Lustreise ins Morgenland, Erster Theil (von 2)

Part 9

Chapter 93,569 wordsPublic domain

Gemälde trifft man an den Häusern selten, und wenn noch, so lassen sie allenthalben die Schülerhaftigkeit durchblicken. Europäische Primarschüler von acht Jahren würden treuer und geschmackvoller malen. Die Malereien an den Mauern der Häuser stellen meistentheils Laub- oder Blumenwerk dar, das etwa aus schnörkelreichen Töpfen sich entfaltet. Die rothe Farbe herrscht vor. Auch trägt die Mauer einiger Häuser, rechts und links an der Thüre, einen gemalten angebundenen Löwen zur Schau. An einem Hause ist auf ein Thier ein kleines Gebäude gepackt; allein ich konnte nicht errathen, was für ein groteskes Ding es war, weil die Pfuscherei wirklich zu hoch sich überboten hat. An andern Häusern, und zwar an vielen, wechselt einfach die rothe und weiße Farbe, so daß, wenn eine Reihe Quader weiß, die erste darüber roth ist. Hie und da steht über den oben abgerundeten Thüren ein Stern. Mehr, als an Farben versucht sich der Kairaner an Formen, und diese sind es, die seine Geschicklichkeit verkündigen. Wo Holz verbaut ist, da liefert es beinahe durchgängig Beweise von kunstreichen Schnitzarbeiten. Noch triumphirender aber zeigen die Mauern das Gepräge der Kunst. Die Moscheen (Gâma’) empfehlen sich in der Regel durch ihre Pracht, und die hohen Thürme sind bis an die Spitze von lauter Quadern aufgeführt. Die meisten umkrämpen zwei frei herausragende Galerien mit Geländer, und auf dem Helme schießen Arme schief hinauf, um daran, zu Verherrlichung der Festtage, Laternen zu hängen. Auf den Galerien hingegen wird vom Thürmer (Muezeinn) singend der Gläubige zum Gebete ermahnt. Dadurch wird die fehlende Glocke entbehrlich. Ueberall erregten die sarazenischen oder maurischen Werke meine Bewunderung. Obschon ich in meiner Kunsteinfalt einem einfachern Styl mehr Geschmack abzugewinnen vermag, so ergötzte ich mich gleichwohl manchmal an dem Laub- und Blumenwerk, an den bizarren geometrischen Figuren oder Arabesken. Eine Bildsäule würde man vergebens suchen. Es geschieht nicht selten, daß man beim Ausjäten des Unkrautes auch das nützliche Gewächs herausreißt. So hat der Islam, bei Zerstörung der Götzendienerei, die bildende Kunst überhaupt mit Füßen getreten.

Aufschriften in arabischer Sprache liest man ungemein selten. Paris sieht gegen Kairo wie ein aufgeschlagenes geschriebenes Buch aus. Die Tochter Mokatams ist Album. Die europäischen Städte sind Erklärungswörterbücher (Reallexika), belehrend für Kinder und Fremde, ein ~Cornu Copiae~ von Pleonasmen für die Unterrichteten. In Italien lernte ich manche Handwerksnamen über den Buden, und Niemand hätte es mir verarget[10].

Das Schloß, der Jussufsbrunnen und die Grabmale von Kâyd-Bei.

Wollen die Europäer wohin gehen, laufen, reiten, fahren, so werden die gebieterischen Witterungs-+Wenn+ angeknüpft. +Morgen, wenn es gut Wetter ist+, heißt es. Wenn das Frauenzimmer schon seinen Flitter bereit hielt, wenn Pferde und Wagen bestellt waren, wenn die Liebe und Freude den Schlaf verscheuchten, und wenn dann in der Frühe Wasser oder Schnee vom Himmel fällt; -- ach, welch saures Gesicht wird geschnitten, welche Seufzer werden ausgestoßen, wie werden mit beklommenem Herzen die Hände zusammen und über einander gerungen, weil -- es regnet oder schneit, und weil der Regen oder Schnee den Gang, den Lauf, den Ritt, die Fahrt hindern. Man darf in Kairo während der sichern Jahreszeit gut Wetter auf morgen so zuversichtlich erwarten, als das Tageslicht selbst. Die europäischen Witterungs-Wenn sind hier daher außer Tagesordnung und werden, Wunder genug, nicht einmal gewünscht, um sich damit zu europäisiren.

