Part 12
Da hörte ich eines Tages einen der Gehilfen zum Buchhalter sagen: »Es hat ihn wieder einmal,« und als ich die Ohren spitzte, erfuhr ich, daß der trockene und scheinbar ausgemergelte Herr von einer Liebesflamme entzündet sei, wie ihm das in längeren Zeiträumen regelmäßig widerfahre, und die allemal so lange brenne, bis der mäßige Vorrat an Lebensöl in ihm erschöpft sei. Dann sinke der angekohlte Docht in seine vorige Trockenheit zusammen, und Herr Kasimir sei wieder der nüchterne und übrigens gescheite und tüchtige Geschäftsmann, als den man ihn im allgemeinen kenne.
Sie wußten nicht, daß ich, im Nebenraum auf einer hohen Leiter stehend, ihr Gespräch mitanhörte, und setzten es fort, indem sie über sein Benehmen gegen mich sich aufhielten. Man merke schon, wo es hinaus wolle, es sei nicht das erstemal, daß er einen jungen Fant heranziehe, der dann entweder mißrate oder ihm sonst durch die Latten gehe. Mit mir nun sei es ein Getue, als ob er mich selbst erzeugt hätte, was freilich dem Alten passen könnte, der es ja soweit nicht gebracht habe. Ausgeschlossen sei es nicht, daß ich mich dauernd ins Haus schlachten lasse, denn ich sei eitel und ein Streber und dazu arm, es könnte mir passen, mich eines Tages in eine Goldgrube, und die dazu ein vornehmes Ansehen genieße, hineinzusetzen. Man sei aber dann auch noch da, und so weiter. Ich hörte begierig zu mit wechselnden Gefühlen, bis mir unversehens ein Buch aus der Hand fiel und sein Gepolter die beiden schwatzenden Hausgeister erschreckt verstummen ließ, was ich ihnen gönnen mochte. Ich ließ sie aber im Zweifel, ob ich etwas gehört habe, und fuhr in meiner Arbeit des Einordnens einer Sendung fort, freilich nur zum Schein, denn es ging mir genug Neues durch den Kopf, und ich hatte nur zu tun, es alles an seinen Platz zu stellen. Es war aber bald geschehen, denn ich hatte Übung in Zukunftsplänen, und als es Zeit zum Essen war, stieg ich die Treppe zum oberen Stock empor als der zukünftige Inhaber der Firma; es mußte mir aber einiges umgebaut und verschönert werden an dem alten Hause, schon meiner Frau zulieb, die es prächtig gewöhnt war.
Herrn Kasimir sah ich mit neugierigen Augen an, wie ich ihm am Tisch gegenübersaß. Man konnte ihm ein Vergnügen gönnen, das ohnehin kurz währte, da der Gegenstand seines späten Feuers nur für einige Wochen in der Stadt war und bald wieder in die Pfalz reiste, woher sie, eine lustige und feurige Dame in mittleren Jahren, auf Besuch gekommen war. Dann mußte er wieder bescheiden zurücktreten und anderen Platz machen, die jung und mit allen Lebensrechten neben ihm daherwuchsen, und eigentlich konnte er einem leid tun. Fräulein Brigitte saß in ihrer schönen, gelassenen Würde da und war ihm weit über, er aber griff nach geschehener Sättigung nach dem Hut und flog auf, und das setzte er noch eine Zeit hindurch fort. Ich sah ihn an einem abendlichen Gartenfest, an dem ich auch teilnahm, mit der üppigen und heiteren Pfälzerin tanzen und nachher mit ihr an dem Waldsee, an dessen Ufer das Fest gefeiert wurde, sich ergehen. Da lachte er laut und sprach lebhaft und mit überglänztem Gesicht, und mir fiel des Zeitlers Erzählung von der jungverstorbenen Mutter Hagenau ein, und ich dachte, es sei doch auch ein kleiner Spritzer von ihrem Lebenssaft in den Sohn gefahren, der sich nur freilich zur Unzeit bemerklich mache und auch nicht lang vorhalte.
