Ludwig Fugeler: Roman

Part 18

Chapter 183,861 wordsPublic domain

Ich sah auf einmal Maidi vor mir stehen wie ein Paradiesgärtlein, in das durchaus nicht jeder eintreten durfte, aber das in aller Stille für mich erblühte, so unbegreiflich es eigentlich war. Es wurde mir heiß dabei, aber auch seelenwohl, und ich machte unwillkürlich einen Schritt vorwärts, auf Maidi zu, denn da war kein Überlegen, ich wußte plötzlich alles von ihr und von mir; es war wie vom Himmel gefallen. Sie sah aber meine Augen, in denen das neu erwachte Leben freudig und stürmisch loderte, und beugte sich, noch tiefer erglühend, über eine offene Truhe, in die sie die Mappen legte. Das dauerte eine ziemliche Weile, dann sagte sie, ohne sich umzusehen und eifrig beschäftigt dem Anschein nach: »Jetzt wird einmal vor allen Dingen das Examen gemacht, dann sieht man weiter. Man muß sich in der Hand behalten und wissen, was man will; dann ist es immer noch Zeit, ja zu sagen.« Das sollte freilich dem Professor gelten mit seiner Stelle, aber mir machte sie nichts mehr weis. Es mußte heißen: »Warte noch ein Weilchen, frage mich jetzt nichts, denn im Augenblick ist nicht Zeit dazu.« Sie wollte selber etwas sein, wenn sie sich hingab, etwas Ganzes und Fertiges, denn sie hatte ihren Stolz und ihre Arbeit darangesetzt, und wer sie bekam, der mußte froh sein an ihrer Liebe und ihrem blühenden Leben und selber auch Liebe und Leben hergeben; um anderes ging es nicht bei ihr. Es war begreiflich, und man mußte ihren Willen ehren, aber so sehr ich vorhin die Freiheit gepriesen hatte, so fiel es mir doch sauer, daß Maidi sich ihrer jetzt bediente. Ich hätte sie gerne leise in den Arm genommen und geküßt und mußte mich doch still halten. Es sang und musizierte aber in mir, wie noch nie zuvor.

Darauf brachten wir noch einmal ein erträgliches Gespräch zustande. Maidi mußte schon in acht Tagen abreisen und hatte vorher noch alle Hände voll zu tun mit Vorbereitungen. Sie freute sich auf die Arbeit; es wurde ein Gartensaal ausgemalt, dessen Schmuck, vom Professor entworfen, von den Schülern ausgeführt werden sollte. Und es gab eine heitere Gesellschaft von jungen Leuten, die zusammen arbeiteten den Sommer lang. Aber ich hatte keinen Teil daran, sondern mußte allein in der Stadt zurückbleiben, die mir öd und ausgestorben vorkam, wenn ich nur daran dachte.

Ich sagte bedrückt, am liebsten möchte ich auch gleich abreisen und meine neue Stelle antreten, es sei dann ohnehin nichts mehr hier. Da lachte Maidi und fragte mich, ob ich denn schon entschieden sei und ob ich denn nicht vielmehr noch eine Zeitlang in der schönen Entschlußfreiheit leben wolle? Und wie es dann im Herbst wäre, wenn sie zurückkäme? Da würde dann wohl die Stadt auch ausgestorben sein. Ich sagte, wie es im Herbst werde, das komme noch auf sie selber an; es müsse ja nun vor allem, wie ich habe sagen hören, das Examen gemacht werden, und sie könne dann auch immer noch hingehen, wo sie wolle. Das alles brachten wir im heiteren Ton der Neckerei vor, wie sie manchmal zwischen uns hin und her ging, aber wir waren nicht frei dabei, denn auf einmal stand Trennung und Abschied zwischen uns, und wir waren noch gar nicht beisammen gewesen. Ich machte bald, daß ich fort kam, denn ich war es nicht gewöhnt, mich zu beherrschen, und es ging zu vieles zu stark in mir um.

