Part 15
Es begab sich wie von selbst, daß ich von jetzt an öfter mit Maidi zusammen kam, die mich mit einer großen Selbstverständlichkeit und Unbefangenheit an ihrem Leben teilnehmen ließ, soviel sich davon ereignen wollte. Sie stand in festen Schuhen, in viel festeren als ich. Als ihr Herkommen in seinen Grundlagen erschüttert worden war, da hatte sie sich auf sich selbst besonnen. Es war da noch etwas Eigenes, das nicht hinwegstarb und nicht verkauft werden konnte, ein köstlicher Besitz, mit dem es sich leben ließ. Ich muß etwas aus mir selber machen, wußte sie, und muß auf eigenen Füßen stehen. Sie sah klar in ihre Zukunft hinein und wußte, was sie wollte und was sie erreichen konnte, was mir stark imponierte, da es bei mir damit nicht zum Besten bestellt war. Zwar was ich wollte, wußte ich auch, wenn man das Wollen heißen kann, daß einer überzeugt ist, es müsse ihm alles Gute in den Schoß fallen oder vielmehr alles Angenehme. Ich war damit aufgewachsen, daß ich haben konnte, was ich begehrte, und gerade der Umstand, daß ein neues Verlangen immer auf der Schulter eines erfüllten Wunsches gestanden war, hatte mich daran gewöhnt, auch höher gehängte Dinge für erreichbar zu halten. Das war ja an sich nichts Unrichtiges, ich konnte ebensogut wie ein anderer gescheiter Kerl vorwärts kommen, es fragte sich nur, ob ich alle Kraft zusammennehmen und arbeiten wollte. Aber so war es nicht gemeint bei mir, denn das, was man so am ebenen Weg erreichen konnte, war nicht genug.
Es ist nicht angenehm, es mir zu unterbreiten, aber es hilft alles nichts: ich wollte eine Lebensstellung haben, in der ich geehrt und angesehen war in den Kreisen, die einen Zaun um sich zogen von Geld und von Bildung, und in einem schönen Hause wohnen mit einer eleganten, schönen und vornehmen Frau und was mehr zu dem allem gehörte.
Ich konnte es verlangen, daß es so kam, denn, war nicht seither auch eins aus dem andern gekommen bei mir, seit ich ein kleines Bübchen gewesen war? Also mußte es auch weiter gehen in aufsteigender Linie. Wie? Das wußte ich freilich nicht. Denn obgleich ich ja eigentlich ziemlich viel Selbstgefühl hatte, dachte ich doch nicht daran, die günstigen Wendungen in meinem Leben durch eigene Kraft herbeizuführen, sondern ich erwartete sie von glücklichen Zufällen oder Schickungen, die ja rechtzeitig eintreffen mußten. Ich hatte mir eine Art von Lebensanschauung zurecht gemacht, die der Bescheidenheit den Tod schwor und große Männer dabei zum Zeugen aufrief, freilich in ganz falschem Sinne, nämlich so, daß, wer mit einem niederen Los zufrieden sei, auch kein höheres verdiene, wer es aber in sich habe, den treibe es hinauf. Das wäre alles schon recht gewesen, wenn es mir um die Sache selbst und nicht um die Nebendinge zu tun gewesen wäre, und wenn mich ein inneres Feuer gedrängt hätte, als Meister und Schmied meines Schicksals aufzutreten und es so zu hämmern, wie ich es zu brauchen meinte, und wie es ins Einzelne auszuspinnen meine geschäftige Phantasie nicht müde wurde.
Ich habe, nachdem ich meine Lehrgelder bezahlt und meine Umwege gemacht habe, wohl gelernt, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Damals hieß ich Schönheitssinn, was bereits ins Kraut geschossen und Begehrlichkeit geworden war, und Aufwärtsstreben, was erst recht am Boden klebte.
Nun, es ist mir nichts geschenkt worden.
