Part 13
Ich war in meiner jetzigen Stellung nicht im Verkehr mit dem Publikum, wie zuvor, sondern hatte lediglich Korrespondenzen mit Unbekannten oder auch nur dem Namen nach Bekannten zu führen und wie sich versteht, auch dies nur in rein geschäftlicher Beziehung, was in mir einen Hunger nach menschlich nahen Berührungen erzeugte, denn ich konnte nicht gut für mich allein sein. Es war nun in dem großen Hause, dem ich als Angestellter angehörte, ein junger Mann, nicht viel älter als ich, doch so etwa drei bis vier Jahre, der mich stark anzog. Er hatte, wie ich erfuhr, Philologie studiert, war aber wegen übermütiger Streiche, die er auf der Universität verübt haben sollte, und durch die er die Professoren gegen sich aufgebracht hatte, aus seiner Laufbahn geworfen worden. Doch machte er nichts weniger als den Eindruck etwa eines verbummelten Studenten oder sonst einer verkrachten Existenz. Im Gegenteil trat er mit großer Sicherheit und eher etwas herrisch auf, leistete viel und das mit Leichtigkeit und ließ gelegentlich durchblicken, daß er seinen jetzigen Beruf nur als Übergang zu einem andern ansehe. Er wolle sich ganz der Politik widmen, auch etwa eine große Zeitung redigieren oder dergleichen, das habe indessen alles noch Zeit. Es war, als habe er alles in der Hand, was er sein oder erreichen wollte, und es blitzte auch in seinem Gesicht von Geist und Temperament, daß einer nur hinsehen und staunen und sich ihn zum Freunde wünschen mußte. Wir gingen öfters miteinander aus, und eines Abends in warmer und aufgeschlossener Stimmung ließ er sein Glas mit meinem zusammenklingen und bot mir das Du an. Es wolle bei ihm etwas heißen, wenn er das tue, sagte er, er sei keiner von denen, die mit der ganzen Welt auf Smollis seien, ich hätte indessen etwas an mir, was ihn reize, mich zum Freund zu haben, obgleich ich ein Unschuldslämmchen sei. Oder vielleicht gerade deswegen, setzte er lachend hinzu. Er müsse mich seiner Mutter zeigen, die dann vielleicht neue Hoffnung schöpfe, daß er auf ein bürgerlich ehrbares Leben hinsteuere, wenn er mich vorweise.
Das Unschuldslämmchen stach mich ein wenig, so sehr die neue Freundschaft mich beglücken wollte. Es hätte mich mehr geehrt, für einen leichtsinnigen Tausendsasa gehalten zu werden, denn für ein braves Kind, das man seiner Mutter vorzeigt, um Lob zu ernten. Olbrich mochte mir das angesehen haben, denn er sagte gutmütig: »Du mußt das nicht schwer nehmen, im Gegenteil. Meine Mutter ist das allerfeinste, was ich kenne, es gibt keine Frau, die ihr gleicht. Wenn ich einen Freund hätte, der ihr gefallen sollte, so müßte er der auserlesenste Mensch sein, der du vermutlich gar nicht bist. Doch sei nur ruhig, sie liebt mich, wie ich bin und nimmt an, was ich ihr bringe, obgleich es schon hie und da harte Brocken waren, die ich ihr zu beißen zugemutet habe.« Er sah eine Weile vor sich hin, als ob er erst nachträglich merke, daß wirklich gute Zähne dazu gehört hätten, alles zu beißen, was er seiner Mutter auf den Tisch gelegt habe, und als ob er bedenke, daß es vielleicht auch einmal genug damit sein könnte, da man im Alter sonst gern weicheres Brot und leichtere Speise genieße.
