Part 23
Inmitten der jagenden und sich überstürzenden Bilder und Gedanken, die aus einem unerschöpflichen unterirdischen Brunnen zu strömen und sich über mich zu ergießen schienen, spürte ich manchmal eine kühle und sanfte Decke, die sich über alles breitete und die Bilder auslöschte, so daß eine wohltätige Dunkelheit mich umfing und ich sachte und tief hinuntersank in ein Nichtwissen, das ich nur wie von ferne als etwas Gutes empfand. Ich mühte mich hie und da, die Augen aufzumachen, um die Decke zu sehen, die mir von purpurroter Farbe zu sein schien und sich leicht und weich anfühlte, aber ich konnte die Lider nicht heben. Doch hörte ich dann halblaut gesprochene Worte, die mich seltsam beruhigten, obgleich ich sie nicht verstand, und schlief unter ihnen ein, wenn ich so sagen soll, da ich ja nie wach war, bis mich neue Traumbilder, die mein kochendes Blut auf dunklen Bahnen herzutrug, zu neuen Mühsalen aufschreckten. Dann war es einmal lange schwarz und kühl. In einer Nacht schlug ich die Augen auf. Ich glaubte soeben unzählige Staffeln aus unendlicher Erdtiefe emporgestiegen und aufs höchste ermüdet auf die oberste niedergesunken zu sein, und war nun verwundert, mich im Bett zu finden in einer Umgebung, die mir bekannt vorkam, die ich mir aber nicht mit mir selbst zusammenreimen konnte. Auf dem Tisch an der nächsten Wand stand brennend eine kleine Lampe mit grüner Glasglocke, und neben ihr lag ein schlafender Kopf mit schweren Zöpfen, auf ausgebreitete Arme hingelagert. Ich hatte die schwierige Aufgabe, herauszubringen, wem er gehöre, aber in diesem Augenblick hob er sich und sah zu mir herüber. Es war meine Schwester Luise. Sie stand auf und kam zu mir her. »Ach, da bist du,« sagte sie mit glückseligem Ausdruck, und auf einmal rannen ihr die Tränen stromweis über die Wangen. Davon verstand ich nichts. Ich betrachtete sie aufmerksam, bis mir die Augen wieder zufielen und ich tief einschlief.
So kehrte ich nun wieder in die Wirklichkeit zurück, die sich nach und nach bei mir anmeldete mit Geräuschen und Lichtern des Tages, die ich wahrnahm, ohne ganz wach zu sein, bis sich die Nebel, die mein Denken und Fühlen noch umgaben, auf einmal lichteten und ich mit jähem Erschrecken meiner selbst und der jüngsten Vergangenheit bewußt wurde.
Sie war aber nicht mehr ganz so jung, wie ich meinte, denn ich war wochenlang krank gewesen, ohne es zu wissen. Luise erzählte mir, daß ich viel gesprochen und auch gegessen und getrunken habe, aber ohne jemals mit klarem Blick um mich zu sehen, so daß sie fast noch mehr für meinen Verstand als für mein Leben gefürchtet habe und darum so erschüttert gewesen sei, als ich zum erstenmal mit sichtlichem Bewußtsein die Augen auf sie gerichtet habe. Sie hatte bei mir gewacht und mich gepflegt, und die kühle Decke, die meine wirren Träume gebannt und zugedeckt hatte, war ihre Hand gewesen, die auf meiner Stirn geruht und mich stets beschwichtigt hatte, wie sie mir einmal gestand, fast beschämt über die starke Wirkung, die sie auf mich ausübte, da sie ihr selber neu und verwunderlich war. Sie fragte mich nichts, sondern brachte Helene herüber, die mit dem kleinen Mädchen auf dem Arm erschien und wortlos meine Hände streichelte, bis ich, da mir alles nacheinander einfiel, was mich beschweren mußte, mich nach der Wand drehte und stöhnte.
