Lustreise ins Morgenland, Zweiter Theil (von 2)

Part 15

Chapter 153,300 wordsPublic domain

+Welches ist der kürzeste und beßte Weg nach Jerusalem und wieder nach Hause zurück?+ Ich rathe, zuerst nach Marseille, Livorno oder Triest zu reisen. Letzterer Hafen dürfte der beachtenswertheste sein, weil die Gelegenheiten zur Abfahrt sich häufiger darbieten, wenigstens öfter, als in demjenigen von Livorno[12]. In Triest kann man manchmal schon am Tage der Ankunft auf einem Segelschiffe abreisen, und selten muß man nur eine Woche lang auf ein solches warten. Der gerade Weg führte allerdings nach Jaffa; allein hieher findet man, meines Wissens, keine, nach Beirut selten eine Gelegenheit, welche übrigens schon deswillen vorzüglicher wäre, weil man eine Quarantäne ersparen würde. Von Beirut nach Jaffa und umgekehrt sind in der regenfreien Zeit, nach Versicherung des Konsuls +Damiani+, die Gelegenheiten, wenigstens auf arabischen Fahrzeugen, häufig. Sonst schiffe man sich nach Alexandrien in Egypten ein. Es mag auch dem Umstande, daß man meist nur auf Umwegen zum Ziele gelangt, der seltene Besuch Jerusalems durch die Abendländer zugeschrieben werden. +Der römische Hof+, in manchen andern Dingen doch wohl über das Maß eifrig, +thut nichts oder wenig zu stärkerer Bevölkerung der Hospizien im verheißenen Lande und zu Belebung der Wallfahrt nach dem wichtigsten Wallfahrtsorte+, und sie könnte nur so leicht, zum mindesten alle Jahre einmal, auf eigene Rechnung ein Dampfschiff nach Jaffa ausrüsten, nachdem die Gläubigen vom Orte und von der Zeit der Abreise gehörig in Kenntniß gesetzt worden wären. Oder warum sorgt in unserm unternehmenden Zeitalter nicht eine Dampfschiffahrtsgesellschaft, wie diejenige in Triest, +einmal+ für eine +direkte+ Fahrt nach Jaffa? Wie angenehm müßte es für Manche sein, wenn sie, selbst in der Mitte Deutschlands, voraussagen könnten: In drei Wochen werde ich die Ostern in Jerusalem feiern. Von Alexandrien nach Jaffa legte ich den Seeweg zwar nicht zurück; allein nach einem Gewährsmanne, +Failoni+, segeln täglich arabische, zwar nicht reinliche, aber sichere Küstenfahrer dahin ab. Ich glaube auf das Wort; ich denke bloß hinzu: +außer der Regenzeit+, da der Himmel heller ist, und sollte noch ein heftiger Wind die Sicherheit bedrohen, so ersteuert der Küstenfahrer bald das Land. Als ich +Failonis+ Angabe las, wurmten in mir zuerst manche Bedenklichkeiten; die Worte +arabisch+, +Barke+, +Meer+ waren mir anstößig, und ich würde mich einem arabischen Seemanne mit Widerwillen und Besorgniß anvertraut haben: seit ich aber den nachgibigen Araber, die bedachtsame Küstenfahrt und die stillere, bessere Jahreszeit, theilweise aus eigener Erfahrung, kenne, so wollte ich mit einem arabischen Küstenfahrer unbedenklich reisen. -- Von Jaffa erreicht man bald Jerusalem. Dann kehre man nach Jaffa zurück. Hier miethe man sich an Bord eines griechischen, nach Konstantinopel laufenden Schiffes. Von Stambul bis Wien wird das Boot vom Dampfe getrieben. Ich überlasse nun einem Jeglichen selbst, den Weg nach Hause zu suchen. An der türkisch-österreichischen Grenze währt die Quarantäne kürzere Zeit, als in Triest; auch soll sie nicht so theuer sein. Von Alexandrien nach Jaffa fährt man mit und ohne Dragoman, mit einem solchen schon darum angenehmer und bequemer, weil ihm zugleich auch das Geschäft eines Koches übertragen wird.

