Part 16
Ich hörte nur halb nach dem Bericht hin, da mich nur das eine daran interessierte, daß Maidi noch auf und also zu sprechen sei und sagte der Rosa, wir hätten etwas Dringendes zu fragen, worüber sie sich trotz der späten Stunde nicht besonders zu wundern schien. Sie ließ uns ins Haus und ins Wohnzimmer eintreten, und bei dem Geräusch unserer Schritte und Stimmen kam Maidi aus dem anstoßenden Schlafzimmer, um zu sehen, was es gebe. Sie hatte das kranke Kind auf dem Arm; es war in eine leichte Steppdecke eingewickelt und hatte das Köpfchen auf Maidis Schulter liegen, hob es aber auf, um uns neugierig anzublinzeln und hielt mit dem kläglichen Weinen, das wir eben noch gehört hatten, eine Weile ein, da es über dem neuen Anblick sein Übelbefinden auf kurze Zeit vergaß. Erst an Maidis erstaunten und etwas erschreckten Augen, die zu fragen schienen, was es denn so spät noch gebe, fiel es mir ein, daß der Besuch zu dieser Stunde nicht üblich sei, und ich brachte unser Anliegen schleunigst vor, um wenigstens einen triftigen Grund dafür angeben zu können. Da brach Maidi in ein herzliches Lachen aus, das mich aus der kleinen Verlegenheit erlöste, wie schon oft in ähnlichen Fällen, und sagte: »Gott sei Dank! Ich habe schon an irgendein Unglück gedacht, das ich heute nacht noch erfahren sollte; es geschehe nichts Schlimmeres als das. Wohin soll's denn gehen? Natürlich gehe ich mit, ich habe lang genug keinen frischen Wind mehr gespürt.«
Das Kind hatte offenbar aufmerksam zugehört, aber nur das eine aus Maidis Rede entnommen, daß sie irgendwohin mitgehen wolle; nun brach es aufs neue in einen hilflosen Jammer aus, umklammerte mit beiden Armen ihren Hals und schluchzte: »Nein, du sollst nicht mitgehen, du sollst dableiben,« welche Worte es nun unaufhörlich wiederholte in immer kläglicheren Tönen. Maidi setzte sich mit dem Bübchen aufs Sofa, bettete es bequem auf ihren Schoß und sagte tröstlich: »Nein, nein, ich gehe ja nicht fort, ich bleibe bei dir,« und trocknete das tränennasse Kindergesicht mit ihrem Tüchlein, fortwährend sanfte, liebkosende Worte oder Laute halb singend und halb sprechend dabei hervorbringend, was alles miteinander unbeschreiblich lieblich anzusehen und anzuhören war. Sie hatte ein weiches, hellblaues Morgenkleid an, in dessen Falten das Bübchen lag wie in dem Mantel einer Muttergottes auf einem Altarbild, und ich hätte mich am liebsten behaglich niedergelassen, um das holde Schauspiel recht ausführlich zu genießen; es kam aber unversehens auf bloßen Füßen der Bruder des Schoßkindes aus dem Schlafzimmer gepatscht und rief zornentbrannt: »Geht doch fort, geht doch heim,« denn er meinte, eben aus dem Schlaf erwacht, wir hätten den ganzen Jammer veranstaltet. Maidi zog auch den andern Hemdenmatz mit der freien Hand an sich und redete ihm zu, ins Bett zurückzukehren, es seien lauter gute Leute hier, wir fühlten uns aber dann doch überflüssig und nahmen Abschied. Das heißt, das Ganze, sowohl das Kommen, als das Bleiben und Gehen ging von mir aus, denn Olbrich hatte sich bei allem ganz als Zuschauer betragen, was sonst seine Art nicht war. Ich sah ihn, als ich ihm zum Aufbrechen winkte, am Fenster stehen, die Augen ganz versunken auf der kleinen Gruppe liegend, und ebenso versunken, wie ein Nachtwandler, gab er Maidi die Hand zum Abschied; die ganze Abmachung hatte er mir überlassen.
