Lustreise ins Morgenland, Erster Theil (von 2)
Part 16
Ungefähr anderthalb Stunden vor Sonnenuntergang erreichte ich eine große Wasserfläche, welche man für einen breiten Fluß hätte halten können. Darüber sollten wir im Kahne. Es erschallte der Mahnruf an den Fährmann. Die Sonne verschwand hinter die libyschen Hügel, ohne daß man mich holte. Es kamen mehrere Männer, die, wie ich, die Abfahrt erwarteten; dann auch Weiber. Diese kauerten an einem besonderen Orte, unordentlich im Kreise, schwatzten viel, lachten viel, guckten gerne, aßen Datteln, einzelne rauchten auch Tabak. Die Männer trugen ihre Worte auf den Flügeln des Gelächters, und schauten kaum gegen die Weiber. Nach zweistündigem Warten langte endlich der Fährmann an. Ich freute mich sehr wenig auf die Nachtfahrt, und doch brannte ich vor Verlangen, wegzukommen. Ein fester Blick nach einem Ausgange der Dinge kann den Menschen dahin bewegen, daß er sich nach Unangenehmem sehnt. +Dritte Stazion des Elendes.+
Die Nacht war hereingebrochen; der schöne Mond suchte indessen die Finsterniß derselben zu verdrängen. Stelle man sich Jemand vor ohne Kenntniß der arabischen Sprache, mit einem albernen Eseltreiber, bei Nacht, unter lauter Fremden, im fernen Auslande, und in der Ungewißheit, wo er die Nacht über sein Haupt niederlegen könne, und man fühlt jetzt das Peinliche meiner Lage. Geschehe, was Gott will, dachte ich. Man wies mir den beßten und geräumigsten Platz in dem Fahrzeuge an. Es durften jedoch hier, wegen der Untiefe, nur wenige von den anwesenden Leuten die Barke beschweren; die übrigen, auch die Weiber, hoben ihre Röcke, so hoch ihnen die Tiefe des Wassers gebot, und wateten uns nach. Der Mond, seiner Schalkhaftigkeit eingedenk, lachte, während dieses Auftrittes die keusch und anständig in schwarzen Flor gekleidete Nacht ein wenig aus. Wie wir tieferen Grund gewonnen, bestiegen endlich alle den Kahn, natürlich nicht ohne viel arabischen Lärm. Es währte ziemlich lange, bis wir den vom Mond vergoldeten Spiegel in die Quere durchspalteten. Das lange Warten auf den Fährmann, die Fahrt auf Ueberschwemmungswasser beim Mondesscheine und andere Umstände prägten die Nilüberschwemmung unauslöschlich in mein Gedächtniß. Wir landeten glücklich. Ich ritt vorwärts -- zwischen ausgetretenen Wassern. Allein jetzt kam es ernster. Tiefes Wasser sollte durchwatet werden. Unzufrieden mit dem niedrigen Esel, setzte ich mich auf die Schultern zweier Araber, faßte sie um die Köpfe, und streckte die Beine wagrecht aus, so gut ich vermochte. Es half nichts, -- ich ertränkte einmal einen Schuh. +Vierte Stazion des Elendes.+
Ich konnte doch wieder auf dem Esel davon reiten, und ruhiger an dem herrlichen Schauspiele mich abletzen, das sich mir darbot. Der Mond entfaltete all’ die Pracht seines Lichtes, auf daß ich die Pyramiden bewundere. Diese schienen nun so nahe, daß mich bald gelüstet hätte, sie mit der Hand zu berühren. Allmälig verminderten sich unsere Gefährten. Wo die Freihunde bellten, dahin zogen beide, Männer und Weiber. Mich begleiteten bloß noch der Eseltreiber und drei andere Araber, Alle mir zu Schutz und Trutz. Jetzt hatte meine Gesellschaft ihre bestimmten Umrisse; die Lage war seltsam; Furcht wurde von Vertrauen überwogen. Ich warne den Leser bei Zeiten. Es geschieht wohl auch, daß größere Gefahr in den Büchern aufgefaßt und gefühlt wird, als sie wirklich war.
