Lose Blätter: Neue Novellen

Part 8

Chapter 83,507 wordsPublic domain

Das Negermädchen hatte das Zimmer wieder verlassen. Da erhob sich plötzlich ein schwerer, dunkler Thürvorhang und -- Mary Powl stand genau im nämlichen Anzuge, wie sie mir im Parke begegnet, nur ohne den weißen Mantel, mir gegenüber. Ernst und ruhige Würde, dabei wieder jene kühl herablassende Vornehmheit, sprachen aus der ganzen Erscheinung. Ein Seufzer der Erleichterung entschlüpfte meiner Brust, und fast beglückt schritt ich ihr entgegen.

»Ich freue mich, daß Sie Wort gehalten haben, Sir!« sagte sie, mir näher tretend, mit dem monotonen, etwas schwermütigem Tonfall in der Stimme, indem sie mir, gleich einem alten Bekannten, die Hand reichte. »Ich habe mich viel mit Ihnen beschäftigt seit gestern und darüber nachgedacht, daß ihr Deutschen doch ein beneidenswert glückliches Volk seid!«

»Woraus schließen Sie das, Madame?« fragte ich lächelnd, voll Interesse das dunkle Gesicht anschauend, welches mir heute weniger eckig und in dem Momente, wo die brennenden Augen in Begeisterung flammten, eher anziehend erschien.

»O, ich lese ja Zeitungen!« rief sie, den Kopf selbstbewußt emporwerfend. »Sie sind Preuße? Ich kenne sie alle, eure großen tapferen Männer,« -- fuhr sie lebhaft fort -- »den greisen Kaiser William, Bismarck, Moltke! Das heißt, ich kenne ihre Namen auf dem Papier. In Wirklichkeit wird mein Auge sie wohl niemals schauen.«

»Das zu erreichen, liegt ja nur an Ihnen,« erwiderte ich verbindlich, den mit vornehmer Handbewegung mir angebotenen Platz einnehmend. Sie hatte sich gegenüber gesetzt und die schlanken braunen Finger im Schoß gefaltet. »Entschließen Sie sich zu einer Reise nach Berlin, Madame! Das würde Ihnen eine reizvolle Zerstreuung und Abwechslung gewähren.«

»Damit ich dann -- nach meiner Rückkehr -- mich um so unglücklicher in Verhältnissen fühlen würde, in denen zu leben ich doch angewiesen bin. O nein, Sir! So lange mein Sohn sein Ziel noch nicht erreicht hat, wanke ich nicht von diesem Platze.«

Ich mußte ihr beipflichten.

Darauf fragte sie mich nach meiner Lebensstellung und meinem Berufe, und als ich ihr gesagt, ich sei Schriftsteller, sah sie mich fast scheu und ehrfurchtsvoll von der Seite an und meinte befangen, sie hätte sich einen Mann der Feder ganz anders vorgestellt. Da mußte ich nun viel erzählen über deutsche Zustände und Sitten; über Litteratur und Geschichte sprachen wir, und ich gestehe offen, daß ihr, wenn auch nicht gerade reiches Wissen, so doch ihr richtiges Urteil, ihre Kenntnis von Dingen, die man ihr kaum zugetraut, mich wahrhaft überraschten. Freilich wohl zwangen mir die oft kindlich naiven Fragen hin und wieder auch ein Lächeln ab. Aber ich erinnerte mich dann schnell, mit wem ich die Unterredung führte. Jedenfalls stand dieselbe, was Originalität und Unterhaltung anlangte, keiner von jenen mit irgend einer deutschen Dame eingegangenen nach.

Auch Mary Powl erzählte mir von ihrer Kindheit und Jugend, von dem kurzen Glück ihrer Ehe, -- daß ihr Gatte bei einem räuberischen Überfall eines feindlichen Stammes grausam erschlagen worden, und daß sie darauf mit ihren Landsleuten, mit der Menschheit, ja mit sich selbst zerfallen, der Heimat den Rücken gekehrt und nach New York übergesiedelt sei.

