Lützow's wilde Jagd: Geschichtliche Erzählung
Part 9
Die beiden Freunde schliefen diese Nacht mit der Ruhe des guten Gewissens und sahen am nächsten Morgen wieder in das sonnige Land hinaus, als es draußen von Waffen klirrte. Sie stiegen von der Holzbank. Die Thür aber öffnete sich und ein junger Offizier kam, gefolgt von einigen Soldaten, um sie vor das Kriegsgericht zu führen. Ja der alte Schließer, der ihnen ernst nachsah, hatte recht: die Justiz ging sehr schnell.
Sie wurden über die Straße nach einem andern Gebäude geführt und dort in einen kleinen Saal gebracht, wo an einem länglichen Tische einige höhere Offiziere und der General Garnier saßen. Ein Auditeur, welcher der deutschen Sprache mächtig war, führte das Verhör, das öfters durch barsche Zwischenrufe des Generals unterbrochen wurde. Es währte nicht lange, und da die beiden Gefangenen nicht in Abrede stellen konnten noch wollten, daß sie unter Lützow gefochten, lautete die allgemeine Entscheidung dahin, daß sie als Spione und Aufwiegler ins Land gekommen, und demgemäß wurde auch das Urteil gefällt, das am nächsten Tage bereits vollzogen werden sollte: Tod durch Pulver und Blei.
Ein leises Erbleichen huschte eine Sekunde über die Züge der Freunde, aber keinen Augenblick verloren sie ihre würdige Fassung, und Konrad sagte ruhig und in französischer Sprache:
»Wir protestieren im Namen des Völkerrechts und des allgemeinen Menschenrechts gegen dieses Urteil, indem wir auf Ehrenwort erklären, daß wir nicht Spione sind.«
Schweigen folgte den Worten, einige der französischen Offiziere sahen zu Boden, der General aber befahl barsch die Gefangenen abzuführen. In ihrer Zelle sanken sich beide in die Arme, hielten sich schweigend umfaßt und Zander sprach dann:
»Konrad, sie sollen uns nicht schwach noch feige finden!«
»Bei Gott nicht!« erwiderte dieser, und wieder stiegen sie auf ihre Warte, um noch einmal die Welt zu sehen. Am Mittag brachte der Schließer ihnen Wein und eine reichlichere Mahlzeit, und sie aßen mit ruhiger Heiterkeit und dachten an Sokrates, wie er mit seinen Jüngern sich unterhielt, ehe er den Giftbecher trank.
Langsam verging der Nachmittag und doch schnell für die beiden, die jeder Pendelschlag rascher dem frühen Ende entgegenführte. Langsam dämmerte der Abend, und in ihre enge, kleine Zelle kam er früher noch, ehe er sich auf die Welt draußen niedersenkte. Der Schließer hatte das Abendbrot gebracht, hatte sie auch mit unverkennbarer Teilnahme gefragt, ob er ihnen noch irgend etwas zu Gefallen thun könne, und da sie ihn baten, einige Grüße, die sie auf Blätter ihrer Taschenbücher an ihre Angehörigen und Freunde geschrieben, zu bestellen, war er dazu bereit, und jeder händigte ihm zugleich den Rest seines Geldes ein.
Es kam die Nacht, die letzte, und sie hatten sich nebeneinander gebettet, unausgekleidet ... da ging noch einmal die Thür auf. Der Schließer, der eine Laterne trug, öffnete einem Offizier in westfälischer Uniform und hieß ihn eintreten. Die Lützower erhoben sich und erkannten bei dem müden Lichtschimmer den Lieutenant Karl ..., der sie hierher eskortiert hatte. Er sagte mit einer seltsam bewegten Stimme, die einen ganz andern Klang als vorher hatte:
»Meine Herren, Ihre Unschuld hat sich herausgestellt, und ich komme im Auftrage des Generals, um Sie noch einmal zu ihm zu führen und Ihnen die Freiheit zu verkünden.«
Überrascht, erstaunt sahen die Freunde erst den Sprecher, dann sich selbst an; der erste aber sprach:
»Ich bitte ohne Verzug mir zu folgen.«
Aber auch der alte Schließer trat jetzt heran:
»Verzeihen Sie, Herr Lieutenant! Die Herren hatten mir Grüße zu bestellen gegeben; soll ich das noch besorgen?«
»Nein, braver Alter!« sagte Zander -- »ich hoffe, das können wir nun selbst besorgen.«
»Aber das Geld?« sprach verlegen der Mann.
