Lustreise ins Morgenland, Zweiter Theil (von 2)

Part 5

Chapter 53,546 wordsPublic domain

Hart an +Mariens+ Grabhöhle stößt eine Höhle der Lateiner, worin die Apostel geschlafen haben sollen. Sie bildet den schroffesten Gegensatz der erstern: +einfach+ und +glanzlos+.

Ueber der Marienhöhle stand in ältern Zeiten eine Kirche, bekannt unter dem Namen Marienkirche.

Die Grabmale Absaloms, Josaphats und Zachariassen.

Ueberschreitet man die Kidronbrücke, und hält man am Fuße des Oelberges stille, so wird man staunend den Blick gegen Morgen auf Denkmale heften, die sich aus der grauen Vorzeit so gut erhalten haben, als die Pyramiden und Obelisken Egyptens. Es sind die Grabmale +Absaloms+, +Josaphats+ und +Zachariassen+.

Das Grabmal +Absaloms+ ist zum Theil aus dem Felsen gehauen; der thurmähnliche Aufsatz dagegen besteht aus Mauerwerk. Im Widerspruche mit der Ueberlieferung aber wurde, nach +Flavius Josephus+, zwei Stadien von Jerusalem dem +Absalom+ eine marmorene Säule errichtet. Das Grabmal +Josaphats+, ein einziger, aus dem Felsen gehauener Stein, stellt ein kleines Häuschen vor. Schutt füllt fast das ganze Innere, welcher mit einem so geringen Aufwande wegzuschaffen wäre, und der mehr ein Denkmal auf die Trägheit der Zeitgenossen, als das Denkmal eines Verstorbenen zu sein scheint. Unverantwortlicherweise hält man es nicht einmal der Mühe werth, dasjenige recht zu betrachten, was die Urväter mit Anstrengung und Sorgfalt ausgearbeitet hatten. Nahe dem Grabmale +Josaphats+ liegt jenes des +Zacharias+ und an der westlichen Abdachung des Oelberges überhaupt eine Menge gehauener Grabhöhlen und jüdischer Grabsteine. Diese sind unförmliche Grabdeckel, höchstens an ihrer Oberseite glatt gemeißelt und mit einer hebräischen Grabschrift versehen.

Kenner stimmen mit einander nicht überein, ob die Grabmale +Absaloms+, +Josaphats+ und +Zachariassen+ wirklich jüdische seien. So lange dieser Hauptstreit nicht geschlichtet ist, bleibt es unerheblich, das erste, zweite oder dritte Denkmal nach +Absalom+, +Josaphat+ oder +Zacharias+ zu nennen. Niemand aber bezweifelt ihr hohes Alterthum.

Der Brunnen Siloah.

Geht man vom Zionsthore links hinunter, steigt man an der Südostseite Jerusalems, gegenüber dem Dorfe Siloah, nicht hoch über dem Kidron einige Stufen in die Tiefe, schreitet man vorüber an dem baufälligen, kleinen, steinernen, einst von Säulen überragten Wasserbehälter, die vielleicht den Siloahthurm getragen haben; so bemüht man sich dann noch eine Treppe hinunter, und wen gelüstet oder dürstet, der darf nur sich neigen, um aus dem unverschlossenen, gänzlich in den Kalkfelsen greifenden Brunnen Siloah zu schöpfen und zu trinken. Ein Gang von zwei Fuß Breite, durchläuft er eine Ebene von dreihundertundsiebenzehn Schritten. Anfangs ist er zwei Mann hoch; nach zweihundert Schritten aber nimmt die Höhe ab, bis man zuletzt nicht anders, als auf beschwerliche Weise, mit geducktem Leibe, sich vorwärts bewegen kann. Schutt verhindert das weitere Vordringen gegen den Moriah. Das Wasser hat überall die gleiche Höhe von etwas mehr als einem Fuß. Die auftretende Sohle fühlt Sand und unter diesem den Stein. Der Gang wendet sich rechts. So erzählte mir der sonst nicht sehr verläßliche Führer, welchen ich zu diesem unterirdischen Spaziergange bewog.

