Part 14
Es waren zu dieser Zeit die Vorbereitungen für ein großes Musikfest im Gang, an dem sich alle besseren Musikvereine der Stadt, ja des Landes, beteiligen sollten. Ein berühmter Dirigent, bei dessen bloßer Namennennung alle Herzen der Sänger und der Hörer höher schlugen, war angeworben, um unter seinem Stab alle Bäche und Flüsse der Musik, die sonst für sich allein dahinplätscherten oder strömten, in ein einziges großes Meer von Tönen zu versammeln. Inzwischen aber übten die einzelnen Vereine mit mehr Nachdruck als sonst ihre Melodien ein, nicht um nachher mit Glanz hervorzutreten, sondern um die Fähigkeit zu erwerben, völlig im ganzen untergehend, es dennoch in ihrem Teil mit Kraft und Schönheit zu erfüllen.
Auch gleichgültige und zerstreutere Liebhaber der Liederkunst rafften sich zusammen, weil es galt, und ließen die Allotria, die sie sonst wohl danebenher getrieben hatten, beiseite, um ernstlich und wacker im Takt mitzumarschieren, und ihre Stimmen nahmen zu an Reinheit und Kraft, je mehr die Besitzer des inneren Schwunges teilhaftig wurden. Es traten auch einzelne Persönlichkeiten, die sich sonst abseits gehalten hatten, um daheim in ihren Häusern eine vornehme Musik zu pflegen, aus ihrer Verborgenheit hervor und stellten sich in die Reihen, wie im Krieg die Freiwilligen unter die Fahnen eilen und nichts mehr für sich selber sein wollen um der Sache willen. Da war nun auch ich mit Leib und Seele dabei; es war wohl kaum vorher und nachher eine Zeit in meinem Leben, wo mir so das Ich versank um eines Höheren willen, in dem es aufgehen konnte, wie damals. Die Zeichen mehrten sich, daß die Zeit erfüllet werde. Schon nahm ein verdienter Tonmeister der Stadt die Zügel in die Hand, um einzelne Chöre mit verschiedenen Vereinen zusammen zu probieren, und das geschah in einer großen Halle, die eigens für das Fest aus leichten Balken und Brettern gezimmert worden war, und Tausende von Menschen fassen konnte. Noch ermangelte der riesige Raum des festlichen Schmuckes der Tücher, Fahnen und Laubgewinde, der ihm zugedacht war, aber machtvoll und freudig erklangen darin die Chöre und versprachen schön zu werden, wenn sie, von aller Schwere und Unreinheit befreit, auf breiten Wogen am Tage des Festes durch die Halle fluten würden, vereint mit anderen gereinigten Strömen.
Noch war es freilich nicht so weit; das Taktstöcklein des Dirigenten fiel oft genug und mit wachsender Ungeduld hart klopfend auf das Pult, die Sänger belehrend, daß ihrer Emporläuterung zum Vollkommenen hin noch lange nicht genug getan sei. Es ging scharf zu, und das bei den Männern wie bei den Frauen, ja es dünkte mich, als seien die letzteren noch härter mitgenommen als wir. Als nun einmal der Sopran für sich allein eine Stelle vier- oder fünfmal wiederholen mußte und ich müßig zusah, wie die angespannten Sängerinnen sich mühten, das Höchste zu leisten, fiel mein Auge auf ein Mädchengesicht, das ganz versunken weder auf den Dirigenten noch in die Noten sah, sondern in sich selbst hinein zu horchen schien, woher ihm ohne Mühe die Melodien zuflössen, die es leicht hervorbrachte und mit einem weichen, taktmäßigen Wiegen des Oberkörpers begleitete.
