Part 20
Wenn ich den Zustand jener Tage schildern wollte, so müßte ich bekennen, daß es nicht ein Auf und Ab oder einen Kampf zwischen hohen und niedrigen Geistern in mir gab, sondern nur etwa einen Streit von frohen und traurigen Gefühlen. Es schmerzte mich wohl heftig, daß ich nicht beides beisammen haben konnte, was mir begehrenswert und wichtig war, doch glaube ich nicht, daß ich jemals schwankte, was ich wählen würde, wenn ich es mir auch zuweilen vortäuschte. Im Grunde wußte ich wohl, daß ich mir die sichere Aussicht auf eine stattliche, mit Behagen, Schönheit und Ansehen verknüpfte Lebenslage nicht würde entgehen lassen, ja es schien mir sogar männlich und zielbewußt, daß ich es nicht tat. Ich könnte vieles nennen, was ich mir an guten Gründen für meine Handlungsweise vorredete, unter anderem auch das, daß ich Herrn Kasimir gegenüber Verpflichtungen hätte, da er mir so sorglich und väterlich gesinnt sei, doch will ich es mir nicht antun, noch einmal alle Geister der längst vergangenen Zeit, die immer noch zuweilen Macht haben, mich zu überfallen, heraufzubeschwören. Es ist genug, daß ich nichts von allem ungeschehen machen kann, was ich tat und in was ich jetzt hineinging.
Als ich Eleonore, wie ich sie jetzt kurzweg nennen will, zum erstenmal wiedersah, ein paar Tage nach der Unterredung mit Herrn Kasimir, hatte ich bereits so viel über das neue Verhältnis nachgedacht, in das ich zu ihr zu treten bestimmt schien, daß es mir nicht mehr ganz überwältigend war, mir vorzustellen, ich könnte sie einmal mit du anreden, könnte sie am Arm durch die Straßen führen, ihr am Tisch als Hausherr gegenübersitzen und dergleichen, was mir alles, als ich es zum erstenmal in Gedanken übte, so unwahrscheinlich vorgekommen war, wie daß die steinerne Justitia am Rathaus von ihrem Sockel herabstiege und sich zu mir auf das Sofa setzte. Ich mußte freilich sagen, daß sich meine Gedanken noch mehr als mit ihr selbst mit der allgemeinen Lebensveränderung befaßt hatten, die mir die Verbindung mit ihr bringen würde, da ich nicht in sie verliebt war und nur nicht hatte leiden wollen, daß sie hochmütig über mich hinweg sähe.
An diesem Abend, dem ich immerhin mit einigem Herzklopfen entgegengesehen hatte, schien sie mir aber in etwas verändert zu sein gegen sonst, so daß ich den Vorsatz, ihr kühn und selbstbewußt entgegenzutreten, den ich mir im stillen zurechtgelegt hatte, nicht recht ausführen konnte. Sie hatte etwas Müdes in Gesicht und Haltung, das ich noch nie an ihr gesehen hatte, und das aussah, als ob sie von ihrer Damenhaftigkeit ein wenig ausruhe im Familienschoß. Es konnte aber auch sein, daß sie irgend ein Leiden hatte, das sie innerlich quälte, ja es schien mir sogar wahrscheinlich, wenn ich nach ihren Augen sah, die vielleicht im Verborgenen geweint haben konnten, dem feuchten Glanze nach, den sie ausstrahlten. Das alles zusammen machte, daß ich keinerlei Minen springen ließ, sondern mich einfach und bescheiden benahm mit rücksichtsvoller Höflichkeit, was dann wieder sie an mir nicht gewöhnt war, so daß wir einander gegenseitig neugierig und erstaunt betrachteten und dachten: Aha, so kannst du also auch sein? Ich muß sagen, es gefällt mir an dir, und vielleicht hast du noch mehr dergleichen im Hintergrund. Oder wenigstens ich dachte so.