Auf der Straße ging er eine Weile stumm neben mir her, dann sagte er wie beiläufig: »Ich habe noch vergessen, dir zu sagen, daß der Chef mir die erledigte Stelle in der philologischen Abteilung des Verlags angeboten hat. Sie ist auf Dauer; ich müßte mich auf eine Reihe von Jahren verpflichten.« »Und?« fragte ich gespannt; es war mir aber kaum zweifelhaft, daß sich der Vogel, der schon lange die Schwingen zum Weiterfliegen hob, nicht würde anbinden lassen, so verlockend manchem andern das Anerbieten gewesen wäre.
»Ach, ich weiß noch nicht,« sagte er, und es war, als unterdrücke er eine heftige Bewegung, irgendeine Ungeduld oder dergleichen. »Frage mich nicht. Wenn ich es dann selber weiß, sage ich's dir. Es hängt noch von einer Sache ab, die zuerst entschieden sein muß.«
Ich hätte dennoch gern gefragt, welche Sache das sei, denn es schien mir seit einiger Zeit, als trage er etwas mit sich herum, das ich wissen müsse. Er war wechselnd in seinem Wesen geworden, oft zerstreut und wie gedankenabwesend, lässig und weich im Gegensatz zu seiner sonst straffen, herrischen Art und in Gesellschaft schweigsam, was er denn mit Willen wieder alles von sich warf, um lustig und übermütig zu sein, so daß ich mich nicht recht mit ihm auskannte.
Er fing aber plötzlich an, lange Schritte zu machen und verabschiedete sich bald von mir, so daß ich nicht mehr zum Wort kam und meinen Weg nachdenklich allein fortsetzte, denn der richtige Grund für sein verändertes Wesen war mir noch nicht eingefallen.
Es hat mich nachher oft gewundert, daß ich so blind gewesen sei, nicht zu merken, wie er ganz in Liebe für Maidi erglüht war, und ich konnte es mir dann nur dadurch erklären, daß ich ihn bei früheren Liebessachen so ganz anders gesehen hatte: spielerisch, übermütig und in strahlender Laune, die nur freilich bald in Unlust oder Langeweile überging, da ihn noch nichts recht auf die Dauer gefesselt hatte. Aber es war auch allerdings noch keine Maidi dabei gewesen.
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Am andern Tag sagte Olbrich über das Pult herüber, an dem wir beide arbeiteten: »Wartet morgen früh nicht auf mich, ich habe anders über den Sonntag verfügt und kann nicht mitkommen.« Ich sah enttäuscht und etwas geärgert auf und hatte eine scharfe Entgegnung über seine schwankenden Launen auf der Zunge, unterdrückte sie aber, als ich sein bleiches, überwachtes Gesicht sah, aus dem die Augen in einer fremden Glut heraus brannten. »Bist du krank?« fragte ich unwillkürlich, aber er schüttelte den Kopf und lächelte mich an, wie er ganz selten tat, und wie es jedesmal mein ganzes Herz gewann.
»Armer Kerl, ich plage dich,« sagte er gedämpft, daß die Herren im nächsten Zimmer es nicht hören sollten, »doch auch mich selber. Warte noch ein Weilchen, es wird dann schon wieder recht.« Und ich war zufrieden und dachte, er sei ja doch mein Herzensfreund, es solle mich nichts an ihm stören; es tat mir aber leid, daß wir morgen nicht zu dreien ausflogen, denn man konnte nicht wissen, wie lang wir einander noch in der Nähe hatten.
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Ich nahm mir vor, mit Maidi von Olbrichs verändertem Wesen zu reden; ich wollte wissen, ob sie es auch bemerkt habe; es mußte ja der Fall sein, sie konnten es für gewöhnlich gut miteinander, ja so gut, daß ich schon manchmal mit einer kleinen Eifersucht neben ihnen hergegangen war, wenn sich ihr lebhaftes Gespräch um Dinge drehte, die mir im Leben verschlossen geblieben waren. Es hatte aber nie lang gedauert, denn Maidi spürte es immer gleich, wenn ich nicht ganz mit im Takte ging und wechselte den Schritt mir zuliebe, auch in der Unterhaltung.
