Lose Blätter: Neue Novellen

Part 6

Chapter 63,537 wordsPublic domain

Gar schnell verschwand das übermütige Lachen von meinem Gesicht, und fast bereuete ich, Mr. Clemens' wohlmeinender Warnung kein Gehör geschenkt zu haben. Ein unheimliches Brausen und wahrhaftes Donnergetöse umfing uns bald, und der ungeheure Luftdruck, durch die Gewalt und Geschwindigkeit des herabstürzenden Wassers verursacht, übte einen so beklemmenden Einfluß auf unsere Lungen aus, daß man kaum zu atmen vermochte. Über unsere Häupter hinweg raste und rauschte die Wasserflut mit betäubendem Gebrüll in den Abgrund, dicke, graue Nebeldämmerung und fortwährender feiner Regen erfüllte die Atmosphäre ringsum, während von Zeit zu Zeit brausende Schaumwolken weißen Gischtes bis zu uns heranschlugen.

So ging man langsam aus dem nur durch ein höchst primitives Geländer geschützten Wege vorwärts. Drei vermummte Gestalten bewegten sich vor mir; ich selbst wankte hinterdrein, und zuletzt schritt noch ein Mensch, es konnte nur Papa sein, der bisher dicht an meiner Seite geblieben war.

Überwältigend und kaum mehr erträglich wirkte auf mich das furchtbare Tosen. O spotte meiner deshalb nicht! Denn was sind Menschennerven gegenüber jenen entfesselten Naturgewalten. Du wirst es daher natürlich finden, daß wir nicht lange in diesem schauerlich schönen Raume blieben. Die Großartigkeit der Windhöhle spottet überhaupt jeder Beschreibung.

Dann kehrte ein jedes auf dem Absatz um und, äußerst vorsichtig, Schritt um Schritt genau beachtend, tappte man den lebensgefährlichen Weg wieder rückwärts. Da überkam mich plötzlich ein derartiger Schwindel, daß ich die Füße nicht mehr zu heben vermochte und die Augen schließen mußte. Das Geländer umklammerte ich krampfhaft und taumelte hin und her. Im Moment aber umfaßten auch schon zwei starke Arme meine bebende Gestalt vorsorglich. Nur denken konnte ich noch: »welches Glück, daß Papa neben mir ist!« Dann schmiegte ich mich halb besinnungslos, allein glücklich und beruhigt, an die treue Brust.

Indes währte diese vorübergehende Schwäche wohl kaum zwei Minuten. Da schlug ich die Augen auf und drängte wieder vorwärts. Dort, ein ziemliches Stück von uns entfernt, schritten bereits die übrigen, die während dem vorgekommen waren. Mutig raffte ich mich daher empor. Und, dem Himmel sei gedankt, endlich wurde es auch heller, das fürchterliche Sausen und Brausen verminderte sich. Freier vermochten die Lungen wieder zu atmen, und schon drang Tagesschein bis zu uns. Nur ein kurzer Pfad noch aufwärts, und, -- Gott Lob, wir waren gerettet! Freudetrunken schaue ich zurück, um für meine Heldenthat von Papa mich beglückwünschen zu lassen, -- da, -- o Schrecken! -- der Deutsche, Mr. Arnulf Clemens, war es, der mir folgte. Die Kapuze hatte er abgeworfen, und übermütig lachten seine blauen Augen mich an.

Gräßlich, Carrie! Nicht wahr? Von seinen Armen umschlungen, habe ich an seiner Brust geruht! Verwünscht habe ich in diesem Momente alle meine Niagarasehnsucht. Ich hätte mich selber ohrfeigen mögen.

Was aber half es? Mußte ich nicht noch gute Miene zum bösen Spiele machen? Das heißt, ich glaube, daß ich mit wütendem Gesichte gestammelt habe: ich hätte Papa hinter mir vermutet. Innerlich schäumte ich und nahm mir fest vor, dem zudringlichen Patron meinen Zorn fühlen zu lassen.

