Lose Blätter: Neue Novellen

Part 11

Chapter 113,631 wordsPublic domain

»Sie dürfen auf niemanden Rücksicht nehmen! Denn ich ahne wohl, daß hierin die schlagendsten Beweise zur Überführung einer gar schlimmen Schuld für Sie enthalten sind, mein armer, bethörter Freund!« versetzte ich freundlich. »Und diese Beweisstücke müssen unter allen Umständen vertilgt sein. Dort drüben ist der Kaminofen. Was irgend brennbar ist, -- hinein in ein flackerndes Feuer. Das übrige packen Sie in eine schlichte Reisetasche, die Sie mit sich nehmen und wie aus Versehen im Gedränge auf dem Bahnhofe stehen lassen! Dann erst werden Sie frei sein gleich dem Vogel in der Luft. Das leere Ungetüm hier wird nichts mehr verraten und grabesstumm bleiben. Sie sehen, mein Plan ist gut und könnte wahrlich der Intelligenz eines Amerikaners alle Ehre machen,« fügte ich ermutigend hinzu. Denn es entging mir nicht, wie hastige, schwere Atemzüge über seine Lippen stießen und er sichtlich zu kämpfen schien, mir mit neuen Einwendungen entgegenzutreten.

»Und wohin sollen wir Ausgestoßenen, denen das eigene Vaterland nicht mehr Raum und Schutz zu bieten vermag, uns wenden?« fragte er herb. »Welche Aussichten, welcher Erwerb bietet sich uns auf englischem Boden? Ich bin völlig fremd in Kanada, -- habe nicht die geringsten Verbindungen ...«

»Eben deshalb ist es nötig, daß Sie dorthin Ihre Schritte lenken, Mr. Newland!« gab ich ihm tröstend zurück. »Gerade dort, wo Sie fortan leben werden, sollen Sie ein Fremder sein; auch sogar den Namen, den Sie jetzt führen, müssen Sie hier zurücklassen!«

Bei diesen Worten stieg abermals eine dunkle Röte dem Unglücklichen über die Stirn und finster, aber leidenschaftlich rief er:

»Der Name Newland gehört mir von Rechts wegen gar nicht. So hieß nämlich der zweite Gatte meiner Mutter, der vor einem Jahre starb und dessen verhängnisvolles, grausiges Vermächtnis eben jener Koffer dort ist mit allem, was darin sich befindet und daran sich knüpft -- ein Vermächtnis, das gleich einem Fluche auf uns lastet. Man soll den Toten nichts Schlimmes nachsagen. Allein noch im Grabe verabscheue ich jenen Mann, der sich erkühnte, mein Stiefvater zu heißen. ›Welch eine Erscheinung!‹ hätten auch Sie bei seinem Anblick sicher ausgerufen. Im Äußeren glich er einem Heroen an Größe, Körperkraft, wie auch an Geist. Bestechend und verführerisch klang jedes Wort, mit dem er in die ahnungslose Menschenseele sich einzuschmeicheln verstand. Doch wer ihm unterlag, der saß fest in den Fangarmen des Teufels. Ein dämonischer Tyrann war er und hat meine unselige Mutter zu dem gestempelt, was sie jetzt ist, -- zu einer geldgierigen Megäre, die heute noch einzig nur in den Fußstapfen des ihr teuer gebliebenen Verblichenen wandelt. Aus mir aber ...« -- tief schöpfte er Atem -- »aus mir hat er einen der routiniertesten, gefährlichsten Falschmünzer Amerikas gemacht, -- ha, ha, ha! Das war ein Meister, wie es keinen zweiten giebt!«

»O Franky! So lasse doch die alten Erinnerungen!« bat meine kleine blonde Freundin zärtlich, indem ihr die hellen Tropfen über das süße Gesicht herabrieselten.

