Lustreise ins Morgenland, Erster Theil (von 2)

Part 15

Chapter 153,360 wordsPublic domain

Wenn man auf diesem Wege durch topfebene und wüste Gegenden, in denen selten ein kleiner Garten prangt, wandert, so wird man sich überzeugen, daß ein Theil der Wüste lediglich auf Rechnung menschlicher Nachlässigkeit fällt; er könnte bald in ein lachendes Gelände umgeschaffen werden. „Sorgfalt ersetzte oft, was hie Natur versagte (+Strabo+)“. Wirklich erblickt man hin und wieder Spuren von Bewässerungskanälen, den unwidersprechlichen Zeugen einer vormaligen Bodenkultur. Würde der Pascha geruhen, den Bauer dadurch aufzumuntern, daß dieser seiner Ernte sicher und froh werden könnte, große Striche Landes müßten in kurzer Zeit der Wüste abgedrungen werden. Ueberdieß verkündigen die +angebauten+ Felder nicht allenthalben Fleiß und Sparsamkeit. Wahr ist, daß z. B. das Delta die Arbeit des Fellah mit schweren Ernten lohnt; allein ein so fruchtbares Land muß etwas hervorbringen, wenn man damit auch nur ein wenig sich bemühen mag; etwas im Feldbaue müssen die Leute jenes unermüdlichen Landes doch wohl verstehen, auf welchem so viele Jahrtausende hindurch unaufhörlich Früchte gediehen. Man gebe den Bienen des Nordens die gleiche Sonne, den gleichen Nilschlamm, die gleichen Ueberlieferungen, -- was +neue+ Wunder würden erstehen.

Bei +Abusabel+ ward ich an einen Italiener empfohlen, und diese Empfehlung erwies sich sehr nützlich; ein Wirthshaus mangelt, und in die arabischen Hütten zu kriechen, wandelte mich eben keine Lust an. Es ist eigentlich früh genug, das Kreuz aufzunehmen, wenn man dazu gezwungen wird, vorausgesetzt, daß man sich überhaupt -- nicht verweichliche. Dießmal wäre es um so umständlicher gewesen, über Nacht ein ordentliches Obdach zu finden, da die Nilüberschwemmung seit einem Monate das eigentliche Dorf Abusabel von den medizinischen Anstalten trennt, und man nur zu Schiffe von einem Orte zum andern gelangt; nicht eher als in zehn bis fünfzehn Tagen werde, hieß es, die Verbindung zu Lande wieder hergestellt.

Die medizinischen Anstalten bei Abusabel, im Nordost von Kairo, liegen in einer fruchtbaren Gegend. In der gegenwärtigen Ueberschwemmungszeit gefiel sie mir nicht. Das Land war mit zu viel Wasser bedeckt, woraus Gebüsche und Bäume einsam auftauchten; und wo es vom Wasser nicht bespült wurde, behauptete die Wüste ihre grause Herrschaft.

Das niedrige, einstöckige Gebäude verspricht wenig von Ferne. Es bildet vier Höfe. Die nähern zwei gehören der Veterinärschule, und die entferntern oder dem Dorfe Abusabel nähern bilden den Sitz der medizinischen Schule. Zuerst sei von dieser die Rede.

Nähert man sich der Hochschule von Chanka aus, so steht links ein ungewöhnlich langes Haus, die Wohnungen für die Angestellten, die Professoren, Pharmazisten, Uebersetzer u. s. f. Es öffnen sich eine Menge Thüren ebener Erde nach einander. Jede führt zu einer Wohnung. Rechtshin tritt man in die eigentliche +medizinische Schulanstalt+. Diese besteht aus einem viereckigen Gebäude, welches einen geräumigen Hof umfängt, und im Umfange des letzteren breitet sich, neben dem besonders stehenden Anatomiegebäude, der sogenannte botanische Garten aus.

