Lustreise ins Morgenland, Erster Theil (von 2)

Part 10

Chapter 103,628 wordsPublic domain

Schon ist der Badende ausgedämpft, ausgespült, ausgerieben, ausgewaschen, hoffentlich fix und fertig. Er tritt, allenthalben von trockenen Schürzen und Quehlen umfangen, aus der Dämmerung ans Licht, aus dem Qualm ans Trockene, aus dem heißen Mittag in den kalten Nord. Er besteigt die Ankleidebühne, beinahe vor Kälte schaudernd. Er lagert sich auf dem Polster. Ein Bursche deckt ihn zu. Sanft drückt dieser ihm die trocknenden Hüllen an den Körper. Er will den Badenden an der Fußsohle kitzeln. Dieser kann es nicht leiden, und weigert sich dessen. Er hat Zeit genug, seine Schaulust an Andern zu befriedigen, welche dort eben eintreffen, hier zum Ausgehen sich anschicken. Er ist frei vom Naß, und es fehlt nichts mehr, als daß er sich anziehe und dem Geldeinnehmer eine Kleinigkeit gebe.

Der Dampf in den Gewölben übte weder den beklemmenden Einfluß auf mich, wie auf andere Franken, aus, noch wirkte die kältere Atmosphäre im Ankleidezimmer mit ausnehmend erfrischender Kraft. Ich fühlte mich nach dem Bade allerdings leicht, und damit vertrieb ich eine leichte Unpäßlichkeit, welche ich dem Zurücktreten der Hautausdünstung in einem innern Theil zuschrieb.

Bei dem morgenländischen Bade müssen drei Dinge erwogen werden: der Dampf, das warme oder heiße Wasser und die Reibungen. Es sind dieß so wirksame Agenzien, daß die hohe medizinische Wirksamkeit selbst demjenigen, dem gründlichere Kenntnisse in der Arzneiwissenschaft abgehen, nicht begreiflich gemacht werden darf. Andrerseits will ich nicht verhehlen, daß der schnelle Uebergang aus dem heißen in ein kaltes Mittel, also der rasche, schnelle Wechsel der Temperatur, manchmal Schaden zufügt. Einen solchen Fall nahm auch ich wahr.

Der Apparat des Bades scheint ursprünglich nur die +Reinigung des Leibes+ zum Ziele sich gesetzt zu haben, mithin mehr der Hygieia, als der Heilkunde anzugehören. Diesen Zweck erreicht das Bad mit Leichtigkeit. Nach dem Bade erscheint viel geschmeidiger auch die Haut, von welcher die Unreinigkeiten sich ordentlich abschuppen, so völlig rein wird sie.

Der Dampf wird nicht förmlich bereitet. Er steigt von den heißen Wassern auf, und man wendet bloß Sorgfalt an, ihm jeden Ausweg abzusperren. Es liegt am Tage, daß darunter die Reinheit der Luft leidet. Ich soll übrigens bekennen, daß kein besonders unangenehmer Geruch in den Gewölben mir aufstieß.

Man liest in den Schriften, daß von Seite der Bader, außer dem Kneten der Glieder, auch eine Art Aus- und Einrenken geschehe. Ich ließ diese Manipulation an mir nicht vornehmen, noch sah ich sie an Andern.

Das komplizirte Bad ist so außerordentlich wohlfeil, daß es auch der ärmere Araber benutzen, und dadurch dem Gesetze +Mohammets+ nachleben kann.

Man darf die Badeanstalt des Morgenlandes nicht verlassen, ohne zu bedauern, wie sehr die Hautkultur im Abendlande vernachlässigt wird.

Wie die Egypzier im sechszehnten Jahrhunderte die Bäder gebrauchten.

Ich wähle einen treuen Beobachter, den Doktor +Prosper Alpinus+, als Führer in die Hallen der Vorzeit. Darf denn der Reisende nicht auch bisweilen einen Schritt in dieselben wagen?