Es mußte dem Eseltreiber schon in Kairo erklärt worden sein, daß ich am gleichen Tage noch bis zum Dorfe wolle, welches von den Pyramiden am wenigsten entfernt liege. Ich schrie dem Eseltreiber oft ins Ohr, in den mannigfaltigsten Wortwindungen und Radebrechereien, um es ihm ja recht verständlich zu machen, daß ich in einem +Hause+ die Nacht hinbringen wolle. Zum Ueberflusse gacksete ich noch etwas arabisch; reden konnte ich so nichts. Es war mir, als sollte ich einen Berg von der Stelle wälzen. Nicht ohne Ursache drang ich so begierig auf ein Dorf oder auf ein Haus. Als Lebensmittel hatte ich nichts, als etwas Brot und Zucker mit mir genommen. Ehe ich mich versah, saß ich vor den Pyramiden, vor den Trümmern an ihrem Fuße, vor dem Sphinxe. Nicht zu den Pyramiden, sondern in ein Dorf will ich, sagte ich mit dem Nachdrucke eines bebenden Gemüthes. Ja, ja, erwiederte der Araber. Es ging an der großen Pyramide hinauf -- zum Eingange. Da sei das Haus, und gut zu liegen, stammelte der Bube. Durstig und hungrig sollte ich auf Stein mich niederwerfen, an der Wüste mich sättigen, und das Gebläse des kühlen Nordens athmen. Ich war kein Engländer, um meine Gesundheit an das Rühmchen zu setzen, daß man eine mondhelle Nacht in der dunkeln großen Pyramide verlebt habe. Hier wollte ich mit nichten bleiben.
Allah, rief ich und ich stieg hinunter. Mittlerweile fing ich an, etwas umsichtiger zu überlegen: zu essen brauche ich wenig, und wenn ich bloß vor dem Winde geschützt sei, so dürfte die Nacht wohl erträglich werden. Ich ließ mich auf einige Zugeständnisse ein; meine Leute hatten ohnehin keine Zuglust nach dem Dorfe. Im Reisen darf man nicht mit Unbeugsamkeit an Nebendingen hangen. Ich konnte mehr oder minder merken, daß in der Nähe ein Haus des englischen Konsuls uns als Herberge dienen sollte. Wie ich ankam -- wieder kein Leben, nur ein mit einer Thüre verschlossener Pyramidenstumpf. Zu meinem Troste erspähte ich neben jener eine Art Fensterloch, das nicht unbequem schien, um mich zu beherbergen. Der Zugluft und den Thieren zu wehren, ließ ich die Lichtöffnung nach innen mit Steinen ausfüllen. Ich kroch hinein; den Kopf auf einem Gesimse, den Leib auf dem Steine, eine wollene Decke unter, den Mantel über mir, so lag ich, und noch nie auf einem antikeren, nur einmal auf einem ebenso schlechten Bette.
Die Leute thaten zu meinen Füßen an der Pyramide und auf dem Sande so recht behaglich, kauten mit Lustigkeit schmatzend ihre frischen Rettiche, und plauderten in fröhlichem Tone. Meines Durstes und meines Hungers nicht achtend, prüften sie eine Zeitlang meine Geduld. Ungeduldig endlich und drohend griff ich zur Karbatsche, mit den Worten: Bringet Milch und Wasser; ~voi mangiate ed io ho fame~ (ihr esset und ich habe Hunger). Das Ding war gut; zwei Männer rückten bewaffnet aus. Sie brachten, schon spät gegen Mitternacht, mit einem Drittmanne Milch und Wasser. Ich schätzte mich so glücklich, als unsere Väter, denen Manna vom Himmel herabfiel. Ich ließ die Milch aufkochen, und noch nichts auf der Welt schmeckte mir besser. Den Durst gelöscht, den Hunger gestillt, was wollte ich mehr? Zufriedenheit goß wieder ihren erheiternden und erwärmenden Sonnenstrahl in meine Seele, und nicht mehr drückte mich der Gedanke an eine Nacht im Freien. Wiewohl in der Wüste und unter unbekannten Menschen fand ich keine Gründe, um für Leben, und wenige, um für Eigenthum besorgt zu sein. Ich schlief ziemlich gut, ohne zu frieren, und ich würde noch besser geschlafen haben, wäre ich nicht von einer Maus und Fledermaus gestört worden. +Fünfte Stazion des Elendes.+
