Part 24
Wenn ich an jene Stunde und an die Tage denke, die darauf folgten, so wundert es mich, daß sie vorbeigingen und daß ich sie überstehen konnte. Es rinnen ja Zeit und Stunde auch durch den rauhsten Tag, aber wer, mit schwerer Last beladen, jede Minute schmerzvoll auskostet, dem ist ein Tag eine Ewigkeit, und er sieht ihn herniedersinken in den Schoß der Nacht, als ob das Gestern unaussprechlich lange her wäre, und als ob es zu viel verlangt wäre, daß er auch noch das Morgen tragen solle.
Dennoch fassen sich auch in solcher Zeit die Stunden an den Händen, nicht zu leichtbeschwingtem Tanze, sondern zu langsam schleichendem Gange, der aber auch sein Ziel erreicht, wie die träge dahinrollende Welle eines Stromes, der in der Niederung angelangt ist.
Die Meinigen hatten befürchtet, daß ich aufs neue erkranken würde, wenn ich die Nachricht von Maidis Tod vernähme, die sie aus der Zeitung schon einige Tage zuvor erfahren und mir noch vorenthalten hatten, bis ich mehr gekräftigt sein würde. Sie hatte mit ihrem Bruder eine größere Wanderung gemacht, nachdem sie die Schlußprüfung an der Schule hinter sich hatte, und war beim Baden in dem herbstlich durchsonnten, aber doch eiskalten Wasser eines Gebirgssees vom Herzschlag getroffen worden und lautlos untergesunken. Der Bruder, der näher am Ufer war als sie, sah sie, die weit hinausgeschwommen war, plötzlich verschwinden, schwamm mit starken Stößen auf die Stelle zu, wo das Wasser noch weite, unruhige Kreise zog, und konnte mit Hilfe eines Schiffmanns, der am Ufer an seinem Nachen bastelte, den geliebten Leichnam bergen, was alles, mit vielen Zutaten versehen und ausgeschmückt, in der Stadt, wo die Geschwister noch viele Freunde und Bekannte hatten, erzählt wurde und von Mund zu Mund ging.
Der beraubte Bruder hatte dann die Schwester in das Familiengrab zu dem silberglänzenden Großvater gebettet, dessen Liebling sie gewesen war, und mit dem man sie so oft hatte durch die Straßen gehen sehen, aufrecht, mit freier und freudiger Haltung und mit erwartungsvoll schreitendem Gange, wie sich jedermann, der sie gekannt hatte, wohl erinnerte.
Ich wurde nicht kränker, so wohl es mir getan hätte, aufs neue ins Nichtwissen und noch besser Nichtfühlen unterzusinken. Meine gesunde Lebenskraft hatte für jetzt einmal den Kampf mit der Krankheit bestanden, die ihr ohnehin fremd genug gewesen war. Sie ließ sich jetzt nicht mehr in ihrer Erneuerung aufhalten, so schwer und gramvoll es auch dem Bewohner des jungen und frisch sich aufbauenden Leibes zumute war. Sondern alles, was sich auf mich stürzte: Gram, Sehnsucht, Liebe und Reue und das Heer von fragenden und vergeblich suchenden Gedanken zwang und trieb mich, aus der Enge des stillen Krankenstübchens hinauszukommen, wo die Wände mich zu erdrücken drohten, um im Freien und in der Bewegung meiner selbst und der erbarmungslosen Wirklichkeit Herr zu werden.
