Luthers Glaube: Briefe an einen Freund

Part 10

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Sind die plastischen Organe die ältesten, so ist das Gehirn, das erkennende Organ, das jüngste; nach der Schrift geht der Heilige Geist vom Vater und vom Sohn aus. Das Gehirn begleitet das Herz wie der Sänger den Helden, der durch die Verklärung des Wortes seine Taten verewigt und der Welt zu eigen macht. Besinnst du dich auf die schöne Stelle in der Odyssee, wo Odysseus, da der Sänger von seinen Irrfahrten singt, das Gesicht im Mantel verbirgt und weint? So erzittert unser Herz, wenn ihm erinnernd bewußt wird, was es getan und erlitten hat. Aus dem Herzen strömt der Geist, im Gehirn wird er befestigt; es ist wie eine photographische Platte, auf welche das Licht Bilder malt. Die Urbilder dazu sind im Herzen, dem seligen Hain, wo reine Gestalten auf Asphodeloswiesen wandeln; Leben bekommen sie aber erst draußen im Lichte der Sonne, nachdem sie das Blut der Tat getrunken haben. Was ist Wahrheit? Das Leben, das die Wahrheit verwirklicht. Wahrheit ist eine lebendige Seele, ein Mensch in Fleisch und Blut.

Nun aber ist das Gehirn nicht nur begleitend, dienend, weiblich, sondern auch männlich und willkürlich; die Sonne erleuchtet nicht nur, sondern verbrennt auch. Der körperliche Ausdruck des willkürlichen Gehirns wird in der Großhirnrinde gesucht; ich bin, wie du dir denken kannst, nicht imstande, darüber zu urteilen, ob es sich so verhält, mir kommt es nur darauf an, daß diese willkürliche Kraft da ist. Von hier geht die schwerste Versuchung des Menschen aus, die des Teufels in seiner Majestät, die nur die hochentwickelte Menschheit betrifft; hier ist der Luzifer, der sich an Gottes Stelle setzen, das Wort des Herzens verdrängen und durch sein eigenes ersetzen will. Durch die Gnade des Herzens in seine Zauber eingeweiht, kann Luzifer sich in einen Engel des Lichts verstellen, mit den von seinem Herrn erlernten Sprüchen bannt er ihn und zaubert auf eigene Hand. Nachdem er seine Gottähnlichkeit entdeckt hat, meint er, die Welt, in der bisher das Herz herrschte, und die ihm sündig und mängelvoll erscheint, dadurch vollkommen machen zu können, daß er die Moral einführt, und er beginnt damit, die Trägheit, Sinnlichkeit und Herrschsucht, den dummen und den bösen Teufel, zu unterdrücken. Er hemmt die Hemmung, die Gott sich gesetzt hatte, um mit ihr das Leben zu erzeugen.

Aristoteles hat die Ähnlichkeit zwischen dem Herzen mit seinen Adern und dem Gehirn mit seinen Nerven bemerkt und allerlei Schlüsse daraus gezogen, auf die es mir hier nicht ankommt. Aber die Ähnlichkeit muß auffallen, wenn man eine bildliche Darstellung des Herzens und Blutkreislaufes und des Gehirns und Nervensystems vor Augen hat; es sieht fast so aus, als ob das Gehirn der Schatten des Herzens wäre. Es scheint, daß das Herz das Gehirn durch die Schilddrüse, wie die Geschlechtsorgane durch die Geschlechtsdrüse beherrscht, deren Tätigkeit sich gleichsam in den betreffenden Organen spiegelt. Wie schlagend ist von diesem Gesichtspunkt aus der Ausdruck Luthers, der Teufel sei der Affe Gottes, natürlich nur auf das willkürliche Gehirn zu beziehen.