Ich lud einen Freund zu einem Spazierritte ein. Ich zählte auf diesen mit einer Sicherheit, welche nicht vom fernsten Zweifel beengt war. Doch haben, daß ich es zu melden nicht vergesse, die Kairaner manchmal ein anderes Wenn und zwar ein noch schlimmeres; ich meine das Pest-Wenn. Du ladest Abends einen muntern Freund auf morgen zu einem Spazierritte ein; ehe der Tag graut, ereilt ihn die Pest mit ihrem tödtlichen Gifte.

Es war Sonntag. Am frühen Morgen trugen uns die Esel im Geschwindschritte durch die Gassen und Bassar. Die Läden waren noch nicht überall offen. Die sarazenischen Schnörkeleien an den Häusern, Thürmen und Tempeln, die arbeitenden Mohammetaner eigneten sich gleich sehr, die Aufmerksamkeit zu fesseln. Nun etwas bergan. Der Esel schritt immer noch schnell, und der Eseltreiber rannte keuchend nach. Schon erblickte ich das Schloß in der Nähe. Ich verging in Staunen. Wir bogen rechts ein, um auf der günstigsten Stelle die Stadt und ihre Umgebung zu überschauen. Man kommt an stehenden und gestürzten mächtigen Granitsäulen vorbei, welche, wahrscheinlich Trümmer von Memphis, über dem Grabe der Altzeit prangen.

Das ist nun Kairo unter meinen Füßen, seit Jahrhunderten ein Gegenstand der Bewunderung, früher weniger gekannt und von den Europäern nicht selten mit Fabeln angefüllt, von den französischen Heerschaaren bezwungen, von ihren Gelehrten gemessen, beschrieben, gezeichnet bis auf die kleinsten Einzelnheiten; das ist nun Kairo vor meinen Augen, die größte bekannte Stadt in Afrika, die zweitgrößte des osmanischen Reichs, eine der größten der Welt, mit den vierhundert Tempeln, mit den graulichen plattdächigen, kaminlosen Häusern in dem weiten Umkreise, mit den 200,000 Einwohnern[11]. Kaum kann das Auge ausruhen. Südwestlich liegt Altkairo, weiter weg der die Inseln umspülende Nil, dann die hoch aufragenden Pyramiden von Gizeh (Gîsa) und Sakâra, der wüste lybische Hügelstrich, und gegen Morgen der letzte Absenker des arabischen Gebirges. Vor allen Gebäuden zeichnet sich durch Größe der Hassantempel und gegen Sonnenaufgang die vielen Grabmale aus. Wo ist aber Babylon, wo Memphis? Du bist stumm, Maser el-A’tykah, und du, Gelände jenseits des Nilstroms.

Das Schloß stützt sich auf einen Abfall des Berges Mokatam, im Süden der Stadt. Es ist von festem Mauerwerk und sehr groß, so daß es für sich schon eine ordentliche Stadt bildet[12]. Das Stockhaus liegt im Umfange der Burg. Wegen der Schönheit wäre das Harem nicht nennenswerth. In der Nähe desselben standen Entmannte. Ein ungewöhnlich großer Mohr verrieth durch Haltung und Geberde, durch Stimme und Gesichtszug so völlig das bis zum kindischen unmännliche Wesen, daß der Kontrast sich tief in meine Seele prägte. Dem Auge des Kastraten fehlt der Glanz der Kraft und Liebe. Die ersten Frauenhüter sah ich eben in einem Schloßhofe um ein Pferd stehen, das, mit zusammengebundenen Füßen, auf dem Boden ausgestreckt war. Man schnitt demselben den Schweif ab, brannte dessen Stumpf mit einem Glüheisen, und brühte ihn dann in einer mir nicht bekannten Flüssigkeit. Die Kastraten schienen mit Wohlgefallen der blutigen Operazion zuzusehen. Man kann sich doch nicht bergen, daß man in Kairo leichter und schneller die Rosse englisirt, als die Araber zivilisirt.

