Ludwig Fugeler: Roman

Part 19

Chapter 193,874 wordsPublic domain

Ich kehrte nun allein in die Stadt zurück; es dünkte mich aber, als hätte ich nicht mehr viel darin verloren, und ich fing ernstlich an, mich zu besinnen, ob ich im gleichen Trab weitermachen oder Herrn Kasimirs Vorschlag nun ehestens annehmen solle. Es sprach eigentlich fast alles dafür; nur war es mir, als sei ich, wenn ich in das alte Haus zurückgehe, dann für alle Zeit dort angebunden, und der rosenrote Nebel, in dem mir stets die Zukunft gestanden war, verflüchtigte sich dabei, um einem nüchternen Tageslicht Platz zu machen. Es gab keine Fernen und Weiten mehr, wenn mich eine scharf umrissene Wirklichkeit umgab, und vielleicht war die Erfüllung lange nicht so schön, als die Träume von allen Möglichkeiten. Ich dachte hin und her, überlegte, beschloß und verwarf wieder und kehrte immer wieder in meinen Gedanken zu einem lieblichen Spielzeug zurück: zu unserer Gemeinschaft, Maidis und meiner.

Ich war nun sicher, daß sie mich liebte, und es war unsäglich schön, rückwärts blickend einen Beweis um den andern zu finden. Ein gutes Wort, einen überraschten Blick, ein helles Erröten; ich hatte nicht so darauf geachtet, so lange ich immer neue, schöne Dinge bei ihr fand. Nun, da ich vom Vergangenen zehren mußte, wurde mir eins ums andere klar und beweiskräftig. Es war, wie wenn beim Einnachten ein Stern um den andern aus dem Dunkel taucht, bis allmählich die ganze lichte Schar zu Häupten steht, so daß man nicht mehr an sie zu glauben braucht, sondern von ihrem Glanz beschienen wird. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie es in Maidi aussähe. Vielleicht hatte sie mit Staunen und zuerst mit Unwillen einen Riß in dem festen Gefüge ihrer Pläne und Vorsätze entdeckt und ihn auszubessern oder zu verkleben gesucht durch vermehrten Eifer und größere Hingabe an ihre Arbeit. Und doch immer wieder aufs neue schien der goldene Tag zu neuen Fugen und Spalten herein, so daß sie sich nicht mehr anders zu helfen wußte, als daß sie ihn einließ. Ich dachte mir aus, wie es bei Olbrichs Werbung zugegangen sei, und wie sie da nur mühsam verborgen habe, daß sich ihr Herz mir zuwende, so daß es ihm, dessen Blicke durch die Leidenschaft geschärft gewesen waren, unausgesprochen klar geworden sei. Alles das machte, daß mir nicht nur Maidi immer lieber wurde, sondern auch, daß ich vor mir selber gewann, da solch ein feines Wesen sich mir zuneigte und mich andern vorzog.

Ich zögerte noch, wie gesagt, mich über die Zukunft zu entscheiden, denn ich war nicht mehr frei und unbeladen wie früher. Ging ich, so fand mich Maidi im Herbst nicht mehr, wenn sie zurückkam; blieb ich aber, so ließ ich die erwünschte Gelegenheit zum schnellen Vorwärtskommen hinaus, und um nicht das eine oder andere erwählen zu müssen, flüchtete ich mich immer wieder in meine leichten Wonnen und Schmerzen hinein, da ich ja morgen oder übermorgen immer noch tun konnte, was ich wollte.