Auf dem Rückwege nach dem Hotel wich er noch dazu nicht von meiner Seite, als ob der mir geleistete Dienst ihm etwa gar das Recht einräume, fernerhin meinen Beschützer zu spielen. Nebenbei entwickelte er eine echt deutsche Redseligkeit, um mich zu unterhalten.

Vorausschicken muß ich übrigens, daß er kein übler Mann ist, -- gewiß nicht, Carrie! Elegante Figur; zwar nicht besonders hübsch, aber hervorragend intelligent ist sein Gesicht, die Augen könnte man sogar als schön bezeichnen. Sie sprudeln von Geist und lachen von Herzensgüte. Eine tiefe Narbe, wahrscheinlich eine Reminiscenz aus der Studentenzeit, zieht sich über die linke Backe hin. Allein der Mensch hatte sich meine vollste Ungnade zugezogen, und dafür sollte er büßen.

Eine günstige Gelegenheit fand sich rasch genug, indem er, da wir deutsch sprachen, seine Freude ausdrückte, in mir eine Landsmännin zu begrüßen. Die Männer besitzen alle eine gründliche Portion Neugierde, und so schlich er denn, wie man in unserem alten lieben Deutschland zu sagen pflegt, gleich der Katze um den heißen Brei. Er tippte hier, -- er tippte dort an; kurz, er brannte darauf zu erforschen, wer wir seien.

Aha, dachte ich, das ist die Falle!

Endlich erkühnte er sich, zu fragen, ob wir stetig oder nur vorübergehend in den Vereinigten Staaten wohnten!

»Stetig. Der Beruf und die so überaus einträgliche Stellung meines Vaters hält ihn in Amerika fest,« log ich in größter Gemütsruhe.

»Advokat? Politiker offenbar?« forschte er weiter.

»O nein!« entgegnete ich mit der ernsthaftesten Miene der Welt. »Papa ist der -- Totengräber von New York!«

Bin ich nicht ein gräßliches Mädchen, solch' haarsträubenden Unsinn zu sprechen, Carrie? =Dear old Pa?= Ich könnte mich tot lachen über meinen Witz. Und doch, -- im Moment, da die Lüge heraus war, that er mir leid. Denn das bisher überaus fröhliche Gesicht meines Begleiters nahm einen so erschreckten, traurigen Ausdruck an, als ständen wir plötzlich inmitten des großen Gräberfeldes von Greenwood-Cemetry in der Zeit, wo die Uhr die Geisterstunde schlägt, -- huh!

Armer Arnulf Clemens!

Er verbeugte sich höflich, indes merklich steif gegen mich, und wir legten schweigend den Weg nach dem Hotel zurück. Die Medicin that demnach bereits ihre Wirkung. Auffallende Abkühlung! Die erhöhte Temperatur seines Blutes sank auf den Normalstand zurück!

Während des Lunch saß Mr. Clemens Papa und mir schräg gegenüber und unterhielt sich lebhaft mit unseren Reisebegleitern. Nur ab und zu streifte mich ein scheuer -- unsäglich trauriger Seitenblick. Aus den Gesprächen vermochte ich jedoch so viel zu entnehmen, daß Arnulf Clemens Geologe sei und eine sechs- bis achtmonatliche Studienreise nach den Vereinigten Staaten unternommen habe. Darauf sprachen die Herren schrecklich gelehrte Dinge, über Schliemann, über die alten Ruinen des Forts Ticonderoga am Champlain-See, über die wunderbare Bodenbeschaffenheit im Yellowstone-Park, und mehr dergleichen. Ich merkte es Papa an, wie gern er an dieser wissenschaftlichen Unterhaltung sich beteiligt hätte. Allein, da ich ihn bereits vor dem Frühstücke von meinem Scherze in Kenntnis gesetzt, so that er mir wirklich den Gefallen, mich nicht zu blamieren, und vertiefte sich statt dessen lediglich in die Wissenschaft der »Gastronomie«. Dabei legte er auch einen so indifferenten, fast möchte ich sagen stumpfsinnigen Ausdruck in sein liebes Gesicht, der dem Totengräber von New York wahrhaftig alle Ehre machte. Im übrigen zürnte er mir durchaus nicht und äußerte, mit dem Finger drohend, bloß, daß ich ein loser Schelm sei! -- Eine Stunde später dampften wir zurück nach New York. --

