Part 25
Ich lebte zurückgezogen, ohne Gesellschaft zu suchen, denn es war alles noch zu frisch, was ich erlebt hatte, und es ging mir zu viel nach, als daß ich hätte unter Menschen gehen mögen. Ich hoffte, meine Schwester Luise werde zu mir ziehen und mir das Hauswesen führen, so daß wir dann beieinander eine Heimat gehabt hätten. Aber sie wollte nicht. »Komm zu mir, so viel du willst,« sagte sie, »je öfter je lieber, und ich will auch nach dir sehen, so viel es dir recht ist, doch soll jedes in seinem Eigentum und Lebenskreise bleiben, so daß es frei und natürlich leben kann, wie es ihm paßt.« Ich merkte wohl, daß sie dachte, sie würde mir ein Hindernis sein, falls ich mich einmal zu verheiraten gedächte, oder ich würde, behaglich bei ihr eingesponnen, die Lust dazu verlieren, und stritt nicht mit ihr, obgleich ich zu wissen meinte, daß der Gedanke an Liebe und Heirat hinter mir liege für alle Zeit. Sie brachte aber viele Abende bei mir in der kleinen Wohnstube hinter dem Laden zu, die sie behaglich für mich eingerichtet hatte und in der sie immer wieder einen kleinen Schmuck oder eine neue Bequemlichkeit anbrachte, und hatte den dienstbaren Geist, der mir das Hauswesen in Ordnung hielt, gut im Zug, so daß mir nichts abging im Äußeren. Wenn sie sah, daß ich trübsinnig war und mich quälte, so lockte sie mich, daß ich Helene aufsuchte und mich an ihren Kindern erfreute, und hatte immer neue hübsche und liebliche Züge von ihnen zu erzählen. Manchmal kam auch Lotte Meister mit ihr, und wir saßen behaglich zusammen und plauderten, oder wir machten an schönen Abenden noch einen Gang und kehrten irgendwo ein, wo es uns gefiel. Da lernte ich nun im häufigen und anspruchslosen Verkehr mit den beiden eigentlich zum erstenmal recht die gesunde Kraft ihres klugen, einfachen Wesens kennen, den unverbildeten Verstand, die Schlagfertigkeit ihrer Rede, mit der sie so recht den Nagel auf den Kopf zu treffen wußten, und den Mutterwitz, der sich nach und nach herauswagte, als sich mein trübseliger Ernst erhellte. Lotte Meister war die Lebhaftere von beiden; sie wußte mich aus aller Schweigsamkeit herauszulocken und immer neue Dinge aufs Tapet zu bringen, über die ich Bescheid geben, mich verantworten, die ich erklären oder verteidigen sollte. Dabei stellte sie ihre Unwissenheit in allen Sachen, die man durch Lesen oder Studieren erwirbt, gar nicht in Abrede, zeigte aber keinerlei Verlegenheit darüber, sondern eher eine Art von fröhlicher Unbekümmerlichkeit. Sie war sich darin und in allem Wesentlichen gleich geblieben, wie sie von jeher gewesen war. Es war aber nicht so weit her mit ihrem Nichtwissen, sondern sie kannte sich besser aus auf der Welt als mancher, der die Nase kaum aus den Büchern erheben mag; nur ließ sie sich die Sachen gern mündlich vortragen gleich einem Regenten, der sich von seinem Kanzler oder Minister Vortrag halten läßt, um das Wichtigste nahe beisammen zu haben, und übte auch, kaum daß sie aufmerksam zugehört hatte, ihre Kritik daran, an der gut zu merken war, wie hell es in ihrem Kopfe zuging. Meine Schwester Luise sah und hörte mit innigem Vergnügen zu, wenn wir uns zuweilen stritten und einander sogar freundschaftliche Grobheiten an den Kopf warfen; denn es war ihr alles ein Zeichen meiner Wiederherstellung und meines Heimischwerdens in dem neuen Leben, an dem sie sich durch ihren Eingriff in mein Schicksal mitverantwortlich fühlte. Sie war auch froh, schon um Helenens willen, daß ich