»Warum zum Kuckuck sieht sie denn nicht auf den Dirigenten, wenn es gilt wie jetzt?« dachte ich mit polizeidienerhaftem Ärger, als in dem Augenblick sich das Gesicht dem befohlenen Punkt zuwandte und einen oder ein paar Takte lang darauf verweilte, bis sich ein unwiderstehlich belustigtes Lächeln über die ganze Fläche verbreitete und die Augen wieder in ihre Versunkenheit zurückgingen. Sogleich aber wußte ich, daß das Mädchen nur deshalb in sich selbst hineinsah, weil ihm der Anblick des heftig fuchtelnden Mannes einen unbesieglichen Lachreiz erweckte und es in seiner andächtigen Hingabe an die Musik störte. Aber während in mir der brennende Wunsch entstand, sie möchte das hübsche Schauspiel noch einmal aufführen und ich sie erwartungsvoll ansah, kam mir die Sängerin immer bekannter vor. Sie trug ein loses Kleid von grüner Farbe, das mit einer schmalen Goldborte unter der Brust zusammengehalten war, und hatte ein leichtes Schleiertüchlein am Halsausschnitt, aus dem heraus lieblich und jetzt wieder ganz ernsthaft das Singewesen stieg. Wo aber hatte ich schon einen Kopf so frei und freudig tragen sehen, und wo nahm das Mädchen die Züge her, die mir mit jedem Augenblick vertrauter wurden? Sie sollte jetzt einmal einen Augenblick aufhören, zu singen, daß man sie in Ruhe betrachten konnte, das feste Kinn und den blühenden Mund und die Augen, die vorhin so heiter aufgeleuchtet hatten. Aber das dauerte nicht so lang als die Beschreibung, so sagte das schon einmal angeführte Stimmlein in mir halb zweifelhaft und halb triumphierend: Maidi? Der Verstand wandte ein, die Sängerin sei größer, schmaler und von dunklerem Blond als die Maidi aus der Vaterstadt und trage die Haare tief gescheitelt und aufgesteckt, was jene auch nicht gehabt habe; worauf es sagte, natürlich, begreiflich, denn es sei fünf Jahre her seit damals, und ich müsse nicht etwa meinen, daß ich mich in dieser Zeit nicht auch verändert habe. Ich erwiderte hierauf, falls es je die betreffende junge Dame sein sollte, die aber für mich noch nie Maidi geheißen habe (jene Stunde in dem grünen Garten ausgenommen), so habe das weiter für mich nichts zu sagen. Oder ob ich vielleicht hingehen solle und fragen, ob sie sich erinnere, einmal mit mir auf dem Markt herumgestrichen und beim Kasperle gestanden zu sein? Außerdem handle es sich sicher um eine zufällige Ähnlichkeit. Das aber glaubte mein Herz, das sich auf einmal in die Sache zu mischen anfing, keineswegs, und es entstand ein heftiger Disput in mir mit Für und Wider, der nur obenhin geschweiget wurde, als auch wir Männer wieder mitzusingen hatten. Ich kam nun mit mir überein, die Sängerin, sie sei, wer sie wolle, in eine nähere Beziehung zu mir zu denken. Sie sang gewissermaßen ein Duett mit mir, zu dem die andern den Chorus bildeten. Wenn ihre Stimme empor frohlockte, so hielt ihr die meinige die Leiter dazu, und wenn ich ihr ein neues Thema angab, so ging sie lieblich und bereitwillig darauf ein und machte etwas so Schönes daraus, daß mir die Brust vor Wonne schwoll. Daß sie mich dabei nicht ansah, war weiter nicht zu verwundern, es war genug, daß ihre Stimme mit der meinigen zusammenklang, es war eine schönere Gemeinschaft, als ich sie je besessen hatte. Als die Probe aus war, verschwand sie sogleich, und ich spürte ihr auch nicht nach, denn auf der Straße wäre sie nicht mehr dieselbe gewesen, aber ich wartete mit brennendem Verlangen auf die nächste Singgelegenheit, die auch bald erschien und die heimliche Wonne fortsetzte. Es war mir jetzt, als sei die Musik, meine unbesprochene Geliebte, aus ihrer Verborgenheit hervorgetreten in einem grünen Kleide und einem Heiligenschein von blondem Kraushaar, das sich aus den Scheiteln herausdrängte, und alles sei voller Wohlklang, solange sie im Saal regiere. Aber auf einmal sah ich, daß die Göttin mich aufmerksam und prüfend ansah in einer Pause, und daß sich über ihr Gesicht ein ungläubiges Staunen und dann ein kleines Lächeln verbreitete, und sie wurde mit einem Schlag zum Menschenkind, das mich zögernd und fragweise, ob ich es auch sei, mit einem Augenwink grüßte. Da war es Maidi, ich hatte es aber schon lang gewußt.