Mit dem Wachsein wuchs nun die Angst, wie es um mich stehe, und ich mußte nun anfangen, zu reden, obgleich ich lieber wieder ins Unbewußte hinübergedämmert wäre. Da fand es sich, daß Luise genug von mir wußte, vielleicht mehr als ich selbst, weil ich ohne die Hemmungen der wachen Scham fortwährend geredet hatte, zwar oft unzusammenhängend, aber verständlich genug, um sehen zu lassen, daß mir der Garten verhagelt und ich selber mit verwüstet sei. Das alles hatte sie im Tiefsten erbarmt und ihr bei aller Erschütterung und Enttäuschung aber auch ein warmes Glücksgefühl gegeben, weil ich mich von meinem Scherbenhaufen weg zu ihr geflüchtet und mich, wie ich war, in ihre Hut und Pflege gegeben hatte.
Nun konnte sie mir mit allerlei Berichten entgegenkommen. Ich hatte mich nicht zu Bett bringen lassen wollen, eh' ich einen gewissen Brief geschrieben hätte, der vor allem sein müsse, hatte aber einen Bogen um den andern mit vergeblichen Anfängen bedeckt und war schließlich fiebernd darüber eingeschlafen, worauf dann die eigentliche Krankheit, die sich wohl schon lange in mir vorbereitet hatte, ausgebrochen war.
Luise, die sogleich sah, daß es sich bei mir um eine große Erschütterung handle, schrieb nun an Herrn Kasimir, daß ich krank heimgekommen und ohne Bewußtsein sei, was sie mir, da ich ja jetzt der Genesung entgegenging, mit einer kleinen Beimischung von Genugtuung erzählte, weil sie begreiflicherweise keine Sympathien für Eleonore hatte und nun den traurigen Triumph erlebte, mich, wo es galt, am nächsten bei sich zu haben.
Darauf war Herr Kasimir hergereist gekommen, ohne meine Braut, wie Luise nicht zu sagen vergaß, war lange an meinem Bett gesessen und hatte mich allerlei gefragt, was ich auch beantwortet hatte, alles ohne nachher noch davon zu wissen. Herr Kasimir war, was Luise gleichfalls freute, sehr bedrückt und bekümmert gewesen; besonders als er aus meinen Reden erfuhr, was mich fortgetrieben hatte.
Eleonore hatte ihm in der Bestürzung über mein rätselhaftes Verschwinden und über die Nachricht von meiner Erkrankung mitgeteilt, daß sie sich mit ihrem früheren Liebhaber getroffen und ausgesprochen habe, daß sie sich aber nicht denken könne, auf welche Weise ich das habe erfahren können, obgleich sie annehmen müsse, daß es so sei, was er ja nun bestätigt fand, ohne zu wissen, wie sehr ich selber gerichtet und in mir zerschlagen sei. Im Gegenteil glaubte nun er und auch Eleonore, ich sei in meiner großen Liebe zu dem Mädchen so tief verwundet worden, daß ich in Verzweiflung geraten sei, was sie mir zugute schrieben als einem tiefen und warmen Gemüte, und was sie den Weg, den es genommen hatte, beklagen ließ. Sie sahen aber wohl ein, daß aus der Hochzeit nun nichts werden könne, und es war bereits die Nachricht eingelaufen, daß Eleonore für längere Zeit verreise, um dem Gerede in der Stadt aus dem Wege zu gehen, während Herr Kasimir nun aufs neue angebunden sei, bis sich für ihn eine Lösung finde. Er habe, sagte Luise mit Stolz, gejammert, daß er mich nun wohl auch verlieren müsse, wobei ihr die Augen darüber aufgegangen seien, daß meine Berufung in das Haus Hagenau, über die sie sich so gefreut hatte, einem doppelten Zweck gedient habe.
