Lustreise ins Morgenland, Erster Theil (von 2)

Part 14

Chapter 143,501 wordsPublic domain

Schon auf der Burg empfahl sich meiner besondern Aufmerksamkeit eine auf vielen Pfeilern ruhende, lange, steinerne Brücke, die Wasserleitung, und ich war sehr begierig, in der Nähe sie zu besehen. Will man nach Altkairo sich begeben, so ist es ihrer Bögen einer, unter welchem der Weg durchführt. Der Wasserthurm (el-Migreh), als das Haupt des Aquädukts, steht rechts am Rande des Nils. Man kann auf ihn in einer unbedeckten Bahn reiten. Eben traf ich einige Weiber, welche die Brustwehre mauerten; ihr Mörtel war Viehmist, welchen sie mit heitern Mienen und zierlich mit ihren kleinen Fingern herumdrückten. Die Hände der Schönen waren Mörtelkellen, um welche diese Egypzierinnen von den Schönen Europas wahrscheinlich nicht wenig beneidet werden. Oben kirren sechs Räder, von zwölf Ochsen getrieben, um das Wasser aus der Tiefe zu schöpfen. Dasselbe wird in ein Becken ausgeleert, das in den Kanal ausmündet. Der liefert das Wasser in die Burg. Eine weite Strecke erhebt er sich hoch über die Erde. Erst in der Todtenstadt el-Seydeh Omm Kâsim greift er in das Erdreich. Die Rinne selbst mißt etwa zwei Fuß in der Breite und Tiefe. Der Nilschlamm, welcher sich aus dem Wasser niederschlägt, wird mit Sorgfalt herausgeschafft. Ich ging ein Stück weit neben der Rinne bis an einen Ort, wo die Wasserleitung ausgebessert wurde.

Nahe an dem Wasserthurme fängt der ungemauerte Nilkanal an. Dieser wird jährlich zu seiner Zeit mit einem Damme querüber gesperrt, dessen Durchschneidung dann die Anwohner mit großem Jubel feiern. Allahu akbar (Gott ist groß); Gott läßt keinem Volke des Elendes so viel werden, daß er nicht dann und wann in dasselbe eine Rose der Freude streute.

Altkairo und das armenische Kloster.

+Altkairo+ oder ehemals +Fostât+, dann +Maser el-A’tykah+ der Araber ist eine besondere, mit Mauern und Thoren verwahrte, nicht unbedeutende Stadt im Süden und eine halbe Stunde von Großkairo, hart am Nil. Es gewährt ein einförmiges, schwarzgraues Aussehen. Die Häuser sind hoch und von Thürmen weit überragt; die Gassen enge und belebt, letzteres wenigstens diejenigen am Hafen.

Altkairo wurde im 20. Jahre der Heschira gegründet und 564. in Brand gesteckt.

Weil ich noch nie in einer armenischen Kirche war, so hatte ich kein geringes Verlangen, das Kloster der Armenier zu sehen. Ich weiß nicht, mit welchem Rechte man den Namen +Kloster+ gebraucht, da ich eben keine klösterliche Einrichtung fand, wenigstens keine Mönche antraf. Die Kirche stellte einen Saal mit weiß überkalkten Wänden vor, ohne Glocke, ohne Beichtstuhl, ohne Stühle oder Bänke, ohne Seitenaltar. Der Choraltar vergegenwärtigte mir die römisch-katholische Kirche. Als der Führer in die Kirche trat, fuhr er mit der Hand öfter vom Herzen zum Munde, nachdem er sie in einem kleinen Becken benetzt hatte, das an der Mauer sich befand. Ich machte keine Zeremonie, so wenig als ein Muselmann sich in Zeremonien eingelassen hätte, und der Führer glotzte mich sehr seltsam an. Meinerseits konnte ich mich damit nicht befreunden, daß er als Christ im Wesentlichen wie der Mohammetaner gekleidet war. Vom armenischen Kloster wird nördlich Altkairo geschlossen.