Doch fand ich noch nicht so schnell den Weg zu ihr, denn ich war seltsam befangen, was ich sonst nicht an mir kannte, und mochte mich nicht durch die Menge drängen, oder sie am Tor erwarten. Ich sah sie aber einmal in einer Gruppe junger Leute beiderlei Geschlechts die Halle verlassen und dachte, sie habe ja wohl schon ihren Umgang und habe nicht auf mich gewartet, was ja auch begreiflich genug sei: Da suchte ich wieder in die schöne und heilsame Ichlosigkeit der ersten Wochen unterzutauchen, in der es mir so wohl gewesen war, sie ließ sich aber nicht erjagen und war vorbei, doch aus dem Meer von klingenden Wogen und Wellen war eine Gestalt aufgetaucht, nach der ich hinsehen mußte, wie nach einem anderen Ich.
Inzwischen kam das Fest heran. Ich hatte etwas so Großes und nach meinen Begriffen unirdisch Schönes noch nicht erlebt und ging nach dem ersten Abend, der nicht von Menschenstimmen, sondern von einem Riesenorchester erlesener Streichinstrumente gespeist worden war, in einem halben Rausch und einer ganzen Begeisterung in den Anlagen umher, in denen die Festhalle stand, und in denen viel Volks lustwandelte, festlich geschmückt und in guter Stimmung, denn sie waren, wie einst die Juden und die Griechen zu ihren Festen, aus vielen Orten zusammengekommen zu dem einen schönen Zweck und hatten jetzt bereits Nektar und Ambrosia gegessen und getrunken, morgen aber gab es mehr davon.
Es waren da und dort leichte Zelte zur Bewirtung der Gäste aufgestellt, die nicht von der Götterspeise allein leben mochten oder konnten, und auch in ihnen ging es zwar lebhaft und freudig, aber doch nicht ausgelassen zu, denn noch hingen, wie Weihrauchwolken von Opferaltären, die eben verklungenen Harmonien von zwei Beethovensymphonien in den Wipfeln der Bäume und stiegen, langsam einen Ausweg suchend, zum gestirnten Himmel auf. Ich suchte Olbrich und einige andere Gesellen, die sich nach Verabredung zusammen getan hatten, um noch eine Flasche Wein miteinander zu trinken und die ich hatte vorausgehen lassen, weil ich noch zu erregt war, um ihre unausbleiblichen Scherze, Kritiken und Neckereien, an denen ich mich sonst gern beteiligte, mitanzuhören. Ich summte leise die und jene Takte der Musik vor mich hin, und alle Nerven waren in mir aufgespannte Saiten, die mitspielten und mich den vollen Strom noch einmal hören ließen, und in allen Adern kreisten eingeschlossene Quellen des Lebens, die an ihre Pforten klopften, weil sie aufgerufen worden waren; es war eine Qual voller Glück. Jenseits des Rondells, das ich eben umging, trat in den Lichtkreis einer Bogenlampe, die in dem grünen Geäst eines Ahorns hing, eine Gesellschaft junger Mädchen in hellen Kleidern; sie plauderten und lachten, und als ich näher zusah, war Maidi unter ihnen. Sie war still und es schien mir, als sehe sie suchend umher, da brannte mich etwas im Innersten, denn wen suchte sie wohl, und warum mußte ich hier allein sein? Sie trug immer noch den Kopf in einer so festlichen und freudigen Haltung wie einst, ich hatte das noch bei keinem Menschen so gesehen, aber ihr Gesicht war zugeschlossen und ernst. Ich hatte stürmisches Herzklopfen und wußte nicht warum. Als der hellgefiederte Schwarm auf mich zukam, trat ich in einen Seitenweg ein und ging ihn auch zu Ende bis an eine kleine Wirtslaube, die von einer einzigen Flamme matt erhellt war. Es saßen ein paar stille Zecher darin, jeder für sich vor seinem Wein, und auch ich setzte mich an ein Ende des Tisches und bekam einen gefüllten Römer vor mich hingesetzt. Ich betrachtete einen graubärtigen Mann mit langem und schlecht gepflegtem Künstlerhaar. Er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte und hielt den Kopf tief gesenkt.
»Dem geht's wie mir,« dachte ich. »Auch er ist allein und muß alles in sich selbst verarbeiten.« Und es war mir, als müßte ich mit allem Drang in der Brust mein Leben lang für mich bleiben und einsam alt werden; ich trank ziemlich viel von dem guten und tröstlichen Wein und hörte auf einmal den Alten sagen: »Liebeskummer?« Aber als ich ihn zornig ansah, lächelte er in sich hinein, als wisse er gar nichts von mir.
Da stand ich auf, zahlte und ging. Mir war sehnsüchtig und heimwehig zumute.
