Part 5
»Hu! Ich fror wirklich; wenigstens rieselte ein eigenartiger Schauer durch meine Glieder, einerseits verursacht durch die aufregende Lektüre, andererseits aus Bangigkeit, in schon so weit vorgerückter Nachtstunde den endlos langen Korridor des Schlosses und sogar noch eine Stiege aufwärts bis zu meiner ziemlich entfernten Wohnung _allein_ zurücklegen zu müssen. Spukgeschichten hat wohl ziemlich jedes größere, ältere Schloß aufzuweisen, und so kam es denn auch, daß in diesem Moment allerlei gruselige Dinge und Gestalten vor meinem Geiste auftauchten, um so mehr noch, weil man hinsichtlich der Beleuchtung in jener Zeit noch äußerst haushälterisch zu Werke ging und nur hier und da in den weitläufigen Fluren und Gängen ein bescheidenes Lämpchen anbrannte.
»Thorheit! dachte ich, ärgerlich über mich selbst, und schüttelte das kindische Grauen von mir ab. Schnell rannte ich eine Strecke in das gespenstige, ab und zu von einem magischen Lichtschein unterbrochene Dunkel hinein. Wie unheimlich laut hallten doch meine Schritte von den hohen gewölbten Wänden wieder! -- Doch vorwärts mußte ich. Noch einmal holte ich tief Atem und lief, das Tuch fester über den Kopf ziehend, weiter. Beinahe war die Biegung, in welcher der lange Korridor des zweiten Schloßflügels und auch die Treppe zum oberen Stockwerk mündete, glücklich erreicht, -- da höre ich eine Thür leise öffnen und wieder schließen, und ein fester, energischer Tritt kommt den Gang entlang, mir gerade entgegen.
»Entsetzt fahre ich zusammen. Das mußte ein Mann sein. Schrecklich! mich, der Frau Herzogin Hoffräulein, um die Mitternachtsstunde in den Gängen des Schlosses anzutreffen! Gerade an unserem Hofe hielt man auf strengste Etikette. War es aber nicht sofort erklärlich, daß ich aus den Gemächern meiner Gebieterin kam? Bekannt war es ja, daß diese gern sehr lange aufzubleiben beliebte.
»Immer näher ertönen die verhängnisvollen, eigentümlich kurzen, energischen Schritte. Keiner der Lakaien wagte so sicher aufzutreten. So mußte es also wohl jemand von den Hofkavalieren sein. Wie ärgerlich, wie fatal! Jetzt -- neugierig spähe ich -- trotz meines fieberhaften Herzklopfens -- mit einem Auge aus dem mich verhüllenden Shawl. Eine kaum an die Mittelgröße hinanreichende, von einem weiten Radmantel bedeckte Mannesfigur steht vielleicht nur noch zehn Fuß von mir entfernt und stutzt. Gleich einem vom Geier eingeschüchterten und verfolgten Hühnchen ducke ich mich und krieche förmlich in mich zusammen, um mit geschickter Wendung an der drohenden Gestalt rasch vorbeizuhuschen.
»Da -- ich glaube, jeder Blutstropfen zog sich während dieses entsetzlichen Augenblicks in mein armes Herz zurück und machte es fast springen vor Angst und Scham -- da vertritt der Unverschämte mir schnell und gewandt den Weg. Empört weiche ich etwas nach rückwärts, doch noch nicht genug; er breitet die Arme aus und drückt mein schmächtiges Figürchen stürmisch an die Brust.
»Schreien hätte ich mögen vor Wut und Zorn. Allein was hilft das; es würde die böse Situation eher noch verschlimmert haben. Mein energisches Zerren und Winden, um die Umschlingung zu lösen, blieb wenigstens umsonst. Denn ein bartloses Männergesicht bog sich mit Blitzesschnelle zu meinem Kopfe nieder, und -- ehe ich noch so recht zum klaren Bewußtsein kam, brannte ein herzhafter Kuß auf meinen Lippen!