Das griechische Kloster und der Altar der heiligen Frau im koptischen Kloster.

Das griechische und koptische Kloster liegen nicht im Umfange von Altkairo, sondern in einiger, wiewohl sehr geringer Entfernung davon, nämlich in +Kaser-el-Schàma+, und sie bilden mit den um sie gedrängten Häusern ein eigenes Städtchen. Noch nirgends sah ich die Häuser so nahe beisammen, gleichsam auf einander geschoben wie hier. Der Sonnenstrahl kann an den wenigsten Orten die Gasse erreichen. Mir kam es vor, als sei ich von hohen, unförmlichen Felsenriffen umlagert, als wären die ersten Einwohner in der Verwirrung hieher geflüchtet, und als hätten sie sich in der gleichen Verwirrung ihre Gebäude aufgeführt.

Als ich in das +griechische+ Kloster des seligen +Georgius+ kam, wollte ich gleich wieder umkehren; denn es zeugte hier das wenigste von einem Kloster. Wie in der Verborgenheit fand sich auf dem anderobersten Stockwerke die griechische Kirche, die ich nur flüchtig anschaute. Mehr sprach mich einen Stock weiter unten eine Säulenhalle an. Ich entscheide nicht, ob ich mich glücklich preisen soll, daß ich keines griechischen Priesters ansichtig werden konnte[24].

Nicht weit vom griechischen Kloster liegt, an einer sehr schmalen Gasse, das +koptische+ zum seligen +Sergius+. Ich war schon ein Stockwerk hoch und kehrte wieder um, weil sich mir nichts Klösterliches darbieten wollte. Mein Geruchsorgan hatte sich an den Weihrauch und an das Kellerichte feuchter Mauern, denen man in den Klöstern der Lateiner begegnet, so sehr gewöhnt, daß ich an kein Kloster glaubte, wenn jene fehlen. Doch alsbald trat ein alter, langbärtiger Mann mit einem Turban daher; er hielt in seiner Hand einen großen, hölzernen Schlüssel, mit dem er rüttelnd das Schloß öffnete. Ich war in hohem Maße gespannt, die koptische Kirche zu sehen. Was ich von ihr sagen muß -- -- sie ist nicht schön, und im Zerfalle begriffen; vor dem Altare erhob sich etwas Pultartiges wie bei den Griechen; am Altare selbst nahm ich das Christusbild nicht wahr. Mehrere Bilder, z. B. eines, welches die +Jesum+ auf dem Schooße haltende +Maria+ vorstellte, waren um den Altar auf eine zu überladene Weise gehängt, sogar wenn sie keine Stümpereien gewesen wären. Ist es wohl dem heiligen Zwecke gemäß, daß ehrfurchtsvolle Erinnerungen durch stümperhafte Bilder beleidigt werden? Nur blinder Fanatismus, verbunden mit krasser Unwissenheit auf dem Gebiete der Kunst, kann an geweihter Stätte Fratzen leiden.

Zwei Treppen führen in ein Gewölbe, an den Ort, wohin die heilige Frau mit +Josef+ und dem +Christus+kinde geflohen sein +soll+. Am Lichte einer Kerze stieg ich hinunter. Vergebens, daß man hier eine Grotte oder Höhle suche. Alles ist Mauerwerk. Zudem müßte, meines Erinnerns, die Höhle eine überirdische sein, weil die Kirche einen Stock hoch liegt, und man gerade ebenso tief bis zu jener hinabsteigen muß. Die Katholiken und Kopten haben ihre Verehrungsstellen durch eine Mauer gesondert, und, um recht billig zu sein, möchte ich fragen: Wer weiß es, daß die gefeierten Flüchtlinge gerade die Stelle am meisten berührt haben, welche die Eifersucht der in verschiedenen Meinungen lebenden Christen mit einer Mauer zudeckte? Den Lateinern gehört ein kleines, ganz niedriges Gewölbe, auf dessen Boden ein Kreuz eingegraben ist. Davor hängt ein Oelgemälde auf Holz, welches die heilige Familie vorstellt. Die Kopten besitzen ebenfalls ein Gewölbe, auf dessen Boden aber ein viereckiger Stein oder ein Altar ohne ein Zeichen steht.