Wie aus einem solchen Gedankengang heraus, sagte er, mich anblickend: »Du hast es eigentlich gut in deiner Haut, die dich ordentlich auf dem einmal gebahnten Weg weitergehen läßt, während in mir ein Feuer ist, das noch allerlei anstellen kann, und das über mich befiehlt. Wenn ich allein wäre, käme es mir nicht darauf an, tüchtig in der Welt herumgeworfen zu werden, denn umzubringen bin ich nicht, aber die alte Frau tut mir leid; sie hätte es verdient, daß ich ihr Enkelchen ins Haus brächte und sie selbst Sonntags am Arm spazieren führte als ein braver Sohn und Bürger. Aber ehe das geschieht, kann noch viel Wasser ins Meer fließen, und kurz und gut, sie sollte dich zum Sohn haben anstatt meiner, wenigstens so viel ich von dir kenne.«
Das sagte Olbrich aber nur, weil er einen Mangel von mir für eine Tugend hielt und weil er der starken Kräfte, die ihn selber umtrieben, nicht ganz froh werden konnte. Ich war unberaten und zufällig in meinen Beruf hinein gegangen, es hätte ebensogut irgendein anderer sein können, und ich hätte dann das Meinige darin getan, wie ich es in diesem tat, denn ich hatte gute Gaben und viel Anpassungsvermögen, und es rief mich keine starke Neigung nach einer andern Seite. Auch hatte ich ein lebhaftes Verlangen nach äußerem Vorwärtskommen und ein anererbtes Respektgefühl vor dem jeweilig als Pflicht Übernommenen, das mich zuverlässig und arbeitsam sein ließ. Das war aber auch alles. Obwohl ich meinen Beruf leidlich ausfüllte, so füllte er doch mich nicht aus; ich suchte meine Weide und die Stillung meines Glücks- und Lebensverlangens auf andern Wegen, deren mir ja viele offen standen, nicht in dem, was ein Mann über alles lieben sollte, im Zentrum meiner Lebensarbeit.
Das alles sagte ich meinem neuen Freund nicht und wußte es auch damals noch nicht wie heute, wo mir der rosige Nebel, der über allen Dingen lag, vergangen ist und der nüchterne Tag vieles klar gemacht hat, Liebes sowohl als Leides. Nur meiner Mutter gedachte ich einen Augenblick, als er von der seinigen sprach, und daß ich ihr auch hätte gönnen mögen, mich so wohlgeraten zu sehen. Es kamen aber Bekannte an unsern Tisch, und das Gespräch ging auf allgemeine Dinge über.
Olbrich zögerte nicht lange, mich in allerlei Kreise einzuführen, in denen er bereits etwas galt und auch in einen Singverein, der hauptsächlich klassische Musik zur Aufführung brachte. Ich war in keiner Weise musikalisch gebildet, aber ich pflegte auf Spaziergängen, oder wenn ich in meinem Zimmer umherkramte, vor mich hin zu singen, was ich etwa gehört hatte und was mir im Gedächtnis hängen geblieben war. Darüber wurde ich von Olbrich betroffen, der mir auf den Kopf zusagte, daß ich eine Stimme habe und musikalisch sei, und der nicht nachließ, bis ich in den Sängerchor eingeordnet war, in dem er selbst eine ziemliche Rolle spielte. Meine Einwendungen in dem Sinne, daß ich ja gar nichts gelernt habe, kaum nach Noten singen könne und so weiter, verlachte er, da es nicht darauf ankam, ob man bereits gedrillt sei, sondern ob man die Gaben habe, alles nachzuholen, was bei mir der Fall sei. Es ging auch richtig ziemlich gut, und ich war mit Ernst bei der Sache, da es mich selber wunderte, welch starke und freudige Töne meine Kehle hervorbrachte, und wie sie in dem Brausen des Männergesangs kräftig mitschwangen. Aber noch erfreulicher war die