»Entsetzlich! Mich, der Frau Herzogin sittsames, anerkannt prüdes Hoffräulein, so =sans façon= zu küssen! Wer war der Beleidiger? Das konnte -- das durfte ich nicht so ruhig hinnehmen.
»Zum Glück vermochte der arglistige Attentäter, dem die dunkle Nachtstunde gerade willkommen schien, ein ahnungsloses Fräulein arglistig zu überfallen, mich nicht zu erkennen, indem ich das Tuch mit heftigem Ruck noch tiefer herabgezogen hatte. Doch zwischen den langen seidenen Franzen hindurch, die schützend ihm meine Züge verhüllten, sah ich nun direkt in ein lachendes Gesicht mit einem Paar flammensprühender Augen.
»Allgütiger Gott! Der Kaiser Napoleon -- mein angebeteter Held -- mein Ideal war es!!
»Die Füße versagten mir fast den Dienst, und es war nicht weit davon, so hätte ich laut aufgeschrien. In diesem Moment wußte ich wahrlich nicht, ob es Todesschreck -- ob es Freude war, was mir jede Spur von Fassung raubte. Die kraftvollen Arme gaben mich nun endlich frei, und halb betäubt, nur die Geistesgegenwart bewahrend, daß ich fortan mein Angesicht vor ihm verbarg, taumelte ich nach rückwärts.
»›=Adieu, ma belle! Au revoir!=‹ tönte ein heiterer, merklich spöttischer Ruf mir nach. Aber wie von Furien gejagt, nicht rechts noch links schauend, stürmte ich meines Wegs -- die Treppe hinan und erreichte atemlos, dabei an allen Gliedern bebend, glücklich mein Zimmer. -- --
»Den anderen Vormittag war ein großer, offizieller Empfang des Kaisers Napoleon bei der Frau Herzogin. Schon in der Frühe hatte die freudige, überraschende Kunde sich im Schlosse verbreitet, daß der Allgewaltige, nur von seinem Adjutanten begleitet, augenscheinlich um jeder lästigen Feierlichkeit auszuweichen, ganz plötzlich eingetroffen sei. Die glänzende Suite war dem Kaiser erst am Morgen nach jenem kleinen Abenteuer gefolgt. Wir drei Hofdamen, Gräfin N. N., Fräulein v. Z. und ich, standen zu Ehren des hohen Gastes, aufs schönste geschmückt, im Vorzimmer, welches direkt zu Ihrer Hoheit Privatgemächer führte, und harrten in Aufregung und banger Ungeduld des verhängnisvollen, so wichtigen Moments. Beugte sich damals doch alles vor dem siegesstolzen, durch Glück und Ruhm verwöhnten Mannes Haupt. --
»Endlich -- Napoleon in seiner rücksichtslosen Art liebte es, auf sich warten zu lassen -- endlich öffneten sich die Thüren, und ein glänzender Zug, eingeführt durch den Hofmarschall unseres Herzogshauses, der Kaiser in großer Uniform an der Spitze, überschreitet die Schwelle ...
»Erst nach unserer tiefen Verneigung vermochte ich in schüchternem Blick die Augen zu erheben zu dem angebeteten und doch wieder gefürchteten Manne. Stolz, gleich einem Siegesgotte, den charaktervollen Kopf in den Nacken zurückgelegt, einen Zug von blasiertem Hochmut und unbeugsamen Trotz um den festgeschlossenen Mund, -- so kam er dahergeschritten. Nun erst mußte er unserer ansichtig werden. Denn plötzlich stutzte er, und das große, stahlfarbige Auge richtete sich eine Weile mit neugierigem, indes scharfprüfendem Ausdruck auf uns drei Damen.
»Gräfin N. N. war eine große, schlanke Blondine, Fräulein v. Z.s Figur zeigte auffallend üppige Formen. Beide waren um ein beträchtliches Teil hübscher als ich. Allein gerade an _meiner_ unbedeutenden, kleinen, zierlichen Gestalt blieb das Kaiserauge am längsten und eingehendsten haften. Fest und voll schaute er mir darauf ins Gesicht hinein. Ein Moment war das, wo ich am liebsten in die Erde hätte sinken mögen. Denn ich gewahrte, wie die scharf markierten Brauen dieses seltsamen Antlitzes sich finster zusammenzogen und sichtlich Zeichen von Ärger und Verdruß um die stolz geschwungenen Lippen sich ausprägten.