Beim Herausgehen aus der Kirche fielen mir in einem Winkel mehrere Krücken auf. Sie werden von denjenigen, welche während des langen Gebetes durch Stehen müde geworden sind, als eine Stütze gebraucht.

Der Tempel A’mrus.

Bei dem alten Kairo liegt die älteste Moschee des Mohammetanismus, nach ihrem Gründer A’mru genannt. Sie ist bereits verlassen, und leicht wird den Andersgläubigen der Zutritt gestattet. Ich möchte diese Moschee, von der noch zwei Thürme emporstreben, den Säulentempel nennen; denn durch die Zahl der Säulen, welche auf 244 ansteigt, hat sie etwas Ueberraschendes. In den Tempel getreten, und der Blick wird gleichsam irre vor der Menge der Säulen. Die Eingangsseite, so wie die östliche und westliche Seite sind zwar nicht sehr breit, wohl aber die mittägliche, die allein über hundert Säulen zählt. Die Mitte zwischen den Säulenhallen steht unter freiem Gotteshimmel, und in diesem offenem Raume des Tempels bietet ein Kuppelbrunnen ein freundliches Aussehen. Die Kuppel wölbt sich über ein Becken voll Wassers, und den Brunnen umgibt außen eine Reihe kleiner Röhren, welche mit dem Wasserbecken in Verbindung gebracht sind. Ich zog den Stöpfel einer solchen Röhre und das Wasser quoll sogleich heraus. Dieser Brunnen dient den Mohammetanern zu der religiösen Handlung der Waschungen. In der Nähe des Brunnens erholt sich der trümmermüde Beobachter an dem Grün einer Palme, und gleich daneben an den Blüthen eines andern, in eine Mauer eingesperrten Baumes. Diese Bäume werden unzweifelhaft für heilig gehalten. Vermag das Abendland auch unter freiem Himmel aufwachsende Bäume in den Kirchen aufzuweisen? Die mittägliche Seite der Gâma’ +A’mrus+ will als der eigentliche Tempel betrachtet werden. Gegen den offenen Hofraum findet sich eine kleine Emporkirche von mühsam gearbeitetem Holze. An der Mauer erhebt sich in der Mitte eine Kanzel (Mambar) ebenfalls von Holz. Weiter greifen in die Mauer etliche Nischen (Mahrab). Nach den Mahrab wendet sich das Volk beim Beten, indem sie genau die Lage der Kâba in der großen Moschee zu Mekka angeben. Vom platten Dache hängen Vorrichtungen zur Beleuchtung herunter. Der Hauptkarakter der Kirche ist ein frohmüthiger, offener, und der völlig entgegengesetzte mancher katholischer Kirchen, in welche das Sonnenlicht erst fallen darf, nachdem es durch farbige Scheiben gebrochen worden. Oder nicht zufrieden mit dem Düsterlichte in der Kirche, welches zur Wehmuth stimmt, gräbt man sich Kapellen, um während des Tages die Nacht heraufzubeschwören, welche man durch ein künstliches, von vielen Seiten her zusammengebetetes Lichtchen erhellt. Das Licht der Sonne, als Geschenk des Himmels, wird sonderbarerweise ungern gelitten.

Um auf die Säulen zurückzugehen, so sind, wo nicht alle, doch die meisten antik. An vielen haben sich die korinthischen Knäufe recht schön erhalten. Von Säule zu Säule springt ein Bogen. Eine Reihe Säulen ist am offenen Raume verwittert. Es scheint, der saumselige Vizekönig erwarte eine Subskripzion von Seite abendländischer Christen, um die älteste Moschee Egyptens vor gänzlicher Zertrümmerung zu retten. Schwerlich macht der herschende Moslim das Vernachlässigte dadurch gut, daß er mit den Großen, Beamteten und Offizieren des Reichs jährlich einmal die greise Gâma’ des Helden A’mru besucht. Aeußerer Pomp wird von der Welt oft für innige Herzlichkeit tausch- oder täuschweise gegeben und genommen.