Ich hütete mich wohl, meine Weisheiten vor Olbrich auszubreiten, der ja gerade ein Beispiel dafür gewesen wäre, wie innewohnende starke Kräfte Schicksalsleiter sind, und trug sie dagegen zu Maidi, zu der ich alles Zutrauen hatte, und die mich auch mit allem aufnahm, was ich vorbrachte, ohne mir aber blindlings recht zu geben, so daß sie sowohl meine Zuflucht als auch mein Gewissen war, obgleich ich ihm freilich nicht folgte. Es zog mich zu ihr und vielleicht nicht am wenigsten darum, weil ich etwas von ihrer freudigen und ernsten Kraft spürte, die sie nicht nur das Ziel, sondern auch den Weg wollen ließ, und die mir Respekt einflößte.
* * * * *
Ich hatte oft das Gefühl, als ob ich Maidi bedauern müßte und mich glücklich preisen, da sich das Blatt so gewendet hatte, seit unsern Kindertagen. Denn hatte sie nicht alles gehabt und alles verloren, was mir wie ein fernes Paradies noch im Gedächtnis war? Und mußte sie nicht ihr schönes junges Leben nun in den Zeichensälen versitzen und auf ein Pflichtendasein ausgehen?
Und war ich nicht, der ich einstmals geweint hatte vor Scham über unser ärmliches Häuschen, auf dem besten Wege zu einer allerschönsten Villa (wenigstens in meinen Tagträumen)?
Ach, ich wußte nicht, um wie vieles sie mir voraus war, der ich noch so gar nicht geschult war im Lebenskampf, dem es an Erschütterungen äußerer und innerer Art bisher gänzlich gefehlt hatte, um zu irgendeiner Tiefe zu gelangen. Wie wenig kannte ich von den ernsteren Seiten des Lebens; wie wenig riß mich ein starkes Müssen auch nur in mir selbst zum Guten oder Bösen nach irgendeiner Seite. Ich war eine der sogenannten glücklichen Naturen, die von vielen so gern gesehen werden, weil es sich mit ihnen behaglich und ohne viel Reibung leben läßt, und denen das eigentliche Glück, das errungen sein will, so leicht entgeht, da sie es nicht zu rechter Zeit erkennen und dafür irgendeinem Scheingebilde nachgehen. Doch, was ich versäumt und gesündigt habe, habe ich bezahlen müssen. Und -- wie ich auch gewesen sein mag, es war eine Zeit in meinem Leben, da Maidi mich liebte.
Ich habe oft versucht, mich mit diesem Wort wie mit einem Schilde zu decken und bin gewiß, daß Maidi, wenn sie könnte, trotz allem, was ich ihr angetan habe, sagen würde: »Tue es nur, denn es ist wahr, und ich wußte wohl, was ich tat, als ich dich liebte.«
Aber der Schild kann mich nicht vor mir selber schützen, und Maidi kann ihn nicht über mich halten. Wenn ich in grauen Stunden über das lieblichste und traurigste Kapitel meines Lebens nachsinne, so höhnt etwas in mir: Kann auch einer, der im Angesicht der Sonne schlimme Taten verübte, ja die Sonne selber gering achtete, sich trösten, daß er doch von ihr beschienen worden sei und es also wert gewesen sein müsse?
Dann aber sagt eine liebe Stimme: »Gräme dich nicht länger. Wir tragen alle unser Schicksal in uns selber und müssen es vollenden. Das war das Liebste an meiner Liebe, daß ich dich vor dir selber schützen wollte; nun tue du es selbst.«
Ich mußte das vorausschicken, um mir Mut zu machen für das, was ich nun aufschreiben will, und was ich gern verschieben möchte, wie Kinder tun, wenn sie eine Dummheit oder Bosheit bekennen sollen und tausend Umschweife machen, ehe sie mit der Sprache herausrücken. Ein unverschuldetes Unglück verhehlen sie nicht, sondern verkündigen es mit lautem Geschrei des guten Gewissens.