Es gab Tage, wo sich alles in mir dagegen auflehnte, daß es mir so furchtbar ergehen und ich, als ich dem holden Glück eine Weile den Rücken gewandt hatte, um eines Irrtums oder eines falschen Triebes willen, seiner nun auf immer verlustig gehen sollte. Ich zürnte mit Gott, den ich nun auf einmal anzureden und vorzufordern begann, nachdem ich sonst wenig genug Verkehr mit ihm gepflegt hatte. Wie ein Kind, das sich allzuhart bestraft vorkommt um eines Vergehens willen, das ihm eben der herben Züchtigung wegen klein zu werden beginnt, trotzte ich und bäumte mich auf, denn es war mir, als sei Maidi einzig von mir hinweggestorben, eben jetzt, als ich den Rückweg zu ihr suchte. Ich hätte durch alle Welt hinstürmen und sie zwingen wollen, mich noch einmal anzuhören. Aber sie war nirgends mehr aufzufinden, und wenn ich auch Flügel der Morgenröte genommen hätte. Einzig jenseits des Todestores wäre sie vielleicht gewandelt, und ich hätte ihr begegnen können, wenn ich auch da hindurchgegangen wäre. Aber es graute mir vor dem Gedanken, mit dem ich doch eine Zeitlang gespielt hatte, denn ich dachte der angstvollen Träume in den Fiebertagen, wo sie fremd und lautlos vor mir hergegangen und mir immer entschwunden war, wenn ich sie hatte fassen wollen. Wer bürgte mir, daß sie auch jetzt sich nicht von mir abwandte oder mich aus toten, leeren Augen fremd ansah, wenn ich sie traf? Stumm, ohne ein Wort oder ein Zeichen, daß sie meiner noch gedenke, war sie aus der Welt gegangen, und wenn ich auch in die kalte und furchtbare Einsamkeit hineinrief, die mich, selbst wenn ich mitten unter den Menschen war, umfing: »Maidi, wo bist du? Gib mir ein Zeichen, nur einmal, daß wir uns berühren und du noch zu mir gehörst,« so kam doch nicht der leiseste Laut, nicht der fernste Traum zu mir. Ich blieb in der Schuld gegen sie und im Unrecht. Ich mußte weiterleben und mich selber tragen; niemand entsühnte, niemand entlastete mich, und die Wirklichkeit sah mich aus unerbittlichen Augen streng und grausam an.
Bei dem allem war ich begierig zu hören, was sich die Leute, die mehr wußten als ich, von Maidis Tod erzählten. Es kam nicht viel Neues hinzu, aber es war mir jedes Wort kostbar, das von ihr noch in der Luft umging. Luise, die durch ihr Bügelgeschäft mit allerlei Menschen zusammenkam, heimste es für mich ein und gab es mir weiter, obgleich ihr weiches und liebreiches Herz sah, wie ich dabei litt, und lieber geschwiegen hätte.
Zum Beispiel sollte der Bruder gesagt haben, das Studieren sei Maidi nicht gut bekommen; sie sei über ihre Jahre und ganz gegen ihre Natur ernst und still geworden. Sie habe auf jener Wanderung ein paarmal von ihrem Herzen gesprochen, das nicht mehr so leicht und fröhlich schlage wie einst und habe dann aber hinzugefügt, es mache nichts, denn ein leichtes Leben sei ein leeres Leben, nach dem es sie nicht verlange. Der Bruder habe den Eindruck gehabt, als sei ihr etwas Schweres widerfahren, und habe sie gefragt, ob ihr jemand ein Leid zugefügt hätte, da habe sie mit lieblichem und traurigem Lächeln gesagt: »Liebes und Leides; es ist aber noch nicht zu Ende. Es geht mir wie der Mutter, ich muß warten.«
Dabei habe sie so fest und geradeaus wie in eine Ferne gesehen, aus der das Erwartete herkommen solle, daß der Bruder gedacht habe, sie könne herbeizwingen, was sie wolle, nur durch unentwegtes Warten.
Es sei ein sonniger Tag gewesen am letzten Oktober. Die Geschwister seien an dem Gebirgssee angekommen, der wie ein großes, klares Auge oder wie eine Opferschale voll geweihten Wassers still und glänzend in der Sonne lag, und Maidi habe sogleich gesagt, hier wolle sie schwimmen, und zwar bis ans jenseitige Ufer, an dem der Erzählung der Leute nach eine Wiese voll blühender Herbstenziane liege. Der Bruder habe anfangs keine rechte Lust bezeugt und sei am Ufer geblieben, indes Maidi, wohlig auf dem Rücken liegend, von dem durchsonnten Wasser sich habe tragen lassen, bis sie auf einmal gesagt habe: »Jetzt schwimme ich hinüber, komm doch nach,« und angefangen habe, sich rasch von ihm zu entfernen. Da habe es ihn auch darnach verlangt, und er habe die Kleider abgeworfen, sei aber noch nicht weit gewesen, als sie plötzlich gesunken sei und also von ihm weg an einem Ufer gelandet, wohin er ihr nicht habe folgen können.
