Luthers Glaube: Briefe an einen Freund

Part 9

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Vom Allerheiligsten, dem Geiste, sagt Luther, daß es dunkel bleiben soll, und zwar damit das Licht Gottes darin scheinen könne: das Licht scheinet in der Finsternis. Von dem gegensätzlichen Verhältnis zwischen Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein war schon die Rede, daß nämlich das eine auf Kosten des anderen wächst und schwindet. Wir sollen Gott in allen seinen Äußerungen Raum lassen. Wie wir das Kind im Schoße der Mutter verborgen wachsen lassen müssen, wie wir Knospen nicht gewaltsam öffnen dürfen, so sollen wir auch Gott in unserem Geiste reifen lassen, ohne das geheimnisvolle Werk voreilig zu stören. Dauernder Betrieb, hastige Geschäftigkeit verscheucht den Gott der Tat: Tell taucht aus dem Dunkel auf zur großen Erlösertat, um dann wieder zu versinken. Ebenso wächst das Wort der Wahrheit im Schweigen und Hören. Du kennst das Gleichnis von Martha, die sich viel zu schaffen machte, während ihre Schwester Maria zu Jesu Füßen saß und seinen Worten zuhörte. Martha, Martha, du machst dir viel Sorge und Mühe, sagte er, aber eins ist not. Dies, was not ist, ist der Glauben, das Stillesein vor Gott, damit er in uns wirke, ein vorübergehendes Zurücktreten, Auslöschen also des Selbstbewußtseins. Ich habe dabei das geometrische Bild vor Augen und sehe, wie die dunkle Sphäre des Geistes zurückgedrängt wird, wenn die erleuchtete Sphäre der Seele zu stark anschwillt; das eine lebt auf Kosten des anderen, sowie die Persönlichkeit ein gewisses Maß übersteigt, leidet Gott. Füllt die Seele das Allerheiligste ganz aus, so muß, wie das Bild unwiderleglich zeigt, früher oder später ein völliges Versiegen folgen, da ja der Seele ihr Inhalt aus der innersten Sphäre zuströmt, die mit Gott eins ist.

Ohne irgendeinen berauschenden Lethe ertrüge der Mensch das Leben nicht, und es strömen ihm zwei Brunnen des Selbstvergessens im Schlaf und in der Liebe. Es hat mir eine hohe Meinung von Keplers Seelenkenntnis gegeben, daß er an Wallenstein die »allzeit wachen Gedanken«, das emsige, unruhige Gemüt als etwas nicht Geheures hervorhebt; diese beständige Wachsamkeit, die uns als strafbare Neugier oft in Sagen begegnet, die Unfähigkeit, sich von dem stets regen Selbst abzulösen, verzehrt die Kraft des Menschen, wie das Licht die Kerze verzehrt. Die Nacht, aus der er gekommen ist, muß auch im Leben ihren Anteil an ihm behalten; Entziehung des Schlafes tötet, und Lieblosigkeit ist schon der Tod. Daß Gott die Welt aus Nichts geschaffen hat, muß man tiefer fassen, als gewöhnlich geschieht; er, der nie einen Augenblick zu schaffen aufhört, läßt sie in jedem Augenblick aus dem Chaos aufsteigen, und es muß umgekehrt Chaos da sein, damit geschaffen werden kann.

Vollkommene Unpersönlichkeit und deshalb vollkommenes Unbewußtsein finden wir beim Kinde; denn es hat sich noch nicht zum Selbst entwickelt. Es ist das Nichts-von-sich-wissen und Nichts-für-sich-wollen, was den Erwachsenen am Kinde entzückt, das göttliche Dunkel des verlorenen Paradieses. Kindes Hand ist leicht zu füllen, sagt das Sprichwort; es greift nach einem Sonnenstrahl, den es nicht halten kann, ja, nur im Anschauen leuchtet es vor Glück. Es ist ganz und gar aufnehmend, im Nicht-Ich aufgehend, ein klarer Spiegel der Welt. Jesus sagte: »Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: wer nicht das Reich Gottes nimmt als ein Kind, der wird nicht hineinkommen.« Gott herrscht in dem reinen Herzen, das nichts von sich weiß; es ist also unmöglich, daß ein Mensch göttliche Kraft habe, der sich das reine Herz, das Unbewußtsein des Kindes nicht trotz des Selbstbewußtseins, durch das jeder hindurch muß, bewahrt.