Entdeckung, daß all unser Singen doch erst eine Vollendung, ja einen eigentlichen Zweck bekam, wenn das Heer der weiblichen Stimmen sich darein mischte und zur Kraft die Süße, zu dem festen Untergrund der Bässe und Tenöre das hohe, silberne Klingen des Soprans und das warme, herzandringende des Alts fügte. Ich fühlte mich recht als Glied eines Ganzen und tat wacker und ehrlich mit, was mir bald einigen gutmütigen Spott von Olbrich und ein paar andern eintrug, die es darauf abgesehen hatten, mich als Musterknaben auszuspielen. Sie hatten fast alle unter den singenden Damen Bekannte, die sie nach Schluß der Proben heimbegleiteten, und mit denen es unterwegs noch viel Scherz und Gelächter gab, und es schien, als ob manchen dieser Teil der Sache der wichtigere wäre. Dabei konnte ich nun schon aus Mangel an Bekanntschaften nicht mittun, aber es war auch noch etwas anderes bei mir, das nämlich, daß mir auf einmal in ein ziemlich inhaltloses Leben hinein die Musik wie eine Geliebte getreten war, der ich mein Herz auftat, und die mich mit Feuer und Andacht erfüllte. Es wurde mir jetzt nachträglich klar, welch herzliche und innige Schönheit mich oft angerührt hatte, wenn ich Brigitte Hagenau hatte Klavier spielen hören und jetzt, nach ihrem Tode, war es mir, als habe sie damals über alle Kraft und Klarheit ihres Wesens, ja über die geistige Welt, in der sie lebte, mit mir geredet, ich habe es aber an mir vorübergehen lassen.
Da war ich denn nun an den Musikabenden meistens verschlossener gegen die scherzhaften Gespräche, die in den Pausen und nach dem Schluß hin und her flogen, als es sonst meine Art war, und Olbrich sagte, man müsse mir zu einem Damenverkehr helfen, denn es sei die Sehnsucht da mitzutun, die mich so schweigsam mache. Es müsse aber ein feines Mutterkind sein, das man mir heimzugeleiten gebe, denn ich sei selber noch ein solches und gleich und gleich geselle sich gern.
Er hatte mich ehrlich gern und zeigte mir das auch auf jede Weise, nur daß er es nicht unterlassen konnte, mich mit dem zu necken, was ich meiner Meinung und meinen Wünschen nach gerade gar nicht war. Ich war nur ohne Übung im freieren Flug, und ich meinte, mich weltmännisch genug zu betragen und war auch bereit, noch mehreres darin zu tun, wenn es die Gelegenheit ergab. Er aber sah den Anlauf, den ich zu diesem allem nehmen mußte, und hatte etwas wie eine Rührung darüber, die er unter leichtem Spott und Necken verbarg. Im Grunde war er selber eine durchaus gesunde und unverdorbene Natur, die sich ruhig ein Stück weit die Zügel schießen lassen konnte, auf die Dauer aber ihr Gesetz in sich selber nicht überhörte und nach allerlei Seitensprüngen immer wieder in ihre richtige Lage zurückkehrte. Ich dagegen horchte viel nach allen Seiten und bemühte mich, zu tun, was etwa andere, die mir imponierten, für geschmackvoll und richtig hielten, und es ist nur ein Wunder, daß ich bei alledem doch so ungefähr auf dem Wege blieb.
Es begegneten mir freilich immer wieder Menschen von der echten und lebendigen Sorte, die dem unbewußt Guten, das ich doch auch in mir hatte, entgegen kamen und es einstweilen für eigen und für bare Münze nahmen, ja mich liebten, ohne daß ich mir gerade um sie besondere Mühe gab. Ich war es aber so gewöhnt von jung auf und wunderte mich nicht einmal besonders darüber. Es mußte alles so sein, wie es war.
