Part 9
Diese verbindliche Äußerung entschlüpfte mir einzig nur wegen des reizenden Gesichtchens der jüngsten dieser drei eleganten Ladys, deren blaue Kinderaugen in ernstlich forschendem Ausdruck auf mir hafteten. Dann folgte ich mit kurzem: »Auf Wiedersehen, Miß Emmerson!« dem durch die Hausfrau avertierten Neger die Treppe zur oberen Etage hinan. --
Um sieben Uhr abends war das gemeinschaftliche Diner, welches alle Logiergäste des Hauses im Speisesaale versammelte. Ich selbst, bereits vollständig häuslich eingerichtet, war einer der ersten Ankömmlinge gewesen und hatte mir die recht hübsch arrangierte Tafel mit Muße betrachten, wie auch jeden neu Eintretenden eingehend mustern können.
Halt! Jetzt stutzte ich. Da kam ja meine fashionable Gesellschaft von heute vormittag, deren voluminöse Koffer schon meine ganze Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, soeben aus der Halle. Voran eine große, brünette Dame mittleren Alters mit auffallend harten, fast fatalen Gesichtszügen, deren elegante Seidenrobe mir zu der starkknochigen Gestalt wenig im Einklang zu stehen schien. Neben ihr schritt eine sehr schlanke, beinahe ätherische, junge Frau, -- nach meinen unerfahrenen Toilettebegriffen ganz reizend und distinguiert in einen hellen, undefinierbaren Sommerstoff gekleidet, dessen roter Seidengürtel und Bandgarnitur den zarten Teint des schmalen Ovals gar vorteilhaft hob. Trotz der Verschiedenheit der Gesichter zeigte ein merkwürdig ähnlicher, halb bitterer, halb verdrossener Zug um den Mund, daß das Mutter und Tochter sein mußten. Ihnen folgten ein mittelgroßer, hagerer Mann mit militärisch verschnittenem Haar und braunem, intelligentem Gesichte und meine allerliebste Unbekannte aus dem Vorsaal -- mit den mir bereits bekannten, mich so sehr anheimelnden blauen Augen.
Welch poetische Erscheinung! dachte ich lebhaft angeregt. Dieses hellblonde, gewellte Haar, dieses mädchenhaft zurückhaltende, dabei doch so edle Auftreten, dieser fast schüchterne Blick -- dies alles entrückte mich für Sekunden der Gegenwart, ja dem Lande, in dem ich mich befand, und ließ schmerzliche Erinnerungen an traute deutsche Frauengestalten in meiner Seele auftauchen.
Im größten Gegensatze zu den anderen Damen entbehrte der Anzug meiner »Beauty« fast jedweder Eleganz. Ein schlichtes, aber um so reizenderes Kleid von feinem grauem Wollstoff bildete die Toilette -- =voilà tout=!
Völlig in meinen Reflektionen versunken, vergaß ich, mich daran zu erinnern, daß noch ein zweiter Herr, ein auffallend gut aussehender junger Mann, diesen Morgen beim Eintreffen der Gesellschaft zugegen gewesen.
Alsbald führte Miß Emmerson mich mit dem simplen Namen: Mr. Richard Berken bei allen Anwesenden ein und wies uns die Plätze an. Doch wer beschreibt meine freudige Überraschung: als ich aufschaute, sitzt die liebreizende Blondine dicht an meiner Seite.
Sonderbar! Dieser kurze Aufblick aus ihren Augen glich fast einem stummen Verhör. Instinktiv fühlte ich, daß sie mit echt amerikanischer Scharfsichtigkeit sich einen sowohl das Individuum, als auch dessen Charakter und Nationalität betreffenden Eindruck festzuhalten und sich einzuprägen suchte.
»Sie verstehen englisch, Sir?« fragte mich die liebliche Tischnachbarin mit den aus ihrem Munde reizend klingenden Tönen ihrer Muttersprache.
