Lustreise ins Morgenland, Zweiter Theil (von 2)

Part 4

Chapter 43,538 wordsPublic domain

Der Himmel ist weit minder heiß, als in Kairo. Der Ostwind wehte kalt. Während des Sommers regnet es äußerst selten, und die strengern Wintermonate sind die eigentliche Regenzeit. In der regenreichern Zeit herrscht nasse Kälte und fällt manchmal Schnee[1]. Mir dünkt, daß die Einwohner, vorzüglich die Weiber, zu wenig gegen die Kälte sich schützen. Auch sind die Fensterscheiben eine Seltenheit, während sie doch zu Kairo in Menge vorgefunden werden.

Gesundheitszustand und Bevölkerung.

Jerusalems Lage und Himmelsstrich hält man für ungesund. Wechselfieber, Durchfälle und Ruhren kommen häufig vor. Der in dieser Stadt stazionirte egyptische Militärarzt, ein Italiener, machte mir die Mittheilung, daß es gegenwärtig mehrere Ruhrfälle unter den Truppen gebe. Selbst die Pest verschont die Stadt +Davids+ keinesweges und im laufenden Jahre sah man sie übel haushalten. Die Egypzier sollen in der Regel im ersten Monate ihres Aufenthaltes zu Jerusalem von einer Unpäßlichkeit befallen werden, nach und nach aber sich gut an die Gegend gewöhnen. Es gebrach mir an Zeit zur Einsicht in die Todtenbücher, um über die Sterblichkeit ein haltbareres Urtheil zu fällen. Ebenso wenig darf ich rühmen, etwas Zuverlässiges über die Bevölkerung vorführen zu können. Den bisherigen Angaben mangelt es an Gründlichkeit, und neue Vermuthungen, die meinige von 12,000 Seelen, würden sich gerade mit dem gleichen Vorwurfe strafen.

Bauart der Stadt.

Die Stadt ist von zickzackigen, hohen, hin und wieder zu Thürmen emporragenden, massiven, festen Mauern umringt. Außerhalb läuft neben diesen ein Fußweg im ganzen Umfange. Die Stadt, immerhin nicht groß, ist von Südwest nach Nordost am längsten. Wäre eine gerade und gute Straße angelegt, so würde man sie in einer starken halben Viertelstunde gehen.

Die Gassen sind krumm, dabei zwar gepflastert, aber ungemein schlecht. Ein oder mehrere Pflastersteine fehlen häufig. Die Gasse hat zur Seite einen unebenen, erhabenen Weg für die Fußgänger und eine tiefere, hier und da sehr schmale Mitte für eine andere Art Fußgänger, -- für die Thiere. Oft stockt hier übelriechendes Wasser, zum mindesten in der Regenzeit, und der große Schmutz macht das Gehen zu einem überaus lästigen Geschäfte. Die erhabenen Fußwege sind so schmal, daß zwei Personen, die einander begegnen, sich, oft nicht ohne Mühe, umdrehen müssen, um vorüberzuschreiten. Wie treffend wären +Ammanns+ Worte: +Jerusalem hat viele wüste, unsaubere Gassen+, für das heutige Soliman. Man kann sich nicht verhehlen, Jerusalem eignet sich nicht am schlechtesten zum Sitze einer gewissen weltweisen Schule.

Die Bassar sehen aus, wie in andern Städten, sind aber an Unansehnlichkeit und Schmutzigkeit vielen überlegen. Einer ist gewölbt, und das Gewölbe von einer Entfernung zur andern mit einer viereckigen Oeffnung durchbrochen, wodurch das Licht der Sonne auf Gasse und Buden strömt.

Die Stadt besitzt viele unterirdische Gänge zur Ableitung der Unreinigkeiten und des Wassers. Eben grub man auf dem Hügel Bezetha, wo jetzt eine Kaserne steht, und wo einst der Palast des Herodes gestanden haben soll. Man stieß etwa zehn Fuß in der Tiefe der Gasse auf einen alten Gang, dessen Mauerwerk man von einander riß, um daraus einen neuen zu bauen.

