Ruhig Blut, Kameraden -- und keine Übereilung!« mahnte Schmidt abermals; »wo ist der betreffende Oberjäger?«
»Der Förster Walther!« riefen einige Stimmen, und in diesem Augenblicke kam der Genannte, als ob er gerufen worden, herbei.
»Walther!« rief Konrad ihn an -- »du sollst Zeugnis geben! Bastian ist angeklagt der Trunkenheit und der Fahrlässigkeit!«
»Daran ist nichts zu deuteln! -- Meine ganze Abteilung giebt Zeugnis dafür und keiner ist's, der nicht empört wäre über den Menschen, der schon lange kein ehrlicher Reiter mehr ist!«
»Walther!« rief Schmidt mahnend und bittend; der Alte aber war in Erregung und sagte mit grollender Stimme:
»Nein Konrad -- Herr Lieutenant -- das ist das ganze Korps sich schuldig, daß es den Burschen nicht mehr unter sich duldet, der selbst vor ...«
»Walther!« schrie heftiger Schmidt, aber Zander nahm jetzt das Wort:
»Hier hilft kein Vertuschen und Verbergen! das Maß ist voll, und wenn die Infanterie zwei Männer ausschließt um eines geringen Vergehens, dürfen wir nicht zögern. Ein Feigling ist Bastian ...«
»Und ein Schurke dazu!« rief Walther, und derjenige, welcher vorhin schon den Sprecher der Lützower Reiter gemacht, sagte ernst:
»Herr Lieutenant, ich habe in unser aller Namen zu erklären, daß wir sämtlich diesen Rock, den wir bisher für ein Ehrenkleid gehalten haben, ausziehen, wenn Bastian ihn auch nur eine Viertelstunde länger trägt. Wir wissen genug, und der Oberjäger Walther nennt ihn nicht bloß einen Feigling, sondern auch einen Schurken dazu, und wir haben nicht Ursache, an der Wahrheit des Wortes zu zweifeln -- mit einem Schurken aber sind wir alle verschimpfiert.«
Auch die andern stimmten mit lautem Rufe bei und Konrad sagte:
»Es ist nicht Brauch, zu urteilen ohne zu hören. Laßt Bastian in den Ring treten!«
Schweigend waren die andern einverstanden und schlossen einen Kreis. Der Angeschuldigte, der mit bleichem Gesicht fern gestanden, wurde herbeigerufen, und Konrad, selbst bleich, hielt ihm ruhig vor, wessen man ihn beschuldige, dann schloß er:
»Bastian, hast du zu deiner Verteidigung, zur Beruhigung der Kameraden etwas zu sagen?«
Einige Augenblicke schwieg der Angeredete; er ließ die Augen ängstlich und scheu im Kreise herumgehen und begegnete lauter kalten, verachtungsvollen Gesichtern, nur in jenem Konrads stand stille Teilnahme und Mitleid. Gerade das aber reizte ihn. Er wollte von diesem einen gerade kein Mitleid. Eine heiße Blutwelle schoß ihm jetzt ins Gesicht, zornig bäumte er sich auf, dann aber riß er mit einem plötzlichen Ruck sich den Rock vom Leibe, warf ihn vor Konrads Füße und schrie:
»Ich selber will nichts mehr von euch -- verflucht sei die Gemeinschaft, die ich mit euch gehabt, die ihr den Menschen nur nach schönen Worten meßt! dafür ist der Predigerjunge euch gut ...«
Er wollte noch mehr sagen, aber mit erhobenen Fäusten drangen einige auf ihn ein, und während Konrad »um der Ehre des Standes willen« bat, ruhig zu bleiben, entfernte sich Bastian schimpfend und höhnend. Noch fern auf der Landstraße sahen sie ihn, wie er die geballten Fäuste drohend hob nach den Zurückgebliebenen.
Konrad blieb ernst und stumm, Zander aber, der seine Hand ergriffen hatte, sagte:
»Mir ekelt vor dem Gesellen -- eine widerwärtige Bestie! Gräme dich nicht -- ich weiß, was in dir vorgeht -- und sieh dich um. Hier sind lauter brave Burschen, und alle hängen an dir, ist das nicht ein reicher Ersatz?«
Und die andern kamen, und jeder wollte ihm stumm die Hand drücken, auch Walther trat heran und sagte:
»Er war mehr als ein Feigling -- er war heruntergekommen bis zum Meuchelmörder ...«
»Walther, um seines ehrlichen Vaters willen!« rief Schmidt und legte dem Förster die Hand auf den Arm; der ließ plötzlich den Kopf sinken und murmelte müde vor sich hin:
»Er hat einen ehrlichen Vater!«
Dann seufzte er tief auf und ging langsam, von seinem Hunde gefolgt, von dannen.
Siebentes Kapitel.
Heldentod.