»Nein, nein! Jetzt muß ich reden!« erwiderte der junge Mann heftig. »Sie, Mr. Berken, sollen wenigstens erfahren, daß ich zu solch schmachvollem Berufe verführt -- gezwungen wurde, daß nicht die Gier und die Lockungen nach mühelos erworbenen Schätzen mich dazu verleiteten! Beim Allmächtigen, der sich gnädig meiner erbarmen möge, -- ich habe den schnöden Mammon stets gehaßt! Denn er allein ist der Satan, der die Menschheit verdirbt und erniedrigt! Was spreche ich doch von mühelos erworbenem Gelde? Wer hat gearbeitet Nacht um Nacht über Wagstücken, die oftmals doch mißlangen? Wer hat die Schweißtropfen saurer Mühe hergeben müssen für solches Teufelswerk? Ich war's -- ich that's, Mr. Berken, weil ich zu schwach -- zu feige war, mich loszureißen! Geknirscht und geflucht habe ich oft in ohnmächtigem Zorne. Doch der böse Blick der Mutter, in welchem ich noch fortdauernd den Dämon meines verfehlten Lebens -- den Meister -- den Stiefvater zu schauen wähnte, -- er hielt mich gleich einem Knechte in Zucht und Banden! Aber das Maß ist voll, -- länger ertrage ich es nicht!« rief er fast schluchzend. »Um ihretwillen, die mein Licht und Trost ist,« -- das sterbensmüde Auge traf der Gattin aufstrahlendes Gesicht, »um ihretwillen reiße ich das Band, was mich an diejenige bindet, die mich geboren, in Stücke!« Ich schaute nach der Uhr und fragte, in der Absicht, ihn von dem schmerzlichen Thema abzulenken:

»Darf ich den Wagen für Sie bestellen, Mr. Newland?«

Wie aus tiefem Sinnen fuhr er auf und nickte halb gedankenvoll:

»Ja, ja -- den Wagen -- fort!«

»Auch möchte ich Ihnen hier noch eine Adresse für Montreal überreichen, Mr. Frank? ... Ja, wie ist denn Ihr wirklicher Name?«

»Wilson!« entgegnete er kurz.

»Also, Mr. Wilson! Ein sehr intimer Freund von mir, ebenfalls ein Deutscher, hat dort eine renommierte und gesuchte Law-Office (Rechts-Bureau). An diesen ganz vortrefflichen Mann habe ich Sie als tüchtigen, intelligenten Arbeiter empfohlen, da ich durch Ihre Gemahlin weiß, welch gründliche Bildung Sie genossen, und daß ein Wissen in Ihnen steckt, wie junge lebenslustige Amerikaner es sich sonst selten anzueignen pflegen. Ein Wort von mir genügt, Ihnen den Anfang zu einer vielleicht sehr lukrativen Laufbahn zu eröffnen, und gingen Sie somit im Auslande keiner allzu trüben Zukunft entgegen. Die Hauptsache ist natürlich, daß Sie mit Lust und Energie einen Ihren Kenntnissen angemessenen Beruf ergreifen.«

»Mein Gott, das ist zu viel, -- das bin ich nicht wert!« stöhnte der Überraschte kopfschüttelnd. Es zuckte dabei aber doch ganz seltsam freudig um seinen Mund.

Meine kleine blonde Freundin schlug indes die Hände vor das Gesicht und schluchzte laut.

»Haben Sie das nötige Reisegeld?« forschte ich, durch nichts beirrt, mit der ernsten, trockenen Stimme eines Inquirenten weiter, obgleich mir selbst vor innerer Bewegung der Ton im Halse stecken zu bleiben drohte.

Eine lange Pause erfolgte. Dann zog Mr. Frank Wilson mehrere 50 Dollar-Billets aus seinem Taschenbuche, zündete am Tische eine Kerze an und hielt, ohne zu sprechen, noch zu zucken die Banknoten darüber, daß alsbald die hellen Flammen um seine Finger spielten.

»Ist denn der Mensch toll geworden!« hätte bei diesem seltsamen Gebahren ein anderer vielleicht gedacht und solchen Frevel zu vereiteln gesucht. Ich aber rührte mich nicht von der Stelle. Denn gerade jenes anscheinend kopflose Experiment redete für mich eine stumme Sprache. Das, was dort eben in Rauch aufging, waren ja auch nur elende Falsifikate; Lug und Trug war es --, die schauerlichen Früchte seines arbeitsschweren Daseins, an denen, wie er selbst gesagt, die Schweißtropfen saurer Arbeit hingen! Armer Frank! So kurz und straff hielt diese entsetzliche Mutter ihren einzigen Sohn im Zügel, daß sie ihm nicht das nötigste Geld zur Verfügung stellte -- aus Angst, er könne doch endlich einmal ihrer Tyrannei heimlich entfliehen! In diesem Augenblicke überkam es mich wie eine wahre Wollust, jenem entmenschten Weibe einen Streich spielen zu können.