Der über fünfhundert Fuß in den Kalkfelsen eingehauene Brunnen ist unstreitig ein ungeheures Werk. Der Tiefe und Breite nach verdient er kaum Erwähnung; allein wegen seiner beträchtlichen Länge enthält er einen Reichthum an süßem Wasser, das wohl auch vor Alters zu Bewässerung naher Gartenanlagen benützt worden sein mag. Wäre von den Alten ein solcher Gang unter dem Felsenbette eines Stromes getrieben worden, so würde er ein denkwürdiger Vorgänger des Londoner-Tunnel sein.

+Ammann+ gedachte des Siloah-Brunnens mit mehr Bestimmtheit, als andere, die nach ihm denselben beschrieben haben: Unten an dem Berg Zion fleußt ein ziemlicher Bach aus dem Felsen heraus. Der Wege oder Gang dieses Wassers ist in den Felsen künstlich gehauen, daß man weit dem Wasser nach in den Felsen schliefen kann. Und fleußt dieses Wasser in den Felsen vom Tempel und der Stadt Jerusalem hinab. Auf der Höhe dieses Felsens soll auch der Thurm Siloah gestanden sein. Und gleich vor diesem Felsen gibt es ein klein Teichlein. Darinnen soll sich der Blinde im Evangelio gewaschen haben, da +Christus+ zu ihm gesagt: Gehe hin, und wasche dich im Teich Siloah. So weit +Ammann+.

Zwischen dem Stephansplatze und dem Siloahbrunnen zeigte man mir noch eine Quelle unter dem Namen +Marienquelle+, vielleicht den Drachenbrunnen +Nehemias+.

Die Felsanhöhe Zion.

Am Jaffathore gegen Mittag erhebt sich ein großer, alter Thurm, ehemals das Pisaner-Schloß, jetzt aber von den Wegweisern +Davidsthurm+ genannt. Man verdeutete mir sogar das Fenster, durch welches der König +David+ seine Augenweide an der sich badenden +Bath Seba+ fand, obschon der Verfasser der Bücher +Samuels+ (2, 11, 2) erzählt: +Von dem Dache+ des königlichen Palastes sah +David+ ein schönes Weib sich baden.

Nähert man sich von da dem Zion, so liegt links an der Gasse +das Kloster der Armenier+. Es gibt beinahe nichts Glänzenderes, als die Kirche desselben. Niemand unterbrach darin die feierliche Stille, kein Sterblicher war da, meine Aufmerksamkeit abzulenken, und so konnte man um so ungestörter sich ergehen an dem morgenländischen Prunke, an den edeln Steinen und Metallen, die überall zur Schau gelegt sind, und das Auge schier blenden. Es mag für die Morgenländer tief berechnet sein, daß die Priester ihre heiligen Stellen mit Dingen ausschmücken, welche einen mächtigen Eindruck auf die Sinne erregen. Dem kalt forschenden Verstande des Abendländers ist damit freilich wenig gedient, welcher auf höherem Standpunkte die Beschaulichkeit gerade von der Sinnlichkeit unabhängig machen möchte. Die Kirche soll über dem Orte aufgeführt sein, wo der Apostel +Jakob+ enthauptet worden war. Man öffnete sie mir ohne alle Schwierigkeit.

Außer dem Zionsthore, gegen den Brunnen Siloah, sieht man einen Theil der alten Wasserleitung von Bethlehem, welche die Stadtmauer durchdringt. Von dem Thore kommt man +beinahe eben+ bis zur Moschee und zum Spitale auf dem Zion. Man wird vielleicht diesen Worten mit Mühe Glauben schenken, und ich möchte nicht zürnen. Der Wegweiser mußte mir selbst an Ort und Stelle mehrmal betheuern, daß Zion der Zion sei, weil meine Einbildungskraft so ungerne von einem Berge lassen wollte. Auch der ehrliche +Ammann+, welcher aufs allernaiveste die Risse des Kalvarienfelsens beschreibt, ging „fast eben hinaus auf den Berg Zion.“