Der Garten Ibrahim-Paschas und der Nilometer auf der Insel Ruda.

Man geht durch die fruchtbaren Felder Gabel, ehe man zum Nilarme gelangt, über den man setzt, um das Eiland Ruda zu erreichen.

+Der Garten Ibrahim-Paschas+, welcher von einem Engländer angelegt ward, gewährt einen paradiesischen Anblick. Manches, welches der Okzident und der Orient spenden, findet man hier geschmackvoll zusammengestellt. So schön der Schwarzenbergische und Lichtensteinische Garten in Wien sind, so gewiß erscheinen sie als Gerippe, wenn man sie dem Garten +Ibrahims+ entgegenhalten wollte. Datteln, Sykomoren, Pappeln, Maulbeerbäume, Birken, Aloe und so viel einjährige Pflanzen sind alle in einen Rahmen gefaßt. In den Armen dieser schwelgerischen Natur beneidete ich, ich darf bei meiner Treue versichern, den Nordländer um seinen Herbst nicht im mindesten. Einzig die gepflückte Rebe vergilbte zum Theile, trieb indeß neben dem gelb gewordenen Laube die schönsten grünen Schosse. Die Rebe wächst zahlreich, und wird ebenso wenig an Pfählen aufgezogen wie in Lossin.

Das Lusthaus im Garten birgt eine künstliche Grotte, die mit prächtigen Muscheln vom rothen Meere ausgekleidet und eine wahre Augenweide ist. Manche, welche den Garten besuchen, denken jedoch nicht billig genug; schon sind mehrere Muscheln weggerissen, weil diese zum Andenken mitgenommen wurden. Der Selbstsüchtige zerstört Andern, was er selbst bewundert. In dem Haupttheile des Gebäudes, gegen Mittag, steht ein großes Wasserbecken. An den Wänden desselben befinden sich mehrere Oeffnungen, wodurch das Wasser fließt, um das Becken zu füllen. Es stand leer, und mir schien das Pavillon nicht ganz ausgebaut zu sein.

Mich zog noch ein ungemein poetischer Gegenstand an, wenn man anders für des Abbate +Casti+ ~gli animali parlanti~ Begeisterung fühlt; ich meine, ~sit venia verbo~, den -- Viehstall. Eine Mauer schließt das Vieh ein; kein Dach schützt vor Sonnenhitze. Der Viehstall ist daher nur eine Art Viehhof oder eine Art Pferch. Zwei Krippen liegen neben einander, von einer Mauer getrennt, welche die Höhe des Viehes hat. Ich zählte im Hofe fünf und zwanzig Ochsen, welche die erforderlichen Eigenschaften besessen hätten, ein Küheharem zu bewachen. Alle Ochsen waren mit einem Stricke um den Hals an die Krippe gebunden. Durch diese drang zu solchem Zwecke an der Vorderwand eine längliche Oeffnung. Der Stallboden war die Erde und zwar so trocken, als unsere hölzernen Stallböden. Als Futter erhält das Vieh gehacktes Stroh, welches in einem Winkel des Hofes unter freiem Himmel aufgespeichert war. Das Vieh scheint mit dem Häcksel zufrieden zu sein. Die europäischen Viehärzte dürften sich hier nicht darüber ärgern, daß die zu sparsame Lüftung der Ställe eine Menge Krankheiten hervorrufe.

Der +Nilometer+ oder +Mekia+, auf der Spitze der Insel Ruda, liegt +Altkairo+ gegenüber. Ehe ich den eingefangenen Nil zu sehen bekam, mußte ich mich zu einem Effendi verfügen, um von ihm die Erlaubniß auszubitten. Ein graubärtiger, schöner Mann hockte auf dem Diwan, die Pfeife im Munde; daneben mehrere Männer, wahrscheinlich Schreibgesellen. Ich zog den Hut ab, wozu mich der Dragoman anwies, und dieser fragte mich, was ich wünsche? Ich möchte den Nilometer sehen, antwortete ich ihm ohne Titel und Komplimente. Es bedurfte des Weitern nicht, noch der Bezahlung einer Gebühr, die Erlaubniß ward ertheilt, und der Dragoman ging mit mir von hinnen.