Daß es möglich ist, Person und doch Kind, selbstbewußt und zugleich gott- oder unbewußt zu sein, beweist jedes Genie und Luther selbst vor allen. In den Tischgesprächen, wo er sich ganz unbefangen äußert, spricht sein kindliches Herz am klarsten; vernehmbar ist es aber in jedem seiner Werke, ja, ich möchte sagen: in jedem seiner Worte. In fast übermenschlicher Liebestätigkeit vergaß er immer wieder sein Selbst; dies Selbst, diese gewaltige Persönlichkeit, welche sich oft dagegen wehrte in Qualen, die ihn an den Rand des Todes brachten; aber immer wieder ging das gereinigte Herz siegreich hervor und mit ihm die frisch betaute Welt.

Als ein Mittel, das ihm in diesen Kämpfen geholfen habe, führt Luther die Beichte an; ohne sie, meint er, würde der Teufel ihn überwunden haben. Die Zwangsbeichte der katholischen Kirche allerdings verwarf er; nur die Beichte, die freiwillig aus dem Herzen fließt, hielt er für nützlich. Der freiwillig Beichtende nämlich äußert so viel von sich, wie schon in seiner Seele, in seinem Selbstbewußtsein ist, und er denkt, wenn er davon befreit ist, nicht weiter über sich nach, wodurch er der Gefahr der Selbstzergliederung entgeht; bei der erzwungenen Beichte dagegen wird man zur Selbsterforschung angeleitet. Kein Priester soll sich anmaßen, die »Heimlichkeit des Herzens« zu erforschen; denn über das Herz hat kein Mensch Gewalt, als den edelsten Teil des Menschen hat Gott es sich vorbehalten, das heißt: es soll nur freiwillig sich öffnen und geben. »Die Reue, die man zubereitet durch Erforschen, Betrachtung und Haß der Sünden, wenn ein Sünder mit Bitterkeit des Herzens seine Zeit bedenkt, der Sünde Größe, Menge und Unflat bewegt, dazu den Verlust ewiger Seligkeit und Gewinn ewiger Verdammnis, die macht nur Heuchler und größere Sünder.« Auch vor anderen und vor sich selbst muß der Mensch Ehrfurcht haben, denn im Menschen offenbart sich Gott; es ist Schamlosigkeit, einem anderen, aber auch sich selbst die letzten Geheimnisse des Herzens zu erpressen, und eine gewisse ängstliche Verlegenheit verrät diejenigen, die diese von Gott gezogene Grenze überschritten haben. Es verrät sie auch ihre Ohnmacht; denn Selbstbetrachtung macht unfruchtbar. Dadurch, daß man sich nach außen ausströmt, rettet man sich vor der Selbstentweihung, die zugleich Entweihung Gottes ist. Vielleicht erinnerst du dich, daß wir den Ungläubigen als denjenigen bestimmten, der sich selbst anbetet, und Selbstbetrachtung ist ja Selbstanbetung. Von solchen Menschen sagt Paulus, daß sie immerzu lernen und nimmermehr zur Wahrheit kommen. »Es sind Menschen, die haben einen verrückten Sinn, untüchtig zum Glauben. Aber sie werden fortan nichts mehr schaffen.«

Beiläufig bemerkt, halte ich es für einen Erziehungsfehler, wenn man den Kindern als ungehörig verweist, von sich selbst zu sprechen; wenigstens sollte man es nur tun, wenn man ihnen zugleich ein solches Interesse für das Nicht-Ich erwecken kann, daß sie sich selbst darüber vergessen. Die meisten Menschen denken desto mehr an sich, je weniger sie von sich sprechen. Jeder sollte einen Freund haben, dem gegenüber er sich gehen lassen und sich aussprechen kann; und wer gar keinen hat, ist wohl durch Selbstanbetung unlösbar an sich gekettet. Wohl demjenigen, dem ein Gott gab, zu sagen, was er leidet; in diesem Sinne nennt Luther einmal die Psalmen das wahre +gnôthi sauton+.