Freudig bejahte ich es, und bald kam unsere Unterhaltung in guten Fluß. Nur sah ich mit Verwunderung auf ihre allerliebsten Hände, wie sie von allen ihr servierten Gerichten, außer daß sie sich selbst versorgte, noch reichliche Quantitäten auf bereits vor ihrem Platze stehende Teller legte und diese dann sorglich mit einem kleinen Schüsselchen bedeckte. Sie selbst aß hastig und zerstreut.
Was bedeutete nur das? Als Mann von guter Erziehung wagte ich natürlich nicht, danach zu fragen. Doch mochten meine Gesichtszüge wohl einige Neugierde verraten haben; denn lachend -- es war dies genau ein verlegenes Kinderlachen -- sagte sie:
»Dies ist für Frank, meinen Gatten, Sir! Er leidet schon seit längerer Zeit an einer sehr fatalen, unbequemen Magenverstimmung, kann infolgedessen nicht jedes Gericht vertragen und somit auch nicht mit uns an der Tafel speisen. Aber es freut ihn immer so sehr, wenn ich selbst ihm sein bescheidenes Diner hinaufbringe, -- der arme Franky!«
»O, wie betrübend!« entschlüpfte es unwillkürlich meinen Lippen. Doch wäre es gewiß schwer festzustellen gewesen, ob der Ausruf des Bedauerns der üblen Magenverstimmung des armen Franky oder dem Umstande gegolten, daß mein holder Blondkopf bereits einen Ehemann besaß. Das also war der gut aussehende Gentleman, welcher an der Gesellschaft fehlte und den ich diesen Vormittag schon von Angesicht gesehen!
Wirklich erhob sich nun nach einer Weile die junge Frau, ließ von dem aufwartenden Neger sich ein Präsentierbrett reichen, arrangierte darauf die verschiedenen Teller und verließ damit geräuschlos den Speisesaal. Die übrigen Tischgäste mochten den kleinen Vorfall wohl kaum bemerkt haben. An meiner Nachbarin rechter Seite saß ein alter Herr mit blauer Brille, welcher überhaupt miserabel zu sehen schien. Nur Miß Emmerson warf mir vom anderen Ende des Tisches einen seltsam bedeutungsvollen Blick herüber, welcher mir nun auch sofort klar machte, warum sie gerade mich an die Seite der reizenden Amerikanerin placiert hatte.
Nach beendeter Mahlzeit, als ich schon den Hut in der Hand hielt, um dem schwülen Speisezimmer zu entfliehen, und hastig hinausstrebte in den herrlichen Sommerabend, faßte unsere freundliche Wirtin mich plötzlich am Rockärmel und drängte mich etwas nach einer Fensternische.
»Ich glaube aus unbedeutenden Reden und Anzeichen leider bemerkt zu haben, daß hinter dem ganzen Auftreten der Newlands irgend etwas Mystisches steckt,« flüsterte sie auf deutsch mir ins Ohr -- eine Sprache, welche die alte Dame in der Praxis, das heißt, in jahrelangem Verkehr mit meinen Landsleuten, wohl erlernt haben mochte. »Meine große Menschenkenntnis hat mich noch selten getäuscht, und man könnte, wenn man sich die Zeit dazu nehmen wollte, zu spionieren, gerade hier vielleicht interessante Entdeckungen machen. Wir leben aber im glücklichen Lande der Freiheit, Mr. Berken, und so denke ich, wir lassen jeden ruhig seinen Weg gehen, -- nicht wahr? Die Newlands zahlen brillant, und mein Haus will bestehen. Alles übrige geht mich nichts an, wenigstens soweit meine Logiergäste nicht mit dem Gesetze in Konflikt kommen. Denn darin verstehe ich keinen Spaß. =Well=, mein Freund! Wir kümmern uns also nicht weiter um dieser Familie Privatangelegenheiten, noch darum, ob und weshalb Mr. Newland nicht zum Diner kommt?«
»Ganz gewiß nicht, Miß Kathe!« entgegnete ich bereitwilligst und heiter lachend. »Mich interessierten anfänglich nur die auffallend schönen Augen meiner jungen Tischnachbarin. Doch seit ich erfuhr, daß diese Dame bereits einen Gatten hat, ist der sie vorher umgebende Nimbus schon ganz gewaltig geschwunden.«
»O, immer noch der alte Schelm!« drohte mir Miß Emmerson mit dem Finger. »Nun, =good evening=, Mr. Berken!« Damit winkte sie mir freundlichst zu und ich ging meines Weges.