Wie die Nordländer, so überliefert +Prosper Alpinus+, Vieles zum Wärmen, so haben die Egypzier Vieles zum Kühlen, als: die vielen Brunnen in den Wohnungen, insbesondere aber die Süßwasserbäder, diese jedoch auch zu Verschönerung des Körpers. Zu den Bädern nimmt man einfaches, geläutertes Nilwasser, ohne Beimengung von Medikamenten. Die Badeanstalten sind sehr zahlreich, geräumig und prachtvoll. Das Badehaus besteht aus mehrern von einander geschiedenen Gewölben, worin die Leute schwitzen, gerieben und gewaschen (gebadet) werden. Ungefähr im Mittelpunkte der Badeanstalt steht das An- und Entkleidegemach.

In den verschiedenen Badegewölben herrscht ungleiche Temperatur, nach den Bedürfnissen der Badenden. Die Böden sind mit Marmor zierlich ausgelegt, und jeder abgeschlossene Raum hat zwei marmorne Becken, in welche das Wasser herabfällt. An dem gewölbten Dache sind die Glasscheiben gleichsam eine Zierde, und fügen sich so genau, daß von Außen keine Luft eindringen kann. Die Badegewölbe empfangen ihre Wärme vom Dampfe des in die Marmorbecken fallenden heißen Wassers. Wer da will, kann jederzeit zwischen heißen, lauwarmen und kalten Bädern wählen. Die mäßig warmen sind die gemeinsten.

Weil die Egypzier das ganze Jahr vom Staube umgeben sind, und beständig von Schweiß triefen, so werden sie der Träger vieler Unreinigkeiten, weßwegen sie übel riechen, und an Ungeziefer nichts weniger als Mangel leiden. Darum ist bei den Egypziern das Baden so gebräuchlich, zumal beim weiblichen Geschlechte, das sich mehr angelegen sein läßt, durch Beseitigung der Unreinigkeiten und durch Verscheuchung des übeln Geruches den Körper gefällig zu machen, auf daß es den Männern um so lieber sei. Die Frauenzimmer waschen sehr oft den Körper in den Bädern, und überziehen ihn mit wohlriechenden Salben, die vermöglichen mit solchen von Bisam, Ambra, Aloe. Beinahe unglaublich groß ist der Gebrauch von Salben zu Verbesserung des Geruches und zu Weckung sinnlicher Begierden. Wie aber die Italienerinnen und andere Abendländerinnen allen Fleiß auf den Haarputz und auf die Verschönerung des Gesichtes verwenden, so vernachlässigen die Egypzierinnen wenigstens erstern.

Viele Weibsleute trachten durch das Baden auch fetter zu werden. Je dickleibiger sie sind, desto lebhafter werden sie von den Männern begehrt. Man wird daher eine große Menge ungemein fetter Frauenzimmer antreffen. Es hielt sich in Kairo ein Weib auf, welches in der Kunst, fett zu machen, ihren Broterwerb suchte. Man legt es ordentlich darauf an, fett zu werden. Zu dem Ende baden die Frauenzimmer in lauem Süßwasser +viele Tage hinter einander+. Indeß sie lange im Bade verweilen, essen und trinken sie darin, und gebrauchen Lavements, die aus verschiedenen fetten Substanzen bereitet werden. Gleichzeitig nehmen sie viele innerliche Medikamente ein. Es steht durch eigene Erfahrung fest, daß mehrere Frauenzimmer durch ein solches Badeverfahren viele Tage hinter einander, in Verbindung mit reichlicher Ernährung durch den Mund, fett wurden. Unter den Speisen wählen die Kandidatinnen der Fettigkeit viel fette Brühen mit Bammia, Melochia und Kulkassia, gewöhnlich eine Suppe von fetten Hühnern, auf egyptisch +Maluf+. Jedwedes Frauenzimmer trinkt die ganze Suppe von einem Huhne, und verzehrt hernach dieses selbst. Viele dürftige Weiber nehmen das sogenannte +Thaine+, oder das Oel von indischen Nüssen, oder den Absud von Chinawurzeln, oder den Sesamölkuchen, welcher mit dem Fleische fetter Hühner und mit der indischen Nuß zugleich gekocht wird u. dgl. Allein vor Allem preist man den täglichen Genuß zehn gerösteter, gemeiner Zwiebeln vor Schlafengehen, und zwar etwa fünfzehn bis zwanzig Tage hinter einander. Bei dieser Kur verspüren die Frauenzimmer nicht die mindeste Beschwerde.