In dieses Schwanken hinein kam ein Brief von Herrn Kasimir, der auf einmal dem Zünglein der Wage einen Stoß gab, so daß es sich zum Gehen neigte. Er fragte mich dringlich nach meinen Entschlüssen und bat, ich möchte mich rasch entscheiden, wenn ich auf seinen Vorschlag einzugehen gedenke; er habe geschäftliche und andere Gründe, die Veränderungen, die er im Sinn habe, in möglichster Bälde vorzunehmen. Die Energie, mit der er auftrat, steckte mich an; ich ließ plötzlich alles Hin- und Herdenken fahren und schrieb ihm, daß ich komme, da ich eigentlich keinen schwerwiegenden Grund dagegen hatte. Es war mir aber, als ich den Brief mit meiner Zusage in den Kasten gesteckt hatte, nicht ganz wohl bei der Sache aus irgend einem dunklen Gefühl heraus. Ich besann mich, was es wohl sein könnte und hatte, wie ich damit einschlief, in der Nacht einen wunderlichen Traum.

Es ging nämlich meine Tür auf, und ein Unbekannter kam auf mich zu und setzte sich auf meinen Bettrand, mich unverwandt ansehend. Unter seinen Blicken wurde es mir sehr unbehaglich zumute, und ich fing an, damit er etwas von seiner Starrheit verlieren möge, ihm, obwohl ungern, von mir zu erzählen. Ich sagte aber lauter furchtbare Dinge, die ich getan hätte oder zu tun im Begriff sei, und konnte kaum atmen vor Angst und Grauen. Er sah mich immerfort ernst und aufmerksam an und sagte dann kopfnickend: »Da will ich dich lieber gleich totschlagen,« und er tat es auch.

Dieser Traum lag schwer und bedrückend auf mir, als ich zu mir kam. Ich schüttelte ihn aber ab und hatte auch in dem erlangten Wachsein ein, wie ich meinte, scharfes und klares Denkvermögen, in dem ich beschloß, nun einmal ohne nutzlose Quälerei einen Schritt um den andern zu tun. Maidi, mit der mir der dumpfe Druck zusammenzuhängen schien, den ich immer noch nicht ganz los war, -- Maidi hatte sich ja selber alle Freiheit vorbehalten und sie auch mir gelassen.

Ich wußte mich liebend und geliebt und dennoch frei, und wenn ich eines Tages zu ihr kam, um sie an mich zu binden, so würde sie, daran zweifelte ich nun nicht mehr, sich mir nicht versagen. Inzwischen baute ich an der Zukunft und ging guten Verhältnissen entgegen, die ich schon ausnützen und immer besser ausgestalten wollte; es war nicht einzusehen, was Beklemmendes um den Weg sein sollte.

Auf einmal fiel mir auch noch das Fräulein Bitterolf ein, der gehörig zu imponieren ich mir schon jetzt vornahm, und deren erstaunte Augen, wenn ich einmal mit Maidi vor ihr erscheinen würde, mir heute schon Freude bereiteten. Aber, wie war denn das? Sie wohnte ja in dem alten Hause, das ich selber beziehen wollte? Zog sie denn mit Herrn Kasimir aus und ließ uns hinein? Aber es gehörte ja nicht mir, und ich konnte es auch nicht kaufen. Und es fiel ihnen auch nicht ein, auszuziehen. Da waren schon wieder neue Fragezeichen, und es eilte mir auf einmal, sie aufgelöst und beantwortet zu sehen. Ich traf meine Vorbereitungen zum Weggang, zu dessen Beschleunigung Herr Kasimir alles beitrug, was in seinen Kräften stand, so daß er ziemlich rasch geschehen konnte. Ich feierte allerlei Abschiede mit allerlei Genossen und schied von ihnen als einer, der auszog, sein Glück zu machen.

Und nichts und niemand sagte mir, daß ich von meiner besten und glücklichsten Zeit Abschied nehme, und daß ich einmal in sie wie in ein verlorenes Paradies zurückschauen werde von vergeblicher Reue gepeinigt.

Als ein Mannhafter und Freier glaubte ich in alte Stätten zurückzukehren, um mir dort ein Leben zu bauen, das meiner würdig und voller Reichtum von außen und innen sei, und wußte nicht, daß ich in mir selber gefangen sei, unfrei zu sein und zu handeln, den Gesetzen nach, die sich mein selbstisches Ich geschaffen hatte eine ganze Jugend hindurch.