+Das anatomische Theater+, ganz nach europäischem Geschmacke, schön gemalt und mit arabischen Schnörkeln überschrieben, ist sehr hell, und entspricht seinem Zwecke vollkommen. Eine in ein Tuch gehüllte Wachsfigur stand beinahe in der Mitte. An einer Wand fesselt die Aufmerksamkeit ein Glaskasten, worin der Anfang einer ornithologischen Sammlung aufbewahrt wird. Vor dem Theater, im gleichen Gebäude, aber auf der mittäglichen Seite, tritt man in den +Sezirsaal+. Auch an diesem wußte ich nichts auszusetzen. Es lagen eben vier, mit einem Tuche zugedeckte, halbschwarze Leichen auf den Sezirtischen, jede auf einem. Zwei waren von der beginnenden Verwesung schon häßlich gefärbt, und erfüllten die Luft mit einem sehr übeln Geruche. Das heiße Klima stellt den Sezirübungen in Egypten viele Schwierigkeiten entgegen, wenigstens viele Unannehmlichkeiten zur Seite. Bereits hatten Ferien begonnen. Gleichwohl begünstigte mich das Glück, einen Vortrag zu hören, nämlich dem Operazionskurse des Herrn Duvigneau[27] beizuwohnen. Der Lehrer in europäischer Kleidung, auch mit einer Schürze angethan, stand am Sezirtische, gleich neben ihm der Dragoman, ein Araber von etwa fünfundzwanzig Jahren. Die arabischen Studenten schaarten sich um den Tisch. Sie trugen rothe Mützen, eine weiße, über der Brust zugeknöpfte Weste mit Ermeln, weiße, den untern Theil der Weste umfassende Pumphosen und Schuhe, die weiter nicht auffielen, doch keine Strümpfe. Die jungen Leute mochten ein Alter von fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahren zurückgelegt haben. Der Professor hob damit an, über die Amputazionen Lehren zu ertheilen; er unterschied sie in solche, die in und außer der Kontinuität des Knochens vorgenommen werden. Jede Phrase übersetzte ein Araber leicht und schnell aus dem Französischen des Professors ins Arabische. Daß dergestalt die Mittheilung mühsam sich dahinschleppe, sieht Jedermann ein. Ohne Noth aber verstrickt der Professor seine Gedanken in lange Perioden mit Zwischensätzen. Daraus folgt unzertrennlich, daß die Aufmerksamkeit der Zuhörer mehr zerstreut wird. Uebrigens schauten und horchten diese möglichst aufmerksam, als wären sie die Erfinder der Aufmerksamkeit. Einer gab oft zu vermerken, daß er den Vortrag begreife. Ein empfindsamer Araber hatte seine Nase mit Papier oder etwas Anderem vor dem Wohlgeruche der Leichen verstopft, ungefähr so, wie man es einer sentimentalen Miß von London verzeihen würde. Unter den Augen der Zuhörer unternahm der Professor, nachdem er das blutige Heilverfahren aus einander gesetzt hatte, die Amputazion eines Fingers. Weder der Vortrag, noch die Art, wie der Lehrer operirte, verhieß Ausgezeichnetes. Er schien indeß mit Gewissenhaftigkeit seinem Berufe abzuwarten. Jeder Mensch mag sich beruhigen, welcher sein Pfund redlich gebraucht.

+Apotheke.+ Es wäre unnöthig, eine europäische zu beschreiben.

+Laboratorium+: Dieses ist hübsch ausgestattet, und sicher gebricht es nicht am Lehrstoffe, wenn nur die Zöglinge genug Lust und genug Fähigkeit zum Lernen besitzen.