»Man hat dich,« sagte sie, »eingefangen für die stolze Jungfer, und du bist ahnungslos ins Garn gegangen, weil du ein guter und harmloser Mensch bist; jetzt, wo nichts aus der Heirat werden kann, fällt auch die Notwendigkeit, dich im Geschäft zu haben, dahin. Du wirst aber, wenn du doch so tüchtig bist, schon etwas anderes finden.«
Ich hörte das alles an, ohne etwas darauf zu sagen, es senkte sich aber immer schwerer und tiefer eine abgründige Traurigkeit auf mich herab, die noch dadurch vermehrt wurde, daß Luise es vermied, mir auch nur den kleinsten Vorhalt über meine Handlungsweise gegen sie zu machen, oder die Rede auf Maidi zu bringen, sondern nur mit großer Zartheit und Güte um mich war und alles sagte, was mich beruhigen und trösten konnte ihrer Meinung nach. Vielleicht hielt sie mich für sehr schwach und schonungsbedürftig oder auch für genug gestraft, wo ich etwa tadelhaft gehandelt habe. Sie hatte, wie ich wohl merkte, eine wenig gute Meinung von Eleonore, mit der sie sich nach und nach hervorwagte, so lang ich nicht widersprach, und war geneigt, sie für herzlos, kalt und falsch, und mich für umgarnt und betrogen zu halten, was ich endlich nicht mehr aushielt. Es war an einem späten Abend. Luise hatte mich für die Nacht besorgt und wollte sich zurückziehen, da es nicht mehr nötig war, bei mir zu wachen, als ich ihre Hand ergriff und sagte: »Ich bin selber an allem schuld; es trifft keinen Menschen ein Vorwurf, als mich,« was auszusprechen mich aber einen solchen Kampf und Krampf kostete, daß ich das bißchen Kraft, das mir noch blieb, zusammenraffen mußte, um nicht fassungslos hinauszuweinen.
Ich kehrte mich nach der Wand und verbarg mein Gesicht. Luise aber stellte die Lampe, die sie schon in der Hand hatte, auf den Tisch und setzte sich auf meinem Bettrand, um still zu warten, bis sich die hohen Wellen in mir gelegt hätten oder wenigstens mich ihres Dabeiseins zu versichern.
Es wurde mir aber, nachdem ich jetzt angefangen hatte, nicht mehr so schwer, ja, es schien mir eine Erlösung, mir vom Herzen herunterzureden, was da angesammelt war. Ich schonte mich nicht und beschönigte auch nichts von allem, was mein blindes und selbstsüchtiges Wesen an mir selbst und andern angerichtet hatte, und mein lang beschwichtigtes und unterdrücktes Herz kam wieder einmal zu Worte, ohne daß ich ihm das Reden verbot, was ihm zu gleicher Zeit wohl und weh tat. Das will ich nun nicht mehr alles heraufholen. So wenig ich wollte, daß ich diese Stunde nicht erlebt hätte, so wenig könnte ich noch einmal ausbreiten, was mir unter Schauern und Schrecken als mein Ich gezeigt worden war wie im Spiegel. Es waren oft genug Boten des lebendigen Lebens an meinem Weg gestanden, und es hatte mich auch etwas zu ihnen gezogen, aber ich war dennoch dem Äußerlichen und Niedrigen in mir nachgegangen, dem ich noch wackere und tüchtige Namen gegeben hatte, um es vor mir aufzuputzen. Die falsche Richtung der Wünsche und Begierden hatte ich schon lange eingeschlagen, und was ich diesen Sommer getan hatte, das war alles nur als reife Frucht vom Baum gefallen. Dabei konnte ich nicht sagen: »Da und da hat es angefangen und von da an mußt du bereuen,« sondern es war eines aus dem andern gekommen wie aus einer Wurzel in aller heimtückischen Ehrbarkeit und Strebsamkeit. Ich hatte Maidi verlassen und Eleonore belogen und die Schwestern verleugnet und in allem noch recht gehabt wie ein Tugendmensch und braver Bürger, weil ich ja doch kein Wort gebrochen und keinen falschen Eid geschworen hatte. Es war nicht auf den Grund zu kommen mit dem trüben Wasser, und ich schwieg endlich, mutlos und erschöpft, aber mit einem Frageblick in Luisens gutes und aufrichtiges Gesicht hinein, ob sie vielleicht weiter wisse.
