Lose Blätter: Neue Novellen

Part 10

Chapter 103,638 wordsPublic domain

Jetzt erschrak ich fast über meine seltsame Bangigkeit. War es denn möglich, daß ich selbst, ein Mann des Gesetzes, noch dazu ein Mensch, welcher jede lichtscheue That aus tiefster Seele verachtete, ja dessen Lebensaufgabe darin bestand, das gefährdete Recht, wo immer es galt, zu vertreten, daß ich also selbst für diesen unseligen jungen Verirrten und dessen Frau Partei nahm, -- daß ich gegenüber der Sicherheitsbehörde New Yorks mich zu ihrem Schutze bereits aufzustellen gedachte, anstatt daß ich vor diesen Mann dort hintrat und ihm frank und frei alle Entdeckungen der letzten Tage offenbarte. Denn was ging mich schließlich dieser Frank Newland nebst seiner blonden Gattin an? Oder war diese mir selbst unerklärliche Sympathie für jene Menschen vielleicht doch etwa ein Wink von oben?

»Danke bestens, sehr verbunden, Miß Emmerson!« lautete indes zu meiner größten Beruhigung des Detektivs Antwort. »Ihre Versicherung genügt mir fürs erste, umsomehr, weil ich in meiner Stellung alles Auffällige vermeiden muß.«

Dann machte er sich einige Notizen in sein Taschenbuch und verließ mit aalglatten Bewegungen und sehr verbindlichen Verbeugungen gegen die Dame und mich das Parlour.

»Meinen Sie, Mr. Berken, daß es in der eben angedeuteten Beziehung mit den Newlands nicht recht geheuer ist?« fragte mich Miß Kathe, als wir jetzt allein waren, wobei ein etwas ängstliches Zucken ihre Mundwinkel umspielte. »Ich hielt sie bisher, das heißt die Männer, für Gambler (Spieler) von Profession, vielleicht auch für Leute, die auf irgend eine Patent-Medizin reisen oder dergleichen, jedoch hinsichtlich des guten Rufes meines Hauses für völlig harmlose Kreaturen. Ihnen aber traue ich wohl eine Portion Menschenkenntnis zu. Nun, was meinen Sie, Mr. Berken? Es thäte mir wirklich leid, wenn ich den Newlands aufkündigen müßte und meine Zimmer, voraussichtlich bis in den September hinein, leer ständen.«

Ich hatte das Gesicht ein klein wenig nach rechts gewandt, so daß Miß Kathes Blicke nur mein Profil zu treffen vermochte, und entgegnete so ruhig, als ich trotz der Aufregung, die in mir arbeitete, es fertig zu bringen imstande war:

»Liebe Miß Kathe! Da ich von dem Grundsatze ausgehe, besser ist besser und sicher ist sicherer, so würde ich doch die paar hundert Dollars nicht ansehen und gelegentlich, das heißt, auf irgend einer triftigen Entschuldigung fußend, der alten Newland zu verstehen geben, daß Sie über ihre Zimmer zu disponieren wünschten. Ich verehre Sie zu hoch und aufrichtig, Miß Kathe, um Sie auf irgend welche Weise in Unannehmlichkeiten verwickelt zu sehen! Daher rate ich Ihnen offen hierzu, weil mir die Sache mit dem Detektiv gar nicht gefällt.«

Erschreckt prallte die alte Dame zurück und starrte mich mehrere Sekunden durchbohrend an. Dann faßte sie sich rasch und versetzte mit schmerzlichem Tonfall der Stimme:

»Sie würden mir das nicht sagen, Mr. Berken, wenn es nicht Ihre innerste Überzeugung wäre!«

»Sicherlich nicht, Miß Kathe!«

»Gut denn; ich folge Ihnen!«

Ohne zu zucken und ohne vielleicht weiter des vermeintlichen Verlustes einer für sie ziemlich bedeutenden Summe zu gedenken, reichte die resolute alte Dame mir die Rechte hin und sagte:

»Morgen wird ein Ende gemacht. Punktum!«

Dann verließ auch sie das Sprechzimmer. --

»Morgen!« Mechanisch öffnete ich die nach dem Balkon führende Glasthür und riß in tiefen Gedanken an den an dem Geländer sich emporrankenden Klematisblüten. »Morgen!« kam es nochmals sorgenvoll über meine Lippen. Jetzt stand die Sonne bereits tief am Horizonte, und wenn sie dort im Osten wieder emporstieg, dann mußte etwas geschehen sein, wovon die dabei beteiligten Personen bis jetzt noch keine Ahnung hatten.