Die Häuser haben entweder platte, oder kuppelförmige Dächer ohne Ziegel, sind nicht hoch und durchwegs von Stein; viele altern und weichen aus dem Senkel. Thüren und Läden scheinen zufällig durch den Wind hingeweht. Im Abendlande würde man über die meisten Häuser als Armseligkeiten die Achsel zucken und diejenigen bedauern, welche darin wohnen müßten. Eine große Zahl europäischer Beuchhütten verdiente im Vergleiche mit einer Menge Jerusalemer-Häuser den Namen schöner Gebäude. Neben und mit so manchen bewohnten Häusern im beßten Einvernehmen erhalten sich nicht selten Ruinen, wie: Gewölbe, umgestürzte Marmorsäulen oder aufrecht stehende Säulenstümpfe. Von Wehmuth ergriffen, wandelte ich unter diesen Siechen und Leichen, welche in unsern Tagen den Dienst erfüllen, daß sie das Andenken an die Größe und den Reichthum der Vorwelt auffrischen, während jetzt Kleinliches und Armseliges den Blick ermüden und verdüstern. Aus Jerusalem insbesondere ergeht der ernste Ruf, über den Wechsel der Dinge Betrachtungen anzustellen. Vor zwei Jahrtausenden würden es gewiß Wenige vom Volke Israel geglaubt haben, wenn man prophezeit hätte, daß die aramäische Sprache im Fortschritte der Zeit innerhalb der Markung Judäas die Herrschaft verlöre. Dafür wimmelt heute in der Stadt ein Babylon von Sprachen: das Arabische, Griechische, Lateinische, Italienische u. s. f., das Arabische selbst im Munde der Hebräer. Eroberungen von Ländern und Völkern folgt immer zuletzt und am zähesten die Eroberung des geistigen Volksschatzes, der Sprache.

Und da ich gerade von den Sprachen rede, so bemerke ich im Vorbeigehen, daß in dem Theile des Morgenlandes, welchen ich bereisete, unter den abendländischen Sprachen die italienische oder die sogenannte ~lingua franca~ überwiegt. Man würde zwar mit der französischen Sprache in Kairo recht gut, nicht aber an allen übrigen Frankenorten ausreichen.

Die Kirche des Christusgrabes.

Der Geist, in dem man die gefeierten Stellen besucht, darf weder zu zweiflerisch, noch allzu gläubig sein. Es unterliegt keiner Frage, daß mehrere große Ereignisse, deren die Schrift erwähnt, in Jerusalem und seinem Weichbilde sich aufgerollt haben; aber: Wo? -- ob nun denn beim Fuß und Zoll hier und nicht dort, hüben und nicht drüben, oben und nicht unten, -- das stelle man doch, bei der Fülle allwissender Ueberlieferungen und bei der Dürftigkeit an rein geschichtlichen Haltpunkten, in den heiligen Zufluchtsort der Menschenseele, ohne zu verunglimpfen oder -- zu verketzern. Zur Annahme der Wunder selbst sich zu bekennen, gehört nicht einmal zur Recht- und Strenggläubigkeit im engern Verstande, damit auch nicht zur Ketzerei, so man anders dieses Wort hier gebrauchen darf.

Wenn der Anblick der Häuser für die Anstrengungen der Reise wenig Entschädigung verspricht, so überrascht hingegen aufs angenehmste die Kirche des Christusgrabes durch ihre Größe und den Adel ihres Baustyls. Der majestätische Dom rührt den Christen, zieht ihn an, ladet ihn ein. Die Kirche liegt unter dem Kloster des Erlösers und über der Omarsmoschee, ungefähr in der Mitte des Dreiecks, wenn man eine Linie vom Zion zum Bezetha, vom Bezetha zum Akra und vom Akra zum Zion zieht.