* * * * *

Als ich wieder in das alte Haus eintrat, schien mir zuerst alles eng, niedrig und kleinlich zu sein. Ich hatte ein Gefühl wie ein Primaner, der probeweise wieder einmal seine langen Glieder in das winzige Bänkchen der Vorschule klemmt und nicht glauben kann, daß er jemals darin sich habe rühren können. Doch dehnte sich vor meinen Augen, was nur scheinbar so eng gewesen war. Ich sah, daß in den beschränkten Räumen, in denen nur wenige Menschen sich regten, dennoch alle Fäden zusammenliefen, die der menschliche Geist gesponnen hat, und von ihnen wieder hinausgingen in menschliche Herzen und Gehirne, so daß wir eine Art von geistiger Speisekammer oder Apotheke für die Stadt waren, die noch dazu Rat und Anweisung von uns empfing, während das groß angelegte Unternehmen, in dem ich bis jetzt tätig gewesen war, nichts von persönlichem Verkehr mit den Menschen gestattete, sondern wie ein Meer in Flut und Ebbe die Ströme der geistigen Produktion anzog und wieder ausstieß, ohne sich darum zu kümmern, wo der Segen schließlich landete.

Es kam mir aber noch eine andere Seite des beschränkten Arbeitskreises bald zu paß, als ich mit steigendem Behagen bemerkte, wie gut es mir tauge, Lenker und Leiter eines, wenn auch mäßigen Reiches zu sein, nachdem ich dort nur ein Rad in dem großen Getriebe gewesen war. Es ging mir wie Cäsar, der lieber auf jenem Dorfe der erste, als in Rom der zweite sein wollte. Die alte Garde war in den Jahren meines Fernseins stark zusammengeschmolzen, da der Buchhalter gestorben und seinem Freund, dem ältesten Gehilfen, ein kleines Erbe zugefallen war, das er stracks benützt hatte, sich ein freikommendes Buchlädchen in einer naheliegenden Kleinstadt zu erwerben. Nur Herr Frerichs und der rotbärtige Giller, der jetzt die Bücher führte, waren noch alte Bekannte, denen ich mit einer leichten Verlegenheit gegenübertrat, da sie doch geholfen hatten, mich zu meinem Beruf vorzubilden, und ich ihnen jetzt vorgesetzt war. Frerichs begrüßte mich mit der kindlichen Freundlichkeit, die sein trockenes Gesicht je und je durchsonnen konnte, und schien nichts gegen den Wechsel der Dinge zu haben. Ich fragte ihn, ob er wieder etwas geschrieben habe, da lächelte er freudig und verschämt und sagte flüsternd: »Ja; und diesmal ist es etwas nach dem Leben,« worauf er mich erwartungsvoll ansah, bis ich sagte, ich wolle es einmal lesen. Damit war die Freundschaft wieder geschlossen, und ich hatte bei ihm die Bahn frei, während mir von Giller etwas Feindseliges zu kommen schien, nach dem ich aber nun gerade nichts zu fragen, sondern ganz als Herr aufzutreten beschloß, da ich es ja nun einmal zu werden im Begriff sei. Freilich hätte es mir noch viel mehr getaugt, Besitzer, als nur angehender Geschäftsführer zu sein, und ich zerbrach mir vergebens den Kopf, wie das zu machen sei, fand aber keinen Rat dazu.

Auch wartete ich täglich darauf, daß Herr Kasimir mir mitteile, was für dringende und eilige Gründe ihn bewogen hatten, mich schnellstens herbeizurufen. Ich legte mich mit allen Kräften ins Zeug, um ihm zu zeigen, daß ich etwas von den Sachen verstehe, und nahm ihm mit ungeduldigem Eifer eine Funktion nach der andern aus der Hand. Das ließ er auch eine Zeitlang stillschweigend geschehen, mich, wie es mir vorkam, wohlgefällig betrachtend, bis er eines Tages seine endlichen Absichten vor mir ausbreitete.