+Wann soll man die Reise antreten?+ Der Pilger will in Jerusalem ein bedeutendes Fest feiern. An Ostern mögen bei 10,000 griechische und armenische Pilgrime die Stadt besuchen, und wegen dieses Festes warten Schiffe auf der Rhede von Jaffa, welche ihre Bestimmung nach Konstantinopel haben. Darauf muß man durchaus das Augenmerk richten, wenn man nicht gleichsam an Jaffa gefesselt sein will, wie +Andromeda+ an die Felsen. Im Hornung oder Merz in die See zu stechen, darf Niemanden bangen. Vor Korfu schon koset ein blauer Himmel, und der Merz und April Palästinas, noch mehr des Egyptenlandes gehören zu der warmen, regenfreien Jahreszeit, in welcher die Küstenfahrt gewöhnlich mit keinen, selten mit einigen Gefahren kämpft. Ich ertheile den Rath, die Reise, wo möglich, so zu veranstalten, daß man inmitten des Monates Hornung die Seefahrt beginnt.

+Wie lange dauert die Reise?+ Ich will nun die Dauer annähernd berechnen, und lieber zu lang, als zu kurz.

Von Triest nach Alexandrien 20 Tage. Aufenthalt in Alexandrien 3 „ Seefahrt von Alexandrien nach Jaffa 4 „ Quarantäne in Jaffa 19 „ Wanderung von Jaffa nach Jerusalem 2 „ Aufenthalt in Jerusalem, den Ausflug nach Bethlehem inbegriffen 8 „ ~Nb.~ Kürze oder Länge des Aufenthalts würde hauptsächlich vom Erwarten des Festes bestimmt. Zurück nach Jaffa 1 „ ~Nb.~ Die Rückreise, auf der man sich nicht, wie auf der Hinreise nach Jerusalem, in Arimathia aufhält, wird deswegen einen Tag kürzer angegeben, als letztere. Abwarten eines Schiffes 4 „ Reise nach Konstantinopel 20 „ Aufenthalt in Konstantinopel 14 „ Wasserreise nach Wien mit Einschluß der Quarantäne (kürzestens 30 Tage) 41 „ ---------- Zusammen 136 Tage.

Man könnte bis Ende Brachmonates wieder zu Hause eintreffen, nach einer Abwesenheit von etwa fünftehalb Monaten.