»Ach so! -- Ja, etwas davon werden wir wohl nun brauchen. Wir haben dem wackern Mann unsere Barschaft gegeben!« fügte Konrad erläuternd bei.
»Mag er es behalten!« sprach der Lieutenant; »für Ihre Weiterreise wird gesorgt werden. Doch nun rasch. Der General wartet.«
Die beiden reichten dem Schließer die Hand, dann gingen sie mit dem Offizier durch den Korridor, vorbei an den salutierenden Wachen, und traten hinaus in die Nacht. Der Offizier wendete sich schweigend nach einer engen, dunklen Gasse, und hier erst sagte er halblaut, rasch:
»Kennen Sie mich wirklich nicht? -- Ich bin nicht Karl ..., sondern Erich ...«
Überrascht sahen ihn die Freunde an und wollten sprechen, er aber fuhr fort:
»Still, um Gotteswillen! Sehen wir, daß wir die Stadt hinter uns lassen, dann sollen Sie alles erfahren. Wir sind bald am Thore, und die Offiziere sind heute beim General geladen, so daß wir wohl ohne Gefahr entkommen!«
Schweigend, mit rascheren Schritten eilten sie fort. Der Wache, die am Stadtthore stand, gab Erich das Paßwort, und nach wenigen Augenblicken waren sie im Freien. Noch immer schwiegen sie, bis sie nach etwa zehn Minuten langem Wandern einen Wagen fanden, in welchen Erich sie einzusteigen einlud. Sie folgten der Aufforderung, die Pferde zogen an, und in raschem Trabe ging es die Straße entlang, hinein in die Sommernacht.
Jetzt reichte Erich den Freunden seine Hände.
»Gott Lob, wir kommen hoffentlich in Sicherheit und über die Grenze, ehe der Morgen tagt.«
»Aber sprechen Sie um Himmelswillen -- das ist ja wie ein Wunder, daß Sie uns das Gefängnis öffnen, hart bevor es zu Ende gehen sollte,« sagte Konrad, und Zander fügte bei: »Und noch dazu in diesem Aufzuge.«
»Das alles geht ganz natürlich zu; ein wenig Mut und ein wenig mehr Glück -- das ist alles. Als Sie verhaftet wurden, stand es bei meinem Vater und bei mir fest, daß wir alles daran setzen wollten, Sie zu retten. Daß Sie am nächsten Morgen und zwar durch meinen Bruder hierher eskortiert würden, war in der kleinen Stadt, wo man alles sieht und wo außerdem ein gesunder Haß gegen die Fremden vorhanden ist, bald bekannt; was Ihnen hier von Garnier drohte, konnte nicht zweifelhaft sein. Mein Plan war jetzt rasch gefaßt. Ich wußte von dem Burschen meines Bruders, einem gutmütigen beschränkten Menschen, mir unter dem Vorwande einer Reparatur eine Uniform des Letzteren zu verschaffen, und habe mich niemals so gefreut, daß wir beide einander täuschend ähnlich sahen. Dieselbe führte ich wohl verpackt bei mir, als ich hierher fuhr, und bei einem Freunde meines Vaters, der nahe dem Thor wohnt, das auf die Straße nach meinem Heimatsorte führt, abstieg. Ihn weihte ich in die ganze Sache ein, und er hat auch den Wagen beschafft. In seinem Hause lagen wir ununterbrochen auf der Lauer, bis wir sahen, daß mein Bruder heute früh die Stadt verließ. Nun zog ich seine Uniform an, fest überzeugt, daß der Schließer, an welchen er Sie gestern übergeben hat, mich für ihn ansehen werde. Ich ließ es Abend werden, begab mich dann zu ihm, meldete ihm, daß der General Sie zu sehen wünsche, weil Ihre Sache sich anders herausgestellt habe, und der alte gutmütige Bursche, dem jedenfalls nichts Schlimmes widerfahren wird, war nicht schwer zu täuschen. Das heutige Paßwort erfuhr ich durch meinen Wirt, der Beziehungen zu Offizieren hat, die nicht besonders dem König von Westfalen gewogen sind und es darum mit ihrer Pflicht ihm gegenüber nicht ernst nehmen, und so sind wir glücklich heraus aus den gefährlichen Mauern. Und nun fahren wir zu Lützow -- denn ich bin der Eure!«
Kräftig fügten sich die Hände der jungen Männer ineinander. In herzlichen Worten dankten die beiden Lützower dem prächtigen Menschen, der seinerseits glücklich war über ihre Befreiung, und den sie warm als einen der Ihrigen begrüßten.