In der Nacht fiel es mir noch ein, daß ich Maidi am nächsten Sonntag ein gutes Stück weit begleiten konnte über einen Gebirgskamm hinüber und bis an eine kleine Station, von der sie dann an die Hauptbahnlinie gelangen und zu ihren Gefährten stoßen konnte. Ich stand auf und suchte auf der Karte und mit dem Wanderbuch den Weg und wäre am liebsten noch einmal ausgegangen, um es Maidi durchs Fenster zuzurufen. Aber es schlug zwölf Uhr, und sie war nicht Olbrich, sondern ein feines und köstliches und vornehmes Frauenwesen, das jetzt hinter zugezogenen Vorhängen schlief und nicht auf Pfeifen ans Fenster kam.

Also behielt ich meinen Vorsatz bei mir und schlief auch mit ihm ein, so daß es weiter nicht verwunderlich war, daß auch meine Traumgebilde auf Wanderfüßen gingen. Sie führten mich aber nicht in die dortige Gegend, sondern auf einen Berg bei uns daheim und auf einen grasigen Platz, wo ich folgendes Schauspiel hatte: Es stand eine hohe und dunkle Tannenfront da, die den Weg begrenzte. Die Bäume waren aufrecht und in Reih' und Glied gestellt, sie konnten sich nicht mucksen. Aber an ihnen vorbei trippelten mit zierlichen Schritten schlanke junge Birken in weißen Kleidern und mit grünen Seidentüchern, die leicht um sie herumwehten, und lachten mit ganz hellen und hohen Stimmen, so daß es mehr gesungen als gelacht war. So gingen sie an den dunklen Bäumen vorbei, die sich nicht rühren konnten. Es waren aber eigentlich Männer, die ums Leben gern die feinen Mädchen, die die Birken eigentlich waren, zum Tanzen aufgefordert hätten. Sie zwirbelten ihre Bärte mit düsteren Gesichtern und ließen die Augen herumlaufen, als wollten sie sagen: Wartet nur, bis wir dann nachher aufgewacht sind. Da wollen wir euch schon kriegen. Aber die Birken schwänzelten weiter, nur die größte und schönste blieb ruhig stehen und ließ ihre Schleier wehen. Da war es auf einmal Maidi und winkte mir mit der Hand zum Mitkommen. Aber ich konnte nicht zu ihr und sie nicht zu mir, und sie nickte mit dem Kopf. »Ich bin gewiß nicht schuldig,« sagte sie zärtlich und traurig und hatte die leuchtenden Augen voller Tränen.

* * * * *

Wenn ich nun den letzten Tag beschreiben will, den ich mit Maidi erlebte, so zittert mir aufs neue das Herz, und ich weiß nicht, ist es mehr die Wonne, ihn erlebt, oder die Trauer, ihn nicht genützt zu haben, was mich im tiefsten bewegt. Doch kann man beides nicht auseinander halten; es ist ineinander verflossen und läßt sich nicht trennen. Auch habe ich mir vorgenommen, mir in diesen Blättern das Wort der Selbstbespiegelung und der Klage abzuschneiden, so oft es sich auch hervordrängen will. Denn was mache ich anders damit? Und liegt es nicht an mir, vergangene Lieblichkeiten und Schmerzen, die sich stets erneuern, zu nützen, so daß noch eine späte Ernte daraus hervorgeht?