Aber am andern Tag war es vorbei. Olbrich fragte mich, wo ich gewesen sei; sie hätten lang auf mich gewartet und seien darum endlos sitzen geblieben, was ich nun zu verantworten habe, und ich verteidigte mich lachend, da sie auch früher ohne mich lange Sitzungen gehalten hätten; ich hätte noch frische Luft gebraucht nach der Hitze in der Halle.
Er sah mich aufmerksam an, denn ich ging auf einmal eigene Wege und hatte etwas Entschlossenes an mir. Ich hatte mir beim Aufstehen vorgenommen, daß heute ein Knopf an die Sache mit der Maidi gemacht werde, so oder so. Entweder ich ging hin und sagte: Guten Tag, kennen Sie mich noch?, oder ich ging meiner Wege und ließ sie laufen. Eins oder das andere.
In dieser Entschlossenheit ging ich den ganzen Tag umher und duldete nicht, daß der kleinste Zweifel darein kam, es war aber Gefahr vorhanden, daß mir das ganze Fest zuschanden kam, denn bald war ich auf dem einen Punkt, bald auf dem andern, wie konnte ich da an etwas anderes denken?
Aber es ging viel einfacher zu, als ich meinte. Denn als ich am Abend in die Halle trat, ging Maidi mit mir zu der schmalen Hintertür herein, die für die Sänger bestimmt war. Sie sah mich freimütig erkennend an und sagte: »So sind Sie es also doch gewesen. Ich habe Sie in der Probe gesehen und von weitem gegrüßt, aber Sie waren so fremd und finster, daß ich dachte, ich hätte mich geirrt, oder Sie wollten mich nicht mehr kennen. Aber jetzt ist weder das eine noch das andere wahr.«
So konnte sie wohl sagen, da sie mein erfreutes Gesicht sah, das ich ihr nicht verbarg, und den festen Druck spürte, mit dem ich in der Erleichterung meines Herzens ihre Hand hielt und schüttelte.
War sie es denn aber noch bei näherer Betrachtung? Oder wie war das Wesen, in welches das zutrauliche, lustige Mädchen von damals sich verwandelt hatte, beschaffen? Gott sei Dank, nicht viel anders, als ich sie noch im Sinn hatte, das heißt: aufrecht und mit erwartungsvoll schreitendem Gang, sicher, freudig und einfachen Wesens, ohne alle Ziererei, aber dabei königlich in der Haltung, wie sie es von ihrem silberglänzenden Großvater ererbt hatte. Es war aber noch viel hinzugekommen, was ich nicht aufs erstemal erfassen konnte, und worin sie mir weit über war. Denn sie hatte in ihrer blühenden Jugend dem furchtbaren Ernst des Lebens ins Gesicht gesehen und eine Reife dabei empfangen, die man mit Schmerzen zahlt und mit dem Zauber der hinträumenden Unbewußtheit. Schicksale waren vor ihr aufgestanden, die ihre nächsten Menschen betrafen; es war nicht so einfach, gut zu sein und friedlich beisammen zu wohnen. Man konnte mit Leidenschaften beladen in der Welt umher irren und daran zugrunde gehen, und es konnte dann dennoch das Wunder über einen geschehen, daß im tiefsten Elend noch die Liebe sich aufmachte und erlösend zu einem trat; so war es bei ihrem Vater. Und es konnte sein, daß die liebste Liebe verraten und zertreten wurde und litt und doch nicht unterging, sondern wie ein bedecktes Feuer unter der Asche weiter glühte und wartete. Aber wenn dann ihre Zeit noch einmal kam und ein Sturmwind sie neu anblies, dann mußte sie andern nehmen, was sie dem einen gab, und es war eine Not ohnegleichen. So war es bei ihrer Mutter, die sich von den Kindern gelöst hatte und von dem alten Vater, um zu dem Mann zu gehen, der ihr Glück und ihr Unglück gewesen war. Und es konnte kommen, daß man sich zwischen zwei liebste Menschen stellen mußte und den, der einem am wehsten tat, decken vor dem, dem man im stillen recht gab, der Sache nach. So war es Maidi gegangen, als der Großvater gegen die Mutter tobte und fluchte, daß sie gehe. Sie hätte sie gern gehalten, denn war nicht hier ihre Aufgabe und ihre Heimat? Wie konnte sie dorthin gehen, wo ein unnennbares Grauen wohnte? Und doch küßte sie die bleichen Lippen, die immer sagten: ich muß doch, begreift es denn niemand?, und hieß sie gehen, obgleich es ein dunkles Rätsel war. Voller Rätsel war das Leben und auch voller Stürme. Der heitere Greis mit seiner prachtvollen Lust am Leben wurde dennoch vom Tod hingemäht, und auch sein Glanz war nicht ohne Trübung. Denn er hatte nie für die Zukunft gesorgt, weder für sich, noch für die Seinen. Sparen und vorsorgen schien ihm eine geringe und hausbackene Tugend zu sein für Krämer und enge Bürger recht, aber nicht für Könige, Lieblinge des Lebens und der Kunst. Er war bewundert gewesen, geliebt von Frauen und Männern, heiter, freigebig und voll gütiger Launen, aber es blieb nichts übrig für die geliebten Kinder seiner Tochter, die in Fülle und mit dem leuchtenden Sinn für das Schöne herangewachsen waren. Das alte Haus und der grüne Garten waren verkauft, es war nicht leicht, daran zu denken und nicht leicht, das geliebte Bild des alten Herrn ganz strahlend hell im Herzen zu haben.