Mild und weich lag die Sommernacht über dem Lande, der Mond glänzte, und die Bäume, unter denen sie hinfuhren, rauschten leise -- den drei Menschen aber war es zu Mute als wären sie nie so selig gewesen. Als sie gegen Morgen in die Nähe der Grenze kamen, verließen sie den Wagen, um nicht am Grenzpfahl angehalten zu werden, und dieser fuhr leer weiter nach dem nächsten preußischen Städtchen, wo er sie wieder erwarten sollte. Erich aber, der die Gegend kannte, führte die Freunde auf geheimen Wegen glücklich hinüber auf sicheres Gebiet, und als der Morgenschimmer die verjüngte Erde küßte, waren alle drei im Hause eines Vetters Erichs auf preußischem Boden geborgen. Hier legte dieser seine Uniform ab und schickte sie mit einigen Worten an seinen Bruder, dem er mitteilte, daß er seinen schlechten Streich wieder gut gemacht habe in seinen Kleidern und daß er um deswillen ihm selbst vergeben wolle.
Der Kutscher sollte Wagen und Pferde auf anderem Wege zurückbringen, aber der brave Bursche wollte nichts wissen vom König »Alleweil lustick!« sondern wollte auch unter die Waffen des Königs von Preußen treten, und gern nahmen ihn die andern mit sich, um ihn gleichfalls Lützow zuzuführen. Wagen und Pferde brachte Erichs Vetter selbst an Ort und Stelle und berichtete dabei sowohl dem wackern Eigentümer wie dem erfreuten Vater Erichs, daß die Flucht wohlgeglückt war.
Zu viert setzten die jungen Männer ihren Weg fort, und Erich, der wohl mit Geldmitteln versehen war, machte den Zahlmeister. »Er lieh es den Freunden und dem Vaterlande,« wie er sagte.
In Brandenburg hielten sie einen Tag Rast, und da sie eben in ihrem Gasthause beim Mittagessen saßen, fuhr ein Reisewagen vor. In unbewußter Neugier schauten sie zum Fenster hinaus und sahen einen älteren Herrn und eine junge Dame aussteigen. Im nächsten Augenblicke aber war auch Schmidt aufgesprungen und hinaus geeilt. Gleich darauf sahen die Zurückgebliebenen, wie er den beiden Reisenden die Hand reichte und wie das schöne Mädchen auf freier Straße ihn küßte.
Jetzt erkannte Zander die beiden: Es waren ~Dr.~ Wendler und seine Tochter. Sie traten ein, und das Gesicht Konrad Schmidts strahlte vor Glück und Freude.
»Meine Braut -- ~Dr.~ Wendler!« und dann stellte er die andern vor, auch den braven Kutscher, den man nicht aus der Gesellschaft lassen wollte, und dann saßen alle sechs um den runden Tisch, und da niemand sonst in der Stube war, mochten sie frei und nach Herzenslust erzählen. Auf die Frage, wie ~Dr.~ Wendler mit seiner Tochter hierhergekommen, berichtete dieser, daß er im Begriffe sei, Elise zu einer Großtante nach Bremen zu bringen, die sehr an dem Mädchen hänge, zur Zeit schwer krank sei und dasselbe vor ihrem Ende dringend zu sehen verlange. Die Familie schulde der alten braven Dame viel, und so seien sie ihr auch diesmal zu Willen gewesen trotz der Beschwerden der Reise und der unruhigen Zeit. In Potsdam bei einem Oheim hätten sie zuvor Rast gemacht, und dadurch seien sie auch zu dem Umwege über Brandenburg veranlaßt worden.