Als der Morgen des 6. herannahte, grübelte ich mit meinen, gegen Sonnenaufgang gewendeten Augen, das schwächste Grau ungeduldig aus dem hehren Dome. Die Morgendämmerung täuschte mich nicht mehr, nein, sie täuschte mich nicht mehr; auch verkündigte sie von Kairo her der Donner der Kanonen; ich begrüßte sie mit kindlich freudigem Herzen. Sobald der Tag heller war, verließ ich mit den fünf Männern den Pyramidenstumpf. Ich kam an einer Stelle vorüber, wo Nachgrabungen veranstaltet wurden. Es lagen auf der Oberfläche viel Menschenknochen, so wie Einbalsamirungsmaterie, wovon ich zum Andenken aufhob. Im Augenblicke, da ich hart an der mittäglichen Seite der großen Pyramide stand, empfing ich den demüthigenden Eindruck einer hohen Majestät; sie strebte gewaltig empor, wie auf den Bergen die letzte erhabene Zacke.
Bald befand ich mich wieder da, wo gestern, nämlich am Eingange der großen Pyramide. Am Lichte einer Kerze stieg ich hinunter, ging fort und hinauf. Ich beschreibe nicht die Gänge und Höhlen. Der Grabstichel des Künstlers stellt anderwärts deutlich vor Augen, was die Feder nur undeutlich vermöchte. Meine Bemerkungen beschränken sich auf Weniges. Der Besuch der Heiligthümer kostet wenig Schwierigkeiten. Ueberall guter Stand oder Halt oder beides. Der Saal des Königs ist sehr hoch, und einzig ein Sarg aus Granit unterbricht in demselben die Einförmigkeit.
Nach den französischen Gelehrten ergeben sich für die große Pyramide folgende Maße, die Verkleidung inbegriffen:
Höhe, 456′ 3″ 2‴ Wiener-Maß. Kante, 689′ 6″ 6‴ „ Apothem, 584′ 8″ 8‴ „ Basis, 710′ 1″ 7‴ „
Der Flächeninhalt der Basis beträgt:
57,804′ 8″ 3‴ Wiener-Maß.
An den Pyramiden bewundert man mehr die Masse und Ausdauer der menschlichen Leibeskräfte, als die Feinheit und den Geschmack der menschlichen Geisteskräfte. Wenn man die ungeheuern Granitblöcke auf einander geschichtet sieht, so drängt sich zuerst die Frage auf: Wie war es möglich, dergleichen Lasten herbeizuschaffen? Darüber zu erstaunen, hat man nicht das größte Recht. Sobald man über viel Menschenkräfte und Hilfsmittel verfügen kann, läßt sich Großes vollenden. Vielleicht hält es nirgends leichter, mehr Menschenkräfte für Anderes, als für Brot und Hülle und Obdach zu verwenden, wie in Egypten. Denn der Boden gibt leicht und üppig; die Sonne übernimmt so viel Tagewerke, daß zur Erwärmung des Körpers, in und außer der Wohnung, wenig benöthiget wird u. dgl. Es kann nicht fehlen, daß, bei solcher Bewandtniß der Dinge, viel Hände, oder doch die Hände viel Zeit müßig bleiben. Wem entschwebt nicht die Muthmaßung, daß die Pharaonen den Müßiggang der Unterthanen als Quelle von Nachtheilen für den Einzelnen und als Träger von Gefährden für den, Staat ansahen, und daß sie darum auf Mittel sannen, um den Müßiggang nützlich abzuleiten? Ein Machtwort ohne Grund würde wahrscheinlich Murren unter dem Volke erzeugt haben; sie warfen den Mantel der Religion über die tief liegenden Plane, und es entstanden die größten, massivsten, wenn gleich nicht die kunstreichsten Grabmäler unsers Erdkreises. +Die Pyramiden sind Grabhügel.+ Und so sagte ich treu, was ich einmal meine.