Vollkommen befriedigt war meine wißbegierige Seele von unserem Ausfluge. Auch Papa zeigte sich in bester Laune, schwatzte heiter und machte schon Pläne für die nächste Sommerferienreise. Und dennoch -- mir, Carrie, -- nun bitte ich wiederum, mich nicht auszulachen --, mir war das Herz ein wenig schwer! Warum? Ja, das wußte ich selbst nicht. Du Vernünftige, Vortreffliche, Du, mein besseres Ich, -- Du würdest sagen: das ist die Reue über eine böse That! Vielleicht hättest Du recht. Der tieftraurige, erschreckte Blick aus Mr. Arnulf Clemens' blauen Augen peinigt mich zuweilen fürchterlich. Die Strafe dafür, daß sein schützender Arm eine schwankende Mädchengestalt im Momente der Gefahr gehalten und an sich gedrückt, war wohl doch zu grausam? --

So endete mein Abenteuer unter dem Niagara-Fall. Gehab' Dich wohl, amüsiere Dich gut bei unseren Freunden in Washington und schreibe gelegentlich einmal an

Deine kleine Schwester Terrie.

* * * * *

Washington, den 10. November.

Meine liebe Terrie!

Dein frommer Wunsch: amüsiere Dich gut bei unseren Freunden in Washington hat sich glänzend erfüllt. Die letzten Wochen brachten eine solche Fülle von Abwechselungen und interessanten Bekanntschaften, daß ich Dich um Dein spaßiges Niagara-Abenteuer wahrlich nicht beneide.

Unsere guten Newtons sind Menschen, welche sehr hohe Achtung und große Liebe hier genießen, so daß jeder, der zum Besuche in ihrem Hause weilt, täglich mehr von dem Werte dieses vortrefflichen Ehepaars überzeugt wird. Mich verhätscheln sie fast wie ein Baby und sinnen nur immer darauf, mir neue Amüsements zu verschaffen. Daher werde ich so bald nicht heimkehren, und Du wirst für unseren guten Papa noch einige Zeit allein Sorge tragen müssen. Ach, Terrie, es ist so wundervoll, sich einmal von einem Mütterchen ein bißchen verwöhnen zu lassen und zu fühlen, daß ...!

Doch davon später! --

Dein allerliebstes Abenteuer unter dem Niagara, welches mich höchlichst amüsiert und meine prüde, schnell aufbrausende Terrie wieder einmal recht charakterisiert hat, sollte ein Nachspiel finden --; staune nur! Und das habe ich erlebt! Mich hatte das Schicksal auserkoren, die Sünden meiner herzlosen Schwester zu sühnen!

Trotz der ziemlichen Entfernung zwischen Washington und New York, höre ich bei diesen Worten Dein Herz klopfen, -- sehe auch deutlich, wie unruhig und ängstlich Deine Augen flackern. Allein Du mußt noch einige Minuten Geduld haben, mein teures Schwesterchen, und mich erst in Ruhe über diese komischste aller irdischen Zufälligkeiten Bericht erstatten lassen.

Es war bei einer reizenden =Tea-party= bei dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. Schon hieraus magst Du ersehen, welch bevorzugtes Menschenkind ich bin, daß sogar die exklusiven, geheiligten Räume des weißen Hauses sich für mich geöffnet haben.

Also: das glänzende Fest war bereits in vollem Gange, -- übrigens wurde auch getanzt, -- als aus den dichten Reihen der jüngeren Herren die Gestalt eines Mannes sich löste, welche sofort meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Elegante Figur, -- intelligentes Gesicht mit einer tiefen Narbe über der linken Backe, -- schöne, geistvolle blaue Augen!

Die schäumenden Wasser des Niagara-Falles, die safrangelbe Kapuze, meine halbohnmächtige, kleine Schwester und, -- der Totengräber von New York, -- das alles tauchte plötzlich zündend vor meinem Geiste auf.