Letzteres war bald zu erleben. Als der Herbst die bunten Farben, die er angezündet hatte und das freudige Leben in der Natur wieder auslöschte, und im Flußtal die Nebel geisterten, saß Herr Kasimir wieder am Abend in seiner Ecke und hörte seine Schwester Klavier spielen, oder er las die Zeitung oder pflog mit älteren Herren politische Gespräche und war in allem ein Haupt, vor dem man aufstand. Was in ihm umging, sah man nicht, denn er hatte sein Gesicht wieder zugeknöpft. Manchmal tat er einen kleinen Seufzer und sagte: »Ach ja,« oder er lächelte in sich hinein und wiegte den Kopf dazu. Der Hund lag am Ofen und schlief, und nur manchmal tat er einen kurzen Blaff, oder er fuhr empor und warf mit leichtsinniger Gebärde das linke Schlappohr zurück, und die alte Magd Salome, die um ihn herumsteigen mußte, sagte: »Es träumt ihm.« Doch sagte sie nicht, ob sie den Herrn oder den Hund meinte, es hätte je nachdem beiden gelten können, denn sie sahen ein jeder seinen Sommerfreuden nach. Ich aber rüstete mich, in die Welt hinauszugehen.
Es war eine Stelle in einer großen Buchhandlung einer mitteldeutschen Stadt für mich ausgemacht, zu der Herr Kasimir alte Beziehungen hatte. Alles war geebnet und gebahnt für mich, wie es von jeher immer gewesen war, und ich weiß nicht, soll ich das Leben darum anklagen oder soll ich ihm dafür danken. Es wird wohl alles so gewesen sein, wie es mußte, und es war mein Schicksal, das ich in mir selber trug, wie ein Nachtwandler meinem unerhellten, selbstsüchtigen Ich nachzugehen, das mich auf breiten Straßen zu Schuld und schweren Lasten gelangen ließ. Vielleicht hätte mich eine arme, sehnliche Jugend früher aufgeweckt, dem Schläfer gleich, den unter dünner Decke schaudert und der erwacht, weil der kalte Wind durch seine Dachkammer streicht. Ich bin erst spät erwacht.
* * * * *
Fräulein Brigitte war in den letzten Wochen öfters krank gewesen, was neu an ihr war oder mir wenigstens schien, denn sie war sonst immer dagewesen, freundlich und voller Teilnahme an allem und auch an mir. Nun fehlte sie hie und da am Tisch, und ich hörte, daß sie an einer Krankheit leide, die ihre Kräfte unwiderruflich nach und nach verzehre. Herr Kasimir saß dann in einer halb verlegenen Bekümmernis mir gegenüber, sprach nicht oder raffte sich nur hie und da zu irgendeiner Bemerkung auf, an die er gleich nachher nicht mehr dachte, und es war ein bedrücktes Beisammensein. Wenn aber Fräulein Brigitte dann nach Tagen wieder im Wohnzimmer erschien, so fand ich, sie sehe aus wie sonst und dachte, es werde nicht so schlimm sein, wie die Leute meinten; es schien mir dann wieder alles in Ordnung zu sein, denn sie gehörte ohne Frage in die altbekannten Räume, und wenn sie da war, fehlte nichts. Doch häuften sich die Fälle, in denen sie zurückgezogen leben mußte, und mein Reisetag kam heran, als eben wieder eine schmerzenvolle Nacht auf einen üblen Tag gefolgt war. Ich saß am Frühstückstisch und wartete auf Herrn Kasimir, als er hereinkam und sagte: »Meine Schwester läßt Sie bitten, noch in ihr Schlafzimmer zu kommen; es geht ihr nicht gut, und sie kann Ihnen auf keine andere Weise Lebewohl sagen.« Ich ging mit einigem Herzklopfen hinüber und betrat einen lichten Raum, in dem ich noch nie gewesen war, und der mir plötzlich alles Leben des Hauses zu umfassen schien. Es war, als ob hier die Quelle sei, von der aus die andern Räume irgendwie gespeist würden und ohne die alles öde und leer wäre. Fräulein Brigitte saß, von vielen Kissen gestützt, im Bett. Ihr Gesicht war blaß und trug die Spuren überstandener Schmerzen, und mehr noch taten das die Hände, die schmal und weiß auf der Decke lagen und hie und da leise zuckten. Aber etwas an ihr deuchte mich schöner als je zu sein, ich mußte sie verstohlen betrachten, während ich ihr gegenüber saß. Das Verwachsene ihrer Gestalt war nicht so sichtbar wie sonst, denn sie war um und um eingehüllt in ein großes Tuch von weicher, mattweißer Seide, und der Kopf ruhte in flaumigen Kissen wie eine müde Blume. Aber das war es nicht allein, was mir auffiel; es war vielmehr ein triumphierendes Leuchten in den großen glänzenden Augen und ein Lächeln um den feinen Mund, zu was beidem sie nach meiner Meinung weniger als je Veranlassung gehabt hätte.