Für mein Gefühl ist es der Mangel an Naivität in den heutigen Menschen, der den Umgang so schwer macht und bewirkt, daß man fast am liebsten mit Menschen aus dem Volke verkehrt. Der siebenarmige Leuchter der Seele hat begonnen, alle Winkel des Allerheiligsten hell zu machen; man ißt, trinkt, geht, atmet bewußt, man zerrt und nagt an jeder Knospe. Etwas wesentlich Unwillkürliches und Unbewußtes ist der Tanz; aber heute macht man ein schweres Studium daraus. Dahin gehört auch die heutige Mode, wonach Frauen sich ganz oder fast ganz unbekleidet öffentlich sehen lassen unter dem Vorwande, das Anschauen des nackten menschlichen Körpers gehöre zur künstlerischen Bildung. Nach meiner Meinung gehört die Nacktheit zu den Mysterien; es ist ein Sakrileg, sie öffentlich in irgendeiner bewußten Absicht zur Schau zu stellen, sei sie auch moralisch oder edel. Alle wahrhaft schönen Darstellungen nackter Frauen in der Kunst sind sicherlich dadurch entstanden, daß ein Künstler seine Geliebte malte. Wie ein Dichter nur einen Menschen, braucht ein Künstler nur einen Körper ganz zu kennen; aber diesen muß er lieben. Der Körper braucht nicht vollendet schön zu sein, die Liebe ersetzt, was fehlt. Das Studium des Nackten kann »vor der Welt« nützlich sein, und es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man es studiert; aber das Beseligende der nackten Schönheit kann nur von dem Liebenden genossen werden, dem sie sich aus Liebe enthüllt. Sie gehört nicht in einen künstlich beleuchteten Saal vor das Publikum. Ebenso mag es für die Welt nützlich sein, wenn man die Jugend über die Mysterien der Liebe aufklärt; aber die Liebe muß sterben, wenn man sie aus ihrem göttlichen Dunkel reißt.

Es ist selbstverständlich, daß man nicht davor zurückschrecken wird, auch die Kindlichkeit künstlich herzustellen, und vielleicht wird man sich zum Zwecke der Unbewußtheit Freunde halten und ihnen sein Herz ausschütten, lebhafte Liebestätigkeit entfalten oder Schlafmittel nehmen und dadurch nur immer bewußter werden. Alles, was aus dem Herzen kommt, gibt nur die Gnade; Vorläufer der Gnade sind aber das Gesetz und die Not, und so muß man wohl auf diese hoffen.

XII

Als ich dieser Tage in Schopenhauer blätterte, fand ich, daß er als körperliche Grundlage des Genies ein stark entwickeltes Gehirn betrachtet; indessen, fügte er hinzu, mache weder das allein noch auch ein feines Nervensystem das Genie vollständig, sondern es müsse ein leidenschaftliches Temperament dazukommen, körperlich sich darstellend als ungewöhnliche Energie des Herzens und folglich des Blutumlaufs, zumal nach dem Kopfe hin. »Denn hiedurch wird zunächst jene dem Gehirn eigene Turgeszenz vermehrt, vermöge deren es gegen seine Wände drückt, daher es aus jeder durch Verletzung entstandenen Öffnung in diesen hervorquillt; zweitens erhält durch die gehörige Kraft des Herzens das Gehirn diejenige innere, von seiner beständigen Hebung und Senkung bei jedem Atemzuge noch verschiedene Bewegung, welche in einer Erschütterung seiner ganzen Masse bei jedem Pulsschlage der vier Zerebralarterien besteht, und deren Energie seiner hier vermehrten Quantität entsprechen muß, wie denn diese Bewegung überhaupt eine unerläßliche Bedingung seiner Tätigkeit ist. Dieser ist eben daher auch eine kleine Statur und besonders ein kurzer Hals günstig, weil auf dem kürzern Wege das Blut mit mehr Energie zum Gehirn gelangt; deshalb sind die großen Geister selten von großem Körper.«

