Lustreise ins Morgenland, Erster Theil (von 2)
Part 8
Wenn der Herr des Himmels und der Erde ein besonderes Füllhorn des Segens über das Egyptenland ausgegossen zu haben scheint, so wird befremdlich, daß das Wenigste dem Bauer angehört, was er dem Boden abgewinnt. Den Stoff zur Kleidung, welche er sich verfertigt, verkauft er an den Pascha, und dieser gibt ihn um die Hälfte theurer zurück. Der Fellah darf keinen Faden am Leibe tragen, wenn er ihn nicht dem Pascha, dem ersten Kaufmanne in Egypten, abgekauft hat. Die ganze Last von Baumwolle drängt sich in die Hand des Vizekönigs zusammen, welcher damit +allein+ Handel treibt. Kurz, die Bauern sind nur Lehenbauern. Der Pascha ist der Grundherr, der Grundbesitzer des Landes, und dieses Verwaltungssystem bewirkt, daß der Fellah, unter dem Drucke des Monopols, selbst zur frohen Erntezeit seufzet. Es ist seltsam, daß noch kein fränkischer Ulema die Härte des Pascha darum vertheidiget, weil sie dem rechtgläubigen Bauer den Anlaß gebe, sich um so inniger nach den Freuden des ewigen Lebens in dem immergrünen Garten zu sehnen.
Wir begegneten einer Schiffsladung getrockneter Mistfläden. Wo das Holz, wie hier, so theuer ist, läßt man sich selbst den Gebrauch solcher Dinge gefallen; sie dienen als Brennstoff, und kann der Abendländer glauben, daß sogar mit dem Eckelhaftesten vom Menschen geheizt wird? und wenn es der St. Louisianer in Amerika glaubte, würde er sich nicht davor entsetzen, da er nicht einmal die Milch von einer Kuh genießt, welche Gras von einer mit Hausjauche besprengten Wiese fraß?
Ueber Warnâm begann rechts die Düne; links Weideland und Hirtenzelte. Ich erging mich an einer Herde schwarzer Büffel. Dieses Thier ist für Egypten gar nützlich. Der Büffel hält sich sehr gern im Wasser auf, auch liegend und wiederkauend. Es ist kurzweilig, zu sehen, wie er über das Wasser schwimmt, um an den Ort zu gelangen, wo er zu übernachten pflegt. Der behende Hirte schwingt sich wohl auch auf den Rücken des Thieres, das ihn schwimmend ans Land trägt.
Erst von Schmûn aus erblickte ich die Pyramiden von Gizeh. Sie halten mit der aufragenden Düne gleiche Höhe, und ich hielt sie zuerst für Schiffssegel, vielleicht weil ich kurzsichtig (~myops~) bin. -- Bis +Abu-èl Gheied+.
+Rechtes Ufer.+ +Linkes Ufer.+
Samüt-Rosiéh. Èl-Chatabẻ. Sagiéh. Bini-Sèlâmé. Tagwueh. Awlatt-Fèradsch. Èl-Hamum. Dé-Rîß. Karfòrtereiné. Wardàn. Munsi. Abu-Ghalibb. Èl-Manschîé. Èl-Katta. Dschures. Gisahijeh. Abu-Awuali. Niklé. Sidi-Ibrahîm. Schmûn. Tâlié. Gawâdi. Èl-Baraniéh. Èl-Gonamiéh. Mimèt-èl-Arûß. Kaffer-Mansûr. Schaschâ. Schatanỏff. Darawû. Schalakan. Charabaniéh. Abu-èl-Gheied.