In Egypten verläßt Niemand das Bad, ohne gerieben zu werden. Die Reibknechte lassen die Person, welche zuerst beinahe eine Stunde im Bade ausgehalten, und absichtlich gebrochen oder wenigstens geschwitzt hat, auf einen Stuhl sitzen, sie kneten und behandeln alle Körpertheile des Dasitzenden auf verschiedene Weise. Sie fangen bei den Füßen an, und bewegen sie vorwärts, rückwärts und seitwärts, bald dann die Unter- und Oberschenkel nach allen Richtungen; sodann die Hände, jeden Finger besonders, darauf die Arme, die Schulter und ihre Blätter, hernach den Hals, den Kopf, die Brust und den Rücken nach allen Seiten. Es geschehen diese Bewegungen drei- bis viermal.

Darauf heißen die Reibknechte den Badenden auf den Marmorboden rücklings sich legen, und beginnen den ganzen Körper zu reiben. Es gibt dreierlei Reibungen: 1) die sanfte und mittelmaßige, mit der bloßen flachen Hand, welche manchmal mit Sesamöl eingerieben wird, 2) die mittelmäßige und häufige, welche mit roher Leinwand geschieht, und 3) die harte und mittelmäßige, mit rauhem Tuche von Ziegenhaaren. Man fängt, beim Reiben der vordern Körperfläche, an den Füßen an, ihre Muskeln werden der Länge nach gerieben, indem die Hände von oben nach unten fahren -- von Gelenke zu Gelenke, was mit großer Geschicklichkeit und Zierlichkeit ausgeführt wird, ohne ein Gelenk zu überhüpfen; dann kommt die Reihe an alle Gelenke und Muskeln der Schienbeine, Wadenbeine, Kniescheiben, Oberschenkel, hernach der Hände, Arme, der Schultern und Schulterblätter, so wie des Gesichtes, des Halses, der Brust, der mittlern Gegend des Abdomens. Nachdem dieses geschehen, wird der Körper auf den Bauch umgelegt, und die hintere Fläche nicht anders behandelt, als die vordere. Die drei Arten von Reibungen werden eine um die andere, von der sanften zur harten ansteigend, vorgenommen.

Nach den Reibungen wird der Körper von der Fußsohle bis zum Scheitel hinauf eingeseift, darauf in heißem Süßwasser abgewaschen und der Schmutz abgestreift. Ueberdieß bringen die Badeknappen die Füße des Badenden in eine gewisse Pflastermasse, welche gegen die feuchten und übel riechenden Füße herrliche Dienste leistet, auch diese orangegelb färbt. Es ist Sitte gemeiner Frauen, die Nägel der Hände und Füße so zu färben.

Der Sklavenmarkt.

Den fühlenden Menschen nimmt nicht leicht etwas lebhafter in Anspruch, als der Sklavenmarkt.

Wie die Welt anfing, zu glauben, daß Gott die Hände und Fäuste nicht derb genug geschaffen habe, womit sie sich plagen und züchtigen könne, entsprangen die Waffen. Diese sind nun die seltsamsten Wappen des Menschenadels. Mit solchen Gedanken betrachten wir die Karbatschen oder Peitschen, die aus der Haut des Nilpferdes gearbeitet sein sollen. Dort werden sie am Eingange eines Hofes verkauft, und deuten den Markt so gut an, als wäre er mit großen Buchstaben überschrieben. Sklaven in einem Hofraume, andere in daran liegenden Zimmern, andere hinwieder oben in Kammern und auf einer Gallerie -- das ist das Sklavenokel. Die schwarze Farbe, die Blöße der Weiber bis zu den Lenden herab, das müßige Sitzen oder Liegen der Sklaven auf kleinen Gerüsten (egyptischen Bettstellen) oder auf dem Boden befremden den Ankömmling in gleichem Grade. Ich sah keinen Sklaven weinen, manchen lachen und scherzen. Die meisten waren jung; ein einziges altes Weib erblickte ich. Wie ich das erste Mal in den Sklavenmarkt trat, mochten an zweihundert Sklaven zum Verkaufe ausgestellt gewesen sein. In wenigen Tagen waren davon viele aufgekauft. Die Sklavenverkäufer, welche, mit der Pfeife im Mund, wie ein Krämer auf den Käufer mit gespannter Seele harren, verübten vor meinen Augen keine Grausamkeit an den Sklaven. Einer unter ihnen bemühte sich nicht wenig, ein weißes junges Mädchen, die einzige weiße oder doch halbweiße Sklavin, mir aufzuschwatzen.