Maidi war auf dem Weg, den sie mit leichten Schritten und wie beschwingt neben mir beging, von der goldensten Laune und glich so recht dem Frühlingstag, der über uns blaute, und der alles sprossen und blühen ließ, was nur im Lichte webte und sich drängte. Sie schwang ihren Wanderstab wie eine glückspendende Göttin oder Fee ihr Zauberstäbchen, und überall, wo er seine Kreise zog, lagen Sonnenlichter auf dem Boden, wehte ein leichtes, frisches Lüftchen um uns her und rauschten klare Brunnen oder blühende Bäume uns entgegen. Sie war so voll freudigen Überschwangs, daß sie jedem Begegnenden ins Gesicht sah mit sonnigem Lachen und ihn grüßte, Mann, Weib oder Kind, und jeder, ob es auch der griesgrämlichste Gesell gewesen wäre, dankte ihr, freilich mehr oder minder freundlich, und sah ihr mit zurückgebogenem Kopfe nach, was ich alles aufs genaueste beobachtete und einheimste wie einen Zoll, dessen Ertrag nun für eine Zeitlang meinen Lebensunterhalt bilden mußte. Ich war ein wenig schwermütig aufgestanden an diesem Morgen, weil mir die nächste Zeit in gähnender Leere zu liegen schien, und vielleicht hätte ich auf dem Weg meine sentimentale Stimmung weiter gepflegt, aber das war nicht möglich neben dem freudigen Leben, das erwartungsvoll in den Tag hinein schritt und doch auch ganz hier zur Stelle war, um nichts zu versäumen. Wir gerieten, als wir an verschiedenen Bauernhöfen vorbei, die übereinander an einem Bergabhang lagen, die Höhe erklommen hatten, und nun auf einem leicht gewellten Gebirgskamm dahinschritten, in ein trauliches und ausgiebiges Geplauder, wie wir es unter den mancherlei Stürmen der letzten Zeit schon lang nicht mehr geübt hatten, und besonders Maidi brachte alles Mögliche hervor, das sie gedacht, erlebt und geträumt hatte. Wenn ich heute noch einmal denselben Weg gehen sollte, wozu ich mich bis jetzt nicht aufgeschwungen habe, und was ich auch nicht so leicht tun werde, so könnte ich sicher noch aus der Erinnerung sagen: Das haben wir an der alten hohlen Eiche geredet, und das bei dem Wegkreuz mit der seltsamen Inschrift, dies an der Aussichtsstelle in das wildromantische Felsental, und dies, als wir an der halbzerfallenen Holzknechtshütte vorübergingen. Es wären alle diese Orte wie Blätter eines Buches, dessen Lettern im Dunkeln frisch und neu geblieben sind; aber ich brauche nicht darin zu lesen, denn ich kenne die Geschichten, die darin stehen, aus- und inwendig.

Maidi hatte auf dem Ausflug, den sie mit der Pfarrerswitwe gemacht hatte, in deren früherer Heimat einen Bauersmann kennen gelernt, einen entfernten Verwandten der Pfarrfamilie, die auch aus bäuerlichen Verhältnissen stammte. Sie mußte es dem ernsten und schweigsamen Mann, der ein Witwer war und allein mit einer alten Magd lebte, durch den Liebreiz und die offene Zutraulichkeit ihres Wesens angetan haben, so daß er ihr ein leidvolles Stück seiner Lebensgeschichte erzählte, die sie mir nun wiedergab. Wenn ich sie jetzt aufschreibe, so geschieht es, daß ein Menschenleben, das sonst wohl schon vergessen wäre oder es doch bald sein würde, noch einmal eine kleine Wellenbewegung macht auf der Oberfläche des Stromes, der uns alle mitnimmt, was vielleicht mir einmal nicht geschieht, wenn ich vergangen sein werde. Wer weiß?