Wir waren nur zu dreien. Herr Kasimir saß zufrieden lächelnd in seinem Sessel und ließ sich von der Nichte töchterlich bedienen, so daß wir schon wie eine kleine Familie aussehen konnten. Ich wurde auch gebeten, zu singen, und als ich mich wehrte, da ich ja keine ausgebildete Stimme habe und neulich nur mit kleinen Volksliedchen in die Lücke getreten sei, sagte Eleonore lächelnd: »Das sagen Sie zu spät, denn es ist nun schon am Tage, daß Sie singen können, es wird Ihnen nicht mehr geschenkt,« und Herr Kasimir ermahnte mich, nicht über das erlaubte Maß bescheiden zu sein, sondern mein Licht auf den Leuchter zu stellen, so daß es mir wind und weh wurde vor lauter Wohlsein. Das Fräulein schlug vor, mich auf dem Klavier zu begleiten und belehrte mich in so wenig schulmeisterlicher Weise, ja in einer fast demütigen Liebenswürdigkeit über gewisse Schwierigkeiten an den Liedern, die sie mir zu singen vorschlug, daß ich dachte, sie werde bereits zahm, was mir aber nicht erstaunlicher war als der ganze Zustand, der mich umgab, und der einer gebratenen Taube glich, die mir in den Mund geflogen kam.
Ich will es nun kurz machen. Ich gewann, durch leicht errungene Erfolge geschwellt und ermutigt, stets wieder neue, und zwar sowohl in der Gesellschaft, in der ich mich so leicht bewegte wie ein Seiltänzer, aber mit der Miene und Haltung des gediegenen Geschäftsmannes, als auch, eben dadurch unterstützt, bei der Dame. Sie wechselte zwar in jener Zeit oft die Stimmung und schien sich nicht leicht zu ergeben, kam aber doch immer wieder mit liebenswürdigen und angenehmen Zügen zwischen der Kühle und Unnahbarkeit ihres Wesens heraus, so daß ich dachte wie einst bei Maidi: Mir machst du nichts mehr weis. Ich glaubte allmählich den Mediziner in Wahrheit auszustechen und war nicht wenig eitel darauf. Eines Tages verschwand er auch von der Bildfläche, um, wie ich hörte, einen Urlaub anzutreten, und ich machte mich darauf gefaßt, nun den großen Schritt wagen zu können.
Es war auch nötig, daß es geschah, denn es hatte sich meiner eine Unruhe bemächtigt, die ich mir selber nicht gestand, die mich aber besonders bei Nacht überfiel, so daß ich anfing, schlecht zu schlafen, was mir noch nie geschehen war, so lange ich denken konnte. Um dem zu entgehen, gewöhnte ich mir an, sehr spät nach Hause und ins Bett zu gehen. Ich blieb bis tief in die Nacht im Geschäft, wo ich aber nicht etwa angestrengt arbeitete, sondern irgend etwas zu lesen oder zu studieren versuchte, was mir oft gelang, oft auch nicht, so daß ich bleich auszusehen und für einen spekulativen Kopf zu gelten anfing, ohne daß ich etwas Besonderes geleistet hätte.
Herr Kasimir nahm mich eines Tages auf die Seite und ermahnte mich, es mir nicht zu schwer zu machen, da es nicht nötig sei, ich werde, so viel er merke, keinen Fehlantrag stellen. Denn er meinte, ich plage mich als ein unglücklicher Verliebter mit mir herum, dem es an Selbstvertrauen und Mut gebreche, hervorzutreten. Es war aber ein wenig anders. Doch hatte sein Anstoß, wie schon ein paarmal in meinem Leben, Erfolg bei mir. Ich dachte, es würde alles anders und besser, wenn die Sache einmal im reinen wäre, und wenn ich mich vor mir selber mit meinen geteilten Gefühlen und Gedanken in die kühle und klare Ruhe Eleonorens flüchten könne.