Vom Militär, durch welches das Residenzschloß bewacht wird, stellt der Abendländer sicher nichts Geringeres sich vor, als von der orientalischen Pracht geblendet zu werden. Nichts weniger als Luxus. Dafür findet man zerrissene Kleider in Menge.

Wir traten in viele Hallen und Zimmer des Schlosses. Die Kanzlei hatte ganz den orientalischen Zuschnitt; ringsum der Diwan, d. h. eine niedrige, breite Polsterbank, ohne einen Tisch, bloß ein unbemaltes Pult steht einsam in einem Winkel. Die Kanzlei war heute leer, weil die Kanzlisten, koptische Christen, eben den Sonntag begingen. Es klingt in Wahrheit sonderbar, daß in Egypten die Staatskanzlei eines mohammetanischen Fürsten den christlichen Sonntag feiert. An den Werktagen wird der Diwan um und um von den Schreibern besetzt, um nicht zu sagen, belagert.

Was auf dem Schlosse meinen Geist am meisten und mein Gemüth am angenehmsten beschäftigte, war der sogenannte +Jussufsbrunnen+. Ein mohammetanisches Weib führte mit brennender Kerze mich hinunter. Es war unverschleiert; doch bisweilen schnappte es in das Kopftuch, um das häßliche, schwarzbraune Gesicht zu verhüllen. Zwei Kinder leuchteten mir nach. Der Brunnen, über 280 Fuß tief in den Kalkfelsen gearbeitet, ist viereckig. Man steigt auf einer Felsentreppe hinunter. Die Stufen lassen sich jedoch an vielen Orten wegen der darauf liegenden Erde nicht erkennen. Die innere Wand der Treppe durchdringen an vielen Orten Oeffnungen zum Einlassen des Lichtes. Wenn man zu einer gewissen Tiefe hinabgelangt, endet die Treppe, und mittelst eines Rades wird das Wasser in Krügen, welche an einem Seile befestiget sind und mit diesem umherlaufen, aus der Tiefe geschöpft und hier ausgeleert. Ein zweites Rad findet sich oben, welches mittelst der Krüge das Wasser von der nächsten Stazion heraufholt, um es dort ans Tageslicht zu bringen. Von dem Orte, wo das untere Wasserrad angebracht ist, senkt sich der Brunnen bis zum Wasserspiegel, welcher mit dem Nil die Höhe theilt, so tief, daß einige Sekunden verstreichen, bis man den Fall des hinabgeworfenen Steins vernimmt. Neben dem untern Rade greift eine Kerbe in den Fels, wo ein weiß marmorner Turban, das Grabmal des +Jusef Salâh el-Dyn+ (des berühmten +Saladin+), ruht. Man fühlt in der Tiefe eine angenehme Temperatur, und es fällt eben so leicht, als es die Mühe lohnt, Zeuge eines so merkwürdigen Denkmals zu sein. Mich erinnerte dieser Erdenthurm und die Treppe an den Markusthurm und dessen Treppe in Venedig.

Vom Schlosse weg wendeten wir uns, indem wir die auf einen Schutthügel gebauten Batterien zur Linken ließen, gegen den nach Suez führenden Wüstenweg, um die Moscheen und Grabmale der Großen (Turâb Kâyd-Bei) zu durchstreifen. Jener Hügel verdeckte unsern Blicken die Stadt, und das Schloß sperrte die Aussicht nach Süden. Die Grabmale, in einem Thale auf sandigem Grunde, stellen meist Thürme oder Moscheen dar. Von diesen umringt, glaubt man sich mitten in einer Stadt; man +ist+ in einer Leichenstadt. In der Bauart der Grabmale bespiegelt sich offenbar der schmuckselige Sarazene, welcher Fleiß mit Geschmack verband. Große Schätze sind an den unbewohnten ansehnlichen Gebäuden aufgegangen; aber leider zerfallen diese, und lassen den Genossen unserer Tage eine Reihe von Jahrhunderten aus der Urne der Zeit verwünschen, damit er dieselben in dem Zustande der Unversehrtheit bewundere. Beim Anblicke zerstörter oder der Zerstörung entgegeneilender, ausgezeichneter Kunstwerke möchte man beinahe vorziehen, daß sie nie entstanden wären, nur um des bittern Schmerzes über ihren Zerfall überhoben zu werden.