+Donnerstags den 22. Weinmonat.+
Die Nachricht, daß wir in der Nacht an der Spitze des Delta vorüberfuhren, betrübte mich zum Theile, weil ich von ihr nichts sah. Des Morgens lagerte ein wenig Nebel, der aber bald sich verzog. Durch die Vereinigung der Nilarme erscheint der Nil kaum breiter, wohl aber geben ihm zahlreichere Schiffe mehr Leben. Der Berg Mokatam, links oben die westliche Kuppe des arabischen Gebirges, der Basanites Lapis der Alten, an dessen Fuße Kairo sich ausbreitet, brachte angenehmen Wechsel in die Aussicht. Seit einiger Zeit mußte ich den Anblick eines höhern Hügels entbehren, und darum ruhte auf jener Kuppe mein Auge mit besonderm Wohlgefallen. Man fühlt eine gewisse Leere in der Seele, wenn liebgewonnene größere Eindrücke auf längere Zeit keine Nahrung finden, und ein neues, erquickliches Aufleben durchzuckt das Innere, wenn liebe alte Eindrücke durch verwandte neue in einem Male aufgeweckt werden. Mittlerweile wuchsen die Pyramiden immer stattlicher heran.
Meine Reise fiel in die Ueberschwemmungszeit. Die Wasser, wiewohl im Fallen, strömten doch noch in ziemlicher Höhe, ein Umstand, der für uns gerade günstig war, da bei niedrigem Wasserstande das Fahrzeug leicht strandet; denn es kostet oftmals viel Anstrengungen, bis es flott wird.
Eine neue Erscheinung für Egypten sind die Telegraphenthürme. Dann und wann unterbrechen sie während der Nilfahrt die Gleichförmigkeit der Aussicht. Für ein Zeichen der höhern Kultur mochte ich sie eben nicht ausgeben, und wahrscheinlich thun sie ihr nicht den leisesten Vorschub. Dem Europäer mögen sie Vergnügen gewähren, indem sie ihn an das Land seiner Väter zurückmahnen, und indem er sich aufs neue der Wahrheit bewußt wird, daß nun Europa mit seinem Tochterlande Amerika den eigentlichen Brennpunkt der Wissenschaften und Künste, der Entdeckungen und Erfindungen bildet. Vielleicht kommen die Telegraphen, die schnellen Ueberbringer oberherrlicher Befehle, in Egypten der seidenen Schnur trefflich zu Statten.
Links sahen wir noch nach Schubbra, welches sich eines vizeköniglichen Gartens von seltener Schönheit rühmt, und an einer Stadt ergötzte sich das Auge schon von Ferne her. Es war +Bulâk+, in dessen Hafen wir bald einliefen.
+Rechtes Ufer.+ +Linkes Ufer.+
Galiubb. Burgaschi. Basûß. Errahauwi. Mid-Halfé. Òm-dinâr. Damanhur. Dikelkó. Schubbra. Èl-Achsâß. Minièt-èl-Sirik. Dschaladmé. Gésiret-èl-Batrân. Hassan-inn. Bulâk. Èl-Górótin-Hin. Russim. Sigîl. Tanâsch. Gésiret-Mohammet. Waran. Embâbé.
Wir langten in Bulâk eben in der größten Sonnenhitze an, und wir konnten zwischen der großen Menge von Kähnen uns nur mit Mühe Platz verschaffen, auf daß wir das Ufer erreichten. In Atfue zerschmetterten wir beim Anlanden den Hintertheil einer Barke, ohne daß es viel Krieg absetzte.
Unsere Barke war nicht schön, doch gut. Der europäische Holzarbeiter würde an ihr Manches ausgesetzt haben. Dafür leistete sie reichlichen Ersatz mit Mäusen und andern Plaggeistern. Ich wußte mehr als einmal beinahe nicht: Wo wehren? In der Kajüte stand, nach der Uebersetzung des französischen Dragoman, an der Wand auf arabisch, daß man sich den Verordnungen zu unterziehen habe. Etwa den Verordnungen dieser Unholden? Ueber unserer Barke schwebte die dreifarbige Flagge der Franzosen.