Es kam aber ganz anders an diesem schönen Morgen, als ich gedacht hatte. Ich traf Maidi zwar sonntäglich angetan, aber noch nicht wandermäßig gerüstet und sagte scherzend, es sei gut, daß Olbrich nicht dabei sei, der das Warten nicht gut ertragen könne. Er gehe nämlich nicht mit.
»Ja, ich weiß,« sagte Maidi, »er hat es mir mitgeteilt. Sie müssen aber heute den schönen Wald auch von mir grüßen, denn ich kann leider auch nicht ausfliegen. Ich hatte mich schon so gefreut, aber es ist nichts. Die Frau Pfarrer ist unterwegs aufgehalten worden und kommt erst morgen zurück. Und das Kind ist immer noch nicht wohl; es hat eine schlechte Nacht gehabt, und ich bin nicht ruhig, wenn ich gehe.« Sie sah mich dabei lieb und klar an, aber sie war blaß und hatte dunkle Ringe unter den Augen, die freilich vom ungewohnten Schlafbrechen kommen konnten, die mich aber plötzlich an Olbrichs gleichfalls schlechtes Aussehen mahnten und einen Zusammenhang damit zu haben schienen. Wenigstens schoß mir in der großen Enttäuschung, die mir Maidis Absage schuf, und dem Ärger, den ich darüber empfand, ein ungewohntes Mißtrauen durchs Herz und eine Lust, ihr weh zu tun. Ich sagte bissig, es scheine sich ihr nicht mehr zu lohnen, mit mir allein zu gehen. Das Kind werde so gefährlich krank nicht sein, und je nachdem Leute mitgegangen wären, hätte sie es auch wohl verlassen, sie sei ja nicht seine Kinderfrau. Maidi zuckte zusammen wie unter einem Schlag, und ehe sie es verhindern konnte, schossen ihr Tränen in die Augen, was ihr wohl nicht geschehen wäre, wenn sie nicht durch Sorge und Nachtwachen übermüdet gewesen wäre. Sie fand in ihrem schmerzlichen Schreck bei meinem Überfall nicht gleich ein Wort der Entgegnung und sah mich blaß und hilflos an; aber ich spürte plötzlich eine brennende Eifersucht in mir, die mich blind machte gegen ihr rührendes Bild, denn es dünkte mich, da sie nichts erwiderte, als ob ich recht hätte und sie Olbrichs wegen zu Hause bliebe, ja es dämmerte mir, die beiden hätten sich verabredet hinter meinem Rücken, heute ohne mich beisammen zu sein, was alles mich aus blauer Luft anfiel und mich peinigte wie ein Hornissenschwarm, so daß ich alles vergaß, Respekt und schuldige Ehrerbietung sowohl als Freundschaft, Liebe und Zutrauen. Ich wußte mich gar nicht zu wehren, denn es war mir selber alles neu, und ich hätte vielleicht ungeheure Beschuldigungen, die ich innerlich erhob und zu denen ich gar kein Recht hatte, hervorgestoßen, wenn mir nicht Maidi die Hand auf den Arm gelegt und mich flehentlich angesehen hätte.
»O still,« sagte sie leise und mit zitternder Stimme, »so dürfen Sie nicht reden. Es ist nicht, wie Sie meinen, es ist alles ganz anders.«
Auf ihrem Gesicht kam und ging eine schnelle Röte, und es liefen ihr ein paar Tränen herunter, die sie nicht aufhalten konnte; ich sah an allem, daß sie litt, und das tat mir sonderbar wohl, denn ich litt ja auch.
Es kehrte sich aber nun mit einemmal der Stachel gegen mich selbst, denn ich mußte ihr aufs Wort glauben und war also ein Unhold gewesen, und sie konnte nun tief beleidigt sein. Da faßte ich ihre Hand, die eiskalt war, und sagte bestürzt: »Was soll ich tun? Ich habe von dem allem vorher nichts gewußt, es ist auf einmal gekommen.« Denn ich meinte, sie habe alle meine Gedanken gelesen, und es wird wohl auch so gewesen sein.