Der Bauer war der ältere Sohn seines Vaters gewesen, oder vielmehr längere Zeit der einzige, und hatte sich als solcher schon im Besitz des Hofs gesehen, an dem er mit allen Eigentumsgedanken und Gefühlen hing, als nach einer Reihe von Jahren noch ein Nachzügler erschien und das ganze Zukunftsbild durch sein bloßes Erscheinen auslöschte, da in jener Gegend die Erbschaftsgebräuche dem Jüngsten den Besitz zusprachen, während die älteren Kinder anderweitig abgefunden wurden. Diese feststehende Regel umzustoßen, konnte niemandem einfallen, sie war durch das Herkommen geheiligt und wurde so wenig angetastet wie das Erbfolgerecht eines regierenden Hauses. So sah der Älteste bereits den Tag vor sich, an dem er den geliebten Hof verlassen mußte, um irgendwo anders unterzukommen, sei es durch Einheirat oder durch das Erlernen eines anderen Berufes, falls er nicht als Knecht dem Bruder dienen wollte, was ihm alles gleich schrecklich war. Er warf im stillen einen Haß auf den Bruder, den er aber so gut als möglich zu verbergen und auch zu überwinden trachtete, wovon ihm aber nur das erstere gelang, und auch das nicht immer. Der Kleine, der ein schönes und zutrauliches Kind war, hing an dem großen Bruder und ging ihm auf Schritt und Tritt nach, obgleich dieser ihn kalt und oft abstoßend behandelte; das schien ihn nur noch mehr zu reizen, sich seine Liebe zu erringen. Der Ältere wurde auch manchmal gerührt, wenn der kleine Lockenkopf sich an ihn drängte und ihn liebkoste, aber mitten drin kam wieder der Groll über ihn, daß dieser Blondkopf ihm durch sein bloßes Dasein die Heimat nehme, und er wurde von dunklen Gewalten umhergerissen, die ihn allmählich so in die Hand bekamen, daß er den Tod des Bruders wünschte.

Es begab sich nun das Unglück, daß dieser Wunsch erfüllt wurde, und zwar durch seine eigene schuldig-unschuldige Hand, indem ein Gewehr, mit dem die beiden Buben spielten, und das sie für entladen hielten, losging und den Kleinen niederstreckte, ohne daß dieser noch einen Laut von sich gab. Der Große war durch diesen erschütternden Vorfall plötzlich im Tiefsten wach geworden und sah sich als den Mörder seines Bruders an, der er ja freilich auch war, wenngleich nicht mit Willen im Augenblick des Geschehens, aber hundertfältig in Gedanken und Wünschen. Er verfiel in eine schwere Gemütskrankheit, von der er nur langsam genas, und von der ihm immer ein Rest dunkler Melancholie zurückblieb, auch als er dann in den Besitz des gewünschten Erbes kam, das ihm nun ein Reichtum und eine Armut zugleich war. Er heiratete eine Bauerntochter, die ihm sein Vater aussuchte, und neben der er gleichgültig hinlebte, ohne zu sehen, daß sie ihm mit aller Frauenliebe anhing. Wenn er etwas wünschte, so war es ein Erbe, und auch diesen begehrte er nur um des Hofes willen, der nicht in fremde Hände kommen durfte. Als er nun nach einer Reihe von Jahren erschien, starb die Mutter, die mit dem Sohn die Liebe ihres Mannes zu erwerben gehofft hatte, hinweg, und auch hier war es so, daß diesem erst die Augen aufgingen, als sie ihm sterbend sagte, wie sehr sie ihn geliebt habe. Er wollte nun aber nichts mehr versäumen in seinem Leben und nahm sich vor, dem Sohn ein so guter Vater zu sein, als irgend möglich, und auch nicht mehr zu heiraten, um nicht von neuem den schweren Konflikt in ein Gemüt zu werfen, das von sich aus schuldlos ins Leben hineinging, und das hier vor ihm in der Wiege friedlich schlummerte. Aber als das Bübchen die Augen aufheben sollte, fand es sich, daß sie blind waren, und so schloß nun auch dieser teuer bezahlte Reichtum eine Armut ein. Doch blieb der Vater dennoch seinem Vorsatz getreu und lebte für den Sohn, der ein feines, zartes und reich veranlagtes Kind und trotz des großen Mangels in seinem Dasein von einer sonnigen Heiterkeit war, wovon der Vater manche Züge zu erzählen wußte. Die Sonne habe der Blinde, der sie nur vom Hörensagen kannte, innig geliebt und Gesicht und Hände ihren Strahlen ausgesetzt, auch die Arme ausgebreitet, um sie zu umfangen, und wenn sie nicht gekommen sei, so habe er sehnlich auf sie gewartet. Wie die meisten Blinden war er musikalisch und spielte mit seinen feinen, beweglichen Händen leise, träumerische Melodien auf dem Harmonium, das der Vater ihm kaufte, so daß es rührend und erbaulich anzusehen und zu hören gewesen sei. Er habe auch eine sonderbar wohlklingende, weiche und doch volle Stimme gehabt, die schon beim Sprechen wie eine Melodie gewesen sei. Mit dieser Stimme habe er Menschen und Tiere gewonnen, so daß er aller Liebling gewesen sei. Gerade diese Stimme sei aber auch sein Verhängnis gewesen, wie denn (wie der nachdenkliche Bauer sagte) jeder sein Schicksal und auch seine Todesart in sich trage, er brauche nicht viel hinzuzutun.