»Und hier führe ich nun seit fast zehn Jahren ein stilles, zurückgezogenes, mir zusagendes Dasein,« schloß sie den schlichten Bericht. »Mein =home= ist meine Welt, in der ich mich glücklich fühle.«

Wie das so natürlich war, flog mein Auge über die moderne Einrichtung des Gemaches, während ich die schüchterne Frage aufwarf, weshalb sie alles, was an das einstige romantische, abenteuerliche Leben der Vergangenheit gemahnte, daraus verbannt habe?

Sie lachte. Es war das erste und letzte Mal, daß ich diese Frau wirklich lachen hörte.

»So glauben Sie im Ernst, daß das durch Abhärtung und Entbehrungen aller Art gestählte Weib an die verweichlichte Lebensweise der Weißen sich gewöhnt habe, daß solcher Ballast« -- sie deutete auf ein von schwellenden Kissen strotzendes Ruhebett -- »ihr unentbehrlich geworden ist? Eine von der Kultur beleckte Indianer-Squaw -- wäre das nicht eigentlich spaßhaft? Nein, mein Herr! Mit Leib und Seele, mit jeder Fiber meines Herzens hänge ich noch an alten Erinnerungen. Allein ich verschließe mein Teuerstes vor der Welt. Kein profaner Blick soll je mein Heiligtum erreichen! Dieses Zimmer hier bedarf ich zum Empfange von Leuten, mit denen ich ab und zu geschäftlich verkehre und in Verbindung komme, für die ich auch nur Mrs. Mary Powl bin, welchen Namen ich mir seit dem Fortgange aus meinem Heimatsthal gegeben habe. Doch hier« -- in graziös behenden Bewegungen sprang sie empor und schlug den dunkeln Vorhang, durch den sie gekommen, zurück -- »hier, Sir, ist mein wahres =home=! Ihnen zeige ich es; Sie sollen sehen, daß ich das warme Interesse, das Vertrauen, welches Sie mir bewiesen, zu schätzen weiß!«

Zögernden Schrittes war ich gefolgt und blickte nun in stummer Überraschung durch die offene Thür. Mit heiterem Gesichte weidete sie sich an meinem Staunen.

»Nun, ich bitte, treten Sie ein, Sir! In diesen Räumen begrüßt Sie die Witwe des Irokesenhäuptlings Onundega.«

Wir schritten beide über die Schwelle.

Jetzt wußte ich, daß jedes Wort, was Mary Powl von ihrer Vergangenheit mir erzählt, lautere Wahrheit war, daß jeder noch so kleine Verdacht wider sie, der eben noch in meiner Seele Platz gefunden, eine bittere Ungerechtigkeit, ja, eine Kränkung für sie gewesen.

Der Raum, in welchem wir jetzt standen, glich in der That der Vorstellung, die ich in meinen Knabenjahren von dem Wigwam eines Indianerhäuptlings mir vielleicht gemacht. Eine von grobem, eigenartig gewebten, blaubemalten Stoffe, in der Mitte der Decke angebrachte und an den Wänden niederhängende Draperie war geschickt und kunstgerecht zu einer Art Zelt verarbeitet, so daß die Seite, wo die Fenster sich befanden, ebenfalls verhangen blieb, weshalb sich nur ein mattes, angenehmes Dämmerlicht über den nicht großen Mittelraum verbreitete. Jeder Gegenstand dieses wunderbaren Gemaches trat klar und scharf ins Auge, und jeder Blick sagte mir, daß hier Mary Powl in ihrem Elemente, in ihrem eigentlichen =home= sei.

Ihr kurz befehlender Wink nach der einen Ecke bedeutete den dort am Boden kauernden, anscheinend lesenden Knaben aufzustehen und mich zu begrüßen. Mit dem Buche in der Hand kam er leise herangeschlichen und schaute schüchtern zu mir auf.

Liebkosend strich ich ihm über das schlichte, lange tiefschwarze Haar und fragte, was er denn so fleißig studiere? Mit stolzem Augenaufschlag erwiderte er:

»=Latin=, Sir!«

Dann hüpfte er wieder behende in seinen Winkel, schlug aufs neue das Lexikon auseinander und nahm anscheinend keine Notiz mehr von uns.