Es kam aber noch etwas anderes dazu, daß ich es tat, etwas, das mich ebensogut hätte von der begonnenen Bahn zurücktreiben können, wenn ich nicht schon das weitaus größere Übergewicht meines Begehrens und Wollens auf diese Seite gelegt gehabt hätte. Es war ein Brief von meiner Schwester Luise, die mich mit herzlichen und freundlichen Worten schalt, daß ich so lange nichts von mir hören lasse, da sie doch zu Hause mit Stolz und Freude meine Schritte in Gedanken begleiteten. Sie nannte, wie immer, wenn sie etwas so recht innig bewegte, den Namen meiner Mutter und schrieb, es sei doch ihr Segen über mir; sie habe sich so viel darum gekümmert, daß es gut mit mir komme, wie würde sie sich nun freuen, daß ich in eine gute und sichere Bahn gerate, auf der ich als ein rechter Mann bestehen und gedeihen könne. Dann fuhr sie fort, sie wisse nämlich mehr von mir, als ich denke. Es sei lieber Besuch dagewesen, den ich wohl kaum errate, oder doch?
Der Besuch war Maidi, die ihre Arbeit auf einige Tage unterbrochen hatte, um eine Zusammenkunft mit ihrem Bruder zu haben, das neu errichtete Familiengrab mit dem Grabmal des Großvaters anzusehen und sich einiges aus der verschlossenen Schatzkammer, von der ich ja auch wußte, zu holen. Dies konnten freilich alles Gründe sein, aber nicht der Hauptgrund, der Maidi hergetrieben hatte, und der wohl darin bestand, daß sie meine Schwestern hatte besuchen wollen, um von mir mit ihnen reden zu können. In dem Briefe stand das freilich nicht ausdrücklich, aber es ging für mich aus dem Folgenden hervor. Luise erzählte wie beiläufig, daß sie viel von mir gesprochen hätten, und fragte, ob mir nicht etwa die Ohren geläutet hätten? Maidi sei begierig gewesen, durch sie von mir zu erfahren, da sie seit längerem nichts von mir wisse, und habe lächelnd hinzugefügt, sie sei nämlich verwöhnt durch das häufige persönliche Zusammensein mit mir, so daß es dann um so leerer sei, wenn die Post ausbleibe. Sie, Luise, habe ihr aber gesagt, daß es meine Art nicht sei, viele Briefe zu schreiben, das müsse man bei mir in den Kauf nehmen, wobei das feine und liebherzige Wesen nachdenklich und wie mit einem Blick ins Weite dann mit dem Kopf genickt habe.
Sie habe Maidi auch zu Helene geführt, die eben ihr zweites Kindchen an der Brust gehabt und daher habe auf sich warten lassen. Da habe Maidi aber gebeten, doch dabei sein zu dürfen, und habe die liebe Gruppe mit entzückten und zärtlichen Augen angesehen, so daß man wohl gemerkt habe, wie sie sich auch dergleichen wünsche. Kurzum, der ganze Brief war voller Maidi und so gehalten, als ob mir die Schreiberin eine rechte Herzensfreude damit machen wollte, da sie keine Brille brauchte, um zu sehen, wie es stand. Sie schloß mit dem Versprechen, mir, falls ich es wissen wolle, dann einmal alles zu erzählen, was sie geredet hätten -- hoffentlich an Weihnachten, wenn es da das Geschäft erlaube, heimzukommen, was ja natürlich Vorbedingung sei, wie sie wohl einsähe.
Ich konnte kaum zu Ende lesen, so sehr überfiel mich aus dem Brief heraus alles Holde und Liebliche, das in der Ferne treumeinend auf mich wartete, und dem das Herz schwer und unruhig klopfte, weil ich so lange stumm blieb. Es war in der Mitte des Nachmittags an einem schönen, sommerheißen Tage. Ich nahm meinen Hut und ging aus dem Kontor und Hause und wäre gern gelaufen, so weit mich meine Füße trugen, denn es war alles vorbei und umsonst, ich kam nicht mehr zu Maidi zurück, ich war hier angeschmiedet mit ganz andern Fesseln, als sie wußte, und so, daß ich nicht mehr heraus konnte, aber mein unterjochtes und zum Schweigen verdammtes Herz rief nach ihr wie ein verlorenes Kind.