Nachdem meine Effekten untersucht waren, wurden sie auf einen Esel gepackt, und einen andern bestieg ich. An hohen Häusern, zwischen denen angenehme Kühlung herrschte, ritt ich vorüber, und bald war ich außerhalb der Stadt. Jetzt, im Freien, erblickte ich das große +Kairo+, ehedem das Kahira, jetzt das Maser des Arabers. Ergreifendes Schauspiel. Keine halbe Stunde mehr, und ich befand mich in den Ringmauern der Hauptstadt. Da verließen mich die beiden Franken, und, mit einem Eseltreiber allein, zog ich fürbas. Kairo machte gleich Anfangs einen ungemein günstigen Eindruck auf mich. In dem Wirrwarre von Häusern und Gassen folgte ich getrost der Führung des Eseltreibers. Er hätte mich in eine ~Casa di Diavolo~ verführen können. Ich wollte freilich nicht dahin, sondern ins Quartier der Franken (el-Musky), die übrigens in Kairo vielmehr zwischen den Mohammetanern zerstreut leben, als in Alexandrien. Lange ritt ich durch Gassen und Gassen, jetzt krumm herum, dann gerade dahin, ohne daß ich einem Abendländer begegnete. Ich war auf dem Punkte, Zweifel zu fassen, daß mein Geleitsmann das Quartier der Franken wisse. Auf einmal bog er um, und ich erblickte Hüte. Ich war richtig im Quartiere; umsonst aber suchte ich die Lokanda, die man mir empfahl. Und kurzen Prozeß, -- ich ritt zum ersten besten Wirthshause.
Der Wirth des ~Hôtel de l’Europe~ wies mir ein gefälliges und hohes Zimmer an; aber kaum sah ich mich recht um, so fand ich ein Licht ohne Glasfenster. Das fiel mir schwer; denn bei offenem Fenster wollte ich nicht schlafen. Dem Uebel war auch bald geholfen; der Gastgeber eröffnete mir ein anderes Zimmer, welches mit Thüre und Fenster gesperrt werden konnte. Die heimatlichen Gefühle erneuerten sich, als wäre ich in einem Gasthause des Abendlandes; eine Mousquetiere (Vorhang um das Bette, gegen die Stechfliegen) und eine gute, reine Bettung ließen mit Recht eine süße Schlafnacht erwarten. Man lernt den ruhigen Genuß des Schlafes erst recht schätzen, wenn man desselben, sei es durch die Plage des Ungeziefers, oder durch andere störende Einflüsse, eine Zeitlang beraubt war.
Kairo.
Lage der Stadt, Strich des Himmels und Gesundheitszustand der Menschen.
Kairo oder Großkairo liegt fünfzig deutsche Meilen südlich von Alexandrien, unweit vom rechten Ufer des Nilstroms und auf einer Ebene bis an den Hügel Mokatam.
In hohem Grade beneidenswerth sind die Europäer in Alexandrien und Kairo. Die Alexandriner rühmen das Klima von Alexandrien und tadeln dasjenige von Kairo. Die Kairaner dagegen erheben den Himmel von Kairo auf Kosten desjenigen von Alexandrien. Es ist mit besonderer Güte dafür gesorgt, daß die Einen mit dem zufrieden sind, womit die Andern unzufrieden wären.
Kairo streift an den 30. Grad nördlicher Breite. Wenn die Sonne am höchsten steht, brennt sie sehr heftig. Indessen wird die Hitze eines Windes aus der Wüste, von den Pyramiden her, weit weniger leicht ertragen, als die größte Hitze des Sommers. Diesen Wind nennt der Araber +Chamsîn+, das heißt, +Fünfzig+; denn er weht fünfzig Tage und fünfzig Nächte, aber einige Tage und Nächte mit ausnehmender Stärke und Verderben. Er hebt Mitte Aprils an, und treibt viel Staub vor sich hin, so daß vor demselben, auch mit möglichster Sorgfalt, die zubereitete Nahrung auf dem Tische des wohl verschlossenen Zimmers nicht leicht geschützt wird. Im Winter fällt der Regen, doch in der Regel sehr wenig. Gewölke sah ich auch hier zur Genüge, und ich zählte keinen einzigen wolkenlosen Tag. Man will ebenfalls in dieser Gegend von Egypten eine Veränderung des Klimas zu Gunsten des Wasserniederschlages wahrgenommen haben.