Das Militärkrankenhaus.

In der Esbekieh nimmt ein Krankenhaus den Kriegsmann auf. Für das Zivil würde man eines nach europäischer Einrichtung vergebens suchen, -- doch mit Ausschluß der Franken, welche in ihren kranken Tagen allerdings öffentliche Pflege erhalten, indem sie in dem Militärkrankenhause untergebracht werden. Ausnahmsweise hat das arabische Zivil ins Spital ein junges Mädchen geliefert, bei welchem die Steinoperation vorgenommen werden mußte.

Das Gebäude ist massiv von Stein erbaut, und begreift zwei Höfe in sich. Es enthält große Säle; so einen mit 24, einen andern mit 60 Kranken. Die Krankenzimmer sind auch licht; aber in einigen kam dem Eintretenden ein unangenehmer Geruch entgegen, das +zuverlässigste Zeichen+, daß sie nicht reinlich genug gehalten werden.

Man traut den eigenen Augen kaum, wenn man zu einem Araber geführt wird, welcher mit Arsenik das Gesicht sich raubte, um des Militärdienstes unfähig zu werden. Fälle, daß die Araber in dieser Absicht sich mit Blindheit schlagen, ereignen sich nicht selten. Aus dem gleichen Grunde werden auch Finger verstümmelt, Zähne ausgebrochen u. s. f. Eine +Mutter+ stach ihrem Sohne ein Auge heraus, um ihn nicht verlieren zu müssen.

Die Apotheke des Spitals sieht sehr unscheinbar aus. Es ist merkwürdig, wie hier Leute zu Apothekern geschnellbleicht werden. Ein polnischer Offizier berechnete, daß er als Apotheker besser stehen würde. Er meldete sich an, ist gegenwärtig als Apotheker angestellt, und bildet sich auf seine Kunst sehr viel ein. Unwissenheit und Eigendünkel gehen Hand in Hand. Ein weiland österreichischer Aide-Major hielt sich einst eine Zeitlang in einer Droguerie auf. Er bewarb sich um eine Apothekerstelle, bekam Anstellung, und eben während meines Aufenthaltes in Kairo durchsprang er einen Theil der kurzen Lehrzeit (von beiläufig einem Monate). Dieser Leichtsinn, womit die Stellen im Gesundheitsdienste verliehen werden, erscheint indeß in einem mildern Lichte, wenn man den großen Mangel geeigneter Subjekte ins Gedächtniß zurückruft. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Regierung der Aufnahme solcher Glücksritter in den Staatsdienst einen Riegel vorschöbe, wenn ihr eine Auswahl zu Gebote stände. Man macht in Egypten, wie anderwärts, aus der Noth eine Tugend.

Die Narrenmenagerie.

Es gibt Leute, die sich an den Namen mehr ärgern, als an den Dingen. Bei solchen besorge ich wohl, daß sie an dieser Ueberschrift Anstoß nehmen. Vorläufig möchte ich sie aber damit beruhigen, daß der Ausdruck, so hart er klingen mag, doch nicht härter ist, als die Sache, die er bezeichnet.

Um dem Eseltreiber verständlich zu machen, wohin ich wolle, ließ ich ihm sagen, daß er mich dahin führe, wo die Narren und die Närrinnen seien.