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Olbrich nahm mich eines Sonntags mit zu seiner Mutter, die in einem Vorort ein kleines Landhaus allein bewohnte, während er selbst ein Zimmer in der Stadt hatte, schon der Geschäftsnähe wegen, aber auch, um sich ganz ungehindert bewegen zu können, worin seine Mutter ganz einig mit ihm war. Sie war schon seit vielen Jahren Witwe und hatte nur diesen einzigen Sohn, den sie an ihrem Herzen mit einem starken Band angebunden hielt, aber lang genug, um nichts von Unfreiheit spüren zu lassen. Sie war seine Freundin und ging mit großem Interesse auf alles ein, was er ihr brachte, ja sie hatte einen so guten und glücklichen Humor, daß er sich eines spaßhaften Erlebnisses oder einer lustigen Geschichte erst recht freute, wenn sie mit ihm darüber gelacht hatte. Diesmal nun erzählte er, er habe diese Woche einmal bei einem Umtrunk auf die Frage: Bruder, deine Liebste heißt? geantwortet: Friederike, was alle aufs höchste verwundert habe, denn man sei gewöhnlich mit dem Gegenstand seiner Neigung auf dem Laufenden und habe in der ganzen Stadt keine Friederike gekannt, um die es sich habe handeln können. Er habe ihnen aber nicht entdeckt, daß es sich bei dem geheimnisvollen Kleinod um seine Mutter handle und lasse sie nun alle zappeln. Darüber lachten sie beide herzlich, und ich entdeckte, daß sie einander im Lachen, ich möchte sagen, lächerlich ähnlich sahen, aber ich sah auch den vollen Glücksblick, den die Mutter während des Lachens auf den Sohn warf, und der mich wunderlich aufrührte. Ich hätte etwas darum gegeben, auch einen solchen Blick auf mir ruhen zu sehen, und dachte eines Anlasses, der um einige Zeit zurücklag.
Ich war nämlich auf der Reise zwischen beiden Orten ein paar Tage zu Haus gewesen, um die Hochzeit meiner Schwester Helene mitzufeiern, die eigens um meinetwillen auf diese Zeit gelegt worden war. Die guten Schwestern hatten alles getan, um mich behaglich, oder, wie sie meinten, würdig aufzunehmen, es hatte an keinem Guten gefehlt. Sie waren nun schon in das Haus umgezogen, das der Schreiner gekauft und nach Möglichkeit hergerichtet hatte. Luise wohnte im Unterstock, und dort war auch für mich eine Kammer bereit, die Luise so wohnlich als möglich gemacht und geschmückt hatte. Es hingen Vorhänge an den Fenstern und Bilder, von denen sie gedacht hatte, daß sie mir gefallen würden, an den Wänden, und Luise hoffte auf mein freudiges Erstaunen und auf die Äußerungen eines befriedigten Heimatsgefühls. Aber ich fand sowohl die Liebespaare an den Wänden, als die blaue Tapete scheußlich, und sagte das zwar nicht, aber auch nichts Gutes, und litt selber unter einer schlechten, enttäuschten und widerwärtigen Stimmung, die ich nicht ganz verdecken konnte. Es war weder die alte, einfache, fast ärmliche Heimat mehr, die mich schon um der Erinnerung willen an sich gezogen hätte, noch als Ersatz dafür ein Ort, an dem es meinem jetzigen Selbst entsprechend zuging und aussah. Sondern es waren Kraftanstrengungen gemacht worden, um ein bißchen Schönheit oder Eleganz in die Räume zu bringen, und ich sah nicht den guten Willen und das Verlangen nach einem freundlichen Aufstieg, sondern nur das mißratene (nach meinem Dafürhalten) in der Ausführung.