Das Herz erfüllt von Zorn und Scham und Rachbegier hatte Bastian mit eiligen Schritten sich entfernt, und schlug einen Feldweg ein, der nach dem Orte Zarensdorf führte. Auf einer kleinen Erhöhung, wo zwei Bäume standen, hielt er an, warf sich in den Schatten und starrte mit finsteren Blicken hinüber gegen Gresse, wo er die lagernden Lützower schauen konnte. Hätte er sie jetzt alle vernichten können, die dort unten, es wäre ihm eine teuflische Freude gewesen. Was sollte nun mit ihm werden?
Das war die Frage, welche er vor allem erwog. Nach Hause konnte er nicht zurückkehren; Scham und Furcht vor seinem Vater machten ihm das unmöglich; sich eine Stellung suchen, sich verdingen als Arbeiter ... dazu konnte er sich nicht entschließen, wer hätte auch in diesen Zeitläufen ihn annehmen mögen? -- Würde nicht jeder ihm ins Gesicht gesagt haben, ein Bursche wie er gehöre jetzt unter die Fahnen seines Königs?
Er war augenblicklich noch nicht ganz ohne Mittel, freilich lange konnte er damit nicht aushalten, und was dann? Er schüttelte sich, als wollte er die unmutigen und unangenehmen Gedanken los werden, und wandte den Kopf von dem Lager der Lützower da unten weg nach der andern Seite, wo unter ihm Zarensdorf und weiter nach Osten Vellahn mit ihren friedlichen kleinen Häusern aus der grünen Landschaft winkten. Fürs erste wollte er einen Anzug, wie ihn das Landvolk trug, kaufen und sich in eine bessere Stimmung hinein essen und trinken. Langsam erhob er sich, und ohne den Kopf noch einmal zurückzuwenden, schritt er hinab gegen Zarensdorf.
Bei der Schenke hielt er an und sah durch die Fenster hinein. Einige Bauern saßen an dem rohen Tische und rauchten und tranken. Er trat ein und setzte sich zu ihnen. Sie schauten ihn mit einiger Verwunderung an, und einer fragte ihn beinahe mißtrauisch, wo er seinen Rock gelassen habe.
Er erzählte, daß er der Wärme wegen denselben ausgezogen und neben sich gelegt habe in dem kleinen Gehölz, wo er Rast hielt. Dort sei er eingeschlafen und währenddessen habe man ihm das Kleidungsstück gestohlen, ebenso seine Mütze. Es klang nicht besonders glaubhaft, aber in jenen Tagen passierten absonderliche Sachen, und man hatte sich daran gewöhnen müssen, noch ganz andere Geschichten für wahr zu halten. Die Bauern redeten darüber auch nicht weiter, und der Wirt verkaufte ihm eine getragene Jacke und eine Mütze um einen geringen Preis, und da er unmittelbar vor dem Orte auch von seinen Beinkleidern die wenigen militärischen Abzeichen losgetrennt hatte, mochte er jetzt wohl für einen Bauernburschen gehen.
Er erzählte, daß er nach Schwerin wolle, wo er Verwandte habe, und erfuhr dabei, daß dort der französische Marschall Davoust sich befinde, der sich entweder gegen Berlin oder gegen Stralsund wenden werde. Auch die Bauern waren erbittert gegen das fremde Volk und sprachen in ihrer Weise warm von dem heldenhaften Kampfe des Lützower Häufleins bei Lauenburg. Bastian redete nichts dazu, aber es überkam ihn einmal, als müsse er in einer Anwandlung von Stolz erklären, er sei auch dabei gewesen, doch er unterdrückte die Regung; er hätte ja nicht gewußt, was er sagen solle, weshalb er die Fahne verlassen.
So verhielt er sich im Ganzen schweigsam, aß, was der Wirt ihm vorgesetzt hatte und begann, nach seiner Art, viel zu trinken. Das stimmte ihn lustiger, und als erst am Abende noch mehr Bauern in die Schenke kamen, begann er Schnurren zu erzählen und Possen zu treiben, so daß sich alle über ihn ergötzten und er selbst sich behaglich fühlte, wie seit langem nicht, denn er war einmal der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, ja dem eine Art naiver Bewunderung nicht fehlte.
Am andern Morgen hatte er einen schweren Kopf wie nach einer wüsten Nacht, und die ganze Welt sah ihn so grau an, zumal ein leichter Regen niederging. Trotzdem zog er weiter, denn die leere Schenke mit ihrem muffigen Tabaksdunst widerte ihn an. Er wanderte gegen Kammin und von da gegen Wittenburg. Da traf er lustige Genossen und blieb drei Tage. Allgemach aber ging sein Geld zur Neige, und in Wittenburg verkaufte er um einen Spottpreis seine wertvolle Uhr und verlebte nun noch zwei lustige Tage in einem nahen Dorfe. Es war, als ob der Grundsatz des Königs Jerôme von Westfalen auch ihm in Fleisch und Blut übergegangen wäre.