Mit zu Boden gesenkten Wimpern stand der Bedauernswerte vor mir. Welch beschämende Gefühle mochten in ihm sich regen! Daher schritt ich rasch an ihn heran und legte meine Rechte sanft auf seine Schulter.

»Lassen wir Vergangenes ruhen, mein Freund! Ich begreife und verstehe alles und beklage Sie tief. Und doch ist es am Ende besser so, damit Sie mit Ihrer Flucht aus New York niemandem -- verstehen Sie wohl: niemandem mehr verpflichtet sind. Hier, Mr. Frank Wilson, lege ich 500 Dollars auf den Tisch, als ein Darlehen, was hoffentlich zum Beginn einer neuen Existenz ausreichen wird! Sie werden arbeiten und später guten Verdienst haben, davon bin ich überzeugt.«

Abwehrend erhob er seine Hände.

»Nun, was wollen Sie?« setzte ich schnell und lächelnd hinzu. »Ohne Geld kann man nicht reisen, und bleibt Ihnen somit gar nichts anderes übrig, als meine Hilfe anzunehmen. Im übrigen bin ich auch weit davon entfernt, diese Summe als verloren zu betrachten. Denn fürs erste bin ich selbst durchaus kein reicher Mann, und zweitens weiß ich ziemlich sicher, daß Sie die kleine Schuld mir nach und nach zurückzahlen werden. Sind Sie demnach mit diesem Geschäfte zufrieden?«

Einem Traumbefangenen gleich stand er vor mir und stotterte nur ein paarmal hintereinander:

»Ich danke -- danke Ihnen, mein Herr!«

Seit ich mein deutsches Vaterland verlassen, war, glaube ich, eine ähnliche Anwandlung von Rührung und seelischer Befriedigung nicht über mich gekommen, als zu jener Stunde, die mit allen ihren Einzelheiten klar und fest sich bis zum heutigen Tage meinem Gedächtnis eingeprägt hat.

Stillschweigend hatte ich meinen Hut ergriffen und gedachte mich unbemerkt zur Thür hinauszuschleichen. Allein der blonden Frau war meine Absicht nicht entgangen. In stürmischer Hast rannte sie mir nach und faßte beinahe leidenschaftlich meine Rechte.

»Nein, so dürfen Sie nicht fort, Mr. Berken! O, es sieht Ihnen ganz ähnlich, daß Sie unseren Dankesworten sich entziehen wollen! Die wahre Großmut ist ja immer still und bescheiden, und ihr Deutschen seid alle von Natur so edel! Wirklich grausam wäre es gegen uns, nicht noch einen letzten, warmen Händedruck, einen letzten Abschiedsblick des einzig wahren, teilnehmenden Freundes für unser armseliges Geschick zu erhalten!«

So klang es in schmelzenden Tönen an mein Ohr. Wehmütig lächelnd blieb ich stehen, indem nun auch Mr. Wilson sich mir näherte und mit stummem Schmerze mir ins Auge schaute.

»Leben Sie wohl, Mr. Berken!« sagte er, nachdem er seiner sichtlichen Bewegung endlich Herr geworden. »Was _Sie_ vollbracht haben, ist eine That, welche mit der Dankbarkeit eines ganzen Lebens kaum gelohnt wäre, und die nur Gott zu vergelten im stande ist! Sie werden von uns hören. Leben Sie wohl!«

Noch einmal schüttelten mir die beiden Verwaisten -- diesen Eindruck machten sie auf mich, als sie, Arm in Arm, tiefste Wehmut im Angesicht, mir gegenüberstanden -- die Hände. Dann schloß sich die Pforte hinter mir und ich stand auf dem Vorsaal.