Maidi hatte, als sie die Kunstgewerbeschule bezog, etwas mitgebracht, was ihr ebenso nützlich war, wie der kleine Vermögensrest, von dem sie die paar Jahre leben und ihre Studiengelder bestreiten konnte. Es konnte nicht verborgen bleiben, daß sie in einer Umgebung aufgewachsen war, in der die Kunst oberste Regentin war, und zwar die frei schaffende Kunst, die ohne Nebenzweck und nur vom Genius befruchtet, Schönstes und Lebendigstes schafft, die aber doch, eben wenn ein wirklicher Künstler sie besitzt, das Technische, Handwerksmäßige ebenso wichtig nimmt und beherrscht wie das geistige.
Es mußte auffallen, mit welch raschem Verständnis Maidi den Anweisungen der Lehrer in den praktischen Fächern entgegenkam und wie sie sich, zwar bescheiden, aber auf Grund einsichtigen Nachdenkens, hie und da erlaubte, eine kleine Änderung in einer Sache vorzuschlagen, die man ihrer Meinung nach auch anders angreifen konnte. Auch mochte es ungewöhnlich zu sehen sein, wie sie bei Anhörung der theoretischen Vorträge, die ihr Studium betrafen, entweder mit dem lebhaften Interesse dessen, der schon die nötigen Grundlagen hat und darum leicht folgen kann, oder mit dem einverstandenen Lächeln und Kopfnicken dessen, der Bekanntes neu vortragen hört, dasaß. So dauerte es nur kurze Zeit, bis sie vom Direktor der Anstalt nach ihrem Herkommen befragt wurde, und, als sie den Namen ihres Großvaters nannte, von ihm in einer gewissen Art und Sprache, wie sie eine Kaste untereinander hat, angeredet und behandelt wurde. Er lud sie auch bei Gelegenheit in seine Familie ein, und seine Frau war es, die Maidi ihrerseits in den Singverein eingeführt hatte. Diesem trat sie aber nicht als ordentliches Mitglied bei, sondern beteiligte sich nur bei besonderen Anlässen an den Chorgesängen. Auch benützte sie ganz selten die Gelegenheit, in der Familie des Direktors einer größeren Geselligkeit beizuwohnen, obgleich ihr diese offen gestanden wäre. Beidem aber entzog sie sich mit einer ruhigen Bestimmtheit, die mich aufs neue in Erstaunen setzte, und die wohl zeigte, wie gut sie wußte, was sie wollte und auch was sie nicht wollte. Denn als ich sie einmal fragte, ob sie das alles ihrer Arbeit zulieb unterlasse, auf die sie auch ihre Abendstunden vielfach verwendete, sagte sie lachend: »Es ist gut, daß ich sie vorschieben kann, aber wenn mich etwas so recht von Herzen locken würde, so würde ich ebensogut bummeln und Nebendinge treiben, wie Sie.« Das traf mich einigermaßen, denn ich glaubte meinem Beruf auch die nötige Pflege angedeihen zu lassen, und ich sagte es auch. Maidi aber fuhr fort, ein Muster, das sie heut entworfen hatte, in Kerbschnitt auszuführen, und sagte, nicht von der Arbeit aufblickend: »Es ist verschieden, was man unter nötig versteht. Mancher hält nur für nötig, daß er seine Schuldigkeit tut, und mancher ist unzufrieden mit allem, was er außer dem einen tun muß, es kommt darauf an, wie stark man mit einer Sache verheiratet ist.« »Und Sie also glauben, stärker mit Ihren Kerbschneidereien verheiratet zu sein, als ich es mit meinen Büchern bin?« sagte ich zänkisch, denn ich wollte auf keine Weise unten durch sein. »Dann lassen Sie sich nur sagen, daß ich mir an die andere Hand mit der Zeit noch eine Frau antrauen lassen werde und vergnügt mit beiden zu leben gedenke; Sie aber, werden Ihre Künste verlassen, sobald der Rechte kommt, der Sie heiraten wird.«
Ich war selbst betroffen, als mir das törichte und flegelhafte Gerede entfahren war und hätte es gern ungeschehen gemacht; denn ich dachte im Herzen gar nicht so, im Gegenteil reizte es mich, daß Maidi ihrer Sache so sicher war.