Maidi zog leise ihre Hand zurück. Sie lehnte an der Wand und wartete eine kleine Weile, dann sagte sie: »Gehen Sie jetzt. Sie müssen gut von mir denken. Machen Sie einen schönen, weiten Weg.« Ich sah sie verlangend an, denn es mußte noch etwas kommen, aber im Nebenzimmer rief das Bübchen: »Maidi!«, und sie nickte mir noch einmal zu, ohne Kränkung jetzt, wie mir schien, gut und ernst, und ging zu dem Kinde. Das hatte es gut, denn es durfte unwillig sein und maßleidig bei Tag und Nacht, und sie blieb doch bei ihm, ja sang ihm Lieder und trug es herum, ich aber mußte gehen und meiner selbst Herr werden, es half mir niemand.
Da hatte ich nun meine Arbeit auf unterwegs. Am liebsten wäre ich heimgegangen in meine Stube, aber dort war es nicht anders als draußen, ich mußte den Tumult in mir anhören und damit aufräumen, und das war nicht leicht, vielleicht ging es im Freien doch besser damit. Es läutete auch in die Kirche, als ich durch die Straßen ging. An einer kam ich vorbei, dort hatte schon das Orgelspiel eingesetzt, und viele Menschen gingen in Sonntagskleidern durch die offenen Türen; es gelüstete mich einen Augenblick, ihnen zu folgen, denn das Orgelbrausen lockte mich an, und vielleicht konnte ich das üble Gefühl, das ich von mir selber hatte, dort drinnen los werden. Aber ich ging dann doch vorbei und kam ins Freie und in langem Ausschreiten durch ein Wiesental und über einen Bach, dessen Ränder ganz gelb von Dotterblumen waren, an den Berg und auch hinauf und in den Wald, der richtig im festlichen lichten Grün prangte und mit den grausilbernen Stämmen dastand wie eine wartende Hochzeitsgesellschaft. Es standen Blumen genug dazwischen, Knabenkraut und Leberblümchen und die lieben blauen Sterne der Szilla, die hatte ich heute wieder begrüßen wollen nach dem langen Winter und mit den Freunden den Frühling feiern. Der war auch da und war so schön wie je. Buchfinken saßen auf schwanken Ästen und riefen mir zu: »Jetzt, jetzt bin i wieder kreuzfidel,« wie wir bei uns daheim ihren Schlag deuteten; und Ammern pfiffen: »d' Zit isch do, d' Zit isch do.«
Aber es war alles ganz anders, als ich gemeint hatte und auch als ich sonst je erfahren hatte. Wie konnte das sein, daß man morgens aus dem Haus ging mit ruhigem und freudigem Gemüte und einen schönen Tag vor sich zu haben glaubte mit dem liebsten und feinsten Mädchen, das es gab, und daß auf einmal Brunnen in einem aufbrachen, die ein dunkles und bitteres Wasser ausströmten, und Mißtrauen das Haupt erhob, wo man einig und voller Freundschaft gewesen war? Und wo kam es her, daß man einem Menschen, dem man alles Liebe hätte antun mögen, weh tat, fast mit Lust?
Nun ging ich hier durch die lichten Hallen des Frühlingswaldes und war unglücklich genug und hätte gern jemanden gehabt, dem ich die Schuld daran hätte geben können. Aber es gab niemanden als mich selbst, und doch war mir alles fremd. Da suchte ich in mir selber, ob ich es fände, und es fielen mir ein paar Gelegenheiten ein aus meiner Kindheit, wo ich in plötzlichem Zorn einmal meine Schwester Helene geschlagen und einmal meiner Mutter ein abscheuliches Wort gesagt hatte und auch nachher unglücklich gewesen war. Meine Mutter hatte damals gesagt, ich soll mich vor dem Zornteufelchen in acht nehmen, das nur leise in mir schlafe, und hatte mich ein Verslein oder Gebetlein gelehrt, das dahin lautete, Gott solle mich zu einem frommen Kind machen oder sonst lieber gar nicht aufwachsen lassen.