Man spricht zuweilen in vollster Überzeugung, die Wahrheit gesagt zu haben, doch trotz alledem eine recht handfeste Lüge aus und gelangt oft erst durch Zufall hinter solchen Betrug heimtückischer Schicksalsmächte.
»Seit ich weiß, daß die schöne Mrs. Newland einen Gatten hat, ist ihr Nimbus gewichen,« hatte ich spöttisch geäußert, und war natürlich gänzlich davon durchdrungen, daß jene Leute mir total gleichgültig bleiben würden. Es sollte indes anders kommen. --
Etwa 14 Tage mochten wir nun in Miß Emmersons stillem, komfortablem Boardinghouse wohnen, als etwas sich ereignete, was mein anfänglich lebhaftes, dann standhaft zurückgedrängtes Interesse für die liebliche Mrs. Newland plötzlich wieder neu anfachte. Meine anstrengenden Berufspflichten hielten mich zwar von früh acht Uhr bis nachmittags vier Uhr in der Office am Broadway fest. Allein ich fand immer noch Zeit genug, einige gemütliche Stunden im Parlour oder auch auf Miß Kathes luftigem Balkon zu verbringen. Nach wie vor konversierte ich über allerlei harmlose Tagesereignisse mit meiner hübschen Nachbarin bei Tische; auch trug nach wie vor die vorsorgliche Gattin ihrem armen Frank die Speisen hinauf in sein Zimmer. Aus der Unterhaltung mit ihr erfuhr ich nach und nach, daß die alte Dame, welche meine Sympathien durchaus nicht erwecken konnte, die Mutter von Frank Newland, sowie der schlanken jungen Frau sei, deren Mann mir als Major irgend eines Miliz-Regiments, als Mr. Fowler, vorgestellt worden war. Meine blonde Freundin erzählte ferner =en passant=, daß sie schon drei Jahre verheiratet wäre und mit der Familie ihres Gatten früher in Chicago gelebt, wo ihre Schwiegermutter eine Agentur für den Export von Nähmaschinen besessen, das Geschäft jedoch aufgegeben habe, um wegen Franks Kränklichkeit die besten New Yorker Ärzte zu konsultieren.
Nach dieser Richtung hin war ich also völlig orientiert, und doch mußte ich mir im Gespräche mit der hübschen Frau oft den größten Zwang anthun, um sie mit indiskreten Fragen über Dinge nicht zu belästigen, die mich von rechtswegen und auch rücksichtlich Miß Emmersons Gebot ganz und gar nichts angingen. Warum kam die Familie Newland gerade in der heißesten Zeit nach New York, welches dann außer den Geschäftsleuten alle anderen Menschen fliehen? Was that eigentlich dieser intelligent und schlau aussehende Mr. Fowler, und womit beschäftigte sich den lieben langen Tag der von seiner besseren Hälfte, wie ich wahrgenommen, so vergötterte Franky, indem er stets erst nach Sonnenuntergang das Haus verließ und das immer nur allein?
Wer konnte es mir verdenken, daß ich als thätiger Mann solch seltsame Verhältnisse mir nicht recht zu erklären vermochte! Während dieser 14 Tage war es mir auch nur ein einziges Mal vergönnt gewesen, den Gatten meiner Tischnachbarin zu sprechen; das heißt, wir trafen uns eines Abends, als ich von einem Spaziergange nach Hause zurückkehrte, auf der Treppe. Da ich ihn sofort erkannte, redete ich ihn freimütig an.