Sie schien mir oft viel mehr als ein guter Kamerad, denn als eine junge Dame, und das um ihrer eifrigen Berufsarbeit willen; sonst war sie ja schön und lieb und bewunderungswürdig genug.
Jetzt aber sah ich, wie Gesicht und Nacken der gebückt Dasitzenden langsam von einem lichten Rot bedeckt wurde, das sich tiefer färbte und ebenso langsam wieder zurückging. Maidi rührte sich nicht, aber ihre Hände zitterten ganz leise, fast unmerklich.
Da kam es mir mit einer leichten und warmen Wallung herauf: »Sie ist doch auch eine Frau und hat alles in sich, was zu einer solchen gehört, ich aber bin ein Esel von der besseren Sorte,« und das letztere sprach ich auch reumütig aus.
Da blickte Maidi auf und sah mich an, zuerst mit zornig zusammengezogenen Brauen, dann mit einer kleinen, bösen aber lustigen Grimasse und sagte: »Stimmt,« worauf wir beide anfingen, zu lachen, ich in einer unsäglichen Erleichterung. Darauf besprachen wir einen Sonntagsausflug, an dem sich diesmal Olbrich beteiligen wollte, den ich mit Maidi bekannt gemacht hatte, und plötzlich sagte Maidi nachdenklich: »Eigentlich, wenn ich's recht überlege, bummle ich doch auch ziemlich viel und zwar mit Ihnen, ich weiß nicht, was Sie wollen,« und dann lachten wir aufs neue, denn es kam nicht darauf an, ob es klug oder dumm geredet war, wir mußten nur gute Freunde sein.
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Olbrich machte sich sehr gut als Wandergenosse. Wir waren mit der Bahn, wie wir öfters taten, bis an einen Punkt gefahren, von dem aus wir das Gebirge leicht erreichen konnten, und stiegen nun frisch bergan, denn wir hatten uns einen ziemlich weiten Weg vorgenommen. Da war es nun Olbrich, der meinen allzuweit ausgreifenden Schritt durch seinen gemäßigteren hemmte. Ich hatte nie daran gedacht, daß es für Maidi vielleicht beschwerlich sein könnte, so ohne Schonung der Kräfte drauf los zu steigen, wie ich ja überhaupt nicht die Anlage hatte, nach anderer Leute Möglichkeiten zu fragen, solange sie sich nicht beschwerten. Olbrich aber zeigte sich von einer aufmerksamen Ritterlichkeit, die mir auffiel, weil ich sie selber nicht besaß, und zwang mich nur durch sein Wesen, nun auch die Augen aufzumachen. Da sah ich denn freilich, daß Maidi eine helle Röte im Gesicht hatte und viel kürzer und schneller atmete als wir, und ich stellte auch diese meine Bemerkung fest. Sie lachte mich aber aus, da es, wie sie sagte, damit an andern Tagen viel schlimmer gewesen sei, und das heutige Tempo ihr sehr zusage, und fügte, wie etwas Nebensächliches, hinzu, sie habe einen kleinen Herzfehler, der aber nicht viel ausmache, da schon verschiedene Personen in ihrer Familie mit einem solchen alt geworden seien. »Und ich denke auch alt damit zu werden,« sagte sie triumphierend, »denn ich habe eine solche Lebenslust in mir, daß alles Krankhafte davor ducken muß. Ich glaube, man kann es überwinden durch den Willen zum Gesundsein und durch die Übung aller Kräfte,« und dabei reckte sie sich hoch auf und warf den Kopf in der ihr eigenen sieghaften Weise zurück, daß ich tatsächlich dachte, sie sei jedem Feind in sich gewachsen und habe es in der Hand, zu leben, so lange sie wollte, obgleich ich ein kleines Unbehagen über ihren Herzfehler nicht zu unterdrücken vermochte. Oder vielmehr war es ein halb ärgerliches Staunen darüber, daß das blühende und vollwertige Wesen da neben mir eine Beschädigung mit sich herumtrage; es war, wie wenn man beim Anstoßen an einem schönen Kristallglas ein ganz feines Klirren hört, das von einem noch verborgenen Riß zeugt. Er ist noch nicht mit den Augen wahrnehmbar, aber man weiß, daß er da ist, und das Glas kann eines Tages in Stücke gehen. Doch kam ich schnell über das dunkle Unlustgefühl hinüber, da ja Maidi selber nichts aus der Sache machte, und auch auf dem jetzt erreichten Höhenweg leicht und mühelos neben uns herging.