Jede der vier äußern Flächen der großen Pyramide läuft in Stufen bis auf die Spitze. Diese kann von außen leicht bestiegen werden; allein weil sie eben vom Nebel umschlichen war, leistete ich auf das Besteigen, als ein eiteles Geschäft, Verzicht. Hier wollte ich ebenso wenig die Rolle eines Engländers spielen, was ich gerne und offen gestehe.
Man wollte schon an dem Vorabende Bagschisch (Geschenk), darauf in, dann außer der Pyramide, und später, als ich gegen eine ihrer Schwestern fortritt. Hier konnte ich die Leute nicht mehr mit dem Versprechen beschwichtigen, daß ich am Ende ausbezahlen wolle. Ich hatte in Kairo nur so viel Geld eingesteckt, um den Eseltreiber und etwa zwei Führer aus dem letzten Dorfe befriedigen zu können, von der Ansicht geleitet, daß, bei meiner Unbekanntschaft mit der arabischen Sprache, alles Geld mir aus der Tasche geschwatzt werden könnte. Für die Milch bezahlte ich über Maßen. Jetzt schon war meine ganze Baarschaft auf vier Piaster heruntergeschmolzen. Einer der Führer fiel meinem Esel in den Zügel. Ich zeigte all’ mein Geld, und bezeugte, daß ich nicht mehr bei mir habe, daß ich aber das einzige Vierpiasterstück glatterdings nicht entübrigen könne, weil ich an einigen Orten für das Fahren über das Nilwasser bezahlen müsse, welche Kosten nicht vorangeschlagen waren, und weil ich ohne Geld nicht einmal zurückkehren könnte; es solle einer der drei Männer mich nach Kairo begleiten, wo ich +dann+ denselben und zu seinen Händen auch die Uebrigen gehörig zufrieden stellen werde. Ich kann nicht glauben, daß ich verstanden wurde; denn man gab dem Anerbieten kein Gehör, und schwatzte mir das Goldstück und meinen Zucker aus der Tasche. Man ließ zu guter Letzte den Zügel los. +Sechste Stazion des Elendes.+
Ich ritt weiter, sah indessen keine Pyramide mehr an; selbst thäte ich den ungeheuern Androsphinx mit schelen Blicken regaliren, als ich, seinen Hügel von Kopf zur Linken, über den Rücken ritt, den tiefer Sand begräbt[28]. Ich seufzte unter dem Joche des Mißmuthes. Meine Beschützer gingen sämmtlich hinweg, und, allein mit dem Eseltreiber, sollte ich nach Kairo ohne Geld, durch Nebel, über Wüste und durch Wasser. Von meiner Unpäßlichkeit ohnedieß gereizt, hörte ich schon einige Krankheiten an der Pforte meiner Gesundheit pochen; ich rechnete hin und her, wie ich meine Peitsche zum Kaufe weggeben werde, um über das größere Wasser zu setzen u. s. f. Kurz, es war Nacht in meinem Gemüthe. Je fester Jemanden die gewöhnlichen Auswege versperrt werden, desto gewisser rafft er seine Kräfte zusammen, um ungewöhnliche ausfindig zu machen.
Plötzlich ging ein Stern der Hoffnung auf. Ich hatte die Gewohnheit, in einer Geheimtasche in Papier gepacktes Gold mitzunehmen. Ich wußte, daß das Päckchen fehlte; indeß dachte ich, daß ein Stück herausgefallen sein könnte. Ich spürte nach und, o holdes Glück, richtig glitt mir ein Goldstück in die Finger. Ich fühlte mich nun reicher, als hätte ich über Millionen zu gebieten, weil ich die Mittel besaß, fortan in pekuniärer Beziehung sorgenfrei nach Kairo zu ziehen. Daß der Begriff von Reichthum sehr relativ sei, mag einen Theil der Reichen verdrießen, aber doch die minder Begüterten trösten.