Oder vielmehr geschah es eines Abends, als wir miteinander von dem schönen Garten in halber Bergeshöhe herabstiegen, den er sich vor kurzem gekauft hatte, um, wie er sagte, als halbalter Privatmann noch etwas zu tun zu haben, wenn ihm nun die Jugend über den Kopf wachse.

Es stand ein hübsches steinernes Gartenhaus an der höchsten Stelle des Gartens, groß genug, um einem nicht zu anspruchsvollen Einsiedler als Wohnung zu dienen, wenn er sich zurückziehen wollte, und mit herrlichem Ausblick auf Stadt und Flußtal mit Bergen und Wäldern.

Aus einem kleinen, heiter ausgemalten Gartensälchen im Erdgeschoß gelangte man auf eine große Terrasse, deren Geländer mit Reben bewachsen war und die aussah, als ob schon manche fröhliche Gesellschaft sich auf ihr versammelt hätte. Sie war auch jetzt schon wieder zu demselben Zweck eingerichtet, und auch heute war ziemlich viel Jugend droben versammelt gewesen und teilweise noch versammelt, als schon die ersten Sterne aus dem dunkel werdenden Himmel auftauchten.

Fräulein Bitterolf -- von der ich nun anfangen muß, zu reden, da sie sich nicht mehr verschieben läßt -- verstand es in der Tat gut, ein Haus zu machen, wie mir Herr Kasimir schon im voraus erzählt hatte. Sie hatte sich nicht sehr verändert, seit ich sie das erstemal gesehen hatte, wenigstens kam es mir so vor. Sie war damals älter gewesen, als ihre Jugend es wollte, und hatte einst dargestellt, was sie heute war: eine gewandte, sicher auftretende Dame von klarem, kühlem Wesen und von ziemlich großen Ansprüchen an das Leben und die Menschen, dabei aber anziehend (wenigstens für mich, aber wie ich sah, auch für andere) durch die vornehm-überlegene Gelassenheit, mit der sie alles handhabte und allem gegenübertrat, und die zu beobachten es mich immerfort reizte. Ich hätte sie einmal mögen aus der Fassung kommen sehen, hilflos oder zornig erregt, oder auch von einem warmen Gefühl durchglüht, so sehr, daß sie es nicht gleich in einem geordneten Register untergebracht hätte. Sie hätte dann überaus anziehend aussehen müssen, denn das Material dazu war vorhanden in gut geschnittenen Zügen, schönen Farben und Formen, dem allem nur eine stärkere Belebung fehlte. Ich mißtraute aber, ob sie diese vielleicht nicht in sich habe und nur verberge, und strich daher fleißig um sie herum, um den Augenblick nicht zu verpassen. Von der verlegenen Scheu meiner halben Knabenjahre war nichts mehr übrig geblieben, das hatte ich mir richtig prophezeit, dagegen merkte ich nicht, was ich jetzt weiß, daß an ihre Stelle eine andere Schwäche getreten war, die ihren Ursprung in derselben Wurzel meines Herkommens hatte, nämlich die Sucht, ihr mein gesellschaftliches Fertiggewordensein unter die Augen zu rücken und sie zur Anerkennung desselben zu nötigen. Sie war auch in ihrer Weise freundlich und sogar ein wenig vertraulich gegen mich, nahm mich hie und da zu kleinen Diensten in Anspruch und unterstützte Herrn Kasimirs Aufforderung, daß ich viel im Hause verkehren möge, auch ohne daß Gesellschaft da sei, so daß ich mir als Günstling vorkam und mir nicht wenig darauf zugute tat. Wenn wir dann in dem großen Wohnzimmer unter den Familienbildern beisammen waren, und Fräulein Bitterolf den Platz einnahm, den sonst Brigitte Hagenau innegehabt hatte, so schien sie mir etwas von der feinen Fraulichkeit, die die Verstorbene ausgestrahlt hatte, an sich zu haben, nur daß sie bei ihr verschlossener und gehaltener war, aber nicht weniger anziehend. Ich dachte, sie werde die Anlagen dazu in sich haben, und es komme nur auf die richtigen Umstände an, daß sie sich entwickeln könnten, was alles mit Maidi zu bereden es mich immer aufs neue antrieb. Doch kam es mir nicht in den Sinn, ihr darüber zu schreiben, sondern es war mir, wenn ich im Geiste lange Reden bei ihr vorbrachte, als wisse sie nun alles und es fehle mir nur der Widerhall.