Wir kamen an der polternden Pulvermühle und an der Salpeterfabrik vorbei. Ich schüttelte beinahe ungläubig den Kopf, als der Dragoman mir eröffnete, daß wir beim Nilmesser waren, so wenig wurde meine Erwartung befriedigt. Ueberspannte Erwartungen schaden gerne der treuen Anschauung des Gegenwärtigen; denn von der Höhe stürzt die Phantasie in die Tiefe, und verfehlt so die rechte Mitte. Der Nilmesser wird von zerfallenen Mauern umgeben, welche einen sehr übeln Eindruck hervorbringen und zurücklassen. Er sieht wie ein viereckiger Brunnenkasten aus. Der Mitte entsteigt eine nicht sehr dicke, achteckige, maurische, mit einem ganz kunstlosen Vierecke bedeckte Säule. Diese bezeichnen, wie einen Zollstab, regelmäßig von einander entfernte, jedoch nicht mehr sehr scharfe Kerben. Das Wasser in dem Nilmesser steht mit dem Wasserspiegel des Nils in gleicher Höhe, und darum kann man an der Säule das Steigen und Fallen des Nils genau beobachten. Früher soll der Aufseher über die Nilmessung sein Leben im Spiele gehabt haben, wenn er die bestimmte Höhe nicht sogleich verzeigte. Man leitete meine Aufmerksamkeit auf den hohen Stand des Wassers, welcher der Befruchtung des Nilthales günstig sei.

Man glaubt hie und da in Europa irrig, daß je höher der Nil steige, desto mehr Vortheil dadurch Egypten erwachse. Gerade in einem der letzten Jahre verstieg sich der Nil, und die Ernte einiger Bodenerzeugnisse fiel minder ergiebig aus.

Der Nil fängt in der Mitte Brachmonates an zu schwellen, und Ende Herbstmonates nimmt er seinen höchsten Standpunkt ein, wo dann viele Gegenden unter Wasser gesetzt sind[25].

Die Goldader Egyptens gibt zum größten Volksfeste Anlaß, wenn sie am stärksten angelaufen ist. Früher soll die barbarische Sitte geherrscht haben, daß man, zu Erhöhung des Festes, allemal eine Jungfrau in den Nil warf. Von der Sitte blieb nur noch die reich ausgeschmückte Barke übrig, in welcher man auf dem Flusse herumfährt.

Ausflug nach Heliopolis und Abusabel.

Es war Frühlingsanfang, der letzte Tag des Weinmonates und der erste des Wintermonates.

Verläßt man auf der Morgenseite die Stadt, da stellt sich der stattlich emporsteigende Mokatam, und selbst der Schweizer muß diese Kuppe des arabischen Gebirges der Aufmerksamkeit würdigen. In der Nähe hörte man zur Linken das Rauschen der Marktleute, zur Rechten das Trommeln und Trompeten der Kriegsknechte; zur Linken sah man hier ein Kaffeezelt, einen Garkochofen, dort für ein Soldatenweib eine Hütte von solcher Höhe, daß es darin weder stehen, noch gehen, sondern nur kriechen kann, manche Wohnung selbst ohne Obdach, und zur Rechten eine Menge Zelten, unter denen das Kriegsvolk gelagert ist, zur Linken den dornreichen Kaktus in üppiger Zahl, und zur Rechten weiterhin das Nichts der Sandwüste. Mein schauendes Auge wetteiferte mit dem horchenden Ohre, und der Nebel, welcher jenem die Seheweite streitig machte, konnte den Wetteifer nicht lähmen.