Eine Pause nach dem Tanze war eben eingetreten, und ich lehnte mich, ein wenig ermüdet, an einen der riesigen Gas-Kandelaber des Saales, das bunte, reizvolle Bild gedankenvoll überschauend. Wahrhaftig! Der bewußte Herr schreitet schnurstracks auf mich zu. Was sollte das wohl bedeuten? -- Das Herz pochte mir zwar eben nicht; aber etwas Unruhe, oder vielmehr Unbehagen beschlich mich dennoch. Denn daß ich dem Mr. Arnulf Clemens, Privat-Docenten aus Berlin, gegenübertreten sollte, war zweifellos. Ebenso zweifellos aber erblickte er in mir die liebliche Nymphe des Niagara.

Offen gestehe ich Dir ein, daß die frappante Ähnlichkeit mit Dir, welche bisher meinen Stolz und das Glück meines Lebens bedeutete, mir in diesem Momente zum erstenmale peinlich wurde. Hatte der junge Mann den schändlichen Betrug entdeckt? Wohl sicher nicht, folgerte ich ziemlich richtig. Denn dann würde er in der Empörung seines Herzens Dich gewiß mit Verachtung gestraft und die frühere Begegnung völlig ignoriert haben.

Nein! Ersichtlich war es ja, daß er jene flüchtige Bekanntschaft mit Dir zu erneuern wünschte, daß das lebhafte Interesse für meine boshafte kleine Schwester ihm rasch über alle etwaigen Bedenken hinweggeholfen. Warum soll die Tochter eines »Totengräbers« nicht eine reizende, feingebildete junge Dame sein, für welche ein feuriges Mannesherz sich begeistern kann, zumal, wenn man dieselbe auf dem Balle bei dem Präsidenten der Vereinigten Staaten antrifft? -- Amerikanische Verhältnisse sind eben andere, als deutsche. So viel hatte Mr. Clemens sicher schon ausfindig gemacht während des hiesigen Aufenthaltes. Ich hätte sogar darauf schwören wollen, daß er, als er den heroischen Anlauf nahm, zu mir heranzutreten, hinter seiner klugen Stirn kombinierte und meinte, ein Totengräber in Amerika nähme mindestens die hohe Stellung eines deutschen Geheimrates ein. Und das besiegte entschieden die letzten Skrupel.

Den vollendeten Kavalier verratend, indes nicht etwa mit einem tieftraurigen Blicke, verbeugte sich Mr. Arnulf Clemens vor mir und fragte artig: ob die Partie nach der Windhöhle mit all den großen Anstrengungen und Fatiguen auch keine üblen Folgen für mich gehabt? Und lächelnd setzte er hinzu:

»Sie waren an jenem Morgen so schnell abgereist, daß ich gar nicht mehr Zeit gefunden, mich bei Ihnen zu verabschieden.«

Was sollte ich thun? Irgend ein witziger, oder wenigstens witzig sein wollender Mensch hat einmal geäußert, daß junge Mädchen im Alter von fünfzehn bis neunzehn Jahren in für sie kritischer Situation, selbst wenn ihnen das Weinen nahe sei, nichts klügeres thun könnten, als -- immer nur lachen!

Gut! Da ich eben erst neunzehn Jahre geworden bin, so lachte ich.

Mein Lachen schien ihn jedoch noch mehr zu ermutigen. Denn mit einem schwärmerischen Aufschlage seiner schönen Augen fragte er weiter, ob der gemeinsame interessante Ausflug nicht doch sehr reizvoll und poetisch gewesen sei? Er selbst wäre seitdem wie von einem wunderbaren Zauberbanne umfangen. Sicherlich müßten Nixen und Geister der Tiefe in der Windhöhle ihr Wesen treiben.

Nun war aber der Moment gekommen, ihn über die Täuschung, in der er schwebte, aufzuklären.

»Sie irren, mein Herr!« entgegnete ich ebenfalls sehr höflich, doch glaube ich, daß mir dabei der Schalk um die Mundwinkel zuckte. »Meine Augen haben das große Schöpfungswunder, den Niagara-Fall, niemals geschaut. Meine Schwester war es, mit der Sie dort zusammengetroffen sind.«

Fast ungläubig stutzte er und schien forschend meine Züge zu mustern, während Ärger und Verlegenheit deutlich über sein Gesicht huschten.