»Wir sagen uns nun Lebewohl,« sagte die Kranke, »und es wird auf immer sein. Sie kommen wieder, mein Bruder hofft es, aber dann bin ich nicht mehr da.« Sie sagte es mit einer gelassenen und fast heiteren Freundlichkeit, so etwa, als ob sie von einer Reise oder längeren Ortsveränderung spräche, die sie vorhabe, und als ich eine erschreckte Bewegung machte, hob sie eine der weißen Hände wie abwehrend und ließ sie müde wieder fallen. Dabei lächelte sie mich gut und bekannt an.
»Sie müssen nicht erschrecken,« sagte sie. »Ich weiß, daß meine Zeit herankommt, das ist ja gut. Wenn Sie nicht fortgingen, würde ich es nicht sagen. So darf ich es wohl.« Sie machte eine Pause, als sinne sie vor sich hin, dann fuhr sie fort: »Es ist nicht so, daß ich lebensmüde wäre, das müssen Sie nicht meinen. Ich habe das Leben lieb, es ist eine große und köstliche Sache, und weil ich seine Schönheit habe hart erstreiten müssen, drum liebe ich es um so mehr.«
Ich fühlte, wie mir eine dunkle Röte bis unter die Haare stieg. Denn ich glaubte mich von ihr durchschaut in meinem Herumspüren an ihrem Wesen und Schicksal, und es durchfuhr mich heiß, daß sie so königlich vor mir war, als eine Unüberwundene, die mich aus freiem Willen zu sich hineinsehen ließ. Sie hatte niemals von sich geredet, nun tat sie es, und es war der Abschied.
»Ich habe einen langen und harten Krieg hinter mir,« sagte sie, »davon könnten diese Wände reden; draußen brauchte es niemand zu sehen. Aber ich gäbe keinen von allen meinen Schmerzen her; ich habe sie wohl alle gebraucht, und nun sie weit dahinten liegen, bin ich froh und reich. Ich bliebe gern noch hier. Ich habe immer versucht, ganz im Jetzt und im Tag zu leben und nicht an dem herumzuspüren, was nachher käme. Das reut mich nicht. Ich glaube, daß wir uns auf das nächste Stadium, das etwa unser harrt, am besten vorbereiten, indem wir das jetzige ganz erleben. Wir brauchen auch alle Kräfte dazu. Aber jetzt höre ich die fernen Ströme der jenseitigen Welt brausen und weiß, daß sie mich davontragen werden auf ihren Wellen. Da will ich es nun lieber freiwillig tun, ehe mich die Sinne und Gedanken verlassen, nämlich mein Leben hingeben als etwas Kostbares, ja das einzige, was ich besitze, und mit mir geschehen lassen, was da wolle.«
Als sie das sagte, stand eine so große, ja heldenmütige Tapferkeit in ihrem Gesicht geschrieben und ein so freier und harter Wille, sich in das Sterben zu schicken, daß mich ein unsägliches Staunen überkam. Denn es war, als ob eine Königin aus Glanz und Glück und im vollen Reichtum aller Kräfte davongerufen werde und sich dazu hergebe, Kronen und Kleinodien auf den Altar niederzulegen, da doch ein mühseliges und entbehrungsreiches Leben sich dem Ende zuneigte.
Ich hatte dergleichen noch nie gesehen und konnte kein Wort sagen; es war ein Sturm von Verehrung und auch von Not und Schmerz in mir. Denn ich merkte in diesem letzten Augenblick, wieviel ich hier zurücklasse, da ich doch gemeint hatte, als ein Freier, und dem das Glück hold war, in die Welt hinauszuziehen. Ich konnte wiederkommen, wenn ich wollte, ich konnte aber auch draußen finden, was mich nach meinem eigenen Willen hielt und band. Bis jetzt war mir der Himmel voller Geigen gehangen, und nun auf einmal sauste es mir in den Ohren: Bleib da, geh' nicht, denn es geht hier Großes, ja Unermeßliches vor, wie magst du dem entrinnen, und was ist draußen so wichtiges wie das?