Kaum hatte ich das Freie gewonnen, so wendete ich mich links. Die noch nicht gänzlich zurückgetretenen Wasser der Überschwemmung erschwerten mir ein wenig das Reiten. Ich lustwandelte in einem Walde von Zitronenbäumen, auf denen, selbst auf dem gleichen Baume, wohlriechende Blüthen mit grünen und reifen, gelben Zitronen wechselten, und schon stand ich +in Mattarieh vor dem Baume, wo die heilige Familie ausgeruht haben soll+. Ich dachte zum Voraus, die Araber werden mich nicht täuschen können, weil die geschäftigen Christen ohne Zweifel ihre Namen in den Baumstamm eingeschnitzt haben würden. Und dem war also. Frömmigkeit, mit Eitelkeit gepaart, hinterließ mehrere Denkmäler, welche dießmal übrigens den Nutzen stiften, daß sie den Baum den Neugierigen kenntlich machen. Mitten in einem Zitronenwalde erhebt sich ein sehr dicker, ein gespaltener, leicht zu ersteigender Strunk. Darauf trieb ein dünner, kaum zehn Fuß hoher Stamm mit frischem, grünem Laube, eine Sykomore. Das ist +der Marienbaum+. Der Schatten desselben zerfließt in den Schatten der umstehenden Zitronenbäume, und verbreitet angenehme Kühlung. Ich möchte sein hohes Alter nicht bezweifeln.

Außer dem Walde erblickt man gleich nordwärts den Obelisken bei Samur Baosbeh oder in der verschwundenen Stadt +Heliopolis+ (On)[26]. Elende Hütten stolziren jetzt auf einer Stätte, die so reich an Erinnerungen ist. Das Hinschwinden der aus den Händen der Menschen hervorgegangenen schönsten Werke quälte auch hier meine Seele mit bittern Gefühlen. Wie werden die Werke unserer Tage nach Jahrhunderten zerschlagen und zerstört sein? Der einzige heliopolitanische Ueberrest von Bedeutung ist ein Obelisk, dem ich mich mit geflügeltem Fuße näherte. Derselbe steht aufrecht, scheint mir aber etwas niedriger, als die Nadel der +Kleopatra+. Die Hieroglyphen sind auf allen vier Seiten deutlich, zumal diejenigen auf der nördlichen und westlichen Seite. Die südliche Seite wurde von der Sonne etwas gebleicht. Sogar der Farbstoff im rothen Granit des Obelisken vermag sich nicht in die Länge unverändert zu erhalten. Die Stabilität kann vor den immermehr sich erneuernden und häufenden Lehren der Wandelbarkeit nicht +bestehen+; allein dieß hindert sie nicht, sich recht bequem zu machen und niederzulegen, und so vegetirt sie, wenigstens in der Einbildung, doch fort. Die Hieroglyphenfurchen auf der östlichen Seite sind mit Sand vollgeblasen. Der Regen bildete mit dem Staube eine Paste, welche sich in jenen Furchen ansetzte. Die Nordseite hat die frischeste Farbe und ist am schönsten. Vergleicht man die Obelisken der +Kleopatra+ und der Heliopolis, so fragt man sich: Warum hat das Denkmal zu Alexandrien im Laufe der Zeit weit mehr gelitten als letzteres? Es wird einleuchten, daß der an der Küste, häufiger als in Heliopolis, fallende Regen zerstörender wirken mußte. Die Erhaltung mancher Alterthümer in dem guten oder erträglichen Zustande hat Egypten dem seltenen Regen zu danken. Es rettet manchmal, wenn man so sagen darf, ein blindes Geschick, indeß vor den offenen Augen der Vorsicht und Sorgfalt etwas zu Grunde geht. Hätten die egyptischen Denkmäler, z. B. die Pyramiden, Europa gehört, so wären sie viel unscheinbarer, manche wohl nicht mehr. In 2000 Jahren wird der Obelisk von Luxor in Paris von dem Gesagten Zeugniß ablegen. In Egypten gab es einen wunderbaren Zusammenfluß günstiger Umstände, um der spätern Nachwelt so Vieles zu überliefern.