~Dr.~ Wendler wußte auch zu erzählen von dem immer lebhafter werdenden Herzenswunsche des deutschen Volkes, daß der Waffenstillstand, der bis Anfang August geschlossen war, kein Frieden werden möge, und wie zu einem solchen, allem Anscheine nach, auch keine Aussicht vorhanden sei. Mit Freuden nahmen die jungen Männer diese Mitteilung auf, und die Sehnsucht nach den lieben »schwarzen Genossen« wurde zumal bei den beiden Lützowern noch lebhafter.
So wurde der Tag in schöner Gemeinschaft verlebt, und Konrad war vor allen glücklich. In Elisens Seele aber loderte eine Begeisterung, die eines Mannes wert gewesen wäre, und am liebsten wäre sie selbst mitgegangen, um ihr Herzblut der Sache des Vaterlands zu weihen. Schmidt war stolz auf seine Braut.
Am andern Morgen schied man nach herzlichem Abschiede und mit beiderseitigen Segenswünschen. Dann wendete sich der Reisewagen, aus dem noch lange das weiße Tüchlein Elisens grüßend wehte, auf die Straße gegen Magdeburg, während die vier Genossen den Weg nach Rathenow einschlugen. Vor der Stadt draußen in einem Eichenhaine rissen sie kleine Zweige von den Bäumen und schmückten sich damit, und hell in den sonnigen Morgen hinein klang es:
Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein? Hör's näher und näher brausen. Es zieht sich herunter in düsteren Reih'n, Und gellende Hörner schallen darein Und erfüllen die Seele mit Grausen. Und wenn ihr die schwarzen Gesellen fragt: Das ist Lützow's wilde, verwegene Jagd.
Sechstes Kapitel.
In Kampf und Drang.
In der Nähe von Havelberg, da wo die Havel in die Elbe läuft, stand das Lützowsche Freikorps in den Julitagen des Jahres 1813. In den Kantonierungen herrschte ein reges Leben und Treiben, und über die Muße des Waffenstillstandes suchte man sich, so gut es irgend gehen mochte, wegzuhelfen. Die nach der Affaire von Kitzen gedrückte Stimmung war allmählich gewichen, und zumal die Lücken wieder ergänzt waren, wuchs auch die Kampfesfreudigkeit und der Thatendrang.
An einem schwülen Nachmittage, just als im Westen ein Wetter aufzuziehen schien, kamen unsere vier Genossen bei den äußersten Kantonierungen an, und Schmidt und Zander schlugen die Herzen höher, als sie von weitem schon die ersten dunklen Uniformen sahen. Es war Infanterie, welche hier lagerte und deren Lagerwache sie anhielt, aber sogleich passieren ließ, als Schmidt berichtete, wer sie seien. So gingen sie mitten durch die im Sonnenschein sich tummelnden Leute. Eine kleine Gruppe derselben erweckte ihre besondere Aufmerksamkeit. Sie kamen näher an diese heran und sahen, wie ein kräftiger älterer Mann, die Pfeife im Munde, die Uniform mit den Oberjägerschnüren aufgeknöpft, damit beschäftigt war, einen Rehbock auszuweiden. Er kniete bei dem Wilde, und andere waren ihm behilflich oder sahen behaglich zu in angenehmer Erwartung des Schmauses, der hier winkte. Ein schöner Jagdhund stand zwischen den Männern, deren heiteres Plaudern man schon weithin hörte.