»Deutsche Sentimentalität und Thorheit!« neckte das böse Prinzip in meiner Brust. »Laß ab von Sachen, die Dich nichts angehen, und hemme die Gerechtigkeit nicht in ihrem Lauf!«

Standhaft wehrte ich mich dagegen und flüsterte dafür kaum hörbar:

»Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!«

Doch horch! Klang das drinnen im Parlour nicht gleich einem unterdrückten Schluchzen? Peinlich berührt und um nicht etwa hier draußen auf dem Balkon der unfreiwillige Zeuge irgend einer Scene zu werden, trat ich rasch ins Zimmer zurück. Allein noch einmal stutzte ich. Dort in einem Sessel, das Antlitz auf die Armlehne desselben niedergebeugt, lag meine schöne Tischnachbarin, wie es schien, im Stadium von Agonie oder höchstem Schmerz. Nur ab und zu drang ein sich qualvoll herausringender Laut aus ihrer Brust, während die krampfhaft verschlungenen Finger das blonde Haupt umfaßten. Ungeachtet dieses betrübenden Anblicks durchströmte mich beinahe wilde Freude. Der Zufall spielte mir hier die beste Gelegenheit zum Beginn meines Samariterwerks in die Hand. Daher trat ich entschlossen an die Ahnungslose heran und rief:

»Mrs. Maud Newland!« Seit heute morgen wußte ich auch den Vornamen des jungen Geschöpfs.

Wie durch einen elektrischen Strom berührt, fuhr die Angerufene empor und stand alsbald kerzengerade mir gegenüber, während die glühenden, noch bebenden Lippen sich zu einem mühseligen Lächeln verzerrten.

»O, ich habe geschlafen und -- sehr -- sehr garstig geträumt!« stotterte sie, sich die wirren Locken aus der Stirn streichend. Ein anderer, als ich, hätte sich von der Wirklichkeit dieses Arguments überzeugen lassen.

Welche moralische Kraft und Geistesgegenwart steckte doch in diesem lieblichen Wesen!

»Nein, Madame, Sie haben _nicht geschlafen_, sondern in tiefem, leidenschaftlichem Seelenschmerz -- in fassungslosem Jammer über das Unheil, welches Schritt um Schritt Ihnen näher rückt, haben Sie _geweint_!« entgegnete ich ruhig, aber fest.

Jetzt stierten die blauen Augen in wahrhaft entsetztem Ausdruck mir ins Gesicht.

»Mein Herr! Mit welchem Rechte wagen Sie, eine solche Sprache gegen mich zu führen?« kam es leise, jedoch zornig aus dem zuckenden Munde.

»Mit dem Rechte aufrichtiger, warmer Freundschaftsgefühle, Mrs. Newland!« gab ich völlig unbeirrt zurück und faßte nun auch rückhaltlos nach ihrer Rechten.

»Freund--schaft?« wiederholten ihre Lippen zögernd in halb ungläubigem Trotze. Dünkte es mir doch, als ob es dabei gleich nie geahntem -- nie gekanntem Glücke in den schönen Augen aufflammte. Aber sie entzog mir die kleinen Finger dennoch und setzte rasch und herb hinzu:

»Ich danke, Sir, wir -- ich brauche die so edelmütig gebotene Freundschaft eines -- Fremden nicht, da ja auch gar kein Grund vorliegt, sich mitleidig unserer anzunehmen, nein, wirklich absolut nicht!«

»So?« Fest und durchdringend heftete ich meine Blicke auf das bleiche Gesichtchen. »Wissen Sie, Mrs. Maud Newland, daß Sie in diesem Moment eine _Lüge_ aussprechen? Wohlan! Mir kann das ja einerlei sein. Aber ich erinnere Sie nur daran, daß dort oben über uns _Einer_ lebt, dem wir Rechenschaft zu geben haben von unseren Worten und Werken, und daß auch für Sie eine Zeit kommen kann, wo Sie dieser Hilfe benötigt wären!« Schwer und keuchend kamen die Atemzüge aus der jungen Brust. »Wenn man in demütigem Sinne diesem _Einen_ seine Sorgen und Lasten anempfiehlt, dann erscheint das Schwerste wirklich nicht so schwer!« fuhr ich eindringlicher fort.