Es war nämlich auf dem Hof ein wilder, störrischer und gefährlicher Zuchtfarren, den zu bändigen, wenn er in der Hitze war, niemandem gelingen wollte, so daß man schon verschiedene Male seinen Tod beschlossen hatte und ihn nur immer wieder behielt, weil er von vorzüglicher Rasse und zur Zucht besonders geeignet war. Wunderbarerweise ereignete es sich, daß, als der kleine Blinde einmal in die Nähe kam und vor den Augen des entsetzten Vaters auf das um sich stoßende Tier zuging, ehe dieser es hindern konnte, der Bulle durch die sanfte und helle Kinderstimme beruhigt wurde und sich sogar von den kleinen Händen streicheln und führen ließ. Das alles war noch nie erhört und ging von Mund zu Munde, so daß das blinde Bübchen eine Art Sehenswürdigkeit wurde und zum Wundertun ausersehen von vielen, denen das, was da und wirklich war, noch nicht genügte, sondern nur ein Angeld und eine Verpflichtung auf Ferneres schien.

Diese kamen aber nicht auf ihre Kosten, sondern als man das blinde Kind nach öfterem Gelingen des seltsamen Versuchs allmählich mit dem Stier umgehen ließ wie mit einem gänzlich unterjochten Feind, ohne genaueste Aufsicht, wurde es zur bösen Stunde von ihm totgedrückt. Es habe noch einen hellen Aufschrei getan und sei tot umgefallen. Der Stier aber sei darauf in solche Raserei geraten, daß man ihn schleunigst habe erschießen müssen; er sei mit einem dumpfen Brüllen in sich zusammengestürzt und habe also leben müssen, bis er sein Werk getan habe.

Das alles habe der Bauer als etwas jetzt Fernliegendes und doch stets Gegenwärtiges ruhig und mit tiefer Stimme erzählt und dabei mit seinen stahlblauen Augen unter weißen, buschigen Brauen wie in eine große Weite gesehen. Maidi habe ihn teilnehmend gefragt, ob er sich vielleicht damals wieder habe Vorwürfe machen müssen, daß er den Stier nicht früher erschossen, das Kind nicht ängstlicher behütet habe. Darauf habe er erwidert, nein, sondern es sei ihm auf einmal aufgegangen, daß alles geschehe, wie es sein müsse, doch aber so, daß der Mensch trachten müsse, aus aller seiner Schuld und dem Bösen, das in ihm sei, und aus dem Unglück, das ihm widerfahre, wenn auch durch eigene Mängel, das Beste zu machen und noch etwas zu tun oder zu werden, was ohne das nicht geschehen wäre. Man dürfe sich natürlich den Schmerzen, die das alles mache, nicht entziehen wollen, denn dann geschähe erst das eigentliche Unglück, ja das Verderben, nämlich das Versinken in Stumpfheit und Gleichgültigkeit, worin dann die Seele ersticke. Ihn habe das schwere Leid seines Lebens aus dem Niederen erlöst, und er beklage sich nicht. Vielmehr habe er Gott von Angesicht gesehen und seine Seele sei genesen.