Die +Krankensäle+ sind zugleich die klinischen Säle, und sehr ähnlich denen in den Abtheilungen des allgemeinen Zivilkrankenhauses zu Wien. Der gefüllte Bettsack ruht entweder auf dem hölzernen Käfiche, der gewöhnlichen egyptischen Bettstelle von Palmzweigen, oder auf einem eisernen Gestelle. Das Kissen fehlt nicht; die Bettdecke ist von grober Wolle. Neben dem Bette befindet sich ein Trinkgeschirr oben und ein Pot de Chambre unten. Ueber die ärztliche und wundärztliche Behandlung der Kranken kann ich, leider, das Wort nicht ergreifen. Die Visiten geschehen Abends 9 Uhr und Morgens um 11 Uhr. Alles aber empfahl sich nicht minder durch Reinheit und Ordnung, als durch einen bessern europäischen Geschmack, daß ich an der zweckmäßigen Behandlung nicht zweifle. Abends (zur Asserzeit) wurden die Speisen ausgetheilt. Ich kostete die Reissuppe, und, wegen ihrer Schmackhaftigkeit, würde ich gerne sogleich eine Portion genossen haben. Das Schicksal der hiesigen arabischen Kranken leiht nicht den entferntesten Grund, von den Europäern bemitleidet zu werden. Die Säle enthalten die Krankheiten nach der Eintheilung in innere und äußere (~internes et externes~). Diese Eintheilung ist in französischer Sprache über den Thüren aufgeschrieben. Hinwieder trägt jeder Saal eine Nummer. Demnach durften die Franzosen, wie es scheint, ihre Heiligen aus dem ~Hôtel-Dieu~ in Paris nicht herüberbringen. Um nicht den Verdacht zu wecken, daß ich bloß ein neugieriger Laie sei, wollte ich den Saal der Lustsiechen nicht betreten. In den Krankenzimmern führten mich etliche Studenten herum; denn sobald sie die Anwesenheit eines europäischen Hakim (Arzt) erfuhren, kamen sie mir mit Freundlichkeit zuvor. Sie drückten sich in französischer Sprache leidlich aus. Die Zahl der sämmtlichen Studenten, d. h., der Mediziner, Chirurgen und Pharmazeuten, wußten sie mir nicht anzugeben. Man muß gestehen, daß die europäischen Studiosi lieber kalkuliren. Ich vernahm aus dem Munde der Abusabler-Studenten nur so viel, daß 41 die Klinik besuchen. Die Gesammtzahl der Zöglinge beläuft sich etwa auf 200.

Von den +Hörsälen+ sah ich zwei. Sie waren eben angefüllt; allein man ertheilte bloß Unterricht, der Methode nach wechselseitigen, in der französischen Sprache, indem man den Koran übersetzte. Das laute Brummen in tiefem Basse sticht schroff ab gegen das feinere Bienengesumse unserer Primarschüler in Europa. Die Hörsäle haben in ihrer Bauart nichts Ausgezeichnetes für den Abendländer. Ein Katheder ist vorne für den Lehrer angebracht; Bänke folgen sich in regelmäßiger Reihung, so daß die auf europäische Weise sitzenden Schüler dem Lehrer ins Gesicht sehen. Auch während des Kollegiums bedeckte die rothe Mütze den Kopf. Es herrschte Ordnung und Ernst; kein Hin- und Hergehen, um sich zu zerstreuen.

Die +Steindruckerei+. Ich wurde überrascht, als eine solche mir gezeigt wurde. Zwei Araber druckten eben etwas zum Behufe des Krankenhauses. Französisches und Arabisches standen neben einander auf den Druckbogen. Die französische Schrift war korrekt, der Abdruck aber dießmal ein wenig schmutzig. Die Korrektheit freute mich um so mehr, als man in europäischen Winkeln, nicht so gar selten, von den gröbsten Verstößen geärgert wird. Diese Steindruckerei ist einzig für die höhere Lehranstalt bei Abusabel bestimmt.

Der +botanische Garten+. So heißt man im Hofe einen Garten, welcher an Ueppigkeit und Pracht wohl die europäischen Gärten übertrifft, dagegen der eigentlich wenigen Pflanzen wegen diesen Namen in der That nicht verdient, gewiß nicht einmal den eines ~Egyptiacum~ verdienen würde. Wie viel kann hier noch geleistet werden.