Man will auf der Felsanhöhe die Hausstelle des jüdischen Hohenpriesters +Kaiphas+ gleich vor dem Zionsthore noch wissen. Beinahe blindes Mauerwerk, ein armenisches Bruderhaus, sichert ihr bei den Gläubigen ein bleibendes Andenken. Einige Schritte weiter vorne und links gegen den Blutacker, näher der Gehinnonschlucht, steht eine Moschee und ein Spital, nach der dragomanischen Sage, am Platze, welchen die Burg +Davids+ eingenommen und auf welchem +Jesus+ das Abendmahl eingesetzt habe. Andere verlegen die alte Burg in die Mitte oben auf der Felsanhöhe, wo der Finger einiger Mauertrümmer in die inhaltschwere Vergangenheit hinaufzeigt. Gewiß ist, daß die Moschee und das Spital ein Kloster der Barfüßermönche war, woraus sie vor zwei Jahrhunderten von den Türken verjagt wurden. Wenig erquicken Grabsteine den ziemlich kleinen und eher öden Scheitel des Zions.

Mit gerührter Seele begrüßte ich den Ort, wo, nach den Ueberlieferungen, jene Psalmen gesungen wurden, die, voll religiöser Wärme, durch Jahrtausende tönten bis auf heute, und fortwährend noch so viele Gemüther mit Begeisterung für die Gottheit erfüllen. Wie denn, dürfte man fragen, konnte man in einer Gegend, welche im ganzen Umkreise das felsichte Trauerkleid trägt, zum Dichten der erhabenen Psalmen bewegt, wie angefeuert werden? Das Geräusch und der Glanz der großen Stadt in der Nähe mochten das Herz des königlichen Sängers, in welchem die Eindrücke des frühern Hirtenlebens noch nicht erloschen waren, zur kindlichen Einfalt und Frömmigkeit stimmen. Gihon und Gehinnon und Josaphat ziehen das Auge in die Tiefe; auf den Oelberg und den Berg des bösen Rathes muß es aufwärts im Fluge; es schwebt in der Furche von Mitternacht gegen Mittag, um darin vergebens nach dem Jordan zu spähen; es ruht auf dem fernen, bläulichen Gebirge des ostjordanischen Landes; jetzt steigt es in den azurblauen Himmel, ins Unendliche empor. Empfängt das Auge denn in der That nicht ein großes und großartiges Bild, dessen ganze Farbenfrische in ein reicheres Gemüth zurückgeworfen werden muß? Wenn in der Nähe die vielen Steine dem düstern Gefühle rufen, so leiht ihnen die Ferne eine gefällige Gestalt und Farbe, und in der weitesten Ferne, welche an den Himmel streift, träumt man sich gar schon die Herrlichkeiten des Ueberirdischen.

Der Oelberg.

In der Stadt, links am Wege zur Stephanspforte und in der Nähe der letztern bemerkte ich einen ausgemauerten Wasserbehälter. Man nennt ihn den Teich +Bethesda+. Er stand einsam, und es sind um ihn die Kranken verschwunden, welche in demselben einst ihr Heil suchten. Kein Engel durchfächelt mehr den Spiegel des Wassers. Es scheinen die Bethesdaengel ins Abendland, zu den Priestern +Aeskulaps+ entflohen zu sein. Durch die Stephanspforte und über den Stephansplatz erreichte ich bald +Mariens+ Grabhöhle. Von da an aber ging es ziemlich gähe hinan, auf einem breiten Fußwege, kaum eine Viertelstunde lang bis zum Gipfel des Oelberges, welcher über ganz Jerusalem emporragt. Nicht die günstigste Stimmung bewirkt auf der Höhe ein arabisches Dorf elender Häuser mit Kothdächern. Ich sah am Wege ein Weib, wie es Mist in die Hand nahm, um damit eine Einfriedigung von Steinen zu beklecksen oder, wie es meinte, zu bemörteln.

Auf dem Oelberge verwahrt der Moslim den Schlüssel zu der Stelle, welche der Christ verehrt, nämlich zu der kleinen Moschee, welche über jene sich wölbt. Man erblickt in der Mitte derselben das Stück eines nackten Felsens, von dem aus +Jesus+ in den Himmel gefahren sein soll. Vertiefungen des Steines gibt man für Eindrücke der Fußtritte aus.