mich mit dem Schwager gut vertrug, soweit das bei unseren verschiedenen Naturen möglich war. Er war ja ein tüchtiger Arbeiter, der sich und die Seinen vorwärts brachte, und auch ein sorglicher Familienvater, aber eng begrenzt im Denken, und ich traute auch immer noch nicht, ob nicht die Sparsamkeit seine Haupttugend sei, auf die er sich am meisten zugute tue. Doch hatte ich keinen Grund, mit höheren Tugenden zu prahlen, und war überhaupt mehr gewillt als früher, die Menschen zu nehmen wie sie waren, da man ja bei mir auch so manches in den Kauf genommen hatte. Daß die Schwestern glücklich waren über die gute Neuordnung der Dinge, und daß Lotte Meister, die ich immer noch in einem leisen Verdacht gehabt hatte, als sehe sie ein bißchen auf mich herunter, sich von mir belehren ließ und mich ersichtlich zu respektieren anfing, tat meinem Herzen wohl; es wäre aber auf die Dauer doch nicht genug gewesen. Es gab sich aber nach und nach von selbst, daß ich auch wieder anderen Umgang gewann.
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Mein Vorgänger hatte mir unter vielen gleichgültigen, die es wie überall gab, einen Stamm von Kunden hinterlassen, die das Bücherkaufen mit Liebe und mit feiner Witterung für das Bleibende und Wertvolle betrieben. Manche unter ihnen hatten nur schmale Geldbeutel, aber sie hatten eine durstige Liebe zum Schönen und Geistigen und hatten Verständnis für das Echte. Sie ließen sich alles zeigen und hätten am liebsten das Feinste und Beste gekauft, wenn sie gekonnt hätten. An solchen Kunden war nicht viel verdient, und doch gewann ich mehr von ihnen als Geld, denn es spannen sich durch den einen oder andern von ihnen wieder neue Fäden herüber und hinüber zwischen mir und der Menschheit. Darüber könnte ich manches sagen. Was ich früher in unreifem Lebensverlangen gewünscht hatte, nahen Verkehr mit den Besten und ein Dazugehören mit Fug und Recht, das wurde mir jetzt, als ich es nicht mehr von den Bäumen zu schütteln begehrte, nach und nach ganz von selbst zuteil. Ich trat aus meinem engen Lebenskreise, in den ich mich wie in ein Schneckenhaus verkrochen hatte, wieder mehr heraus, nicht um zu sehen, was es etwa für mich selbst zu erobern gebe, sondern um mich irgendwie ans Ganze und Lebendige anzuschließen, das draußen vorbeiflutete, und ohne das ich so wenig wie ein anderer Mann auf die Dauer bestehen konnte. Da fand sich's nun, daß ich bisher mich selber viel zu wichtig genommen hatte, da es in der öffentlichen Gemeinschaft so viele Dinge gab, für die zu denken und zu sorgen und um die sich zu ereifern es der Mühe viel mehr wert war und über die man sich selbst zurückstellen, ja vergessen konnte. Wenigstens schien es mir damals so. Es wird aber beides seine Zeit und seinen Wechsel brauchen, das Eigene und das Allgemeine, und ein Aus- und Einatmen sein, und das eine kann nicht ohne das andere bestehen. Wenn die Welle im Meer hin und her geworfen worden ist, so kehrt sie doch wieder in die stille Bucht am Ufer zurück, wo grüne Baumwipfel sich flüsternd über sie hinneigen und wo Heimat zu sein scheint; aber dann zieht das große und allgemeine Strömen sie wieder hinaus in rastloser Bewegung. Was mich betrifft, so hatte ich mich für einmal genug mit mir selbst herumgeschlagen und begehrte nichts, als mitzuerleben, was es Allgemeines gab, was freilich wieder zu meiner eigenen Beruhigung und meinem Nutzen diente und so den Kreislauf bestätigte, in den wir alle eingeschaltet sind.