Schwer und unbegreiflich war vieles im Leben; es meißelte weiche, jugendliche Züge und gab ihnen feste, bestimmte Linien, und es ließ lachende Augen, die überall den Sonnenschein auffingen, wach und wissend in den Tag sehen.
Das alles erfuhr ich erst nach und nach, aber etwas davon ging mir beim ersten Sehen auf, ein Ernst und eine reife Überlegenheit, vor der ich fast erschrak, denn ich hatte das nicht erwartet. Aber Gott sei Dank, es hatte das Jungsein doch noch daneben Platz oder vielmehr, es brach daraus hervor, wie eine verschüttete Pflanze aus wüstem Geröll oder wie der Saft aus einem zurückgeschnittenen Baum, der übermächtig treibt und die Wunden zudeckt mit neuen grünen Trieben. Es mußte ja nicht immer so düster kommen, man hatte ja sein eigenes Leben zu leben, das erst vor einem lag und in dem es gut und hell zugehen mußte, allem Dunklen zum Trotz.
Das alles gab mir Maidi nach und nach zu sehen und zu kosten, den Ernst und den Stolz und das Lachen, ich habe es aber gleich auf einmal heraufgeholt, weil ich meine, keinen Zug ihres geliebten Bildes verschweigen zu können, wenn ich von ihr rede, auch keinen Augenblick.
Sie war nicht auf der Malerakademie, wie meine Schwester Luise gemeint hatte, sondern in einer Kunstgewerbeschule, wo sie in absehbarer Zeit zu Beruf und eigenem Verdienst kommen konnte. Ihr Bruder, den sie sehr liebte, war irgendwo auf einer Hochschule, wozu ihm Stipendien verhalfen aus reichen alten Stiftungen eigener Vorfahren. Er war begabt, und sie war stolz auf ihn, sie war nicht im Zweifel, daß es einmal wieder gut kam im Leben.
Von dem allem erfuhr ich bei der ersten Begrüßung nur das Äußerlichste, so viel ungefähr, daß ich wußte, ich habe es nicht mit einem Wesen zu tun, das nach eigener Wahl und aus innerem Müssen den schönen Künsten nachfolge, sondern mit einem solchen, das genötigt sei, auf eigenen Füßen zu stehen und selbstverdientes Brot zu essen. Aber freilich mußte das Brot auf einem Acker gewachsen sein, dem es zwischen den Ähren nicht an rotem Mohn und blauen Kornblumen fehlte, denn ohne Schönheit wäre sie geistig oder seelisch Hungers gestorben.
Wir waren ein paarmal miteinander vor der Halle auf und ab gegangen, da noch etwas Zeit übrig war vor dem Beginn des Konzerts, und hatten das Nötigste vom Woher, Wohin und Wieso miteinander geredet, aber unversehens doch als solche, die einander etwas angehen. »Ist es nun nicht wunderbar,« sagte Maidi, »daß wir Landsleute und Stadtkinder hier in der Fremde zusammentreffen? Hätte es nicht jedes von uns ebensoviele Stunden weit nach einer andern Richtung hinwehen und absetzen können, wo dann keines etwas vom andern gewußt hätte?« Das sagte sie so drollig und mit sichtlicher Freude an dem Geschehen, daß ich erleichtert anfing zu lachen, denn ich mußte mir bildhaft vorstellen, wie uns der Wind nach verschiedenen Richtungen getragen und niedergelassen hätte, und Maidi fiel so herzlich in mein Lachen ein, als ob sie schon lang nicht mehr recht gelacht hätte und nun die erste Gelegenheit dazu ergreife. Dabei hatte sie auf einmal wieder die Züge, die ich gut an ihr kannte, es fiel mir ein, daß ich sie auch in der Konzerthalle zuerst lachend erblickt hatte, und ich teilte ihr das mit.