Währenddessen stand, den einen Arm an die schlanke, doch kräftige Hüfte gestemmt, die Indianerin neben mir und verfolgte mit einem Ausdruck von Befriedigung im Gesichte meine sich immer steigernde Verwunderung.

An der einen Längenwand des Zeltes, dicht über dem Haupte des Knaben, hingen die einstigen Waffen, Schild, Speer und Bogen, wie der phantastische Kopfschmuck mit der wehenden Adlerfeder (dem Abzeichen des Häuptlings) ihres heimgegangenen Gemahls. Verschiedene indianische Gerätschaften oder Handwerkszeuge, deren Zweck und Nutzen mir im ersten Augenblicke nicht recht klar war, bildeten eine originelle, malerische Verzierung um die mit sichtlicher Pietät gehüteten und bewahrten Überbleibsel einer kurzen, jedenfalls ruhmvollen Kriegerlaufbahn. Und weiter -- mein Auge irrte neugierig über hundert mir völlig unbekannte Dinge hinweg. Hier lagen Jagd- und Kriegstrophäen des stolzen Onundega, ausgestopfte Tiere und Vögel, Köcher und Pfeile, wie auch seltsamer Federschmuck, dort Sattel- und Zaumzeug seines Lieblings- oder Streitrosses neben den primitiven Toilettenartikeln eines besiegten Feindes. Aber -- was war das? Mein Blick war plötzlich auf etwa sieben bis acht ganz unheimliche Gegenstände gefallen, die in Manneshöhe, an einem starken Hanfseile aufgereiht, gleich gefangenen Krammetsvögeln im Dohnenstrich, herabhingen.

Ein leises Gruseln lief mir über den Rücken und ich fühlte die einstigen Haare meines jetzt kahlen Schädels sich sträuben. Skalpe -- wahrhaftige, Original-Skalpe, je nach der Nationalität derselben mit langen oder kurzen Haaren bedeckt und an ihnen zusammengebunden, baumelten da als Siegestrophäen über meinem Haupte und mußten einem deutschen Herzen wohl begreifliches Unbehagen einflößen.

Unwillkürlich wandte ich das Gesicht rasch nach einer anderen. Mary Powl gewahrte es und führte mich mit feinem Takt schnell zur entgegengesetzten Seite des Gemachs, wo eine in der That auserlesene Waffen- und Gewehrsammlung mein Interesse bald völlig in Anspruch nahm.

Es gab in Mary Powls =home= überhaupt so viel Merkwürdiges zu schauen, daß wohl Tage dazu gehörten, alle die sehenswerten Dinge mit Ruhe und Verständnis betrachten zu können. Etwas indes nahm meine Aufmerksamkeit besonders gefangen. Dieses war ein höchst eigentümliches, primitives Lager. Auf einer Art Erhöhung nämlich, von Matten und Bärenfellen zusammengestellt, halb verdeckt von einem blauweißen Vorhange (blau ist die Lieblingsfarbe der Indianer), befand sich die Schlafstätte dieser sonderbaren Frau, und ich dachte dabei unwillkürlich ihrer Worte: daß das an Abhärtung und Entbehrungen gewöhnte Weib sich mit der verweichlichten Lebensweise der Weißen nicht befreunden könne.

Also hier schlummerte Mary Powl, hier träumte sie vom einstigen Glück und Ruhm -- von der hoffnungsvollen Zukunft ihres Knaben! Hier, umgeben von Waffen, die noch das Blut der Feinde rötete, umgeben von menschlichen Skalpen, -- hier fand sie Ruhe nach des Tages Lasten! Ländlich -- sittlich! Ich hätte mein bequemes Bett im lieben Deutschland mit dieser Lagerstätte sicher nicht vertauschen mögen.

Viel gesprochen oder gar bewundert und gelobt habe ich nicht, während wir miteinander einen Rundgang durch den hochinteressanten Raum machten. Das dünkte mir in dieser Stunde abgeschmackt und einer Mary Powl unwert. War doch ihr Gesichtsausdruck tiefernst, als riefen all' die Gegenstände tausend schmerzliche Erinnerungen wach. Jedes leere Wort erschien mir daher gleich einer Verletzung ihrer innersten Gefühle.