Sie sah schon lange, daß es da mit Beschwichtigen und Rechtgeben nicht gemacht sei; sie nickte, solang ich sprach, hie und da nachdrücklich und ernsthaft mit dem Kopf, als ob sie danebenher ihre eigene Gedankenfäden spinne. Das war auch so, wie ich gleich sah.
»Ach, lieber Ludwig,« sagte sie, »da muß ich jetzt auch anfangen mit Bekennen und Bereuen, wenn ich so sagen soll. Ich habe mir schon viel Gedanken und Herzbrechen gemacht deinetwegen, mit Helene und auch allein. Vielleicht sind wir an dem, was du da sagst, alle miteinander schuldig. Du bist uns von klein auf gewesen wie ein goldener Becher, in den wir alle hineingesehen haben mit Stolz und Hoffnung und auch mit Liebe. Aber die Liebe hat es vielleicht nicht recht gemacht bei uns. Wir haben dir alles zu leicht gemacht und alles entgegengetragen, nach was es dich verlangt hat. Wenn wir gedacht haben, daß du es weit bringen sollest auf der Welt, so haben wir nicht an deine Seele gedacht, sondern an Ehre und Fortkommen und gutes Bestehen vor den Menschen. Und auch an uns haben wir gedacht, daß einer aus unserem Haus hervorgehe, der mehr sei und höher stehe als wir, und es ist ein Ehrgeiz in uns gewesen, dich dahin zu bringen. Das andere freilich, das hat sich für uns von selber verstanden, daß wir an dir Teil haben und du zu uns gehörst, und daß du ein Mensch werdest, an dem man seine Freude haben könne. Die Mutter hat sich oft gesorgt um dich und gekümmert, ob alles recht werde. Da haben wir deine Partei genommen und gesagt, es sei ein Unrecht, daran zu zweifeln. Man müsse dir nur immer zeigen mit der Tat, daß du einem wichtig seiest und wert, so kommest du nie von uns los. Dann, wie wir dich allein gehabt haben, ist es auf und ab gegangen, das weißt du ja. Ich mache dir keinen Vorwurf, lieber Ludwig, du machst ihn dir ja selber. Das erbarmt mich und erfreut mich auch, wenn ich ehrlich sein soll, denn ich hätte es nicht tun können, ich habe es nie gelernt, dir so etwas zu sagen. Sieh, es haben dich immer alle Leute gern gehabt, wo du auch hingekommen bist, weil du so die Anlagen gehabt hast, daß du heiter und gesellig und auch gescheit gewesen bist. Das ist dir alles ganz natürlich gewesen, als ob es so sein müßte. Ich sehe alles, wie es gekommen ist, eins aus dem andern. Es ist wie bei kleinen Kindern: man muß ihnen hartes Brot zu beißen geben, daß sie feste und gesunde Zähne bekommen. Es ist nichts, wenn man es einem Menschen zu gut macht, er muß es mit der Not zu tun haben und mit Mühe und Sorge, damit er sieht, was es für eine ernste Sache ist um das Leben. Sonst geht ihm alles obenhin, und er meint, es sei sein Recht, daß es so fortgehe.«
Ich hatte Luise noch nie so viel auf einmal reden hören, da sie sonst eher still war als gesprächig, und ich merkte, daß es ihr eine Wohltat und eine Vereinigung mit mir bedeutete, sich einmal über all das auszusprechen.