Das helle Licht der im Hausflur brennenden Gasflamme beleuchtete dabei grell sein schmales, auffallend edel geformtes Gesicht und ließ mich in ein Paar sehr ernste, fast finstere Augen schauen. Deutlich merkte ich, daß er mir auszuweichen suchte; doch hartnäckig vertrat ich ihm den Weg und sagte ihm rasch einige bedauernde Worte über sein Leiden. Nur lässig zuckte er die Achsel mit der kurzen Bemerkung: »Sehr gütig, Sir!«
Darauf erging ich mich in Lobeserhebungen über seine schöne, geistreiche Frau, hoffend, eine eifersüchtige Regung würde ihn vielleicht aus seiner stoischen Ruhe aufrütteln. Doch vergebens! Er freue sich sehr, daß Mrs. Newland angenehme Unterhaltung bei Tische gefunden, lautete die abweisende Antwort. Dann lüftete er den Hut und ließ mich stehen.
»Welch ein seltsamer Mann!« dachte ich, zwar halb ärgerlich, trotzdem aber von dieser Erscheinung angesprochen. Immer deutlicher trat daher die Überzeugung an mich heran, daß ich hier vor einem Rätsel mich befand.
Eines Morgens nach dieser Begegnung empfing mich mein Partner, Mr. Haberton, ein sonst kühler und stiller Geschäftsmann, in der Office mit sichtlich aufgeregter Miene, indem er mir sofort sechs Stück Zwanzig-Dollars-Scheine vor die Augen hielt und zornig heraussprudelte: daß dies jämmerliche Falsifikate seien, daß wir auf eine nichtswürdige Weise um 120 Dollars betrogen worden, und daß einer seiner Clerks ihm soeben erzählt habe, während der letzten Tage seien mehrere ähnliche Fälle in New York vorgekommen und die City müsse einmal wieder mit falschen Greenbacks (Kassenscheinen) überflutet sein.
Angenehm erschien mir dieses betrübende Faktum keineswegs, da ich bei diesem kleinen Verluste natürlich selbst beteiligt war. Allein wenn ich von Natur nicht ein realistisch angelegter, dabei höchst aufgeklärter Mensch wäre, so hätte ich mich in diesem Momente beinahe auf spiritistischem Gebiete ertappt. Denn -- plötzlich sah ich in meiner Einbildung -- dort über dem kahlen Schädel Mr. Habertons -- das schöne, todestraurige Gesicht von Frank Newland auftauchen, nur mit dem Unterschiede, daß die ernsten Augen sich jetzt in einem flehenden Ausdruck auf mich richteten. Dieses sonderbare Vermengen des Wirklichen und Phantastischen meinerseits ließ mich -- vielleicht nach meines Partners Ansicht -- wohl höchst stupid und gleichgültig dreinschauen. Denn er faßte mich nun ein wenig unsanft bei der Schulter und rief:
»Sie müssen ein Krösus sein oder Sie kennen den Wert des Geldes bei uns noch nicht genau, mein lieber Mr. Berken! Denn 120 Dollars wirft wohl keiner gern umsonst zum Fenster hinaus!«
Erschreckt fuhr ich auf. Unsinn! Nicht die Spur eines fremden Gesichts war mehr zu schauen. Ich war ein Narr.
»Mein lieber Mr. Haberton!« erwiderte ich daher rasch mit der verzweifelt traurigsten Miene, die ich nur anzunehmen vermochte. »Der Schreck über unseren Verlust machte mich ganz sprachlos. Der Kukuk soll alle Falschmünzer Amerikas holen, und wenn ich mich von einem solchen Halunken je wieder über den Löffel barbieren lasse, so will ich nicht mehr wert sein, ein Partner der Firma Haberton & Comp. zu heißen!«
Er schien zufrieden, und im Laufe des Gespräches erfuhr ich dann noch, daß schon vor mehreren Wochen die Polizei einer großen Falschmünzer-Gesellschaft, welche aus einer völlig organisierten Bande bestehen sollte, in St. Louis auf der Spur gewesen. Doch die Schlauköpfe der Spitzbuben sind oft pfiffiger als die Schlauköpfe des Gesetzes, und so wäre denn das vorsichtig umstellte Nest der sauberen Vögel doch leer und von ihnen verlassen gefunden worden. Man spräche indes viel darüber, daß das Haupt dieser Koterie ein Frauenzimmer sei, welches mit wahrhaft genialer Geschicklichkeit die feinsten Fäden ihres Einflusses bis in alle Staaten zu spinnen verstände und ihre Verbindungen in Kreisen haben solle, wo kein Mensch einen Falschmünzer zu suchen wage.