Doch plötzlich lächelte sie wieder, indem sie mich aufforderte, sie in das viel kleinere Nebengemach zu begleiten. Dieses war, ähnlich dem ersteren, geschmückt und aufgeputzt und diente augenscheinlich ihrem Sohne als Schlafzimmer, ihr selbst jedoch als eine Art Laboratorium. Wunderliche Gefäße, Retorten und Phiolen standen dort auf rohgezimmerten Bänken und Borden umher. Auf dem kleinen Herde dampfte und brodelte es auch, und große Bündel Kräuter und Pflanzen hingen, sorgsam zusammengebunden, von der Decke herab.

Was aber in diesem Zimmer mir noch bemerkenswert vorkam, das war eine ganz prachtvolle amerikanische Safe (eiserner Geldschrank) neuester Konstruktion, an welche Mary Powl nun herantrat. Sie entnahm daraus mehrere kleinere Fläschchen, welche sie mir heiter entgegenreichte mit dem Bemerken, daß das eine vorzüglich gegen Migräne, jenes unfehlbar zur schleunigen Beförderung des Haarwuchses diene.

Mechanisch glitt meine Hand über meine recht bedenkliche Glatze. Allein ich dankte ihr herzlich für diesen feinen Wink, indem ich erwiderte, daß ich zugleich mit dem Schmucke des Hauptes auch meine Eitelkeit abgelegt hätte, ja, daß ich mir lächerlich vorkommen würde, wollte ich plötzlich wieder mit wallenden Locken im Kreise der heimatlichen Freunde erscheinen; im übrigen glaube ich an die Unfehlbarkeit ihrer Mixturen. Zögernd indes setzte ich hinzu, daß, wenn sie mir einige Tropfen jenes wunderthätigen Mittels gegen die Zahnschmerzen geben wolle, so würde ich das mit größtem Danke annehmen. Gutmütig nickte sie und holte geschäftig das Wundermittel, welches mich von peinigender Qual befreit, mir zugleich aber diese interessante Bekanntschaft vermittelt hatte, aus der =Safe=. Wie eine kostbare Reliquie bewahrte ich dieses Geschenk auf meinem Busen.

»Hier, Sir!« sagte sie darauf, die Thür des Schrankes weit öffnend und mich näher heranwinkend. »Schauen Sie einmal da hinein und sagen Sie mir, ob Mary Powl nicht gut und haushälterisch für ihren Sohn gewirtschaftet hat? Das eine habe ich von den Amerikanern profitiert und gelernt -- das Rechnen und Spekulieren.«

Überrascht glitten meine Blicke über den Inhalt des Geldschrankes, und in diesem Momente schämte ich mich wirklich im stillen meiner unedlen, garstigen Gedanken, die ich, bevor die Indianerin eintrat, über dieselbe in dem tiefsten Winkel meines sonst vertrauenden Herzens gehegt hatte.

Dort lagen Wertpapiere, Staats- und Eisenbahn-Obligationen neben aufgetürmten Rollen Zwanzig-Dollar-Goldstücken. Auch Häufchen Goldkörner und unregelmäßige Klümpchen dieses edeln Rohmetalls gewahrte ich und wurde immer mehr durchdrungen von der Überzeugung, Mary Powl sei nicht allein eine interessante, anziehende sondern auch sehr vermögende Frau, welche -- nach europäischen Begriffen -- sich ihr Leben hätte ganz anders gestalten können.

»Ich staune über Sie, Madame!« konnte ich nicht unterlassen, in vollster Bewunderung auszurufen. »Gute Mutter, tüchtige Geschäftsfrau und ein mutiges, unerschrockenes, stets hilfsbereites Weib, -- das vereint sich selten in einer Person und verdient die höchste Anerkennung, welche jeder Ihnen zollen muß!«

Wieder huschte jener Ausdruck von innerer Befriedigung über ihr dunkles Gesicht und sie entgegnete dann fast traurig:

»Hier ernte ich nur Undank, wie unüberwindliches Mißtrauen, welches sich an meine Fersen zu heften scheint, und es mir gar oft erschwert, die menschenfeindlichen Gefühle und Regungen des Busens zu bekämpfen. Doch lassen wir das!« setzte sie abwehrend hinzu. »Wir beide ändern das nicht. -- Jetzt kommen Sie wieder hinüber in mein =Parlour= und nehmen einen kleinen Imbiß, Sir!«

Mir rasch voranschreitend, öffnete sie die Thür des vordersten Gemaches. Noch einen letzten Blick sandte ich über Mary Powls =home=, dann folgte ich ihr hinaus.