Ich ließ, um meine Verlegenheit zu verbergen, meine Augen an den Wänden hingehen und sah, obgleich sie von verhaltenen Tränen erfüllt waren, die Umgebung an, in der die Pflanze aufgeblüht war, die vor dem Welken so starken Glanz und Duft verbreitete.
Es hing ein schöner Stich des Ecce-Homo von Carlo Dolce zu Häupten des Bettes und an der Längsseite ein Holzschnitt nach Albrecht Dürers Ritter, Tod und Teufel. Der Ritter zog seine Straße ohne Wanken und ließ einen, wie mir schien, spöttischen Blick nach den Ungeheuern hinlaufen, die ihm den Weg abschneiden wollten, aber unter ihm hing ein unsäglich liebliches Bildchen in Wasserfarben: Eine schöne, junge Frau mit einem jährigen Kind auf dem Schoß, das sie zärtlich umfaßt hielt und auf dessen weiches Rundgesichtlein ihre Augen mit warmem Glanz niedersahen. Das mußte wohl die Mutter sein, die nach des Zeitlers Erzählung noch im Tode die Augen nicht hatte von ihren Kindern abwenden können, was ich auf einmal wohl begriff.
Auf der weißen Decke lag ein schmales Lesezeichen, das wohl einem der wenigen, vielgelesenen Bücher entfallen war, die bequem erreichbar auf einem hängenden Ebenholzgestell lagen. Es trug in Lapidarschrift von purpurroter Farbe die Inschrift: Ich, die aber von den liegenden Balken eines schwerfälligen Kreuzes ausgestrichen war. Als Fräulein Brigitte sah, daß meine Augen darauf lagen, machte sie eine Handbewegung, als wollte sie es wegnehmen, denn es hatte wohl noch nie ein fremder Blick auf der kleinen Malerei geruht, die vielleicht viel bedeutete in ihrem Leben, aber sie ließ das Bildchen dann doch liegen, als verlohne es sich nicht mehr, etwas zu verstecken. Mochte ich doch ruhig ihre Waffenkammer betrachten und die Schilder und Schwerter, die ihr geholfen hatten, den Riesen zu erschlagen, da ja nun der Sieg erfochten war. So kam es mir vor, und plötzlich sah ich einen ihrer leuchtenden Blicke auf mir liegen und das geheimnisvoll triumphierende Lächeln wieder um ihren Mund spielen. Sie suchte nach einem Wort, das ihr auf die Lippen treten wollte, als der Arzt ins Zimmer trat und ich, widerstrebend genug, gehen mußte nach einem kurzen Lebewohl, das, wie ich wußte, eins für immer war. Es wäre noch so vieles auszusprechen gewesen, sowohl von mir als auch von ihr, aber es war nun abgeschnitten und konnte nie mehr nachgeholt werden.
Ich trat ins Wohnzimmer, wo ich noch einige Kleinigkeiten hatte liegen lassen.
Da reizte es mich, einen Augenblick in den Stuhl an Fräulein Brigittens Arbeitstisch zu sitzen, wo ich sie so oft gesehen hatte, und spielend den einen oder andern Gegenstand, der ihr gehörte, in die Hand zu nehmen.
Unter einem kleinen Notizblock lag ein mit Bleistift beschriebener Zettel von ihrer Handschrift, und ich konnte keinen Augenblick der Versuchung widerstehen, ihn für mich zu behalten, denn es war mir, als enthalte er das Wort, das sie für mich auf den Lippen gehabt, aber nicht habe aussprechen mögen, als ich ihn las.
Er fing mitten in einem Satz an und lautete: »Doch nahm ich zu allem, was mir begegnete, diese eine Stellung ein. Es sei Liebes oder Leides gewesen, so sagte ich ihm: ich lasse dich nicht, du segnest mich denn, und so habe ich schließlich, wenn auch mit verrenkter Hüfte den Sieg behalten, und ich bin dennoch« -- da endete die Schrift auf dem Blättchen, dessen unendlichen Lebensinhalt ich von ferne einen Augenblick ahnte, ohne einer Ergänzung zu bedürfen. Ich barg den Zettel in meiner Brusttasche, wozu ich eben noch Zeit hatte, da Herr Kasimir eintrat und ich auch von ihm Abschied nehmen mußte.