Denn je mehr ich am öffentlichen Leben teilnahm und es mir wichtig sein ließ, je näher traten mir auch diejenigen unter den Menschen, die etwa ähnlich dachten und fühlten wie ich, so daß ich Freunde und Gesinnungsgenossen und auch ein geachtetes Ansehen gewann und ich wohl sagen kann, ich habe gefunden, als ich nicht mehr gesucht habe, und freilich auch zu einer Zeit, in der ich es nicht so stark begehrte.
Es ging mir aber auch noch mit etwas anderem so, das wieder mich allein anging. Als ich nämlich aufgehört hatte, der liebsten Seele durch unendliche Räume nachzujagen und ich sie ganz und für immer hergegeben hatte, fand sich's, daß Maidi mir näher und unverlierbarer schien, als zuvor. Ich sah sie nicht mehr, und sie konnte mich nicht mehr lossprechen, nicht neben mir hergehen auf allen Wegen, aber ich konnte so leben, wie es ihrer lauteren, aufs wesentliche gerichteten Art gefallen hätte und mich mit ihr einiger finden als manchesmal, wo ihre hellen Augen erstaunt und vielleicht traurig auf mir gelegen waren. Es fielen mir viele Dinge ein, die wir einst miteinander erlebt und gesprochen hatten; sie lagen mir jetzt klarer am Tage als damals, wo mich die Lust, zu scheinen und mich hervorzutun, oberflächlich und unaufmerksam gemacht hatte. Und ich wurde durch die Sehnsucht meines beraubten Herzens in die Welt des Innerlichen und Unvergänglichen hineingeführt, nicht um Maidis, sondern um meiner selbst willen, doch war sie auch darin, unverloren, liebend und geliebt. Sie hatte sich gewünscht, ohne Schuld und ohne die Schmerzen der Reue hinzugehen; das war ihr zuteil geworden, mir nicht. Ich war von anderem Stoffe, und das Leben brauchte andere Mittel, um etwas aus mir zu machen, und braucht sie noch. Denn ich kann ja, wie man zu sagen pflegt, nicht aus meiner Haut heraus und habe mit den Mängeln meiner Natur immer Krieg zu führen. Doch habe ich sie wenigstens erkannt und gehe ihnen zu Leibe, wo es sein kann. Oft habe ich den alten Adam, wie die Theologen das nennen, was uns Anererbtes im Blute liegt, am Kragen, bald er mich, und wir raufen uns miteinander herum. Ich habe aber einmal, als ich die Taschen eines alten Rockes aussuchte, eh' ich ihn verschenkte, einen kleinen, gänzlich zerknitterten Zettel gefunden, dessen blasse Schriftzüge dennoch wohl noch zu lesen waren, und der mir jetzt wie ein neubelebtes Vermächtnis einer längst Gestorbenen erschien, nachdem ich ihn einst nur in einer flüchtigen Abschiedsstimmung mit leiser Ahnung des Inhalts gelesen und vom Nähtisch der Brigitte Hagenau an mich genommen hatte. Er hieß: »-- -- doch nahm ich zu allem, was mir begegnete, diese eine Stellung ein. Es sei Liebes oder Leides gewesen, so sagte ich ihm: >Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.< Und so habe ich schließlich, wenn auch mit verrenkter Hüfte, den Sieg behalten und bin nun dennoch -- --«
Ich las die Worte an dem kleinen Fenster der Kammer, in der mein Kleiderschrank stand, solang noch der Ausläufer, dem ich den Rock schenken wollte, draußen auf mich wartete, und es war mir, als ob ich sie nun wohl auch nachsprechen dürfe, wie man bei einem Dichter oder Weisen unversehens in Form gefaßt findet, was unbewußt und doch lebendig in einem lag und nun auf einmal ist, als habe man es selber gesagt.