Das uns entgegenstrahlende grelle Sonnenlicht, verbunden mit dem Anblick der modischen Zimmereinrichtung wirkte auf mich beinahe, als wäre ich von einer Wanderung durch ein Märchenland in die Wirklichkeit zurückgekehrt. Noch halb wie traumbefangen starrte ich auf das Negermädchen, welches sich eben damit beschäftigte, Wein, Früchte und feines Backwerk auf einem Tische zu ordnen und für uns bereit zu stellen.

Aufs neue betrachtete ich gedankenvoll und kopfschüttelnd das elegante Porzellan-Service und Glasgeschirr, welches im entschiedensten Widerspruche stand zu allem, was ich soeben geschaut hatte.

»Wir führen einen echt amerikanischen Haushalt,« sagte Mary Powl, meinen Ideengang erratend, mit feinem Lächeln, indem sie mir eine Platte köstlicher Bananen darbot. Ich nahm eine dieser aromatischen Früchte.

»Meine kleine Sally« -- sie deutete nach der Thür, durch welche die Negerin uns verlassen -- »ist die Lehrmeisterin, ich bin die Schülerin in der höhern Kochkunst; und so geht das wundervoll von statten. Was mir anfänglich schwer und ungewöhnt ist, das überwinde ich schnell bei dem Gedanken, daß ich Iron Hand ein Opfer bringe. Die Verhältnisse, in denen sein späteres Leben dahinfließen wird, bedingen sorgfältige Erziehung. Einst wird er seiner Mutter das danken. O, Sie sollten nur sehen, -- er speist mit Messer und Gabel wie ein junger Gentleman!«

Ungefähr noch eine halbe Stunde verweilte ich in anregendem Gespräch mit der originellen Frau; dann erhob ich mich. Zwei volle Stunden hatte ich bereits in ihrer Gesellschaft zugebracht und ich mußte nun gestehen, daß der Abschied von Mary Powl mir nicht leicht wurde. Der weite Ozean mußte uns ja gar bald für immer trennen. Ob ich -- in ihrer Sprache zu reden -- das große Wasser noch einmal durchschifft hätte, um _sie_ wieder zu sehen, wenn ich zwanzig Jahre weniger zählte? Wer weiß es! Jedenfalls wußte ich heute genau, daß dies ein Abschied fürs Leben war.

Die Worte, die ich dabei gesprochen, mögen wahrscheinlich recht nichtssagend und abgeschmackt geklungen haben, indem es nämlich eine Eigentümlichkeit von mir ist, daß ich, je tiefer innerlich eine Sache mich berührt, äußerlich desto linkischer und trockener werde. Vom Tragischen zum Lächerlichen ist bekanntlich nur _ein_ Schritt! Das sollte jeder bedenken, der einmal in reiferen Jahren von einer kleinen Gefühlsanwandlung übermannt wird -- umsomehr, da sie selbst, die Witwe des Irokesenhäuptlings, die freie Tochter der Natur, die Frau ohne höhere Erziehung und Bildung, mir gegenüber keinen Finger breit aus den Formen edler, züchtiger Weiblichkeit herausgetreten war. Taktlos und indiskret wäre es daher gewesen, hätte ich mit Blicken oder banalen Redensarten verraten wollen, daß sie mich aufs Lebhafteste interessiere, daß ich wirkliches Gefallen an ihr fand.

Einen Moment hielt sie meine Hand fest in der ihren und schaute mich mit den brennenden Augen an. Der Knabe war gleichfalls herangetreten und lehnte sich, zärtlich angeschmiegt, an die Mutter.