Auch kam es immer bald wieder anders, und das hätte ich ihr ohnehin nicht geschrieben. Nämlich in Gesellschaft war das stolze Fräulein unversehens wieder kühl und unnahbar gegen mich, ließ sich in feiner und selbstverständlicher Weise von andern den Hof machen, ohne übrigens gefallsüchtig zu wirken, unterhielt sich leicht und gewandt über alle erdenklichen Dinge, und das mit Professoren, Studenten oder älteren Damen, wie es sich begab, und handhabte die Geheimsprache, wie ich es nannte, in einer Weise, die mich zugleich entzückte und zornig eifersüchtig erregte. Ich hatte nun die Gesellschaft, die ich mir immer gewünscht hatte, in ausgiebiger Weise und war in sie eingereiht durch Herrn Kasimirs ganz selbstverständliche und unauffällige Vermittlung. Es ebnete sich alles für mich, ohne daß ich einen Finger dazu zu rühren brauchte, und doch stand mein unersättliches Verlangen immer nach mehr.

Ich dachte viel an Maidi und sehnte mich oft nach ihr, die mir hie und da mitten aus aller freudigen und gedeihlichen Arbeit heraus Grüße schickte, aber daneben nahm die Gegenwart mich mehr und mehr gefangen, so daß ich oft Mühe hatte, mir ihr Bild vor Augen zu stellen und manchmal ihre Gestalt, ihr Kleid oder sonst etwas sah, aber nicht das Gesicht oder im Gesicht nicht die Augen, was mich wunderlich quälte.

An diesem Abend hätte ich sie gern dabei gehabt oder vielmehr sie als von weitem zusehend und hörend gewußt, weil es sich traf, daß ich eine gute Figur machte, wie noch kaum einmal, und ich ihr das hätte triumphierend vorweisen mögen.

Es war ein junger Arzt in der Gesellschaft, der in einer der Kliniken der Stadt als Assistent angestellt war. Ich kannte ihn von früher her aus der Zeit, da die Geschwister Bitterolf zum erstenmal in der Stadt gewesen waren, und wo er an der dortigen Universität studiert hatte. Er hatte sich damals eifrig um die Gunst des Fräuleins Eleonore beworben und es gut mit ihr gekonnt. Seither hatte er sie auch in ihrer Heimat aufgesucht, wie ich erfuhr, und setzte nun, da sie beide wieder in derselben Stadt lebten, den Verkehr mit ihr fort in einem Ton, der mir von Maidi und mir her geläufig war, halb kameradschaftlich, aber mit einem kleinen Anklang von Zärtlichkeit, wenigstens von seiner Seite. Das Fräulein hatte sich gut in der Gewalt, falls sie je etwas Wärmeres für den Mediziner empfand, was mich mehr interessierte und eigentlich auch plagte, als mir zustand, da es mich ja, wie ich mir selber sagte, gar nichts anging.

Er brachte hie und da eine Laute mit und begleitete sich selbst zum Singen kleiner Lieder, die er ohne Kunst und auch ohne viel Stimme, aber mit Lebendigkeit und Wärme vorzutragen verstand und mit denen er ziemlich viel Beifall erntete. Heute war er etwas heiser gewesen und hatte die Bitte der Gesellschaft, etwas vorzutragen, ablehnen müssen, was allgemein beklagt wurde. Da hatte ich mit bescheidener Miene, aber innerlichem Frohlocken, gesagt, vielleicht könne ich in die Lücke treten, da ich auch etwas singe, und allerdings die Laute so meisterhaft zu spielen nicht verstehe, aber doch einige Akkorde dazu greifen könne. Denn das letztere hatte ich kurze Zeit zuvor bei einem Bekannten meines vorigen Wohnorts einige Male geübt aus Lust an dieser Art von Musik.