+Wie lebt man?+ Man kauft in Triest zwei Leintücher, eine Wollendecke, eine Matratze und ein Kissen: die Schiffsbettung, deren man, wenn auch nicht auf dem Dampfschiffe, doch auf der Küstenfahrt nach Joppe und später bedarf. In jenem Schiffe kann man auf eine Beköstigung zählen, wie in einem Gasthofe. Alexandrien besitzt Wirthshäuser nach fränkischer Einrichtung. Hier versehe man sich für die Fahrt nach Jaffa mit Nahrungsmitteln, z. B. mit gewöhnlichem Brote (Zwieback ist für die kleine Reise kaum nöthig), das acht Tage gut bleibt, mit frischem Fleische, mit Hühnern, mit Reis, Kartoffeln, Zucker, Kaffee, mit Zitronen und einer Flasche Aquavit, und man schaue vor der Abfahrt besonders nach, ob der Rais süßes Wasser in gehöriger Menge gefaßt habe. Ohnehin wird man nicht vergessen, eine kleine Kaffeekanne von Weißblech, eine eiserne Kasserole (zum Kochen des Fleisches u. dgl.) mit einem schüsselförmigen, als Teller dienenden Deckel, so wie Messer, Gabel und Löffel, einen Becher und Holzkohlen zu kaufen. Es gibt Araber, die sich so gerne auf Andere stützen, daß man wohl thut, selbst an Salz und Feuerzeug sich nicht mangeln zu lassen. Nimmt man gleich von Hause aus etwas mit, um wenigstens den Zucker, Kaffee und Reis gehörig aufzubewahren, so wird man es nicht bereuen. Für den Mundbedarf schafft man sich zugleich einen Korb nach egyptischer Art an[13]. Im jüdischen Lande spricht man bei den Bewohnern der Klöster oder Hospizien zu. In Jaffa trifft man zweifelsohne einen +griechischen+ Schiffshauptmann; seine Kost ist eher schlecht. Beköstiget man sich selbst, so lebt man besser und freier, während man zugleich um ein Bedeutendes wohlfeiler durchkommt. Man kaufe also einen Vorrath an Lebensmitteln etwa auf zwanzig Tage, Zwieback aber etwa auf dreißig Tage, auf längere Zeit ja nicht, da die Griechen bei schlimmer Witterung gerne in einen Hafen steuern, wo man wieder frischen Mundbedarf aufkaufen kann. Beim Abschlusse der Uebereinkunft mit dem Schiffshauptmanne muß das Kochen und das hiezu nöthige Holz wohl bedungen werden. Wenn man sich recht deutlich erklärt, so ist vom griechischen Hauptmanne, welcher wenig zu schreiben pflegt, ein schriftlicher Aufsatz nicht geradezu erforderlich. Meine Uebereinkunft mit dem Hydrioten geschah mündlich; ich schrieb sie bloß in meine Brieftasche, worauf ich sie noch dem griechischen Konsul anzeigte. Zu Konstantinopel, nämlich in Galata und Pera, laden den Reisenden, neben einem ~ospizio della Terra Santa~, fränkische Wirthshäuser ein. Auf allen Dampfschiffen sorgt die Küche für ein üppiges Leben. Ich müßte eine recht saure Mühe mir aufbürden, wenn ich, nach dem Beispiele der abendländischen Reisehandbücher, angeben sollte, welches das beßte Wirthshaus in Wien sei. Der Ankömmling aus dem Lande des Aufganges kennt mehr Genügsamkeit.

+Wie viel kostet die Reise?+ Es wäre leicht, zu antworten, würden nur die Preise zu verschiedenen Zeiten nicht schwanken. So waren die Lebensmittel zu meiner Zeit in Jaffa mindestens um ein Drittel kostspieliger, als vor der Besetzung Palästinas mit egyptischen Truppen. Und davon abgesehen, läßt sich der Voranschlag der Kosten nur beiläufig bestimmen. Wer gesonnen ist, den Reiseplan geradenweges zu verfolgen, und nirgends sich längere Zeit aufzuhalten, wer weder wissenschaftliche Forschungen anstellen, noch durch großen Aufwand Aufsehen erregen will, immer und überall aber für die Gesundheit, als eine unschätzbare Juwele, Sorge trägt, und in steter Rücksicht auf dieselbe die verschiedenartigen Vergnügungen der Reise genießt: der wird diese mit 600 Gl. R. W. bestreiten können. Es fiele nicht schwer, in die Einzelnheiten einzugehen. Jeder, welcher die Reise zu unternehmen Willens ist, wird übrigens leichter durch Erfahrung das Nähere finden, als durch die Uebung des Gedächtnisses in Angaben aus dem todten Munde eines Buches.

Schlußbetrachtungen.

Hier an meinem Ziele, wo ein weites Feld von Rückerinnerungen sich schließt, kann ich nicht umhin, darüber Rechenschaft abzulegen, +wie+ ich die Reise in den gegenwärtigen Blättern erzählte.