Ich kam in einen Palast, das berühmte Spital +Muristan+, welches mit der schönen Moschee gleichen Namens zusammenhängt. Ein geduckter, etwas kleiner Mann mit einem grauen Barte, stand in einem Vorzimmer; er fiel mir zuerst nicht auf. Es war der Menagerieinspektor. Mein Führer eröffnete ihm meine Absicht, -- denn ich konnte durchaus nicht arabisch, -- und ohne Anstand ward mir der Eintritt bewilliget. Noch aber ließ ich Brote holen, um sie unter die Kranken zu vertheilen. Die Zufriedenheit mit Wenigem ist in der Regel ein Zeichen echter Selbstbeherrschung; die Zufriedenheit mit einem geringen Geschenke zeugt gemeinhin von wahrer Dürftigkeit. Auf diese zählend, hoffte ich mit meinen Kleinigkeiten Liebes zu thun.

Nun wurde die Thüre aufgeschlossen. Ich war nur Auge, nur Ohr. Ein viereckiger Hof, in dessen Mitte ein steinernes Becken, selbst mit dem unlautern Wasser, fürs Auge gute Wirkung macht, zieht voraus den Blick an sich. Der erste Eindruck verspricht Gutes; allein er trügt nur zu gewiß: denn den gefälligen Hof umgeben lauter Käfiche, an Stattlichkeit und Solidität gleich denjenigen für die Thiere, welche zur Schau gestellt werden. Um den Schein einer Menagerie zu vollenden, erheben sich die Krankenzellen bühnenartig. Das Licht und die Speisen gelangen durch ein eisernes Gitter, welches nicht Manneshöhe erreicht. Die Zelle ist schmal, doch hoch. Ich konnte die Zellen und die Kranken nicht zählen; denn der Menagerieinspektor sputete sich zu sehr, weil er vielleicht meinte, daß die Kranken beim Anblicke eines Giaur (Ungläubigen) gewaltig beunruhiget würden. Ich glaube, daß den Hof sechszehn Zellen umfassen. Sie sind sämmtlich von festem Mauerwerk. In den meisten Zellen fand ich einzig einen Kranken, in einer andern aber selbst drei, wovon einer angekettet war. Der letzte nämlich trug ein Halseisen mit einer langen Kette. Diese lief durch das Gitter, und ward so weit unten festgemacht, daß der Kranke mit den Händen die Endglieder derselben nicht ergreifen konnte. Hände und Füße blieben dabei ungefesselt. In Europa würde man bei solcher Anfesselung das Selbsterdrosseln befürchten. Zur Bettung dient dem Kranken im besten Falle etwas Stroh, sonst der harte Boden. Dieß ist nicht das Herbste des Schicksals. Wie der Hunger die Küche bald gut bestellt, so bereitet der Mangel an Schlaf dem schwankenden und trunkenen Haupte ohne Schwierigkeit einen Polster, und am Ende macht sich die Macht der Gewohnheit geltend. Vielleicht werde ich letztern Satz gelegentlich einmal wiederholen, weil dessen Wahrheit beinahe nie genug ausgesprochen und beherziget werden kann. Einige Kranke waren ordentlich gekleidet, andere aber wenig oder fast gar nicht.

Wie ich vor die ersten Käfiche trat, wollte ich das Brot selbst austheilen; allein der Menagerieinspektor wand mir es mit einer Meisterfertigkeit aus der Hand, und mir war klar, was ich thun oder lassen sollte. Meine fränkische Person schien den Unglücklichen wenig Aergerniß zu geben; sie haschten, wie kleine Kinder, nach dem Geschenke, welches ihre Aufmerksamkeit für den Augenblick verschlingen mochte. Nur ein Andächtiger, der betend auf den Knieen lag, und den Boden anglotzte, nahm von Allem, was vorging, keine Notiz. Dagegen betrug sich sein Nachbar um so rühriger, und er erhob ein betäubendes Geschrei. Der Aufseher warf einen Lappen Brot ihm zu. Das war der Friedensbote, welcher alsobald den Sturm besänftigte, nachdem eine Art Mensch, vielleicht ein Menagerieknecht, vergeblich den Stock über ihn geschwungen hatte. Schlagen sah ich nicht.