Sie löschte die Lampe, die anfing zu rauchen und zu spucken und fuhr beim Scheine des kleinen Nachtlichts, das sie mir angezündet hatte, fort:
»Als dann Maidi zu uns kam in der Zeit, da du eine so erwünschte Lebensstellung gefunden hattest und ein gemachter Mann zu sein schienest, da waren wir voller Freude. Es deuchte uns ein besonderer Segen auf dir zu liegen, der dich durch alle Gefahren und Versuchungen hindurch dennoch zu einem guten Ziele führe, und wir sagten zueinander, es sei gewiß die Mutter, die von drüben herüber über dir wache, obgleich Helene dann hinzufügte, du habest ja jetzt den besten, sichtbaren Schutzengel um dich und brauchest keinen andern mehr. Denn wir meinten nicht anders, als es sei zwischen euch ein Einverständnis, was allerdings nur davon herkam, daß uns das liebe Mädchen gar so gut gefiel und daß wir ihm anmerkten, es sorge sich um dich und sehne sich nach deinen Nachrichten.«
Als Luise das erzählte, konnte ich nicht verhindern, daß mir ein tiefer Seufzer entstieg, und sie meinte aufhören und mich der Nachtruhe überlassen zu müssen, sah aber dann selber ein, daß ich, überwach und erregt, doch nicht schlafen könne, ehe wir unser Gespräch zu Ende geführt hätten, und sagte: »In der unglücklichen Zeit, die dich und uns so viele Schmerzen gekostet hat, träumte mir einmal, daß die Mutter vor dem alten Häuschen am Graben auf dem Bänklein sitze und zu mir sagte: >Es wird ihm nichts geschenkt, er muß alles teuer zahlen. Man hätte ihn sollen als klein härter halten, denn es kommt jetzt doch alles auf ihn heraus.< Da wußte ich, daß etwas Schweres auf dich wartet, und als du krank und elend heimkamst, war ich nur froh, daß ich dich da habe, denn es war mir, als sei das Ärgste schon vorbei, und es komme nun wieder besser. Und du wirst sehen, es kommt auch.«
Dabei sah sie mir mit einem Anflug von Hoffnungsfreude und fast Schelmerei in die Augen, und ich wußte, daß sie nun denke, es könne vielleicht, da ich nun frei sei, wieder ein Weg von mir zu Maidi hin gefunden werden, was ihr nicht nur ein Glück an sich, sondern auch ein Beweis gewesen wäre, daß nun das züchtigende Schicksal seinen Grimm über mir erschöpft hätte und mich fortan durch Güte auf freundlichen Pfaden zum vollen Leben hin zu führen gedenke. So ließ sie mich, obgleich erregt und aufgewühlt, doch nicht ohne ein kleines Flämmchen zurück, das, wie das winzige Nachtlicht an die dunklen Wände meiner Schlafkammer, blasse und sich tröstlich vermehrende Lichtringe in die Nacht meines Innern warf. Das hatte schon sehnlich darauf gewartet, daß es noch einmal hoffen dürfe, und fing begierig an, wenn auch noch zaghaft und scheu, sich der Entfernten, in der Zeit der Untreue am meisten Geliebten zu nähern.
Ich war noch fiebrig und schwach und zu nichts fähig, als vor mich hin zu träumen, meistens mit geschlossenen Augen. Manchmal überfielen mich dabei die dunklen Geister der Vergangenheit. Es reute mich die Zeit, die mir verloren gegangen war, die Umwege, die ich gemacht hatte. Mein Stolz bäumte sich auf, wenn ich daran dachte, wie Eleonore und der Doktor über mich gesprochen hatten. Olbrich fiel mir ein, und Hertha, und der Zeitler. Ich war überall unten durch; sie hatten alle recht, wenn sie auf mich heruntersahen, und ich wünschte, nie mehr aufzustehen. Aber öfter und öfter gewann meine genesende Seele die Macht, sich vor dem Dunkeln zu flüchten. Ich konnte noch nicht an Maidi schreiben, und es war mir, als könne ich es überhaupt nicht, als müsse ich zu ihr gehen und ihr alles sagen, und sie würde mich nicht von sich weisen, denn sie liebte mich, wie ich war. Ich ließ mir von Luise erzählen, was sie von mir gesagt hatte, als sie dagewesen war. Luise sagte lächelnd: »Sie meinte, du seiest dir selber gefährlich und eigentlich gar kein Kraftmensch, aber sie machte ein so liebes Gesicht dazu, als ob ihr gerade das das liebste an dir sei. Das kann auch sein, denn ich glaube, sie hat das Sichere und Bestimmte, das dir manchmal fehlt, und das will sich gern mit dir vermischen. Überhaupt ist sie ein Mensch, der lieben kann und sich nicht besinnt, welche Eigenschaften ihr Geliebter haben soll; sondern sie liebt, weil sie liebt, und aus keinem andern Grunde.«
»Hat sie dir denn das gesagt?« fragte ich verwundert.