Man hat früher gemeint, das Herz hänge vom Zentralnervensystem im Gehirn ab; indessen ist es festgestellt, daß das Gehirn nur einen regelnden Einfluß auf das Herz ausüben kann, nämlich einen hemmenden und beschleunigenden. Der #nervus vagus# und der #nervus depressor# sind hemmende Nerven; ausgezeichnet weist der Name #depressor# auf die Depressionen hin, die durch die Hemmung des Lebensstromes entstehen. Sowie aus dem leuchtenden Luzifer ein verbrennender wird, sowie das Gehirn befehlen, das Herz in die Zwangsjacke der Moral stecken und dadurch seine Kraft unterbinden will, wird sein Einfluß schädlich. Der Sieg des Teufels ist körperlich dadurch ausgedrückt, daß das Blut entweder in der Region der Geschlechtsorgane oder im Gehirn sich sammelt und diese Organe erhitzt, anstatt daß es immer zum Herzen, der Quelle, zurückkehrt und den ganzen Körper durchblutet, beseelt, zu einer Einheit macht.

Das Eigenmächtigwerden des Gehirns, die neue und furchtbarste Hemmung, die dem Herzen erwächst, machte sich schon vor Christus bemerkbar. Das antike Drama hatte den Riesenkampf zwischen Göttern und Menschen zum Gegenstande, der immer mit dem grausamen Siege der Götter endete. Besonders merkwürdig scheinen mir die Bakchen des Euripides zu sein, wo sich so deutlich das trunken schöpferische Herz und der zweifelnd kritisierende Gedanke gegenüberstehen. Christus, der Gottmensch, verband Herz und Kopf in seiner Person zur Einheit. Er überwindet den Teufel durch die aus dem Herzen entspringende Tat, die den einzelnen mit den vielen verbindet. Da das Christentum die Erkenntnis gebracht hatte, daß Gott in der Menschheit, nicht außer ihr ist, verlegte das nachchristliche Drama den Kampf zwischen Herz und Kopf, Gott und Mensch, in das Innere des Menschen. Vieles und Schönes ist darüber in Schillers Wallenstein gesagt: »In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne«, »Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme«, besonders aber die Worte Wallensteins: »Recht stets behält das Schicksal; denn das Herz in uns ist sein gebietrischer Vollzieher.« Nun siegt nicht mehr das grausame Herz über den zerissenen Rebellen sondern durch den Überschuß seiner Kraft, die Seele, schmilzt das geniale Herz die Entzweiten gewaltig zusammen.

Man hat in unserer Zeit eine ungemein interessante Tatsache festgestellt, daß nämlich die lebendige Substanz, das einzellige Lebewesen, die Amöbe, unsterblich ist. Sie vermehrt sich durch Teilung, und diese Teilung kann ins Unendliche fortgesetzt werden, ohne daß ein Teilwesen verginge. Allerdings tritt auch hier ein Punkt des Alterns oder der Depression ein, wo die Stoffwechselprodukte nicht mehr ausgeschieden werden können; aber dieser tote Punkt kann durch Herstellung günstiger Bedingungen überwunden werden. Sie bestehen darin, daß der alternden Substanz durch Kopulation oder durch einen sonstigen neuen chemischen oder mechanischen Reiz neues Leben zugeführt wird. Die Kopulation, die Verschmelzung mit einem anderen Lebewesen, wirkt verjüngend, wenn sie vorgenommen wird, bevor die Erscheinung des Alterns den Organismus ergriffen hat. Ich hätte #a priori# vorausgesetzt, daß für die lebendige Substanz, für das einzellige Wesen, dieselben Grundgesetze gelten wie für den Menschen, wie für die Familie und das Volk; es ist nur um so eindrucksvoller, wenn die Tatsachen dies bestätigen. Das einzellige Wesen hat wie der Mensch sein gefährliches Alter, wo er aus eigener Kraft nicht weiterleben kann, wo ihm Kraft aus dem Nicht-Ich zuströmen kann. Wölfflin sagt von Dürer, daß er mit dem 50. Lebensjahr in seine letzte größte Epoche tritt, die bedingt ist durch die Erfrischung seiner großen Reise; und er setzt diese Verjüngung derjenigen gleich, die Rubens durch seine Heirat mit einer zweiten jungen, geliebten Frau zuteil wurde. Eine Kopulation, geistig oder körperlich, oder sonst ein starker, neuer Reiz, müssen es tun, ein Zuströmen göttlicher Kraft in das ermüdete oder erstarrte Herz.