»O, verzeihen Sie! Diese fabelhafte Ähnlichkeit, mein Fräulein! Ich konnte unmöglich ahnen ...!« stieß er lebhaft hervor.

»Wir sind auch Zwillings-Schwestern!« kam ich ihm mitleidig zu Hilfe.

Darauf wollte er sich mir noch einmal in aller Form vorstellen; doch war ich so unbedacht, zu verraten, daß Du mir von ihm bereits geschrieben, und er daher mir kein völlig Fremder sei. Merkwürdig strahlten bei dieser Nachricht seine blauen Augen auf. Ich glaube, Terrie, die Nixen der Tiefe haben es ihm gewaltig angethan.

Die Musik rief jetzt zur Quadrille, zu der mich Mr. Clemens pflichtschuldigst aufforderte. Da indes genügend Paare vorhanden waren, und wir beide eben keine große Lust zum Tanzen verspürten, so behielten wir unseren Platz inne und plauderten weiter.

Deine Beschreibung seines Äußeren paßt übrigens vollkommen; ich habe ihn auch sofort erkannt. Allein, wenn Du Dich gleich mir eine Viertelstunde mit ihm unterhalten hättest, würdest Du jene häßlichen Worte: »zudringlicher Patron« ihm im stillen abbitten. Ich finde Arnulf Clemens nicht nur liebenswürdig und charmant, sondern ich bin sogar überzeugt, daß er ein ganz vortrefflicher Mensch ist. Doch brauchst Du, wenn dieser Mann sich nicht von vornherein Deine vollste Ungnade zugezogen, Dir somit also höchst gleichgültig ist, nicht im geringsten auf mich eifersüchtig zu sein, aus Gründen, die ich Dir am Schlusse meines Briefes mitteilen werde.

Rührend sprach er von seinem lieben, alten Mütterchen in der Heimat und von zwei jungen, unmündigen Brüdern, für die er arbeitet, und welchen eine Stütze zu sein, bisher seine Lebensaufgabe gewesen. Nach der Rückkehr von dieser Reise hoffe er eine Professur an einer hervorragenden Universität zu erlangen. Jedes Wort, das er sprach, ja sein ganzes Sein und Denken erschien so treuherzig, edel und wahr, daß es mich wirklich fast schmerzte, wie Du an diesem Manne frevelhaft Dein Mütchen hast kühlen können. O schäme Dich, böse Terrie!

Gleich alten Bekannten plauderten wir zusammen, sodaß er ganz vergessen zu haben schien, eine fremde junge Dame vor sich zu haben, und gewiß kaum mehr daran dachte, daß wir des »Totengräbers« Töchter seien. Um ein Haar wäre ich auch selbst bald aus der Rolle gefallen, indem ich unvorsichtigerweise äußerte: Du seiest seit drei Wochen mit Papa wieder in New York, da die Herbstferien zu Ende gegangen, und ersterer betreffs des Winter-Semesters sehr in Anspruch genommen würde.

Der starre, fragende Blick des jungen Mannes brachte mich indes schnell zur Besinnung. Seine Stirne zog sich in Falten, und schweigend schaute er zu Boden. Offenbar mußte er darüber nachsinnen, wie komisch es klinge, daß auch Totengräber Ferienreisen unternähmen, oder ob die Sterblichkeit in Amerika wohl in Semester eingeteilt wäre.

Herzlich gern hätte ich ihm jetzt gesagt, daß Du einen Scherz mit ihm getrieben, so leid that er mir in diesem Momente. Aber ich durfte Dich ja nicht gar zu sehr kompromittieren und wartete mithin eine günstige Gelegenheit ab, ihm die Wahrheit zu gestehen.

»Nach den Mitteilungen Ihrer Fräulein Schwester ist der Beruf Ihres Herrn Vater ein ernster und schwerer?« warf er schüchtern und etwas unsicher ein.