Uebrigens hält man mit dem Schlagen oder Peitschen in Egypten keine genaue Rechnung. Jeder Herr peitscht oder prügelt seinen Diener. Das Schlagen des kranken Irren wird in Egypten unzweifelhaft nicht die gleiche Wirkung hervorbringen, welche man sich in Europa versprechen würde, und wenn in diesem Welttheile mit dem verwerflichen, barbarischen Mittel zur Seltenheit Heilungen erzielt wurden, so würde es von dem ans Schlagen beinahe mehr als ans Brotessen gewöhnten Araber mit Gleichgültigkeit, wenigstens mit abprallender Härte ertragen werden.

In der Flüchtigkeit ward ich ruhige Gesichter und gut genährte Leute in den Käfichen gewahr. Es beschwichtiget gewissermaßen zuletzt der gegründete Glaube, daß die Eingekerkerten doch nicht mit Hunger gequält werden.

Als ich schon zur Thüre hinaus war, hörte ich noch den Lärm der Irren, selbst vor dem Geklirre der Ketten. Von der Besorgung der Närrinnen weiß ich weder etwas Rühmliches, noch etwas Tadelnswerthes. Den Männern ist der Eintritt in die Weiberzellen untersagt, wohl aber +Knaben+ bis zum Alter von ungefähr neun Jahren erlaubt.

Bei einem zweiten Besuche vergönnte man mir mehr Zeit. Ich konnte achtzehn Käfiche zählen. Dießmal überzeugte ich mich von der zurückstoßenden Unreinlichkeit. Daß in diesen Krankenställen keinerlei Versuche zur Heilung vorgenommen werden, versteht sich von selbst.

Das kultivirte Europa schaudert wie vor der Einrichtung der Observazionsanstalt in Alexandrien, so vor einer solchen Behandlung unglücklicher Irren. Wie lange her ist es aber, daß dort das Licht der Humanität glänzt? Noch vor einem Jahrhunderte wurden die unschuldigsten Gemüthskranken, gleichwie die schuldigsten Verbrecher, fast durchgehends in Ketten geworfen. Vielleicht werden die bemitleidenswerthen Gemüthskranken an das eiserne Kriegsherz des Pascha klopfen, daß es erweicht wird, und falls er dem gräßlichen Uebelstande wehrt, so flicht er sich schönere Lorbeeren um sein Haupt, als wenn er noch einmal Militärkrankenhäuser, Arzneischulen und andere Anstalten, Pulvermühlen und andere Fabriken ins Dasein riefe, und er bleibt unsterblicher unter den Sterblichen, als wenn auf sein Machtwort der Anbau einer zweiten Baumwolle und eines zweiten Oelbaumes u. dgl. gediehe. Insbesondere die edeln Züge des Zartgefühles für das Wohl und Weh aller Menschen, ohne Ansehung des Standes und des Vermögens, erwartet das aufmerksame Europa von dem schöpferischen und durchgreifenden Vizekönige des Egyptenlandes.

Die Stadt der Einäugigen und der Blinden.

Man nennt wohl keine Stadt in der Welt, worin so viel Einäugige und Blinde wohnen wie in Kairo. In keiner Stadt, würde der Spötter sagen, wird öfter ein Auge zugedrückt, und ist die Liebe blinder. Man ziehe bloß die Gasse hin und her, und bald wird die Aufmerksamkeit von einem Manne gereizt, der mit einem Stocke den Weg befühlt, oder seine Rechte auf den Kopf oder die Schulter einer Person legt, die als Wegweiser vorangeht. Selbst die Blinden wandeln nicht mit Andern wie in Europa, wo sie am Arme geführt werden. Man weiß beinahe nicht, ob man über das Glück Unglücklicher lachen darf, wenn man wahrnimmt, wie etwa drei Blinde einander leiten und leiten +können+.

Einst schilderte man das Gedränge in der Stadt als so groß, daß man jeden Augenblick Gefahr laufe, Jemand umzubringen oder umgebracht zu werden. Diese Schilderung kann für die jetzige Zeit nicht gelten. Ich sah in einer sehr besuchten und belebten Gasse, gleich vor der Hauptwache über der Brücke, einen +blinden+ Greis +allein+, freilich in kurzen und furchtsamen Schritten, sich vorwärts bewegen, ohne daß er umgebracht oder auch nur unsanfter berührt wurde. Es ist hinwieder eine natürliche Sache, daß die Sehenden noch gefahrloser ihres Weges gehen, als die Blinden.