Und so, in dieser Erregung, mit klopfenden Pulsen und vor schmerzlicher Leidenschaft flimmernden Augen kam ich, ohne mich besonnen zu haben, wohin ich gehe, auf dem Berg an, wo Eleonore war, um die Vorbereitungen für eine Gesellschaft zu treffen, die sich am Abend da versammeln wollte. Sie hatte soeben das Mädchen, das bei ihr war, noch einmal ins Haus hinunter geschickt, um einiges zu holen, und war allein. Ich sah sie an dem steinernen Tisch auf der Terrasse sitzen mit einem Haufen abgeschnittener Blumen vor sich, die sie in Vasen ordnen wollte, aber ihre feinen, weißen Hände lagen unbeschäftigt mitten in den Blüten; sie sah aus, als erleide sie Schmerzen oder sinne etwas Schwerem und Traurigem nach, und von ihrer verschlossenen Kühle war nichts zu sehen. Als sie mich erblickte, kam eine jagende Röte in ihr Gesicht; sie stand auf, ohne ein Wort zu sagen, und sah mir erschreckt in die Augen, denn sie hatte mich noch nie so gesehen wie jetzt. Ich besann mich aber keinen Augenblick, ihr zu sagen, warum ich hier sei. So oft ich mir vorher in kühler Überlegung ausgedacht hatte, wie ich es angreifen wolle, so unbedacht flossen mir nun die Worte von verhaltener Leidenschaft für eine andere erfüllt, von den Lippen. Was ich gesagt habe, weiß ich jetzt nicht mehr, da es in einem Rausch geschah, doch mußte sie aus der drängenden Glut meines Wesens ja schließen, daß ich in glühender Liebe, die sich nicht mehr zurückhalten lasse und nicht mehr auf Antwort warten könne, für sie entbrannt sei. Es dröhnte mir dabei ein Wasserfall in den Ohren, dessen stürzende Wellen zu schreien schienen: du lügst, und den ich übertäuben mußte, da er mich sonst vernichtete. Ich weiß noch, daß Eleonore tief erblaßt und hoch aufgerichtet vor mir stand und mir wie gebannt in die Augen sah, und daß ein schluchzender Laut aus ihr hervorbrach, als ich schwieg. Ihre Lippen zuckten, und es kam etwas von Feuer in ihre Augen. Sie stützte sich mit einer Hand auf den Tisch, mitten in die Blumen hineingreifend, als suche sie einen Halt, und sagte mit einer Stimme, die mir fremd klang vor der starken Bewegung, die darin zitterte, und die sie unterdrückte: »Sie sind anders, als ich meinte. Ich wußte, daß Sie kommen würden, aber ich glaubte, es würde anders sein.«
Und dabei sah sie mich immer noch staunend an, schloß aber plötzlich die Augen mit einem tiefen Seufzer und litt es, daß ich sie heftig an mich zog, wobei ich spürte, daß sie am ganzen Leibe zitterte. Der Wasserfall meines Blutes und wohl auch meines Gewissens brauste stärker. »Willst du mein sein?« fragte ich in sein Dröhnen hinein, und sie nickte geisterhaft mit geschlossenen Augen, so daß es mir fast unheimlich war.
Es dauerte aber vielleicht nur Sekunden, so richtete sie sich auf und löste sich aus meinen Armen. »Man muß mich nehmen, wie ich bin,« sagte sie, und zwang sich zu einem Lächeln, »ich kann keine Zärtlichkeit geben; sie liegt mir nicht, oder wenn doch, dann tief unten.« Da bezwang ich mich, aber ich dachte, ich wolle sie heraufholen, denn wie sollte ich sonst leben können mit der neuerwachten und ungebändigten Glut meines Innern?