Du erinnerst dich vielleicht, daß Luther mit Paulus den Menschen als eine Dreieinigkeit von Geist, Seele und Leib darstellt, und daß ich dich bat, dir diese Dreieinigkeit als eine Kugel vorzustellen, deren innerste Sphäre der Geist sei. Der körperliche Ausdruck des Geistes ist das Herz, so daß du Geist für Herz setzen kannst, und da Geist Gott ist, könntest du auch Gott für Herz setzen, mit der selbstverständlichen Einschränkung, daß deshalb Gott und das einzelne Herz sich nicht decken. Das Herz ist wie eine Bucht, in die das Meer einströmt, und die das in ihr gesammelte Meer einem bestimmten Lande zuteilt. Man kann dabei an das in der Gebärmutter wachsende Kind denken, und wie das mütterliche Blut in es hineinfließt. Wenn du dir vorstellst, daß man, dieser Übertragung folgend, das Blut vom Kind zur Mutter zurück und immer weiter zurück bis zu einer angenommenen Urmutter verfolgen kann, so gibt das ein Bild von der Verknüpfung des einzelnen mit der Unendlichkeit durch das Herzblut.

Daß nach der Auffassung der Bibel und Luthers Gott durch das Herz mit dem Menschen verbunden ist, habe ich schon mehrmals erwähnt; du dachtest dabei aber wohl nicht an das körperliche Herz und nahmst es mehr für einen bildlichen Ausdruck. »Die Liebe Gottes«, heißt es in den Römerbriefen, »ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.« Die Wiedergeburt bestehe darin, sagt Luther, daß man ein neues Herz und neuen Mut gewinne. Niemals werden die göttlichen Dinge in Verbindung mit der Seele, dem Sitz der menschlichen Vernunft, gebracht, nur insofern, als die Seele vom Geist erleuchtet werden kann. Ich betone das deshalb, weil die meisten Menschen jetzt, wenn sie von Geist sprechen, einen Menschen geistvoll nennen, dabei an etwas Abstraktes, Begriffliches, Anstrengendes denken, eine dunkle Vorstellung von Blaustrümpfen und Gelehrten haben. In Wirklichkeit hat aber der Geist nichts mit dem Kopf zu tun, sondern er offenbart sich dem Herzen, unserem unwillkürlichen Organ, das nicht von uns abhängt, von dem vielmehr wir abhängen. Die geistvollste Frau war jedenfalls Maria, die Mutter des Herrn, ohne Schulbildung, aber voll Liebe, voll Phantasie, voll Heiterkeit, voll von Einfällen, durch welche die Wahrheit hindurchstrahlte. »Des Heiligen Geistes Amt ist nicht Bücher schreiben noch Gesetze machen«, heißt es bei Luther, »sondern daß er ein solcher Geist ist, der in das Herz schreibt und schafft einen neuen Mut.«

Alle genialen Menschen haben dieselbe Ansicht geäußert. »Der Kopf faßt kein Kunstprodukt als nur in Gesellschaft mit dem Herzen. Der Betrachtende muß sich produktiv verhalten, wenn er an irgendeiner Produktion teilnehmen will.« Dieser Ausspruch ist von Goethe; ich glaube, es ist überflüssig, andere aufzuzählen. Alles Begriffliche, Abstrakte kommt aus dem Kopfe; die Gedanken, die aus dem Herzen kommen, sind daran zu erkennen, daß sie nicht abstrakt, sondern sinnlich, bildlich sind. Das Herz denkt in Bildern; man kann auch sagen, es träumt. Bei Gelegenheit seines Kampfes gegen die Bilderstürmer bemerkte Luther, wenn von einem Kruzifix gesprochen werde, so entwerfe sich in seinem Herzen das Bild eines gekreuzigten Mannes, ob er wolle oder nicht. Wenn Goethe sagt: »Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten«, so meint er sicherlich eben solche Gedanken, die aus dem Herzen kommen, Ideen oder Urbilder, göttliche, nicht Menschengedanken.