»Ernst wohl, aber nicht schwer, da Papa sich ihm mit Leib und Seele hingiebt, und die Passion alle Mühseligkeiten desselben überwindet,« entgegnete ich mit schlecht unterdrücktem Lächeln.

Wieder sah er mich von oben bis unten fragend an. »Passion zum Totengräber!« mochte er wohl denken.

»Sie, Mr. Clemens, müssen das doch am besten begreifen und verstehen,« -- sprach ich inzwischen lebhaft weiter, -- »daß ein Mann im Feuereifer des Studiums und Forschens, wie es Papa zuweilen thut, die lichte, sonnige Gegenwart, -- die Welt mit ihren Freuden und Genüssen völlig vergessen kann, um des -- Verblichenen, -- ja um des Staubes der Vergangenheit willen!«

Das kluge Auge richtete sich einige Sekunden prüfend und beinahe streng auf mein lachendes Gesicht. Ohne Zweifel konnte er die innere Verbindung meines Ideenganges nicht finden.

»Ich?« fragte er daher halb unwillig.

»Nun ja! Sagten Sie mir nicht soeben, daß Sie Geologe seien? So ein klein wenig geistige Verwandtschaft besteht dann wohl zwischen Ihnen und Papa,« war meine heitere Antwort, indem ich fortwährend sein immer finsterer werdendes Gesicht beobachtete.

»Ich weiß nicht, mein Fräulein, ob Sie Scherz mit mir treiben, oder ob ich selbst in einem argen Irrtume befangen bin?« sagte er in einem steifen, völlig veränderten Tone. »Denn alles, was Sie in den letzten fünf Minuten gesprochen haben, erscheint mir dermaßen unverständlich und rätselhaft, daß ich wirklich bitten muß, sich ein wenig deutlicher zu erklären!«

»Aber, mein Gott, wie so denn? Was ist Ihnen nicht klar? Ich scherze wahrhaftig nicht!« rief ich in ungeduldiger Hast und Erregung.

»Nicht?!« fragte er immer noch ungläubig. »Dann verzeihen Sie meine Indiskretion und sagen Sie mir, welche Stellung Ihr Herr Vater eigentlich bekleidet?«

Jetzt pochte mein Herz wirklich. Allein in möglichster Unbefangenheit erwiderte ich:

»Papa ist Professor der toten Sprachen an der Universität von New York.«

»Ah!« Mr. Clemens war einige Schritte zurück getreten und starrte, wie ein Mensch, der aus festem, gesunden Schlafe jäh aufgerüttelt wird, mich an.

»Gewiß, mein Herr!« bestätigte ich mit stolzem Selbstgefühle. »Und einen Ruf besitzt Papa, der weit über die Grenzen von United-States hinausgeht!«

»Ja --, aber mein Himmel! Dann muß ich Ihr Fräulein Schwester ganz und gar mißverstanden haben,« stotterte Mr. Clemens in höchster Verwirrung.

Ein wunderbar glückseliger Ausdruck breitete sich mit einem Male über seine treuherzigen Züge, als er fortfuhr:

»Sie sagte mir doch, daß ...«

»Wohl möglich,« unterbrach ich ihn herzlich lachend. »Doch wie kann man auch in nächster Nähe des Niagara-Falles, der, wie Terrie mir schrieb, solch ein Höllengetöse verursacht, daß der abgefeuerte Schuß einer Kanone ungehört verhallen würde, -- wie kann man also dort jemanden recht verstehen?«

In selige Träume und Erinnerungen versunken, nickte er nur mit dem Kopfe.

»Terrie, Deine Ehre war gerettet!« --

Das also ist _meine_ Begegnung mit Mr. Arnulf Clemens im Weißen Hause. Übrigens sagte er mir, ehe wir uns trennten, daß er in den allernächsten Tagen nach New York zu reisen und Euch aufzusuchen gedächte. Hüte Dich daher, kleine Schwester! Die Nixen der Windhöhle sind arge Neckteufelchen, die sich an allzu wißbegierigen Menschenkindern gar zu gerne rächen.