Das Herz nämlich ist dasjenige Organ, welches den Menschen regiert: wir leben vom Herzen aus und sterben vom Herzen aus. Sei es, daß wir aus Altersschwäche oder an einer Krankheit oder woran immer sterben, das Versagen des überlasteten Herzens ist es immer, das den Tod herbeiführt. Daß die Nervenzellen, welche der Herztätigkeit vorstehen, sterben, ist die Folge von einer Vergiftung durch die Schlacken des Stoffwechsels, welche nicht ausgestoßen werden können: wir sterben an Ermüdung des Herzens, die durch Selbstvergiftung entsteht. Der doppelten Aufgabe, den Körper zu ernähren und zu entgiften, seine Hemmungen zu überwinden, kann nur ein starkes Herz genügen: es handelt sich also im gefährlichen Alter, wie bei jeder Stockung des Lebens, um eine Anregung, eine Verstärkung des Herzens. Es gibt eine Anekdote von Luthers Frau; sie habe, als Luther einmal in eine schwere Melancholie verfallen sei, Trauerkleider angelegt und auf die erschrockene Frage des Heimkehrenden, ob eines der Kinder gestorben sei, geantwortet, der Herrgott sei tot, um ihn trage sie Trauer. Derselbe Instinkt leitete Charlotte Stieglitz, die sich bekanntlich das Leben nahm, um ihren Mann durch den Schmerz über den Verlust schaffenskräftig zu machen. Das Opfer war vergebens gebracht, Herr Stieglitz hatte offenbar überhaupt kein Herz oder keins für seine Gattin. Überhaupt können Willkür und Absicht nicht helfen, nur verderben: sie verdrängen ja gerade das Herz, dem Raum gemacht werden soll. Die Gott liebt, leitet er selbst zur rechten Zeit zur rechten Stelle. Wie könnte Einsicht den richtigen Zeitpunkt herausfinden, auf den alles ankommt? Ist dieser versäumt, so zerdrückt die einströmende Kraft den mürben Organismus und tötet anstatt zu beleben.

Hier zeigt sich nun, warum es für Völker notwendig ist, Großstaaten zu werden. Das Leben beruht auf der Möglichkeit von Gegenwirkungen. Der abgeschlossene Kleinstaat kann das gefährliche Alter nicht überwinden: das enge verkalkte Herz erlaubt das Zuströmen fremder Kraft nicht, und es wird zuletzt in seiner Kruste verkümmern müssen. Ich las neulich, daß die Tiere, die auf Inseln leben, die Tendenz haben, zu verzwergen. Absonderung ist Sünde; im Kampf mit Gegensätzen, in der Verbindung mit dem Ganzen liegt das Leben.

Diese Verkümmerung und Verzwergung erfahren alle Personen, Stände, Familien, Staaten, die sich absondern und dadurch das Einströmen fremder Kraft unmöglich machen. Der Adel hat seine Blütezeit, solange er sich seines Adels kaum recht bewußt ist; sowie er sich abschließt, verwelkt er im gleichen Maße, wie sein Selbstbewußtsein, seine Selbstvergötterung steigt.