Um mich des Gesundheitszustandes einigermaßen zu +vergewissern+, suchte ich in dem Tauf- und Sterberegister der lateinischen Gemeinde bei den Kapuzinern (Kloster ~de propaganda fide~) nach. Ich rühme die Freundlichkeit und Bereitwilligkeit, womit der würdige Guardian meine Nachforschungen unterstützte. So wenig meine Erwartung durch die Anlage des Todtenbuches gerechtfertiget wurde, so wäre noch weit minder bei den Mohammetanern auszubeuten gewesen, die auf dem Kissen des Fatalismus gar zu sanft schlafen. Ich möchte das von der lateinischen Gemeinde (die namentlich auch Levantiner zählt) gewonnene Resultat allerdings nicht als Maßstab für die gesammte Bevölkerung von Kairo vorhalten. So viel leidet indessen kaum einen Widerspruch, daß es, weil es eben von Einwohnern dieser Stadt abgezogen wurde, eher im Allgemeinen die Bevölkerung Kairo’s ankündigt, als irgend eine andere. Im jährlichen Durchschnitte starben, mit Ausnahme des Jahres 1831, in den 10 Jahren 1824 bis und mit 1834, 36 Personen, und 47 wurden getauft. Wenn der Getaufte zur Bevölkerung sich verhielte gleich 22 zu 1, wie in dem französischen Finistère-Departement, wo gerade 1 auf 22 geboren wird, so wäre die lateinische Gemeinde 1034 Seelen stark. Jeder Sachkundige sieht ein, daß dieser Schluß um so mehr Mißtrauen erregt, je gewisser die Gemeinde eine sehr zusammengesetzte und wandelbare Bevölkerung enthält. Das Alter der Verstorbenen fand ich bloß in den Jahren 1833 und 1834 genügend verzeichnet. In diesen Jahrgängen fehlt es einzig bei zwei erwachsenen Personen, denen ich willkürlich 20 Jahre gab. Die insgesammt (durch diese zwei Jahre) 114 Verstorbenen hatten zusammen ein Alter von 2180 Jahren, 10 Monaten und 14 Tagen. Die durchschnittliche Lebensdauer beträgt demnach 19 Jahre. Die älteste Person, welche ich im Sterberegister traf, war eine +Maria Hadad+ aus Jerusalem; sie brachte ihr Leben auf 95 Jahre. +Prosper Alpinus+ gibt den Egypziern ein sehr langes, und selbst ein längeres Leben, als den Europäern, ohne jedoch einen Beweis für seine Behauptung anzuführen. In den genannten Jahren starben im Durchschnitte während der Monate Julius und August am meisten, und während des Hornungs am wenigsten. Der Weinmonat gilt als der gesundeste Monat des Jahres. Kaum weniger gesund dürften November, Jenner und Hornung sein, wie die Sterbeliste andeutet.
Die Krankheiten, welche vor den übrigen Schrecken verbreiten, sind Pest und Cholera.
Die Bubonenpest verschonte Egypten in der neuern Zeit seit dem Jahre 1824 bis zum Christmonat 1834, hiemit ein ganzes Jahrzehn. Indessen wüthete sie im Jahr 1824 nicht besonders heftig, und es gingen aus der lateinischen Gemeinde bloß 37 Personen in den Monaten Merz, April und Mai mit Tode ab. Nach ältern Beobachtungen beginnt sie im Jenner oder Hornung, schreitet verheerender während des +Chamsîns+ vorwärts, und wird durch die größte Sonnenhitze gleichsam abgeschnitten. Am +St. Johannestage+ glaubt der Europäer sich sicher. Im ersten Halbjahre und im Monate Julius 1835 verlor die lateinische Gemeinde +zweihundert und elf+ Pesttodte, und zwar weitaus die größte Zahl im April und Mai. Man schätzte die Summe aller in Kairo an der Pest Hingeschiedenen, wohl doch in übertriebenem Maße, auf 100,000. Die Europäer, welchen in der letzten Pestzeit die Mittel zu Gebote standen, sperrten sich ein. Unter alle Eingesperrte schlich sich während der letzten Seuche die Pestkrankheit nie und nirgends ein. In einem Hause brach zwar die Pest aus; allein sie wurde durch einen besonderen Fall eingeschleppt. Aus einem verpesteten Hause ließ man ohne alle Gefährde einen sogenannten Drachen zur Belustigung auffliegen. Ein Kind jenes Hauses befand sich auf dem Söller, der Drache fiel auf dasselbe, und in wenig Stunden erkrankte es und erlag dem Drachen -- der Pest. So lange keine Todtenregister geführt werden, dürfen die Sterbeziffern nicht anders, als mit Zweifel betrachtet werden. Dieß gilt namentlich auch von der geschichtlichen Angabe, daß zu Kairo im Jahr 1472 während sechs Monaten 600,000 und, nach +Prosper Alpinus+, im Jahr 1580, 500,000 Menschen in ebenso viel Zeit an der Pest starben.