Es entstand nun ein Staunen, das vielleicht mit etwas Mißtrauen gemischt war, ob ich auch etwas könne, und währenddem nahm ich die Laute und begann ein Lied, von dem soeben die Rede gewesen war, zu singen, ohne Scheu, denn ich wußte, daß ich es konnte und daß ich überhaupt mit dem Gesang auf sicherem Boden mich befinde. Ein erhobenes Gefühl in mir machte, daß meine Stimme gut und ausgiebig klang; ich bekam selber Lust, fortzufahren und wurde darin durch den Beifall der Anwesenden ermutigt, so daß ich auf eine Stunde der Mittelpunkt des Kreises war, was mir außerordentlich wohlgefiel. Besonders das Fräulein Bitterolf sah mich aus großen, erstaunten Augen an und sagte: »Sie verstehen ja Ihre Talente vorzüglich zu verbergen. Haben Sie etwa noch mehr geheime Künste im Hintergrund? Und werden Sie uns diese nach und nach erst zu genießen geben?« Und Herrn Kasimir hörte ich zu seinem Nachbar, einem älteren Gelehrten, der sich hie und da dem mehr jugendlichen Kreise im Garten anschloß, etwas von großen Vorzügen sagen, die an der rechten Stelle sich noch ungeahnt entfalten würden, was ich ohne weiteres auf mich bezog und freudig einheimste, so daß ich selber überrascht war, welch vielversprechender Charakter ich sei. Ich erhob mich auch gleich nachher, von so viel Vorzüglichkeit geschwellt, und sagte, ich bedaure, mich nun entfernen zu müssen, da ich noch im Geschäft die späte Post nachsehen wolle, mit der ich wichtige Nachrichten erwarte, und hatte nun sowohl das Bedauern über mein Gehen, als auch die stumme Hochachtung meiner Tüchtigkeit auf mich zu nehmen, so daß ich förmlich gespreizt den Berg hinunterstieg. Kaum aber war ich einige Schritte vom Gartentor entfernt, als ich Herrn Kasimir hinter mir herkommen hörte, der sich mir anschloß, weil er, wie er sagte, etwas mit mir zu besprechen habe, das er nun nicht mehr hinausschieben wolle.

Er sei von einer doppelten Sorge umgetrieben, der um sein Geschäft und Haus und der um seine Nichte. Oder eigentlich wünsche er eine einzige daraus zu machen, sie wolle sich aber nicht ohne weiteres vereinigen lassen, und er hoffe, ich helfe ihm dabei, was dann wieder zu meinen eigenen Gunsten geschehe.

Er habe, sagte er, sein Vermögen fast ganz im Haus und Betrieb stecken und wünsche es auch darin zu erhalten, da das Geschäft schon so lange in der Familie sei und er es nicht in ganz fremde Hände kommen lassen wolle. Wenn er einen Sohn hätte, läge die Sache einfach, er hätte dann einen natürlichen Nachfolger und wäre aller Sorgen ledig. Da er aber ohne Leibeserben sei, so wolle er wenigstens trachten, die Sache so einzurichten, daß dennoch ein Glied der Familie in dem alten Anwesen sitze. Der Sohn Bitterolf, der Jura studiert habe und durch nichts zu bewegen gewesen sei, in das Geschäft einzutreten, scheide aus, und es sei nur noch die Tochter Eleonore da, auf die er es nun abgesehen habe. Diese sei, wie ich ja sehe, ein etwas verwöhntes Mädchen, das es nicht billig tue mit seinen Ansprüchen, sie dürfe es aber auch sein, da das Leben sie mit allerlei Vorzügen ausgestattet habe, die nur in einer entsprechenden, das heißt reichen und behaglichen Umgebung zur Geltung kämen. Sie habe auch noch andere, mehr innerliche, die sich zu ihrer Zeit gewiß auch entwickeln würden, und sei nicht kalt, sondern nur ihrer niederdeutschen Art nach gehalten und karg mit Gefühlsäußerungen, und es werde sich einer, den sie wirklich liebe, einmal nicht über sie zu beklagen haben. Das alles hätte er mir nicht gesagt, wenn nicht besondere Gründe ihn jetzt dazu getrieben hätten, sondern hätte mir überlassen, es nach und nach herauszufinden. Ich sei ihm lieb wie ein Sohn, und er wünsche, daß ich die Nichte für mich gewinne, wodurch ja dann auch mein eigenes Glück gemacht wäre.