»Was war das? -- Hatte er mich wiedererkannt? -- War diejenige, welcher sein heiterer Zuruf: ›=Au revoir, ma belle!=‹ gegolten, vielleicht nicht ganz nach seinem Geschmack, nicht seinen Erwartungen entsprechend? O, daß ich in dieser bitteren Stunde meinen so wenig anziehenden Zügen den Stempel der Schönheit hätte zu leihen vermögen!
»Noch stolzer und steifer richtete der Kaiser sich empor, grüßte nur mit kurzer, vornehmer Handbewegung nach uns hinüber und verschwand in den Gemächern der Frau Herzogin. --
»Während seines zweitägigen Aufenthalts an unserem Hofe hat der Allgewaltige auch nicht ein einziges Mal mit mir gesprochen. --
»Eingeschüchtert und mit Thränen in den Augen habe ich jedoch später meiner Gebieterin diese kleine ›Aventure‹ gebeichtet. Sie lachte nur dazu und meinte, daß sie von der Ankunft des Kaisers an jenem Abende schon gewußt, es aber für besser gehalten, zu mir darüber zu schweigen. Im übrigen tröstete sie mich mit den heiteren Worten: ›Einen Kuß in Ehren, kann niemand wehren!‹ Mir aber ist es zeitlebens nicht recht klar geworden, worin die große Ehre dieses Kusses eigentlich bestanden. Wenigstens wußte ich nie, ob ich mich darüber freuen oder grämen sollte!« --
Als Großtantchen mir jene niedliche Episode erzählte, mußte sie indes wohl die Enttäuschungen, welche der damalige Besuch Napoleons mit sich gebracht, längst verschmerzt haben. Denn auch sie lachte dabei: nur hatte sie die Augen geschlossen und leise flüsternd hinzugefügt: »Mein Ideal -- mein kaiserlicher Held blieb er aber dennoch!« -- -- --
Großtantchen hat das seltene Alter von 97 Jahren erreicht und erfreute sich bis zu ihrem eigentlich unerwartet schnellen Ende einer unerschütterlich guten Gesundheit. Die Kammerfrau fand die dürftige, kleine Gestalt derselben eines Morgens kalt und steif in ihrer, auf goldenen Löwenklauen ruhenden, prächtigen Empire-Bettstatt.
Mir selbst, die ich am entgegengesetzten Ende Deutschlands lebte, war es leider nur selten beschieden, nach Thüringen reisen und die alte Verwandte besuchen zu können, allein wurde diese Freude mir einmal zu teil, so unterließ ich es sicher nicht, Tante Babette zu bestimmen, mir gelegentlich irgend ein interessantes Episödchen aus dem reichen Schatzkästlein ihrer Erlebnisse während einer dreißigjährigen Hofdamenzeit mitzuteilen.
»Ich bitte mir aber aus, Kind, daß Du nicht etwa alle diese Dinge schon zu Papier bringst und drucken läßt, so lange ich noch unter den Lebenden weile. Wenn ich nicht mehr bin, dann magst Du nach Gutdünken damit verfahren,« hatte die alte Dame einmal lächelnd und mir dabei mit dem Finger drohend, gesagt. Ich glaube daher jetzt, nachdem Tante Babette schon mehr als fünfundzwanzig Jahre unter dem grünen Rasen schlummert, keine allzu große Indiskretion zu begehen, wenn ich das einstige Hoffräulein der Herzogin von X... abermals selbst reden lasse und eine ihrer Erzählungen hiermit aus der Erinnerung niederschreibe:
»Die Geißel des Krieges und das eiserne Joch des Usurpators lastete schwer auf unserem armen Vaterlande. Nach den unglückseligen Schlachten von Jena und Auerstädt am 14. Oktober 1806 war nunmehr auch das gottgesegnete Thüringen der Schauplatz schrecklicher Verheerungen geworden. Die Felder lagen unbebaut oder waren durch endlose Truppendurchmärsche verwüstet, die Städte geplündert, die Dörfer zum teil niedergebrannt, überall Not, Krankheit und Jammer!