Sie habe dann im Sarg einen vollen Kranz der dunkelblauen späten Blüten im Haar gehabt, unter denen sie feierlich und geheimnisvoll aussehend mit geschlossenen Augen und leicht geöffnetem Munde gelegen sei, so daß man sie nur hätte fragen mögen, welches Wissen ihr noch im letzten Augenblick, eh' ihr Herz stillstand, gekommen sei.
Alle diese Dinge mußte ich wie einer, den sie nichts angingen, von fremden Leuten erfahren, die heute davon und morgen von etwas anderem redeten, indes ich sie ins Herz sammelte, um davon zu zehren, wenn ich verschmachten wollte.
Ich suchte, so bald ich irgend konnte, das Grab auf, das mir aber kein liebes Gefühl der Nähe der Geliebten gab, sondern nur eine strenge und starre Bestätigung davon, daß sie sich verborgen habe vor mir und aller Welt. Sie, die sich nicht hatte ersättigen können an allen Höhen und Weiten und die ihre Arme dem Licht entgegengebreitet hatte, daß es sie ganz umfange, hatte nun ein so enges und schmales Bett und Erde auf ihrem lieben Gesicht. Sie wanderte nie mehr mit mir durch die rauschenden Wälder, sondern lag still an den alten, königlichen Herrn angeschmiegt, der ihres Blutes und ihrer Art war, was mich in aller Betrübnis noch mit einer Art von Eifersucht erfüllte, so lächerlich das im Grunde war.
Als ich durch die Stadt zurückging, kam ich zufällig an dem alten Patrizierhaus vorbei, das Maidis Heimat gewesen war, und sah einen Wagen vor demselben stehen, auf den allerlei Hausrat, Kisten, Teppichrollen und dergleichen aufgeladen wurde. Wie fremd und verwundert vor der taghellen und nüchternen Umgebung stand eine große, uralte geschnitzte Truhe aus schwerem Eichenholz zwischen dem andern Geräte, die ich sogleich als die von Maidi auf jener Wanderung mit Olbrich geschilderte erkannte, und die also ihr kleines Erbe enthielt, das irgendwohin wanderte, Gott mochte wissen, wo. Ein Mann brachte unter jedem Arm ein Gemälde in Goldrahmen hergeschleppt. Sie wurden auf dem Wagen in grüne Tücher eingeschlagen, und ich sah, eh' sie verschwanden, leuchtende, sonnige Landschaften unter blauem Frühlingshimmel. Eine Flut glänzte auf, Blütenbäume schimmerten, dann lagen die lichten und freudigen Gebilde wieder auf ihrem Angesicht, wie sie es lange in der dunkeln Kammer hatten tun müssen. Vorüber, vorüber, dachte ich. Es war ein Leuchten in meinem Leben, aber es ist ausgelöscht.
* * * * *
Eines Tages ging ich in schweren Gedanken am Ufer des breiten und mächtigen Flusses hin, der an meiner Vaterstadt vorbeiströmt. Er war voll vom vielen Regen der letzten Tage, und seine Wellen eilten rauschend und unaufhaltsam in ihrem Bette dahin. Die Ufer lagen im Nebel, der die Bäume auf der andern Seite einhüllte, so daß ihre Stämme und Kronen aus dichten Schleiern sonderbar fremd und schweigend herübersahen. Stumm und schattenhaft flog ein Schwarm von Krähen über mir hin, in den Nebel hinein; kaum daß man ihre Flügel rauschen hörte. Eine alte, zerklüftete Weide hängte nackte Zweige in das Wasser, das sie hob und senkte im raschen Vorübereilen. Ich war allein und fremd, denn ich fand den Weg nicht mehr ins Leben zurück. Hier hatte ich in glücklichen Kindertagen Kiesel auf dem Wasser tanzen lassen, hatte den Schiffern, die ihre Flöße stromabwärts steuerten, zugerufen und mit fröhlichen Kameraden Weidengerten geschnitten. Es war noch der Fluß meiner Kindheit, der einst blau und plätschernd geflossen war, der mich als kräftigen Schwimmer auf dem Rücken getragen und an kiesige, durchsonnte Ufer lachend ausgesetzt hatte. Jetzt strömte er mit schweren Wellen eilig und gleichgültig an mir vorüber, als ob er mich nicht mehr kenne, und seine Ufer lagen im Nebel, wie mein Leben. Ich dachte, ob es nicht besser