Jetzt schluchzte sie auf und bedeckte das Antlitz mit den Händen.

»O, warum sprechen Sie _so_ zu mir! O, wie lange -- lange, -- fast seit meinen Mädchentagen ist es her, daß jemand gegen mich den Namen Gottes genannt hat! Und doch habe auch ich einst, ehe ich Franks Gattin wurde, oftmals so innig und warm zu ihm gebetet! Stehen denn plötzlich alle süßen Erinnerungen an die Kindheit auf -- an meine heimgegangenen Eltern -- an jene Zeit, wo noch alles anders war?« fügte sie, die Wangen von Thränen überströmt, nun träumerisch ins Leere starrend, hinzu. »Wer sind Sie, Sir, daß Sie es verstehen, solche Saiten in meinem Innern zu berühren? Gehen Sie -- o gehen Sie! Ich bin Ihrer Teilnahme und Güte nicht wert, -- habe ja kein Anrecht an die Barmherzigkeit und Milde Gottes! Denn ...«

Sie stockte plötzlich und wollte an mir vorüber zur Thür hinaus. Doch energisch vertrat ich ihr den Ausweg.

»Nicht _allein_ dürfen Sie hinaus, Mrs. Newland! Gerade um der schmerzlichen Erinnerungen willen an das glückliche Einst bitte ich Sie, mich jetzt sofort zu Ihrem Gatten zu führen und mir eine kurze Unterredung mit ihm zu gestatten. Widersetzen Sie sich dem nicht! Denn es ist zu Ihrem Wohl -- Ihrer Rettung -- _ich weiß alles_!«

Tödlich erschreckt fuhr die Fassungslose zurück.

»Was -- was wissen Sie?«

»Daß Frank ein armer Bethörter -- ein Unglücklicher ist und schwer unter dem Drucke eines tyrannischen Weibes, das sich leider seine Mutter nennt, duldet und darüber zugrunde geht!« flüsterte ich ihr entschlossen ins Ohr. »Aber, beim Allmächtigen, der mein Vorhaben begünstigt, schwöre ich, daß wir über diese Megäre, die auch Sie im tiefsten Innern verachten, siegen werden, und ich Ihnen Freiheit, Glück und Sicherheit zurückzugeben vermag! Nur folgen Sie mir und fügen Sie sich bedingungslos meiner Weisung!«

»Mein Himmel! Träume ich denn? Giebt es in dieser jämmerlichen Welt wirklich noch etwas, was Hoffnung und Glaube an der Menschheit heißt?« rang es sich zitternd über die bebenden Lippen der jungen Frau. »Darf ich Ihnen -- dem Fremden -- wahrhaft trauen? Sind Sie nicht auch etwa ein Mensch, wie jener, der unlängst hier war, -- ein solcher, der kein Erbarmen und keine Rücksicht kennt?«

»Mrs. Maud Newland! Ich dächte doch, daß Sie von der Aufrichtigkeit meiner Freundschaft überzeugt sein sollten!« entgegnete ich fast vorwurfsvoll und weich.

»Freundschaft!« schrie sie darauf in wilder Erregung, so daß ich über den grellen Ton ihrer Stimme beinahe erschrak. »O, welch ein Zauber liegt in diesem einen Wort! Kommen Sie, ja kommen Sie rasch hinauf zu meinem armen, geliebten, unseligen Gatten! Er wird -- er muß Ihnen folgen!« Und ungestüm zog das liebliche Geschöpf mich mit sich fort.