»Um so überraschender mochte es erscheinen, daß, gleich einer Oase in der Wüste, unser Ländchen von allem Greuel und Ungemach des Krieges verschont geblieben war. Was hielt den Weltbezwinger wohl davon ab, das unbedeutende Herzogtum X... nicht mit gleicher Tyrannei und Willkür zu behandeln. Uneingeweihte mochten sich über diese sonderbare Huld vielleicht den Kopf zerbrechen. Allein bei uns am Hofe war es durchaus kein Geheimnis mehr, daß Napoleon diese Rücksicht einzig und allein dem Herzoge und Gemahl meiner hohen Gebieterin angedeihen ließ, der, wie allgemein bekannt war, eine schwärmerische Verehrung, ja, ich möchte sagen, glühende Anbetung für des Kaisers Person hegte und mit seinen Gefühlen keineswegs hinter dem Berge hielt.
»Man sprach davon, daß Napoleon, der für jede Schmeichelei sehr empfänglich war, sich über diese in einem Männerherzen für ihn entflammte Leidenschaft königlich amüsierte und in einem Anfalle seiner unberechenbaren Launen den Befehl gegeben habe, das Herzogtum X... nicht allein in jeder nur erdenklichen Weise zu schonen, sondern auch von allen Kriegslasten zu entbinden.
»Wie von seiten anderer Höfe dieser seltsame Umstand aufgefaßt und beurteilt, ob es dem deutschen Fürsten verdacht wurde oder ob man gar über ihn spöttelte, das ficht den Gemahl meiner Gebieterin durchaus nicht an. War es doch ein Mensch, dessen krankhaft überspannter Geist sich selten mit der Wirklichkeit beschäftigte, sondern sich meist in einer eingebildeten Welt voll eitler Hirngespinste und traumhafter Ideale bewegte. Der Herzog lebte nämlich in dem thörichten Wahne, das Fühlen und Denken, ja die Seele eines _Weibes_ zu besitzen und bemühte sich daher, jedwede Männlichkeit zu verleugnen und abzuschwören. Aus diesem Grunde drehten sich auch alle seine Gedanken und Interessen nur um Dinge, die im Gesichtskreise der Frau liegen.
»Wer diesen eigentümlichen Mann nicht mit eigenen Augen gesehen, konnte sich von seiner wunderbaren Erscheinung gar keinen klaren Begriff machen.
»So war des hohen Herrn Kleidung ganz ausgesprochen frauenhaft, was zu seinem bartlosen Gesicht mit dem weichlich elegischen Ausdruck und den schmachtenden großen blauen Augen allerdings nicht übel paßte. Lang wallende, meist weiße Gewandungen umhüllten seine etwas schlaffen Glieder, während das üppige, gelockte Blondhaar sich unter einer turbanartigen Kopfumhüllung bis tief in die Stirn hineinsenkte.
»Waren wir, das heißt, die Frau Herzogin mit ihren drei Hoffräuleins, zu Seiner Durchlaucht zum Thee geladen, so lag Serenissimus in halb griechischem Kostüm mit breitem Goldgurt um die Hüften, den für einen Mann wirklich blendend weißen Hals und Nacken teilweise entblößt, die vollen, ebenfalls bloßen Arme über und unter den Ellbogen mit kostbaren Spangen geschmückt, auf einem Ruhebett und empfing uns, indem er sich graziös erhob und nach Art der Damen sich verneigte.
»Niemals drehte sich die Unterhaltung um die damals alle Gemüter beschäftigende Politik und die aufregenden Ereignisse einer schweren Zeit, sondern nur um seichte französische Romane -- Hofklatsch und -- Toilettenangelegenheiten!