wäre, wenn ich mich in das trübe Wasser gleiten ließe und von ihm unaufhaltsam fortgetragen würde, da dann alles auslösche, was drückend auf mir liege, und ich mit. Da tauchte aus dem Nebel ein Pfahl auf, an dem eine Bildertafel befestigt war, die ich aus meinen Kindertagen her wohl kannte. Sie stellte in ungeschickter Malerei, die auch schon ziemlich verblaßt und verwaschen war, eben dieses Ufer dar, von einem Hochwasser des Flusses überschwemmt. In hohen Wellen und weißem Gischt war ein versinkendes Fuhrwerk zu sehen, dessen Lenker samt den Gäulen noch halben Leibes aus der Flut herausragte, ihr aber nicht mehr zu widerstehen vermochte. Wir hatten als Buben unser Vergnügen an der Schilderei gehabt, da in einer mangelhaften Schreibweise mit vielen orthographischen Fehlern den Vorübergehenden empfohlen wurde, für die Seele des Ertrunkenen, der ein Müller gewesen war, zu beten, und der Maler gleich zur Unterstützung seiner Ermahnung einige weiß gekleidete Müllerskinder in engen Kamisölchen und mit andächtig aufgehobenen Händen auf dem Bilde angebracht hatte. Sie hatten, da es lauter Buben waren, sonderbar starrende weiße Zipfelmützen auf und sahen nicht viel anders aus als aufrecht stehende Kaninchen mit gespitzten Ohren, was alles zusammen uns vielen Spaß machte. Heute las ich zum erstenmal mit leidvoller Aufmerksamkeit den Text, da ich auch am Ertrinken war, wie der Müller, wenngleich durch andere Fluten. Es hieß:
»Glück und Unglück, beide trag' in Ruh', Alles geht vorüber, und auch du.
Hier ist mit Roß und Wagen in den Grund gefahren und vertrunken der Müller Daniel Jungbluth, dessen Seele Gott gnädig sein wolle. Wanderer, der du vorüber gehst, versäume nicht, fürzubitten, denn du weißest nicht, ob auch du der Frommen Gebete brauchest, wenn du von hinnen gefahren bist.«
Da weiß ich nun nicht zu erklären, woher mir auf einmal beim Lesen etwas wie gelinder Trost durch die Seele floß, als ob mich eine sanfte Hand leise berühre und den grauen Wolkenvorhang meines Innern lüfte. Alles geht vorüber, und auch du, sprach es in mir, und was mir vorher schrecklich und trostlos gewesen war, nämlich das Vergehen, barg auf einmal Trost und Hoffnung in sich, da nicht nur das Liebe und Schöne verging, sondern auch das Schwere und Traurige. Ich mußte es tragen. Aber nicht für immer, es hatte alles ein Ende und ein Ziel, und auch ich hatte es, ohne daß ich es mir vorzeitig setzte. Irgendwann strömten alle Wasser ins Meer, die klaren und die trüben, und vereinigten sich am Herzen der Mutter, nach der sie in Sehnsucht hingewallt waren.
Wie es aber geht, wenn die Nebel anfangen, sich zu heben und ein Stück Fluß und Tal ums andere im lieben Lichte liegt, so folgte dem Lichtblick ein anderer, da mir auch Maidis Tod nicht mehr als eine Flucht vor mir erschien, sondern als die Erfüllung ihres eigenen Schicksals. Auch sie war vorübergegangen in all ihrer Lieblichkeit. Sie hatte das Leben zu erfassen gemeint, dem ihr Herz zärtlich und sehnlich entgegenklopfte und war in ihrer goldenen Jugend an das jenseitige Ufer hingerufen worden, um vielleicht dort neue Aufträge entgegenzunehmen, ein anderes Leben zu führen, zu dem ich keinen Zutritt hatte. Ich mußte es aufgeben, sie ängstlich und leidenschaftlich zu suchen und ihr nachzurufen, und hatte nichts zu tun, als mein Leben zu leben und daraus zu machen, was irgend möglich war. Das zu denken und mir vorzusetzen, schuf mir eine freie, einsame Kühle, in der die tobenden Schmerzen, aber auch die Selbstvorwürfe und die mutlose Schwäche vergehen mußten und aus der heraus es einen Weg gab, zur einfachen Pflicht zurückzukehren, in der so viele Menschen leben mußten ohne hohes Glück und überschwengliches Hoffen.