Ich bestieg den Thurm der Moschee, um die Aussicht freier zu genießen. Ich brannte vor Begierde, Jerusalem, in der Tiefe gegenüber, zu überschauen. Von hier aus gewährt die Stadt einen angenehmen, merkwürdigen Anblick. Der Prachttempel +Omars+, groß und buntfarbig, unten grün, daneben gegen Mittag der Tempel der Präsentazion, nunmehr eine Moschee, und die Dome des Grabes +Christi+ zeichnen sich vortheilhaft aus. Nördlich thürmt sich das Gebirge Ephraim auf, so die Berge Garizim und Ebal in Samaria; östlich zunächst liegt Bethanien weiter weg die Ebene von Jericho, dann die Senkung, welche das Thal des Jordans andeutet, und selbst ein kurzer, glänzender Streif dieses Flusses, so wie auch das obere Ende des Lothssees, im fernen Hintergrunde Peräa, ein Theil des Gebirges Gilead; südlich erheben sich die Anhöhen von Bethlehem, südlich und westlich das Hochland Juda. Wären auch die Gegenstände, über die man in wenig Augenblicken dahineilt, nicht voll hehrer Erinnerungen, so würde man die Aussicht köstlich heißen, und man scheidet ungerne von dem wahrhaft fesselnden Standpunkte. Der Oelberg, wiewohl er nicht eigentlich hoch ist, übertraf weitaus meine Erwartungen.

Unten am Wege auf den Oelhügel stehen acht +ungemein alt aussehende Oelbäume+, wie man versichert, im Garten Gethsemane. Es wachsen übrigens am Oelberge auch andere Oelbäume und auch Feigenbäume, aber in dünner Zerstreutheit, und die Steine maßen sich daneben so viel an, daß der Hügel eher über Unfruchtbarkeit klagt.

Die übrigen Merkwürdigkeiten,

welche in Jerusalem und seiner Nähe gezeigt werden, will ich hier, nach den Mittheilungen der Führer, bloß in Kürze berühren. Der eine Dragoman weiß wohl auch etwas mehr, als der andere, und der dritte und vierte zu viel oder zu wenig.

Das zugemauerte goldene Thor unter der Omarsmoschee in der Stadtmauer; der Palast des +Pilatus+; die Häuser der heiligen Frauen, des +Markus+, +Thomas+, +Jakob+; der Bogen des Ecce Homo, der verfluchte Feigenbaum, die Schweißhöhle, der Jeremiasbrunnen; die Stellen, wo +Jesus+ das Unser Vater lehrte, sein Todesurtheil voraussagte, wo er gefangen genommen wurde, wo er seiner Mutter, wo er den heiligen Frauen begegnete, wo er das Schicksal Jerusalems beweinte, wo er fiel oder sich auflehnte, und dadurch Gepräge auf dem Steine zurückließ, wo +Petrus+ seine Sünden beweinte, dem +Malchus+ ein Ohr abschnitt, und wo er gegeißelt ward, wo +Simon+ genöthiget, das Kreuz aufzunehmen, wo Judas sich erhängte, wo +Stephan+ gesteiniget wurde (der Stephansplatz zwischen dem Damaskusthor und der Kidronbrücke); das Lager der römischen Armee, als +Titus+ Jerusalem belagerte, das Lager des Grafen der Normandie, das Quartier des Grafen von +Flandern+, +di Paolo+, +Eustach Tankred+, des +Gottfried von Bouillon+ und des Grafen von +Toulouse+, u. dgl.

Physiologischer Karakter der Einwohner.

Wenn ich mich befleißigen werde, den Jerusalemer nach seinen körperlichen Eigenschaften hervorzuheben, so verstehe ich unter demselben hauptsächlich die Bauersleute der Umgebung, weil sie wohl das Bild der Vorältern treuer bewahrt haben werden, als der städtische Mischmasch.