Zudem wählte der Eseltreiber einen andern und bessern Weg. Er richtete sich mehr gegen Mittag, und die Pyramiden von Sakâra rückten ziemlich nahe. Es war angenehm, über die vielen Dämme zu reiten; Wasser rechts und links; bald Feld, das aus dem Wasser eben auftauchte, noch naß, doch vom Fellachen betreten, bald Früchte tragendes Land. Ich konnte mich nie lebhafter als heute überzeugen, wie vielfach die Verbindungen zwischen den Dörfern von der Nilüberschwemmung erschwert werden. Der Weg führte über mehrere Brücken, unter welchen das Wasser rauschte, als wäre es fließend.
Die Ueberschwemmungszeit ist der Winter Egyptens und das Ueberschwemmungswasser der Winterschnee. Der Schnee ist auch Wasser, bloß gefrorenes. Wenn das Wasser abgeflossen, kommt der Frühling; so wenn der Schnee geschmolzen. Beide, Wasser und Schnee, decken das Erdreich.
Auf dem Rückwege wurde ich nur über drei kurze Strecken getragen, einmal vom Esel, dann aber vom Eseltreiber, weil jener das zweite Mal, gleich Anfangs, sammt dem Reiter, in den Schlamm stürzte. +Siebente Stazion des Elendes.+
Der Anblick Kairos und des Mokatam stimmten mein Herz zur innigsten Freude. Nach vierundzwanzigstündiger Abwesenheit war ich wieder in der Hauptstadt, die mich wie eine zweite Heimath ansprach. Die vierundzwanzig Stunden machen mir das Pyramidenland unvergeßlich. Diese Schilderung belehrt, daß zur Ueberschwemmungszeit an den Besuch der Pyramiden von Memphis (Gizeh) sich ungewöhnliche Mühseligkeiten knüpfen.
Es gibt nichts angenehmeres, als nach großen Anstrengungen wieder auszuruhen, und nichts Süßeres, als den Widerwärtigkeiten des Lebens aufrichtig zu zürnen. Es war mir ein Labsal, den ganzen Zorn auf die Wasser, die Führer und die Pyramiden zu entladen. Ich wollte über trockenes Land, da denn die mannigfaltigen Hindernisse der ausgetretenen Wasser; ich wollte zu rechter Zeit mich mit Speise und Trank erquicken, da denn die geschäftige Folter des Hungers und Durstes; ich wollte eine Wohnung unter Lebendigen, da denn das harte Ruhekissen der Pyramide in der wüsten Todtenstadt. Wie ein Kind, dem man einen Spiegel vorhält, nach seinem Bilde greift, so langte ich nach einer Reihe von Truggestalten. Wer kennt nicht die Gespenster, die unablässig sich bemühen, die arme Seele des Menschen irre zu leiten?
Wegweiser in und um Kairo.
+Erster Tag.+ Man verfügt sich an einem Morgen frühe nach dem Nile, darüber zum Garten +Ibrahim-Paschas+. Von da nach dem Aquädukt. Von hier nach Altkairo und dem Nilometer. Nun sieht man das armenische und koptische Kloster, in letzterem +Mariens+ Altar, und dann die große Moschee +A’mrus+. Man reitet über Turâb-el-Seydeh Omm Kàsim zurück. Nachmittags begibt man sich zum Konsul, der bis zum folgenden Tage die Erlaubniß für den Eintritt in den Garten von Schubbra auswirkt.
+Zweiter Tag.+ Man reitet, aber nur nicht an einem Sonntage, auf die Burg; hier der Jussufsbrunnen. Auf dem Rückwege bewundert man die Gräber von Kâyd-Bei. Abends reitet man nach dem Schubbragarten.
+Dritter Tag.+ Man kann das Militärkrankenhaus, den Esbekiehplatz, etwa einen Brutofen ansehen, zur Zeit der Fütterung im Katzenstifte sich einfinden.
+Vierter Tag.+ Gehe man zu Fuß, um die verschiedenen Bassar zu durchmustern, denn auf dem Esel, der manchmal gallopirt, schwinden die Gegenstände zu schnell am Auge vorüber.
Zwei Tage erfordert der Weg nach Abusabel, und ebenso viel derjenige über Sakâra nach den Pyramiden von Gizeh.