Doch erreichte ich diese Lebensmöglichkeit freilich nicht auf einmal und nicht ohne viel Übung im Fahrenlassenkönnen, im Stillen und Geschweigen der begehrlichen Sinne, im Wegblicken von der Vergangenheit, der lieben und der schlimmen, und nicht ohne williges Eingehen auf einen neuen Weg, der sich vor mir auftat, ohne daß ich ihn gesucht hatte.
* * * * *
Ich hatte einige Male gesehen, daß Luise mitten am Werktag ausging, was sie für gewöhnlich nicht tat, in gutem, sorgfältigem Anzug und mit Handschuhen versehen und mit einer gewissen feierlichen Wichtigkeit. Da sie mir aber nicht von selber sagte, was es bedeutete, fragte ich auch nicht, obgleich mir ihr Gesicht und Wesen beim Heimkommen irgend etwas ausdrückte, als ob die Gänge mit mir zusammenhingen. Das war auch der Fall, wie ich bald erfuhr.
Mitten in der Stadt lag in einer schmalen Straße des Geschäftsviertels ein Buchladen, dem seit vielen Jahren ein Männchen vorstand, das ich schon seit Knabengedenken als alt und engbrüstig in Erinnerung hatte. Man sah es häufig, wenn die Sonne über die hohen Dächer stieg, vor der Tür stehen und sich händereibend an dem bescheidenen Strählchen wärmen, das die Straße erreichte, dann sein Schaufenster betrachten und hüstelnd wie ein rechter Asthmatiker wieder in den Laden zurückkehren. Diesen hatte ich in meiner Schülerzeit nie besonders angesehen, da im Schaufenster allerlei altes, verstaubtes Zeug lag, das mich nicht im mindesten interessierte. Es war ein Antiquariat, das der Alte neben dem Wichtigsten an neuer Literatur, das er auch führte, mit Liebe und Sorgfalt betrieb. Gott mochte wissen, wo er in seiner Gebrechlichkeit die seltenen Exemplare, die alten Ausgaben rar gewordener Werke, geschmückt mit Kupferstichen oder ausgezeichnet durch wertvolle Handschriften, auftrieb, die er den Kennern hüstelnd und händereibend vorzeigte. Man sagte von ihm, er sei arm geblieben, weil er sein Herz so an die Schätze gehängt habe, die er in den staubigen Regalen seines Ladens angehäuft habe, daß es ihn jedesmal einen Kampf und schweren Abschied koste, wenn er etwas davon verkaufen solle, so daß die Kunden, die ihn näher kannten, alle Listen anzuwenden genötigt seien, um überhaupt das Beste und Seltenste gezeigt zu bekommen, wovon die ergötzlichsten Geschichten im Umlauf waren. Dieses Männchen nun war allmählich so asthmatisch geworden, daß es seiner Sache nicht mehr vorstehen konnte, und mußte sich zu dem bittern Geschäft des Verkaufens oder Verpachtens entschließen, welch letzteres ihm das Leichtere schien, da es seiner Meinung nach immerhin sein konnte, daß ihm eine Kur, die es anzuwenden gedachte, noch einmal freien Atem und Leichtfüßigkeit verschaffte, und es dann von neuem anfangen konnte, zwischen den Büchern herumzustöbern. So wenigstens hatte Luise gehört und hatte den Büchermann aufgesucht, weil sie erfahren wollte, ob da vielleicht etwas für mich herausspringe. Der Alte, der mißtrauisch und zurückhaltend war, hatte an der treuherzigen Einfachheit und aber auch ehrenhaften und klugen Biederkeit meiner Schwester Wohlgefallen gefunden und sie hatte ihm, so viel er es hatte leiden mögen, von mir erzählt. Darauf hatte er, wie ich später erfuhr, schmunzelnd gesagt: »So, so, also er ist auf die Nase gefallen zu guter Zeit noch? Das tut ihm nichts, das tut ihm gar nichts, im Gegenteil, wen die Götter lieben, den lassen sie beizeiten einen Knacks bekommen,« wobei er so lachen mußte, daß ihm der Atem knapp wurde und er blaurot im Gesicht wurde. Das alles erschreckte Luise so sehr, besonders auch die heidnische Göttermehrheit, die er als schicksalswaltend anführte, daß sie schon anfing, zu bereuen, sich in mein Geschick gemengt zu haben, als der Alte sich erholte und ernst werdend sagte: »Man kann es natürlich auch anders ausdrücken, +item+, es ist nicht immer gut, wenn einem alles glatt hinausgeht.« Darauf fing er an, sich mit ihr auf das Geschäftliche einzulassen, wegen dessen sie allein zu ihm gekommen war; denn sie hatte wissen wollen, ob die Ersparnisse, die sie in den letzten Jahren gemacht hatte, wohl hinreichend wären, mich in das Geschäft hineinzusetzen, falls ich Lust dazu hätte.