Aber ich war jetzt doch da und konnte nicht wissen, was für dunkle Ungetüme noch im Untergrund meines Wesens auf ihren Augenblick warteten. Vielleicht mußte ich einmal einen Menschen totschlagen oder einen Meineid schwören, obgleich ich weder das eine noch das andere wollte, es konnte mich aber ebenso dunkel überfallen. Das Schicksal konnte es wollen, und nachher mußte ich bezahlen. Da kam ich mir schuldig und unschuldig in einem vor, es verlangte mich aber nach einer Freisprechung, und zwar durch Maidi selber, die doch den dunklen Brunnen in mir entriegelt hatte, wenn auch ohne ihr Wissen. Sie mußte mir wieder gut sein, das war die Hauptsache. Denn das fühlte ich durch alles hindurch, sie gehörte zu mir und meinem Leben; ich mußte Teil an ihr haben und durfte ihr nicht fremd werden. Es war ja schon das Ende ihres Aufenthalts in der Stadt abzusehen; dann ging sie vielleicht fort, irgendwo hin, wo ich ihr nicht folgen konnte, und gewann neue Freunde und gab sich vielleicht auch einem Mann zu eigen für ganz. Es fiel mir ein, daß sie mir von ihrer Mutter erzählt hatte, die aus Amerika glückliche Briefe schrieb, trotzdem sie den Mann unheilbar siech angetroffen hatte. Es war alles ausgelöscht, was jemals Dunkles zwischen ihnen gestanden hatte, und die Frau trug nun ihre Liebe wie eine Dornenkrone, die ausgeschlagen hat und rote Blüten trägt, so sehr war alles Geistige, Unvergängliche daran aufgeblüht.
Maidi hatte dieser Erzählung hinzugefügt, sie bitte der Mutter nun alles ab, was sie je bitteres über sie gedacht habe, denn sie sei ja einfach ihrem Schicksal gefolgt oder ihrem Herzen, was dasselbe sei, und jeder rechte Mensch müsse das tun. »Obgleich ich hoffe,« hatte sie hinzugesetzt, »daß es mir einmal nicht so schwer gemacht wird.«
»Ja,« dachte ich nun im Weitergehen, »dir wird es wohl leichter gemacht werden, denn wer einmal etwas so Köstliches zu eigen hat, wie dich, der läuft nicht mehr davon.«
Aber daß ich sie selber gewinnen wolle mit allen Kräften und aller Einheit meiner Sinne und Gedanken und sie mein Herrlichstes sein lassen, für das ich arbeiten und mich höher spannen wolle, und das mir auch mehr sei als alles Äußerliche sonst, das war noch nicht in mir geboren. Ich schaute an ihr hinauf, weil sie so tüchtig und freudig und sicher war und so frei und vornehm ihres Weges ging, und es war mir wohl, wenn ich bei ihr sein und ihr alle meine Gedanken ausbreiten konnte.
Es nahm auch mehr und mehr die schöne Frau, die später in meinem Haus und Garten umhergehen sollte, ihre Gestalt und ihre Züge an und trug den schmalen Gürtel aus alter Silberschmiedearbeit, der fast immer Maidis Kleider zusammenhielt und ein altes Familienerbstück war. Das konnte ich mir alles ausdenken, aber wenn ich mit ihr einen Tag verwanderte oder einen Abend in ihrem hübschen Wohnzimmerchen war und ihren fleißigen Händen zusah, die fast immer noch etwas zu tun hatten, dann dachte ich nicht an die Zukunft, und es war alles gut und recht, wie es war.