Alles Wesentliche schrieb ich auf der Reise zwischen Triest und Afrika, in Alexandrien und in Kairo, in El-Arysch und in Ramle, in Jerusalem und in Jaffa, in Rhodos und Tschesme (auf dem Meere zwischen Ionien und dem thrazischen Bospor, in Konstantinopel und in Smyrna, auf dem Seewege nach Triest) und im Theresienlazarethe, am meisten jedoch in Kairo, El-Arysch, Jaffa und Triest, und selten blieb ich in bedeutendem Rückstande. Mit dieser Arbeit, ich gestehe es, raubte ich mir manchen ruhigen Genuß; hingegen auch würzte ich damit, zu reichlicher Vergeltung, viele Stunden, zumal von denjenigen, welche in den Quarantäneanstalten vergingen. Im Garten bereitet man dem Rosenstrauche ein Beetchen, und er treibt Blätter und Dornen; aber man pflanzt ihn nicht wegen der Blätter und Dornen, sondern in der Hoffnung, daß mit der Zeit noch duftende Blumen aufquellen, womit die Freude sich einen Kranz winde.

Ich fühle wohl, daß ich hätte zwei Dinge thun können: erstens das Geschichtliche einweben, und zweitens mit Auszügen neuerer Reisebeschreibungen meine ergänzen. Ich wollte weder das Eine, noch das Andere; das Eine nicht, weil auf der Reise zur Seltenheit eine kleine Garbe geerntet wird, sondern weil jeder Unterrichtete die Hauptsache am Schreibpulte ausbeuten kann; das Andere nicht, weil ich die Rolle eines Plünderers verabscheue, und weil ich vermuthe, daß Manche ebenso gerne einen Rundreisenden begleiten, als den Zusammenstoppeler und Erklärer inmitten eines Bücherhaufens. Ich behaupte zwar nicht, daß ich die eben bezeichnete Bahn aufs allerstrengste verfolgte, ohne ausnahmsweise in einen Seitenweg abzuweichen, indem ich glaubte, wenigstens einige, vielleicht nicht mit Gebühr gewürdigte Männer des sechszehnten und siebenzehnten Jahrhundertes, wie sie mir gerade in meiner literarischen Einsamkeit begegneten, in diesen Sprechsaal einladen zu dürfen[14].

Als Lustreisender hätte ich denn auch nicht dem Schulzwange gehorchen mögen, um ein Ebenmaß zu beobachten. Bald ernst, bald scherzhaft, jetzt ausführlich und vielleicht gar gedehnt, dann kurz und abgebrochen, -- so schrieb ich je nach meinen Lagen und Launen. Das Wanderbuch ist ein Spiegel verschiedener Gemüthsstimmungen. Wie sollte ich nun am Ende meiner Fahrten, etwa zu Gunsten untergeordneter Rücksichten, das Tagebuch anders zuschneiden, damit das Bild meines Reiselebens erbleiche? Es wäre ein wenig zu hart, wenn man stets nach den Geboten der Schule leben müßte, wie der Karthäuser nach seiner Klosterregel.

Nicht die Städte der Welt sind das Ziel einer Reise, sondern die Wahrheit. Mit Andern will ich in nichts wetteifern, als in dem aufrichtigen Streben, der Wahrheit zu dienen. Das letzte Reiseziel aber ist viel schwieriger zu erreichen, als Alexandrien und Kairo, Jerusalem und Bethlehem. Man gibt wieder, was ein Eingeborener oder ein schon längere Zeit im Morgenlande weilender Franke erzählte; allein es hält nicht immer leicht, den rechten Mann zu finden. Man ist das Werkzeug der öffentlichen Meinung unter den Franken; allein man kann die Ansichten Einzelner mit derselben verwechseln. Man verfaßt es in Schrift, was man selbst durch die Sinne wahrnahm; allein diese werden gerne von Täuschungen getrübt. Mehrmals stellte ich mich vom Schreibpulte aufmerksam auf die Gasse, auf daß ich dann wieder an jenem die Feder sicherer handhabe. Um die körperlichen Eigenthümlichkeiten, so wie die Tracht der Jerusalemer mit möglichster Genauigkeit zu schildern, setzte ich mich im Bassar auf eine steinerne Bank, und schrieb, von den Leuten ungestört, gleich nieder, was mein Auge erspähte. Wenn ich auch nicht die leiseste Neigung hege, den Zweifel deshalb mundtodt zu erklären, so brachte ich nun einmal, was ich vermochte, treulich und ohne Gefährde.