Die Haarfarbe ist schwarz, die Hautfarbe weiß oder bräunlich; insbesondere macht sich ein schöner Anflug eines zarten Wangenroths bemerkbar. Rothe, blauäugige und blonde Leute gibt es selten. Der Körper eher groß, dabei gut und fest gebaut; das Zellgewebe mit ziemlich viel Fett. Die Stirne nicht sehr hoch und mäßig breit. Die Nase lang, gebogen, mit herabstehender Spitze und dünnen Flügeln, im Ganzen ziemlich groß. Die Lippen eher dünn und der Mund groß. Die Zähne schön. Das Gesicht spitzt sich, nach dem Umrisse eines Eies, von der Stirne nach dem Kinne zu. Das Ohr von mittelmäßiger Größe schließt sich dem Haupte an. Der Gang und überhaupt die Bewegung ist lebhaft, die Haltung des Leibes gerade. Die Weiber stehen den Männern an Schönheit nach. Vielleicht waren aber die schönen weiblichen Schätzbarkeiten verschleiert oder zu Hause. Aus den Augen der Männer, worunter bildschöne, strahlt eine ruhige Gluth. Ich sah nicht leicht etwas Ausdruckloseres, als den Blick und namentlich den halboffenen Mund der Frauen und Mädchen, welche sich vor dem Denken ordentlich zu fürchten scheinen.

Sitten und Gebräuche.

Sie herrschen im Allgemeinen ungefähr so, wie in Alexandrien, wo sie bei meiner Ankunft aus Europa mich beinahe betäubten. Wenn ich in +Alexanders+ Pflanzstadt über die Gasse ging, so überraschte mein Ohr eine Art Gerassel. Ich trat näher; es war eine Mühle; ein Thier mit verbundenen Augen trieb im Zuge das Mühlerad. Also traf ich es auch in Jerusalem. Ein Mann, in den Gassen Großkairos herumziehend, bemüht sich, mit einem Kruge unter dem Arme, die Aufmerksamkeit der Menschen dadurch zu wecken, daß er, zwei Schüsselchen auf einander schlagend, ein hohes Geklingel verursacht. Es ist ein Meth- oder Sorbetverkäufer. Also sah ich es auch in Jerusalem. Auch hier hockt man bei Arbeiten. Lange Reihen von Kameelen, eines oder zwei mit einer Klingel, schreiten gleichsam als lebendige Alterthümer durch die Stadt.

Eine besondere Würdigung verdient

Die Tracht.

Ich will die Kleidung des Weibes voranschicken; denn da dieses überhaupt so viel Werth auf sie setzt, so gebührt ihm doch wohl der Vorrang.

Das +Weib+ trägt ein blaues Hemde (Leibrock), das bis auf die Fersen flattert, und dessen Aermel in ein langes, spitzes, frei herumfliegendes Band enden. Dieser Leibrock, welcher durch einen Brustschlitz angezogen und mit einer Binde um die Lenden gegürtet wird, ist die einfachste Kleidung. Zu der zusammengesetztern gehört ein gestreiftes Ueberhemde (Ueberrock), welches bloß bis an die Knie und mit den Aermeln bis an die Ellbogen reicht, so daß der Leibrock die Vorderarme und Unterschenkel allein deckt. Vorne gespalten, kann das Ueberhemde wie eine Jacke angezogen werden. Die Leibkleidung wird der Morgenländer nicht als unzüchtig bezeichnen, welcher kaum beachtet, daß sie einen Theil des Busens den Blicken nicht entzieht. Den Kopf verhüllt ein weißer Schleier, ein lumpiger bei der armen Klasse, ein grober und schmutziger bei der mittlern, ein feiner und zierlicher bei der reichen. Die Schleier bei der letztern sind ungemein groß, fallen über die Schultern, die Brust und den Rücken, und verlaufen in Spitzen über den Fersen. Dieser Kopfschleier vertritt die Hauben und Hüte der Europäerinnen. Die Christinnen tragen im Durchschnitte keinen Gesichtsschleier. Die Mehrzahl der Weiber geht barfuß. Sogar an ziemlich kalten Tagen des Christmonats sah ich viele über die schmutzige Gasse barfuß ziehen. Die Uebrigen gehen in Schuhen von verschiedener Form, die meisten in rothen mit langem Ueberleder. Dabei fiel mir das Schuhgestelle außerordentlich auf. Um nämlich die Schuhe, die im Morgenlande auf die Dauer nicht wasserdicht sind, trocken zu erhalten, befestiget man auf jede Sohle querüber zwei etwa vier Zoll hohe Bretchen, und man wandelt mit einer solchen Vorrichtung trocken des Weges. Allein dieses Gehen kostet Mühe, zumal auf den glatten und nassen Steinen der unebenen Gasse. Ein Weib ging so langsam auf den Schuhbretchen einher, daß es mir verleidet und ich beinahe lieber bis auf die Haut durchnäßt worden wäre.