Denn es dünkte mich, als ob auch ich zu meinem Schicksal, in mir selbst und außer mir, sage, indem ich mit ihm kämpfe und ihm das Beste abzugewinnen versuche: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn,« wie es einst das verwachsene und dennoch hochragende Frauenbild, das den Zettel schrieb, zu dem seinen gesagt hatte, und vor ihm viele bis zu dem Erzvater hin, der an der Furt Jabok mit dem Gotte seines Lebens rang. Es sollte nichts umsonst gewesen sein, und nicht hinter mir in nichts zerfließen, was einst mein Leben erschüttert hatte. Schmerzen, die ich erlitten und die ich andern zugefügt, Torheiten, die ich begangen und die sich schwer bestraft hatten, standen wohl hin und wieder auf und fielen mich an, aber ich wollte, daß sie zu Kräften würden in mir, die mir zu einer neuen und lebendigeren Einheit hülfen. Das hatten sie auch schon begonnen. Aber was hieß es denn bei mir, wenn ich auch sagte: »Und bin nun dennoch ...?« Was war ich denn nun dennoch oder wenigstens, was wollte ich dennoch sein?
Da meldete sich ein Stimmlein, zaghaft und trotzig in einem, das in hellem Silberton aus der wohlverschlossenen Kammer meines Herzens hervorrief, es wisse wohl, was damit gemeint sei. Nämlich ich wolle noch was Rechtes mit mir anfangen, die getrübten und verschütteten Brunnen meines Daseins wieder in klaren Fluß bringen und kein Einsiedler oder säuerlicher Junggesell werden.
Sondern weil es noch an der Zeit sei, wolle ich trachten, hereinzuholen, was möglich sei, und mich nicht mutlos ausschließen vom vollen Leben, denn ich spüre ja selber den aufsteigenden Saft in mir, wie in einem zurückgeschnittenen Baum, der wieder ans Ausschlagen denke.
Da ging dann freilich der Krieg in mir von neuem an, denn die grauen Geister der Niedergeschlagenheit waren stets bereit, den freudigen Kräften den Mund zu verbieten, die mich wieder bergan führen wollten. Sie stellten sich fromm und tugendhaft und wollten mir weismachen, daß es für mich nicht so gemeint sei, da ich bereits genug auf dem Kerbholz habe. Es sei besser, schweigend und aber freundlich und ergeben beiseite zu stehen, meinen Beruf auszuüben, woran sich mancher rechte Mensch genügen lasse, und, der Vergangenheit gedenkend, von der Zukunft nichts für mich zu verlangen. Das trotzige Engelsbübchen aber, das zuerst gesprochen hatte, erhob einen großen Lärm, strampelte mit Händen und Füßen und rief, rittlings auf der Herzkammertür sitzend: »Nichts da, sondern es wird aus allen Kräften gelebt, damit es dann, wenn einmal gestorben sein muß, etwas Rechtes aufzugeben, niederzulegen und zu hinterlassen gibt.« Das kam mir auf einmal frömmer vor als die graue Weisheit, und weil es mir auch sonst wohlgefiel, so fing ich an, auf das helle Stimmlein zu hören, das mir täglich Neues zu sagen wußte und noch weiß, und das seinen Willen durchzusetzen strebt.
Es kam ihm freilich allerlei zu Hilfe, was ich nicht verschweigen will. Eines Tages stand unter der Tür meines Ladens, den ich auszuräumen soeben beschäftigt war, um seinen Inhalt in einem größeren und besseren Lokal unterzubringen, Herr Kasimir Hagenau, den ich seit meiner Flucht nicht mehr gesehen hatte. Er begrüßte mich mit einiger Verlegenheit, die sich aber bald verlor, als er mich, wie er sah, in guten Umständen und einer nicht unfreudigen Sicherheit des Auftretens fand, und sagte aufatmend, es gehe ihm schon lange nach, daß wir uns so ganz fremd geworden seien. Er habe immer noch eine Vorliebe für mich behalten, und es sei ihm leid genug gewesen, daß es damals so gegangen sei. Indessen müsse man es nehmen, wie es komme. Er redete ein wenig um den heißen Brei herum, wie man sagt, da er nicht wußte, ob er bei mir die vergangenen Dinge kecklich berühren dürfe, und noch in der Meinung lebte, ich sei, in großer Liebe zu seiner Nichte stehend, grausam enttäuscht und geschlagen gewesen, was ja auch, freilich in einer andern Richtung, der Fall war. Da er nun sah, daß ich unverheiratet war, mußte er meinen, ich habe noch an der unverwundenen Liebe zu Eleonore zu tragen, und war froh, als ich möglichst gleichgültig sagte, er solle sich nicht kümmern, es sei für mich ganz gut ausgefallen. (Denn meine eigensten Kümmernisse rieb ich ihm nicht unter die Nase.)