Kaum konnte die Stunde zu einem ungestörten Gespräch mit dem jungen Einsiedler dort oben in seinem stillen Zimmer günstiger gewählt sein. Denn erst vor einer Weile hatte ich die alte Newland nebst Tochter und Schwiegersohn das Haus verlassen sehen. Überdies gestand meine Begleiterin mir jetzt in merkwürdig rührender Vertraulichkeit, daß ihre Verwandten einen kleinen Ausflug nach Coney Island unternommen und vor spätem Abend kaum zurückerwartet werden dürften. Man habe zwar ausdrücklich gewünscht, daß sie selbst an der Partie teilnehmen sollte; doch hätte sie das, um Frank nicht allein zu lassen, auf das entschiedenste abgelehnt.

Unter dergleichen leise geführten Reden erreichten wir das erste Stockwerk, doch machte die junge Frau vor dem verhängnisvollen Gemache noch einmal Halt und holte, gleichsam um Mut zu schöpfen, tief Atem. Ach, hätte ich der Ärmsten die Viertelstunde doch ersparen können! Nach kurzem Zögern öffnete Mrs. Newland mit raschem Entschluß die Thür und schritt mir ins Zimmer voran.

Das Erste, was mir beim Eintreten sofort ins Auge fiel, war wieder jener eisenbeschlagene Monstre-Koffer, dessen Begegnung mir schon einmal zu denken gegeben und dessen Anblick nun aufs neue die ganze gefährliche Tragweite, ebenso aber auch die Notwendigkeit dieses Schrittes klarlegte. Die Fenster des Gemaches gingen gegen Westen, so daß die noch hellen Strahlen der Abendsonne es bis in seine tiefsten Winkel beleuchteten.

Mr. Frank Newland schien jedoch unseren Besuch gar nicht zu merken. Denn mit aufgehobenem rechten Arme, ein Pistol in der Hand haltend, zielte er soeben nach einer an der Wand der Langseite befestigten Scheibe, deren durchlöchertes Feld mir zur Genüge zeigte, wie und durch welches Vergnügen der junge Mann seine Mußestunden sich verkürzte. Wieder gewahrte ich in seinem schönen Gesichte den finsteren Schmerzensausdruck und konnte in diesem Momente mich wirklich des Gedankens nicht erwehren, ob der, wie ich ja wußte, so verzweifelt und vergeblich an seinen Fesseln Rüttelnde nicht vielleicht dort, wo sich die weiße Papierscheibe befand, die Häupter seiner Peiniger oder mutmaßlichen Verfolger im Geiste zu schauen wähnte.

»Frank! Ich wollte -- ich möchte so gern, daß Du -- diesem Herrn hier, Mr. Berken, für einige Minuten Gehör schenktest!« rief jetzt, das lange Schweigen unterbrechend, meine Begleiterin ihrem Gatten bittend und zärtlich zu, während sie nach ihm hinüberflog und die Arme um seine Schultern schlang.

Sofort sank die Hand mit dem Pistol herab, und, mehr erschreckt als unwillig, fuhr sein Kopf nach mir herum.

»Was soll's? Du weißt ja, Maud, daß ich nicht gern gestört bin!« kam es leise, doch grollend über seine Lippen.

Allein trotz dieses wenig ermutigenden Empfanges hatte ich mich ihm rasch genähert und begann ohne Zögern:

»Die große Wichtigkeit dieses Besuches hier, ja meines Anliegens an Sie, Mr. Newland, überwiegt das Peinliche, was zweifellos für mich in diesem etwas dreisten Vordringen eines Ihnen fast Fremden liegt!«

Franks geistvolles, dunkelumrahmtes Auge richtete sich bei diesen Worten ganz seltsam scheu und fragend nach dem meinen, indem er herb und zögernd erwiderte:

»Wegen meines Leidens empfange ich niemals -- grundsätzlich niemals Besuche. Doch, wenn _sie_« -- (ein vibrierender, auffallend zärtlicher Ton lag in diesem: _sie_, womit er der Gattin Hand sanft drückte) -- »ausnahmsweise jemanden bei mir einführt, dann muß ich mich allerdings schon von der Notwendigkeit durch dies Abweichen von der Regel überzeugen lassen.« Er verbeugte sich gegen mich und fügte etwas weniger schroff, indes mit immer noch tief ernster Stimme hinzu:

»Meine Frau hat mir bereits von Ihrer Liebenswürdigkeit und Ihren menschenfreundlichen Gesinnungen erzählt, Mr. Berken! Es ist ein edler Grundzug im Charakter der Deutschen, daß Teilnahme und Freundschaft bei ihnen nicht leere Worte sind, sondern dem Herzen entspringen.«

Dabei legte er die kleine Schußwaffe beiseite und reichte mir die Finger hin. Eine müde Apathie machte sich im Wesen dieses Mannes bemerkbar und verlieh ihm, verbunden mit dem schmerzlich krankhaften Zuge seines schmalen Gesichts, den Anstrich eines wirklich Leidenden.