Ich glaube, daß ich an diesem Vormittage recht zerstreut bei der Arbeit war und wirklich Gott dankte, als ich die steinernen Stufen zu Miß Emmersons Boardinghouse emporsteigen durfte.
Bei Tische überschaute ich mir sinnend die Gesichter der Familie Newland. Kerzengerade saß die Alte auf ihrem Platze. Wieder umrauschte eine schwere Robe ihre Gestalt, während ein feines Spitzengewebe auf ihrem noch dunklen Scheitel lag und mehrere prächtige Solitäre die Finger schmückten. Doch als ich mir gerade diese starkknochigen, unschönen Hände näher betrachtete, mit denen sie eben die Speisen zum Munde führte, konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß dieses Mannweib, bevor der Bruderkrieg der Union entflammte, sehr wohl eine jener gefürchteten Sklavenaufseherinnen der Südstaaten hätte sein können, die, mit der eisenbeschlagenen Hetzpeitsche in der Hand, ihre unseligen Opfer in Zucht und Ordnung gehalten.
Unangenehm berührt durch solchen Ideengang, wandte ich mich den liebreizenden Zügen meiner jungen Nachbarin zu. Sie lächelte mich heute ein wenig traurig an und meinte, daß Franky sich gar nicht recht frisch und heiter befände. Die Langeweile, zu der ihn die Ärzte verdammt, sei doch gar zu geisttötend.
»So lesen Sie ihm doch vor, Madame!« warf ich freundlich beschwichtigend ein.
»O, er haßt ja alle Lektüre, außer Zeitungen, und darin stehen doch immer die meisten Lügen!« entgegnete die schöne Frau halb trotzig.
»Nicht immer, Mrs. Newland!« sagte ich dabei sehr ruhig, aber ernst, und hob mein Auge langsam zu dem ihren. »Der ›New York Herald‹ wird zum Beispiel in den allernächsten Tagen recht interessante Entdeckungen offenbaren, die keinesfalls der Phantasie eines eifrigen Zeitungs-Reporters entsprungen, sondern der Wirklichkeit entnommen sind.«
Und völlig unbefangen erzählte ich ihr darauf von unserem kleinen Geldverluste und den Mitteilungen Mr. Habertons.
Im nächsten Augenblicke jedoch bereute ich das eben Gesagte schon aufs tiefste. Denn die Veränderung, welche nach meinen Worten in Mrs. Newlands Zügen sich ausprägte, war eine so entsetzliche, ja beängstigende, daß ich selbst ganz verwirrt davon wurde und beinahe hilflos verlegen stotterte: ob sie sich nicht wohl fühle? Das sonst so weiße und rosige Antlitz war für mehrere Minuten von einer fast bleigrauen Blässe überzogen. Die Augen starr und ausdruckslos auf einen Punkt gerichtet, die Lippen krampfhaft zusammengepreßt -- so lehnte das schöne Geschöpf im Sessel.
»Nein -- nein -- ja -- die Hitze bringt mich um!« stöhnte sie, mit vieler Mühe sich ermannend, indem sie halb mechanisch nach dem vor ihrem Platze stehenden Eiswasser langte.
Zuvorkommend und selbst äußerst erschreckt, reichte ich ihr das Glas, woraus sie hastig einige Schlucke des kühlenden Getränkes hinunterstürzte. Dann -- es war bereits gegen Ende der Mahlzeit -- schob Mrs. Newland mit sichtlicher Kraftanstrengung den Stuhl zurück und erhob sich.