In der neuern Zeit erklärten vorzüglich die französischen Aerzte, an ihrer Spitze +Clot-Bei+, aber auch der besonnenere +Gaëtani+ die Seuche für miasmatisch. Mit einiger Vorsicht öffneten sie viele Leichname und blieben verschont. Mittlerweile verschwanden drei deutsche Aerzte als ein Opfer der Pest. Die Bravour +Clots+ gefiel +Mehemet-Ali+ in so hohem Grade, daß letzterer ihn in den Generalsstand erhob, und der glänzende Halbmond hängt als Ehrenzeichen an der Brust von +Clot+, wie beim vizeköniglichen Muselmann von Auszeichnung. Die Ansicht der neuen Propheten, daß die Pest nicht anstecke, erfreute sich übrigens zu meiner Zeit keiner Popularität bei den Europäern in Kairo. Diese verwarfen sie vielmehr fortwährend als überspannt. Sie werden mit höchster Wahrscheinlichkeit sich durch den neuen Pestfirman inskünftige am Beobachten der Quarantäne nicht im mindesten stören lassen. Huldigten doch öffentliche Anstalten, wie die Kadettenschule, dem Grundsatze der Sperrung, ungeachtet der Pascha einen Miasmatiker zum Bei adelte.
Die Cholera ist eine frisch gebrochene Geißel Egyptens. In den Monaten August, September und Oktober 1831 zwickte sie aus der lateinischen Gemeinde in Kairo 94 Personen hinweg. Manche Kairaner fürchten die Cholera mehr, als die Pest, weil die Sperre dagegen nichts oder gar wenig vermöge.
Führe ich fort, von andern Krankheiten der Egypzier, wie von den Pocken, den Augenentzündungen, den Ruhren, umständlicher zu reden, manche Abendländer würden einen allzu trüben Gesichtskreis finden, und das Land der Fleischtöpfe als ein Land unnennbarer Plagen ansehen. Ich möchte aber nicht zu Vorurtheilen Stoff darbieten, deren Angel man begierig verschlingt, ohne zu beherzigen, daß man an derselben gefangen und gequält werde. Die Natur vergißt nicht, darüber zu wachen, daß, wo die menschliche Vernunft ihre Aufgabe löset, das Gesetz des Gleichgewichtes erfüllt werde.
Die Stadt nach ihrer Bauart.
Die Häuser bestehen aus Mauern, und das Holz ward dazu ziemlich sparsam verwendet. Daher die Seltenheit der Feuersbrünste in Kairo. Das häufige Brandunglück des hölzernen Konstantinopel kennt das steinerne Kairo nicht. Als vor wenigen Jahren eine Feuersbrunst ausbrach, wurde sie bald gedämpft, ohne einen großen Rüstzeug von Spritzen, Feuerordnungen, Feuerpolizei, Feuerkompagnien u. dgl.