Indes schien jetzt durchaus keine Zeit mehr, sich schmerzlichen Gefühlen und Reflexionen hinzugeben. Die Uhr zeigte 6½ und der Zug, welchen das junge Paar benutzen sollte, verließ New York in einer Stunde. Rasch sprang ich die Treppe hinab. Unglücklicherweise begegnete mir im Vorsaal, wo die Parlours mündeten, Miß Emmerson.

»Nun, wohin so eilig, Mr. Berken? Sie sehen ja ganz erhitzt aus,« warf die Dame lächelnd hin.

»Es ist oben in meinem Zimmer eine Bärenhitze und möchte ich mit der offenen Car (Pferdebahnwagen) etwas hinaus in den Central-Park fahren,« log ich mit abgewandtem Gesichte.

»So? Dann werden Sie zum Essen schwerlich zurück sein -- hm!« Eine Weile sah sie mir kopfschüttelnd und durchdringend in die Augen. »Nun, ich bin weit davon entfernt, Sie mit indiskreten Fragen zu belästigen. Aber -- an der Nase sehe ich es ja Ihnen an, daß irgend etwas faul ist im Staate Dänemark. Dazu kenne ich Sie zu genau. =Well=, über das =dinner= machen Sie sich nur keine Sorgen! Für Sie wird es aufbewahrt. Viel Vergnügen, Mr. Berken!« Damit schritt meine alte Freundin majestätisch ihres Weges.

Jedenfalls muß ich ein sehr dummes oder verblüfftes Gesicht gemacht haben, und war wirklich froh, als ich draußen in frischer Luft mich befand. -- --

Erst gegen 8 Uhr abends kehrte ich nach planlosem Herumstreifen in der City zurück, weil ich es aus verschiedenen Gründen für zweckmäßig erachtete, daß die Abreise der Wilsons sich ohne meine Anwesenheit vollzog.

Unbefangen betrat ich das Speisezimmer, wo in der That noch ein gedecktes Couvert für mich auflag. »Gute Miß Kathe!« dachte ich befriedigt; denn ich war hungrig und freute mich auf eine kräftige Mahlzeit. Allein nichts verriet mir in der nächsten Viertelstunde, daß irgend etwas Besonderes im Hause vorgefallen. Der aufwartende Neger machte ein völlig indifferent stumpfsinniges Gesicht und die das Diningroom zufällig passierenden Logiergäste begrüßten mich nur mit einem kurzen »=Good evening=, Mr. Berken!« Trotzdem aber lag es mir wie eine Gewitterschwüle auf dem Gemüte. Waren meine Schützlinge unbehindert und glücklich fortgekommen? Zu fragen wagte ich nicht, hoffte daher auf einen günstigen Zufall, der es mir verraten würde.

Wirklich, als ich nach beendetem Speisen die Treppe nach meinem Zimmer emporstieg, trat Miß Emmerson aus den von dem jungen Paare bewohnten Gemächern heraus auf den Flur. Wir stutzten beide, und alsbald drang ein sonderbarer Geruch nach verbranntem Papier durch die geöffnete Thür mir entgegen.

»Ah -- zurück?« fragte sie leichthin, doch merkte ich bald, daß in dem sonst freundlichen Gesichte ein merklich ernster Ausdruck lag.

»Ja, Miß Emmerson! Und ich habe mir soeben Ihre vortrefflichen Gerichte schmecken lassen!« erwiderte ich mit möglichster Heiterkeit.

»Nun, _mein_ =dinner= ist mir heute recht gestört worden durch die sonderbare, fluchtartige Abreise zweier meiner Gäste!« war ihre etwas scharfe Antwort.

»Fluchtartige Abreise?« fragte ich mit einer äußerst wohlgelungenen Miene des Staunens, wodurch die alte Dame sofort veranlaßt wurde, halb befriedigt und freundlicher den Kopf zu wiegen.

»Nun, ich dachte mir eigentlich, daß Sie vielleicht etwas mehr von diesen Leuten wüßten, weil die kleine Blondine mit den Taubenaugen bei Tische immer so zutraulich zu Ihnen redete, und Sie, Mr. Berken, heute so sonderbar! ... Na, einerlei -- die Newlands sind fort!«

»Alle?« entfuhr es etwas unbedacht von meinen Lippen.