Daraus erhellt, daß die Merkwürdigkeiten, dazu noch der Hassantempel, die Kadettenschule u. dgl. in wenigen Tagen besehen werden können, wenn man sie nur gehörig in die Zeit zu vertheilen weiß.
Die Ritte sind nicht kostspielig. Für einen Tag rechnet man fünf Piaster (nicht einmal 40 Kreuzer R. W.). Reitet man den Esel einen halben Tag, so gibt man dem Treiber höchstens drei Piaster (etwa 23 Kreuzer R. W.).
Rückblick auf Kairo.
In dieser weitläufigen Stadt verbrachte ich mehrere der angenehmeren Tage meines Lebens, und ich gestehe, daß ich mich ungerne von ihr trennte. Die Verschiedenheit der klimatischen Einflüsse und Hervorbringnisse, die Ungleichheit der Sitten und Religionsgebräuche, die Sonderbarkeit in den politischen Einrichtungen und so vieles Andere hielten meine Seele stets in reger Gespanntheit, dergestalt, daß +Langeweile+ in Kairo mich nie angähnte.
Kairo ist ein großes, altes Weib, das falsche Haartouren, Brillen und Krücke trägt; aber es vermag seine Runzeln nicht spurlos auszuglätten, noch seine grauen Haare ganz zu verbergen, noch seinen halbblinden Augen die volle Sehkraft zurückzugeben, noch seinen gekrümmten Rücken in das Senkblei zu bringen. Wofern nicht ein wundersam belebender Hauch aufs neue die Adern der Alten durchdringt, so wird sie über nicht sehr lange von hinnen scheiden, und ihr Grabmal wird dann wegen der schauerlichen Größe über die Grabmale beider Todtenstädte spotten.
Reise durch die Wüste nach El-Arysch.
Verspätete Abreise; Dromedarwechsel; der Pole; Hunger; Hochzeitsspektakulum; Postillon; Dromedarthränen; Kartoffelkunst; Ausmöblirung der Wüste mit Kameelgerippen; Kinderspiel mit Datteldornen; Eremitage ~à la~ +Rousseau+; Dorfschaft Kâtieh mit Allerlei; Fata Morgana; ~Sirbonis lacus~; ein besseres Getränke als Champagner; Idumäa u. s. w.
Ich war Willens während der sehr angenehmen Frühlingszeit länger in Kairo mich aufzuhalten; der Umstand aber, daß ich in der kältern oder Regenzeit durch die Wüste reisen müßte, und daß eben ein Pole, ein Kapitän aus der letzten Umwälzung, welcher des Arabischen kundig war, über El-Arysch nach Syrien sich begeben wollte, bewog mich, den Aufenthalt abzukürzen.
Weh that es mir, daß sich keine Gesellschaft zur Unternehmung der Reise über Suez nach Jerusalem hervorthun wollte.
Um an die syrische Küste zu gelangen, hätte ich zwar über Damiate zu Wasser reisen können; allein mehr denn ein Grund leitete mich durch die Wildniß: nicht nur lauteten die Nachrichten, daß zu Lande keine Kontumaz gehalten werde, sondern ich wollte auch die Süßigkeiten und Bitterkeiten einer Wüste selbst kosten. Lebenserfahrungen sind echte Reichthümer des Menschen.
Der polnische Offizier besorgte die Thiere. Er zog Dromedare vor, weil sie sanfter gehen, und die Hälfte Wegs mehr in einem Tage zurücklegen als die Kameele. Jeder von uns nahm ein Thier für sich, und eines bestimmten wir für den Geleitsmann. Die Gepäcke wurden mehr oder weniger gleichmäßig auf die Lastthiere vertheilt.