An der medizinisch-chirurgischen Lehranstalt, die im Jahr 1828 ihren Wirkungskreis eröffnete, sind folgende Professoren angestellt:

für +Botanik+ und +Arzneimittellehre+: +Figari+;

für +Physiologie+: +Seisson+;

für +Pharmazie+: +Pacthon+;

für +Chemie+: +Berron+;

für +Pathologie+ und +Therapie+, so wie für +medizinische Klinik+: +Duvigneau+;

für +Chirurgie und chirurgische Klinik+: +Seisson+.

(Sonderbar aber, daß nicht +Seisson+ den Operazionskurs gab.)

Der Lehrstuhl der +Anatomie+ ist seit dem Austritte +Fischers+ einstweilen erledigt. Durch Eifersucht verdrängt, erwarb sich dieser Deutsche doch die bleibende Achtung der Bessern. Es ist für den Tugendhaften sehr aufmunternd, daß er, bei Mißkennung seiner Bestrebungen, an den Rath seines vor Gott offenen Gewissens und an das Synedrium der Besseren in der Welt appelliren kann.

Die +Veterinärschule+ stößt an die eben beschriebene medizinische. Der Vorsteher derselben, mit Namen +Ammon+, ein junger Franzose, bezieht von der Regierung einen monatlichen Gehalt von 5000 Piaster (über 600 Gulden R. W.).

Das Vieh mit äußeren und inneren, so wie insbesondere mit ansteckenden Krankheiten ist in den Ställen geschieden. Diese, mit einem Dache versehen, werden reinlich gehalten. Ein Gesimse von Mauerwerke nimmt ziemlich große, irdene Töpfe auf. Je einer für ein Stück Vieh, vertreten sie die Stelle einer Krippe. Harnrinnen sucht man indeß vergebens. Auch hier fressen die Thiere Strohhäcksel. Bei eintretendem Mangel des Platzes in den Krankenställen werden die Thiere unter freiem Himmel gehalten. Wie in Egypten die Augenentzündung den Menschen häufig befällt, ebenso ist ihr das Thier unterworfen. Die Veterinärschüler empfangen außer ihrem Fache Unterricht im Reiten, so daß eine wirkliche Reitschule besteht. Hörsäle, anatomisches Theater, Sezirsaal, Apotheke und Laboratorium lassen an der guten Einrichtung keinen Zweifel übrig. Auf einer Tafel im Sezirsaale liest man die Namen derer, welchen der Operazionskurs vorgeschrieben war: +Akmet Abdrahman+, +Akmet Ibrahim+ u. s. f. Das klingt nun einmal unchristlich. Im anatomischen Theater trifft man bloß einige Skelete. Es ist Schade, daß unter diesem heißen Himmel überhaupt der wissenschaftliche Eifer leicht erkaltet. Die Veterinärschule zählt 120 Zöglinge: ein bemerkenswerthes Mißverhältnis zu der Zahl der Mediziner.

Die Zucht der Zöglinge beider Schulen ist eine klösterliche oder militärische. Einmal schon werden die Anstalten von Militär bewacht. Die Schüler sind Alumnen; fast alle arm, werden sie auf Kosten des Staates unterhalten und gelehrt. Sie schlafen in großen Gemächern, die Thierarzneischüler auf dem Boden, unter ihnen nur eine Strohmatratze und über ihnen die Kleider; für die Mediziner hingegen sind ordentliche Betten aufgeschlagen. Wenn man in solchen Gemächern, wo so viel Morgenländer beisammen leben, der orientalischen Laster sich erinnert, so wird man von einem ordentlichen Abscheu ergriffen. Neben den Schlafgemächern gibt es für die Studenten noch besondere Speisesäle nach europäischer Art. Ich sah gerade eine ungemein lange Tafel gedeckt. Unzweifelhaft werden die Alumnen gut genährt.