Olbrich aber sagte trocken und fast väterlich: »Sie müssen dann nur Ihr Herz vor großen Strapazen bewahren, die mag es nicht leiden,« und meinte damit das körperliche Herz, das sie ein wenig schonhaft halten sollte; aber es fiel doch uns allen dreien ein, daß die Ausführung dieses Rates bedeuten würde, das ganze stark lebendige Menschenkind von den Gluten und Stürmen des Schicksals abzuschließen unter einer Glasglocke zahmer Vorsicht und Selbstbewachung, wozu sich Maidi gar nicht eignete. Sie schüttelte auch den Kopf und sagte: »Schonen, würde ich nicht leben heißen,« und brachte das Gespräch absichtlich auf andere Dinge. Unter anderem beschrieb sie Olbrich und mir, der ich nicht viel mehr davon wußte, als er, ihr großväterliches Haus von außen und innen, die breiten Treppen mit dem geschnitzten Geländer, den großen Vorplatz mit den Stuckdecken und den Flügeltüren, was alles deutlich von den alten Geschlechtern sprach, die sich das Haus erbaut und ausgeschmückt und die es bewohnt hatten. »Wir selbst waren andere, als sie, und nun wohnen wieder andere darin,« sagte Maidi, und obgleich ihre ganze Beschreibung lebhaft und farbig gewesen war, merkte man jetzt plötzlich an ihrem Ton und Gesichtsausdruck, daß sie von Heimweh und Trauer nach dem Gewesenen ergriffen war. Sie schwieg eine Weile, und ich sah Olbrichs Augen mit bewundernder und bewegter Zärtlichkeit auf ihr liegen; Maidi konnte das aber nicht gewahr werden. Sie ging wohl in Gedanken die Treppe hinunter und durch das schmale Seitentürchen in den grünen Garten hinaus, der mir immer noch als Bild des Paradieses vor Augen schwebte. Aber lange konnte das nicht dauern; es kehrte ein heller Schein in ihre Augen zurück, und sie sagte: »Auf dem oberen Boden ist noch eine große Rumpelkammer voll schöner Sachen, die uns gehören, meinem Bruder und mir: Bilder und Geräte, Zinn-und Silbersachen, die wir besonders lieben, ein paar geschnitzte Lehnstühle und eine eichene Truhe voller Teppiche und Kissen; das alles wartet auf uns und steht jetzt im Dunkeln, denn die Fensterladen sind geschlossen. Am leidesten tun mir die schönen Bilder, die mit dem Gesicht an der Wand lehnen und die wohl gar nicht begreifen können, wo die Leute hingekommen sind, die immer so fröhlich unter ihnen herumgingen.« Sie lächelte uns an, wie entschuldigend, daß sie von solchen Dingen redete, die uns vielleicht fern und fremd sein konnten, und ich wunderte mich heut zum zweitenmal über Maidi, da sie weich und fein und verletzlich war, von sehnlichem Gemüt, und nicht nur Kraft, Willen und freudige Sicherheit besaß. Aber sie war mir so um so lieber; ich konnte mich gar nicht ersättigen, sie reden zu hören und sie anzusehen, und ich wunderte mich nicht über Olbrich, dem es auch so ging, ja der sie von Zeit zu Zeit verstohlen ansah, wie ein seltenes Wunder.