Das wäre nun nicht der Fall gewesen, wenn der Alte nicht eine besondere Freude an Luise gehabt und ein Vertrauen zu ihr gefaßt hätte, so daß er die Bedingungen leicht und möglich machte.
Das alles erfuhr ich erst viel später; es wäre mir sonst noch schwerer gefallen, als es ohnehin geschah, auf den Plan, den sie mir zögernd und halb verlegen eines Abends unterbreitete, einzugehen. Ich hatte mir jetzt vorgenommen, meine Zukunft und alles, was ich noch erreichen wollte, nur von meiner Arbeit und streng zusammengerafften Kraft abhängig zu machen und sollte nun ein neues Opfer von Luise annehmen und wieder gewissermaßen etwas Zufälliges über mich entscheiden lassen. Doch sah ich, mit welcher Begierde Luise auf meine Entscheidung wartete und wie lieb und wertvoll es ihr war, mich in ihrer Nähe zu behalten, und dachte, da doch sonst nirgends auf Erden ein Mensch nach meiner Gegenwart verlange, so könne ich wohl hier bleiben, und es kam auch gleich etwas wie ein Heimatsgefühl über mich, als ich in Gedanken so weit war. Auch verstand ich mich mit dem alten Buchhändler besser, als ich für möglich gehalten hätte, da ich mich nun selber mit ihm ins Benehmen setzte. Er war ein gründlich gebildeter Mensch, der aber nach irgendwelchen schweren Schicksalen und nachdem ihm die nächsten Menschen gestorben waren, sich in sich selbst und seine Bücherwelt zurückgezogen und äußerlich etwas Ungepflegtes, Uhuartiges bekommen hatte. Wenn man aber die dicke Staubschicht, die auf ihm saß, hinwegblies, um ihn jetzt mit einem seiner alten Folianten zu vergleichen, so kam allerlei Lesenswertes zum Vorschein, schnörkelig und grillig zwar, und in einer seltsamen Sprache, aber nicht ohne einen trockenen Humor und nicht ohne Geist, was mancher seiner Kunden wohl wußte, der gern ein längeres Gespräch mit ihm führte außer dem Geschäftlichen, und der auch in Letzterem sich gern von ihm beraten ließ, so belesen er selber sein mochte. Kurzum, ich sah, daß es nicht das Erbe eines alten Trödelmannes zu übernehmen galt, sondern eher die sorglich gefüllte Schatzkammer eines Sammlers, der mit leuchtenden Augen unter verwilderten Brauen hervor seine Lieblinge betrachtete und sie am liebsten alle mitgenommen hätte. Ich gewann Interesse dafür und vergaß zum erstenmal wieder etwas von meinen eigenen Kümmernissen im Durchstöbern der Bücherreihen, die sich in einem langen, schmalen Gemach hinter dem kleinen Laden hinzogen, und die ich an ein paar Abenden mit dem Alten nach Ladenschluß betrachtete. So ein Einsiedler und Sonderling wirst du nun auch nach und nach werden, dachte ich freilich dabei, aber es machte mir im Augenblick keine Beschwerden, denn es fiel mir leichter, mich hier zu bergen in die Abgeschlossenheit des kleinen Ladens, als irgendwo draußen auf der Welt, die mich gar nicht lockte, wieder neue Fahrten zu tun und mit vielen Leuten meines Alters zusammen zu sein. Auch machte sich, als wir wirklich übereingekommen waren, daß ich das Geschäft auf eigene Rechnung führen solle und der alte Uhu mit scheuem Flügelschlag hinausgeflattert war, doch bald geltend, daß ich etwas gelernt hatte und jung war, so daß ich in manchen Zweig des Betriebs einen frischen Zug brachte, ohne dabei das Eigenartige zu verlieren, das der Alte gepflegt hatte.