Über Konrad kam eine seltsam-freudige Erregung. »Flott!« rief er laut, und das schöne Tier wendete den Kopf und spähte nach der Richtung, woher der Ruf kam. Als dieser zum zweiten Male näher klang, machte der Hund einige Schritte vorwärts, dann aber kam er in langen Sätzen heran, lustig bellend, mit dem Schweife schlagend, und sprang hoch an Konrad hinan, der ihn freudig und freundlich liebkoste, aber nun rascher noch der Gruppe zuschritt.
»Holla, Kameraden, fällt da auch etwas für uns ab?« rief er, da er nahe kam, und bei diesem Worte ließ der Oberjäger sein Weidmesser fallen und sprang auf.
»Konrad!« -- »Walther!«
Und wie Vater und Sohn hielten die beiden sich umschlungen, dann gab der wackere Förster Zander die Hand und begrüßte auch die beiden andern.
Bald waren die vier Ankömmlinge im Mittelpunkte des Interesses; man drängte sich um sie, sie mußten erzählen und sich manches erzählen lassen, und als erst das Wetter mit Blitz und Donner niederging, und man genötigt war, ein schützendes Dach zu suchen, da rückte man noch näher zusammen, ein frischer Trunk ging im Kreise, und Erich und der brave Kutscher Barthel fühlten sich binnen kurzem hier völlig heimisch. Da klang die allgemeine Begeisterung, in die man allgemach sich hineingeredet hatte, aus in Theodor Körners prächtigem Reiterliede:
Frisch auf, frisch auf mit raschem Flug! Frei liegt vor dir die Welt, Wie auch des Feindes List und Trug Uns rings umgattert hält. Steig', edles Roß, und bäume dich, Dort winkt der Eichenkranz! Streich' aus, streich' aus, und trage mich Zum lust'gen Schwertertanz!
Da stand mitten unter den Singenden die Gestalt des Majors von Lützow, ohne daß er sogleich beachtet wurde. Erst als er den regentriefenden Mantel abnahm und näher trat, brach das Singen ab und die Leute erhoben sich, er aber rief:
»Bleibt sitzen, Kinder, laßt euch nicht stören, und reicht auch mir einen Trunk und laßt mich ein wenig trocken werden!«
Jetzt traten Schmidt und Zander in militärischer Haltung vor ihn hin:
»Volontäroffizier Schmidt und Oberjäger Zander melden sich gehorsamst wieder zum Dienst!«
Lützow fuhr überrascht zurück:
»Heidenelement -- ihr Schwerenöter, seid ihr endlich wieder da? -- Na, brav gehalten habt ihr euch, und das Freikorps ist euch Dank schuldig, habt auch manchen braven Burschen geworben, aber am meisten freut mich's, daß ich euch selber wieder habe.«
»Wären aber beinahe nicht wieder gekommen, Herr Major!« sagte Zander.
»Donnerwetter -- habt doch nicht desertieren wollen?«
»Behüte Gott, aber die Welschen wollten uns füsilieren und hätten's auch besorgt, wenn der da nicht war!«
Schmidt zog Erich herbei und stellte ihn vor; dann erzählte er, wie es ihnen ergangen. Lützow hatte sich mittlerweile mit an einen der Tische gesetzt, und als es Abend ward und er von Walther zu frischem Rehbraten eingeladen wurde, nahm er gern an, und der ganze Verkehr zeigte, wie sehr der Führer und sein Freikorps miteinander verwachsen waren.
Das Wetter war lange verrauscht, eine angenehme Kühle lag über Feld und Flur, da schritt der Major, von Schmidt, Zander und Erich begleitet, gegen Havelberg; Barthel war zurückgeblieben bei dem Förster, um in die Infanterie eingereiht zu werden. Noch am Abend aber suchten die Zurückgekehrten ihre eigentlichen Genossen auf, die sie mit großer Freude begrüßten; Friesen stellte ihnen auch eine Anzahl neue vor, darunter manchen, den sie selbst geworben, und in allen Herzen loderte dieselbe Begeisterung, die gleiche Kampfesfreudigkeit.