»I bewahre! Nur das junge Paar -- scheinbar nur auf eine Woche, wie das Frauchen schüchtern mir versicherte! Doch ich möchte, obgleich hier drinnen in den Schränken noch alles voll Sachen hängt, die höchste Wette eingehen, daß es auf Nimmerwiedersehen ist. Das kommt aber bei solch leichtsinniger Sippschaft gar nicht darauf an. Nebenbei haben sie in den Zimmern einen Gestank zurückgelassen, als ob mindestens zwei Zentner Makulatur verbrannt worden wären. Als ich hineintrat, mußte ich wohl zwanzigmal hintereinander niesen und konnte vor Rauch die Augen kaum aufthun, so daß ich schon fürchtete, man habe mir die Bude über dem Kopfe angesteckt. Aber schließlich kann es mir ja gleichgültig sein!« argumentierte Miß Kathe lebhaft weiter; »denn bezahlt ist alles bis zum Ersten, -- und mit den übrigen mache ich morgen früh auch ein Ende. Die rasche Abreise der beiden ist mir einzig nur des Geredes im Hause wegen fatal, zumal ich, wie Sie wissen, ohnedem schon heute Nachmittag einen heiklen Besuch erhalten.«

»Auf keinen Fall würde ich es beklagen, daß die jungen Newlands fort sind!« versetzte ich, höchst gleichgültig das Gähnen unterdrückend. Doch spähte ich trotzdem neugierig durch die halbgeöffnete Thür ins Zimmer hinein. »Die Alte wird schöne Augen machen, wenn sie bei ihrer Rückkehr die lieben Kinder nicht mehr findet, Miß Emmerson!«

»O, die hat längst von der Flucht gewußt! Das war alles geplant und abgekartet.«

»_So_ -- glauben Sie?«

»Sicherlich! Ich wundere mich nur, daß _Sie_, Mr. Berken, bei Ihrem scharfen Beobachtungstalente nicht auch Wind davon gekriegt haben!«

Ich lachte sie heiter an.

»Wer wird so mißtrauisch sein, Miß Kathe. Was gehen _mich_ denn diese Menschen an? Wahrlich, ich habe ja gar keine Zeit dazu, mich so viel um den lieben Nächsten zu bekümmern.«

Die alte Dame schien völlig beruhigt, und freundschaftlich wünschten wir uns gegenseitig =Good night!= --

Ich erinnere mich, daß ich in jener Nacht nicht viel geschlafen habe und erst wieder frei und beruhigt aufzuatmen begann, als mir am nächsten Morgen ein Telegramm überreicht wurde mit dem kurzen, aber für mich bedeutungsvollen Inhalt: »Glücklich Montreal angelangt, Wilson.« Mit seelischem Behagen kleidete ich mich an und mußte wirklich lachen, welch ein von Bosheit und Schadenfreude blitzendes Gesicht mir heute aus dem Spiegel entgegensah. Jetzt gab es ja noch einen Hauptspaß, nämlich das stille Beobachten der alten Newland, wie deren elegisch angehauchten Tochter und des ehrenwerten Mr. Fowler beim Frühstück. Denn daran, daß die Gesellschaft überhaupt kommen würde, zweifelte ich keinen Augenblick. Schon, um jeden Verdacht von sich abzulenken, mußten sie sich diesen Morgen zeigen.

Daher begab ich mich ein wenig früher als gewöhnlich hinab, um die Personen, in deren Dasein ich ohne ihr Wissen eine so bedeutende Rolle gespielt, sofort beim Eintreten ins Speisezimmer aufs Korn zu nehmen. Wer aber beschreibt meine Überraschung! In der Halle, an der weit geöffneten Hausthür, durch die ich eine elegante Equipage vor dem Hause halten sah, standen Mrs. Newland und ihre Tochter, völlig reisefertig, im Begriff, sich von Miß Emmerson zu verabschieden, und deutlich vernahm ich noch die seltsamen Worte:

»Der arme Frank! Er leidet zuweilen an schlimmen Anfällen von Geistesstörung, was seine kindische junge Frau durchaus nicht zugiebt. Ich fürchte, daß seine unmotivierte plötzliche Abreise abermals ein trauriger Beweis ist für diese nicht mehr abzustreitende Thatsache. Ellen und ich müssen uns daher schleunigst auf die Suche der beklagenswerten Kinder begeben und können daher leider die Annehmlichkeiten Ihres Hauses nicht länger genießen, meine teure Miß Emmerson! Major Fowler wird indes noch bis morgen hier bleiben und dann mit unserm Gepäck nachfolgen.«

Jetzt schritt ich unbefangen und unerschrocken die letzten Stufen der Treppe, auf der ich stand, hinab, so daß ich nur noch wenige Fuß breit von den Damen entfernt war. Mit einem höflichen: »=Good morning!=« lüftete ich den Hut. In demselben Augenblick aber fuhr Mrs. Newlands Kopf nach mir herum, und ich vermochte voll in ihr Angesicht zu schauen.

Ich habe wohl davon gehört, daß blühende, gesunde Menschen durch Kummer, seelischen Schmerz oder körperliche Leiden binnen weniger Monate ein vollständig verändertes Aussehen erhalten können. Diese bisher noch so rüstige Frau hatte aber eine einzige Nacht zur Greisin umgewandelt. Doch nicht der Ausdruck milder, friedlicher Ruhe lag über dem gefurchten Gesicht, -- nein, eine grauenhafte, grinsende Verzerrung, welche zu verbergen ihr nicht gelang, zuckte zuweilen darüber hin. Vor diesem Anblick schauderte ich innerlich und gedachte des Hauptes der Medusa.

Zwar traf mich nur ein einziger Blick der in stiller Angst, in Grimm und Wut flackernden dunklen Augen, doch er genügte, mir zu verraten, daß die fürchterliche Kreatur mir auf dem Grunde der Seele zu lesen beabsichtigte, und daß ihr scharfer Verstand sie doch vielleicht auf die richtige Spur geleitet. Wie aus Erz gegossen, mit keiner Wimper zuckend, stand ich vor ihr. Mir erschien dies jetzt schon als Anfang der Vergeltung, die früher oder später über diese geldgierige Megäre, wie der eigene Sohn sie benannte, unfehlbar hereinbrechen mußte. Nochmals verbeugte ich mich kühl und schritt an ihr vorüber dem Speisezimmer zu.

Das war auch das letzte, was ich von Frank Wilsons Mutter jemals wieder geschaut. -- --

Zwei Tage später brachten die New Yorker Zeitungen von neuem allerlei Gerüchte über die vermeintlichen Falschmünzer, unter anderem die Nachricht, daß die Polizei sich die gefährlichen Vögel jedenfalls wieder habe aus dem Garn fliegen lassen. Wenigstens sei auf einem der City-Bahnhöfe eine ominöse Reisetasche, vollgepfropft mit allerlei äußerst verdächtigem Werkzeuge nebst Zubehör, aufgefunden und mit Beschlag belegt worden, und könne das wohl zu dem Schlusse berechtigen, daß die verbrecherischen Eigentümer derselben längst über alle Berge wären. --

Nach etwa sechs Monaten erhielt ich die ersten ausführlicheren Nachrichten von meinen Schützlingen in einem Briefe, dem ein Check über 150 Dollars, zahlbar an der Bank von Montreal, beigeschlossen war. Es war Mrs. Maud Wilson, die mir schrieb; doch mußte ich bei dem Lesen öfters eine Pause machen, weil eine eigentümliche Rührung mich überkam. Fast Seite um Seite füllten nur rührende Dankesworte das Papier. Dieses Geld -- so meldete sie -- sei die erste Rate ihrer Schuld; indes dürften sie nicht im mindesten deshalb darben. Frank habe einen brillanten Verdienst! -- Und was stand da noch in diesem Briefe? Von nie gekanntem Glück, von seligem Frieden und einem süßen, trauten Heim erzählten die Zeilen --; ferner wie Frank arbeite von früh bis spät, wie einfach und anspruchslos er sei in seinen Bedürfnissen, aber auch, wie geachtet und geliebt er sei von seinem Chef und von allen, mit denen er verkehre! »Ist dieses gottgesegnete Leben jetzt nur eine himmlische Illusion oder haben wir früher einen bösen Traum geträumt? O, möchte doch die Vergangenheit gänzlich ausgelöscht sein!« So schloß die junge Frau ihr langes Schreiben.