»Ich danke Ihnen für reizvolle, genußreiche Stunden, Sir!« sagte sie in ihrer schlichten, ruhigen Weise. »Nur selten wird mir das Glück zu teil, mich frei von der Seele herunter aussprechen zu können. Liegt doch der Trieb, ja das Bedürfnis hierzu in jeder Menschenbrust. Lange werde ich über alles, was Sie mir erzählt, nachdenken und weise Lehren daraus schöpfen für Iron Hand.«

Einige Sekunden legte ich meine Rechte auf des Knaben Haupt und fragte:

»Du willst ein kluger Mann -- ein berühmter Arzt werden und Deiner Mutter treue Liebe und Fürsorge für Dich einst hundertfach vergelten -- nicht wahr, mein Junge? Sie verdient es im reichsten Maße!«

Ein strahlendes Aufblitzen der dunklen Kinderaugen gab mir Antwort.

So schieden wir. -- -- --

Jahre sind seitdem dahingezogen. Aber noch oft und gern verweilen meine Gedanken drüben in der großen Empire City Amerikas bei Mary Powl.

Die kleine Flasche, welche sie mir damals mitgegeben, hat noch manchmal ihre wunderthätige Kraft bewährt, sowohl an mir selbst, als auch an anderen. Stets hat es mir Freude gemacht, im edlen Sinne der gütigen Spenderin zu wirken und zu helfen. Jetzt ist sie längst geleert.

Wenn indes einer meiner verehrten Leser oder Leserinnen sich zu einer interessanten Reise über das Meer und nach New York entschlösse und drüben von Zahnschmerzen geplagt werden sollte, so rate ich dringend, nicht zu versäumen, sich auf eine einsame Bank im entlegendsten Teile des Zentralparks niederzulassen. Vielleicht -- ich sage nur vielleicht -- begegnet ihm dort meine Freundin Mary Powl, die Indianer-Squaw. Ihre Adresse darf ich diskretionshalber nicht verraten.

Ob sie noch lebt? Ob Iron Hand ihren stolzen, gerechten Hoffnungen entsprochen haben wird? --

Ich habe von beiden niemals wieder etwas vernommen.

Amerikanische Existenzen.

Die Mittagsglut eines Julitages brütete über dem Madison-Square von New York, dessen weite Räumlichkeit mir heute beinahe noch endloser erschien als sonst. Fast senkrecht schleuderte die Sonne ihre glühenden Strahlenbündel auf den weich gewordenen Asphaltboden nieder, so daß dieses von stattlichen Häusern eingefaßte große Flächenquadrat völlig schattenlos vor meinen Blicken lag.

Ich zog den wahrhaft monströsen Sonnenschutzschirm noch tiefer über mein gefährdetes Hirn, that mehrere schwere Stoßseufzer und strebte, einen heroischen Anlauf nehmend, vorwärts über den Platz -- meinem Ziele zu.

Wer jemals einen amerikanischen Sommertag in New York erlebt hat und der Gefahr ausgesetzt gewesen ist, vom Sonnenstich betroffen zu werden, der kennt solche Situation genau. Allein sich sträuben oder gar klagen half hier nichts, indem ich vorwärts mußte, das heißt, mich von der Eisenbahnstation aus auf der Wohnungssuche befand und noch vor Abend mit Sack und Pack in einem guten und bequemen Boardinghouse untergebracht zu werden wünschte.