So ruhig und fest, daß ich mich in diesem Momente selbst über meine Fassung wunderte, erwiderte ich:

»Der Hauptgrund unseres Charakters ist eine unüberwindliche, ja, so zu sagen, schon mit der Muttermilch eingesogene Abneigung gegen jeden falschen Schein.«

Ganz sonderbar stutzte er, während ein halb wirrer Blick über meine Gestalt hinwegglitt, und gleichsam fragend wandte er sich nun nach seiner jungen Frau, welche mit im Schmerz gefalteten Händen in einen Sessel gesunken war.

»Ich muß wohl annehmen, daß Sie einen besonderen Zweck mit diesem -- Besuche verbinden?« entfuhr es in harten, schroffen Tönen seinem Munde, indem er nun, wie zu einer kampfbereiten Stellung, sich vor mir aufrichtete und bald noch heftiger hinzufügte: »Sie hassen den Schein! Sehr gut, mein Herr! Aber unter welchem Vorwande erklären Sie mir dann Ihr sonderbar geheimnisvolles Benehmen, welches zweifellos irgend eine Absicht -- einen Hintergedanken verrät? Denn nur allein deshalb hierher in mein Zimmer zu kommen, um einen Ihnen fast Unbekannten, der Ihnen niemals störend in den Weg getreten, mit zweideutigen Reden zu intriguieren, dafür halte ich Sie, Mr. Berken, doch für zu =gentlemanlike= und edel.«

»Sie scheinen viel Menschenkenntnis zu besitzen, Mr. Newland!« gab ich ihm, ohne mit der Wimper zu zucken, zurück. »Wohlan denn! Den Grund dafür kennt bereits Ihre verehrte Gemahlin; es ist der, daß ich Ihnen mit Rat und That behilflich sein möchte, Ihre unwürdigen Fesseln zu sprengen! Ist diese Antwort nicht klar und verständlich genug?«

Durchdringend heftete ich dabei meine Augen auf das abgehärmte Männergesicht. Doch nur ein leise gurgelnder Ton drang über seine Lippen, während er haltlos mehrere Schritte nach rückwärts taumelte.

»Ich dulde keine Einmischung in meine Angelegenheiten!« stieß er endlich nach wenigen Sekunden wild heraus. Sein Auge funkelte und jede Fiber des schlanken, aber sehnigen Körpers schien in Erregung und Leidenschaft zu zucken. Dann aber lachte er gellend auf. »Und wissen Sie, mein Herr, was wir Amerikaner aus tiefster Seele verachten? Das sind glattzüngige Schleicher, die hier und dort mit dem löblichen Grundsatze: ›der Zweck heiligt die Mittel‹ herumspionieren und schließlich doch nur Unheil stiften! Solche Leute sind mir in den Tod verhaßt. Und nun, mein Herr, bitte ich, daß Sie in Zukunft mich unbelästigt lassen!«

Damit kehrte er mir den Rücken und schritt dem Fenster zu. Hier schien demnach der Sieg nicht ganz so leicht, als unten im Parlour über die junge Frau, dachte ich unentschlossen. Doch kam schon die kleine Verbündete mir rasch zu Hilfe, indem sie, emporspringend und zu dem Gatten hinübereilend, rief:

»O Frank! Sei barmherzig! Um Deiner Liebe zu mir -- um unseres Elends willen, weise diesem Herrn nicht so schroff die Thür! Denn gerade er, Mr. Berken, will uns ja dazu verhelfen, daß der waghalsige Plan, der schon längst in Deinem Kopfe reifte, aber stets wieder vereitelt wurde, wirklich einmal zur Ausführung gelangt. Ich flehe Dich an, Frank, lasse diese gute Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen! Denn ohne energischen Beistand käme es nie -- nie dazu!« sprudelte das schöne Weib in flammender Begeisterung für die Sache wild hervor. »Du bist so gut und treu, voller Liebe und Rücksicht für mich, aber dennoch bloß ein schwankendes Rohr gegenüber der Macht und dem Willen Deiner Mutter!«

Ich war ebenfalls näher getreten und sah deutlich, wie eine heiße Blutwelle Mr. Franks Stirn verdunkelte.