Dazu kam, daß ich mich mit dem Schwager nicht verstand, was ich ja vorausgesehen hatte, und daß sich Helene darüber betrübte. Nachträglich spürte ich wohl, daß es an mir selber gelegen war, aber das machte die Sache nicht besser. Ich hatte dem jungen Paar als Hochzeitsgeschenk ein Büchergestell mit einigen Klassikerbänden mitgebracht, worüber sich Helene kindlich freute. Sie hängte das hübsch gearbeitete Brett auch sogleich im sogenannten guten Zimmer auf und stellte zu meinem Grauen ein paar kleine lackierte Gipsbüsten oben darauf, die Schiller und Goethe vorstellen sollten, und die ihr der Bräutigam gekauft hatte. Letzteres wußte ich nicht, sonst hätte ich mich wohl zurückgehalten, zu sagen: »Laß' doch die Scheusale weg, die ich am liebsten durchs Fenster werfen möchte; viel besser nichts, als solche Greuel.« Ich sagte es etwas heftig, denn es entlud sich allerlei angesammelter Unmut in den paar Worten, Helene aber bekam eine dunkle Röte ins Gesicht und schaute mich verwundert an oder vielmehr verwundet. Der Schwager aber sah von seiner Zeitung auf, in der er eben las, und sagte scharf: »Es haben nicht alle Leute die Mittel, teure Sachen zu kaufen und aufzustellen,« worauf er wieder weiter las oder doch dergleichen tat. Dieser Satz nun traf das, was ich gesagt hatte, nicht, indem es sich nicht ums Geld, sondern um den Geschmack handelte, und war vielleicht auch nicht tiefer zu nehmen, aber ich sah darin den längst erwarteten Vorwurf über meinen Geldverbrauch auf Kosten der Schwestern, und ging stumm, aber innerlich rasend, aus dem Zimmer. Das war am Vorabend der Hochzeit; ich wäre aber am liebsten sogleich abgefahren und hätte es vielleicht auch getan, wenn es mir nicht um das Aufsehen gewesen wäre, das es erregt hätte, und schließlich doch auch um die Schwestern, denen ich das Leid nicht antun mochte. So blieb ich denn und faßte mich auch einigermaßen, was mir die Schwestern nicht genug danken konnten. Ich war auch ein leidlich liebenswürdiger Brautführer, Festordner und Tänzer am andern Tag, stieß sogar mit dem Schwager an, der gar nicht wußte, was er angerichtet hatte, weil er meinte, ich lebe schon lang von eigenem Gelde, und küßte Helene, ehe sie mit ihrem Mann auf drei Tage zu seinen Verwandten reiste. Unter diesem Kuß fing das liebe Mädchen, oder die junge Frau, die sie nun war, so heftig und innig an zu weinen, daß ich es nicht unterlassen konnte, sie noch ein paarmal tröstend weiterzuküssen, worauf sie unter Tränen lachend sagte: »Ach, du bist doch ein guter Kerl,« und sich nach einem Taschentuch umsah, das sie gerade nicht zur Hand hatte, um sich die Augen abzutrocknen. Luise hatte die ihrigen selber voll Wasser, es reichte aber ihr festliches Spitzentüchlein für beide Schwesterngesichter, die sich noch einmal fest aneinanderschmiegten vor der großen Trennung, die freilich so gar einschneidend nicht war, weil sie nachher fast gleich miteinander fortlebten wie bisher. Der Mann war nichts so Neues für sie, da er schon lange dabei gewesen war. Ich muß auch bekennen, daß er meine beiden Schwestern hoch und wert hielt und ihnen auf seine Weise zulieb tat, was er konnte, viel mehr als ich in bösen Zeiten.
Doch fällt in jene Tage noch ein freundlicher Strahl, an dem ich mir unter den glücklich lachenden Augen von Mutter und Sohn ein wenig gütlich tat.