Ohren- und Fingerringe nahm ich nicht wahr, wohl aber silberne oder messingene Spangen am Vorderarme. Für jene Ringe tragen indeß die Frauensleute andere Zierden, die so recht in den wilden Kram noch taugen. Gleich unter den Nasenöffnungen wird ein Fleck des Gesichtes auf jeder Seite blau gefärbt, und, die Wahrheit gestanden, es würde sich dies ohne weitere Zugabe nicht einmal sehr übel ausnehmen. Dann sitzt ein solcher Fleck auf der Stirne zwischen den Augenbraunen; oder zur Seite des Kinns die Figur ÷÷ oder mitten im Kinne ⸬; oder zur Seite der Mundwinkel ⁛ Eines oder Mehreres, wo nicht Alles zusammen, befremdet den Abendländer bald bei dieser, bald bei jener Frauensperson. Andere Beobachter könnten, wie ich nicht zweifle, noch mehr erzählen. Mir schien schon das Gegebene zu viel, selbst wenn die Punktirung eine sinnige Schrift vorstellen sollte. Es wäre für die Abendländer ein neuer Quell des Gewerbefleißes geöffnet, geriethen sie je auf den Einfall, Bücher an sich abzutatowiren oder auf Menschen Büchersäle zu bauen.

Der +Mann+ trägt ein langes, vorne in der Länge gespaltenes, um die Lenden zugegürtetes Hemde meist von blauer Farbe. Das kürzere Ueberhemde steht am Vordertheile der Länge nach offen, und hat, wie dasjenige der Weiber, ebenfalls breite Streifen, z. B. von rother Farbe. Ich durfte mich ordentlich zusammenfassen, um die Tracht der Jerusalemer festzuhalten; denn in einer Stadt, wo so viel Trachten durch einander wimmeln, wird die Aufmerksamkeit gar leicht zerstreut. Bald ein polnischer Jude, bald ein russischer Edelmann, bald ein Grieche, bald ein Franke etc. mischen sich in das dem Landeseingebornen Eigenthümliche. Die Tracht europäischer Juden hat viel Gemeinsames mit derjenigen der Eingebornen; sie gewinnt unstreitig geschichtliche Bedeutsamkeit, und keinen Augenblick schwebe ich im Zweifel, daß die Israeliten des alten Testamentes sich ähnlich kleideten, wie die neuen Rabbinisten oder Talmudisten. Der Bauer des Landes trägt seinen üppigen Bart ungeschoren; hingegen lassen die meisten Städter bloß den Schnurrbart stehen und scheren den übrigen Bart, alle aber den Kopf. Der morgenländische Christ bedeckt sein Haupt mit einem Turban gleich andern Morgenländern. Man sieht rothe, grüne, weiße, blaue, bunte Turbane. Viele Mohammetaner haben, wie in Egypten, eine rothe Mütze (Fes) auf ohne Bund.

Das Kriegsvolk.

Seit Syrien unter egyptische Botmäßigkeit gebracht ist, wird es von Kriegern überschwemmt. Einzig und allein mit einer zahlreichen, bewaffneten Mannschaft vermag der Statthalter Egyptens die Syrier zu zügeln, auf daß sie ihm nicht abtrünnig werden. Es ist eine ausgemachte Sache, daß das Land unter der Last Pflastertreter schwer leidet. Es drängt sich die beherzigenswerthe Frage auf: Würde der Vizekönig nicht mehr besitzen, wenn er mit Egypten sich begnügt hätte?