»Selbstverständlich waren wir Hofdamen viel zu gut geschult und nebenbei von einer zu innigen Teilnahme und Verehrung für unsere Gebieterin erfüllt, als daß wir gewagt hätten, auch nur den kleinsten Schimmer eines Lächelns um unsere Lippen zucken zu lassen. Die Etikette jener Zeit erheischte die allergrößte Rücksicht.
»Daß unter den obwaltenden Verhältnissen sich unsere Frau Herzogin sehr unglücklich in ihrer Ehe fühlte und wohl nur die äußere Form und Konvenienz dieses gewiß niemals innig gewesene Band der beiden Gatten noch zusammenhielt, sind Dinge, auf die ich jetzt nicht weiter eingehen möchte. Nur einer kleinen Episode will ich noch Erwähnung thun, die wirklich höchst spaßig war und dem in seinen Gewohnheiten und Geschmacksrichtungen oftmals zur Überspanntheit hinneigenden Fürsten eine gründliche Lehre geben sollte.
»Napoleon, der sich auf seinem Siegeszuge auf dem Wege nach Berlin befand, glaubte unserem Herzoge keine größere Freude bereiten zu können, als wenn er ihm die Ehre eines Besuches schenkte. Vielleicht waren es auch leise und sehr natürliche Regungen der Neugierde, den als Original bekannten Fürsten einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen, die den Weltbezwinger zu diesem Schritte -- persönlich nach X. zu kommen -- veranlaßten.
»Kurz, Serenissimus schwamm in einem Meer von Entzücken und ersann die denkbarsten und undenkbarsten Sachen, um dem vergötterten Kaiser einen ihm gebührenden Empfang zu bereiten.
»Natürlich spielte die Toilettenfrage dabei wieder eine nicht unbedeutende Rolle, und mochte die gefallsüchtigste, kokettste Frau wohl kaum so lange über die Mittel, ihre Reize in das beste Licht zu stellen, -- nachgegrübelt haben, als es der Herzog vor dem zu erwartenden Besuche des Kaisers gethan.
»Vielleicht sollten wir, die am Hofe befindlichen weiblichen Elemente, alle in Schatten gestellt werden.
»Unsere Herzogin, die durchaus keine schöne Frau war, ließ in ihrer edlen Herzensgüte und rührenden Bescheidenheit alles über sich ergehen. Daher hatte auch Seine Durchlaucht, zweifellos um seine eigene Person noch mehr zur Geltung zu bringen, den Empfang des hohen Gastes nach seinen Privatgemächern verlegt, so daß wir übrigen eigentlich nur Staffage bilden sollten.
»Vorausschicken muß ich noch, daß Napoleon dem Herzoge bereits schriftlich die Stunde seines Besuches angekündigt hatte, und in diesem äußerst huldvollen Briefe mit einfließen ließ, derselbe möge sich irgend eine _Gnade_ vom Kaiser erbitten.
»Und der große mit Sehnsucht und Spannung erwartete Moment kam endlich! War doch die Macht und das Ansehen des Mannes, der auf dem Wege war, sich ganz Europa zu unterjochen, eine so große, daß hoch und niedrig, alt und jung vor seinem bloßen Angesicht zitterte.
»Von seinen Generälen, Adjutanten und einem Kreise besonders bevorzugter Männer umgeben, betrat Napoleon das mit verschwenderischem Luxus eingerichtete, jedoch an ein mit verweichlichtem, üppigen Geschmack ausgestattetes Frauengemach erinnernde Zimmer des Herzogs, in dessen Mitte ein schwellendes Ruhebett stand, von dem sich eine dem Auge eines Fremden ganz seltsam erscheinende Gestalt emporrichtete.
»Hinter meiner Gebieterin versteckt, vermochte ich des Kaisers Züge genau und völlig unbemerkt zu beobachten, daher sah ich deutlich, wie plötzlich ein heiteres, allein merkbar spöttisches Lächeln über das ehern finstere Antlitz glitt und das durchdringende Adlerauge halb ungläubig, halb staunend an dem sich seinen Blicken Darbietenden haften blieb.