Von Mittag nach Mitternacht bildet die Stadt die längste Linie, und in dieser Richtung wird man den Weg von einem Thore zum andern vor anderthalb Stunden zu Fuße schwerlich zurücklegen. Lange, gerade Gassen gibt es nicht. Sie lenken meist bald um, und verlaufen oft in ein Gewölbe, in eine Art Passage oder Schwibbogen. Manche sind sehr schmal, und in der Judengasse können nicht zwei Personen neben einander gehen, ohne an einander zu streifen. Hier langen die Erker bereits zu der entgegengesetzten Seite der Gasse hinüber. Auch springen dieselben hie und da in andern Gassen, wenigstens über die Mitte in diese, hervor. Dann und wann sieht man eine Brücke über dem Haupte. Manche Gassen sind mit einer Art Dach versehen oder auch zeltartig zugedeckt, zumal die Bassar. Wegen der Enge der Gassen und der Höhe der Häuser herrscht in manchen der ersteren ein gewisses Halbdunkel, das mich nicht unangenehm stimmte. Die Gassen darf man nicht beurtheilen, ohne das Klima in Anschlag zu bringen. Große, offene, gerade Gassen würden in der heißen Jahreszeit den Aufenthalt fast unerträglich machen; wie sie aber wirklich angelegt sind, gewähren sie die möglichste Kühlung, und stehen in einem sehr verständigen Verhältnisse zum Himmelsstriche.
Hier, wo selten Regentage eintreten, und wo kein Wagenrad den Boden durchfurcht, wäre das Straßenpflaster überflüssig. Es ist ungleich angenehmer, auf der hart getretenen Erde dieser Stadt zu gehen, als auf den schönen Pflastersteinen zu Paris und Wien, und der Esel, in leisem Tritte, gleitet beinahe über die Gasse hinweg. Wenn es aber regnet, so werden die Klagen groß, und voraus dem Kameel ist das Gehen beschwerlich. Dann ereignen sich wohl auch Unglücksfälle. Es verdient bemerkt zu werden, daß in den neuntehalb Jahrhunderten seit Erbauung der Stadt die Gassen so wenig ausgetreten worden sind.
Unreinigkeiten eckeln nicht öfter an, als in italienischen Städten. Man glaubt im Anfange nicht, wie schnell ein Theil der Garstigkeiten von der heißen Sonne in Staub verwandelt wird.
Auf Aeser stieß ich nie im Umfange der Mauern, wohl aber zur Seltenheit in der Umgebung der Stadt. Auf dem Wege nach Abu-Sabel labte sich eben ein halb Dutzend herrenloser Hunde an einem todten Thiere.
Ueberall, wo der Mensch lebt, ist ihm beim Baue der Wohnungen die ferne Sonne am Himmel das erste Augenmerk. Bei der Bauart der Häuser von Kairo fasse man, wie bei den Gassen, das Bedürfniß wohl ins Auge. Sie müssen gegen die Hitze schützen, während sie in Europa gegen die Kälte schirmen sollen. Man findet daher die Zimmer in den nördlichern Gegenden gewöhnlich klein, d. h., nicht breit und nicht tief. In Kairo sind die Gemächer umgekehrt sehr geräumig, tief, kapellenartig. Ja es übertreffen viel Zimmer der Stadt an Raum europäische Kirchen. Manches staunte ich mit Wohlgefallen an, theils auch wegen der hohen Bögen und der maurischen Zierathen. Wie dem Fußgänger und Reiter auf der Gasse die hohen, einander nahe gegenüber stehenden Häuser lieblichen Schatten werfen, so beschatten sie einander selbst, und je schattenreicher ein Zimmer ist, desto mehr wird es geschätzt. Die Dächer sind flach oder nur ein Boden (Söller), und das Licht fällt nicht bloß durch Fenster, die über einander sich folgen, herein, sondern auch durch das Dach. Ueber die Oeffnung an diesem wirft sich gegen Mitternacht eine Nase auf, welche geschlossen werden kann. So strömt erfrischende Luft an der Spitze des Hauses bis unten auf den Boden von Erde oder Stein. Die Fensterscheiben selbst sind viereckig, und es wird an einigen Orten Europas keineswegs eine neue Mode eingeführt, wenn man dort auf runde Scheiben verzichtet, um viereckigen Platz zu machen. Viele Häuser sind einstöckig. Ein großes Thor führt durch den Eingang in einen Hof, wo die Küche frei steht; der Hof ist zugleich der Rauchfang. Manches große Thor wird selten geöffnet. Dafür steht in demselben eine kleine Thüre offen, durch die man geduckt und mit hochgehobenem Fuße schreiten muß. Ueber dem Eingange, wenn man will über dem Erdgeschoße, finden sich die Zimmer, welche bis zum Dache 15 bis 25 Fuß sich erheben. Es gibt wohl auch Zimmer, die von ebener Erde an 40 Fuß hoch anstreben. Zweistöckige Häuser gehören zwar immerhin nicht zur Seltenheit, aber drei- und vierstöckige. Der Europäer kann sich sehr leicht täuschen, wenn er die Häuser bloß von Außen besieht. Er stellt sich hohe Gebäude vor, in denen drei Familien über einander wohnen würden. Verschwenderisch birgt hier manchmal nur ein Stockwerk eine Familie. Dieses berücksichtigend, könnte man nicht begreifen, daß etwa 300,000 Menschen in Kairo wohnen oder einst gewohnt haben, sofern man nicht wüßte, daß viele Araber einer Wohnung entbehren. Wandelte ich Nachts nach Hause, so wurde es mir zuerst unangenehm zu Muthe, wenn ich hier auf dem Boden der Gasse, dort auf der Bettstelle an einem Hause einen vermummten Araber ruhen sah. In der offenen Herberge der Gasse brachte er die Nacht hin. Die Milde eines Himmelstriches bettet den Menschen mit wenig Mühe.