Die Studenten hatten kurz vor Sonnenniedergang Feierabend. Es muß zwischen Arbeit und Ruhe ein Ebenmaß sein, sonst leiden beide, Leib und Seele. Die jungen Leute zogen, je zwei und zwei neben einander aus. Am Thore gegen Abusabel hielt der Flöter und Trommler an, und flugs zerstob die Reihe, um sich in die Barke zu werfen, welche sie nach Abusabel führen sollte, darunter manche zu den Weibern. Jeder wollte der erste in dem Kahne sein. Auf die Rückfahrt der Barke wartende Studenten vergnügten sich daran, daß sie Steine ins Wasser schleuderten, die wechselweise in diesem niedertauchten und wieder hervorhüpften (Epostrakismos der Griechen). Um neun Uhr Abends mußten die Einen zurückkehren; die Uebrigen durften bis morgen in der Frühe ausbleiben. Letzteres erzähle ich nach Andern.

Das Leben der bei Abusabel Angestellten gleicht so ziemlich einem Schlaraffenleben, und sie können die Zeit mit genauer Noth hinbringen. Wenn ein europäischer Fremder die Anstalten besucht, so ist er beinahe Fingerzeig. Das Auge weilt fast lieber bei den die Höfe zierenden Dattel- und Akazienbäumen, als bei Leuten, wiewohl aus dem gleichen Welttheile, welche dem Schöpfer das Meiste vom Tage abstehlen. Gilt denn etwa hier die +Ausnahme+ von der Regel, daß der Müßiggang aller Tugenden Anfang sei?

Von der Zugänglichkeit der Mohammetanerin hörte ich bei Abusabel Dinge, welche Erstaunen erregen. In ältern Zeiten wurde eine solche, welche sich mit einem Christen verging, den Wellen des Nils preisgegeben. Ob nun die Mittheilungen beweiskräftig genug seien, um zu entscheiden, daß der religiöse Fanatismus um manche Grade sich abgekühlt habe, wage ich kaum anzudeuten, und wenn ich andeuten +müßte+, so fiele die Bemerkung, daß die geschlechtlichen Verirrungen auf eine +höhere+ Sphäre konfessioneller Nachgiebigkeit oder Strenge selten schließen lassen, weil sie aus einer tiefsinnlichen Quelle hervorsprudeln. Wahrscheinlich würden sich, wie zur Zeit der Franzosen- und Patentherrschaft, wenige Araberinnen gegen die Verbindung mit einem Christen sträuben. Wenn sie auch nicht die Liebe dazu lockte, so doch das tönende Erz. Eröffnungen über das ~punctum sexus~ strömen unter den Franken in diesem Lande so ohne Rückhalt daher, daß der galante Großstädter des Abendlandes nicht offenherziger sein kann. Wenn die Konkubinen in die Hoffnung kommen, so werden sie von Manchen ohne Theilnahme und Hülfe verstoßen. Die Mohammetanerin könnte vor dem Richter keine Ansprachen geltend machen; wohl aber ist gewiß, daß derselbe die Sache, sobald sie vor ihn gebracht würde, zum Nachtheile des gefallenen Mädchens nicht ungeahndet hingehen lassen könnte. Hinwieder steht der Europäer, in seiner großen Freiheit und Unabhängigkeit, nicht unter dem ordentlichen egyptischen Richter, sondern unter dem Konsulate, um dessen Schutz er nachsuchte. Etwa im Falle eines Ehebruches oder einer Defloration, im Falle, daß über die mohammetanische Religion geschimpft, oder daß falsche Münze geprägt würde, müßte die Auslieferung an den egyptischen Richter erfolgen. Wie weit diese Unabhängigkeit getrieben wird, lehrte unlängst ein handfester Engländer. Es wollte ihn die Polizei aufgreifen, weil er Mohammetanerinnen ins Haus aufnahm, in einer Absicht, die leicht errathen werden konnte. Statt alles Fernern schlug er die Polizei nieder. Das Konsulat schützte ihn doch so sehr, daß er von der vizeköniglichen Polizei in Kairo nicht weiter beunruhiget wurde.

Ich machte früher in Wirklichkeit einen Abstecher zu Lande, und jetzt einen auf den Schwingen des Geistes. Kehren wir zurück, um einen Rückblick auf die Schulanstalten bei Abusabel zu werfen.