»Nein,« sagte Luise, »so etwas brauchen wir Frauen einander nicht zu sagen, das merken wir auch so.«
Dieses Gespräch war mehr als Arznei für mich. Ich fühlte neuen Saft in mir aufsteigen und sah den Baum meines Lebens wieder Knospen treiben. Draußen ging der Oktober zu Ende mit sonnigen, warmen Tagen, hinter denen der Winter kommen mußte, ich aber rief mir den Frühling herauf, der gewesen war, und schöpfte aus ihm die Hoffnung auf einen neuen.
Ich dachte daran, wie Maidi von ihrer Mutter geredet hatte und von ihrer harrenden Liebe, die durch nichts ertötet werden konnte, und wie die Tochter sich einer gleichen fähig gefühlt hatte. Freilich hatte ich damals gedacht, Maidi würde nie solche Schmerzen erleiden, denn etwas so Köstliches wie sie würde niemand verlassen, der es besitzen könne, und nun war ich selber es gewesen, der an ihr gesündigt hatte. Aber darum konnte ich doch zu ihr zurückkehren, denn sie war treu, daran konnte ich nicht zweifeln. Alles andere aber mußte sich finden und fand sich auch, wenn ich nur wieder mit ihr einig war.
Manchmal kam mir der unsinnige Gedanke, sie könne auf einmal zur Tür hereinkommen und an meinem Lager stehen. Ich schloß die Augen und sah sie vor mir, und mein Herz klopfte ihr entgegen und gab ihr tausend liebe Namen. So gingen einige Tage vorbei, in denen ich kräftiger wurde und nach dem Aufstehen verlangte, denn es eilte mir auf einmal mit dem Gesundwerden. Luise war jetzt wieder viel in ihrer Bügelstube, und eines Tages fiel es mir auf, daß sie blaß und übernächtig aussehe und rotgeränderte Augen habe. Ich schalt mich, daß ich nicht mehr an sie gedacht hatte, die mich mit so großer Treue gepflegt und mir zurechtgeholfen hatte, denn ich dachte, sie sei übermüdet vom Nachtwachen, aber als ich sie darauf anredete, lächelte sie traurig und sagte, ich solle mich nicht um sie kümmern, sondern nur trachten, gesund zu werden, daß ich dem Leben wieder gewachsen sei, denn das verlange viele Kräfte, mehr als man ahne. Das fiel mir auf, da sie sonst so zuversichtlich und wacker dastand, und ich dachte, sie mache sich Sorgen um mich und mein Fortkommen, mehr als sie zeigen wolle, und nahm mir vor, sie so recht an allem Guten, das ich doch noch zu erreichen hoffte, teilhaben zu lassen, so daß sie wieder freudig aufatmen könne. In diesen Tagen kam Helene viel mit den Kindern zu mir, die ich ja noch gar nicht kannte, und die man mir seither, um mich zu schonen, ferngehalten hatte. Das kleine Mädchen auf ihrem Arm, das Maria hieß, sah mich ernst und aufmerksam an, bis auf einmal ein Lächeln das ganze runde Gesichtchen überzog und es wie in Sonnenschein tauchte, während das Bübchen sich zuerst in die Rockfalten der Mutter verkroch und mich aus ihnen heraus musterte, und dann mit Geschrei fortgebracht zu werden begehrte, weil ich ihm in meiner Blässe und Hilflosigkeit unheimlich war. Wir befreundeten uns aber doch nach und nach, und bald kam der Kleine, der meinen Namen trug, auch allein zu mir. Ich setzte ihn auf meine Bettdecke und sagte ihm Liedchen vor, die mir aus meiner Kindheit her wieder einfielen, von denen er aber einige schon kannte und mich berichtigte, daß ich sie nicht recht wisse, die Mutter habe sie ihm anders gesagt, und so müssen sie heißen. Es war ein frühgewecktes und gelehriges Kind mit dunklem Lockenbusch und blauen Augen. Man sagte mir, er sei eine zweite Auflage von mir, wie ich in seinem Alter gewesen sei, und ich dachte daran, daß mich mein Vater, der Erzählung nach, auch so vor sich auf der Bettdecke sitzen gehabt und mich Liedchen gelehrt habe. Es drängte mich eine warme und dunkle Lust, ein eigenes Kind aus meinem Blute zu umfassen, und reiche Quellen, die neu aufsprangen, strömten von mir zu Maidi hin, deren Namen ich im Geheimen den kleinen Ludwig sagen lehrte.