Es sei nun aber eine Störung seines Planes in Gestalt des jungen Mediziners aufgetreten, der Eleonore für sich zu haben wünsche und auch redlich in sie verliebt zu sein scheine. Ob das Mädchen ihn wolle, wisse er noch nicht sicher, doch scheine es ihm so. Er habe an sich nichts gegen den Doktor, möchte aber womöglich die Nichte anders beeinflussen und sage mir das, damit ich das Meinige tue, um den Liebhaber auszustechen, da es ihm vorkomme, als ob ich auch nicht taub gegen ihre Anziehungskraft sei, und da ich neuerdings angefangen habe, mich auch bei ihr ins Ansehen zu setzen, wie er mit Vergnügen sehe. Am besten wäre es, wenn alles schnell geschähe, wozu er, wenn es dann zum Klappen komme, auch das Seinige beitragen werde, und kurzum, er habe nun geredet.

Ich hatte das alles stumm mit angehört und war froh, daß es dunkel war, so daß Herr Kasimir mein Gesicht nicht sehen konnte, denn wir hatten den weiteren Heimweg durch eine lange Platanenallee eingeschlagen, in deren Schatten wir nun hingingen.

Doch hörte er mich, als er aufgehört hatte, ein paar schwerere Atemzüge tun als sonst und fragte mich, da ich nicht antwortete: »Oder sind Sie am Ende schon anderweitig gebunden? Das wäre freilich schade, denn es würde alles ändern von Grund aus.«

Ich sagte beklommen, nein, ich sei nicht gebunden, es sei mir nur alles überraschend und neu, und Herr Kasimir redete mir wohlwollend zu, mir die Sache zu überlegen.

Er mochte den Eindruck haben, daß ich von dem Glücksfall, den das Anerbieten für mich bedeute, ein wenig überwältigt sei, und daß es besser sei, wenn er mich nun vorläufig in Ruhe lasse, damit ich mit mir selbst ins reine komme; so verließ er mich, und ich setzte meinen Weg allein fort. Das Geschäft aber und die späte Post kam mir für heute nicht mehr in den Sinn.

* * * * *

Ich will nun nichts beschönigen von dem, was an diesem Abend und in den Tagen, Abenden und Nächten der folgenden Zeit in mir geschah. Wie könnte ich es auch, da doch das Liebste, Holdeste und Echteste, was in mir war, dabei unterlag, obgleich es sich wehrte, wie ich meinte. In Wahrheit hatte ich es ja schon verraten, als ich auf Herrn Kasimirs Frage, ob ich schon gebunden sei, mit nein antwortete, wenn ich es auch nicht tatsächlich war. Nicht gegen ihn, sondern gegen mich selbst hatte ich Maidi verleugnet, und als ich unter den dunklen Bäumen hinging, klopfte mir das Herz hart und stark, als ob ich mich schon entschieden hätte ohne alles Nachdenken, dem Schicksal oder dem, was sich dazu aufwarf, zu folgen, und als ob ich nun nicht mehr zurück könnte, obgleich mich eine zärtliche und lebensvolle Stimme riefe.