Als nämlich das junge Ehepaar abgefahren war in dem Kütschchen eines Vetters, überkam mich, vielleicht in dem Wohlgefühl über den zärtlichen Abschied mit Helene, eine plötzliche Lustigkeit. Ich faßte Luise, die gerade ein bißchen traurig sein wollte, um den Leib und zwang sie, sich mit mir in der engen Stube zu drehen, wozu ich ein Liedchen pfiff; darüber mußte sie wider Willen lachen, und wir beide kamen in eine höchst behagliche Stimmung, in der wir beschlossen, noch einen schönen Abend miteinander zu haben und Lotte Meister abzuholen in einen aussichtsreichen Wirtsgarten. Es wurde ein gutes Beisammensein, an das ich gerne denke. Wir saßen beim sinkenden Abend und noch späterhin in einem kleinen, erhöht gelegenen Tempelchen, abseits von den übrigen Gartengästen und genossen ein gutes Nachtessen, bei dem ich zum erstenmal in meinem Leben meine Schwester frei hielt. Um uns her standen hohe Bäume, deren volle Kronen leise rauschten, unter uns zog der breite Fluß vorbei mit eiligen Wellen, und wir saßen in einem freudigen Wohlsein und auch einer kleinen Wehmut, weil alles so schnell vorüberging, beisammen und plauderten von allerlei Dingen. Unter anderem sagte Luise: »Du, hör' einmal, Ludwig, der Herr Professor, der dich einmal hat malen sollen, ist vorigen Herbst gestorben, und seine Tochter, die mit den Kindern bei ihm gelebt hat, ist wieder bei ihrem Mann, aber in Amerika. Es geht oft sonderbar zu. Die hätten doch ihrer Lebtag beisammen sein können. Es heißt, er habe es mit einer andern gehabt und sei jetzt krank und elend. Da ist sie jetzt der Gutgenug. Aber, was rechte Frauen sind, die sind wie die Mütter, die Liebe ist nicht zum Umbringen in ihnen. Ich glaube, sie hat immer gewartet, daß er sie wieder zu sich ruft.«
»Wo ist denn ihre Tochter, die Maidi?« fragte ich. »Ist die auch mit nach Amerika gegangen?«
»Ach nein, die studiert irgendwo auf die Malerei; sie habe es vom Großvater geerbt, daß sie malen müsse. Es ist schade, sie gäbe eine liebe Frau, ich habe schon gedacht, so eine wie sie, möchte ich dir wünschen, sie ist so fein und doch nicht stolz. Wie einem halt so Gedanken kommen. Es wird ihrer noch mehr solche geben.«
Das meinte ich auch, es gab massenhaft feine Mädchen, das war gut eingerichtet; ich konnte aber nicht unterlassen, die Frauen zu belehren, daß die Maidi darum doch heiraten könne, wenn sie auch Malerin sei, das komme oft vor. Sie könne ja dann das Malen aufgeben, oder man könne ihr eine gute Köchin halten. Darüber nickten sie einverstanden, und wir lachten alle drei, daß wir so schön einig waren, während doch keines von uns wußte, wo sich das Malweibchen umhertrieb und es uns auch gleichgültig war.
An diesen Abend und den darauffolgenden Tag dachte ich jetzt und hätte gern das freudige und stolze Gesicht meiner Schwester Luise wieder einmal aufleuchten gesehen, mit dem sie mich von sich gelassen hatte. In der Zwischenzeit hatte ich es so ziemlich vergessen gehabt.
Damals, als ich ging, stand sie am Bügeltisch unter ihren Gehilfinnen; sie konnte mich nicht begleiten, denn es war über die Hochzeit viel versäumt worden. Aber sie sah mich voller Liebe an und sagte: »Gelt, komm' auch wieder, daß man warm bleibt miteinander,« und in diesem Augenblick dachte ich auch, daß ich es tun wolle, ja, ich hätte sie gern geküßt, wenn es wegen der Bügelmädchen angegangen wäre. Und alles in mir war voller Zugehörigkeit, Respekt und Wohlgefallen; denn sie stand da so tüchtig und wacker an ihrem Platz, als eine ganze Person, aber mich liebte sie über alles, und in mir wallte es zu ihr hin, wie zu einer Heimat. Man konnte es nur freilich nicht aussprechen, denn so etwas sagte man nicht, auch saß mir etwas Ungewohntes im Halse, und ich drückte ihr nur die Hand, das mußte für alles gelten und galt auch.