Es war an einem Montage, als ich den Tempel besuchen wollte. Ich ging mehr, denn einmal vergeblich zur Thüre. Indeß öffneten die Griechen dieselbe ebenso wenig ihren glaubensverwandten Pilgern, welche sich vor der Kirche in ziemlicher Anzahl versammelten. Tages darauf hatte ich die Freude, die Grabeskirche offen zu sehen. Ich trat hinein, und siehe, da hockten zur Linken zwei Türken in aller Bequemlichkeit auf dem Diwane, indem sie eine Pfeife rauchten und ihre lebhaften, schwarzen Augen sehr weltlich herumdrehten. Ehemals galt es als eine Art Begünstigung, wenn man gegen Erlegung eines Kopfgeldes das Christusgrab besuchen durfte. Ohne Anstand wird jetzt der Zutritt zu den Heiligthümern gestattet. Die Christen verdanken die Abschaffung der mannigfachen Scherereien dem Bezwinger Syriens, +Ibrahim-Pascha+.

Hier bin ich nun im Tempel, der, nach der Behauptung der Gläubigen, sich über Golgatha und das Grab +Christi+ wölbt. Wer zählt die Andächtigen, welche in dem Gotteshause schon Labsal tranken? Wer möchte aber auch die abscheulichen Auftritte des Parteihasses unter den verschiedenen Bekennern der christlichen Religion schildern? Gleich beim Eintritt in die Kirche fallen marmorne Steinplatten, nahe in der Mitte zwischen Golgatha und dem Grabe, auf. Dort soll +Christus+ gesalbet worden sein. Wendet man sich links, d. h., gegen Abend, so sieht man eine über den Boden der Kirche und des Kirchenplatzes sich erhebende kleine Kapelle, welcher die Merkzeichen des Felsens oder der Felsenhöhle abgehen. Sie heißt Grabeskapelle. Wenn sie äußerlich nicht dem Künstler genügt, so mag sie doch den Freund irdischen Glanzes befriedigen. Der Eingang in das Innere ist so enge, daß nicht zwei Menschen neben einander durchkommen könnten. Darin wird +das heilige Grab+ oder das Grab +Jesu Christi+ verehrt. Dem Eintretenden steht zur Rechten, als das Grabmal, ein platt gedeckter, etwa einen halben Fuß hoher, von Morgen gegen Abend gerichteter Sarg, aus weißem Marmor, worüber eine schwere Menge blendend funkelnder Goldleuchter hängt. Auf der andern Seite der Kirche, gegen Morgen, führt, wie es heißt, +unter dem Kalvarienfelsen+ eine Treppe in einen Keller, die Kapelle +Adams+. Was ich aber von Golgatha und dem Grabe im wahren Grunde halte, werde ich später mit Umständlichkeit erörtern.

An der Wandung der Kirche wechseln viele Altäre. Die Lateiner besitzen eine besondere Kapelle. Lateinische Pilger weilen wohl auch drei Tage und drei Nächte in dem Tempel. Man bringt dannzumal die Speisen aus dem Kloster in die Küche der Kirche, um sie hier aufzuwärmen und zu vertheilen.

Die Griechen können unmöglich verbergen, daß sie über das Christusgrab den Meister spielen. Sie betragen sich sehr hochmüthig, und schauen mit Verachtung auf die andersdenkenden Christen herab. Es ist in der That eine wohlthätige Maßregel, daß die +Mohammetaner in der ersten Kirche der Christenheit Polizei halten+. Unzweifelhaft wären sonst die Zänkereien und Balgereien unter den Nazarenern des verschiedenen Kirchengebrauches weit häufiger und ernster. -- Einige Gläubige konnten sich nicht oft genug niederwerfen und bekreuzen.

Vor und in der Kirche schwärmen zudringliche Bettler herum, die wahrhaft Aergerniß erregen. Neben denselben werden von Andern an der Kirchenpforte Kreuze und andere ~sante cose~ (Heiligthümer), z. B. der ausgeschnitzte +Christus+ am Kreuze, feil geboten. Die Christen in Jerusalem sorgen gar wohl dafür, daß der Pilger, ehe er die Schwelle der Grabeskirche überschreitet, das Einmaleins wiederhole, und sich der vergänglichen Güter, des Geldes, erinnere. Es verdient doch wohl die Beherzigung eines Jeglichen, daß um den Baum eines zwar unerschütterlichen, aber nicht verdauten Glaubens an die Lehren aus dem Munde der Priester und Gesetzkenner -- die Wucherpflanzen der Weltbegierde gerne ihre Netze stricken, wenn diese Priester und diese Gesetzkenner in ihrem Eifer vergessen, auf den Stamm des Glaubens die Zweige der Tugend zu pfropfen.