Ich erzählte ihm, um doch irgendwie zu zeigen, daß ich auch ohne das Haus Hagenau fortbestehe, von einer großen Bücherauktion im Hause eines bekannten Gelehrten und Sammlers, aus der ich seltene und fast verschollene Werke in Menge erstanden habe, um die sich nun wiederum die Liebhaber stritten, und ließ ihn überhaupt merken, daß ich bei den Guten und Verständigen etwas gelte und ein Geschäft wohl zu führen wisse, auch wenn es Ansprüche an nicht ganz gewöhnliche Tüchtigkeit mache.
Dabei hatte nun mein alter Adam wieder einmal sein Vergnügen, das ich ihm aber diesmal nicht untersagte, weil mir immerhin das Herz etwas unruhig klopfte in Erinnerung an die schlechte Figur, die ich zum Schlusse im Hause Hagenau gemacht hatte und ich eine kleine Aufmunterung mir schon gönnen mochte. Der alte Herr taute ganz auf, als er mich so wohlbestallt vorfand, und erzählte nun auch von seinen heimischen Verhältnissen. Er hatte sich jetzt doch entschlossen, das alte Vätererbe zu verkaufen, da ihm sein so wohlausgedachter Plan zwischen den Fingern zerronnen war, und erlebte nun die langersehnten Freiheits- und Reisejahre mit immerhin noch einigem Jugendmut, wie ich an der Beschreibung der und jener Genüsse merkte, die er sich unterwegs gönnte. Die Nichte, auf die er nun doch auch zu sprechen kam, hatte vor einem halben Jahr ihren Doktor geheiratet, der sich umgetan habe, selber etwas Rechtes zu leisten, und aber freilich dennoch nichts dagegen hatte, daß ihm die Frau einen ordentlichen Batzen zubrachte, wie Herr Kasimir pfiffig lächelnd sagte, durchblicken lassend, daß er als Onkel das Seinige getan habe, da die Leutchen es nicht so einfach gewöhnt seien, was ich ja gut genug wußte. Ich war froh genug, daß die Rechnung, an der ich doch immerhin auch beteiligt gewesen war, noch so glatt aufgegangen war, und nahm den Dämpfer, den mir der alte Herr ganz naiv und gedankenlos aufsetzte, mit in den Kauf. Er machte nämlich, ohne es besonders auszusprechen, gar kein Hehl daraus, daß er mich nur als einen Faktor in eben dieser Rechnung zum zweitenmal in sein Haus gerufen habe, und daß, als sie nicht stimmte, auch ferner mein Dabeisein nicht mehr in Betracht gekommen sei. Es stach und reizte mich noch eine Weile, als er wieder gegangen war, denn ich mußte mir schwere Gedanken darüber machen, was mich der Versuch gekostet habe. Aber ich war doch schon so weit genesen, daß ich den Brigittenspruch, den ich als meinen eigenen Wahlspruch ansehen gelernt hatte, auch jetzt anzuwenden die Kraft hatte, und so eine der vielen Gelegenheiten, aufs neue in Trübsinn zu verfallen, vorübergehen ließ. Vielmehr lösten sich in mir die alten Reste der Beklemmung, die ich in Ansehung des Hauses Hagenau noch herumgetragen hatte, wie alte Schneereste, die immer noch an schattigen Plätzen liegen geblieben sind, wenn es ringsum längst grünt, und die nun endlich auch von linden Frühjahrslüften aufgetrunken werden.