Im Andenken unferner Zeiten, da noch das ganze Egyptenland, seit der Herrschaft der Türken, in tiefe Barbarei versunken war, wird man billig ein Loblied auf den nunmehrigen Herrscher, +Mehemet-Ali+, anstimmen, welcher für jenes Land wirklich großartige, hoffentlich segensreiche Anstalten ins Dasein rief. Angenommen, daß die Stellen immer mit tüchtigen Professoren und keinen Stümpern, mit Freunden der Wissenschaft und keinen Abenteurern, mit gewissenhaften Arbeitern und keinen bloßen Glücksrittern besetzt werden, so dürfen die Anstalten mit den medizinischen Fakultäten kleinerer deutscher Hochschulen in die Wette laufen; ich möchte noch weiter gehen, in praktischer Beziehung werden sie letzteren den Vorrang ablaufen. Beherzige man nur, wie oft der Mangel an Leichen zum Behufe von Zergliederung auf manchen Hochschulen beklagt wird. Umgekehrt werden die egyptischen Anstalten in theoretischem Bezuge gar keinen Vergleich aushalten, und bis ein echt wissenschaftlicher Geist dieselben durchdringt, beseelt, erwärmt, kann über die viel zu neue Grundlage, selbst unter den günstigern Umständen, ein ganzes Jahrhundert verstreichen. Jedenfalls wird der Pascha mehr oder minder brauchbare Aerzte für die Armee bekommen, und das ist es, was er zunächst bezweckt. Es würde ihn wahrscheinlich gar wenig befriedigen, wenn die Zöglinge sich in medizinische Spekulazionen vertieften, und in diesem Gebiete der Schriftstellerei sich versuchten, um vielleicht durch gelungene Arbeiten einen neuen Glanz auf das Leben des Regenten zu werfen. Der Gedanke thut wahrhaftig bis in das Innerste der Seele wohl, daß in dem Lande, wo einst Heliopolis und Alexandrien durch die Schätze der Wissenschaft weithin leuchteten, nach den vielen Jahren der traurigsten Finsterniß, wenigstens einige Schritte versucht werden, um die Verlassenschaft der erhabenen Vorfahren, ob auch nicht in ihrem vollen Werthe, doch einigermaßen zu würdigen.

Tages darauf trat ich meinen Rückweg an. Ein kühler Wind wehte sogar noch Mittags. Bald sah ich den erwähnten Obelisken, weiter oben die Pyramiden von Gizeh, dann den Mokatam, und aus ziemlicher Ferne schon Kairo. Den Weg belagerten mehrere Bettler, die aber, bequemer oder anständiger als die unsrigen in der Schweiz, nicht nachrannten. Ein Knabe legte es darauf an, durch seine Klumpfüße Mitleiden zu erwecken. Der auffallendste Bettler hielt sich behaglich in einer kleinen Höhle auf, die mit einem löcherigen Dache versehen war. Beinahe immer lief mein Eseltreiber den weiten Weg. Den Lauf setzen die Eseltreiber vier Stunden lang an Einem fort, während die Hitze den nördlichen Europäer gleichsam erdrückt. Die Uebung hat jene Leute gestählt.

Wie gestern Nebel, so verdunkelten heute die Atmosphäre herumfliegender Sand und schwarze, regnerische Wolken, an deren Schatten ich beinahe bis Kairo ritt, und zwar ein Stück weit neben dem Direktor +Ammon+, der sich freundlich anließ. Ich traf gerade Mittags im Frankenviertel ein. Ich begrüßte es mit ebenso froher Stimmung des Gemüthes, als ich der Gegend von Abusabel mein Lebewohl sagte. Es ist schwer, zu begreifen, daß +Mehemet-Ali+ die medizinische Lehranstalt der Hauptstadt so weit entrückte. Großköpfe sind mit Querköpfen nicht selten verwandt. Jede Berührung mit wissenschaftlichen oder gebildeten Leuten hätte den Professoren sowohl, als den Studenten leicht gemacht werden sollen. Was entbietet ein elendes Dorf armseliger Araber?