Ich kann mich vom Grabe +Christi+ nicht entfernen, ohne einer schaudervollen Begebenheit zu gedenken. Als um das Neujahr 1834 der Feldherr +Ibrahim+ dasselbe besuchte, entstand ein solches Gedränge, daß in der Kirche zweihundert Menschen vom Leben abgerufen wurden, ohne diejenigen in Rechnung zu bringen, welche an der Pforte im Gedränge sogleich oder später in Folge desselben starben. Ein Pater erzählte mir, wie er über die Todten wandeln mußte, und einen andern erschütterte das gräuelvolle Schauspiel so tief, daß er seither an Schwermuth leidet.

Und nun halte ich stille, um auf die Schädel- und Grabstätte zurückzublicken. Habe ich denn viel Lohnendes wahrgenommen? Wurden meine Erwartungen erfüllt? Ich will meiner Antwort einige Worte vorausschicken, in Erinnerung der Menge, von welcher die Jetztzeit unbedenklich des Unglaubens beschuldiget wird. Ich will zuerst Männer reden lassen, welche, nach der Volksmeinung, in der guten Vorzeit des Glaubens lebten. Nachdem +Salomo Schweigger+, der Pilger des sechszehnten Jahrhunderts, die Heiligthümer Jerusalems angeführt, bricht er in das unumwundene Geständniß aus: Ich für meine Person habe all’ dergleichen Heiligthümer anders nicht gesehen, sind mir auch weniger zu Herzen gegangen, als das geringste Ding. Ich kann auch +weniger davon sagen, als wenn ich nie wäre daselbst gewesen, ausgenommen das heilig Grab+. So weit +Schweigger+, dem ich die Unparteilichkeit schuldig bin, seine Worte über dieses Heiligthum anzuführen. Das heilig Grab, spricht er, bedünkt mich aber kein erdichtet Heilthum, sondern in Wahrheit das Grab +Christi+ zu sein, in Ansehung, daß dasselbige ohne Schrecken und +ohn’ Entsetzen von Niemand+, es seien Christen oder Türken, +mag gesehen werden+. Denn als ich’s gesehen, ging ich nicht dergestalt hinein, als hielt’ ich’s für das Grab +Christi+, sondern, wie alle anderen Heilthümer mir verdächtig waren, als wenn es nur erdichtete Heilthümer wären oder Geldnetze, also auch dies. Als ich aber hineinkam in das Gewölb, kam mich und auch die Herren aus der Gesellschaft solche Furcht und Schrecken an, daß uns alle Härlein gen Berg standen, und uns bedünkte, wir schwebten zwischen Himmel und Erden, ja als wären wir von der Erden verzuckt. Es erweckt auch eine solche herzliche Andacht und Eifer in uns gegen +Christo+ zum Gebet und christlicher Danksagung, daß’s über alle Maßen ist. Wie man eben von +Schweigger+ vernimmt, unterlag er am Christusgrabe einem so außerordentlichen Eindrucke, daß man seine Worte zwar nicht in Abrede stellt, aber doch kaum begreift, weil so Manche heutzutage dahin wallen, ohne über die Maßen ergriffen zu werden. +Hans Jakob Ammann+, der im Jahre 1613 das Christusgrab besuchte, drückt sich so aus: Auf jetzt beschriebene Weise wird das +heilig Grab+ gezeigt, und +siehet, der dahin reiset, von dem Orte des Felses, da Christus begraben, ebenso viel, als der, so gar nicht dahin kommt+........ Ob man schon die Leute also bereden will, es sei das rechte in Felsen gehauene Grab, so hab ich doch das Widerspiel augenscheinlich gefunden, da ich mit einem Messer den Kalk zwischen den Fugen, da die marmelsteinernen Tafeln zusammengestoßen, herausgestochen, und keinen Felsen, sondern nur Mauern gefunden habe.