Und sie blieb es wirklich. Denn Frank Wilson ist bis zum heutigen Tage nie mehr an jene Schreckensperiode seines Daseins erinnert worden. Als ich ihn nach langer Zeit, völlig zum Manne herangereift, wiedersah, und er mir stumm, doch mit strahlender Seligkeit im Auge, sein einziges Söhnlein, einen prächtigen, blonden Jungen von etwa einem Jahre, entgegenreichte, da wußte ich genau, daß sein einst so verhärtetes, umdüstertes Gemüt nun endlich Frieden gefunden im Schönsten, was eine weise Hand zu unserem Segen und Frommen geschaffen -- im eigenen Heim. -- --

Und Mrs. Newland?

Weder mündlich noch schriftlich habe ich jemals den Sohn nach seiner Mutter zu fragen gewagt. Doch _sie_, die für und für des geprüften Mannes »Licht und Trost« blieb, die ihm vertraut und an ihm gehangen in den schrecklichen Tagen des Elends, -- sie flüsterte mir, in dem ihr auch später noch anhaftenden, fast jungfräulichen Liebreiz einmal ins Ohr, daß Franks Mutter mit Ellen auf großem Fuße in Paris lebe. Woher sie diese Kunde erhalten hatte, war mir zu wissen gleichgültig, und ich fragte nicht danach. Allein irgend welche Gefahr fürchtete ich für meine Schützlinge nicht mehr. -- --

Druck von Greßner & Schramm in Leipzig.

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Im Originalbuch tragen die Titelseite, die Kapitelüberschriften und die Kapitelenden einfachen floralen, die Kapitelanfänge ornamentalen Schmuck, auf den in dieser Transkription verzichtet wurde.

Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.

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Der Text des Originalbuchs wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

Seite 8: im Original "hatten die Fremden es verstanden sich bald" geändert in "hatten die Fremden es verstanden, sich bald"

Seite 9: im Original "Rückseite des Häuschens gelegenen, kleinen Salons" geändert in "Rückseite des Häuschens gelegenen, kleinen Salon"

Seite 9: im Original "»M'a«!" geändert in "»M'a!«"

Seite 11: im Original "das bißchen Silber dazu geommen" geändert in "das bißchen Silber dazu genommen"

Seite 15: im Original "»Das ist wirklich originell, hahaha!" geändert in "»Das ist wirklich originell, hahaha!«" Die Zeitungsannonce wurde durch Einrückung markiert.

Seite 16: im Original "Ich bin überzeugt, daß fast jede" geändert in "»Ich bin überzeugt, daß fast jede"

Seite 17: im Original "Bibliothek um ein für sein Geschäft wichtiges Werk" geändert in "Bibliothek, um ein für sein Geschäft wichtiges Werk"

Seite 20: im Original "trat Mrs. Clark zum Ausgange gerüstet, noch einmal" geändert in "trat Mrs. Clark, zum Ausgange gerüstet, noch einmal"

Seite 37: im Original "_Berlin_, 14. Januar 18.." geändert in "Berlin, 14. Januar 18.." Zur Angleichung wurde die Sperrung der Ortsangabe aufgehoben.

Seite 41: im Original "das Licht, der armseligen »Motte« zu folgen?« geändert in "das Licht, der armseligen ›Motte‹ zu folgen?«

Seite 46: im Original "Meinetwegen brauchst Du das nicht mehr zu thun!«" geändert in "»Meinetwegen brauchst Du das nicht mehr zu thun!«"

Seite 59: im Original "Geheimnis, daß Deinen wilden, zügellosen Freund" geändert in "Geheimnis, das Deinen wilden, zügellosen Freund"

Seite 61: im Original "»Agnes, meine Agnes! Ich bin namenlos glücklich«" geändert in "»Agnes, meine Agnes! Ich bin namenlos glücklich!«"