Durch die Welt, die Gott sich erschuf, wie wir mythisch sagten, geht die Spaltung in aktive Kraft und passiven Stoff, in zeugende Männlichkeit und empfangende Weiblichkeit. Das Aktive, an sich positiv, verhält sich gegensätzlich zu Gott, zu der Kraft, aus der es abgeleitet ist; das Passive, an sich negativ, wird positiv durch die göttliche Kraft, wenn es sich ihr hingibt. Sowohl das Fortpflanzungsorgan wie das Gehirn sind in eine aktive und eine passive Hälfte geteilt; das Herz dagegen ist ganz und gar aktiv seiner Welt gegenüber als ihr Gott; nur Gott gegenüber, dem Meere, das es speist, ist es passiv.

Auch das Herz hat seine Geschichte und sein Schicksal; das Sein wird. Die einzelligen Geschöpfe, aus welchen wir erwachsen, Urzelle jedes einzelnen organischen Wesens und zugleich Urzelle der ganzen unendlichen Reihe, bestehen aus Protoplasma, der sogenannten lebendigen Substanz, in welcher ein Kern zu unterscheiden ist. Dieser Kern ist nicht das Herz, sondern die Keimzelle, das Fortpflanzungsorgan, die körperliche Darstellung des tierischen Selbst; es ist, soweit es mehr aktiv als passiv ist, die Hemmung, die Gott sich gesetzt hat, der Teufel. Das Herz mit dem Blutumlauf ist angedeutet durch eine Anzahl von Hohlräumen, die sich zusammenziehen und die uns die Kraft im Stoffe zeigen. Allmählich erst sammelt sich das eine, monarchische Herz, das Aristoteles das #punctum saliens# und das Tier im Tiere nannte. Dieser Ausdruck, der ganz falsch wäre, wenn er das ganze Wesen des Herzens erschöpfen sollte, ist aus dem richtigen Gefühl entstanden, daß das Herz ein Lebendiges, Aktives in dem gleichfalls lebendigen Körper ist. Richtiger wäre es, die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane Tiere im Menschen zu nennen. Wir sind Mineral, soweit wir Skelett sind, wir sind Pflanzen, soweit wir atmen und wachsen, wir sind Tiere, soweit wir uns ernähren und fortpflanzen, Menschen, soweit wir denken, Götter, soweit wir liebend und schaffend dies alles zugleich sind. Die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane, früher als das Gehirn entwickelt, sind die alten titanischen Götter, die das neue Regiment nach furchtbarem Kampf entthronte. So sagt die heidnische Mythologie; wir können sagen, es seien die Organe, durch welche Gottvater im Stoff bildet. Durch das Gehirn bildet er im Geiste; aber er wirkt in diesen Organen nicht unmittelbar, sondern mittelbar durch das Herz. Die plastischen Organe sind die Mittelpunkte des Tieres, das Gehirn ist der Mittelpunkt des Menschen, das Herz der göttliche Mittelpunkt. Geschlecht und Gehirn sind die Brennpunkte der Ellipse, das Herz ist der Mittelpunkt des Kreises, welcher aber, als die vollkommene Form, nicht Erscheinung werden kann und soll.

Das Herz, dies wundervolle Organ, allgegenwärtig, allwissend und allmächtig in seiner Welt, erhält sie ganz, ist immer tätig und gebend, auch dann noch tätig, wenn es vom Körper losgelöst ist. Den Körper überall mit dem Netz seiner Adern berührend, ist es doch nicht durch ihn gefesselt; es regiert sich durch seine eigenen Nerven, selbstgenügsam, der Himmel, die Heimat Gottes.