So sprachen vor Jahrhunderten +Schweigger+ und +Ammann+, der eine gegen die Echtheit von Golgatha, der andere gegen die des Christusgrabes. Jetzt werde ich mich selbst bestreben, eine der wichtigsten Fragen aus der Ortsbeschreibung Jerusalems zu lösen.

Liegt das Grab Christi in oder außer der jetzigen Stadt Jerusalem?

Es schiene im hohen Grade befremdend, wenn eine so wichtige Stätte, wie das Christusgrab, von den Urchristen nicht genau ins Auge gefaßt, und diese Ortskunde nicht von Geschlecht auf Geschlecht mündlich überliefert worden wäre. Schenkt man, wird man entgegenhalten, so vielen weltlichen Stellen Aufmerksamkeit und Glauben, so fordert die Gerechtigkeit, daß man auch heiligen Stätten die Aufmerksamkeit nicht entreiße, und den Glauben an sie nicht tödte. Dazu kommt noch, was die Weltgeschichte erzählt. +Hadrianus+ ließ nämlich, zum Aergernisse der Christen, am Orte, wo +Christus+ hingerichtet und begraben worden, einen Götzentempel erbauen; allein schon im vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung erhob sich unter +Helena+, der Mutter +Konstantins+ des Großen, an der Stelle des im heiligen Eifer geschleiften Götzentempels die Grabeskirche.

Offen lege ich das Geständnis ab, daß die mündlichen und diese schriftlichen Ueberlieferungen für mich völlig genügend wären, um die Echtheit der Schädel- und Grabstätte anzunehmen. Man darf indeß nicht einseitig und nicht zu rasch vorgehen; es müssen nothwendig und vor Allem die biblischen Urkunden geprüft und verglichen werden. Schweigen sie über die Oertlichkeit, so ergänze ich die Lücke mit der Weltgeschichte und den mündlichen Ueberlieferungen; reden sie, so stelle ich auf ihren Entscheid ab.

Die vier Evangelisten +Matthäus+ und +Markus+, +Lukas+ und +Johannes+ erzählen, daß +Christus+ auf der Schädelstätte (~mons calvariæ~, hebräisch Golgatha) gekreuziget, und dann daneben in dem Felsengrabe eines Gartens beigesetzt worden sei.

Wo liegt Golgatha mit dem Grabe daneben? Nahe der Stadt Jerusalem war der Ort, wo +Jesus+ gekreuziget worden, überliefert der Jünger +Johannes+ (19, 20). Ist es von allem Zweifel ferne, daß Golgatha außer, doch nahe bei der Stadt lag, so bleibt man gleichwohl bei Ausmittelung der Stelle nahe um Jerusalem, d. h., in seinem ganzen Umkreise, im Ungewissen, und diejenigen, welche die fragliche Nähe bei der Stadt auf dem Gihon erblicken, haben, wenigstens meines Wissens, nichts für sich, als Schlußfolgerungen.

Wo Gihon und die Grabeskirche liegen, darüber wurde früher Aufschluß ertheilt, und +es leuchtet aus Allem aufs gewisseste hervor, daß die jetzige Grabeskirche dem Gihon nicht angehört+. Ich urtheile nicht bloß nach dem Augenmaße, sondern auch nach einem Grundrisse der Stadt, welchen ein Ingenieur, +Failoni+, gezeichnet hat, und welcher ganz besonders deutlich darlegt, daß das alte Jerusalem eine aller Wahrscheinlichkeit widersprechende, beinahe krüpplichte, gleichsam kerbthierförmige Lage oder Gestalt haben mußte, wenn man das heutige Christusgrab außer die alte Stadt versetzte. Man wird genöthiget, zwischen dem Zion und Akra von West einen tiefen Ausschnitt zu machen, von welchem auch bei +Flavius Josephus+ überall nicht die Rede ist. Wer auch nie das Glück hatte, in Jerusalems Mauern zu leben, wem bloß vergönnt ist, eine treuere Abbildung von der Stadt zu sehen, der wird beim ersten Anblicke der Grabeskirche gleich über der Omarsmoschee, gleich über dem Moriah, die Bedenklichkeiten nicht unterdrücken können.