Sie las aber wohl meine Gedanken, was nicht schwer gewesen sein mag bei meinem Zustand, und sagte mit Angst in der Stimme, wie ich deutlich hörte, aber doch in der Haltung einer Herrin: »Ich brauche Zeit zu dem allem; es kam so plötzlich.« Auf ihrem weißen Gesicht kam und ging die Farbe, sonst hatte sie sich wieder ganz in der Gewalt und nun auch mich. Sie setzte sich an den Steintisch nieder, so daß der Tisch zwischen uns war, und bedeutete mich, es auch zu tun, und mich überkam nach der heftigen Bewegung etwas wie Mattigkeit, so daß es mir recht war, wie es geschah.
Wir fingen an, dies und das von der Zukunft zu reden, indes Eleonore fortfuhr, ihre Blumen zu ordnen; das schien sie zu beruhigen, obgleich ihre Hände, beseelter und erregter als ihr Gesicht, hier und da noch leise zuckten, was ich mit einer gewissen Neugierde sah.
Das ist nun deine Braut, dachte ich; es war mir aber, als gehe die Tatsache einen andern Menschen an, und ich hatte Mühe, sie mir vorzuhalten; denn die steil aufschießende Flamme war wie ein bengalisches Licht in sich zusammengesunken, und ich wunderte mich, wie ich vorhin hatte Mut und Worte zu meiner Tat finden können.
* * * * *
Es ist mir, wenn ich an die Zeit zurückdenke, in der wir beide ein Brautpaar vorstellten, als sei immer ein steinerner Tisch zwischen uns gewesen, an dem wir beide eine leidlich gute Figur bildeten. Wir hatten viele Glückwünsche, Blumen, Geschenke, Einladungen und dergleichen über uns ergehen zu lassen. Ich sah in manchem Gesicht das wohlwollend sachverständige Lächeln, das man den Brautpaaren entgegenbringt, um ihnen zu zeigen, man wisse aus eigener Erfahrung, wie selig eine solche Zeit sei, und es sei einem jede Art von Torheit oder Zerstreutheit im voraus verziehen um des eigenartigen Zustandes willen, in dem man sich befinde. Ich dachte dann, ich möchte wohl wissen, ob die Betreffenden zu ihrer Zeit seliger gewesen seien als ich, und ob sie mehr liebende Torheiten begangen hätten. Uns beiden hatte man wohl in dieser Hinsicht nichts zu verzeihen. Wir erfüllten alle geselligen Pflichten mit Hingabe und Anstand und man nannte uns ein schönes Paar, das sich gut zu benehmen wisse, weil uns keine heimliche Sehnsucht nach dem Alleinsein zu zweien erfüllte, wenn wir unter Menschen waren, keine zärtliche Unruhe uns von der Gegenwart ablenkte. Wenn ich mit Eleonore im offenen Wagen durch die Straßen fuhr, um Besuche zu machen, so dachte ich wohl, es werden mich die Menschen, die uns nachsahen, für einen glücklichen Mann halten, dem alles gelinge, was er wolle, und ich sagte mir mit Verwunderung, daß mir ja nun alle meine Wünsche erfüllt seien und fragte mich, ob denn jetzt noch etwas nachkomme, da es nicht alles sein konnte und ich zuzeiten eine trostlose Leere in mir fühlte. Doch suchte ich mich damit zu beschwichtigen, daß ich ja immer noch in einem Zwischenzustand mich befinde, und daß gerade bei solchen Leuten, wie wir, das Leben im eigenen Heim und Haus und im Ehestand das bessere Teil sei. Da würde dann auch, hoffte ich, Eleonore allmählich ihre Zurückhaltung, die mir künstlich vorkam, ablegen und das Warme, Lebendige und Reiche, das ihre Natur doch auch hatte, zu seinem Recht kommen lassen. Sie erschien mir oft, als litte sie unter sich selbst, und das zog mich zu ihr, denn ich meinte, es falle