Mehrere Weiber besuchten den Markt und waren eben im Kaufe begriffen, ohne daß sie die Sklaven berührten. Diese werden zu sehr ungleichen Preisen losgeschlagen; ein junger Bursche etwa zu 50 bis 60 Reichsgulden und ein ausgewachsenes schwarzes Mädchen zu 120 Gulden R. W. Auch dem Europäer wird der Kauf von Sklaven gestattet. Auch +er+ erzählt mit Freude oder Reue, was für einen guten Handel von Menschen er getroffen habe. Die Polizei mischt sich nicht ein, welche Laster er an den Sklaven, als seinem Eigenthume, abkühlen würde. Ihr gilt völlig gleich, wenn er zwanzig Sklavinnen, zu jedem beliebigen Zwecke, erhandeln sollte, selbst wenn sie sich schon zum Mohammetanismus bekennen.

Jüngere Sklaven zeigten sich noch in ihrer ganzen Nazionaltracht, wie man bei uns die Wilden abgezeichnet findet. Von einem Gürtel um die Hüften hangen etwa einen halben Fuß lange Fransen herunter. Den Hals schmücken Korallen, darunter weiße, welche mit den weißen Zähnen, und dem Weißen im Auge gegen die schwarze Hautfarbe grell abstechen. Unter den Mohren gab es selten einen mit schlechten Zähnen. Mehrere Sklaven waren über und über blatternnarbig; andere litten an einer Art Krätze, welche man Nilkrätze nennt. Die meisten Weibsleute behielten den Haarputz aus ihrem Geburtslande, so viel ich weiß, Nubien oder Abyssinien. Winzig gerollte und ziemlich lange Locken erwecken eine günstige Meinung; allein der Schmutz widert im höchsten Grade an. Manche trugen die Locken scheitelförmig.

Der häßliche Geruch, welchen das Zusammenleben vieler Menschen begleitet, macht den Sklavenmarkt zu einem wenig einladenden Orte. Die Stiege, welche auf die Gallerie führt, deckt das Garstigste, was der Mensch von sich wirft, in dem Maße, daß man ihm kaum ausweichen kann, sofern man jene ersteigen will. Die Unreinigkeiten würden auf dem Sklavenmarkte wahrscheinlich noch mehr sich häufen, wenn nicht das Interesse wohlthätig ins Mittel griffe. Zuviel Nachsicht schadet der Gesundheit -- so studirt man praktisch die ~humaniora~ -- und -- -- kranke Sklaven gelten minder, und todte verderben den Handel ganz. Es sucht doch allenthalben die Natur an der Unnatur sich zu rächen.

Nirgendwo mag man ernster aufgefordert werden, Betrachtungen über Selbstständigkeit und Freiheit des Menschen anzustellen, als auf dem Sklavenmarkte, dort wo nicht die Vernunft über dem Materiellen, sondern das Geld über der Vernunft steht. Für was Anderes wird denn die Vernunft angesehen, als für etwas grobes Wägbares, wenn man so und so viel Gold oder Silber in die eine und die von Gott verliehene Vernunft in die andere Wagschale legt? Da wird das zerknirschte Herz jubelnd dem Schöpfer danken, daß man frei geboren ist, und daß man nicht, wie das Vieh ohne freien Willen, einem Herrschlinge blinden Gehorsam leisten muß. So lange indeß der Sklavenhandel nicht abgeschafft wird, so lange ist unser jubelnder Dank nicht völlig ungetrübt von Besorgnissen, so lange ist Niemand sicher vor dem traurigen, wiewohl für die große Mehrzahl von Menschen höchst unwahrscheinlichen Schicksale der Knechtschaft. Sowohl Mitleiden, das man für den Nächsten hegen sollte, als der mögliche Fall, daß man selbst in Sklaverei gerathen könnte, fordern so laut die Verstopfung jener unmenschlichen Erwerbsquelle mit einer Festigkeit, daß sie auf immer versiege.