Man kann den Vorgang der Absonderung nach erreichter Blüte und der dann eintretenden Verkümmerung am besten an der Geschichte Spaniens studieren; ich widerstehe der Verführung, darauf einzugehen, um dich nicht zu langweilen. Die Schweiz, die durch Sünde, nämlich durch Absonderung von Deutschland, entstanden ist, hatte den Vorzug des Gegensatzes von Stadt und Land und des Gegensatzes der drei Nationen; diese Gegensätze haben sie so lange lebendig erhalten. Mehr und mehr machen sich jetzt gewisse Symptome beginnender Selbstvergötterung bemerkbar und andererseits ein verhaltenes Bedürfnis nach Erfrischung. Weniger glücklich ist Holland daran, seit es von dem gegensätzlichen Belgien getrennt ist. Auf diese Trennung folgte zuerst für beide Länder eine schnelle, wundervolle Blüte; nachher wäre wohl Vereinigung Belgiens mit Frankreich und Hollands mit Deutschland förderlicher gewesen. Die Lage der kleinen Inselstaaten zwischen großen Ländern, die durch sie die gegenseitige Reibung abschwächen wollen, ist immer bedenklich. Aber nicht nur Holland und die Schweiz, ganz Europa befindet sich augenscheinlich im gefährlichen Alter und strebt leidenschaftlich nach Erweiterung und Aufnahme neuer Kraft. Wenn einmal alle Nationen der Erde einen Einheitsstaat bilden, ist der Jüngste Tag gekommen, weil dann keine Kopulation mehr möglich ist.

Der Einheitsstaat ist der moderne Staat. Als ich eben von der Notwendigkeit des Anschlusses kleiner Staaten an den Großstaat sprach, dachte ich nicht an moderne Verhältnisse. Der moderne Staat, weil er nicht von innen wächst, sondern von außen zusammengesetzt wird, ist seiner Art nach grenzenlos; was natürlich wächst, nach einem inneren Urbilde sich gestaltet, ist begrenzt. Die modernen Staaten müssen sich gegenseitig verschlingen, weil sie ihrem Wesen nach unendlich sind, und der Augenblick muß kommen, wo die Erde ihnen zu klein wird. Der natürliche Staat, der aus der Familie und natürlich sich bildenden Gruppen herauswächst, der germanisch-romanisch-slawische, christliche Staat des Mittelalters, erweiterte sich nicht nur, sondern zog sich auch zusammen, wie das gesunde Herz tut. Jede Zelle seines Körpers war durchblutet, selbsttätig. Unsere alten Kaiser nannten sich zwar allzeit Mehrer des Reichs, aber sie vermehrten, indem sie Lebendiges an Lebendiges angliederten. Sie waren wie weise, sorglose, gläubige Väter, die ihre Kinder wild aufwachsen lassen und nur zuweilen strafend dazwischenfahren, wenn jene es allzu bunt machen. Einem solchen Staat wird die Zeit nie zu lang, der Raum nie zu eng, weil er sich immer aus sich selbst erneuern kann. Der bloß denkende Mensch hat bald die ganze Welt durchmessen, dem tätigen Mann kann sein Dorf zur Welt werden.

Ich glaube, es müßte sich feststellen lassen, daß die Nervenzellen der Westeuropäer mit Stoffwechselprodukten überladen sind, und zwar namentlich diejenigen Nervenzellen, die der Herztätigkeit vorstehen. Daher schreibt sich der Mangel an Genie bei überwiegendem Verstande. Es ist wahr, daß wir unabhängig von der Natur, das heißt von Gott, werden; unsere Lebensweise wird besser geregelt, und unsere Lebensdauer verlängert sich; aber was hülfe uns selbst die Ewigkeit ohne Leben? Gott hat sich das Herz vorbehalten: er will, daß wir es ihm opfern, und gibt es uns verjüngt zurück. Die dem Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren wie Adler. Es gehört allerdings zum Gottvertrauen, daß man Gott kein Ziel setzt. Man kann sehr vorsichtig leben, Kampf, Erregung, Schmerz vermeiden und damit auch das Sterben hinausschieben; aber das ist dann schon das Für-sich-selbst-sorgen-wollen, das Luther so sehr verdammt, ein Symptom des Alterns. Gott gibt nur Leben und Tod, beides gemeinsam, der Mensch gibt Ordnung und lange Dauer oder, wenn man so will, langes Leben; aber was für ein Leben! Wer weiß, was Leben heißt, findet den Preis des Todes nicht zu hoch, obwohl er den Tod am glühendsten haßt.