ihr schwer, etwas Hartes, Sprödes an sich zu zerbrechen, und es fiel mir sonderbarerweise nicht ein, daß etwas anderes zwischen uns stehen könnte, wozu ich doch alle Ursache gehabt hätte. Ich traute ihrer stolzen und hochfahrenden Natur ganz, daß sie das wähle und tue, was ihr innerlich gemäß sei und stellte sie viel zu hoch, als daß ich hätte denken dürfen, sie habe mir ohne Liebe die Hand gegeben, ohne dabei zu erwägen, wie sehr ich mich selber damit richte. Herr Kasimir war wohl der Glücklichste von uns dreien. Er war rastlos beschäftigt, uns die Wege zu ebnen, Verschönerungen in der Wohnung anbringen zu lassen und mit uns Möbel, Teppiche und allerlei Hausrat auszusuchen, wobei er an nichts sparte. Wir sollten in dem alten Hause wohnen, in dem er sich auch ein oder zwei Zimmer vorbehielt, während er sich im übrigen in das Gartenhaus auf dem Berge zurückzog, in dem er noch allerlei ausbauen und verbessern ließ, um es auch im Winter bewohnen zu können, wenn er Lust hätte. Doch verkündigte er im voraus, daß er nicht allzuviel in der Stadt sein werde, da er endlich einmal seinen alten Wunsch, in Muße auf Reisen zu gehen und bald da bald dort sich aufzuhalten, wo es schön sei, in Erfüllung bringen wolle. Das genoß er alles im voraus und kam so jetzt schon auf einen Teil seiner Kosten, was ihn ungemein straffte und belebte.
Wir waren alle drei einig, daß die Hochzeit in aller Bälde stattfinden solle, vielleicht jeder aus einem andern Grunde, aber die Sache war darum doch dieselbe. Eleonore zeigte ihr Talent, anzuordnen, Leute in Schwung zu bringen, so daß sie ihr alle zu Willen waren, mit wenigen Worten und in ruhiger, fast nachlässiger Weise zu bestimmen, wie dies und das gehalten werden sollte. So und so wünsche ich das, sagte sie, und die Geschäftsleute sahen sie dann bewundernd an und fügten sich, auch wenn sie es ganz anders gemeint hatten. Sie wurde angeregt und frisch während der Besprechungen über Einrichtung und dergleichen, fragte mich um Rat und tat, als gehe sie darauf ein, machte es aber dann doch so, wie sie zuerst gemeint hatte, und es war auch immer besser auf ihre Weise, denn sie hatte Geschmack und Erfindungsgabe zugleich.
»Eigentlich hätte ich gern ein neues Haus draußen in den Gärten,« sagte sie, »das müßte dann von Grund aus harmonisch gebaut und eingerichtet sein; aber Onkel Kasimir will, daß wir in dem alten Hause wohnen, und es ist ja auch vornehmer als mancher neue Kasten, man muß nur nach und nach herausholen, was drin steckt, ich habe da noch allerlei Möglichkeiten im Sinn.« Sie sah nachdenklich aus, als ob sie über etwas Tiefes nachsinne, und ich lachte, denn ich hatte gern, wenn ihr unser Haus so wichtig war; sie freute sich doch, darin zu wohnen und es war uns ja gemeinsam. Es mußte ja doch gut kommen. So konnte ich es nicht lange mehr aushalten, wie es jetzt war. Ich war nervös geworden und schlief nicht, oder wenn ich schlief, hatte ich unruhige Träume, von denen ich dann schreckhaft und mit schwerem Druck erwachte. Eigentlich hätte ich mich besinnen müssen, was immer auf mir liege, aber gerade das wollte ich nicht wissen. Nachher kommt es anders, wenn dann einmal alles in Ordnung ist, dachte ich, und das war mein Beruhigungsmittel. Ich hatte lange daran herumgedrückt, bis ich meinen Schwestern die Anzeige von meiner