Meistens war ja auch Olbrich dabei, und wir waren ein feines Kleeblatt, das man am besten noch lange so ließe. Aber der war von irgend etwas verscheucht und verstört, und ich hatte Maidi gekränkt und beiden mißtraut; da überfiel es mich von neuem, daß ich mich hätte ohrfeigen können und daß ich mich gern hätte trösten lassen, beides in einem. Ich schritt weit aus mit langen Schritten, als ob ich so schneller zu ihr käme, und brach ein paar hellgrüne Zweige von Buchen und Birken, die wollte ich ihr mitbringen.
Aber als ich mit sinkender Nacht müde und verlangend und doch auch gesänftigt und mit frischen Bildern gefüllt in die Stadt zurückkam und das Haus aufsuchte, in das es mich zog, sah ich unten in dem Wohnzimmer der Pfarrerswitwe Olbrich am Fenster stehen, wie am vorletzten Abend. Er kehrte den Rücken nach der Straße und sprach ins Zimmer hinein. Ich hörte gedämpfte Laute seiner Stimme und auch irgend ein Gemurmel, das ihm antwortete. Oben war es dunkel.
Da überfiel mich von neuem das grimmige und wütende Mißtrauen, als ob sich die beiden über mich hinüber zusammengeschlossen und mich ausgetan und belogen hätten. Es flammte ein roter Zorn in mir auf, durch den hindurch nur undeutlich Maidis lautere und klare Augen leuchteten, die nicht lügen konnten, und Olbrichs aufrechte und stolze Art, die sich nicht versteckte, wenn sie etwas wollte.
Ich machte ein paar Schritte auf das Haus zu. Die Tür war verschlossen, und als ich den großen Messinggriff in der Hand hatte, kam eine kalte und schmerzhafte Stimmung über mich. Ich wollte nicht hineingehen, sondern meinen Strauß an die Tür stecken zum Zeichen, daß ich dagewesen sei und alles wisse. Aber als ich das getan hatte, kehrte ich wieder um und holte ihn, und unterwegs warf ich die zarten und lichten Zweige, die schon ein wenig in sich zusammengesunken waren, auf die Straße. Ich ging auch nicht heim in meine Wohnung, sondern in ein Wirtshaus. Da saß ich allein an einem Tisch, trank Bier und nachher noch Wein, war grob gegen die Kellnerin, die ein wenig zutraulich sein wollte, und gab mich unguten Gedanken und Gefühlen kampflos hin. Zum Beispiel fiel mir wieder ein, daß beide, Maidi und Olbrich, aus einer andern Kaste stammten als ich, und daß sie von Kindheit an große Vorsprünge vor mir hätten, die ich nie einholen konnte. Sie kannten die Geheimsprache, wie ich es nannte, wenn jemand im Besitz einer guten Erziehung alle Umgangs- und Lebensformen leicht und spielend beherrschte, was ich freilich auch gelernt hatte, was mir aber nicht angewachsen war. Sie aber hatten alles mit der Muttermilch und mit jedem jungen Atemzug eingesogen. Und sie hatten eine sogenannte Familie, von der man reden und die man aufzählen konnte mit guten Namen und Titeln. Vielleicht wollten sie einander heiraten, das konnte ihnen ja kein Mensch verbieten, und sie würden es mir morgen mitteilen und sagen, daß ich der Nächste dazu sein solle. Dann durfte ich dabei stehen und zusehen; das war übel und nicht auszuhalten.