Engherzigkeit ist das Merkmal der westeuropäischen Völker. Das volle Herz beflügelt, und da sie das nicht haben, kriechen sie an der Erde, auch wenn sie mit Schiffen die Luft durchfliegen. Alles, was ihr tut, sagt der Apostel Paulus, das tut von Herzen, als dem Herrn, und nicht den Menschen. Aus der Fülle des Herzens leben ist das Geheimnis des Genies; ein volles Herz ist die Voraussetzung dazu.

Erinnere dich bitte, daß Luther lehrt, der Glaube komme durchs Gehör vermittelst der Predigt des Wortes. »Mit dem Wort nimmt Gott die Herzen.« Das Gehör ist der Weg, der das Wort zum Herzen leitet; wer musikempfindlich ist, weiß ohne weiteres, daß das Ohr im Herzen mündet. In göttlichen Worten, in Dichter- oder Zauberworten, ist das Herz der Menschheit gebunden, es ist also selbstverständlich, daß das einzelne Herz mit ihnen verbunden sein muß. Alle Dichterworte der Menschheit sind das Geistesmeer, das die Herzen speist, und Ohr und Mund sind die Mündungen des Meeres. »Ich glaube, darum rede ich«, heißt es in der Bibel. Das Gehör nimmt gläubig auf, und liebend gibt der Mund es weiter. Da der Geist sich den Körper baut, und da Ohr und Mund Aus- und Eingang des Herzens sind, werden Ohr und Mund durch ihre Gestalt und Bewegung uns die Art des Herzens am unmittelbarsten verraten.

Dem Ohr muß man ansehen können, ob es mehr weltliches oder mehr göttliches Wort auffängt oder beides. In der Tat kann es nicht schwer sein, den Typus der schönen weiblichen, den der männlich-weltlichen und den beides vereinenden festzustellen, innerhalb welcher es natürlich eine unendliche Menge persönlicher Abweichungen gibt. Man liebt die Ohrmuschel rosig, das heißt, daß das Herz sich schon in der Pforte spiegelt; das findet man kaum außer bei Kindern und Frauen. Das entartete Ohr zeigt das Zurückfallen in die Tierheit an, die Unfähigkeit, das Wort von Gott überhaupt noch zu vernehmen.

Entsprechend dieser Einteilung gibt es verschieden Münder, verschiedene Ränder des Rubinkelches, den wir Herz nennen. Einen Mund kannte ich einmal, den ich am allerliebsten ansah, wenn er, was sein Besitzer mit Vorliebe tat, frivole, unanständige oder gottlose Geschichten erzählte. Ich hörte nur halb nach dem Inhalt der Worte hin und betrachtete verzaubert den Mund, der sich mit unbeschreiblicher Anmut wie ein Quellwasser spielend und zwitschernd bewegte. Er war wie von Asbest und blieb vollkommen lauter, während die schmutzigen Geschichten über ihn hinströmten, daß es mir wie ein Wunder zu sehen war. Wenn er mit einem gewissen Triumph Gott lästerte, mußte ich an einen mutwilligen kleinen Engel denken, der sich vorgenommen hat, während des Lobgesanges einen entsetzlichen Fluch auszustoßen; aber weil er im Himmel und dicht bei Gott ist, kommt immer nur das Heilig, Heilig von seinen Lippen, die so abscheuliche Worte ausstoßen. Dies ist der Kindermund, der jenseit von Gut und Böse ist. Es springen Perlen und Edelsteine von ihm, was immer er auch sagt; denn ihm unbewußt ist er ein Brunnen Gottes. Der Mund, den ich dir eben beschrieb, gleicht dem Shakespeares, wie ich auf einer Abbildung seiner Totenmaske sah.