»Ja,« sagte sie wieder ernsthaft und wie in einer kleinen Bekümmernis, »es hat vieles Platz nebeneinander in einem Menschen. Es wundert mich oft selber. Ich habe es an mir, daß mich das Komische, besonders wo es wichtig auftritt und sich breit macht, überwältigt und ich dann alle Kraft brauche, um die Lachlust zu unterdrücken. Das kann mir in der Kirche geschehen oder bei einem an sich traurigen Anlaß; ich bin schon bös damit hereingefallen. Es darf nur jemand ein großes Pathos entfalten oder eine strenge Amtsmiene aufsetzen bei einer unwichtigen Sache, oder schwänzelnd hinter einem Leichenwagen einherschreiten, gleich steigt es mir auf mit aller Macht. Es ist dann nur gut, wenn mein Bruder nicht in der Nähe ist, der es auch so hat. Allein werde ich eher damit fertig, es dauert dann nur einen Augenblick. Wenn ich ihn aber nur von hinten sehe, wie er mit den Achseln zuckt, so weiß ich schon Bescheid, nämlich daß er lautlos in sich hineinlacht, und dann bin ich verloren.«
Das alles sagte sie ernsthaft und als ob es ihr Not bereite, und es war vielleicht auch der Fall, aber es saß doch ein Schelm in ihren Augenwinkeln, und ich hätte uns jetzt gleich einen der beschriebenen Anlässe hergewünscht, um den Bruder zu vertreten, denn das war so recht eine Sache für mich. Das Zeichen erscholl, das die Sänger an ihren Platz rief, und Maidi enteilte mir, ich aber begab mich in der besten Laune zu meinen Sangesbrüdern, hochgestimmt und aufgeheitert zu gleicher Zeit.
Wenn -- weil ich schon einmal das Meer zum Vergleich angeführt habe, für das Zusammenfließen so vieler und starker Tonmassen -- im großen Weltmeer hie und da zwei aufblitzende Wellchen mit lustigen Schaumkrönlein einander von weitem erblicken und grüßen und darnach wieder untersinken in die weitausgereckten Arme des Meeres, so haben sie es, wie wir beide, Maidi und ich, an diesem Tage es hatten. Wir waren eins mit dem Ganzen und hingegeben an dasselbe, andächtig und voller Lust und doch auch wieder selber etwas, das mit Zunicken und freudigem Grüßen das andere suchte. Ich weiß, daß es nicht nur bei mir so war, es war auch in Maidi eine Freude, hier in der Fremde und in der Gegenwart, die so ganz anders war als die Heimat und die Vergangenheit, einen zu finden, der bis ins Kinderland zurückreichte; und so, erwärmt und heimatlich angerührt, sang sie sich, untertauchend und wieder emporgehoben, in eine still-beseeligte Wonne hinein, wie sie mir später einmal mit aufleuchtenden Blicken erzählte. Als nun der Schlußchor einer Kantate und zugleich der des Abends kam und ein sieghaftes Getöne anhob, in dem immer eine Stimme der andern zurief: Frohlocket -- und singet -- und die andere es aufgriff und weitergab, bis zuletzt ein großes allgemeines Frohlocken entstand, das die Wände zu eng machte und in die Nacht hinausschallte, da war es uns eben recht, wir frohlockten und sangen -- und sangen und frohlockten, so viel wir konnten, und hatten den starken Widerhall in der Brust. Es war mir aber, wie wenn ein helles, lustiges Glöcklein neben einem vollen Domgeläute für sich bimmelt, als ich auf einmal sah, wie über Maidis Gesicht mitten drin ein Lachen lief, das ich begierig war, noch oft zu sehen. Denn es gingen ihr neben allem Großen her kleine lustige Geisterchen, die stiegen auf und saßen rittlings auf den hohen Wogen, wie rosige Engelsbübchen; dann war sie köstlich anzusehen.
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