Das öffentliche Bad.

Die Südländer haben eine fischartige Natur. Bäder sind ihnen Bedürfnisse.

Ich trete in ein großes, von oben beleuchtetes Zimmer. In der Mitte ein Wasserbecken. Darum ein mit Marmor ausgelegter Boden. An den Wänden eine Bühne; darauf Bettpolster in Menge. Neben der Pforte eine Art Kanzel. Von der Bühne streben jonische Säulen empor. Am Eingange in das Dampfgewölbe eine kleine Kaffeeküche, aussehend wie ein Doppelkästchen mit einem Raume dazwischen[13]. Ich bin im Entkleidezimmer; auf den Polstern der Bühne die Badegäste; auf der Kanzel der Geldeinnehmer.

Der Badende steigt auf die Bühne. Er entkleidet sich. An der flinken Hand des Badeknappen fliegt im Nu ein weißes Tuch ihm um die Lenden. Ein Tuch von bunter Farbe schlägt der Badeknecht ihm über die Brust, und ein anderes über den Rücken, das erste hinten und das letztere vorne bindend. Den Kopf umwickelt er, auf daß ihn ein Turban schütze und ziere. Das die vollkommene Bademontur, es fehlen einzig noch die Kapuzinerschuhe, in die man schlüpft, sobald man von der Bühne herunter gestiegen ist.

Jetzt geht der Badende behutsam davon, damit er nicht auf dem nassen und glatten Marmorboden niederglitsche. Durch einen engen, düstern, gewölbten Gang gelangt er in ein Zimmer: das Ent- und Ankleidezimmer in der kältern Jahreszeit, weil es gewärmt werden kann.

Er kommt durch eine Thüre in ein Gewölbe. Das Licht dringt mühsam und spärlich durch kleine, runde, mit Glas hermetisch verschlossene Oeffnungen von der Kuppel herab. In der Mitte ruht ein Wasserbecken. Aber er weilt dießmal hier nicht.

Durch den warmen Dampf links oder rechts einige Treppenstufen hinauf, er befindet sich in einem kleinen, noch düstrern Gewölbe, worin warmer Nebel ihn umschwebt. In der Mitte ein Wasserbecken, tief bis an das Kinn. Der Knappe entwindet ihm all’ das Badegewand bis an die Lendenschürze. Es ist das Wasser aber allzu heiß, und er taucht nicht unter. Andere scheuen indeß die Hitze minder, und man erblickt, spaßhaft genug, bloß noch ihre Köpfe. Er begnügt sich, neben dem Wasserbecken auf dem harten Marmorboden sich hinzustrecken und daraus auf seinen Körper fleißig Wasser zu schwenken. Ein Araber, nur mit einem Tuche an den Hüften umschürzt, legt ihn zurecht, und, mit einem wollenen Handschuhe versehen, reibt er seine Haut in geschäftigem Hin und Her, doch sanft und ohne wehe zu thun.

Hierauf in das letzte Gewölbe zurück. Hier seift ein Bursche den ganzen Körper ein, und der Badende tritt mit dem schaumigen, seifenweißen Leibe in ein kleines Nebengewölbe, wo zwei Röhren mit Hähnen über ein Becken sich krümmen. Aus der einen Röhre fließt warmes und aus der andern kaltes Wasser. Hier wird die Seife am Leibe abgespült, indem dieser den prallen Strahl der Röhre bricht, und zu guter Letze hilft die Hand dem schwemmenden Brunnen.

Zurück in das gleiche größere Gewölbe der Mitte. Hier hätte der Badende, statt die Stiege hinaufzugehen, in einem Becken an der Wand, wie in einer Badewanne, sitzen können, worein das Wasser mit der beliebigen Wärme geströmt wäre.