»Schweig, Maud! Du vergißt Dich. Dein noch unerfahrener Sinn setzt Vorsicht und Pflichten außer acht!« raunte der Gatte unter keuchenden Atemzügen ihr leise zu.

Allein sie beachtete diese Warnung nicht. In zwei Sätzen sprang die graziöse Gestalt zu mir herüber, faßte stürmisch meine Hand und rief:

»So sagen Sie ihm doch, daß Sie alles wissen -- in alles eingeweiht sind und den ganzen großen Jammer unserer Existenz entdeckt haben, Mr. Berken!«

Da drang es wie ein schlecht unterdrückter Wutschrei über des Mannes Lippen, der drohend die Faust nach dem lieblichen Haupte emporhob.

»Maud, -- Unselige! Du hast uns verraten!«

»Nein, Mr. Newland, Sie irren!« sagte ich, jetzt dicht an ihn herantretend und mit festem Druck sein Handgelenk umspannend. »Der bloße Verdacht allein ist schon eine Kränkung für Ihr treues, opfermutiges Weib. Nicht sie hat den verhüllenden Schleier von dem düsteren Bilde Ihres Daseins hinweggezogen, nicht Ihre Gemahlin hat mir die traurige Wahrheit entdeckt, sondern mein eigenes warmes Interesse für ein Paar bedauernswerte junge Menschen ließ mich Schritt für Schritt dem ersten leisen Verdachte, den schon jener ominöse Koffer dort anregte, weiter nachforschen. Auch nicht um Unheil zu stiften, Mr. Frank Newland, wie Sie soeben voraussetzten, -- nein, einzig nur aus dem Grunde, um im Augenblicke höchster Gefahr -- und solche ist jetzt vorhanden -- zu retten und zu helfen!«

Er riß sich von mir los und rannte, mit beiden Händen den Kopf umfassend, einigemal wie rasend durch das Zimmer.

»Wo -- wo ist Gefahr? Wer sagt das? Wer bürgt mir dafür?« rief er heiser.

»Frank! Du selbst weißt es ja -- kennst das drohende Gespenst der Verfolgung, welches Tag und Nacht über uns schwebt; weißt auch, was für ein Mensch vor kaum einer Stunde bei Mrs. Emmerson Nachfrage hielt, weißt ferner, daß der Boden unter unseren Füßen bereits wankend geworden!« mahnte die junge Frau mit todesbleichem Gesicht. »Nur Mut und rasche Entschlossenheit, Geliebter, und wir entfliehen dieser schauerlichen Existenz, die ich verabscheue, die entwürdigend für uns ist! Zeige, daß Du ein Mann bist, Frank -- ein Mann, der, dieser empörenden Tyrannei anderer müde, sein besseres Ich herauswindet aus einer Bergeslast von Lug und Trug. O! arbeiten und Dir beistehen will ich ohne Murren und Klagen Tag für Tag, um uns ein neues Heim zu schaffen!« fuhr die junge Frau mit überzeugender Wahrheit und bewundernswerter Beredsamkeit fort, -- »ein stilles, friedliches Heim, welches allein uns gehört und worüber der dort oben wachen soll, den wir so lange Zeit vernachlässigt haben! Frank, wenn Du mich wahrhaft liebst, so folge diesem da, der es gut und ehrlich mit uns meint!«

Überwältigt durch den Schmerz der hervorbrechenden Gefühle sank die schöne Frau zur Erde nieder und umfaßte leidenschaftlich des Gatten Knie. Ein Moment war das, der mich aller Zweifel und aller in mir sich regenden Ungewißheit überhob. Jetzt wußte ich, daß der wunderbar stürmische Drang in mir, diesem jungen Paare meine Hilfe zu bieten, höheren Ursprungs war. Alle Bedenken, gerade durch diese Hilfe mich einer ungesetzlichen, ja vielleicht gar strafbaren Handlung schuldig zu machen, zerflossen bei dem Anblicke in ein Nichts.