Am Tage meiner Abreise hatte ich keine geringe Noth. Ich sollte mich bereit halten, daß ich vor Sonnenaufgang aufbrechen könne. Schon des Morgens verfügte ich mich zum österreichischen Konsul, um den Reisepaß zu holen. Jetzt stellte sich eine Schwierigkeit entgegen. Ich sollte den städtischen Auslaßschein haben, und der Ausfertiger war abwesend; ich beschwerte den Konsul an diesem Tage mehrere Male. Er ließ sich die Sache sehr angelegen sein, und wie sich die Aussicht allenthalben trüben wollte, befahl er seinen Leuten, daß man auf die Ausfertigung dringen sollte, koste es, was es wolle. Schon lag die Nacht eine Stunde über Kairo, als ich eines Auslaßscheines noch entbehrte, indeß der Pole zur Abreise fest entschlossen war. Endlich langte der Dragoman sammt dem Janitscharen und einem Menschen in dem Hause, wo ich wohnte, an, um mir den Auslaßschein und die Erlaubnißkarte für den Eintritt in den Schubbragarten zu überreichen. Letztere traf freilich zu spät ein.
+Sonntags den 8. Wintermonat.+
Ich bin nicht im Klaren, ob der Pole oder der Besitzer der Dromedare mich in unnütze Geschäftigkeit jagte. Der Geleitsmann kam mit seinen hochbuckeligen Thieren erst etwa zwei Uhr nach Mittag. Die getäuschte Erwartung spannt auf die Folter.
Der Dromedar stand so schnell auf, daß ich mich zusammennehmen mußte, um nicht zu stürzen. Noch beschaute ich die Gassen Kairos, die Leute und -- Esel unter meinen Füßen. Wir ritten aus einer Stadt in die andere, von einem Thore zum andern, bis wir, wenn ich mich so ausdrücken darf, das Ufer des Meeres von Häusern erreichten.
Kairo ist gleichsam ein Gemengsel von Städten. Außer den Umfangsthoren, womit nach Außen die Stadt gesperrt wird, besitzt jedes Quartier seine eigenen Thore, damit es geschlossen werden könne. Das Isoliren der Stadt in ihre Viertel haben die Despoten gar weise berechnet. Bricht in einem Quartiere eine Empörung aus, so werden die Thore desselben auf der Stelle gesperrt, und der Aufruhr beschränkt sich auf einen Theil der Bevölkerung und zwar so völlig, daß man in den übrigen Stadtvierteln die Vorfallenheiten manchmal erst später erfährt, mag auch im heißen Kampfe nicht wenig Blut geflossen sein.
Schon begann der Dromedar zu traben. Er schüttelte mich so kräftig, daß ich das Reiten nicht hätte aushalten können. Ich bestieg einen andern, und nun ging es recht gut. Das Reiten machte mir nur geringe Schwierigkeiten; es war mir bloß nicht am beßten zu Muthe, wenn der Dromedar aufstand oder sich niederließ.
Steht der Dromedar oder das Kameel auf, so stellen sie erst die Vorderbeine auf. Dabei neigt sich der Rücken von vorne nach hinten, und der Reiter bewegt seinen Körper vorwärts. Darauf stellen die Thiere sich auf die Hinterbeine und der Rücken des Dromedars oder Kameels bekommt die entgegengesetzte Neigung nach vornen, wobei der Reiter seinen Körper rückwärts bewegen soll. Lassen die Thiere sich nieder, so fallen sie zuerst auf die vordern, dann auf die hintern Knie, wobei der Reiter sich verhalten muß, wie wenn jene aufstehen. Eigentlich senkt sich der vordere und hintere Theil des Körpers abwechselnd unter zwei Malen. Nach und nach gewöhnt man sich auch an diese Bewegungen der Thiere recht leicht. Die eigene Art Gebrüll, welche sie dabei und beim Packen erheben, spricht den Fremden Anfangs unangenehm an, so daß er versucht werden könnte, zu wähnen, sie seien böse und bissig. In den Jahren der Kindheit hatte ich keine geringe Furcht vor dem Kameele mit seiner wunderlichen fremdartigen Figur, und wenn ich damals sah, wie ein Mensch sich erkühnte, solch’ einen Brüller zu besteigen, so erlangte mein Mitleiden für jenen den höchsten Grad. Die fremde buckelige Gestalt und das starke Gebrüll täuschen in gleichem Maße. Kameel und Dromedar gehören zu den zahmsten Hausthieren unter dem Monde.
Vor der Stadt sahen wir eben die Rekruten sich in den Waffen üben, unter wildem Pfeifen und Getrommel.