Ich erinnere mich eines schönen Platzes, an dem wir einige Zeit rasteten und ein mitgenommenes Vesperbrot aßen. Maidi teilte es aus und war so heiter wie nur je, was dann uns wieder zu allerlei Scherzen und Neckereien anfeuerte, in denen die ungewohnte Rührung und Herzbewegung bald unterging. Wir saßen unter einer Gruppe von hohen, schlanken Kiefern, die eine kleine, steil abfallende Waldlichtung bekrönten. Über diese Lichtung hin ging der Blick in ein jenseitiges Flußtal, aus dem sich wieder Berge erhoben, mit dunklen Wäldern bedeckt und hinter ihnen neue Höhenzüge, blau verschleiert; es sah aus, als sollte es so in die Unendlichkeit hinein fortgehen. Der Fluß, der hier ein geringes Gefälle hatte, schien ganz still in seinem Bette zu liegen, an das sich junger Wald nahe herzudrängte; auf einer der ferneren Höhen lag ein Dorf oder ein kleines Städtchen mit Resten einer alten Befestigung, deren zerbrochene Mauern von dunklen Bäumen beschattet waren, und zwischen denen ein trotziger Kirchturm schwer und ungefüge heraussah. Das Ganze aber lag unter dem blauen Septemberhimmel in der goldensten Sonne und winkte von seiner Ferne her, seltsam verlockend zu uns herüber, so daß wir erwogen, ob wir es nicht einmal aufsuchen wollten, denn damals waren unsere Wanderfüße gelüstig nach allen Höhen und Fernen.
»Ach, ich weiß nicht,« sagte Maidi, »von nahem ist es vielleicht nicht mehr so schön, wir können uns aber von weitem alles Schönste hinter den alten Mauern denken.« Sie hatte sich im blühenden Heidekraut ausgestreckt und sah, die Arme unter dem Kopf verschränkt, zwischen den Bäumen durch zum blauen Himmel auf, fing aber bald an, zu blinzeln und schloß mit einem wohlig tiefen Seufzer die Augen.
Da legten auch wir uns nieder und wenigstens ich war bald eingeschlafen.
Es war mir aber nach einiger Zeit, als ob ich im Traum einen lieblichen Gesang vernehme, der verhallen müßte, wenn ich mich rühre, und ich hielt mich auch noch auf der Schwelle des Erwachens ganz still; es war mir unsäglich wohl zumute dabei. Als ich aber dann dennoch die Augen aufschlug, sah ich Maidi ein Stückchen entfernt von uns am äußersten Rande des Abhangs stehen mit in die Ferne gerichteten Augen und hörte sie ein Lied singen in einer Melodie, die ich noch nie gehört hatte, und von der mir jetzt noch hie und da verwehte Bruchstücke in der Erinnerung anläuten, lieblich und voller Heimweh. Im Tale geisteten schon die frühen Abendnebel um den Fluß und das junge Erlengebüsch an den Ufern, die Häuser und Türme auf dem Berge aber waren von der sinkenden Sonne in rote Glut getaucht, und Maidi sang: »Du bist Orplid, mein Land, das ferne leuchtet.« Aber ob sie in Wahrheit eine unsichtbare Ferne suchte und wo diese lag, wußte ich nicht, und nun kann ich sie auch nicht mehr fragen. Sie kehrte sich zu uns her und wir stiegen unsern Weg nieder, der sich bald ins Tal senkte, in die Abendschatten.