Das alles erzählte Maidi mit der staunenden Verwunderung, mit der sie es das erstemal mochte vernommen haben, und setzte leise erschauernd hinzu: »Ach, wenn es doch anginge, daß man, ohne schuldig zu werden und ohne solche Abgründe in sich und im Leben zu entdecken, dennoch ein guter und gottgefälliger Mensch werden könnte! Denn das möchte ich, aber vor Schmerzen und besonders vor solchen, die aus eigener Schuld kommen, fürchte ich mich entsetzlich.« Sie sah mich fragend und von plötzlicher Kümmernis befallen an und sah dabei so unendlich unschuldig und lieblich beseelt aus, daß ich, obgleich mir ähnliches durch den Sinn gegangen war, doch eifrig und hingerissen versicherte, es gebe auch Menschen, die ganz lauter und schuldlos durchs Dasein gehen, und die man gerade wie sie seien lassen müsse als Beweise des Guten an sich und als Herz-und Augenweide für die andern. Das alles wußte ich zwar nicht aus Erfahrung, aber es fiel mir ein, es zu sagen, und ich mag Maidi dabei entzückt und belehrend zugleich angesehen haben, so daß sie, die ein so starkes Gefühl für das Komische hatte, plötzlich anfing, zu lachen und, aber mit einem kleinen Seufzer dazwischen hinein, sagte: »Ach, ich glaube, wir müssen es abwarten. Sagen Sie aber noch mehr solche weisen und angenehmen Sachen; sie freuen mich inzwischen, bis ich dann sehen werde, wie es weiter geht.«

Wir kamen aber beide noch nicht so schnell von der Geschichte weg und hielten uns besonders damit auf, uns das Unglück des Blindgeborenseins so recht innig vorzustellen, um dann desto wonnevoller unsere hellen Augen in der lichten Welt herumzuschicken, deren Höhen und Weiten vor uns ausgebreitet lagen. »Ich will es einmal versuchen,« sagte Maidi träumerisch, »mir vorzustellen, ich sei blind. Nur eine kleine Weile, fünf Minuten lang. Freilich hätte ich dann immer noch viel vor dem blinden Bübchen voraus, das die schöne Welt nie gesehen hat, während ich mir dreiundzwanzig Jahre lang Vorrat gesammelt hätte für dunkle Tage.«

Sie schloß die Augen und ging mit tastend ausgestreckten Händen, deren eine ich als Führer erfaßte, auf dem moosigen Pfad weiter, während sie offenbar alle Qualen eines, der das Licht nie mehr sehen kann, sich vorzutäuschen suchte, denn ihr Gesicht wurde merklich blässer, und ihre blühenden Lippen zitterten. Sie atmete hörbar und fragte nach einer kleinen Weile: »Sind denn die fünf Minuten noch nicht um?« Es waren aber erst zwei, und ich riet ihr, doch die Augen aufzumachen, da es schad um jeden Augenblick sei, den man sich trübe. Aber sie schüttelte den Kopf und wollte ihren Vorsatz durchführen, und dabei faßte sie meine Hand fester, um einen sicheren Halt zu haben. Ich aber sah ihr voll in das liebe und schöne Gesicht, und es zog mich unsäglich, es zu küssen, jetzt, da die Augen nicht darüber wachten. Aber ich durfte es nicht tun, und aus Rache und um mein Vergnügen bei der Sache zu haben, schlug ich mit der vorsätzlich Blinden einen düsteren Seitenweg ein, der schmal und dunkel zwischen hohen Tannen hinging, so daß sie, als ich nun den Ablauf der fünf Minuten ausrief, entsetzt die aufgeschlagenen Augen im Halbdunkel umhergehen ließ und vielleicht in den ersten Sekunden fürchtete, zur Strafe für das Spiel mit der Blindheit nun an den Augen gelitten zu haben. Es ging zwar diese Angst gleich vorüber, aber Maidi sagte, als sie wieder im vollen Lichte stand, tief atmend: »Ich tue es nicht mehr. Es ist zu schrecklich. Ich habe es alles durchgelebt in den paar Minuten und dabei das Gefühl gehabt, ich sei selber schuldig, so daß ich nun schon ein bißchen weiß, wie es ist, wenn man ein schlechtes Gewissen hat im Unglück.« Sie breitete wie zur Entsühnung ihre Arme aus und hob die beiden und auch das Gesicht der vollen Sonne entgegen, wie um sich dem Licht wieder in die Arme zu werfen, das sie einen Augenblick verleugnet hatte. Da sah ich erst, wie gesund, unverstellt und lauter sie von Grund aus war, und spürte mit einer zornigen Verlegenheit, wie wenig ich selber neben ihrer klaren Einfachheit bestehen könne. Ich hatte freilich auch schon oft genug ein schlechtes Gewissen gehabt, aber die Ursachen dazu hatten anders ausgesehen.