Das Herz ist der Gott im Menschen: #est deus in nobis, agitante calescimus illo#. Allein die Herrscherstellung des Herzens ist, wie schon gesagt, nur theoretisch: der Himmel ist nicht ohne Erde wirklich, Gott nicht ohne die Welt, das Herz nicht ohne den Körper, auf den es wirkt, und den es erhält, indem es von ihm erhalten wird.

Die natürliche Einheit ist im Kinde vorhanden, dessen Herz kleiner ist als das des Erwachsenen, aber den aktiven Widerstand im Brennpunkte des Körpers und Gehirns noch nicht zu überwinden hat. Mit dem zunehmenden Widerstande entwickelt sich das Herz, das im reifen Mannesalter seine höchste Kraft erreicht hat; später nimmt es wieder ab, aber da im gleichen Maße die Aktivität der Geschlechtsorgane abnimmt, stellt sich ein ähnliches Verhältnis her wie im Kindesalter. Ebenso ist das Herz der Frau schwächer als das des Mannes, hat aber weniger Widerstände zu besiegen, aus welchem Grunde die Frau harmonischer ist als der Mann, nicht so zerrissen, aber andererseits nicht so genial.

Vergegenwärtige dir bitte den Menschen durch folgenden Grundriß:

Gehirn

a[Symbol] [Symbol]p \ / \ / [Symbol] Herz / \ / \ a[Symbol] [Symbol]p

Geschlecht

Hier wird deutlich, daß die Aktivitäten die Brennpunkte sein müssen, damit Funken überspringen können und der ganze Organismus lebt. Ferner siehst du, daß, wenn die Aktivität des Geschlechts überhandnähme, das Herz vollständig durch das Geschlecht gebunden wäre: ein tierähnlicher Zustand. Das Herz muß deshalb, im Verein mit dem Gehirn, der Aktivität des Geschlechtes Herr werden, wohlverstanden aber ohne sie ganz zu töten; denn geschähe das, so wäre das Herz ganz auf das Gehirn beschränkt. Das Gehirn hat die Neigung, das Herz ganz für sich in Beschlag zu nehmen, es vom Körper abzusondern. Der nachchristliche Mensch, dessen Gehirn eine größere Aktivität hat als der vorchristliche, ist immer in Gefahr, seinen eigenen Körper zu töten, indem er ihn vom Herzen absondert. Er entgeht dieser Gefahr nur durch Bewegung, welche den Blutstrom aus dem Herzen auf den ganzen Körper verteilt. Man hat in neuester Zeit das Übel bemerkt und ihm durch allerhand gymnastische Übungen abhelfen wollen; aber das ist nur eine künstliche Aushilfe, durch die der Zweck niemals erreicht werden, die vielmehr schaden kann, da sie den Organismus von außen in eine Tätigkeit versetzt, der die innere Kraft nicht entspricht. Die Bewegung muß zugleich eine innere sein, nur eine aus dem Herzen entspringende Tätigkeit, ein Überwinden innerer und äußerer Widerstände kann das Herz üben und kräftigen. Tätigkeit, die Seele des Menschen, macht das Herz so stark, daß es die inneren Widerstände überwindet, ohne sie zu töten. »Seid getrost«, spricht der Herr, »ich habe diese Welt überwunden.« Niemals hat Christus gesagt, er wolle die Welt töten, er, der die Ehebrecherin beschützte, weil sie viel geliebt hatte; das Herz muß stärker als die Welt sein, das ist das Geheimnis des Sieges. Das Herz, um die Einheit in der Ellipse herzustellen, muß stärker sein als ihre Brennpunkte. Mit Christus, der das Selbstbewußtsein vollendete, der sich selbst als Gott, als Geist erkannte, war die Aktivität des Gehirns so stark geworden, daß die kindliche Einheit des Kreises auf immer zerstört war. Zugleich indessen brachte er die Erlösung, indem er durch persönliches Handeln, durch eine stärkere Bewegung des Herzens, die Einheit als Dreieinigkeit wiederherstellte. Er gebot den Menschen zu handeln und zu glauben, beides zugleich, da eins ohne das andere nicht sein kann. Wer persönlich handelt, muß glauben, da er sonst die Last der Verantwortung nicht ertragen könnte. Als der Mensch aufhörte gläubig zu sein und dafür moralisch wurde, die Verantwortung auf sich selbst lud, hörte er auch auf zu handeln. Dadurch sonderte er die Sinnlichkeit von dem durch das Gehirn usurpierten Herzen ab und zerfiel in zwei Hälften, einen entgeisteten, also leblosen Körper und ein entkörpertes, verteufeltes Herz, die sich unversöhnt gegenüberstehen. Nur Menschen von solcher Verfassung können sich einbilden, daß sie den zürnenden Gott durch bloße Gymnastik mit der entfremdeten Welt versöhnen können.