Man kann sich auch in Jerusalem nicht bergen, daß die neue Ordnung der Dinge +in Bezug auf Polizei+ sich aufs herrlichste bewährt. Ob aber das Alles sich halten werde, wenn einmal die Menge achtunggebietender und furchteinflößender, fremder Wehrmänner das unterjochte Land räume, liegt unenthüllt im Schoße der Zukunft. Freilich verheißt die Art und Weise, wie die Verbesserungen eingeführt wurden, nicht die sicherste Gewähr. Denn der neue Verwalter begann sie nicht von Grund und Wurzel aus; er trachtete nicht, die Hauptsache, in der eigentlichen Volksschule die Landeskinder in Kenntnissen vom Guten und Nützlichen mehr unterrichten zu lassen. Nur durch eine Schreckenherrschaft, vor der jedwedes menschliche Gefühl zurückbebt, verscheuchte er die Weglagerer, die Räuber, die Mörder. Diese unterlassen Frevel, Raub und Mord nicht, weil sie von Gott und dem Fürsten verbotene Handlungen sind, sondern weil sie vor der unausbleiblichen strengen Strafe zittern. Beseelte die feigen Syrier ein Gran Muthes, so würde die schöne Polizei des neuen Gebieters wie eine Seifenblase zerplatzen.

+Strabo+ nennt die Bewohner der Gegend, woher ich gebürtig bin, Räuber, Streifhorden, und schildert in Beziehung auf Geistesbildung die alten Syrier zu ihrem Vortheile. Ich wandere nun in Palästina, und kann hier erzählen, daß bei uns die Sicherheit der Person und des Eigenthums auf einer sittlichen Grundlage, dem gewissen Zeichen der Entwachsenheit aus dem barbarischen oder rohen Zustande, ruht. Was würde der Kappadozier heute dazu sagen?

Um zu den Verbesserungen +Mehemet-Ali’s+ zurückzukehren, so will ich nicht verhehlen, daß er eine neue medizinische Schule in Damaskus gündete. Man müßte indessen eine Binde vor den Augen haben, wofern man nicht die blutige Richtung selbst in dieser so menschenfreundlich scheinenden Maßregel erblickte. Zum Kriegen braucht man Leute, und sobald man Leute braucht, so muß es Einem daran liegen, daß sie am Leben erhalten werden.

Die Regierung +Mehemet-Ali’s+ reibt sich an so manchen Gegensätzen: Ernst neben Spiel, Geschäftigkeit neben Faulenzerei, Geizen neben Verschwenden. Es verdient Erwähnung, daß selten einer der europäischen Angestellten die Regierung aufrichtig lobt. Wenn einige unbestritten vom edeln Triebe zu Vermehrung der Kenntnisse in Künsten und Wissenschaften geleitet werden, womit sie einmal ihrem Vaterlande zu nützen hoffen; so verrichten dagegen die meisten ihre Geschäfte nicht aus Liebe zum Fortschritte auf dem geistigen Gebiete, sondern aus Liebe zu einer guten Bezahlung, nicht aus Liebe zur Regierung, sondern aus Liebe zu Ehr und Ansehen, zu einem bequemen und üppigen Leben vor einer reich besetzten Tafel, bei Weibern und auf der Jagd. Hat einmal der Mensch seine sittliche Spannkraft verloren, so bleibt er bloß noch ein sieches Schattengewächs. Ich kann nicht aussprechen, wie sehr mein Herz beklommen ward, wenn ich dem kalten, lahmen, maschinenmäßigen, selbstsüchtigen Gange der Regierung zusah.

So viel als allgemeine Bemerkungen über die egyptische Regierung. Sie sind kurz, wie die Prüfungszeit selbst war.

Begeben wir uns wieder zu den Heerschaaren, so führt der Faden der Beschreibung zur Bemerkung, daß ebenfalls Jerusalem von der egyptischen Plage, dem Militär, heimgesucht wird.

Ich hätte schon an andern Orten, voraus in Kairo, Gelegenheit gefunden, über die egyptischen Truppen ein einläßlicheres Wort fallen zu lassen. Ich bin dem Militär von jeher fremde geblieben, und was man am wenigsten versteht, berührt man am ungernsten.