»War das eine Komödie, eine ganz besondere Überraschung etwa, die man ihm hier vorgeführt? Was bedeutet das? -- so mochte der hohe Gast wohl bei sich denken, indem er sich jetzt mit fragendem Gesichtsausdrucke seitwärts wandte, wo mit gesenkten Lidern und sich schüchtern verneigend, meine Gebieterin stand! Dieser aus dem Kaiserauge sie treffende Blick war ebenso demütigend als niederschmetternd, das fühlte selbst ich -- die Hofdame.
»Entsetzlich! In dieser merkwürdigen, von blaßrosa Seidenstoffen umwallten Figur, deren entblößter Hals und Arme von kostbarem Geschmeide strotzte, konnte Napoleon doch unmöglich den Herrn und Gebieter eines deutschen Fürstenstaats, den regierenden Herzog von X. vermuten! So weibisch verputzt, in fast lächerlichem Aufzuge, so jeder Männlichkeit Hohn sprechend, hatte der Weltbezwinger sich denjenigen, dessen glühende Anbetung er sich bisher stillschweigend gefallen ließ, doch nicht vorgestellt. Deutlich sah ich die tiefe Falte des Unwillens über der eisernen Stirn, welche nur zu wohl besagte, daß Napoleon sein Erscheinen in unserem Schlosse bereits bereuen mochte.
»Den Herzog vielleicht ausgenommen, fühlten wir alle, daß dies ein furchtbar peinlicher Moment war, und schien es den Herren aus des Kaisers Suite wirklich Mühe zu kosten, Fassung und Contenance zu bewahren. Einige, wenigstens die Jüngsten davon, hatten nicht übel Lust, aller Hofetikette zum Trotz laut aufzulachen und ihrem Übermut und Witz die Zügel schießen zu lassen. Andere bissen sich krampfhaft in die Lippen und sahen unverwandt zu Boden.
»Obwohl es auch Napoleon noch immer sehr verräterisch um die Mundwinkel zuckte, trat er jetzt mit hastigen Schritten der in ihrem zweifelhaften Liebreize vor ihm stehenden rosaumhüllten Gestalt entgegen, maß dieselbe mitleidigen, spöttischen Blickes und sagte in seiner bekannten schroffen Art:
»›Fürwahr, ein sonderbarer Empfang! Aber Wir nehmen ein gegebenes Wort niemals zurück. Durchlaucht dürfen Sich von Uns eine Gnade erbitten. Sie soll gewährt sein. =Eh bien?=‹
»Die vollen weißen Arme verlangend nach dem Kaiser ausgestreckt, die blauen Augen in einem Ausdruck schwärmerischer Sinnlichkeit zu des Weltbezwingers Antlitz emporgeschlagen, flüsterte der Herzog mit frauenhaft sanfter Stimme, aber laut genug, um von den Anwesenden verstanden zu werden: ›=Un baiser, Sir!=‹
»Für Sekunden war es, als ob der lähmende Druck einer Erstarrung auf uns allen lastete. Wahre Totenstille herrschte ringsum, weil wohl jeder befürchten mochte, daß jetzt sicherlich ein brüskes, spottgefärbtes Lachen oder gar der Ausbruch jenes zügellosen Zornes -- vor dem Europa zitterte -- von den Lippen des Allgewaltigen hervorbrechen würde.
»Nichts davon. Trotzdem mir unter dem knappen Atlasleibchen das Herz in wilden Schlägen hämmerte, verwandte ich von Napoleon keinen einzigen Blick.
»Jetzt richtete sich die kleine Gestalt in der ihr eigenen hochmütigen Weise stolz empor -- das stahlgraue Auge verfinsterte sich merklich, doch ohne daß in den charaktervoll wie gemeißelt erscheinenden Zügen der geringste Schimmer von Bewegung sichtbar wurde, stieß er schroff und verächtlich hervor: ›=Vous êtes un fou! Adieu!=‹
»Sprach's und verließ, von seiner glänzenden Suite gefolgt, unverzüglich das Gemach.