Er lächelte mich, als ich ihm die Hand reichte, hilflos traurig an, und sagte, indem er seine Augen an mir herauf und hinunter gehen ließ, mit bedrückter Stimme: »Ja, ja, die Jahre vergehen, es ist unglaublich, wie schnell sie vergehen und wie sich alles ändert,« was ich freilich ebensogut als Ausdruck der Trauer über mein Scheiden wie über die Vergänglichkeit der Dinge überhaupt ansehen konnte und worauf ich nichts zu erwidern wußte. Wir tauschten noch ein paar Worte ohne viel Inhalt, denn er horchte mit halbem Gehör nach dem Gang hinaus, da er den Arzt sprechen wollte, ehe dieser das Haus verließ; ich aber war in aufgerührten Gedanken und Gefühlen beschäftigt, einige Sätze in mir zu formen, die ich gern der Fräulein Brigitte noch gesagt hätte zum Abschied. Ja, es war mir in diesem Augenblick, als könne ich nicht gehen, denn hier sei der Urquell des Lebens, und er müsse auch mich gleichgültigen und unbewußten Burschen segnen, da ich seither blind an ihm vorbei gestolpert sei. Aber die Minuten gingen vorüber, und ich versäumte auch hier den Augenblick über meiner Herzensunruhe. Es ging draußen die Tür, und ich hörte plötzlich Herrn Kasimir sagen: »So leben Sie denn wohl, lassen Sie von sich hören und vielleicht kehren Sie uns einst zurück«; ich fühlte seinen Händedruck und sah ihn hinausgehen, um den Arzt noch zu erfassen, und ich blieb zurück, ohne ihm, wie ich wollte, Dank und Anhänglichkeit ausgesprochen zu haben, wozu ich immerhin Veranlassung gehabt hätte. Da legte sich noch ein weiterer Stein auf mein Reisegemüt, und ich ging aus dem Hause, dem ich nun ferner nicht mehr angehörte, mit bedrücktem Herzen, da ich doch hatte als ein Liebling des Lebens und mit geschwellten Segeln ausfahren wollen.
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Es dauerte aber nicht lange mit dem Trübsinn und mit der Herzbewegung bei mir. Ich war nicht dazu angelegt, und ich war stets dem Gegenwärtigen, Neuen und Täglichen aufgetan. Auch hörte meine Jugend andere Ströme brausen, als die, von denen Fräulein Brigitte gesprochen hatte, und die sie auch in Wahrheit von dannen trugen. Es war ein halbes Jahr später, als ich die Nachricht von ihrem Tode erhielt. Ich fand sie eines späten Abends in meinem Zimmer, als ich aus einer politischen Versammlung dahin zurückkehrte, warm und angeregt vom genossenen Wein und mehr vom Disputieren, an dem ich mich zwar nicht öffentlich, aber nach Schluß der Versammlung an einem Tisch voller Bekannten und Gesinnungsgenossen beteiligt hatte.
Ich fing zu dieser Zeit an, aus allen Brunnen zu trinken, mehr im Gefühl der Freiheit und daß mir jegliches offen stehe, als aus besonderem Gelüste nach dem und jenem. Ich nahm am öffentlichen Leben teil, indem ich Versammlungen von allerlei Art besuchte und meine Meinung über alles unverzagt preisgab in den Wirtshaussitzungen, die sich daran knüpften, und gab mir in bezug auf Bescheidenheit im Reden, Meinen und Auftreten weiter nicht viel Mühe. Es war damals nichts um den Weg, was mich am seidenen oder goldenen Faden gelenkt hätte zu irgendeiner ernsteren Besinnlichkeit, einer Liebe oder Frömmigkeit hin, oder wenn etwas da war, so wußte ich es nicht oder gedachte nicht seiner. Als ich an jenem Abend mein Zimmer betrat und die Lampe anzündete, taumelte ein dunkler Falter, der auf dem Tisch gesessen haben mochte, auf und tat summend schwerfällige Flügelschläge um das Licht her, und ich sah ihm gedankenlos zu oder vielmehr in abwesenden, selbständig sich tummelnden Gedanken, bis er sich einen Augenblick niedersetzte und ich den Brief entdeckte, auf dem er saß. Er war von Herrn Kasimirs steifer Handschrift, der nur an gewissen Stellen wohlerwogene, würdige Schnörkel angehängt waren und freilich auch, ihm selbst unbewußt, hie und da kleine, lächerliche Schwänzchen, die das Entzücken eines graphologischen Seelenkündigers gewesen wären. Nun, ich verstand nichts davon und dachte auch damals nicht an dergleichen, sondern es durchfuhr mich beim Anblick des Briefes sogleich das Wissen um seinen Inhalt und machte mich plötzlich ganz nüchtern, wach und ernsthaft.