Dann gibt es den Mund, der gekämpft hat, bis er vermochte, die Tiefe des Herzens auszusprechen, und dann den, der überhaupt nicht mehr aus dem Herzen sprechen kann. Vielleicht ist es ein Papageienmund, der nachplappert, oder er ist zu stolz, das zu tun, und schweigt. Vielleicht ist dann der unterirdische Gang vom Herzen zum Munde nur verschüttet und kann durchbrochen werden. Ist aber die Verbindung auf immer abgebrochen, so entsteht der Habsburger Mund, ein Brunnen, aus dem kein lebendiges Wasser mehr fließt. Er klafft auseinander, wie der Mund der Toten tut. Über die Progenie, die Erscheinung, daß die Zähne des Unterkiefers die des Oberkiefers in frontaler Richtung überragen, sind wertvolle Studien gemacht worden, und man hat bereits bemerkt, daß diese Erscheinung stets mit gewissen anderen Merkmalen zusammenhängt, und geahnt, daß sie alle auf eine biologische Ursache zurückzuführen sind. Gerade im Anschluß an das Habsburger Gesicht ist man schon darauf gekommen, in diesen Erscheinungen Degenerationsmerkmale zu sehen, und wenn man sich gewundert hat, daß auch hervorragende Individuen diese Merkmale führen, und deshalb die Auffassung ablehnen zu müssen meinte, so scheint mir das nur zu beweisen, daß man sich über den Begriff der Entartung noch nicht ganz klar ist. Mit dem Abnormen beginnt ja erst die Möglichkeit der Größe; allerdings nur die Möglichkeit, nicht die Notwendigkeit. Es sind viele berufen, aber wenige sind auserwählt.

XIII

In den Tischreden sagt Luther: »Menschen sind dreierlei Art. Die ersten sind der große Haufe, der sicher dahinlebt, ohne Gewissen, erkennet seine verderbte Art und Natur nicht, fühlet Gottes Zorn nicht wider die Sünde, fraget nicht darnach. Der andere Haufe ist derer, die durchs Gesetz erschreckt sind, fühlen Gottes Zorn und fliehen vor ihm, kämpfen und ringen mit Verzweiflung wie Saul. Der dritte Haufe ist derer, die ihre Sünde und Gottes Zorn erkennen und fühlen, daß sie in Sünden empfangen und geboren und derhalben ewig verdammt und verloren müßten sein, hören aber die Predigt des Evangelii, daß Gott die Sünde vergibt aus Gnaden um Christus willen, der für uns dem Vater dafür genug getan hat, nehmens an und glaubens, werden also gerecht und selig vor Gott. Darnach beweisen sie ihren Glauben auch mit allerlei guten Werken als Früchten, die Gott befohlen hat. Die andern zween Haufen gehen dahin.«

Der große Haufe sind die Normalen oder die Weltmenschen, die, welche Nietzsche die Vielzuvielen nannte; aus diesem größten Haufen wird ein anderer berufen, der von der Norm abweicht, also abnorm ist und die Möglichkeit hat, über den großen Haufen hinauszuwachsen, der aber auch Gefahr läuft, unter ihn hinabzusinken. Von diesem sind einige auserwählt, das zu erreichen, wozu sie berufen sind, Früchte zu tragen, die allen übrigen Leben geben: es sind die Schaffenden oder die Genialen; der Stamm +gen+ bedeutet ja Zeugen, Schaffen. Paulus nennt sie die Auserwählten, Luther auch schlechtweg Christen; man kann sie in der Sprache der Heiligen Schrift auch Gottmenschen oder Geistmenschen nennen.