Das Katzenstift.

Wenn man an der schönen Gâma’ (Tempel) el-Muristân vorbeikommt, so lenkt man in eine gewölbte Gasse ein. Im Halbdunkel windet man gleichsam sich fort. Endlich erblickt man ein heiteres Gebäude. Man ist schon im Hofe des Kadi und Mufti, wo die Katzen gefüttert werden. Das Gebäude heißt, meines Wissens, das +Muristàn-el-Kadym+. Wir waren noch zu frühe, um der Fütterung zusehen zu können; wir mußten el-Asser (etwa viertehalb Stunden nach Mittag) abwarten.

Indeß wir müßig herumstanden, näherte sich uns ein Mann in sehr freundlichem Tone. Weil wir in dem Hofe des Hohenpriesters oder Mufti uns befanden, so meinte er, daß wir unsere christliche Religion abschwören wollen, und er fragte, wer beschnitten zu werden wünsche. Er bot sich an, die Beschneidung für 20 Para zu unternehmen. So verteutschte einer der Franken, wenn diesem anders zu trauen war. Es bedurfte nur eines Jawortes, und wir vier wären sämmtlich, ohne weitern Vorgang, in einer Viertelstunde Moslim geworden. Wie vieles Fragen, Bekennen, Schreiben und Laufen dagegen in Europa, bis man in den Schooß einer andern Kirche treten darf, während doch so viel Zeit aufgeopfert wird, um Andere zu bekehren, welche Zeit der Mohammetaner in der Regel, mit der Pfeife Tabak, auf dem Diwan zubringt.

Wir wollten begreiflich keine Mohammetaner werden. Inzwischen folgten wir der Einladung zum Kadi. Erst traten wir durch den offenen Gerichtssaal, der leer war; dann schritten wir durch die Vorsäle. Ein rother Vorhang vertrat an einem Orte die Thüre. Wir wurden hier durch in den großen Saal geführt, worin sich der Kadi aufhielt. Es gibt nichts Einfacheres, als den Saal. Den weiten Raum schmückt nicht eine einzige Geräthschaft, außer dem Diwan, welcher an den Wänden herumläuft. Daß man keinen Glanz suche. Bloß die Decke des Zimmers war bemalt, doch nicht mit Figuren und ohne Geschmack. Der Kadi hockte auf dem Diwan, in einer Ecke am Fenster, die Pfeife im Munde: ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit blassem Angesichte, lieblichem, schwarzem Auge, und schwarzem Bartbusche. Er trug einen dunkelfarbigen Turban und Rock. Kein Buch lag ihm zur Seite. Nur las neben ihm ein Mann für sich ein großes, geschriebenes Blatt.

Wir machten unsere Komplimente, so gut wir konnten. Wir fuhren mit der Rechten auf Brust, Mund und Stirne, und senkten unsere Köpfe, worauf die Mützen fein blieben. Der Kadi lud uns ein, Platz zu nehmen. Wir setzten uns, nach europäischer Art, auf den Diwan. Sogleich wurden wir mit schwarzem, unversüßtem Kaffee bewirthet. Die Diener trugen ihn in kleinen Schalen, welche, von bemaltem Porzellan, in einem goldenen Becher ruhten. Der Kaffee dampfte vor Hitze, wie man ihn in Kairo zu trinken pflegt. Ich befand mich in einiger Verlegenheit, weil ich ihn schnell trinken sollte, und ich mir nicht gerne wehe thun wollte. Trotz meines fleißigen Blasens, als hätte ich verfrorene Hände aufzuwärmen, und trotz meines langsamen Trinkens, so daß ich als der letzte die Schale dem auflauernden Diener zurückgab, brennte ich mich doch ein wenig an der Zunge. Die Gesellschaft fordert allezeit von der Freiheit ein Opfer.