Ich versuchte das Aufstehen und saß zum erstenmal in einem Korbstuhl am Fenster, als Lotte Meister mich besuchte. Ich dachte, ich müsse mich wohl sehr verändert haben, da sie mich ernst und bewegt ansah und eine meiner zart gewordenen Krankenhände behutsam zwischen ihre beiden festen und gesunden nahm. »Du mußt jetzt ein fester und starker Mann werden,« sagte sie; »wir warten alle darauf.« Es schien, als wolle sie mir noch etwas mitteilen, was ihr aber nicht über die Lippen wollte, und als ich sie fragte, ob sie etwas Besonderes habe, sagte sie hastig, sie komme morgen wieder, und kürzte ihren Besuch ab. Sie trug ein schwarzes Kleid und schien zu einer Beerdigung zu gehen, und es läuteten auch gleich nachher die Glocken einer entfernten Kirche zusammen, dumpf und schwer. Im Hause war es still; nur von der Werkstatt herüber hörte ich das Kreisen und Schwirren der Bandsäge, das mit scharfem Ton die Luft zerriß. Die Glocken dröhnten; es lag ein Nebel über der Gasse, der zusehends dichter wurde; mir war schwer und angst zumute. Ich versuchte im Zimmer auf und ab zu gehen, um meine Kraft zu üben, denn ich mußte machen, daß ich bald auf die Reise kam, um Maidi zu finden. Sie mußte mich lossprechen und mit mir eins sein, sonst konnte ich nicht neu anfangen zu leben.
Als nach einiger Zeit Luise zu mir kam, sagte ich erregt, ich müsse mit ihr reden, ich könne es nicht mehr verschieben. Ich hätte die ganze Zeit darüber geschwiegen, aber nun halte ich es nicht mehr aus, ich müsse Maidi wieder gewinnen. Wenn sie wirklich zu lieben verstehe, so müsse sie auch über alles hinüberkommen, was uns getrennt habe. Ich dachte nicht daran, daß wir uns ja noch gar nie ausgesprochen hatten, noch nie in Wirklichkeit geeint gewesen waren; es war mir, als hätten unsere Seelen schon lange im innigsten Verein gelebt und wären nur für eine kurze und dunkle Zeit auseinandergerissen gewesen durch meine Schuld. Ich sah betroffen, daß sich Luise über den Tisch warf und, den Kopf auf die Arme gelegt, lautlos schluchzte, so daß ihre Schultern zuckten vor heftigem Weinen. In meiner starken Erregung faßte ich es so auf, als halte sie es für unmöglich, daß Maidi mir verzeihen könne, oder als wisse sie mit Sicherheit das Gegenteil. Ich rührte sie an der Schulter und sagte: »So gib doch Antwort,« worauf sie den Kopf hob und, mich mit großen Augen schmerzlich ansehend, tonlos sagte: »Es hilft nichts mehr. Maidi ist nicht mehr am Leben. Sie ist vor einer Stunde begraben worden, hier in ihrem Familiengrab!«
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