Man kann auch sagen: die Normalen sind diejenigen, deren Mittelpunkt die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane sind. Der zweite Haufe sind diejenigen, die angefangen haben, auf ihr Gewissen, die Stimme ihres Herzens, zu hören und nun zwischen der Welt und dem Reich Gottes schwanken. Die Geistmenschen sind diejenigen, die aus dem Herzen leben, und zwar so, daß das Herz einen Überschuß über das Gehirn hat.

Es hat mir großen Eindruck gemacht, zu sehen, wie durchaus aristokratisch das Christentum ist. Man hat so viel von dem Volksmann Luther, von dem demokratischen, ja wohl kommunistischen Prinzip des Christentums gehört, daß der Blick sich erst freie Bahn machen muß für die Wahrheit; so wenigstens ging es mir. Allerdings ist Luther jedenfalls selbst von der naiven Annahme ausgegangen, alle Menschen seien in der Hauptsache so wie er; jeder Schaffende tut das, sonst würden ihm Mut und Lust fehlen, sein Herz reden zu lassen. Erst allmählich kam er zu der Einsicht, daß, wie er sich ausdrückte, Christi Regiment nicht über alle Menschen geht, sondern der Christen allezeit am wenigsten sind. »Und kehre dich nicht an die Menge und gemeinen Brauch«, sagte er dann, »denn es sind wenig Christen auf Erden, da zweifle du nicht an, dazu so ist Gottes Wort etwas anderes denn gemeiner Brauch.« Er erinnerte an Tertullians Worte, daß Christus nicht gesagt habe, ich bin die Gewohnheit, sondern ich bin die Wahrheit. Während ihn anfangs der allgemein gegen ihn erhobene Vorwurf, daß er als Einzelner der großen katholischen Kirche gegenüber recht haben wolle, die so lange bestehe und in der so viele gelehrte und weise Männer gelehrt hätten, sagte er nun: »Fürwahr eine köstliche Ursache, die man nimmt von der Größe und Menge wider das klare und lautere Gottes Wort.« So kam er zu derselben Erkenntnis, die Goethe den Seufzer erpreßte: »Ach, da ich irrte, hatt ich viel Gespielen, Da ich dich kenne, bin ich fast allein.« Unter die »Frevelartikel«, vor denen man sich hüten müsse, zählte Luther die, daß jeder Mensch den Heiligen Geist habe, daß jeglicher Mensch glaube, daß jegliche Seele das ewige Leben haben werde.

Es ist merkwürdig, daß man bei den meisten Menschen anstößt, wenn man von einem großen Manne sagt, er sei abnorm oder degeneriert, gerade so, als ob es normal wäre, genial zu sein. Jeder große Mann ist von der Art abgewichen, also entartet; allerdings ist er über die Art emporgestiegen, und es wäre insofern richtiger, zu sagen, er sei überartig. Legt man indessen den Maßstab des normalen Menschen an ihn, so muß man ihn als krank bezeichnen; vor der Welt ist er minderwertig, weil er weniger tüchtig ist, Geld zu verdienen und normale Kinder zu erzeugen.

Die normalen Menschen werden wissenschaftlich erklärt als diejenigen, die am besten geeignet sind, sich und die Art zu erhalten. Sie sind noch ungebrochen; ihr Bewußtsein ist noch nicht zum Selbst- und Gottbewußtsein entwickelt, nur ein blinder Instinkt, der sie ähnlich den Tieren zu den erwähnten Zwecken leitet. Unempfänglich für geistige Genüsse, wollen sie nichts anderes, als was für ihr Gedeihen und ihre Fortpflanzung dienlich ist, und darin erschöpft sich ihr Leben. »Sie haben ihren Lohn dahin«, sagt Christus, und Luther: »Sie gehen dahin.« Anders ausgedrückt: Sie stellen eine frühe Entwickelungsstufe dar, die von einer höheren aufgerollt, mitgenommen und vertreten wird.