Als man schon auseinander gehen wollte, kam Bastian. Er sah, daß Konrad der Mittelpunkt war, um welchen alles sich drehte, und die alte Gehässigkeit schoß ihm ins Blut; auch schien er nach seiner Gewohnheit nicht ganz nüchtern zu sein.
»He, Hähnchen, haben dich die Welschen nicht gebraten? -- Na, du verstehst ja, dich zu salvieren!«
So rief er, und der Ton war so hämisch und spöttisch bitter, daß Konrad seine gewohnte Ruhe vergaß, von seinem Sitze aufsprang, den andern an der Brust packte und erregt sagte:
»Was willst du damit behaupten? Ich verbitte mir alle gehässigen Anzüglichkeiten.«
»Oho, das Hähnchen will hacken -- gieb acht, daß du nicht eins auf den Schnabel erhältst!«
Konrad versetzte dem andern einen Stoß vor die Brust, daß er taumelte, aber im nächsten Augenblicke hatte dieser seine Waffe blank gezogen und drang auf den Wehrlosen ein, ehe jedoch noch die andern zuspringen konnten, war schon Zander dem Erregten in den Arm gefallen und hatte mit raschem, kräftigem Griff ihm den Säbel entwunden.
Es herrschte allgemeine Aufregung, keiner war auf seinem Sitze, alle schrieen durcheinander, die beiden Gegner aber standen jetzt wie festgebannt. Zanders laute, zornig erregte Stimme klang durch den Lärm:
»Soll ich ihm die Waffe zerbrechen, nachdem er sie so unehrlich gezogen hat?«
Er stemmte bereits den Fuß gegen die Klinge, während Bastian todbleich und regungslos darauf hinstarrte, da sprang Konrad vor:
»Halt ein! -- ich bin die Veranlassung gewesen zu der häßlichen Scene! Ich mußte Bastians Worte nehmen für das, was sie sein sollten -- für Scherz! Gieb ihm die Waffe wieder, Zander!«
Schweigend, unmutig reichte sie dieser Bastian, der finsteren Blicks und schnell danach griff; Schmidt aber trat an diesen heran und sagte:
»Entschuldige, wenn ich heftig war -- mir liegt wahrlich nicht daran, den Frieden und die gute Kameradschaft zu stören, noch weniger aber, den neuen Kameraden zu zeigen, daß wir hier nicht eins sind!«
Er reichte dem andern die Hand, der aber nahm sie nicht und schritt finster und wortlos hinaus. Konrad stand bleich vor Erregung, Zander aber, Friesen und andere traten auf ihn zu und faßten nach seinen Händen.
»Bist ein braver Kerl -- ein goldiger Junge -- ein famoses Haus!« klang es durcheinander, und Zander fügte bei:
»Laß dich's nicht grämen, Konrad! Wir wissen's alle: der Bursche, der da gegangen, ist eine Eiterbeule an unserem gesunden Leibe, die, sobald es gehen wird, weggeschnitten werden muß. Wär's ein anderer Kerl, so würd' ich sagen: Nimm ihn vor die Klinge, weil's gerade Waffenstillstand ist, und ich wollte das Gleiche thun, obgleich zwei Gegner viel zu viel für ihn sind, aber solch' Gelichter straft man mit stiller Verachtung. Schad' drum, und der Kerl hat einen so braven Vater. Prosit, Konrad!«
Alle drängten heran, um mit Schmidt anzustoßen, und von der Thür her rief eine gröhlende Stimme:
»Heiliger Fridolin! -- Was feiert ihr denn da für ein Jubiläum -- bin auch dabei!«
»Rittmeister Fischer -- hurra!« schrie Zander, und während die andern vorschriftsmäßig grüßten, trotzdem der alte Offizier energisch abwinkte, sprang er schon auf ihn zu.
»Ach, mein verpfuschter Theologe -- na Gott Lob, daß Ihr da seid!« sprach der Rittmeister jovial, indes er ihm die Hand drückte.