So lange mir nicht mehr Belege zu Gebote stehen, dürfte ich freilich nicht geradezu mit unbiegsamer Hartnäckigkeit behaupten, daß das von den christlichen Priestern gezeigte Golgatha und Christusgrab eine geschichtliche Täuschung seien; ich habe aber hinlänglichen Grund, zu neuem Denken und Forschen in dieser Sache aufzumuntern. Wollte man sich denn in Erläuterungen einlassen, so mochte eine solche Täuschung um so leichter Wurzel schlagen, je sehnlicher man die Baustelle für den Grabestempel dort wünschen mußte, wo man vor feindlichen oder räuberischen Ueberfällen sicherer sein konnte. Es kann Niemanden entgehen, daß eben die Mauern der Stadt diese größere Sicherheit gewähren. Schon die einzige Thatsache -- um auf andere nicht zurückzukommen -- daß ein christliches Kloster auf dem Zion, will heißen, außer den Stadtmauern, den Türken abgetreten werden mußte, nimmt entschieden Partei für solche, die eine Täuschung für wahrscheinlich halten, und hätte dieser Fall niemals sich ereignet, so würde man vernünftigerweise zwischen einem armseligen Kloster und einer Kirche mit ansehnlichen Schätzen eine Unterscheidungslinie durchführen.

Das +Grab selbst+ oder die +Kapelle+ desselben, +welche die Grabeshöhle vorstellen soll+, ist überdies, sie kann nicht besser, zu Erregung von Zweifeln geeignet. Nach der Erzählung der Evangelisten wickelte +Josef+ von Arimathia den Leichnam +Christi+ in Leinwand, legte ihn ins Grab (κατέθηκεν), welches in Felsen gehauen war, und wälzte einen Stein über die Grabesöffnung (ἐπὶ τὴν θύραν)[2]. Das ist ebenso einfach, als gegründet in den morgenländischen Sitten. Man wickelt in unsern Tagen den Leichnam in weiße Leinwand, und versenkt ihn uneingesargt ins Grab. Im Evangelium geschieht des Umstandes keine Erwähnung, daß +Christus+ in einen Sarg gebracht wurde. Es meldet vielmehr, ohne ein Weiteres, daß derselbe eingewickelt ins Grab gelegt wurde, welches dann ein Stein deckte. Wenn man in der Grabeskirche, an der Stätte, da +Christus+ gekreuziget ward, einen Garten, und im Garten ein neues Grab (+Johannes+ 19, 41) sucht, so lacht heute kein Garten, und es thut sich kein Grab auf; aber das Auge überrascht ein Sarg, unzweifelhaft die fromme Zugabe von Priestern. Allerdings wüßten Zweifler, wenn man selbst die Todesgruft, selbst den Stein, selbst die Spezereien heute noch auf das klarste sähe, einen Ausweg dahin, daß Alles nachgekünstelt sei; allein die Einfalt hat vor ältern Zeiten viel zu wenig erwogen, daß der treueste Befund nach dem Wortlaute der biblischen Urkunden vor den Angriffen der Zweifelsucht weitaus am sichersten schützen würde.

Es war zwar die Grabeskapelle früherhin nicht ganz so, wie jetzt, aber doch im Wesentlichen gleich: stets enge, wenig zugänglich, mit brennenden Leuchtern. Vormals mußte man sogar, um zum Grabmale zu gelangen, durch eine kleine viereckige Oeffnung, als eine seltsame Grabesöffnung, schlüpfen, wovon +Salomo Schweigger+ in seiner alten Treuherzigkeit eine Abbildung lieferte. Ich werde mich jedoch wohl hüten, die Abbildung von diesem Schlüpfen in Worten ausführlich auszudrücken, weil ich besorgen müßte, den Besuch des Grabes ins Lächerliche herabzuziehen. Man war, wie es scheint, schon beim Bau der Kapelle beflissen, die Wirkung hervorzubringen, daß das Gefühl vorherrsche, und der überall beengte Geist vor demselben erstumme.