»Ich muß mich leider hinaufbegeben; etwas Migräne, die mich zuweilen in schwülen Zimmern befällt --, weiter ist es nichts. Gute Nacht, Mr. Berken! Bitte, thun Sie aber dieses Vorfalls gegen niemanden Erwähnung!«
Jetzt traf mich ein wahrhaft flehender Blick der blauen Augen. Darauf schlüpfte die graziöse Gestalt flüchtig und noch geräuschloser als sonst aus dem Zimmer. --
Die nächsten acht Tage ging ich einher, wie jemand, der sich vielleicht mit einem großartigen Wagstück herumträgt und nicht recht zu einem festen Entschlusse gelangen kann, auf welche Weise dasselbe auszuführen sei. »Thun Sie aber dieses Vorfalles gegen niemand Erwähnung!« hatte Mr. Frank Newlands Gattin mir bittend zugeflüstert. Die Zunge hätte ich mir lieber abbeißen mögen, ehe ich nur eine Silbe von dem verraten, was seit jenem Abend -- ja seit dem Morgen, als Mr. Haberton mir in der Office die falschen Banknoten gezeigt, in meinem Innern vorging. Jeder andere, selbst meine alte Freundin Miß Kathe, wenn ich ihr das zu jenem waghalsigen Unternehmen bereits eingesammelte und notwendige Material mitgeteilt, würde mich auch sicher gründlich ausgelacht und abwehrend etwa geäußert haben: »Mein Bester, das sind deutsche Thorheiten! Wer Schmutz anfaßt, der darf sich nicht wundern, wenn etwas davon an den Händen kleben bleibt!« -- Doch einerlei! Was ging mich die amerikanische Herz- und Gefühllosigkeit hinsichtlich unserer Mitbrüder an, wo eine innere Stimme mich unwiderstehlich antrieb, in das dunkle Geschick zweier Menschen, die mich sympathisch anzogen, einzugreifen -- zu helfen -- zu retten, solange es noch Zeit war. -- --
Die Familie Newland schien seit den allerletzten Tagen sich in sonderbarer Erregung oder Erwartung zu befinden. Mr. Fowler war höchst wenig zu sehen und schien dringende auswärtige Geschäfte zu besorgen. Dafür aber saßen seine Gattin und Schwiegermutter, mit Sorge und Ungeduld der Rückkehr des Abwesenden harrend, oft bis gegen elf Uhr abends auf dem Balkon.
»Wir lieben es, die erfrischende Nachtluft zu genießen,« hatte die zarte junge Frau einmal mit süßem Lächeln zu Miß Emmerson geäußert, und niemand störte sie darin.
Mittlerweile brachten die New Yorker Zeitungen, wie ich bereits vorausgesagt, wirklich eine Menge haarsträubender und mitunter auch lächerlicher Artikel über den mutmaßlichen Aufenthalt der gefährlichen Falschmünzergesellschaft, welche an Falsifikaten schon ein Kapital in Umlauf gesetzt haben sollte, das bereits mehr denn eine Million repräsentiere. Einerseits hieß es: das Haupt der Sippe befände sich völlig ungeniert und seelenvergnügt in unserer City; andererseits lauteten die Berichte, daß die so schlaue, vielleicht auch nur mythenhafte »Dame« sich in Chicago aufhielte. Auf jeden Fall aber hoffe die Polizei, dieses Mal einen brillanten Fang zu thun und ihrer wirklich habhaft zu werden.
Meine junge Tischnachbarin hatte seit jenem Migräneanfall jetzt oft so sonderbar rote und geschwollene Augen, und das reizende Kinderantlitz dünkte mir auch schmäler geworden, als ob irgend ein Gram oder heimliches Weh an dem Herzen des lieblichen Geschöpfes nage. Sie sprach wenig und aß fast nichts.