An oder in den Häusern verdienen zwei Dinge noch besondere Erwähnung; das Schloß und die Stiege. Die meisten Schlösser sind von Holz. Ein Joch, an der Thüre befestiget, nimmt den Riegel auf. An dem obern Theile der für den Riegel bestimmten Jochöffnung ragen, ohne strenge Ordnung der Entfernung von einander, mehrere drähtene Stifte hervor, die gehoben werden können, und ohne eine hebende Kraft von selber herunterfallen. In den Riegel, als den zweiten Theil des Schlosses, dringt auf einer Seite und an dem einen Ende eine kantige Rinne. Oben besitzt der Riegel den Stiften entsprechende Oeffnungen, und diese sind in solcher Ordnung angebracht, daß, wenn er vorgeschoben ist, die drähtenen Stifte vom Joche herunterspringen und eingreifen, wodurch der Riegel gesperrt wird. Der Schlüssel, als der dritte Theil des Schlosses und gleichfalls von Holz, ist ebenso einfach, als die vorigen Theile. An einem Ende, das in die Rinne des Riegels läuft, stehen gerade so viel drähtene Stifte unbeweglich herauf, als der Riegel Oeffnungen zählt. Drückt man die Stifte des Schlüssels in diese, so heben sie die Stifte des Joches, und der Riegel kann herausgezogen werden. -- Mit der Konstrukzion der Stiegen konnte ich nicht ins Klare kommen. Sie sind von Stein, und von der Gestalt eines gezahnten Rades, wenn dieses keinen Zirkel beschriebe. Sie haben ihre Befestigung nur an einer Seite, an der Mauer des Hauses; im Uebrigen liegen sie ganz frei heraus.
Aus Furcht vor dem gräuelvollen Götzendienste verbietet der Islam die Abbildung von Menschen und Thieren. Es fehlt indessen noch viel, daß dem Verbote von allen Mohammetanern nachgelebt wird. Es wird schon von +Selim+ I. erzählt, daß er dem Sohne +Soliman+ II. sein Bildniß hinterließ, über dem man die Worte las: Sultan +Selim Ottoman+, ein König aller Könige, ein Herr aller Herren, ein Fürst aller Fürsten, ein Sohn und Kindskind Gottes. Von dem jetzigen Sultan +Mahmud+ II. weiß man, daß er, zum Verdrusse der Gesetzlehrer, sein Porträt dem Pascha zuschickt. Bei Beschneidungsfestlichkeiten im Jahr 1582, zu Ehren des nachherigen Sultan +Mehemet+, wurde in einem Prachtzuge Zuckerwerk herumgetragen, das verschiedene Arten von Thieren vorstellte, z. B. Elephanten, Löwen, Tiger, Leoparden, Affen, Pferde, Kameele, Giraffen, Syrenen, Falken, Habichte, Sperber, Storchen, Kraniche, Enten, Pfauen, ein Ungethüm von riesenhafter Mannesgröße, nackt und sitzend wie ein Schneider. Kehren wir nach Kairo zurück.