Dem übertriebenen Eiferer widerfährt oft das Loos des Lügners, welchem man zuletzt die Wahrheit nicht mehr glaubt. Es bedarf keines Beweises, daß, zumal im Streite für die Religion, der überspannte Eiferer in seinen Seitensprüngen gerne die einfachsten Dinge mit Wundern vergoldet, und so kann er auch in der Regel auf den Beifall der Männer mit nüchterner Urtheilskraft wenig rechnen, +wie willig und gerne sie immer die Wahrheit vernehmen und glauben+. Die Menschen, in deren Brust die Flamme maßloser Leidenschaft auflodert, haben die Schuld offenbar sich selbst zuzumessen, wenn ihnen der unwissende oder wenig unterrichtete Haufe mehr glaubt und vertraut, als Leute, die mit einem größeren Vorrathe an Kenntnissen ausgerüstet sind. Es ist sehr wahrscheinlich, daß überhaupt der religiöse Glaube besser und fester stände, wenn nur nicht die Verkündiger und Verbreiter desselben über die Schale (die Form) den Kern (das Wesen) zu oft übersehen hätten.

Die Gräber der Könige.

Außerhalb des Thores von Damaskus (Bab-el-Scham) liegt gleich zur rechten Hand die gegen die Stadt schauende Felsenhöhle, in welcher +Jeremias+ seine Klagelieder gesungen haben soll, und ungefähr in einer halben Viertelstunde davon erreicht man die sogenannten Gräber der Könige. Der Boden zwischen der Stadt und den Gräbern ist mit vielen Steinen übersäet. Darunter zeichnen sich hin und wieder Mosaiksteine aus, an welchen ich den festen Mörtel deutlich unterscheiden konnte. Will man die Gräber besehen, so tritt man durch ein mit Schutt mehr, als bis zur Hälfte gefülltes Thor in einen großen, unbedeckten Raum, welcher, wie dieses, aus dem Kalkfelsen gehauen ist. Der Grund war grün, und diente den Kühen zur Weidung. An der Abendseite dieses Raumes öffnet sich der Eingang zu den Grabhöhlen. Ihn zieren halb erhabene Arbeiten, welche von einem so einfachen, als edeln Geschmacke zeugen. Man kommt, nicht ohne Komplimente zu schneiden, durch den theilweise verwitterten Eingang in einen Vorsaal. Dieser führt in vier Kammern, die sich hinwieder in Nebenkammern verzweigen. Alle sind Hauwerke im Felsen ohne Schmuck und Inschrift. Dagegen tragen die Grabdeckel, hohle Halbwalzen von Stein, auf der einen Seite Verblümungen als Zierath. Die dicken Thüren der Todtenkammern von gleichem Felsen haben auf der einen Fläche einfache Zeichnungen von Vierecken, wie Täfelthüren. Man findet sowohl ganze Thüren, als auch Bruchstücke, keine aber eingehängt. Vor zwei Jahrhunderten liefen dieselben noch in ihren Angeln.

Die Aushöhlung des harten Felsens muß ein mühsames, kostspieliges Werk gewesen und jedenfalls von Vielvermögenden des Landes angeordnet worden sein. Man schreibt jetzt die Todtenkammern den Römern zu. In frühern Zeiten hielt man sie für die Gräber der Könige von Juda.

Die Grabhöhle der Maria.

Hinweg durch das Stephansthor, vorbei am Stephansplatze, vorwärts über die kleine, steinerne Brücke des Kidrons, -- und man sieht gleich linker Hand den Eingang in eine Höhle. Siebenundvierzig Stufen von glattem Marmor leiten in ihre Tiefe. Es ist die Grabhöhle unserer lieben Frau, ihres Gemahls und ihrer Mutter. Eine Menge Blendwerk, Goldleuchter, geschliffene Steine der Kapelle verkümmern den Gedanken an eine natürliche Höhle. Eben lasen die griechischen Priester ihre Messe. Das Näselnde der Stimme widerte mich in hohem Grade an. Noch am widerlichsten näselte ein Knabe das +Kyrie+ (Herr). Ich habe am Gottesdienste wenig Ernst, wenig Würdigkeit zu rühmen.