»Mr. Frank Newland! Ich sehe, daß die Liebe zu Ihrer Frau bei Ihnen größer ist, als zu sonst irgend etwas auf Erden, und daß diese Liebe Ihnen dazu verhelfen wird, selbst das Schwerste zu überwinden!« sagte ich mit einer Stimme, die die eigene tiefe Bewegung deutlich verriet. »Wollen Sie fortan bedingungslos sich meiner Führung anvertrauen? Die Zeit ist kurz. Jetzt gilt nur ein schnelles Entweder -- Oder!« Wie Wetterleuchten zuckte es über sein bleiches Gesicht. »Zerreißen Sie mit fester Hand jenes unwürdige Band, welches Sie noch an die Vergangenheit knüpft, -- schauen Sie dafür mutig und mit Gottvertrauen in eine lichtere, hoffnungsreiche Zukunft!«

Ungestüm hatte er, während ich sprach, die liebliche Gestalt zu sich emporgezogen. Eine Weile hielten die Gatten sich umschlungen.

»Der Fluch der Mutter, -- grimmiger Haß von allen, die mir bisher vertraut haben, -- ja, ein Leben der Not und Entbehrung, -- das ist es, was uns sicher erwartet, wenn ich diese Fesseln sprenge! Würdest Du Dich auch klagelos und willig einem vielleicht noch härteren Geschicke beugen, meine Maud?« fragte der junge Ehemann so zärtlich und weich, wie man nur zu einem Kinde redet.

Ein kaum unterdrückter Jubelschrei stieg aus der Gefragten Brust.

»Und wenn dieser Schritt meinen Tod bedeutete, ich könnte nicht ruhiger und beglückter darüber sein, daß Dein Widerstand endlich gebrochen ist und Du heimlich mit mir von dem Schauplatze unserer Leiden verschwinden willst, Frank!« rief sie neu belebt und zitternd vor Erregung, indem sie aus den sie umschlingenden Armen sich befreite und wieder zu mir herüber eilte.

»Jetzt aber rasch zum Entschluß, Mr. Berken! Was soll geschehen? Bestimmen Sie über uns!« flüsterte sie mir hastig zu.

Allein auch der vor kurzem noch so verschlossene und so schroff und starr abweisende junge Mann reichte mir jetzt, wenngleich mit einem Ausdruck bitterer Trauer, seine Hände entgegen, in die ich freudig einschlug.

»In spätestens einer Stunde werden Sie New York im Rücken haben und sich auf dem Wege nach Kanada befinden,« erwiderte ich ernst und sehr bestimmt, während beide mir mit ängstlicher Spannung lauschten. »Spurlos noch ehe die Untersuchungen in jener traurigen Angelegenheit weiter fortschreiten, müssen Sie und Mrs. Newland von der hiesigen Bildfläche verschwinden, als ob der Sturm Ihre Namen hinweggeweht. Fort -- vergessen! Miß Emmerson sagen Sie indessen, daß Sie anläßlich einer wichtigen Depesche mit Ihrer Frau auf acht Tage zu verreisen gezwungen wären! Das genügt. Packen Sie also die nötigste Garderobe und Wäsche in einen nicht zu großen Koffer. Alle Ihre Sachen mitzunehmen, darauf müssen Sie leider verzichten, weil das vielleicht Verdacht erregen könnte. Dann benutzen Sie den nächsten Zug nach Montreal! Fürs erste jedoch, Mr. Newland,« -- fügte ich, indem ich jenem ominösen Koffer ganz nahe trat, ein wenig zögernd und sehr leise hinzu -- »schaffen Sie den gefährlichen Inhalt dieses Riesen schleunigst aus der Welt!«

Er zuckte jäh zusammen und stotterte in höchster Verwirrung, während eine fahle Blässe sein Gesicht überzog.

»So wissen Sie? -- nein, nein, das darf ich nicht thun, -- die Mutter ...!«