»So kläglich endete des Kaisers Besuch an unserem Herzogshofe.«
Unter dem Niagara-Falle.
Niagara-Falls, den 18. Oktober.
Teure Carrie!
Der glühendste Wunsch meines Lebens ist wirklich in Erfüllung gegangen. Ich bin unter dem Niagara-Falle gewesen! Nicht allein, daß es mir vergönnt war, das kolossalste Naturschauspiel unserer Erde zu bewundern, in stummer, staunender Erstarrung versunken, die gigantischen Fälle in die Tiefe stürzen zu sehen, während mir dabei ein eisiges Gruseln über jenes Wunder durch die Glieder bebte, -- nein, Carrie, Herzensschwester, in die berühmte =cave of the winds= (Windhöhle) bin ich mit Papa hinabgestiegen! --
Von Goat-Island aus ist es möglich, unter die Fälle zu gelangen, oder richtiger gesagt: unter den Raum zwischen der Felsenwand und den über dieselbe hinabstürzenden Fluten des amerikanischen Falles. Kaum glaublich ist das, und doch ist es nur der kleinste Teil der mächtigen Katarakte, unter welche ein menschliches Wesen sich wagen kann.
Indes ist es durchaus nicht meine Absicht, Dir, Du Hasenfuß, der aus purem Mangel an Courage sich an unserer schönen Partie nicht beteiligen wollte, eine eingehende Naturbeschreibung zum besten zu geben. Wenn es Dich interessiert, so nimm Dir ein Reisehandbuch vor, und Du bist schneller orientiert, als ich es zu thun vermöchte. Nur von einem allerliebsten Abenteuer muß ich Dir noch berichten. Denke Dir: ein Abenteuer unter dem Niagara-Falle! So etwas erlebt ein einfacher Sterblicher, ein Mädchen von neunzehn Jahren, und noch dazu eine Deutsche, nicht oft im Leben!
Höre also!
Der Fremden-Andrang an den Fällen war, wohl der vorgerückten Jahreszeit wegen, nicht mehr sehr groß. Nur fünf Personen, darunter Papa und ich, machten sich auf den Weg nach der Windhöhle; ich als die einzige Dame, was meinen Stolz nicht wenig hob, besonders, da man mir von verschiedenen Seiten das wirklich Gefährliche und Anstrengende unseres Unternehmens klar zu legen sich bemühte. Vor allem war es ein junger Deutscher, -- die Visitenkarte, welche er uns reichte, lautete: »Arnulf Clemens, Privatdocent. Berlin«, -- der fast außer sich darüber geriet, als er erfuhr, daß ich die Herren begleiten, mein blutjunges Leben, wie er feurig sich ausdrückte, diesen elementaren Mächten der Tiefe preisgeben wolle. Er selbst habe den Weg durch die Windhöhle in wissenschaftlichem Interesse schon einmal gemacht, kenne daher die gefährliche Passage ziemlich genau, worauf er dann noch eine schauerliche Schilderung derselben folgen ließ. Doch ich blieb unerschütterlich und lachte. Nichts in der Welt hätte mich auch von meinem Vorhaben abzubringen vermocht. Hatte mein Widerstand den Deutschen verletzt oder gekränkt? -- ich weiß es nicht. Wenigstens verlor ich ihn bald darauf aus dem Gesicht, das heißt, sein Gesicht verlor sich unter der riesigen Kapuze des sogenannten »wasserdichten« Anzuges aus safrangelbem Wachstuch, womit man uns vom Kopfe bis zu den Füßen bekleidete. Nebenbei vervollständigten monströse Filzpantoffeln, die einem jeden von uns unter die Füße gebunden wurden, die originelle Toilette. Das Betreten des nassen, schlüpfrigen Gesteins wäre ohne letztere auch eine Unmöglichkeit. Und so traten wir, derartig ausgerüstet, die Reise nach der Unterwelt an.
Aber, o Carrie! Deine waghalsige kleine Schwester hatte doch ihren Mut und ihre Kräfte überschätzt.