Fragte der Kadi, ob unser Gewissen in Ordnung wäre, ob wir Beruf fühlten, es bei den Mohammetanern gehörig einrichten zu lassen. O nein. Unsere Unterhaltung berührte weltliche Dinge. Er erkundigte sich nach dem Vaterland eines Jeglichen von uns. Nachdem wir sodann seine Neugierde und wir mit Herumschauen die unserige befriedigt hatten, wiederholten wir unsere Komplimente und gingen hinweg.

Endlich war Mahlzeit für die Katzen. Ein Knabe rief mit einem eigenen Laute, und plötzlich sammelten sich etwa zwölf Katzen. Er warf ihnen Fleischstücke vor, die sie sogleich verschlangen. Kaum aber lag das Fleisch auf dem Boden, so wurde der Hofhimmel plötzlich lebendig von mehr denn einem Dutzende herumflatternder Raubvögel. Diese erfrechten sich so weit, daß sie das Fleisch zwischen den Katzen wegpickten, und hart an meinem Kopfe vorbeischwirrten. Die Katzen selbst, auf ihre Speisen nicht minder versessen, achteten nicht einmal der fliegenden Räuber. Der Knabe schleuderte einige Male Stücke Fleisch nur ungefähr in die Luft, und sie fielen nicht mehr herunter; denn die Vögel pickten im Fluge sie weg. Es ist nicht ohne Werth, zu beobachten, wie sich auch die Thiere an eine Zeitordnung gewöhnen. Warum sollen denn gewisse Menschen allein so ordnungslos leben?

Eine Frau, unzweifelhaft eine Liebhaberin der Katzen, stiftete, heißt es, ein Vermächtniß zu dem Zwecke, daß Katzen, namentlich auch kranke, gefüttert werden. Somit erklärt sich das Katzenstift. Wahrscheinlich werden die Pfaffen das Vermächtniß so gut verwalten, daß mehr in ihre Magen, als in die Katzenmagen spazirt.

Man trifft auch an andern Orten des Islams, z. B. in Damaskus, Katzenspitäler. „Es ist bräuchlich“, erzählt +Salomon Schweigger+, „daß die Türken den Katzen und Hunden Almosen geben; denn bei dem Stifte +Sultan Mehemet-Jeni+ in Konstantinopel pflegen sich durchweg um Vesperzeit dreißig oder vierzig elende Katzen zu versammeln, und diesen werfen etliche Türken, die auf demselben Platz vorhanden, etliche Brocken Fleisch oder gebratene Leber vor, die man an kleinen Spießlein herumträgt. Solches wird für ein herrlich Almosen gehalten.“ Es liegt ein eigener Zug in dem Mohammetaner, daß er die Katzen so gütig bepflegt. Es soll daher kommen: Dem Propheten +Mohammet+ warf eine Katze in den Rockärmel Junge. Um diese aber nicht zu beunruhigen, schnitt er den Aermel ab. Daraus schlossen die Mohammetaner, daß ihr Religionsstifter die Katzen verehrte, und darum verehren sie die Katzen bis auf den heutigen Tag.

Gärten.

Einen ziemlich großen Theil der Stadt nehmen Gärten ein[14]. Doch fallen sie wenig auf, und gleichsam verstecken sie sich, wie die Ochsen darin, welche, phlegmatisch in der gleichen Runde herumtappend, das Wasserrad treiben. Der Europäer geht nicht ohne unangenehme Gefühle in den Garten, worin der General +Kleber+ ermordet wurde. Der von den fränkischen Spaziergängern besuchteste Garten ist der +Rosettische+. Wenn in den europäischen Gärten die Kunst mehr prangt, mehr Nettheit in der Anordnung, mehr Regelmäßigkeit in der Eintheilung, mehr Fleiß in der Behandlung angetroffen wird, so übertrifft hier die Natur jene weitaus an Pracht und Fülle.