Bald darauf tat mir meine Schwester Luise den Schmerz an, daß sie sich hinlegte und starb. Sie war mir in der Zeit meines Tiefstandes und meines sachten Aufstiegs so sehr zur Freundin und zur Genossin meiner Gedanken, Wünsche und Hoffnungen geworden, daß ich zuerst wie betäubt war, als sich ihre Krankheit, die am Anfang harmlos ausgesehen hatte, plötzlich zum Schlimmen wendete. Ich glaubte verlangen zu können, daß sie mir bleibe, da ich ja sonst nichts hatte, was ganz nah zu mir gehörte. Denn bei Helene kam begreiflicherweise zuerst der eigene Familienkreis, der stetig am Wachsen war, so treulich sie auch ihren Geschwistern anhing.
Luise aber hatte nichts Eigenes; ich war ihr das Wichtigste in ihrem Leben, und sie war nur glücklich, daß ich in ihrer Nähe sei und sie zusehen könne, wie ich allmählich das erreiche, was sie für mich wünsche. Sie heimste alles, was ich etwa an guten Beziehungen, bürgerlichem Ansehen und an gedeihlichem Fortkommen gewann, emsig ein und baute in Gedanken Häuser für mich darauf, da sie merkwürdigerweise gar nichts für sich verlangte außer ihrer fleißigen Arbeit und vielleicht der Aussicht auf einen ruhigen Lebensabend, umgeben von einer aufsprossenden Jugend aus dem Blute ihrer Geschwister, die sie dann in Ehren halten würde, und der sie mit schönen Sparpfennigen zum Fortkommen hülfe, falls sie dessen überhaupt bedürfe. Aber nun lag sie krank im Spital und sah ihr Ende herankommen. Man hatte sie operiert, um einem innerlichen Feind, der in ihrem stattlichen, blühenden Leibe sein Unwesen trieb, das Handwerk zu legen, aber er trieb es fort, und sie wußte wohl, daß er sich nicht aus dem Feld schlagen lasse, da sie etliche Fälle aus der ferneren Familie anzuführen wußte, in denen auch das Leben auf solche Weise unterlegen war.
Es ging ihr nahe, daß sie mitten aus der Bahn weg sollte, denn sie hing, wie alle gesunden und natürlichen Menschen, am Dasein, das für sie, nach dem Rezept des alten Sängers, köstlich gewesen war, indem es Mühe und Arbeit war. Als sie aber sah, daß ich ohne Fassung mich gegen ihr Scheiden auflehnte und Gott beschwor, sie mir noch zu lassen, da ich viel an ihr hereinzubringen habe, was Zeit brauche und nicht in kurzem abzumachen sei, nahm sie wieder die Führung an sich und sagte, glücklich lächelnd, weil ihr mein unverhehlter Schmerz dennoch wohl tat, aber fest: »Nein, nein, Ludwig, so machen wir's nicht, sonst sind wir erst recht unten durch. Sondern wer sich schicken kann, gewinnt das Spiel und stellt sich auf die stärkere Seite, und so wollen wir auch tun.« Damit war sie mir nun wieder einen Schritt voraus und weit überlegen, und ich konnte nichts tun, als mein ungebärdiges Wehren beiseite lassen, da es hier nicht am Platze war.