Der Brief war nicht so kurz, als ich hätte erwarten können, da es sich um die Mitteilung eines Trauerfalls handelte. Und er war auch nicht gleich nach dem Hingang der schönen Seele entstanden, sondern etwa vierzehn Tage später, als dem Schreiber in seinem leeren Hause bereits zum vollen Bewußtsein gekommen war, was er verloren hatte, und wie einsam er nun war. Es ging eine rührende Klage durch das Blatt hindurch, daß er nicht genug erkannt habe, was für einen Reichtum er besitze und ihn nicht in seinem vollen Wert geschätzt habe, daß er die Verstorbene vielleicht habe Mangel leiden lassen an brüderlicher Liebe und Aufmerksamkeit und es nun nicht mehr nachholen könne. Ja, ja, es sei immer eine Mahnung da, die sage: »O lieb', so lang du lieben kannst,« aber man beachte sie zu spät.
Das alles kam mir unrichtig vor für seinen Fall, da ja die Geschwister stets einträchtig zusammen gehaust hatten, fast wie Mann und Frau, und ich nicht begriff, was Herr Kasimir verfehlt haben wollte.
Ich war noch zu unerfahren, um zu wissen, wie beim Scheiden sich alles Erlebte unter einem Brennpunkt zusammendrängt, und alles, Liebe, Leid, erlittener und zugefügter Schmerz, Getanes und Unterlassenes, frisch und neu da ist und noch einmal vor dem Herzen steht in unbestechlicher Wahrhaftigkeit. Da ist wohl keiner, der sich sagen kann, daß er nichts versäumt und nichts falsch gemacht habe und sich nicht noch einmal das Vergangene zurückwünscht, auch nur auf einen Augenblick, um das Mangelhafte zu verbessern. Selbst, wenn er lebendig gelebt hat und sich seiner selbst und des andern stets bewußt war, geht es ihm so, wieviel mehr fällt den die Wirklichkeit des Geschiedenseins mit scharfen Klauen an, der halb im Traum dahin gegangen ist und auf einmal aufschreckend sieht, was für immer hinter ihm liegt, unerreichbar für Liebe und Reue.
So denke ich jetzt. Wie es in dieser Hinsicht mit Herrn Kasimir bestellt war, weiß ich nicht. Es gab mir ein wichtiges Gefühl meiner selbst, daß er mich erwählt hatte, als denjenigen, bei dem er sich aussprach, und ich setzte mich noch in der Nacht hin, um ihm allerlei weise Trostgedanken, die mir einfielen, zu schreiben; ich kam aber nicht weit damit, denn während des Schreibens wurde mir erst recht die Tatsache bewußt, daß auch ich etwas verloren hatte, und zwar etwas Kostbares, dessengleichen ich so leicht nicht wieder fand. Ich starrte in die Lampe und ließ die Bilder der Jahre, die nun schon Vergangenheit waren, an mir vorüberziehen, soweit Fräulein Brigitte darin zu sehen war in all ihrer feinen Güte, Herzlichkeit und siegreichen Freudigkeit. Das mangelhafte Körperliche, das sie mit so viel Würde getragen hatte, war nun abgefallen, und sie war hoch, aufrecht, schön und triumphierend irgendwie herausgestiegen, was man zwar nicht beweisen konnte, mir aber unwiderleglich sicher schien, so wenig ich sonst über derlei Dinge nachdachte. Und mich ergriff plötzlich eine heftige Sehnsucht nach ihr, als ob ich eine Liebste verloren hätte; ich legte den Kopf auf den Tisch und sagte leise ihren Namen, schreckte aber entsetzt auf, als mich etwas Weiches, Feines wehend anrührte. Es war aber nur der Fenstervorhang, der vom Nachtwind bewegt, um mich herumspielte. Doch wußte ich in diesem Augenblick, daß das Beste in mir, was ich war und irgend werden konnte, bei ihr eine Zuflucht gehabt hätte zu aller Zeit, und daß sie mir entglitten war in die Unendlichkeit hinein; es fror mich im Tiefsten, und etwas in mir erschrak, wie wenn ein Schläfer zwischen zwei Träumen in die Höhe fährt und sich der Wirklichkeit bewußt wird.
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