Wie Du, Mr. Clemens gegenüber, Dich dann aus der Schlinge ziehen wirst: ob Du es bei dem »Mißverständnisse« bewenden lassen, oder ob Du lieber beichten willst, das werden die eigenen Gefühle Dir wahrscheinlich am besten sagen, meine Terrie!

Giebt es doch in der ganzen Welt nichts Unberechenbareres, Widerspruchsvolleres, als ein Mädchenherz. Man könnte wirklich Bücher darüber schreiben. Weißt Du noch, wie ich selbst immer über die Liebe gespöttelt und stets so übermütig -- prahlerisch geäußert habe, daß dieser süße Dämon niemals Gewalt über mich bekommen würde? Wer solchen Ausspruch thut, ist -- eine Närrin; denn ...!

Doch ich muß schließen; Mütterchen ruft nach mir, weil Gilbert Newton, der einzige Sohn des Hauses, ein junger Schiffs-Kapitän, der ein auffallend schöner Mann ist, soeben ankam, und ich ihn unterhalten soll. Wahrhaftig, Terrie, er ist der interessanteste Mensch, welcher mir jemals begegnete, -- voller Geist und Feuer! Es leben die Amerikaner!

Schreibe bald von Mr. Arnulf Clemens' Besuch und sei umarmt von

Deiner glücklichen Schwester Carrie.

Nachschrift.

Vielleicht kehre ich doch noch früher heim, als ich anfänglich gedacht, da Newtons beabsichtigen, selbst mich nach New York zurück zu bringen. Das wird ja ein herrliches Wiedersehen werden! Gut wäre es aber jedenfalls, wenn Du Papa langsam auf diesen unverhofften Besuch vorbereiten wolltest. --

* * * * *

New York, den 20. November.

Du böse, liebe Carrie!

Was hast Du da angerichtet? Zur Strafe für Deine Schwatzhaftigkeit sollst Du jedoch die Antwort auf Deinen Brief heute nur in Form einer Depesche erhalten, welche wohl genügen dürfte, Dich über die Begebenheiten der letzten Tage aufzuklären. -- Also:

»Verratenes Inkognito! Mr. Clemens' Reise nach New York. Schüchterner Empfang und fieberhaftes Beben aller Glieder meinerseits. Wiederholte Besuche seinerseits. Niagara-Nixen begannen ihr Spiel. Unumwundene Beichte aller losen Streiche. Seliges Finden, -- Verlobung! Es leben die Deutschen!

Deine Terrie.«

Nachschrift.

Arnulf schaut mir über die Schulter und findet diese lakonische Kürze meines Briefes fast beleidigend. Er läßt Dir daher sagen, daß er dem Feste im Weißen Hause und der witzigen Unterhaltung mit einer gewissen liebreizenden Blondine, die ein gütiges Geschick ihm als Schwägerin auserkoren, zwar viel, -- sehr viel verdanke; aber jene unvergessene Stunde unter dem Niagara-Falle hätte es ihm nun einmal angethan, und würde er sich das Mädchen, welches damals so kindliche Hilfe suchend sich an seine Brust geschmiegt, zur Lebensgefährtin zu erringen getrachtet haben, auch wenn es -- des Totengräbers Töchterlein geblieben! --

Zahnschmerzen.

»Schneller Entschluß -- guter Entschluß!« heißt es im alten Sprichwort. Ich möchte aber lieber sagen: »eine Laune« hatte mich im Jahre 1876 zur Weltausstellung nach Philadelphia geführt.

Ein ziemliches Stück von Europa war ich bereits durchwandert; nur Amerika kannte ich noch nicht. Allerdings waren es keine besonderen Sympathien, die mich hinüber ins Land des allmächtigen Dollars zogen; aber es reizte mich, den Urtypus des Yankee gerade in dem Momente kennen zu lernen, wo die sonst kühl-materielle und egoistische Nation in vollster, ungeheuchelter Begeisterung über die Centennialfeier, das Bestehen ihrer hundertjährigen Freiheit, sich befand, wo ungeteilte Freude und Einigkeit herrschte und geherrscht hat -- während der Julitage des Jahres 1876 in der Stadt der Bruderliebe.