Wie nun Maidi ihre Hände ausreckte und eine kleine Weile in der sonnigen Helle badete, kam ein schöner Zitronenfalter durch die Luft dahergetaumelt und setzte sich auf das ausgebreitete, rötlich durchleuchtete Stück Leben, das er für eine schöne Blume halten mochte. Er blieb auch ruhig sitzen, als Maidi entzückt und vorsichtig ihre Hand zurückzog, und ließ sich ein Stück weitertragen, flog dann auf, um zwischen den Bäumen umherzuwirbeln, und kam noch einmal an seinen wandelnden Ruheort zurück, bis er an einer blühenden Waldwiese seine rechte Heimat und Atzung fand. Dieses kleine Erlebnis gehört zum letzten, dessen ich mich von dem sonnigen Tag entsinne. Unser Weg neigte sich abwärts, und wir sahen schon von weitem die Schienen der Eisenbahn in der Sonne blitzen und hörten das Fauchen der Schnellzugslokomotive, die an der kleinen Station vorüberjagte. Wir stiegen den schmalen, trockenen Fußweg hinunter, neben dem schon der Ginster zu blühen anhob, hörten Lerchen singen und sahen weiße Wolken im Blauen dahinziehen und erschraken plötzlich vor der Nähe des Abschieds, denn es war auf Monate, wie wir meinten, und schon das schien uns lang genug. Ich beklagte mich plötzlich wieder über den leeren Sommer, den ich vor mir hatte; und Maidi sagte: »Aber wir haben ja doch beide unsere Arbeit.« Sie meinte etwas Tröstliches damit zu sagen, und zwar, wie ich wohl sah, so gut für sich als für mich. Aber sie forderte meinen Widerspruch dadurch heraus, denn es konnte kein Vergleich sein zwischen uns, da sie ihre Arbeit liebte und die meinige mich gleichgültig ließ, und da sie außerdem Maidi bei sich hatte, die ich entbehren mußte. Das brachte ich ein wenig störrisch heraus, denn es war mir in der Tat nicht freudig zumute, aber Maidi fing über die letztere Begründung so hell und sonnig an zu lachen, daß ich wider Willen, wenn auch etwas knurrig, mitlachte, und in diesem Augenblick kam der Zug, der an der kleinen Station ganz kurz anhielt, so daß Maidi noch lachend einstieg, so wenig es ihr vor ein paar Minuten drum gewesen war. Ich brauche manchmal eine Weile, bis ich den Grund einer Fröhlichkeit erfasse, die ich an andern sehe und höre; es ist dies bei mir, was man eine lange Leitung nennt, und so merkte ich erst, als Maidis helles Gesicht und flatterndes Tüchlein undeutlich zu werden und zu verschwinden begann, daß ihr Lachen vom hohen Glück selber eingegeben war; denn ich hatte ihr in meiner augenblicklichen Verdrießlichkeit deutlicher als es sonst meine Art war, gezeigt, wie köstlich es mich dünkte, bei ihr sein zu dürfen.

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