Nützt meine Reisebeschreibung Niemanden, so nützte sie doch mir, mehr aber noch die Reise selbst. Als Wanderer lernte ich Welt und Menschen an einem größeren Maßstabe kennen.

Oft beschmollte ich unsern Schnee, und träumte mich mit Wonnegefühl unter einen lindern, lachenden Himmel. Ich konnte im Egyptenlande während des Wintermonats ahnen, welche Gluth die Sonne des Sommers auf dasselbe aussprühe. Uebrigens frieren die Leute im Winter auch an andern Orten, wie in dem gar sommerheißen Konstantinopel, obschon kürzere Zeit, ohne daß sie durchgängig die bequemen Heizeinrichtungen besitzen, die uns, den von Eis Umringten, jenen lieblichen künstlichen Sommer in die Stube zaubern. Wahrlich, wir stehen nicht schlimmer.

Ich sah jenseit des Mittelmeeres fruchtbarere Gegenden, als in der Schweiz und in Teutschland, als selbst in Frankreich und Italien. Was frommt jedoch dem Bauer die Ergibigkeit der Fluren, wenn er die Bodenerzeugnisse zusammt dem daran klebenden Schweiße dem Machthaber unter die Füße legen muß? Ich sah aber auch viel unfruchtbarere Gegenden, wie in der Nähe von Jerusalem, wo die Menschen Zähne haben müßten, um die Steine zu zermalmen, einen Magen, um sie zu verdauen, eine Werkstätte, um sie in Blut zu verwandeln, falls jene in +der+ Nacktheit ihnen viel nützlicher werden sollten. Wir stehen nicht schlimmer mit unsern grünen Hochweiden, vor denen viele Berge Syriens und Kleinasiens, Thraziens und des peloponnesischen Archipels ihre Häupter ehrerbietig senken würden.

Ich traf tugendsame Menschen, aber auch den schlimmen, den feigen Araber, den schlauen, den treulosen Griechen. Bei uns versüßen mein Leben viel wackere Leute, die zugleich die Träger einer umfassenderen Bildung und Weltaufklärung sind, nicht zu gedenken, daß ich durch die Bande der Sprache, wie der Sitten, der Religion, wie des Vaterlandes und, ich will noch beifügen, der Vorurtheile an sie geknüpft bin. Und wer möchte vom Bande der Familie schweigen? Wir stehen einmal nicht schlimmer.

Ich reisete durch gesunde Gegenden, so Jaffa und Gaza in der pestfreien Zeit, aber auch durch solche, welche, außer der Pest, noch von andern schrecklichen Geißeln der Menschheit geplagt werden. Bei uns fallen wohl zahlreiche Opfer der langsam tödtenden Schwindsucht, aber seit Menschenaltern nimmermehr jenem Ungeheuer. Wir stehen in der That nicht schlimmer.

Nein, +wir stehen nicht schlimmer, aber besser+. Nichts trug zur Aussöhnung mit den heimathlichen Verhältnissen williger bei, als meine Reise und gerade diese mittlerweile gewonnene Wahrheit. Der Gedanke, daß das Schicksal gegen uns mehr Milde erzeigt, als gegen die Einen, hat jederzeit etwas Tröstliches, mag auch sonst ein herberes Schicksal uns beugen, als Andere. Ich darf die volleste Zufriedenheit mit der Entwerfung und Ausführung meines Reiseplanes ausdrücken.

Soll ich nun Andern die gleiche Reise, insonderheit die Pilgerfahrt nach Jerusalem, wie ich sie angab, rathen? Wem die Wanderlust beinahe im gebieterischen Tone zuspricht, und wem gleichzeitig es nicht an Mitteln ermangelt, dieselbe zu befriedigen, der trete die Reise an mit heiterer Entschlossenheit. Wenn er einerseits freilich einen Kelch voll Bitterkeiten an die Lippen setzt, wenn er vielleicht der Gefahr sich in die offenen Arme stürzt; so werden ihm andererseits der angenehmsten Augenblicke manche vergönnt, und mit einem güldenen Schatze neuer Kenntnisse und Erfahrungen wird er sich bereichern. Geht auch ein kleiner Weltschatz verlustig, dieser wird von den Kleinoden, welche man für Kopf und Herz sammelt, weit aufgewogen.