Niemand erwartet einen Roman oder eine Novelle aus einem der Lustgärten, und ich wäre wenig geneigt und, meines Dafürhaltens, nicht berufen, dergleichen zu schreiben. Nur möchte ich den Wunsch äußern, daß ein europäischer Romanschreiber, dessen Kopf einen Bankerott machte, einen Garten von Kairo besuchte. Hier dürfte er einzig seine Augen aufschließen, und dann in seinem Kämmerlein den Bogen füllen, es würde der Roman über manche von Europa den Sieg davon tragen, daß er zugleich die Leserin und den Leser, auf belehrende Weise, in so abweichende Sitten einweihte.

Die Esbekieh.

Man fühlt sich in den schmalen Gassen, die von hohen Häusern eingemauert sind, manchmal so beengt wie in einer Felsenkluft. Man sehnt sich nach einem geräumigen Platze. Das Auge will unumschränkter sehen, und die Brust freier athmen. Im Freien ist Wonne.

Der berühmte und berüchtigte Platz Esbekieh versöhnt Einen vollkommen. Bei meiner Ankunft in Kairo bot er das Aussehen eines der reizendsten Seen dar. Ich konnte mich beinahe nicht satt an dem Wasserspiegel ergötzen, dessen Rahmen ringsum Häuser vorstellten; weiße neben schwärzlichen malten ihn bunt, hohe neben niedrigen machten ihn vielzackig. Ich wandelte am Ufer hin und her, und fortan ergriff mich die zauberhafte Stelle der Stadt. Ich schwebte in einer Feenwelt. Wo ist eine europäische Stadt, welche dergleichen besitzt? Der Zauber wächst bei dem Gedanken, daß der Grund dieses kurz dauernden Sees, nach der Austrocknung als Spaziergang und Feld benutzt wird. Auf dem gleichen Platze spaltet abwechselnd zu einer Zeit der Schiffskiel das Wasser und zur andern das Feldgeräthe den Wassergrund.

Ich weilte in Kairo gerade zur Zeit, da der Esbekiehsee abnahm und nach und nach fast ganz eintrocknete. Kaum kam der schlammige Boden recht zum Vorschein, als ihn schon das Grün wuchernd überspann, und wenn ich zuerst, die ansehnliche Wasserfläche betrachtend, stutzte, daß darunter in einer andern Jahreszeit die schönsten Feldfrüchte gedeihen sollen, so ward mir nachher klar, da ich mit eigenen Augen sah, wie die nackt hervortretende Erde so bald mit einem grünen Teppiche sich bekleidete.

In Egypten zeigt die Natur, ich möchte sagen, ihre Reize unverhüllt. Im Wesentlichen würde der See nicht gewinnen, wenn der alte Römer seine Kunst und seinen Luxus daran verschwendete; bloß würde so etwas mehr berauschen und dem verwöhnten Geschmacke mehr schmeicheln. Wo aber wäre wohl die Kunst ohne die Natur?

Physiologischer und psychologischer Karakter der Einwohner.

Die Bevölkerung Egyptens ist ein Mischmasch aus Türken und Mamelucken, aus Kopten und Mohren, aus Arabern und Beduinen, aus Juden und Franken und aus andern Fremdlingen. Erstände +Adam+ aus dem Grabe, er würde sich verwundern, daß so viele Enkel von verschiedenen Hautfarben, Religionen und Sprachen im Frieden beisammen wohnen.

Der +Kopte+, der wahrscheinliche Abkömmling der alten Egypzier, und noch im Besitze einer eigenthümlichen, wenn auch todten, Sprache, ist nicht groß, aber wohl untersetzt; der Teint weißgelblich; Haupthaare, Augenbraunen und Iris schwarz; das Gesicht voll, kurz, breit; die Stirne breit, nicht hoch; die Augen etwas tief liegend, der Blick mehr brütend, als lebhaft, mehr ernst, als lieblich; die Nase kurz und ausgebogen; der Mund ziemlich weit gespalten und die Lippen dünn; die Zähne senkrecht und schön weiß; der Unterkiefer hervorstehend und stark. Die Koptinnen, so viel ich sah, haben roth gefärbte Fingernägel, und tragen auf der Haut des Kinnes und in der Nähe des Handgelenkes blaue Figuren. Sie treffen, unter uns gesagt, den europäischen Geschmack nicht ganz genau. Man muthmaßt, daß etwa 200,000 Kopten Egypten bewohnen.