O New York! Du Eldorado aller nach Fortunens Schürzenzipfel haschenden Deutschen! Wie erfreute mich trotz Hitze und Staub der Anblick der langentbehrten Metropole der Union, wie hatte ich in Tagen der Trübsal und des Kampfes ums Dasein mit sehnsüchtigem Verlangen deiner gedacht und das grausame Schicksal verwünscht, welches mich Jahr um Jahr an den fernen Westen gebunden. Endlich jedoch schien die launische Göttin ein Einsehen und Erbarmen mit mir gehabt zu haben. Ein Glücksfall ließ meine wirklichen oder vielleicht auch nur eingebildeten Talente und Geistesgaben doch schließlich zur vollen Geltung kommen. Durch die vorsorglich zurückgelegten Ersparnisse saurer Arbeit und eine, wie durch höhere Inspiration plötzlich in mir erwachte, fast amerikanische Unternehmungslust und Dreistigkeit bemühte ich mich um die Partnership einer der renommiertesten Advokaturen New Yorks und -- erhielt sie. Jetzt war ich ein gemachter Mann. Denn ich kannte die Verhältnisse Amerikas zu gut, um nicht überzeugt zu sein, daß ich den mühsam errungenen Platz auch würde behaupten können. Wie ganz anders waren daher die Empfindungen meiner Brust gegen diejenigen vor fünf Jahren, wo ich mit wenigen hundert Mark in der Tasche vom Steamer des Bremer Lloyd ans Land stieg. Mit stolzem Selbstgefühl betrat ich nun zum zweiten Male den Boden der Empire-City. Die alten Freunde aus jener Sturm- und Drangperiode meines Debuts im Heim des allmächtigen Dollars hatte ich indes darob nicht vergessen und erinnerte mich freudig einer alten Amerikanerin Miß Kathleen Emmerson, in deren gastlichem Hause ich bereits damals -- dank ihrer Rücksicht auf meine knappe Barschaft -- unter angenehmen Bedingungen einige Wochen verbringen durfte. Mit Miß Kathe, wie das liebenswürdige und menschenfreundliche alte Fräulein von all ihren Bekannten zu jener Zeit kurzweg benannt wurde, hatte ich später auch ab und zu in Korrespondenz gestanden und wußte demnach, daß ihre pekuniäre Lage sich gleichfalls bedeutend verbessert und sie anstatt des kleinen Kosthauses in St. Marks-Place jetzt ein elegantes Boardinghouse in der 24. Straße zwischen der 5. und 6. Avenue inne hatte.

Dorthin also lenkte ich meine Schritte. Das Äußere desselben entsprach vollkommen meinen Erwartungen. Wenigstens zählte es zu den sogenannten guten Brownstone-Houses der City, welche die Straßen der oberen Stadtteile New Yorks zieren und alle ohne Ausnahme wie nach einer Schablone gearbeitet zu sein scheinen.

Beim Eintreten gewahrte ich, daß an der mit massivem Gußeisengeländer versehenen steinernen Vortreppe ein Wagen der New York-Expreß-Compagnie hielt und verschiedene Gepäckstücke, darunter auch ein wahrer Monstre-Koffer, abgeladen und ins Haus hineingetragen wurden. »Aha!« dachte ich mit Befriedigung. »Auch die heiße Jahreszeit thut allem Anschein nach dem Geschäfte meiner alten Freundin keinen Abbruch. Gratuliere, Miß Kathe! Solch enorme Bagage-Zahl deutet auf noble und ständige Gäste.«

Lebhaft sprang ich nun die sechs bis acht Stufen hinan und trat durch die bereits offenstehende Eingangsthür. Mehrere Personen, dabei natürlich auch Miß Emmerson, befanden sich auf dem etwas düsteren Vorflur, als auch schon der freudige Ruf -- in eigentümlich accentuiert gesprochenen deutschen Worten mir entgegenklang:

»Kann ich denn meinen Augen trauen? Sie sind es wirklich, Herr Baron von ...?«

»Pst, pst! Lassen wir doch die einstigen Titel und Würden beiseite!« entgegnete ich lachend und ebenfalls auf deutsch: »Mr. Richard Berken, Teilhaber der Firma Haberton & Comp. am Broadway, steht heute vor Ihnen, meine Liebe, und möchte höflich bitten, ihm ein bescheidenes Stübchen in Ihrem gastlichem Hause anzuweisen, Miß Kathe!« Damit schüttelten wir uns beide wahrhaft herzlich die Hände.

Neugierig und mit höflicher Verbeugung schielte ich dabei nach der aus drei Damen und zwei Herren bestehenden Gesellschaft, welche, in Anbetracht ihres mit der Hauswirtin unterbrochenen Geschäftes, dem Anschein nach ziemlich ungeduldig drein schaute. Daher sagte ich zuvorkommend und entschuldigend, daß ich nicht länger stören wolle.