Das Herz an sich ist jenseit von Gut und Böse, wie es jenseit von Zeit und Raum ist; es ist an sich blind. Sehend und wissend wird es dadurch, daß es in Berührung mit unendlich vielen anderen Herzen gerät, die es als ebenso viele göttliche Ausstrahlungen begreifen lernt, und die es dadurch zur Einsicht seines eigenen Wesens führen. Durch die Berührung und den Kampf mit der Außenwelt also, mit dem Nicht-Ich, kann das Herz umgekehrt werden; das Wasser der Bucht ebbt durch den Anprall von außen in das Meer zurück, das es verschlingt und aus sich selbst erneuert mit der Flut wieder ins Land wirft. Die Berührung mit der Außenwelt wird durch die Sinnesorgane vermittelt; sie haben die Aufgabe, das Ich, den persönlichen Gott, von dem Dasein anderer persönlicher Götter zu überzeugen und durch sie und sich hindurch von dem Dasein des All-Gottes, der einen Strahlenquelle. Die erste Aufgabe des Herzens ist, sich seiner Göttlichkeit bewußt zu werden; die zweite, sie über die anderer zu vergessen.

Sehr aktive, also sehr teuflische Herzen, wenn du den Ausdruck nicht mißverstehen willst, müssen ihrer Natur nach zunächst das Nicht-Ich heftig zurückstoßen, weil sie sich das Gefühl der Einzigkeit nicht beeinträchtigen lassen wollen; andererseits sind gerade diese die wahrhaft religiösen Herzen und durch ihre Energie zu Vertretern Gottes auf Erden berufen; sie sträuben sich gerade deswegen so sehr, das Nicht-Ich aufzunehmen, weil sie ahnen, daß sie sich ihm opfern werden.

Man hat nicht mit Unrecht die Entstehung der Liebe im höchsten Sinne, auf lateinisch #caritas# oder #dilectio#, an die Mutterliebe geknüpft; die Geschlechtsorgane, durch welche die Menschheit sich von Gott absonderte, führen auch wieder zu Gott zurück. Nicht für sich allein, denn zunächst ist die Mutterliebe ein selbstisches Gefühl und kann sogar als solches abstoßend wirken, wenn es das Herz nicht gegen alle Schwachen und Hilflosen öffnet und sie zu eigenen Kindern macht. In der Heiligen Schrift heißt es, daß die Gnade durch das Wort bewirkt werde; das Wort nämlich öffnet das Herz und verbindet Menschen mit Menschen, den einzelnen mit vielen.

In Gemeinschaft mit den Geschlechtsorganen verwirklicht das Herz seine Ideen körperlich, in Gemeinschaft mit dem Gehirn geistig. Beider bedarf das Herz, um seinen Verkehr mit der Außenwelt herzustellen; ohne das Gehirn würde das Herz nicht zu sich selbst kommen, würde die Welt ein Chaos bleiben, während sie ohne die Sinnlichkeit ein Begriff würde.