Ich bin kein Schwärmer. Ich möchte die Erneuerung der Kreuzzüge nach dem jüdischen Lande nicht herbeiwünschen. Es taucht inzwischen aus dem Meere der Weltereignisse die merkwürdige Erscheinung, daß die meisten Gemüther der abendländischen Christen für Jerusalem in seiner örtlichen Bedeutung gleichsam erstorben sind, und daß seit länger, denn einem halben Jahrtausende kein zweiter +Petrus von Amiens+ sich erhob, die Abendwelt für das gelobte Land zu entflammen. Der Mensch liebt bisweilen die Hindernisse, um sich im Kampfe gegen sie zu messen. Je zahlreicher dieselben aus dem Wege geräumt wurden, desto mehr lenkten in der Folge die Abendländer ihre Aufmerksamkeit von Palästina ab. Man möchte bereits beklagen, daß, nach Beseitigung aller Hindernisse, nunmehr der Entschuldigung oder Beschönigung jede Ausflucht abgeschnitten ist.

Immerhin glaube ich, daß die Pilgerfahrt nicht nutzlos wäre für einen Schriftgelehrten. Derjenige, welcher daheim in seinem Stübchen sich an einer Beschreibung von Jerusalem schier preßhaft zerarbeitet, indem er staubbedeckte Schriften gleichsam hungerig durchwühlt, und mit mühsam erborgten Stellen das magere Buch kaum genug ausspicken kann, würde doch nicht übel thun, wenn er hinginge, die Brust in Jerusalem zu durchlüften, und das Auge auf der Wache Zions im Buche der Natur zu erfrischen.

Ich glaube nicht, daß die Pilgerfahrt nutzlos wäre für den Bibelfreund. Sogar der beßte denkgläubige Christ kann die Bibel, zum wenigsten ihren Einschlag örtlicher Beziehungen, weder mit der Klarheit und Lebendigkeit der Vorstellungen, noch mit der Fülle und Tiefe der Gefühle erfassen, wie der Pilgrim, welchem insbesondere das Lesen der Urkunden einen Vollgenuß verheißen muß. Die unübertreffliche Schilderung, wie jener fromme und treue Knecht zu +Rebekka+ kam, wie die holdselige Jungfrau, mit ihrem Wassergefäße auf den Schultern, heranschreitet, wie sie dem Ankömmlinge einen Trunk Wassers anbietet, wie sie für seine Kameele aus dem Brunnen schöpft u. dgl. --, solche Züge mögen Jedermann anmuthen; allein sie erregen wohl einen ganz eigenthümlichen Eindruck im schauenden Pilger, welcher in der seelenvollen Schilderung die heutigen Sitten des Morgenländers als eine Verjüngung der alten bewundert.