Aber die Ernüchterung konnte nicht ausbleiben, und als erst sein Säckel wieder leer war, überkam ihn beinahe die Verzweiflung. Er hatte sich gegen Schwerin zu gewendet, und wie er durch einen Wald hinschritt, überfiel ihn ein entsetzliches Gefühl seiner Verlumptheit, eine innerliche Öde, ein Widerwillen vor sich selbst, und er hielt Umschau unter den Bäumen, welcher wohl am besten geeignet sein könnte, um sich daran zu erhängen. Unter einem Eichbaum hielt er Rast; er legte sich platt auf den Boden und sah empor nach dem grünen Geäst und ließ sein Leben an sich vorübergehen. Da ward er sich selber zum Ekel. Was waren seine Lützower Kameraden für Burschen ihm gegenüber! Die Eichenzweige, die über ihm rauschten, erinnerten ihn daran, daß es der deutsche Baum Wodans sei, mit dessen Laub sich die deutschen Streiter schmückten, die ihn ausgestoßen aus ihrer Mitte, sie erinnerten ihn an den Schwur in Rogau in dem kleinen Dorfkirchlein, wo auch er das grüne Symbol an seinen Tschako gesteckt und etwas von dem Wehen des guten deutschen Geistes gefühlt hatte.
Er suchte in seinen Taschen; er wußte, daß er einen Strick in einer derselben gehabt hatte, und nun zog er ihn hervor. Mit seltsamen Blicken sah er ihn an, da er ihn durch seine Finger gleiten ließ, und dann begann er eine Schlinge zu knüpfen. Er legte sie um den Hals und zog sie zusammen, aber da sie ihm die Kehle leicht schnürte, überlief ihn ein Schauer und er befreite sich wieder von derselben. Abermals lag er jetzt eine Weile träumerisch, und Erinnerungen aus seinen Jugendtagen gingen ihm durch die Seele. Als aber unter diesen auch die Gestalt Konrad Schmidts erschien, und als er an die Züchtigung dachte, die er einst um dessenwillen erhalten, da erfaßte ihn Haß und Ingrimm gegen den Jugendgenossen, gegen seinen Vater, gegen alle Welt, und mit einem raschen Entschlusse riß er sich empor, kletterte an dem Stamme des Baumes hinan und wand das Ende des Strickes um einen Ast. Dann zog er die Schlinge heran, um den Kopf hindurchzustecken, da hörte er plötzlich eine Stimme:
»Halloh, Geselle, was für Dummheiten treibst du denn da?«
Bastian erschrak, daß er von dem Aste herabtaumelte auf die Erde, und dabei kollerte er zwei Soldaten vor die Füße, welche die westfälische Uniform trugen und völlig ausgerüstet waren.
»Eine wunderliche Frucht, die da von dem Eichbaume fällt,« spottete der eine, und der andere stieß ihn mit dem Fuße an und sagte:
»Steh' auf, Bursche! Wenn dir dein Leben so feil ist, so besorgt das eine Kugel viel sauberer, als der Strick. Schäm' dich -- in solchen Zeitläufen sich aufhängen wollen! Tritt unter die Fahnen des Königs Jerôme -- da lebt sich's alleweil lustick!«
Die Leute sprachen deutsch trotz der fremden Uniform; sie sahen auch ganz gutmütig aus, und Bastian überwand rasch seinen Schrecken und seine Verlegenheit. Vielleicht war's just gut so, daß er die da traf in seiner größten Not, da er nicht wußte wo aus noch ein, und rasch erklärte er, er sei König Jerômes Mann, wenn sie ihn brauchen könnten. Da forderten ihn die Soldaten auf, bei ihnen zu bleiben, bis sie abgelöst würden; sie seien hier als vorgeschobener Posten einer kleinen Infanterieabteilung in den Büschen versteckt. Der eine reichte Bastian seine Feldflasche, und dieser stieß an auf gute Kameradschaft.
Nach etwa einer halben Stunde kamen zwei andere Soldaten, um ohne viele Formalitäten die ersten abzulösen, und diese schritten nun mit Bastian durch den sinkenden Augustabend im Walde hin. Am Waldsaume, seitwärts der Straße, lagerten etwa 100 Mann Infanterie, Franzosen und Westfalen, um eine Anzahl schwerbepackter Wagen her. Ihre Wachtfeuer leuchteten gastlich in der Dämmerung, und ihre Pferde grasten friedlich auf dem Anger.
Bastian wurde vor einen Offizier geführt, dem er ein Märchen vorlog und der ihn gegen Handgeld aufnahm unter die Truppen, auch Sorge tragen ließ, daß er einige Uniformstücke und ein Gewehr erhielt. So saß er am Abend unter seinen neuen Kameraden, wie Tags zuvor unter den Bauern, und da es nicht an guter Atzung und einem Trunke fehlte, fühlte er sich bald wieder wohl. Doch galt es bei Zeiten zur Ruhe zu gehen, da der Transport am frühen Morgen gegen Gadebusch aufbrechen sollte. -- --