Es meldete sich leise durch den Dunst und Nebel meiner Gedanken, daß Maidi oft und gern mit mir von meinen Schwestern redete, die sie gut kannte und hie und da aufgesucht hatte, und daß sie mich antrieb, ihnen oft zu schreiben und sie sogar grüßen ließ. Aber ich warf ein, daß das ein Almosen sei, welches ich nicht begehre, und daß sie immer nur, wenn wir allein gewesen seien, mit mir von meiner Heimat gesprochen habe. Das war mir sonst besonders traulich und lieb gewesen und wie ein Geheimbesitz zwischen uns beiden, aber ich war in der Stimmung, aus allem Gift zu saugen, und kam immer tiefer in einen dumpfen und bitteren Jammer hinein, in dem mir zuletzt die weggeworfenen Zweige das Jämmerlichste und Quälendste waren, da sie lebendig und ganz schuldlos im Straßenstaub lagen und zertreten wurden. Ich schrak auf, als die Kellnerin fragte, ob ich noch etwas trinken wolle. Das Lokal war leer bis auf mich, und die Kellnerin sah verschlafen aus und hoffte, ich würde gehen. Da tat ich ihr den Gefallen und zahlte, ging durch die menschenarmen Straßen nach Hause und ins Bett, schlief und hatte unruhige Träume, und kam am andern Morgen bedrückt und armselig ins Geschäft. Da dachte ich Olbrich in Glanz und Sieghaftigkeit zu finden, wovor ich mich am meisten fürchtete. Er war aber gar nicht da, und als er den Tag über nicht kam, fragte ich die Kollegen, ob sie nichts von ihm wüßten, und einer sagte, er sei frühmorgens dagewesen und habe den Chef um ein paar Tage Urlaub gebeten und sie auch erhalten.
Es handle sich um eine auswärtige Stelle als Privatsekretär bei einem politisch großen Tier, für die er vorgeschlagen sei und die er zu erlangen trachte, setzte der Wissende geheimnisvoll hinzu; er hatte es zufällig aufgeschnappt. Für die Stelle am philologischen Verlag sei bereits ein anderer Herr vorgemerkt, Olbrich nehme sie nicht an. Da mischte sich ein anderer ins Gespräch und sagte, das alles müsse ich doch eigentlich wissen, da ich ja der intimste Freund von Olbrich sei, und ich schwieg dazu, da konnten sie denken, was sie wollten. Am Abend lag ein Briefchen von Maidi auf meinem Tisch. Ich konnte es kaum öffnen vor Herzklopfen und wartete auf irgend ein Beil, das nun auf mich niedersausen würde. Sie schrieb aber nur, ich möchte sie diese Woche nicht besuchen, da sie nicht ganz wohl und etwas überanstrengt sei und dabei eine besonders vollbesetzte Woche in der Schule habe, und fügte dann hinzu: »Ich freue mich, bis wir wieder einmal miteinander wandern, in den Frühling hinein. Es ist mir, als liege noch der ganze Winter auf mir. Maidi.«
Da wußte ich mir gar keinen Vers mehr zu machen, denn es lautete nicht nach Glückseligkeit und triumphierendem Kräfteüberschwang, wie ihn die Liebe gibt, und aber auch nicht nach Gleichgültigkeit oder unvergebener Kränkung. Sondern es lag etwas auf Maidi, das sie selber tragen mußte, und vielleicht war es nur Müdigkeit, vielleicht aber auch etwas anderes. Aber sie freute sich, bis wir wieder miteinander wanderten und war lauter und klar gegen mich. Olbrich aber ging fort, und wahrscheinlich hatte ich ihm auch unrecht getan, und er hatte auch eine Last auf sich und hatte mich vielleicht bei Maidi zu finden geglaubt. Ich wußte nicht, wie ich in die ganze Wirrnis hineingeraten war und wartete sehnlich, bis mein Freund wieder komme.
Aber als er da war, schien er mir gar nicht mehr derselbe zu sein wie vorher, und ich wünschte fast, er möchte mich wieder mit wechselnden Launen quälen, zwischen denen dann doch immer wieder sonnige und goldene Augenblicke herausgeschienen hatten.
Jetzt ging er straff und stählern einher, geschlossen und gepanzert, arbeitete rastlos und wie für drei und betrieb daneben die Vorbereitungen für seine Abreise, denn er hatte die Stelle erhalten, um die er sich beworben hatte, und mußte sie bald antreten. Im Geschäft ließ man ihn ungern gehen, und doch mit der kurzen Kündigungsfrist, die er brauchte, denn er war kein Mensch, den man halten konnte. Ich aber fand mich nicht mit ihm zurecht; es schien, als ob unsere Freundschaft irgendwo begraben oder in weiter Ferne läge; ich hatte aber keine Macht, sie aufzuwecken oder herbeizuholen.