Dagegen machte ich die Entdeckung, daß sie mit ihrer Schwiegermutter auf höchst gespanntem Fuße zu leben oder -- richtiger gesagt: unter dem Despotismus dieser Frau zu leiden schien. Bestärkt wurde ich noch in meiner Idee, als ich beim Vorüberschreiten an Mr. Franks Zimmer, welches, wie diejenigen seiner Mutter und Schwester, in der ersten Etage des Hauses lag und dessen Thür ein wenig offen stand, -- einmal, ohne im mindesten lauschen zu wollen, die harte Stimme des mir so widerlichen Weibes zu ihrem Sohne deutlich sagen hörte:
»Und wenn Du Dich hier am Boden zu meinen Füßen winden würdest, ich gebe Dir dennoch die Freiheit nicht zurück, weil das Wohl und Wehe eines einzigen gegen die Existenz und Sicherheit von uns allen nicht in Betracht kommt. Wir brauchen Dich und das genügt!«
»Und darüber wird Frank zugrunde gerichtet! Siehst und fühlst Du denn das nicht, Mama?« vernahm ich jetzt auch die fast schluchzende Stimme meines kleinen, blonden Lieblings. Wie erstarrt zögerte ich einen Moment.
»Gut; dann geht er eben zugrunde, wenn er eine Memme -- ein Feigling ist!« klang es nochmals aus dem Munde dieser Mutter zurück.
Dann stürmte ich, Abscheu und Wut im Herzen, die Treppe hinan nach meiner Wohnung. -- --
Am selben Nachmittage kam ein feingekleideter, gut aussehender älterer Herr ins Haus und wünschte Miß Emmerson zu sprechen. Zufällig war ich selbst mit unserer Hauswirtin im Parlour anwesend, welche mich lächelnd bat, dazubleiben.
Nicht umsonst hatte ich die Carriere eines Advokaten in diesem Lande absolviert, um in dem Eintretenden nicht sofort den Detektiv der Geheimpolizei zu vermuten. Ein scharf prüfender Blick seines dunklen Auges glitt im Nu auch über meine unbedeutende Person herab. Doch als Miß Kathe ihm meine Beziehungen zu der Firma Haberton & Comp. genannt, wurde mir augenblicklich ein sehr verbindliches: »=How do you do, Sir?=« zu teil, und nun erst rückte der Besucher, wenngleich noch immer vorsichtig, mit seinem Anliegen an den Tag. Miß Emmerson solle sein zudringliches Erscheinen nicht etwa übel deuten, meinte er, Platz nehmend, wobei er den großen Diamanten an seinem kleinen Finger im Lichte der durchs Fenster dringenden Sonnenstrahlen spielen ließ. Allein, wie manche Erfahrungen bereits bewiesen, befänden sich Persönlichkeiten, deren Antecendenzien mit dem Wortlaute der Gesetzbücher oft nicht recht übereinstimmten, zuweilen vorzugsweise in den allerfeinsten und fashionabelsten Boardinghäusern, um soviel als möglich den äußeren Schein zu wahren und jeden Verdacht von sich abzulenken. Er müsse so unbescheiden sein und um die Namen und Berufsarten ihrer Hausbewohner bitten.
Miß Kathe machte trotz dieser glatten Worte ein höchst empörtes und wütendes Gesicht und rief in der ihr charakteristischen, etwas derben Trockenheit: ihr Haus berge glücklicherweise nur äußerst respektable Leute, und wenn dem Herrn ihre Aussage nicht genüge, so fordere sie ihn auf, heute abend das Diner mit sämtlichen Gästen einzunehmen, was sicher den Beweis führen würde, daß er dieses Mal auf gänzlich falscher Fährte sei.
Herr des Himmels, welche Unvorsichtigkeit von Miß Kathe! Dieselbe entsprang einzig ihrem völlig unbefangenen Gemüte, dachte ich entsetzt, und stand wie auf Kohlen in meiner Fensternische, in die ich mich zurückgezogen hatte. Wenn dieser Spürhund etwas davon erfuhr, daß Frank Newland die Gesellschaft so auffallend mied und allein auf seinem Zimmer speiste, wenn ...