Verlobung schickte. Denn da war der letzte Brief von Luise, der allzu durchsichtig ihre Hoffnung auf eine andere Verbindung für mich zeigte, ja sie als bestimmt vorgesehen voraussetzte. Wie sollte ich ihr begreiflich und faßbar machen, was nun inzwischen geschehen war und was sie mit ihrem schlichten Empfinden, das immer in seinem Kreise geblieben war, doch nicht fassen konnte? Ich konnte es ja selber nur, wenn ich von allem wegsah, was ich nun außerhalb meiner Bahn gestellt hatte und was für mich nicht mehr in Betracht kommen durfte. Denn ich wollte ein Ehrenmann sein, und ein solcher mußte Opfer bringen können, wie ich mir vorsagte. Zuletzt entschloß ich mich, eine gedruckte Anzeige abzuschicken, auf die ich einige nichtssagende Worte kritzelte, die von Arbeitshäufung und Zeitmangel redeten und für die nächste Zeit einen ausführlichen Brief verhießen. An Maidi schickte ich keine Anzeige und schrieb auch nicht. Darüber will ich kein Wort verlieren. Ich konnte nicht. Sie war irgendwo in einer Welt, in der ich auch einmal gelebt hatte, und von der ich nun geschieden war.
Eines Abends, als ich noch nach einem Buch suchte, in dem ich lesen wollte, bis ich schläfrig werde, fiel mir das Volkmann-Leandersche Märchenbüchlein in die Hände und darin das Märchen von dem reichen Mann, der sich, in der Ewigkeit angekommen, die Lebensweise aussuchen darf, die er führen will, und der sich, als er alles hat, was er wollte, nun im Himmel wähnt. Aber eines Tages merkt er, daß er in der Hölle ist, und zwar recht tief drin, denn was er hat an Gütern, sättigt ihn nicht, und er sehnt sich, der Arme zu sein, der auf einem Schemelchen zu Gottes Füßen sitzt, wie er sich gewünscht hat, aber es ist zu spät.
Da fing mein übelberatenes Herz an, sich aufzubäumen, denn es wollte leben und nicht zusammengedrückt sein, und rief: Das bist du! Aber ich gebot ihm Schweigen und malte ihm alles Gute aus, was es jetzt auch hätte. Das tat ich manche Nacht.
Bei Tage war ich rastlos tätig, so sehr, daß der rotbärtige Giller knurrend sagte, man habe zu der Zeit, da ich nicht dagewesen sei, auch schon gearbeitet, es sei aber anders zugegangen, und an einer Hetzjagd wolle er sich nicht beteiligen. Er sah dabei mit seinen etwas vorstehenden Augen, die er böse rollen konnte, der stumpfen Nase und dem breiten Munde, aus dem er die gelben Schaufelzähne drohend hervorblöckte, mehr als je aus wie ein grimmiger Kettenhund, vor dem ich mich auch fürchtete, ohne eigentlich zu wissen, warum, nur aus meiner inneren Unsicherheit heraus. Man sagt ja auch, daß die Hunde spüren, wenn ein Vorübergehender oder ins Haus Eintretender ein tadelhaftes Gewissen habe und ihn daher schärfer anfallen als einen ruhig und in unschuldiger Harmlosigkeit Auftretenden, so daß hier das Bild einigermaßen passen mag, indem der im Dienst des Hauses gealterte Mensch mir wohl anspürte, daß etwas mit mir nicht in Ordnung sei und mich daher mißtrauisch anknurrte. Denn als den Herrn der Firma konnte er mich bis jetzt noch nicht ansehen, er wandte sich vielmehr, so viel er konnte, in allen Dingen an Herrn Kasimir, was diesem wohlzutun schien, obgleich er ihn meistens von sich ab und an mich verwies. Mir konnte es gleich sein, denn ich übernahm ja doch bald das Geschäft, und wem es dann nicht gefiel, der war ja nicht ans Bleiben gebunden.