Der Obelisk stand so einsam als ehrwürdig mitten in halbgroßem Mais. Eines Fellahs konnte ich nicht so leicht los werden. Er meinte, ich sollte ihn dafür beschenken, daß ich einen Stein im Freien der Welt Gottes betrachtete. Wären derlei Leute Gebieter, so würden sie vielleicht einen jährlichen Tribut von dem Mitmenschen dafür erpressen, daß er sich am Scheine der Sonne erquicken dürfe. Wo die Leute im blindesten Despotismus erzogen werden, da verschließt sich auch ihr Sinn, wie des Despoten selber, für die natürlichen Rechte der Menschen.

Dieser Sehenswürdigkeit wegen mußte ich einen kleinen Abstecher machen. Bald aber hatte ich den breiten Weg der Wüste wieder eingeholt. Ich dachte an unsere wohllöblichen Straßenbaukommissionen und Baumeister, an unsere Zölle und Zöllner, an unsere Straßenbüreaukraten und Bauern, welche den Schweiß ihres Angesichtes wie den Kies auf die Straße schütten u. dgl. Zwischen Kairo und Abusabel nichts von Allem. Die Wüste ist die breite Straße für Jedermann sonder Hinderniß eines Schlagbaumes. Ohne den Staat oder die Ortschaft mit Kosten zu belasten, treten die Kameele in ihren langen Zügen gleichsam Geleise in den Sand, und das Abfordern des Zolles wäre eine Stimme in der Wüste.

Ich kam nach El-Mark. Hier steht ein Kaffeehaus ~alla Turca~. Ich sprach zu. Die arabischen Kaffeehäuser stellen einen, um es schlicht zu nennen, offenen Schuppen vor. Das Wandwerk ist von Mauer. Vom irdenen Boden des Kaffeehauses genießt das Auge Freiheit bis ans -- Dach hinauf. Auf einer Seite sieht man die Kaffeeküche, auf der andern den mit Strohteppichen belegten Diwan, welcher wie ein Sims die Mauer begleitet. Da hocken denn die arabischen Kaffeetrinker, deren lange Pfeife bis auf den Boden herabsteigt.

In El-Mark beginnt ein bedeutender Wald schattenarmer Dattelpalmen. Darauf erreichte ich den belebten Ort Chanka. Von da führte mich der Weg durch eine wüste Gegend, die häßlichste Einöde, nach der egyptischen medizinischen Fakultät Abusabel; das biblische Gosen zur Rechten.

Der in Egypten angekommene Abendländer ist in der ersten Zeit von mancherlei Aengstlichkeiten befangen. Er glaubt sich unter die Araber kaum recht mischen zu dürfen; mit Unrecht. Der Weg von Kairo nach Abusabel beträgt vier Stunden, und ich ritt unbedenklich allein, und man hat überhaupt weder bei Tage, noch bei Nacht Lebensgefahr zu befürchten. Ich fand den Weg durch die vielen wandernden Menschen, die Kameele, Esel, Pferde so lebhaft, wie irgend eine europäische Hauptstraße, sogar in der Nähe einer Stadt. Im Vergleiche mit Europa bewegen sich weit mehr Leute auf den Straßen als auf den Feldern. Wegen der Lebhaftigkeit ergötzt auch die Straße nach Abusabel, man durchmustert die fremdartigen Gesichter und Geberden, Trachten und Ladungen u. s. f. Stolz sitzt der Beduine auf dem Pferde, einen kurzen Säbel und Pistolen im Gürtel. Zuerst macht der Anblick dieser Waffen einen unangenehmen Eindruck; bald aber gewöhnt man sich so vollkommen daran, daß man sie nicht mehr beachtet. Uebrigens tragen die wenigsten Leute Waffen. So bestellt der Bauer (Fellah) unbewaffnet sein Feld. Erinnern sich alle Europäer, daß vordem, sich mit einem Säbel zu versehen, auch bei ihnen Sitte war?