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Solcher Gänge zu allen Jahreszeiten könnte ich noch viele beschreiben; es sähe dann aus, als ob die Zeit stillgestanden wäre, um uns eine Weile jung und heiter und schicksalslos sein zu lassen. Aber das tat sie nicht, sondern sie ging ihren gemessenen Schritt und nahm uns alle mit, jeden in sein Verhängnis hinein.
Olbrich war eine Zeitlang als der fröhlichste Kamerad bei allem dabeigewesen, und ich dachte oft mit Befriedigung, so müßte es immer fortgehen. Denn ich lebte wie ein Schlaraffe in den Tag hinein zwischen den liebsten und erfreulichsten Menschen hin und hatte dabei immer noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten vor mir, was mir vor allem zusagte. Maidi und Olbrich hatten diesen Ausdruck, den ich hie und da genießerisch gebrauchte, wie man einen besonderen Leckerbissen auf der Zunge zergehen läßt, von mir aufgefangen und neckten mich damit, was ich mir gerne gefallen ließ; doch hatten sie ja immerhin so viel Freiheit des Handelns wie ich, und ich sagte ihnen das auch. Maidi konnte aber bei einem solchen Gespräch aus aller glücklichen Heiterkeit heraus ernst werden und leise den Kopf schütteln, denn sie wußte gut genug, was es mit den unbegrenzten Lebensmöglichkeiten und der Freiheit auf sich hat. Das Furchtbarste konnte plötzlich wahr werden und auf dem Wege stehen unausweichlich; einzig tätig zu sein und unablässig den Schatz in sich selbst zu vermehren durch Lernen und Arbeiten, gab etwas wie eine Sicherheit.
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Wir waren eine Zeitlang wegen anhaltend regnerischen Wetters nicht mehr ausgeflogen; jetzt hatten kräftige Winde den Boden wieder aufgetrocknet, und ich sehnte mich darnach, einen tüchtigen Marsch zu machen und zugleich einen jungen Buchenwald, den ich besonders liebte, wieder zu sehen. Denn er mußte, da es Frühling war, während des Regenwetters grün geworden sein, und ihn so im ersten Schmuck zu sehen, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich kam mit Olbrich aus einer Singstunde, und wir lenkten fast von selber unsere Schritte an dem Haus vorbei, in dem Maidi wohnte. »Vielleicht ist sie noch auf, und wir können sie fragen,« sagte ich; denn es war selbstverständlich, daß sie an dem Gang teilnehmen mußte. Aber ihre Fenster in der Mansarde des kleinen Hauses waren schon dunkel, nur unten schien noch Licht durch geschlossene Fensterladen, und als wir näher kamen, hörten wir ein Kinderweinen. Da kamen auch gerade eilige Schritte hinter uns her, und als sie uns einholten, war es Rosa, das Dienstmädchen der jungen Pfarrerswitwe, der das Häuschen gehörte, und bei der Maidi in Kost und Wohnung war. Sie kannte uns gut, denn sie hatte uns schon manchesmal die Treppe zum Oberstock hinaufgeleuchtet; besonders mir, von dem sie wußte, daß ich Maidis Landsmann und Kindheitsbekannter war, galt ihr halb vertraulicher Gruß.
Sie sagte unaufgefordert und etwas erregt, das Fräulein sei unten in der Kinderschlafstube. Es sei eines der Kinder erkrankt, und die Mutter sei auf zwei Tage verreist; nun habe sie, Rosa, in die Apotheke gehen müssen, um ein Mittel, das die Frau gewöhnlich anwende, zu holen, da es gerade nicht im Hause gewesen sei; das Fräulein aber sei einstweilen bei den Kindern geblieben, die ohnehin an ihr hängen, fast wie an der Mutter, oder doch wenigstens wie an ihr, der Rosa.