In dieser Zeit mußte ich einmal eine dringende Geschäftsreise nach der Hauptstadt unseres Landes machen. Ich ging ungern genug, denn ich konnte nicht am selben Tage wiederkommen, und als es Abend wurde, befiel mich eine Unruhe, die ich mir dahin erklärte, es sei daheim etwas Übles vorgefallen, so daß ich rasch an den Bahnhof ging, um zu sehen, ob ich nicht doch den letzten Zug erreichen könne, so stark lebte ich damals mit meinen Gedanken in dem engen Krankenstüblein. Der Zug war aber schon fort, und weil ich nicht den ganzen Abend im Wirtshaus versitzen mochte, betrat ich eine Konzerthalle, an der ich gerade vorbeikam, ohne zu wissen, was für Musik es gebe. Da fand sich's nun, daß von einem kleinen Orchester jene Symphonie aufgeführt wurde, die ich am ersten Abend des Musikfestes gehört hatte, an dem ich Maidi wiedersah, und die mir seitdem nicht wieder begegnet war. Sie erregte mich aber nicht, wie damals, zu starken Wonnen und Schmerzen, sondern ich saß mit geneigtem Kopf still horchend da und fühlte, wie meine Unruhe in ein stilles Gleiten kam und wie mein Herz, das traurig in mir lag, von eiligen Wellen aufgehoben und getragen wurde, die sangen: »Alles geht vorüber, und auch du.«
Ich gedachte alles Fernen und Verlorenen in meinem Leben, und auch meines Freundes Olbrich, den ich nie wieder gesehen und mit dem ich auch keine Briefe gewechselt hatte. Ich hatte seinen Namen hie und da in der Zeitung gelesen, denn er nahm starken Anteil am politischen Leben des Landes und ergriff in Reden und gedruckten Artikeln oft das Wort, wenn es eine wichtige Sache zu verfechten gab. Aber ob er noch an mich denke, und wie, das wußte ich nicht, und ich hatte sowohl das Verlangen, ihn wieder zu sehen, als auch eine Scheu davor.
Doch wußte ich, daß es einmal geschehen mußte, da die Erde nicht groß genug ist, um sich zwei Menschen nicht wieder begegnen zu lassen, unversehens, die eigentlich nahe zusammen gehören.
Ich war spät gekommen, als schon der Saal verdunkelt war und die Musik angefangen hatte, und hatte nur gerade meinen Platz gefunden, ohne nach rechts oder links zu sehen. Da schrak ich denn aus meinen Gedanken auf, die zwischen der Musik hergingen, als sich auf einmal eine Hand auf meinen Arm legte und es der Freund war, der neben mir saß und mir zunickte. Ich mochte mich nicht rühren, denn ich spürte in einem ruhigen Wohlsein, daß wir uns nahe waren und daß ich ihn lieb hatte, wie je.
Man sollte nicht reden müssen, dachte ich. Man sollte alles so stillschweigend voneinander wissen und einer in den andern hinüberfließen lassen, was er ihm sagen möchte. Vielleicht ist es so, wenn man sich auf einem andern Stern wieder findet. Vielleicht spürt man nur: Du bist da, und begrüßt und durchdringt einander mit der Seele, und alles, was auf der Erde geschah, löst sich auf in einem großen und weiten Verstehen und Liebhaben.
Da bot ich meinem Freund leise die Hand und er nahm und drückte sie kräftig, und ich wußte: Er ist doch auch noch der meine. Wie sehr ich ihn vermißt und wie seinetwegen ein Druck auf mir gelegen hatte, das spürte ich erst jetzt recht, als ich ihn wieder hatte. Denn wir ließen es dann doch nicht bei der stummen Begrüßung bewenden, die wir gar nicht geübt hätten, wenn nicht die Musik das Wort gehabt hätte, sondern hielten nachher eine lange Nachtsitzung, und zwar, da es eine schöne Sommernacht war, in einem Garten unter einer alten Platane, in deren Ästen eine Lampe hing.
Dort ließen wir so viel von der alten Zeit und auch dem, was dazwischen lag, zwischen uns auferstehen und hinwandeln, als dazu gehörte, wieder zusammen zu kommen, nicht mehr und nicht weniger. Denn es handelte sich jetzt nicht ums Rechthaben und Abbitten, wie wir beide wohl spürten, sondern darum, daß einer des andern Freund sei, wie der alte Claudius sagt, wobei freilich ich am besten wegkam.