Geschichtlicher Rückflug nach Mattarieh.

+Prosper Alpinus+ erzählt: In „el-Mattharia“ wird eine gewisse Sykomore besucht, welche von den Einwohnern für so heilig gehalten wird, daß es bei ihnen eine ausgemachte Sache ist, es habe die Frau +Maria+, um dem Zorne des +Herodes+ von Jerusalem zu entgehen, in eine Höhle des Stammes sich geflüchtet und dort das Kind +Christus+, unsern Heiland, für einige Tage verborgen. Es wird daher dieser Baum von Vielen in hohen Ehren gehalten; dieß gilt zumal von den Aushöhlungen desselben, welche +Christus+ bargen. Fabelhaft ist, was +Matthiolus+ anführt, daß die Stämme und Aeste des Baumes nie verdorren, wenn sie zuvor ins Wasser getaucht werden, und darin eine Zeitlang liegen bleiben. -- Der Pascha von Egypten, des Namens +Messir+, besuchte in der letzten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts aus Verehrung der gottseligen Frau den Ort el-Mattharia an jedem Freitage, als dem Sonntage der Mohammetaner, und er pflegte daselbst sein Gebet zu verrichten. So weit +Alpinus+.

Hören wir noch einen andern Naturforscher, +Johann Wesling+, welcher im dritten Jahrzehn des siebzehnten Jahrhunderts in Kairo lebte: „El-Mataaria“ ist ein Garten um Memphis, ein hehrer Name durch die Verehrung der Christen. Dort treibt eine ungeheure Sykomore, umdämmt mit einer niedrigen Rasenbank zur Bequemlichkeit der Besuchenden, und ehrwürdig, wegen des von +Alpinus+ angegebenen Grundes, schon seit anderthalb Jahrtausenden in den Augen der Christen. Munter grünen die Zweige, obschon der Stamm über dem Wurzelstocke auf eine häßliche Weise zerstümmelt ist, weil diejenigen, welche den Baum mit dem Kusse benetzen, ein Stück davon, aus thörichter Liebe zu Reliquien, wegschneiden, während es doch besser wäre, den Baum in fromm ehrendem Gedächtnisse zu bewahren. (~_Joannis Veslingii_ Mindani de plantis Aegyptiis observationes et notae ad _Prosperum Alpinum_~. ~Patavii ap. P. Frambottum 1638. P. 10.~)

Abenteuerlicher Ritt nach den Pyramiden von Gizeh.

Ich fragte oft und oft nach Gesellschaft, um in solcher die Pyramiden von Gîsa zu besuchen. Vergebens. Da wählte ich einen Eseltreiber, der etwas italienisch verstand, und brach, auf guten Ritt hoffend, am Mittage des fünften Wintermonates auf. Noch aber war ich nicht auf dem Esbekiehplatze, als er seinen rothäugigen Bruder mir zurückließ. Zudem war dieser in Aussehen und Wahrheit kreuzdumm, und mehr als ~buono~ konnte er kaum etwas vom Italienischen.

In Gottes Namen -- vorwärts. In Altkairo über den Nil gefahren, gelangte ich zu einem Graben. Jetzt sprang mein Esel hinüber, er fiel und ich mit ihm. +Erste Stazion des Elendes.+

Später leitete der Weg zu einem ziemlich breiten Abzugsgraben des Nils; wir durchschnitten diesen in einem Kahne ohne Schwierigkeit. Bald traf ich seichtes Wasser. Es liefen zwei Männer daher, und einer trug mich über dasselbe. Ich wußte nicht, daß diese -- Führer sein sollten. Der Eseltreiber, voll jämmerlicher Angst vor dem Wege nach den Pyramiden, rief sie ohne mein Wissen und meinen Willen. Der eine, ein Scheik, mit nicht unangenehmen Gesichtszügen, war mit einer Flinte, der andere mit einem langen Stocke bewaffnet. Mehrere Male wurde ich von den Leuten über das seichte Ueberschwemmungswasser getragen. +Zweite Stazion des Elendes.+