Diese Erinnerungen gingen in einem Augenblick an mir vorüber, im nächsten war ich wieder hier am Platze, doch blieb noch etwas in mir zurück, was mich heute noch wundert. Ich dachte nämlich: wenn ich nun gefragt worden wäre, wie meine Liebste heiße, was hätte ich dann gesagt? Und es antwortete in mir zu meiner Überraschung: Maidi. Das erschien mir als ein Unsinn, denn ich hatte ja das Mädchen nur als halbes Kind und dann nie mehr gesehen, und es war jetzt irgendwo in der Fremde, Gott mochte wissen, wo, es war mir auch gleich. Aber das vorwitzige Stimmlein in mir sagte immer noch Maidi und erinnerte mich daran, daß ich schon einmal ihr Bräutigam gewesen sei, da mußte ich in Gedanken daran ein bißchen vor mich hinlachen. Das fiel aber nicht auf, da es ohnehin heiter und traulich zuging, und ich dachte weiter: Nun, ein Unding wäre es nicht, sie war hübsch und fein und lieb genug, und ich spielte ein wenig mit ihrem Bilde. Wir stießen auch gleich darauf an mit hohen, feinen Stengelgläsern, in denen blaßroter Stachelbeerwein war, und da es einen hellen Doppelklang gab, läutete das Stimmchen in mir mit: Maidi, was mich zugleich belustigte und erwärmte. Denn es schien mir plötzlich, als hätte ich einen heimlichen Schatz.
Frau Olbrich war so einfach mütterlich und natürlich mit mir, als habe sie mich längst gekannt und füllte mir beim Gehen die Taschen mit Birnen aus ihrem Garten, wie einem großen Buben, und ihr Sohn stand befriedigt dabei. »Siehst du,« sagte er auf dem Heimweg, »siehst du, meine alte Herzensdame hat schon auf dich angebissen, ich habe es wohl gewußt. Du hast so etwas an dir, was alten Frauen gefällt, sie möchten dann die Hände über dich breiten, daß du ein braves Kind bleibst; so etwas tun sie gern. Meine Mutter hat gesagt, du seiest weiches Wachs, man sehe alle Eindrücke an dir, es könne noch alles aus dir werden. Du müssest nur die richtige Frau haben, das sei der entscheidende Punkt.«
Ich knurrte ein wenig, und er lachte: »Das ist ihr bei mir auch das Wichtigste; sie weiß aber wohl, daß ich keine nehme, die nicht zu mir paßt und vielleicht auch gar keine. Denn noch eine solche, wie sie, finde ich doch nicht.« Das alles brachte er in leichtsinnig sein sollendem Tone vor, man merkte aber gut, wie stark er am Herzbändel seiner Mutter angebunden und wie wohl es ihm dabei war, alles andere ungeachtet. Ich konnte ihn fast beneiden, es ging aber noch etwas Frohes in mir um von meinem Gedankenspiel mit dem Kinderbräutchen her, es war mir, als gehe Maidi irgend woher auf mich zu, so, wie ich sie das letztemal gesehen hatte, in ihren hübschen Schuhen und unter dem Margeritenkranz.
Solcherlei Gedankenspiele hatte ich oft, ich dachte mir dann etwas aus bis ins einzelne und war verwundert, wenn ich um mich schaute, und alles anders war. Doch diesmal war es in Wahrheit, als sei von ihr, die so stark in mein Leben treten sollte, und die mir näher war, als ich wußte, schon eine Vorahnung in der Luft gelegen. Es begegnete uns ein junges Mädchen, das ihr, wie ich meinte, so sehr glich, daß ich erschrak und sie anstarrte, und es rief eine weibliche Stimme in einem dunklen Garten mit langgezogenem Ton den klingenden Namen, den ich sonst nie gehört hatte. Aber das alles traf und berührte mich nur, weil sie in mir selbst aus dem Dunkel der Vergangenheit emporgetaucht war.
Ich habe oft in meinem Leben den Frühling vorausgespürt und voll herzklopfender Ahnung sein Kommen ersehnt, wenn er Tauwinde, blühenden Seidelbast und frühe Vogelstimmen vorausschickte, aber von dem kurzen und holden Frühling meines Lebens konnte ich nichts voraus wissen, und ich kann nicht sagen, wie es kam, daß ich ihn dennoch vernahm, wie ein liebliches Geläute, von dem man nicht weiß, woher es tönt und was es bedeutet.
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