Auch glaube ich nicht, daß die Pilgerfahrt nutzlos wäre für manche Mühselige und Beladene, Leichtsinnige und Welttrunkene. In Gaza weht gesunde, eine milde, die herrlichste Luft. Dort und in Jaffa fühlte ich mich, so zu sagen, noch einmal so leicht auf der Brust. Beide Städte befällt die Lungenschwindsucht als eine große Seltenheit. Man darf ebenfalls von der Seereise Heil erwarten, bei gehöriger Behutsamkeit, z. B. vor dem Zuge des Windes. +Nach der Rückkehr ins Vaterland stand meine Gesundheit auf besserem Fuße, als vor dem Anbeginne der Reise.+ Beleuchten wir jetzt die andere Seite. Unsere gnädigen Frauen und Fräulein, so wie ihre ergebenen Herren und Jünkerlein unternehmen im Laufe der günstigeren Jahreszeit glänzende Badereisen zu Wiederherstellung der Gesundheit, viele aber aus Lust zu einem üppigeren Leben, zu Liebe und Spiel, zu Tafel und Tanz, und mehrere von den üppig lebenden, liebenden und spielenden, tafel- und tanzfreudigen Kurgästen wallfahrten vielleicht später reumüthig und bußfertig nach einem winzigen Gnadenorte; nur wollen sie diesen Glanz ihres Ueberflusses an irdischen Gütern und diesen Schatten ihrer Hoffnung auf himmlische Schätze nicht nach ihrem Gnadenorte aller Gnadenorte, nach Golgatha, tragen. Sei es, daß die gewöhnlichen Wallfahrten des Abendländers, selbst im Schoße der Kirche, die sie anordnet, einen übeln Klang haben, es will die Pilgerreise in ein so entferntes Land, wie diejenige nach Jerusalem, wenigstens zum Theile von einem ganz andern Standpunkte aus beurtheilt werden. Große Luftveränderungen sind ein kräftiger Balsam für verzärtelte oder siechende Geschlechter; große Wanderungen sind ein starker Hebel der Kultur und Zivilisazion.

Verbesserungen im zweiten Bande.

S. 50 Z. 1 von oben lies +in der Tiefe zwischen Moriah+ +und Zion+; +jenseits+ am. „ 64 „ 3 „ „ „ +wären+ für +waren+. „ 80 „ 11 „ unten lösche das ; vor +weiter+. „ 125 statt 152. „ 156 Z. 4 von unten lies +heben+ für +haben+. „ 159 „ 8 „ „ „ +heirathen+ für +heitathen+. „ 161 „ 10 „ oben „ +schỏfe+ für +schṓfe+.

Nicht sinnstörende Druckfehler (z. B. 1, 19 Schemmel st. +Schemel+, 1, 103 Letze st. +Letzte+, 1, 123 faullenzt st. +faulenzt+, 1, 181 schlossen st. +schloßen+, 1, 211 pauckte st. +paukte+, 1, 303 Regen st. +Regnen+, 2, 162 Montag st. +Montags+), insbesondere der Interpunkzion, wenigstens im ersten Bande (z. B. S. 8, 26, 28), so wie auch die Ungleichheit in der Rechtschreibung (z. B. +Kroazien+ neben +Kroatien+, +lange Weile+ neben +Langeweile+, +Pfennige+ neben +Pfenninge+, +Bogen+ neben +Bögen+, +Reiß+ neben +Reis+) wolle der Leser selbst verbessern.

Inhalt des ersten Bandes.

Seite

Reise nach Triest 1.

Mein Aufenthalt auf dem Eilande Lossin oder Ossero 10.

Fahrt nach Alexandrien 25.

=Alexandrien.=

Lage 58.

Gebäude 59.

Krankenhäuser 67.

Auch das Observazionsspital oder die Observazionshütten 70.

Die Katakomben und der Pferdestall 78.

Die Nadeln der +Kleopatra+ und der Flohfänger 80.

Die Pompejussäule und die Schandsäule 82.

Die Nachgrabungen 85.

Leute. Bevölkerung 88.

Der Ritt zur Beschneidung 91.

Primarschule 92.

Die Zeichenschule 93.

Weiberhändel 95.

Geld und Geldnoth 97.

Das Schiff der Wüste 99.

Anleitung für den Reisenden 100.

Die Nilfahrt nach Kairo 104.

=Kairo.=

Lage der Stadt, Strich des Himmels und Gesundheitszustand der Menschen 134.

Die Stadt nach ihrer Bauart 140.

Das Schloß, der Jussufsbrunnen und die Grabmale von Kâyd-Bei 148.

Das Militärkrankenhaus 155.

Die Narrenmenagerie 157.

Die Stadt der Einäugigen und der Blinden 162.

Das öffentliche Bad 163.