»Ja, 's wär doch schade um mich gewesen, wenn ich bei Kitzen hätte daran glauben sollen.«
»Redet mir nicht von der verfl... Affaire! Wenn ich dran denke, krieg' ich das Gliederreißen -- -- ah, da ist ja auch Schmidt ... na, ich konnt' mir's denken -- ihr seid doch wie -- -- na, wie die beiden ollen Griechen ...«
»Philemon und Baucis,« rief einer.
»Das müssen wieder andere sein« -- sagte Fischer gutmütig; »na, egal, weil ihr nur wieder da seid, denn los geht's doch wieder. Ich hab' heut so ein Vöglein pfeifen hören. Der Major hat eben jetzt eine Allerhöchste Kabinetsordre erhalten, daß wir an das 3. Armeekorps attachiert werden und unter dem Generallieutenant von Bülow stehen werden. Das ist ein ganzer Mann, Gott schütz' ihn! Und das Faullenzerleben hier bei Havelberg hört auf, wir marschieren gegen Nauen und gehen ins Mecklenburgische. Also, hübsch die Klingen gepflegt. Der Waffenstillstand geht bald zu Ende und dann hurra, mit Gott für König und Vaterland! So, jetzt hat euch der alte Fischer eine Rede gehalten, und jetzt gebt mir was zu trinken!«
Laute Hurrarufe durchbrausten den Raum und die Gläser klangen.
Schon in den nächsten Tagen steckten sie in der lieben schwarzen Uniform; auch Erich fühlte sich in derselben außerordentlich wohl und glücklich. Sie tummelten sich zu Roß unter den treuen Gefährten, die frisch darauflos exerzierten, als ob es jeden Tag wieder angehen müßte. Nur einer war darunter, dem man die Verdrossenheit und das Unbehagen anmerkte -- Bastian. Seit jenem Abend wichen ihm die meisten seiner Kameraden aus, wo es möglich war, und er verkehrte nur mit einigen wenigen, die nicht viel anders geartet waren als er, und die der Umstand bei ihm hielt, daß er ihnen stets eine reich gefüllte und offene Hand zeigte und sie am Wirtshaustische freihielt.
In ihrem Kreise machte er auch kein Hehl aus seinem blinden Hasse gegen Schmidt und that Äußerungen, die Schlimmes fürchten ließen. Zander hatte durch Zufall davon gehört und seinem Freunde gesagt:
»Nimm dich in acht vor der Canaille, Konrad, daß sie dir nicht einmal heimtückisch und meuchlerisch kommt. Ich will mit aufpassen, und Gnade ihm Gott, wenn ich ihn bei Unrechtem erwische; ich zertrete ihn wie einen Wurm.«
Schmidt hatte den Aufgeregten beruhigt und war an demselben Nachmittag nach dem Lagerplatze der Infanterie gegangen, um seinen Freund Walther aufzusuchen. Er traf denselben, wie er eben sein Gewehr putzte. Es war im Freien, im Schatten einer Buche, und neben dem Alten beschäftigte sich in gleicher Weise ein junger Jäger, ein hübsches, frisches Blut mit einem weichen, beinahe mädchenhaften Gesicht.
»Kamerad _August Renz_,« stellte ihn der Alte vor, und Konrad reichte ihm die Hand. Da die beiden Freunde bald in ein wärmeres Gespräch gerieten, entfernte sich der junge Mann mit freundlichem Gruße, und der Förster sagte:
»Das ist ein prächtiger Mensch, Konrad, so ruhig und so brav. Er liebt nicht die Gesellschaft, aber wenn's gilt, steht er seinen Mann. An mich hat er sich besonders angeschlossen, und ich hab' ihn auch herzlich lieb gewonnen. O daß mein Junge so wäre!«
Ein tiefer Seufzer schwellte dem Alten die Brust und Flott kam heran und leckte ihm die Hand. Der Förster lehnte seine Büchse an den Baumstamm und sagte wieder:
»Komm, laß uns sitzen! Hier ist's ruhig -- und ich sehne mich nicht nach Gesellschaft, zumal seit ich weiß, daß mein Junge nicht da steht, wo er sein müßte, und ich hier so viele herrliche Menschen um mich sehe.«
»Hast du denn irgend eine Nachricht von ihm?«